Bianca Gold Band 65

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IM SCHLOSS UNSERER LIEBE
von MARION LENNOX

Fünf Jahre war Kelly getrennt von ihrem geliebten kleinen Sohn, dem späteren Thronerben von Alp de Ciel. Doch plötzlich taucht der attraktive Rafael de Boutaine bei ihr auf. Der neue Prinzregent will das Unrecht an ihr gutmachen und sie an den Hof zurückholen! Unter einer Bedingung: Kelly heiratet ihn …

DIE BRAUT DES KRONPRINZEN
von LOIS FAYE DYER

Ja, der Kronprinz von Daniz ist atemberaubend gutaussehend. Aber das ist noch kein Grund, so unverschämt mit ihr zu flirten! Schließlich ist Emily nur in das Fürstentum am Mittelmeer gekommen, um seine Hochzeit zu organisieren. Und noch ahnt sie nicht, wer die Braut sein soll …

KRÖNUNG DER LIEBE
von CAROL MARINELLI

"Ich spiele deine Verlobte!" Dabei weiß die schöne Bürgerliche Allegra genau, dass Prinz Alex nur mithilfe eines Skandals dem goldenen Käfig entkommen will. Aber seine Familie ist von ihr begeistert! Und als Alex sie zum ersten Mal küsst, wünscht Allegra, es wäre kein Spiel …

  • Erscheinungstag 17.09.2021
  • Bandnummer 65
  • ISBN / Artikelnummer 9783751502016
  • Seitenanzahl 447
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Marion Lennox, Lois Faye Dyer, Carol Marinelli

BIANCA GOLD BAND 65

1. KAPITEL

Die Ausbeute des Tages bestand in einem knappen Teelöffel Gold. Kelly teilte die wertvollen Körner gerecht auf, schüttete sie in beschriftete Glasfläschchen und schenkte sie den dankbaren Touristen zur Erinnerung an ihre Reise in die Vergangenheit.

Auch Kelly hätte mit dem Tag zufrieden sein können. Doch sie fror. Um achtzehnhundertfünfzig waren Regenmäntel noch nicht erfunden worden, und ihre historische Kleidung war schon durchweicht gewesen, ehe sie die Touristen in die Mine hinabgeführt hatte. Deshalb sehnte sie sich jetzt danach, endlich den nassen Arbeitskittel und die derben Lederstiefel loszuwerden, um in ihrem warmen Häuschen in die heiße Wanne zu steigen. Ihr Bad war der einzige moderne Komfort, den sie sich gönnte. Sonst lebte sie auf dem Museumsgelände der Goldfelder wie Menschen der damaligen Zeit und war zufrieden damit.

Als die Gäule, müde vom Ziehen der Förderkarren, zu den Stallungen trotteten, wartete sie aus sicherer Entfernung ab. Einst hatte sie Pferde geliebt, aber nun, selbst nach so langer Zeit, kam sie ihnen lieber nicht in die Quere.

Sobald der Weg wieder frei war, entdeckte sie zwei Touristen, einen Mann und ein Kind, die aussahen, als wollten sie sie ansprechen.

Wer mögen die beiden sein? überlegte Kelly. An ihrer Führung durch die Minen hatten sie nicht teilgenommen. Der Mann sah unverschämt gut aus. Groß, braun gebrannt, dunkelhaarig. Irgendwie aristokratisch, fand sie. Ja, diese altmodische Bezeichnung passte auf den Fremden.

Der kleine Junge, vielleicht sein Sohn, mochte ungefähr fünf Jahre alt sein. Beim Anblick seiner glänzenden schwarzen Locken und großen braunen Augen zog sich ihr Herz zusammen. Das war ihr in den letzten Jahren häufig passiert.

Wie viele Fünfjährige gab es auf dieser Welt?

Würde sie jemals darüber hinwegkommen?

Konnte sie das sein?

Rafael starrte zu der Gestalt hinüber, die jenseits des Weges wartete, bis die Pferde vorbeigezogen waren. Prinzessin Kellyn Marie de Boutaine von Alp de Ciel? Was für eine lächerliche Vorstellung!

Dieses mit Schmutz bespritzte Wesen erinnerte an einen müden, frierenden Goldgräber aus dem 19. Jahrhundert. Nur die unter der Krempe des Filzhutes hervorquellenden kastanienbraunen Locken passten weder zu einem Mann noch ins historische Bild.

Wenn seine Informationen stimmten, musste sie es aber sein.

Das ganze Unternehmen stellte sich also doch als schwieriger als gedacht heraus.

Wie die meisten Einwohner von Alp de Ciel hatte er diese Frau nicht für eine geeignete Mutter gehalten. Er war davon ausgegangen, dass sie aus freien Stücken ihr Neugeborenes zurückgelassen hatte.

Erst durch den Untersuchungsbericht war er eines Besseren belehrt worden. Und was er erfahren hatte, empörte ihn …

Er schaute auf das Kind an seiner Seite. Wenn es stimmte … Wenn sie gezwungen worden war …

Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit musste er wiedergutmachen. Und wenn es das Einzige bliebe, was er in seinem neuen Amt zustande brachte!

Mathieu griff nach seiner Hand und klammerte sich daran fest. Ich darf jetzt nicht resignieren, meldete sich eine innere Stimme in Rafael. Immerhin waren sie um die halbe Welt bis hierher nach Australien gereist.

Er musste sofort etwas unternehmen, denn die Frau war im Begriff zu gehen.

Immer noch standen Mann und Kind wie angewurzelt da und beobachteten sie.

„Kann ich Ihnen helfen?“, frage Kelly und setzte das freundliche Lächeln auf, mit dem die Teammitglieder alle Besucher des historischen Freilichtmuseums begrüßten. „Möchten Sie noch etwas wissen, bevor wir für heute schließen?“

Die meisten Touristen waren schon gegangen. Pete, der für die Sicherheit zuständige ältere Mann, wartete am Tor auf Nachzügler.

„Wenn du möchtest, kann ich dir ein Büchlein mit Fotos vom Goldschürfen schenken.“ Unwillkürlich lächelte sie den kleinen Jungen an und versuchte, darüber hinwegzusehen, wie ähnlich …

Das Kind antwortete nicht.

„Die heutige Führung ist vorbei. Wenn du möchtest, übertrage ich die Eintrittskarten auf morgen. Dann kannst du wiederkommen.“

„Ich möchte morgen wiederkommen“, sagte der Junge ernst und mit französischem Akzent. „Geht das, Onkel Rafael?“

„Das weiß ich noch nicht.“ Der Fremde ließ Kelly nicht aus den Augen. „Es hängt davon ab, ob Sie diejenige sind, die wir suchen“, sagte er. „Wir möchten zu Kellyn Marie Fender. Der Mann am Eingang hat uns zu Ihnen geschickt. Sind Sie es?“

Kelly bekam eine Gänsehaut. Diese beiden Menschen hatten irgendetwas an sich … Der Mann sah sie so seltsam an …

„Jaaa …“

„Dann müssen wir mit Ihnen sprechen.“ Die Stimme des Fremden klang plötzlich eindringlich. Der rasche Blick, den er zu Pete hinüberwarf, beunruhigte sie. Sie bekam es mit der Angst zu tun.

„Tut mir leid.“ Es fiel ihr nicht leicht, gelassen zu bleiben. „Wir schließen. Bitte kommen Sie morgen wieder.“

„Aber wir sind wegen einer privaten Angelegenheit hier.“

„Was darf ich darunter verstehen?“

„Mathieu ist die private Angelegenheit.“ Mit einem Mal klang die Stimme des Mannes sehr weich, und er schaute den Jungen an. „Mathieu, das ist die Dame, derentwegen wir hergekommen sind. Ich glaube, sie ist deine Mutter.“

Die Welt schien stillzustehen.

Kelly war, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen. Nichts regte sich. Nichts.

Lange sah sie den Mann an, unfähig, den Blick abzuwenden. Sie fühlte sich wie erstarrt.

Langsam streckte sie die Hand vor, wie Halt suchend.

Der Mann griff nach ihrem Ellbogen, stützte sie und hielt sie aufrecht.

„Kellyn?“

Sie rang nach Atem und fand schließlich die Kraft, sich ohne Hilfe auf den Beinen zu halten. Dann taumelte sie ein paar Schritte zurück.

Beide beobachteten sie. Der Mann und das Kind. Geduldig abwartend.

Hatte sie richtig verstanden?

„Mathieu?“, hauchte sie.

Das Kind sah fragend zu dem Mann auf. Dann nickte es ernst. „Oui.“

„Tu parles Anglais?“ Eine dumme Frage. Der Junge hatte bereits gezeigt, dass er Englisch verstand und sprach.

„Oui“, wiederholte der Kleine und hielt die Hand seines Onkels noch fester umklammert. „Meine Tante Laura sagt, es ist wichtig, Englisch zu können.“

„Mathieu.“ Kelly bekam weiche Knie. Sie gab dem nach und ließ sich in die Hocke nieder, um auf Augenhöhe mit dem Kind zu sein. „Du bist Mathieu. Mein … mein Mathieu?“

Der Junge zögerte. Wieder schaute er zu seinem Onkel hoch. Als der ernst und zustimmend nickte, betrachtete Mathieu sie schweigend und ausgiebig, berührte, wie um sich zu versichern, sogar ihren Arbeitskittel und sah ihr dann unverwandt in die Augen. Sein kleines Kinn zitterte.

„Ich weiß nicht“, wisperte er.

„Du weißt es“, sagte Rafael sanft. „Wir haben es dir doch erklärt.“

„Aber sie sieht gar nicht aus wie …“

Das Kind scheint genauso verwirrt zu sein wie ich, dachte Kelly. Und ebenso ungläubig. Es versuchte, das Weinen zu unterdrücken.

Als ihm Tränen über die Wangen liefen, hätte Kelly sie gern fortgewischt. Doch das durfte sie nicht. Sie musste das Bedürfnis, den Jungen zu berühren, bezwingen.

Sie musste warten, abwarten.

Schließlich schluckte er und drängte sich dichter an den Mann.

„Onkel Rafael sagte, du bist meine Mama“, flüsterte er mit Hoffnung und Angst in den Augen.

Da verlor Kelly die Selbstbeherrschung. Obwohl sie sich geschworen hatte, nicht mehr zu weinen, stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Es gab keine Möglichkeit, sie aufzuhalten, irgendetwas zu sagen oder zu tun. Sie konnte nur vor ihrem Sohn knien und den Tränen freien Lauf lassen.

„He, Kelly.“ Das war Pete. Wahrscheinlich kam ihm ihr Betragen merkwürdig vor. Außerdem wollte er die letzten Museumsbesucher loswerden. „Es ist fünf nach fünf“, brüllte er vom Tor herüber.

Rafael schaute auf sie hinab, erkannte, dass sie nicht in der Lage war, zu antworten, und rief: „Wir sind keine Besucher. Wir sind Freunde von Kellyn.“

„Kelly?“ Pete klang argwöhnisch.

Sie riss sich vom Anblick des Kindes los und räusperte sich. „Schließ ruhig ab, Pete. Ich nehme sie mit nach Hause.“

„Alles in Ordnung?“

Der Chef des Wachpersonals schien beunruhigt. Er war fast sechzig und fühlte sich nicht nur für das Gelände, sondern auch alle Mitarbeiter verantwortlich wie ein Familienoberhaupt. Kelly fürchtete, dass er herüberkommen, Rafael nach seinem Ausweis fragen und ihr eine Standpauke halten würde, weil sie einen Fremden zu sich einlud.

„Ja, alles in Ordnung“, rief sie ihm zu und legte mehr Sicherheit in ihre Stimme, als sie empfand. „Ich kenne diese Leute.“ Und leise fügte sie hinzu: „Ich kenne dieses Kind.“

Auf dem Gelände des Freilichtmuseums, auf dem das Leben der Goldgräber um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts rekonstruiert war, gab es Minenschächte, Übernachtungslager, Geschäfte, Hotels und kleine Häuser. So weit wie möglich wurde alles benutzt, um den Besuchern eine lebensfähige, sich selbst versorgende Gemeinschaft vor Augen zu führen.

Kelly hatte man ein kleines, am Hang liegendes Haus überlassen. Sie war froh darüber, nicht außerhalb leben zu müssen, und liebte die Gemütlichkeit, die es ihr bot.

An der Wirklichkeit, die sich jenseits des historischen Geländes abspielte, war ihr Interesse erloschen. Dort war sie vor langer Zeit tief verletzt worden, ehe sie sich hierher flüchten konnte, um ihren Frieden zu finden.

Als sie nun ihre Haustür öffnete und ihr wohlige Wärme entgegenschlug, spürte sie, wie gefährdet ihr zurückgezogenes Leben war. Doch selbst wenn sie jetzt dem fremden Mann und dem Kind die Tür zuschlagen würde, wäre nichts mehr wie früher.

Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam ihr das Ganze wie ein grausamer Scherz vor. Was für ein Spiel trieb das Schicksal mit ihr? Erst hatte es ihr Mathieu geraubt. Und nun gab es ihn ihr wieder zurück? Das konnte nur ein verrückter Traum sein.

Doch die beiden Menschen waren da und folgten ihr auf den Fersen ins Haus. Das Kind schaute sich um und nahm mit großen Augen wahr, welch behagliches Zuhause die alten Gemäuer bargen. Obwohl die Museumsverwaltung keinerlei Vorschriften zur Einrichtung machte, benutzte Kelly den Holzofen, den rohen Holztisch, die Sessel mit verstellbarer Lehne und Kissen, das wuchtige uralte Sofa neben dem Feuer.

Auf dem Ofen stand ein Topf mit Suppe, die sie morgens zubereitet hatte. Nach diesem kalten, verregneten Tag empfand sie den köstlichen Duft als Begrüßung.

Doch nun wusste sie nicht weiter. Der Mann – Rafael – beobachtete sie. Sie beobachtete den Jungen, der alles genau betrachtete.

„Wohnst du hier?“, fragte er schließlich und vermied es, sie anzuschauen.

Auch Kelly fühlte sich hilflos und überfordert, doch sie konnte sich an ihm nicht sattsehen.

„Ja.“ Noch immer kam ihr alles ganz unwirklich vor. War das …? War das wirklich ihr …?

„Ist das ein richtiger Ofen?“

Sie nickte. „Willst du das Feuer sehen?“

„Ja, gern.“

Sie öffnete die Klappe. Der Junge schaute auf die Glut und runzelte die Stirn.

„Kochst du darauf?“

„In dem Topf ist Suppe.“ Sie nahm ein Scheit und legte es auf die Glut. „Meine Suppe köchelt schon den ganzen Tag auf dem Ofen. Alle paar Stunden bin ich schnell hergelaufen und habe Holz nachgelegt, damit das Feuer nicht ausgeht.“

„Warum hast du keinen Herd mit Schaltern zum An- und Ausmachen wie wir in der Schlossküche?“

Die Schlossküche. Alp de Ciel. Vielleicht … vielleicht …

„So etwas Ähnliches habe ich auch.“ Als sie zum Schrank ging, um das elektrische Gerät mit zwei Kochplatten herauszuholen, wurde ihr bewusst, dass sie versuchte, Zeit herauszuschinden. „Darauf koche ich im Sommer, wenn es sehr heiß ist.“

„Und im Winter kochst du mit Feuer.“

„Genau.“

„Interessant.“

Rafael hielt sich zurück, beobachtete alles und schwieg. Sein Blick verunsicherte Kelly. Es fiel ihr schwer, sich auf Mathieu zu konzentrieren.

„Kannst du auch Kuchen darauf backen?“

„Ich habe einen fertigen in der Speisekammer.“ Erst gestern Abend hatte sie gebacken, weil sie Lust dazu gehabt hatte und eine Kleinigkeit zur Teambesprechung mitbringen wollte. Doch dann war sie für einen kranken Kollegen eingesprungen, und der Kuchen war unberührt geblieben.

Als sie jetzt das Blech hervorholte, bekam der Junge große Augen. „Das ist ja ein Schokoladenkuchen.“

„Den mag ich am liebsten“, gestand Kelly.

„Onkel Rafael sagt, du bist meine Mutter.“ Mathieu schaute sie immer noch nicht an, sondern vertiefte sich in den Anblick des Kuchens, als wäre er der Schlüssel zur Wahrheit.

„Hm.“

„Ich verstehe das nicht. Ich dachte, meine Mutter trägt ein schönes Kleid.“

Ich dachte, meine Mutter trägt ein schönes Kleid.

Der Kleine hatte sich Vorstellungen von seiner Mutter gemacht, und sie hatte sich Vorstellungen von ihrem Kind gemacht.

„Ich könnte heulen“, sagte sie laut, um nicht wirklich loszuweinen.

Mann und Kind sahen sie besorgt an, auch ein bisschen irritiert. Nein, sie trug kein schönes Kleid. Sie trug einen groben Arbeitskittel und Stiefel. Schmutzig war sie auch. In keinerlei Hinsicht entsprach sie der kindlichen Vorstellung einer Mutter. Sie hatte ja auch keine sein dürfen, in den vergangen fünf Jahren. „Ich verstehe auch nichts, Mathieu“, gab sie kleinlaut zu.

„Sie wissen doch, dass der Junge seinen Vater verloren hat.“

„Kass? Kass ist tot?“ Sie schaute Rafael entsetzt an, dann das Kind. „Dein Papa?“

„Papa hatte einen Unfall mit dem Auto.“ Der Junge wirkte seltsam unberührt.

„Matty, das tut mir so leid für dich.“

Matty. So hatte sie ihren Sohn genannt, in den wenigen Wochen, die sie ihn bei sich haben durfte. Mathieu, der Name, den sein Vater für ihn ausgesucht hatte, schien ihr viel zu formell für das kleine Bündel, das er damals gewesen war.

„Tante Laura nennt mich auch Matty“, sagte der Junge und lächelte zum ersten Mal. „Sie weiß von den Kinderschwestern, dass meine Mama mich so genannt hat.“

„Aber …“ Bevor ihr die Beine wegknickten, setzte sie sich auf einen Stuhl. „Aber …“

„Matty, willst du uns nicht Kuchen servieren?“ Mit einem kurzen Seitenblick auf Kelly, die nicht in der Lage war zu sprechen, öffnete Rafael Schubladen und Schränke, holte drei Teller hervor und stellte sie zu dem Kuchen. Dann drückte er dem Kind ein Messer mit stumpfer Klinge in die Hand. „Wir brauchen drei gleich große Stücke“, sagte er. „Du schneidest sie ab. Nur so breit wie zwei Finger, bitte.“

Der Junge nickte eifrig, betrachtete seine Finger und machte sich an die Arbeit. Er würde eine Weile beschäftigt sein.

Rafael zog einen Stuhl hervor, setzte sich Kelly gegenüber an den Küchentisch und ergriff ihre Hände. Seine waren groß und warm, ihre eiskalt. Es tat gut, sie wärmen zu lassen.

Sie hatte eine schwere Grippe hinter sich. Vielleicht war sie noch nicht wieder ganz hergestellt. Vielleicht fror sie deshalb so sehr.

„Ich hätte anrufen sollen“, entschuldigte er sich. „Es war zu viel auf einmal für Sie. Ich bin davon ausgegangen, dass Sie von Kass’ Tod schon wussten, habe mich allerdings gewundert, dass Sie keinen Kontakt zu uns aufnahmen.“

„Ich begreife gar nichts …“

„Alp de Ciel ist zwar nur ein kleines Land, doch der Tod des Staatsoberhaupts machte weltweit Schlagzeilen. Auch hier in Australien. Lesen Sie denn gar keine Zeitungen?“

„Schon. Aber nicht in letzter Zeit. Mir ging es nicht gut. Wir waren hoffnungslos unterbesetzt.“ Ihre Stimme überschlug sich fast. Das Zittern wurde heftiger. Sie wollte ihm ihre Hände entziehen, er hielt sie fest. Vielleicht glaubte dieser Mann, sie wärmen zu müssen. Doch er gehörte zur Familie de Boutaine. Mit denen hatte sie nichts mehr zu tun.

Matty war auch ein de Boutaine. Und jetzt stand er in ihrer Küche und schnitt Kuchen.

„Ich hatte die Grippe“, flüsterte sie. „Eine schwere Grippe. Sie hat mich wochenlang ans Bett gefesselt. Die halbe Belegschaft war krank. In den letzten Monaten waren wir krank, oder wir rackerten uns ab, um die Kranken zu vertreten.“

„Also deshalb waten sie hier im Schlamm herum“, bemerkte er mitfühlend. „Meine Informanten sagen, dass Sie Historikerin sind und hier Forschung betreiben.“

Seine Informanten! So hätte Kass sprechen können. „Was ich hier tue, geht Sie nichts an.“

„Die Frau, die für Mathieu verantwortlich ist, geht mich allerdings etwas an.“

Eine Weile sah sie ihn sprachlos an.

„Wer … wer sind Sie eigentlich?“, fragte sie schließlich.

„Kass war mein Cousin.“

Sie befeuchtete sich die Lippen. „Ich erinnere mich nicht, Ihnen jemals …“

„Kass und ich sind uns aus dem Weg gegangen.“ Er warf einen kurzen Blick auf Matty. Doch der Junge war ganz auf seine Aufgabe konzentriert.

„Mein Vater war der jüngere Bruder von Kass’ Vater, dem früheren Fürsten. Papa heiratete eine Amerikanerin. Meine Mutter heißt Laura. Wir drei lebten im Witwenhaus neben dem Schloss. Meine Mutter wohnt heute noch dort. Die Ehe meiner Eltern war sehr glücklich. Deshalb will sie nicht fortziehen. Ich selbst bin nach dem Tod meines Vaters, mit neunzehn, von zu Hause weggegangen. Seit fünfzehn Jahren arbeite und lebe ich in New York. Als Kass starb, hat man mich zurückgeholt. Zu meinem Entsetzen bin ich nun Prinzregent.“

„Prinzregent?“

„Wie es aussieht, muss ich Alp de Ciel bis Mattys fünfundzwanzigstem Geburtstag regieren.“ Das klang nicht gerade erfreut. „Solange ich nicht abdanke, was ich nicht vorhabe.“

An ihrem Küchentisch saß also der Prinzregent von Alp de Ciel. Beinahe hätte sie laut losgelacht.

„Und warum sind Sie nach Australien gekommen?“

„Weil Matty seine Mutter braucht.“

Die Antwort verschlug ihr den Atem.

Sie sah sich nach Matty um und flüsterte: „Vor fünf Jahren verfügte Kass, dass sein Sohn keine Mutter braucht.“ Während sie krank war, hatte sie im Fieber fantasiert. Vielleicht war sie wieder krank und bildete sich die Anwesenheit ihres Kindes nur ein?

Nein, Matty war da. Er verkleinerte gerade ein Kuchenstück und schob sich den kleinen Teil in den Mund.

„Mein Cousin“, Rafael sprach mit gesenkter Stimme, „war ein Mensch ohne Moral. Ich weiß inzwischen, was er Ihnen angetan hat. Er hat Sie zu seiner Frau gemacht, als Sie fast noch ein Mädchen waren. Als Bürgerliche, die in ein Fürstenhaus heiratete, mussten Sie sich bereit erklären, im Falle einer Trennung gemeinsame Kinder dem Vater zu überlassen. Sie müssen sich wie im Niemandsland gefühlt haben, als sie Mutter eines Kronprinzen wurden. Auf Ihre Rechte hatten Sie ja schriftlich verzichtet. Selbst wenn Sie Affären gehabt …“

„Aber ich hatte keine Affären. Nicht eine einzige“, unterbrach ihn Kelly heftig. „Warum unterstellt man mir so etwas?“

„Ich glaube Ihnen. Und andere bezweifeln inzwischen auch Kass’ Version“, sagte Rafael grimmig. „Ihre angebliche Untreue diente als Vorwand für die Trennung und sollte Ihre Unmoral beweisen. Jeder wusste, dass Kass niemals vorhatte, eine richtige Ehe zu führen. Er hat Sie geheiratet, um seinen Vater vor den Kopf zu stoßen. Aber …“

„Ich möchte darüber nicht sprechen.“

„Das kann ich verstehen. Doch wir müssen darüber reden.“

Rafael hielt sie immer noch fest. Sie schaute auf seine und ihre ineinander verschränkten Finger. Würde sie die Kraft haben, ihre Hand zurückzuziehen?

Ja! Der Mann war ein de Boutaine. Deshalb war es nötig. Sie entzog ihm ihre Hand, und er gab sie frei.

„Dem Gerede nach“, fuhr er fort, „hat Kass eine Bürgerliche geheiratet, die kaum besser war als er selbst. Er brachte seine Frau erst in den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft nach Hause ins Schloss. Kaum war das gemeinsame Kind geboren, begann es in der Ehe zu kriseln. Kass wusste die Untreue und den schlechten Charakter seiner Frau so eindringlich zu schildern, dass sogar ein Vaterschaftstest gerechtfertigt schien. Sobald der DNA-Vergleich bewiesen hatte, dass Mathieu sein Sohn war, erklärte er das Visum seiner Frau für ungültig, verwies sie des Landes und verbot ihre Rückkehr. Die Frau verschwand, und nicht einmal die Boulevardpresse spürte sie auf. Man hat nie wieder etwas von ihr gehört, auch keine Forderungen nach einer Erhöhung der Apanage. Sie schien sich in Luft aufgelöst zu haben.“

„Und Matty?“, flüsterte Kelly. „Wie ist es ihm ergangen?“ Jeden Tag hatte sie sich das gefragt.

Rafael schaute lächelnd zu seinem Neffen hinüber. Der Kleine war dabei, die Krümel mit dem Finger aufzustippen und in den Mund zu stecken.

„Kass überließ seinen Sohn den Nannys. Doch Matty hatte Glück im Unglück, denn meine Mutter nahm sich seiner an. In den paar Wochen, die Sie sich im Schloss aufhielten, war sie bei mir in Manhattan zu Besuch gewesen. Als sie zurückkam, fand sie das mutterlose Baby vor, dessen Vater keine Lust hatte, sich um ein Kind zu kümmern. Sie liebt Matty über alles und versuchte, ihm die Eltern zu ersetzen. Jeden Sommer, wenn Kass zum Glücksspiel nach Monaco oder nach Südfrankreich verschwand, flog sie mit dem Jungen zu mir nach New York. Kass hatte nichts dagegen. Und so ist Matty auch mir ans Herz gewachsen.“

Kelly konnte kaum verarbeiten, was sie hörte. Sie rieb sich die Schläfen. „Ich habe Kopfschmerzen.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Rafael lächelte mitfühlend. Wenn sie wegen Matty nicht so angespannt gewesen wäre, hätte sein Lächeln ihr gutgetan.

„In Bezug auf Ihren Charakter hat sogar meine Mutter Kass’ Darstellung geglaubt. Alle wussten ja, dass er seinen Vater mit der Wahl seiner Ehefrau treffen wollte. Er hatte schließlich angekündigt, eine unpassende Frau zu heiraten. Sie verschwanden, und die Lügen über Sie setzten sich bei Hof und im Land fest. Erst nach Kass’ Tod erzählte mir sein Privatsekretär, was sich wirklich zugetragen hatte.“

„Crater …“

„Sie erinnern sich an ihn?“

„Ja.“ Nur zu gut. Ein älterer hoher Beamter … Mit einem Stoß Akten unter dem Arm war er zu ihr gekommen. Freundlich, aber unerbittlich hatte er ihr erklärt, sie habe keinerlei Rechte auf ihren Sohn. Dann war er mit ihr den Wortlaut der Papiere durchgegangen, die sie vor der Eheschließung leichtfertig unterzeichnet hatte. Sie war zu verliebt und gutgläubig gewesen, um auch nur in Erwägung zu ziehen, dass ihre Ehe zerbrechen könnte. Und dann hatte der Mann ihr erklärt, dass sie das Land ohne ihr Kind verlassen müsse.

„Crater drückte fünf Jahre lang das schlechte Gewissen“, sagte Rafael. „Er erzählte uns, dass Kass Sie vor sechs Jahren nach einem Krach mit seinem Vater bei einer Ausgrabung in Alp de Ciel kennengelernt hatte. Er wusste, dass Sie jung, hübsch und schüchtern waren und Kass leichtes Spiel mit Ihnen hatte. Mein Cousin konnte ja sehr charmant sein, wenn er wollte. Jedenfalls passten Sie genau in den Plan, den Kass verfolgte. Niemand hatte jemals von Ihnen gehört, sie genossen nicht den Schutz und die Unterstützung einer bekannten oder mächtigen Familie. Kass konnte Sie umgehend heiraten und hoffen, dass Sie bald schwanger würden. Als dann aber unerwartet sein Vater starb, war er ein verheirateter Mann, der er eigentlich gar nicht sein wollte. Um Sie loszuwerden, bezahlte er Gefolgsleute, damit sie in Ihrer Vergangenheit herumwühlten und Ihnen nachstellten. Crater hatte immer seine Zweifel, ob das, was sie angeblich fanden, auch stimmte. Er war der Einzige, der von Ihnen schon vor der Hochzeit wusste, weil Kass veranlasst hatte, die Eheverträge aufzusetzen. Crater musste mit seinen Zweifeln leben, tun konnte er nichts. Ihm waren die Hände gebunden, denn Ihre Verzichtserklärung war rechtlich wasserdicht.“

„Ja …“ Sie würde sich jede Minute ihres Lebens daran erinnern, wie die Kinderschwester ihr das Baby aus dem Arm genommen hatte, ihren gerade vier Wochen alten Matty, und Kass währenddessen unerbittlich und wütend schrie. „Dein Visum läuft in diesen Minuten aus. Du hast kein Recht, noch länger hierzubleiben. Verschwinde endlich.“

Sie hatte sich so einsam gefühlt. Obwohl so viele Menschen im Schloss lebten – nicht einer war bereit gewesen, ihr zu helfen. Auch Crater nicht, der vertrauenerweckende silberhaarige ältere Herr, der sie immer freundlich behandelt hatte. Niemand hatte sie ernst genommen oder ihr Mitgefühl entgegengebracht.

Sie hatte gehen müssen. Für immer.

Für einige Zeit war sie ins Nachbarland Frankreich gegangen und hatte gehofft, so sehr gehofft, ein Schlupfloch im Gesetz zu finden, um ihr Kind wenigstens manchmal sehen zu können. Sie hatte Rechtsanwälte aufgesucht, sie hatte sie sogar Bittbriefe schreiben lassen. Doch Kass hatte am längeren Hebel gesessen.

Sie blieb eine rechtlose Mutter.

Nachdem die Presse es aufgegeben hatte, nach ihr zu suchen, und als sich die Aufregung legte, war sie nach Australien zurückgekehrt. Unter dem Mädchennamen ihrer Mutter hatte sie hier im Freilichtmuseum auf den historischen Goldfeldern eine Stelle angenommen.

Nicht einen Cent ihrer Apanage hatte sie angerührt. Lieber wäre sie verhungert.

Und nun war er hier, ihr Sohn. Fünf Jahre alt, und sie wusste nichts über ihn.

Was hatte man dem Jungen über seine Mutter erzählt?

„Was weißt du über mich, Matty?“

„Mein Vater sagte, du bist ein leichtes Mädchen“, antwortete Matty, während er die Kuchenteller an den Tisch brachte. Offenbar verstand er darunter nicht das, was sein Vater ihm hatte eintrichtern wollen. „Tante Laura und Onkel Rafael haben mir erzählt, dass du eine nette Dame bist, die alte Sachen aus der Erde gräbt und herausfindet, wem sie gehört haben. Sie sagen, du erforschst das Alter.“

„Altertum, Matty. Ich erforsche die Vergangenheit.“

„Viel mehr wussten wir nicht von Ihnen“, erklärte Rafael.

Der Regen klopfte auf das Dach, im Ofen knackte das Brennholz, und sie saßen nun zu dritt vor ihren Kuchentellern fast wie eine richtige Familie um den Tisch. Es war so heimelig in ihrer Küche, dass Kelly sich in eine andere Welt versetzt fühlte.

„Meine Mutter und ich möchten, dass Sie zurückkehren, Kellyn“, sagte Rafael unvermittelt.

Kelly blinzelte, und schon war es aus mit der Gemütlichkeit.

„Zurückkehren, wohin?“

„Nach Alp de Ciel.“

„Lassen Sie die Scherze!“

„Mathieu ist Kronprinz von Alp de Ciel.“

„Das war er schon bei seiner Geburt, nehme ich an.“

„Und ich bin Prinzregent, bis er regierungsfähig ist.“

„Glückwunsch.“

Was für eine absurde Unterhaltung in einer absurden Situation! Nichts und niemand hatte sie auf diesen Wahnsinn vorbereitet. Matty saß ruhig am Tisch und aß Schokoladenkuchen. Der Junge sah sie mit großen Augen an. Mit Augen, die aussahen wie … ihre eigenen. Ja, er hatte ihre Augen.

Ihr Sohn beobachtete sie, wie sie ihn beobachtete. Vermisste er vielleicht seine Mutter? Konnte das sein?

Er war ihr Kind. Mit jeder Faser ihres Körpers sehnte sie sich danach, ihn zu umarmen und zu küssen. Seit fünf Jahren ging ihr das so. Und nun saß ihr ein selbstständiger kleiner Mensch gegenüber, der unter Bedingungen aufwuchs, die sie nicht kannte. Was würde er denken und fühlen, wenn ihn eine fremde Frau, von der es hieß, sie sei seine Mutter, schluchzend umarmte? Es würde ihn in die Flucht schlagen.

„Ich werde nie wieder nach Alp de Ciel zurückkehren“, flüsterte sie und wusste im selben Moment, dass sie es nicht meinte. Als sie das kleine Fürstentum verlassen hatte, war sie am Ende gewesen. Wenn sie jetzt zurückginge, würde sie ihren Sohn wiederbekommen … Ihren kleinen Sohn, der sie mit einer Mischung aus Angst und Hoffnung anschaute.

„Heute sieht alles ganz anders aus“, sagte Rafael. „Sie würden als Mutter des Kronprinzen zurückkehren. Man würde Sie mit allen Ehren willkommen heißen.“

„Sie wissen doch, wie man über mich denkt und spricht.“

„Kass hat über alle Frauen schlecht gesprochen. Die Menschen haben längst aufgehört, ihm zu glauben.“

„Bitte, er ist Mattys Vater!“, ermahnte sie ihn.

„Einen, den der Junge kaum kannte. Matty, wann hast du Prinz Kass das letzte Mal gesehen?“

„Zu Weihnachten“, sagte der Junge und legte die Stirn nachdenklich in Falten. „Die Dame, die er zu Besuch hatte, trug ganz spitze Schuhe. Und dann habe ich sein Foto in der Zeitung gesehen, als er tot war. Tante Laura sagte, alle würden um Papa trauern. Deshalb trauere ich auch um ihn. Darf ich noch ein Stück Schokoladenkuchen haben? Er schmeckt gut.“

„Aber natürlich“, sagte Kelly. „Geh nur, und schneide dir ein Stück ab.“

„Ich verstehe das nicht. Kass wollte sich doch um ihn kümmern …“, flüsterte sie.

„Kass wollte nichts anderes als sein Vergnügen.“ Rafael klang verbittert. „Die Bevölkerung wusste das. Deshalb hielt sich die Trauer um ihn in Grenzen.“

Der Junge kam mit einem großen Stück auf dem Teller zurück. „Ellen und Marguerite sagen, ich soll immer noch traurig sein, weil mein Papa tot ist. Das ist nicht einfach. Es geht nur, wenn ich an Hermione denke.“

„Das ist Mattys Schildkröte. Sie ist Weihnachten gestorben, und er war untröstlich“, erklärte Rafael.

„Wer sind denn Ellen und Marguerite, Matty?“, wollte Kelly wissen.

„Meine besten Freundinnen. Ellen geht mit mir spazieren. Marguerite macht mein Bett und räumt mein Zimmer auf. Sie ist mit Tony verheiratet. Er arbeitet im Schlossgarten. Manchmal darf ich mich in seine Schubkarre setzen, und er fährt mich umher. Er hat mir auch geholfen, Hermione zu begraben. Und dann haben wir einen Busch an die Stelle gepflanzt. Darf ich abräumen?“

Kelly nickte und sah ihrem Sohn nach, bis sie merkte, dass Rafael sie beobachtete. „Und nun sind Sie das Staatsoberhaupt“, sagte sie aus Verlegenheit.

„Ja, leider.“

„Leider?“

Sie betrachtete seine Hände und entdeckte den abgebrochenen Fingernagel an seinem rechten Daumen. Kass’ Hände hatten anders ausgesehen. Schlank, feingliedrig und weich waren sie gewesen. Fürstlich eben.

„Was tun Sie“, fragte Kelly, „wenn Sie nicht Prinzregent sind?“

„Ich erfinde Spielzeug und baue auch die Modelle selbst.“

Die Antwort verblüffte sie. „Spielzeug?“

„Ja. Ich entwickele es, von der Idee bis zur Fertigstellung.“ Offenbar amüsierte ihn ihr Staunen. „Meine Firma verkauft es dann weltweit.“

„Mein Onkel baut Robo-Craft“, kam Matty seinem Onkel zu Hilfe. Der Junge hörte sich stolz an, und Kelly wurde klar, wie wichtig die Arbeit seines Onkels für ihren Sohn war.

„Robo-Craft“, wiederholte sie und war beeindruckt. Denn selbst sie, die so zurückgezogen lebte, kannte das Spielzeug.

Es war ein Bausatz, der, bis auf die Motoren, aus Holzteilen bestand. Schon Vierjährige konnten aus zehn Teilen und einem kleinen Motor etwas bauen. Wenn Kinder älter wurden und der Bausatz aufgestockt wurde, konnten sie größere Erfindungen machen, in die sogar selbst gebastelte Teile einsetzbar waren. Dafür brachte Robo-Craft einen Werkzeugkasten heraus und ermutigte Jungen und Mädchen, Sperrholz mit Säge und Farbe zu bearbeiten.

„Es heißt, Kinder lieben das Spielzeug wie das Bauen von Baumhäusern“, sagte sie.

„Onkel Rafael und ich haben im Schlossgarten auch ein Baumhaus errichtet. Kurz bevor wir weggefahren sind.“

Kelly war glücklich, dass ihr Sohn von sich aus mit ihr sprach. „Dann ist dein Onkel also hin und wieder im Schloss, Matty.“

„Seit Kass’ Tod musste ich ständig dort sein“, erklärte Rafael.

Obwohl das Kind sie gefangen nahm, spürte sie die Gegenwart dieses Mannes. Er machte sie irgendwie neugierig, und das irritierte sie.

„Wie war es davor?“

„Manchmal habe ich meine Mutter besucht, bin aber nie im Schloss gewesen und habe weder Kass noch seinen Vater gesehen. Meine Mutter lebt, wie gesagt, im Witwensitz. Wegen der Erinnerungen an meinen Vater wird sie ihn nie verlassen. Und in den letzten Jahren blieb sie auch wegen Mathieu.“

So gab es immerhin einen Menschen, der ihren Sohn liebte. Er wurde nicht nur von bezahltem Personal versorgt. Kelly empfand tiefe Dankbarkeit für Rafaels Mutter, und auch ihm war sie dankbar.

„Was soll ich nur tun?“, flüsterte sie.

Rafael lächelte sie aufmunternd an. „Ihren Sohn kennenlernen.“

„Zu welchem Zweck?“

„Meine Mutter und ich haben alles überdacht. Matty ist Kronprinz von Alp de Ciel, aber er ist auch Ihr Sohn. Wir tragen Ihnen das Sorgerecht für ihn an und akzeptieren jede Ihrer Entscheidungen. Egal, was die Anwälte dazu sagen, wenn Sie mit ihm in Australien leben möchten. Sie sind jetzt wieder Mattys Mutter, Kelly. Beginnen Sie, die damit verbundenen Rechte und Pflichten zu übernehmen.“

2. KAPITEL

Kelly war fassungslos. Seit fünf Jahren träumte sie davon, ihren Sohn wieder bei sich zu haben. Aber so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Die Wirklichkeit übertraf alles.

„Warum nehmen Sie nicht ein Bad und ziehen sich etwas Trockenes an?“, schlug Rafael vor.

Kelly begriff nicht gleich. „Wie bitte?“

„Sie sind völlig durchnässt. Sie frieren. Wärmen Sie sich auf. Matty und ich haben Zeit. Wir essen Schokoladenkuchen und warten auf Sie.“

„Wo übernachten Sie eigentlich?“

„In einem Hotel in der Stadt“, sagte er. „Aber bevor wir gehen, haben wir noch einiges zu besprechen. Nachdem Sie gebadet haben.“

Wie benebelt und vor Kälte zitternd willigte Kelly ein.

Als sie endlich im heißen Wasser lag, überfiel sie eine merkwürdige Starre. Die Wärme umfing sie und verstärkte das Gefühl der Unwirklichkeit.

Durch die geschlossene Badezimmertür hörte sie ihr Kind und den Mann sprechen.

„Sie kann gut backen.“ Das war Matty. Sein Kompliment machte sie glücklich. Sie hatte den Schokoladenkuchen nach einem Rezept ihrer Großmutter zubereitet. Matty mochte den Kuchen seiner Urgroßmutter …

„Deine Mama ist eine kluge Frau.“ Das war Rafael. Was er sagte, durfte sie nicht berühren. Es erinnerte sie an Kass’ Schmeicheleien, die sie für den Ausdruck echter Zuneigung gehalten hatte. Rafael war auch ein de Boutaine. Vor denen musste sie sich in Acht nehmen.

„Warum ist sie klug?“, wollte Matty wissen.

„Sie weiß viel über die Vergangenheit der Menschen. Sie ist Historikerin. Die müssen klug sein.“

„Warum?“

„Sie müssen herausfinden, wie alt etwas ist und noch vieles mehr.“

„War sie deshalb in unserem Schloss? Um herauszufinden, wie alt es ist?“

„Wahrscheinlich.“

„Es ist fünfhundertdreiundsechzig Jahre alt, sagt Crater. Das steht in einem Buch. Warum hat Mama nicht einfach das Buch gelesen?“

„Was in dem Buch steht, haben Experten wie deine Mama herausgefunden. Sie könnte daran mitgeschrieben haben. Frag sie doch danach.“

„Ihr Kuchen schmeckt mir.“

Kelly ließ sich tiefer ins heiße Wasser gleiten. Was wollten die beiden von ihr? Wohin trieb sie das Schicksal?

In ihrem kleinen Haus gelangte man nur durch die Küche ins Schlafzimmer, und Kelly hatte vergessen, trockene Kleidung mit ins Bad zu nehmen. Deshalb schlüpfte sie in einen flauschigen Morgenmantel und dazu passende pinkfarbene Hausschuhe, wickelte sich ein Handtuch um das gewaschene Haar und öffnete forsch die Tür. Mann und Kind drehten sich nach ihr um und lächelten.

Sie hatten den Tisch gedeckt. Drei Teller, Löffel und Messer. Rafael hatte Brot aufgeschnitten. Die häusliche Atmosphäre überwältigte sie.

„Das Bad scheint Ihnen gutgetan zu haben“, sagte er und musterte sie von Kopf bis Fuß.

„Du bist schön“, stellte Matty fest. „Du siehst hübsch aus. Ganz anders als die Damen, die Papa ins Schloss brachte.“

Kelly errötete.

„Deine Wangen sind rosig“, sagte ihr Sohn.

„Vielleicht habe ich zu heiß gebadet.“

„Na, wenigstens frieren Sie nicht mehr“, mischte sich Rafael ein. „Setzen Sie sich. Wir sollten jetzt etwas Herzhaftes zu uns nehmen. Das heißt, wenn Sie bereit sind, mit uns zu teilen.“

„Ja, gerne, aber viel kann ich Ihnen nicht anbieten.“

„Weil Ihnen die Mittel ausgegangen sind?“ Er zwinkerte ihr zu.

Wieder schoss ihr die Röte in die Wangen. „Mehr als Brot und Suppe brauche ich nicht.“

„Auch nicht nach einem anstrengenden Tag in den Goldminen? Ein bisschen wenig für eine Arbeiterin, finde ich.“

„Ich muss mich anziehen“, sagte sie schroff.

„Sind Sie denn noch nicht hungrig?“

Doch, sie hatte einen Bärenhunger. Vorhin hatte sie den Kuchen vor Aufregung kaum angerührt. Aber im Morgenmantel wollte sie nicht …

„Der köstliche Duft Ihrer Suppe hat Matty und mir Appetit gemacht. Es wäre schön, jetzt mit Ihnen gemeinsam zu essen.“

„Also gut“, gab sie nach.

„Wir können den Toaster nicht finden“, sagte Matty.

„Ich röste das Brot über dem Feuer.“

„Und wie?“

Kelly machte sich noch einen Knoten in den Gürtel ihres Bademantels und holte die Röstgabel. Dann zog sie einen Stuhl heran, stellte Matty darauf, spießte eine Brotscheibe auf, drückte ihm die Gabel in die Hand und zeigte ihm, wie er sie halten musste.

Es war das erste Mal, dass sie ihn hochhob und anfasste. Es machte sie ganz atemlos vor Glück.

„Das geht gut.“ Der Junge drehte sich zu seinem Onkel um. Auch Kelly wandte den Kopf – und war schlagartig ernüchtert.

Rafael lächelte. Selbstbewusst, strahlend. Ein gefährliches Lächeln, auf das sie schon einmal hereingefallen war. Genau so hatte sein Cousin Kass gelächelt, als sie ihn das erste Mal sah.

Sie war in ihre Arbeit vertieft gewesen. Als junge Wissenschaftlerin gehörte sie zu dem Team, das auf dem Schlossgelände in Alp de Ciel Ausgrabungen machte. Ach, hätte sie doch bloß nicht reagiert, als sie sich beobachtet fühlte. Doch irgendetwas zwang sie aufzuschauen. Und da war dieser Mann. Hoch zu Ross saß er und lächelte sie an.

Wie ein echter Märchenprinz kam er ihr vor. Groß, dunkelhaarig und umwerfend gut aussehend. Und sein Rappe … Kelly verstand etwas von Pferden, sie hatte ihre Kindheit und Jugend im Sattel verbracht. Doch so ein schönes und kraftvolles Tier hatte sie noch nie gesehen. Der Reiter auf diesem prächtigen Hengst raubte ihr den Atem.

„Cinderella“, sagte der Prinz. „Dich habe ich gesucht.“

Nach dieser eigenartigen Bemerkung sprang er vom Pferd, gesellte sich zu ihr in den Staub und sah zu, wie sie eine uralte Rohrleitung von Erdklumpen befreite. Er schien ernsthaft interessiert zu sein. Eine ganze Stunde wich er nicht von ihrer Seite. Dann lud er sie zum Essen ein.

„Ich führe Sie aus, wohin Sie möchten“, sagte er, „und lege Ihnen mein Reich zu Füßen.“

Sie hatte die Bemerkung für einen charmanten Scherz gehalten. Zu lange hatte sie gebraucht, um zu erkennen, wie großspurig, berechnend und egoistisch er war.

Am nächsten Morgen trafen sie sich bei den Stallungen. Er half ihr auf eine Stute. Sie war fast so schön wie sein Hengst Blaze. Im Frühnebel ritten sie in die Ausläufer des Gebirges. Die Schönheit der Landschaft, die herrliche Luft verzauberten sie. Glückselig und verliebt tauchte sie ein in ein anderes Dasein, in dem die Regeln und Gefahren der Normalität außer Kraft gesetzt schienen.

Am späten Nachmittag, als sie gerade ihre Arbeit beenden wollte, tauchte Kass wieder auf. Diesmal in Paradeuniform. Majestätisch und doch unbeschwert sah er aus. Wieder hatte er nur Augen für sie. Er komme gerade von einer öffentlichen Veranstaltung, erklärte er. Doch sie vermutete, dass er nur deshalb so gekleidet war, um sie mit fürstlichen Insignien zu beeindrucken.

Und sie war beeindruckt gewesen.

In einer extra dafür gecharterten Maschine ließ sie sich von Prinz Kass nach Paris bringen. So wie sie war. Kleidung kauften sie am Flughafen, bevor das gemeinsame Wochenende begann.

Kelly war ein einsames Kind gewesen. Ihre Eltern, beide Wissenschaftler, hatten wenig Interesse an ihrer Tochter gezeigt. Nur bei den Pferden der Nachbarn hatte sie ein wenig Trost gefunden. Und nun behandelte Kass sie mit einer Aufmerksamkeit, als wäre sie seine Märchenprinzessin.

Doch er hatte nur ein abgekartetes Spiel mit ihr getrieben. Und als es endete, hatte sie mit leeren Händen und gebrochenem Herzen dagestanden.

Rafael lächelte sie an, und wieder konnte sie nicht anders: Sie erwiderte sein Lächeln. Das musste ins Unglück führen. Nicht noch einmal, nicht noch einmal ein de Boutaine …

„Ich bin nicht Kass“, sagte er.

Ihre Lider zuckten. „Wie bitte?“

„Ich weiß um die Familienähnlichkeit“, fuhr er ruhig fort. „Aber ich bin anders als er. Sie haben keinen Grund, sich vor mir in acht zu nehmen, Kelly.“

„Ich …“

„Lassen Sie uns jetzt essen. Das Brot ist gleich knusprig. Wenn Sie Suppe austeilen würden …“

Also aßen sie. Matty war hungrig. Kelly war hungrig, vor allem nach ihrem Sohn. Sie konnte sich an ihm nicht sattsehen.

„Morgen ist er immer noch da.“ Rafael beugte sich vor, füllte ihren Löffel mit Suppe und drückte ihn ihr in die Hand. „Vergessen Sie nicht zu essen. Sie müssen etwas zu sich nehmen.“

„Sie bleiben wirklich noch?“

„Ja.“

Sie verstand nicht, weshalb der Besuch so ohne jedes Aufsehen möglich war. Als sie damals mit Kass nach Paris geflogen war, hatte es von Personal nur so gewimmelt, und Kass war überall erkannt worden.

„Wo sind denn die Reporter?“, fragte sie schließlich und begann, ihre Suppe zu löffeln, bevor Rafael noch auf die Idee kam, sie zu füttern.

Er runzelte die Stirn und sah sie besorgt an. „Wie krank sind Sie denn gewesen?“

Kelly senkte den Kopf, damit er nicht sah, dass sie erneut errötete. „Jetzt bin ich wieder gesund. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wenn sie wirklich der Prinzregent sind, dann müssten doch Reporter …“

„Wir sind inkognito hier.“

„Das ist möglich?“

„Ich lebe unter dem Mädchennamen meiner Mutter in New York und habe einen amerikanischen Pass. Ich bin Rafael Nadine.“

„Und Matty?“

„Das war schon schwieriger, aber nicht unmöglich. Man braucht Verbindungen …“

„Die Sie natürlich haben und deshalb auch nutzen“, bemerkte sie spöttisch.

„Ja.“ Das klang ernst und streng. „Es ging um etwas sehr Wichtiges. Wenn wir hier im Rolls-Royce und in Begleitung von Sicherheitsbeamten aufgekreuzt wären, hätten wir nicht erreicht, was wir erreichen wollten.“

„Und was ist das?“

„Herausfinden, ob meine Informationen über Sie stimmen. Ob Sie wirklich eine Frau mit Prinzipien sind und Kontakt zu Ihrem Sohn wünschen.“

„Oh …“ Kellys Stimme klang schwach.

„Essen Sie Ihre Suppe.“

„Ich habe keinen Appetit.“

„Solange ihr Teller noch halb voll ist und Sie nicht mindestens zwei Scheiben Brot gegessen haben, können wir uns über nichts anderes unterhalten.“ Er wandte sich an seinen Neffen. „Matty, ich glaube, deine Mama braucht ein bisschen Fürsorge. Das ist deine Aufgabe, denn du bist ihr Sohn. Bitte röste uns noch Brot, wenn dein Teller leer ist.“

Von einer Minute zur anderen war das Kind erschöpft. Eben noch hatte es mit Begeisterung Brot geröstet, und kurz darauf, als es seine mit Butter bestrichene Toastscheibe aufgegessen hatte, wurden seine Lider schwer. Matty schob den Teller zur Seite und legte den Kopf in die Hände. „Ich bin so müde …“

„Wir müssen wohl gehen“, sagte sein Onkel bedauernd. „Der Tag war lang und aufregend für den Jungen.“ Er lächelte Kelly an. „Wenn Ihre Suppe nicht so verführerisch geduftet hätte, wären wir längst aufgebrochen.“

„Wo sind Sie untergekommen?“, wollte Kelly wissen.

„Im Prince Edward.“

„Aber das ist doch …“ Sie brach bestürzt ab.

„Was ist damit? Matty und mir haben die Fotos und Beschreibungen im Internet gefallen. Und als wir am Nachmittag ankamen, fanden wir alles zu unserer Zufriedenheit vor.“

„Ja“, seufzte Kelly. „Aber dort gibt es eine beliebte Disco, und heute ist Donnerstag. Da werden die meisten Leute ausgezahlt, und viele gehen tanzen. Bis zwei Uhr nachts wackeln dort die Wände. Ich fürchte, der Junge wird keine Ruhe finden.“

„Ich möchte ins Bett“, quengelte Matty.

„Du kannst hier schlafen“, sagte Kelly, ohne darüber nachzudenken.

„Aber wir …“

„Ich habe zwar nur ein Schlafzimmer, aber es hat ein Doppelbett“, unterbrach Kelly Rafaels Einwand. „Sie und Matty hätten es darin bequem. Ich lege mich auf die Couch.“

„Dorthin?“ Rafael deutete auf das Sofa im Wohnbereich. Es war mit Kissen übersät und sah sehr einladend aus.

„Da möchte ich schlafen“, sagte Matty.

„Ja, wenn es deiner Mama recht ist. Ich fahre dann allein ins Hotel.“

Matty verzog das Gesicht. „Darf ich mitfahren?“, wisperte er.

Natürlich, er kannte seine Mutter ja erst seit wenigen Stunden. Ohne Rafael fühlte sich der Kleine unsicher. Kelly verstand die Gefühle ihres Sohnes.

Doch so unüberlegt ihr der Vorschlag herausgerutscht war, so sehr kam er von Herzen. Sie wünschte sich, dass Matty hier in ihrem Haus übernachtete. Der Gedanke, sich jetzt von ihm verabschieden zu müssen, war unerträglich. Um Matty unter ihrem Dach zu behalten, wollte sie sogar die Anwesenheit eines de Boutaine in Kauf nehmen.

Rafael, der sie beobachtet hatte und leicht erriet, was in ihr vorging, schaute jetzt abwechselnd Mutter und Sohn an. „Gut, ich nehme die Einladung an, Kelly. Aber ich werde mich aufs Sofa legen. Und du, Matty, schläfst neben deiner Mama in ihrem großen Bett.“

„Warum darf ich nicht neben dem Ofen schlafen, und du legst dich neben meine Mama ins Bett?“, murmelte der Junge und ließ sich vom Stuhl rutschen.

„Das wäre nicht würdevoll“, sagte Rafael. „Du weißt doch, was Tante Laura möchte? Dass du und ich lernen, uns würdevoll zu benehmen.“

„Neben meiner Mama zu schlafen ist nicht würdevoll?“

„Für dich ist es würdevoll, für mich nicht.“

„Okay“, gab der Junge nach. „Darf ich jetzt ins Bett?“

Eine Stunde später lag Kelly neben Matty.

Wie ein schöner Traum kam es ihr vor, dazuliegen und seinem ruhigen Atem zu lauschen.

Wie sollte sie einschlafen, wenn das Mondlicht durch die geöffneten Gardinen auf ihren Sohn fiel? Sie stützte den Ellbogen auf, beobachtete, wie sich sein Brustkorb hob und senkte, und betrachtete die entspannten Züge seines kleinen Gesichts.

Er sah seinem Vater ähnlich. Doch sie erkannte auch sich selbst in ihm. Die dichten, eigenwillig gebogenen Brauen hatte er von ihr. Sie selbst haderte damit, weil sie nicht dem weiblichen Schönheitsideal entsprachen. An ihrem Sohn fand sie sie hinreißend.

Kelly seufzte und legte sich auf den Rücken. Eigenartig, wie sicher sie sich fühlte. Trotz der nächtlichen Geräusche vor ihrem Fenster.

Vielleicht, weil Rafael nebenan auf dem Sofa schlief und ihr Sohn neben ihr.

Rafael war anders als Kass. Ein ehrenwerter Mensch. Woher kam ihr Vertrauen in diesen Mann?

Er hatte ihren Sohn nach Hause gebracht.

Ob es dafür Gründe gab, von denen sie nichts wusste?

„Er hat mir Matty zurückgegeben“, flüsterte sie. Rafael in der Nähe zu wissen war irgendwie tröstlich. In den vergangenen Jahren hatte nichts sie trösten können.

Behutsam legte sie die Hand auf Mattys Kissen. Ganz vorsichtig, damit er nicht aufwachte. Jetzt konnte sie seinen Atem spüren.

Vor lauter Glück fand sie keinen Schlaf.

Doch den brauchte sie dringend. Immer noch fühlte sie sich von der schweren Grippe geschwächt. Deshalb küsste sie ihre Fingerspitzen und berührte damit zart Mattys Wange. Mit diesem gehauchten Kuss trat sie ihm nicht zu nahe.

Dann kuschelte sie sich in ihr Kissen, schloss die Augen und nahm nur noch die kindlichen Atemzüge wahr. Warm und sicher fühlte sie sich und erfüllt von Liebe.

So schlief sie ein.

Kaffeeduft weckte Kelly. Sie schlug die Augen auf und erblickte Matty und Rafael. Sie standen an der Schlafzimmertür und lächelten. Beide. Es war das gleiche Lächeln. Warmherzig und übermütig.

Sie zwinkerte, den Tränen nah. „Hallo.“

„Hallo, Schlafmütze“, sagte Rafael und trat mit einem Becher voll dampfendem Kaffee ein. „Mathieu, den Toast, bitte!“ Der Junge balancierte einen Teller heran. Die Brote darauf waren mit Butter und Marmelade bestrichen.

Kelly setzte sich auf, und dann servierten ihr die beiden umsichtig das Frühstück ans Bett.

„Wie konnte ich nur so lange schlafen“, murmelte sie, nachdem sie auf die Uhr geschaut hatte.

„Wir haben den Wecker abgestellt“, sagte Matty stolz. „Onkel Rafael und ich konnten nicht mehr schlafen und haben schon einen Spaziergang gemacht. Der Mann draußen, der mit der Uniform, hat uns erzählt, wie krank du warst. Er sagt, dass du viel Ruhe brauchst und jemand, der sich um dich kümmert.“ Er sah zu seinem Onkel auf. „Habe ich alles richtig gesagt auf Englisch?“

„Perfekt.“ Rafael strich ihm über das Haar.

„Sie wissen ja, dass meine Mutter Amerikanerin ist“, sagte er zu Kelly. „Sie hat mit Matty immer Englisch gesprochen. Er beherrscht zwei Sprachen. Sie können stolz auf ihn sein.“

„Das bin ich auch.“ Kelly lächelte.

„Und machen Sie sich wegen der Uhrzeit keine Sorgen. Die Personallage hat sich entspannt. Die Einsatzleitung sagt, Sie können heute freinehmen, wenn Sie möchten.“

„Aber, woher …“

„Wir waren fleißig, Mathieu und ich. Wir haben im Hotel geduscht und uns umgezogen. Danach waren wir bei der Museumsverwaltung. Die Dame dort, ich glaube, sie heißt Diane, war schon um acht Uhr da.“

„Sie haben ihr doch nicht etwa …“

„Wir haben ihr erzählt, dass wir Verwandte sind“, beschwichtigte er sie. „Diane sorgt sich übrigens auch um Ihren Gesundheitszustand.“

„Diane ist immer besorgt wie eine Glucke“, wehrte Kelly ab. „Danke für ihre Bemühungen, aber ich muss …“

„Gar nichts müssen Sie, außer uns das Gelände zeigen“, unterbrach Rafael sie. „Matty ist ganz wild darauf, in die Goldmine zu steigen. Wollen wir das als Erstes tun?“ Er lächelte sie entwaffnend an. „Oder möchten Sie lieber im Bett bleiben und sich richtig ausschlafen? Matty und ich könnten uns natürlich auch allein alles ansehen.“

Nein, um Himmels willen. Sie wollte die Decke zurückschlagen und aus dem Bett springen, doch Rafael hielt sie zurück.

„Erst frühstücken Sie in Ruhe zu Ende. Matty und ich haben auch noch nicht gefrühstückt. Sie brauchen sich nicht zu beeilen. Wir haben alle Zeit der Welt.“

„Wirklich?“

Sein Lächeln erstarb. „Nein“, gab er zu. „Aber heute möchte ich so tun, als wäre es so. Bitte spielen Sie mit. Nach dem Frühstuck suchen wir Gold. Ja?“

Ich dachte, meine Mutter trägt ein hübsches Kleid. Mattys Worte im Ohr, zog Kelly ihr Lieblingskleid an.

Meist arbeitete sie im Verwaltungsgebäude. Sie recherchierte, kümmerte sich um neue Ausstellungsstücke, prüfte, ob die auf der Internetseite angebotenen Waren in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts passten. Sie arbeitete mit den Ingenieuren zusammen, wenn es darum ging, alte Schürftechniken modernen Sicherheitsanforderungen anzupassen. Sie untersuchte Gerätschaften, die gefunden, käuflich erworben oder dem Museum gestiftet worden waren.

Wenn sie das Gelände verließ, was selten vorkam, zog sie das, was die Belegschaft ironisch Zivilgarderobe nannte, an. Auf dem Museumsgelände trug sie, wie alle Angestellten, Kleidung, die in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts passte.

Kelly mochte diese Kostümierung. Weniger die steifen, derben Lederstiefel und groben Arbeitskittel, die sie für ihre recht seltenen Besuche in den Minen brauchte, dafür umso mehr ihre Kleider mit den langen, weiten Röcken, die Schultertücher und Hauben. Sie standen ihr gut und versetzten sie in eine vergangene Zeit.

Heute trug sie für ihren Sohn ein blassblaues Kleid aus Musselin, das sie selbst an langen Winterabenden bestickt hatte. Dazu wählte sie ein Schultertuch in einem dunkleren Blau. Ihre kastanienbraunen Locken steckte sie hoch, setzte eine Haube auf und verschlang die dreifarbigen Bänder unterm Kinn zu einer Schleife. Als sie fertig gekleidet war, kniff sie sich in die Wangen, wie es früher die Mädchen und Frauen taten, um eine frische Gesichtsfarbe vorzutäuschen. Ihr Sohn, für den sie sich so hergerichtet hatte, würde das sicher nicht bemerken.

Aber Rafael vielleicht.

Plötzlich ärgerte sie sich über sich selbst. Für Rafael hatte sie sich nicht hübsch gemacht. Nie wieder würde sie sich für einen de Boutaine hübsch machen. Mit dieser Familie hatte sie nichts mehr zu tun.

Und erneut musste sie sich daran erinnern, dass auch ihr Sohn ein de Boutaine war, ja sogar das künftige Oberhaupt dieses Fürstengeschlechts. Wie sollte sie sich jemals damit abfinden?

Rasch griff sie nach einem Körbchen, das die Handtasche ersetzte, und öffnete die Tür zur Küche.

Sie waren dabei, Geschirr zu spülen. Rafael wusch, Matty trocknete ab. Der Mann stand mit aufgekrempelten Ärmeln am Porzellanbecken, das eine mächtige Seifenkrone trug. Der Junge rieb den Schaum von den Tellern. Ein paar Flöckchen waren an seiner Nase hängen geblieben.

Und wieder musste Kelly tief durchatmen und schlucken, weil die Anziehungskraft der beiden ihr die Luft nahm.

Da hatten der Mann und das Kind sich auch schon umgedreht und sahen sie bewundernd an.

„Oh là, là“, rief Matty.

„Wow“, sagte Rafael.

Kelly wurde verlegen. „Etwas anderes habe ich nicht zum Anziehen.“

„Meine Mama ist hübsch“, jubelte der Junge. „Findest du das auch, Onkel Rafael?“

„Aber sicher. Moderne Männer wissen gar nicht, was ihnen entgeht.“

Kelly lachte. „Unter den Reifen lässt sich alles Mögliche verbergen.“

„Reifen?“, fragte Matty. Fasziniert trat er näher und gab dem Rock einen kleinen Schubs, sodass er ins Schwingen geriet. „Unter dem kleinen Zelt könntest du ein Hundebaby verstecken.“ Das klang fast hoffnungsvoll.

„Deine Mama braucht gar nichts zu verstecken“, sagte Rafael, bevor er sich wieder dem Waschbecken zuwandte. Dann besann er sich und schaute Kelly schalkhaft an. „Wollen wir nicht lieber gleich zu den Goldminen gehen?“

„Und der Abwasch?“

„Vielleicht habe ich zu viel Spülmittel ins Wasser gegeben. Am besten wir verschwinden, schließen die Tür hinter uns ab und hoffen, dass der Schaum uns nicht bis in die Minen verfolgt.“

Matty und Rafael genossen die Besichtigung.

Kelly kannte das Gelände in- und auswendig. Sie wanderte mit ihnen durch den kleinen Ort, hinunter zum Flüsschen, wo Touristen Gold wuschen. Dort zeigte sie den beiden, wie man ein Zinnsieb benutzte, setzte sich auf einen Baumstumpf und sah ihnen zu.

Wie ähnlich sie sich waren!

Ihr Sohn nannte Rafael zwar Onkel, doch waren sie nicht eigentlich Cousins zweiten Grades? Und verhielten sie sich nicht eher wie Vater und Sohn?

Matty liebte Rafael und vertraute ihm grenzenlos. Versunken und emsig arbeiteten sie Seite an Seite, die Köpfe über die Siebe gebeugt.

Was für ein Mann war Rafael eigentlich, dieser Prinzregent von Alp de Ciel?

Viel dringlicher aber sollte sie sich mit der Frage beschäftigen, welche Richtung ihr Leben nahm.

Sie hatte ihr Kind zurückerhalten. Doch Matty war inzwischen ein Junge mit engen Bindungen zu anderen Menschen geworden. Sie gehörte nicht zu ihnen.

Wie sollte sie entscheiden?

Wenn sie ihn hierbehielt?

Matty betrachtete jetzt versonnen seinen Daumen. Vielleicht klebte ein Körnchen Gold daran.

Ja, er sollte hier bei ihr aufwachsen. Sie würde ihn versorgen. Hier auf dem Museumsgelände könnte er eine unbeschwerte Kindheit verbringen. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hatten Kinder, die das ganze Gelände als ihren Spielplatz betrachteten. Zu dieser Rasselbande würde er gehören, auch hier zur Schule gehen. Sie würde ihn …

… versteckt halten?

So, wie sie sich versteckt gehalten hatte und immer noch versteckte? Geschützt von Reifröcken und Hauben hatte sie hier eine Möglichkeit gefunden, der Welt und sich selbst zu entrinnen.

Die Kelly von früher, die sich vertrauensvoll in die Arme von Prinz Kass begeben hatte, die mit ihm in der Morgendämmerung ausgeritten war und die Welt hätte umarmen können, diese Kelly lebte seit Jahren weggesperrt.

Ja, sie versteckte sich. Aber es gab sie noch irgendwo, diese junge Frau, die sich nach Aufregung, Abenteuer und Romantik sehnte. Doch die vernünftige Kelly passte auf, dass sie nicht zum Vorschein kam.

Pete, der Sicherheitsbeamte, lief jetzt auf sie zu. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Kelly erhob sich und stellte sich schützend vor ihren Sohn.

„Was ist los?“, rief sie Pete entgegen. Rafael sah auf, legte sein Sieb beiseite und gesellte sich zu ihr.

„Presse und Fernsehen belagern das Tor“, sagte Pete außer Atem. „Die Leute haben in der Verwaltung gefragt, wo sie den Prinzregenten von irgendeinem Land finden. Diane konnte ihnen keine Antwort geben, aber die Beschreibung, die sie erhalten hat, passt – auf Sie, Sir.“

„Verflixt!“ Überrascht hörte sich das nicht an.

„Wir gehen zurück ins Haus“, schlug Kelly vor.

Rafael schüttelte den Kopf. „Auch da würden sie uns finden und uns belagern. Wir würden nur Zeit verlieren.“

„Ich könnte sie hinauswerfen.“ Pete musterte ihn. „Entschuldigen Sie meine Neugier, aber sind Sie wirklich ein Prinz?“

„Ja, leider“, gab Rafael zu und sah zerknirscht aus. „Die Reporter werden sich nicht abwimmeln lassen. Das Freilichtmuseum steht jedem offen. Ich muss mich ihnen stellen. Könnten Sie und Matty sich unter die Touristen mischen, Kelly?“

„Natürlich. Aber hinter mir sind sie doch nicht her?“ Angst kroch in ihr hoch. Vor fünf Jahren war sie von den Medien gejagt worden. Überall hatte man nach ihr gesucht. Als böse Prinzessin verunglimpft, hatte sie sich wie Freiwild gefühlt.

„Noch nicht“, sagte Rafael. „Jedenfalls hoffe ich das. Wahrscheinlich sind sie nur mir auf die Spur gekommen. Matty vermuten sie gewiss daheim im Schloss in Alp de Ciel. Und niemand außer meiner Mutter weiß, dass ich hier bin, um Ihnen das Sorgerecht für Matty anzutragen.“

„Was geht hier eigentlich vor?“, mischte sich nun Pete ein und machte ein grimmiges Gesicht.

Kelly wusste, dass mehr Fragen in ihm rumorten, als er auf einmal stellen konnte. „Das ist privat“, sagte sie rasch.

„Ich muss Zeit herausschlagen.“ Rafael winkte Matty heran. Der Junge ließ sein Sieb fallen und kam mit verschreckter Miene angerannt.

„Die Presse ist da, Matty. Ich muss gehen.“

Sofort nahm der Junge Haltung an. Offenbar war er den Umgang mit Medienleuten gewohnt.

„Werde ich mit dir gehen?“, fragte er und sah seinem Onkel gefasst in die Augen. „Wollen sie auch mit mir sprechen?“

Kelly wurde schlagartig klar, dass ihr Sohn zu einem Prinzen erzogen wurde.

„Vielleicht“, erwiderte Rafael. „Aber deine Aufgabe ist es jetzt, hierzubleiben und deine Mutter zu beschützen. Ich werde allein gehen, die Fragen der Reporter beantworten und versuchen, sie abzulenken. Am Abend, wenn hier das Gelände geschlossen wird, komme ich zurück. Seid ihr damit einverstanden, Kelly und Matty?“

„Ja“, sagte der Junge mit zitternder Unterlippe.

„Wir machen es uns schön“, versprach Kelly. „Ich zeige dir die Goldmine. Und danach kegeln wir. Hast du schon einmal gekegelt?“

„Ja …“

„Außerdem kann man hier lernen, typisch australisches Brot zu backen. Danach gehen wir nach Hause, setzen uns an den Ofen, und ich lese dir vor. Die Zeit wird wie im Flug vergehen, bis Onkel Rafael wieder da ist.“

„Ich möchte zu Tante Laura“, jammerte der Junge. Da fiel Kelly kein anderer Trost ein, als sich zu ihm zu knien und ihn zu umarmen. Doch Mathieu machte sich steif.

„Da kommen sie schon“, warnte Pete.

„Verdammt noch mal …“

„Gehen Sie, Rafael, nun gehen Sie schon.“ Kelly hielt Matty fest im Arm. „Bitte!“ Sie fühlte sich Reportern nicht gewachsen, und sie wollte nicht, dass Matty fotografiert wurde. „Aber Sie kommen doch wieder?“

„Natürlich komme ich zurück.“

„Danke.“ Das war alles, was sie noch sagen konnte, ehe Pete sich zum Gehen wandte, um die Reporter abzufangen. Ein Dutzend Männer und Frauen waren es wohl, die in ihre Richtung strebten. Kelly hob Matty hoch und floh über die Brücke auf die andere Seite des Flüsschens. Hoffentlich hatte kein Reporter gesehen, dass sie eben noch bei Rafael gestanden hatten.

Das chinesische Lager lag am nächsten. Yan, der die Aufsicht darüber führte, war ein Freund von ihr. „Ich möchte Matty das Haus der Gottheit zeigen, darf ich?“

Ohne Fragen zu stellen, ließ Yan sie hinein. Doch ehe er hinter ihr die Tür schloss, warf sie einen Blick zurück. Die Reporter hatten Rafael umringt, riefen Fragen, zückten Kameras. Rafael stand da wie ein Fels in der Brandung.

Ein Mitglied des Fürstenhauses.

Sie wollte nicht dazugehören.

Doch ein anderes Mitglied gehörte zu ihr. Sie trug es in ihren Armen. Es war verängstigt und musste beschützt werden.

Matty, ihr Sohn.

Konnte sie ihn beschützen? Oder war es nicht viel mehr Rafael, der ihn aus der Schusslinie der Öffentlichkeit hielt?

Rafael, ein de Boutaine.

Ihre Welt war ins Wanken geraten.

„Lass uns eine Weile abtauchen“, flüsterte sie Matty zu, während sie durch die Hintertür des Hauses der Gottheit entflohen.

„Aber ich möchte nicht abtauchen“, sagte Matty.

Kelly eigentlich auch nicht mehr. Sie lebte schon seit fünf Jahren quasi im Untergrund.

Vielleicht sollte sie endlich wieder auftauchen.

3. KAPITEL

Matty fand sich rasch damit ab, den Tag mit seiner Mutter verbringen zu müssen. Interessiert und fröhlich erkundete er mit Kelly die Goldminen, bis ihm die Beine schwer wurden. Zu Hause backten sie Brot und bereiteten Irish Stew zu. Nach dem Essen brachte Kelly ihren Sohn zu Bett.

Der Kleine war inzwischen zu müde, um tapfer zu bleiben. Heimweh übermannte ihn. „Ich möchte zu Onkel Rafael“, murmelte er.

„Er kommt. Aber es könnte spät werden, hat er gesagt. Sobald er da ist, schicke ich ihn zu dir, damit er dir Gute Nacht sagt.“

„Versprochen?“

„Ja, versprochen.“

„Ich vermisse Tante Laura“, klagte er. „Ich vermisse Ellen und Marguerite. Ich möchte nach Hause.“

Kellys Herz zog sich zusammen. Der Junge fühlte sich einsam bei ihr.

„Ich lese dir vor“, schlug sie vor und zog ein abgegriffenes Buch mit Eselsohren hervor. Sie hatte sich nie davon trennen können, weil es ein Geschenk ihrer Großmutter gewesen war, die ihr daraus vorgelesen hatte, und nun las Kelly ihrem Sohn daraus vor. Er schien die Geschichte und die Bilder genauso zu lieben wie sie.

Langsam entspannte er sich und kuschelte sich in sein Kissen. Kelly hätte ihn gern in den Arm genommen und in den Schlaf gewiegt. Doch sie wusste, dass sie ihm nicht zu nahetreten durfte. Sie war eine Fremde für ihn.

Durfte sie ihn bei sich in Australien behalten?

„Tante Laura gefällt diese Geschichte bestimmt auch“, sagte Matty und gähnte. „Kannst du sie Rafael vorlesen, wenn er kommt?“

„Ja, wenn er möchte …“

Ihr Sohn hatte seine eigene Familie.

Gab es dort einen Platz für sie?

Kelly wusste es nicht.

Rafael kam um neun Uhr abends, nachdem Kelly fast aufgegeben hatte, auf ihn zu warten. Anders, als sie erwartet hatte, kündigte er sich nicht übers Handy telefonisch an, sondern klopfte leise an die Haustür.

Als sie öffnete, stand Seine Hoheit, Prinz Rafael, Prinzregent von Alp de Ciel, vor ihr. Er trug eine nachtblaue Ausgehuniform mit glänzenden Orden an der Brust.

Instinktiv wich Kelly zurück. Kass …

„Na, sehe ich nicht großartig aus?“, spottete er, und die Ähnlichkeit mit seinem Cousin war verflogen. Kass hatte nicht einmal den Hauch von Selbstironie besessen.

„Ja, sehr hübsch.“

Er lachte. „Darf ich eintreten?“

„Nur wenn Sie allein gekommen sind.“

„Bin ich. Aber es hat mich viel Mühe gekostet hat, meine Verfolger abzuschütteln.“

„In Jeans und Anorak wären Sie vielleicht beweglicher gewesen.“

Rafael sah an sich hinab. „Gern trag ich das nicht, Kelly. Doch die Politik verlangte es heute. Und aus politischen Gründen muss ich jetzt auch mit Ihnen sprechen.“

Sie ließ ihn herein. Er zog sofort sein Jackett aus und öffnete die oberen drei Knöpfe des Hemdes. Der Prinzregent machte Feierabend.

„Warum hielten Sie es für ratsam, sich in Uniform zu werfen?“, fragte sie, als er an den Ofen trat, um sich die Hände zu wärmen.

„Wegen der Pressekonferenz und des rasch organisierten Empfangs beim Bürgermeister. Das Ganze hat eine Menge Staub aufgewirbelt.“

„Wieso?“

„Alp de Ciel ist bekannt für seine Goldvorkommen.“ Er verfiel in die offizielle Sprechweise eines Staatsoberhauptes. „Der Prinzregent interessiert sich persönlich für historische Schürftechniken. Und da wir gehört haben, dass es hier das beste Freilichtmuseum der Welt gibt, ist er inoffiziell hergereist, um sich mit ihnen vertraut zu machen.“

„Das hat Ihnen bestimmt niemand abgenommen.“

„Doch. Reporter glauben, was sie glauben wollen, wenn sich daraus Schlagzeilen machen lassen: Prinz besucht inkognito Freilichtmuseum. Prinz speist mit Vertretern der Stadt zu Abend. Prinz zieht sich früh vom Empfang zurück: Probleme mit der Zeitverschiebung.“

„Für solche Fälle haben Sie Ihre Ausgehuniform mitgenommen?“

Er wurde ernst. „Ich musste darauf vorbereitet sein, dass meine Anwesenheit entdeckt wird. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, ich bin nun mal das Staatsoberhaupt von Alp de Ciel. Nach Australien zu reisen und keine Pressekonferenz zu geben wäre als Beleidigung empfunden worden. Deshalb habe ich entsprechende Kleidung mitgebracht. Gern habe ich sie nicht angezogen, das können Sie mir glauben.“

Kelly schaute ihn skeptisch an. „Sie haben sich also entschuldigt, haben den Empfang verlassen und sind in diesem Aufzug in ein Taxi gestiegen?“

„Natürlich hat der Chauffeur des Bürgermeisters es mir übel genommen, dass ich mich nicht von ihm habe fahren lassen. Was der Taxifahrer gedacht hat, weiß ich nicht. Jedenfalls hat er sich über das großzügige Trinkgeld gefreut, als ich irgendwo in der Gegend ausgestiegen bin. Ungefähr eine Meile von hier entfernt. Ich bin neben der Straße hergegangen. In der Dunkelheit hat mich hoffentlich niemand gesehen.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Pete hat mich hereingelassen. Er wird niemandem verraten, dass ich hier bin.“

„Sie halten sich wohl für sehr schlau“, spottete Kelly.

„Allerdings.“ Er grinste jungenhaft.

„Matty möchte, dass Sie ihn wecken, um ihm Gute Nacht zu sagen.“

„Hat er Schwierigkeiten gemacht?“

„Nein.“

„Aber er hat nach mir gefragt?“

„Er liebt Sie und Ihre Mutter.“ Kelly versuchte, sachlich zu klingen.

„Es tut weh, nicht wahr?“ Er sah sie mitfühlend an.

„Ich darf nichts anderes erwarten.“

„Gewiss wird er lernen …“

„Ich glaube nicht, dass er hierbleiben kann“, flüsterte sie. Und schon kam Rafael mit großen Schritten auf sie zu und nahm ihre Hände.

„Kelly, machen Sie nicht so ein Gesicht!“

„Ich mache keins …“

„Es reißt Sie ja entzwei …“

Sie löste sich von ihm und wandte sich ab. „Nein, nein. Gehen Sie schon zu ihm, und sagen Sie ihm Gute Nacht. Ich habe es ihm versprochen.“

Er sah sie eine Weile besorgt an, dann drehte er sich um und verschwand im Schlafzimmer. Verloren und bedrückt, hörte sie die beiden leise miteinander sprechen. Matty musste nur gedöst haben. Er hatte auf seinen Onkel gewartet.

Rafael war ein verlässlicher Mann. Ihm konnte sie ihren Sohn anvertrauen.

Mattys Zuhause war in Alp de Ciel.

Wie sollte sie es fertigbringen, ihren Sohn gehen zu lassen?

Schließlich kam Rafael zurück und wärmte seine Hände wieder über dem Ofen.

„Matty könnte hier nicht ungestört leben“, sagte Kelly unglücklich. „Im Moment mag die Presse noch glauben, dass er sich zu Hause im Schloss aufhält. Aber wenn er sich gar nicht mehr zeigt, werden die Reporter zwei und zwei zusammenzählen und Ihre Vergnügungsreise mit seinem Verschwinden in Verbindung bringen. Irgendwann kreuzen sie hier wieder auf.“

„Und?“

„Und ich kann ihn nicht beschützen“, flüsterte Kelly. „Nicht vor einem Leben im Glashaus.“

„Wie werden Sie sich entscheiden?“

„Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht“, sagte Kelly verzweifelt.

„Sie könnten nach Alp de Ciel kommen.“ Er schaute ihr in die Augen und trat zu ihr. Wieder nahm er ihre Hände. „Das ist es, was meine Mutter und ich uns wünschen. Sie sollten nach Hause ins Schloss kommen.“

„Es ist nicht mein Zuhause.“

„Aber das Ihres Sohnes.“

„Ich hasse das Schloss.“

„Ich auch“, gab er zu. „Sie machen sich keine Vorstellungen, wie sehr ich das Leben im Schloss und all die Verpflichtungen verabscheue. Aber es gab keine andere Wahl.“

„Vielleicht doch.“

„Wenn ich das Amt des Regenten nicht angenommen hätte, hätten andere es getan. Menschen wie Kass. Kass, auch schon sein Vater, waren schlechte Herrscher. Sie haben das Land ausgebeutet, wo es nur ging. Wissen Sie das?“

„Ja, inzwischen weiß ich es.“ Sie war verärgert. „Aber mit mir hat das nichts zu tun.“

„Doch!“ Seine Stimme klang unerbittlich. „Weil es Ihr Sohn ist, der irgendwann die Verantwortung für die Zukunft des Landes übernehmen wird. Wenn ich mich geweigert hätte, bis zu seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr die Regierungsgeschäfte zu führen, müsste er später ein vollkommen abgewirtschaftetes Land übernehmen. Der Nächste in der Linie nach mir ist mein Cousin Olivier, ein Spekulant und Spieler. Er würde sein Amt missbrauchen, Alp de Ciel ausrauben, und schlimmer …“ Rafael senkte die Stimme. „Er würde darüber bestimmen, wie Mathieu erzogen wird. Weder Ihnen noch meiner Mutter, die bisher Mattys wichtigste Bezugsperson war, würde er Einfluss auf den Jungen gewähren.“

Kelly schnappte nach Luft. „Aber …“

„Ja, ich weiß, dass es ungerecht ist. Daran kann ich nichts ändern.“ Er drückte wie zur Bekräftigung ihre Hände. „Aber ich kann etwas ändern, indem ich die Regentschaft übernehme. Und deshalb hat meine Mutter recht, wenn sie sagt, dass ich keine Wahl habe.“

„Ihre Mutter …“

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Meine Mutter steht fürstlicher Macht ebenso kritisch gegenüber wie ich. Sie hat mir nicht zugeredet, weil sie sich persönlich etwas davon verspricht.“ Er machte eine Pause. „Ich hatte gehofft, die Medienleute abzuschütteln, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, ein paar Tage alles zu überdenken. Doch ich fürchte, sie werden morgen meine Unterkunft belagern …“

„Dann gehen Sie also zurück ins Hotel?“

„Nein, ich wurde im Gästehaus der Stadt untergebracht“, gab er zerknirscht zu. „Alle glauben, dass ich dort längst schlafe. Stattdessen bin ich hier und versuche, Sie zu bewegen, nach Alp de Ciel zurückzukehren.“

„Ich will aber nicht.“ Kelly konnte nicht anders, als wie ein trotziges Kind zu reagieren.

„Das ist allzu verständlich. Doch bedenken Sie, es geht um Ihren Sohn.“

„Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit.“

„Die gäbe es.“ Er seufzte. „Wir könnten Sie anderswo unterbringen. Auf einem entlegenen und abgeschirmten Areal, wo Sie und Matty sicher wären, aber noch isolierter als hier.“

„Ich bin hier nicht isoliert.“

„Doch, das sind Sie. In Ihrer Verletztheit haben Sie sich nicht nur nach Australien, sondern gleich in eine vergangene Zeit geflüchtet, Kelly. Aber Sie haben Mutterpflichten. Sie haben den Kronprinzen von Alp de Ciel geboren.“

„Er hängt an seiner Tante Laura …“

„Er kennt Sie kaum.“ Rafael sprach leise und eindringlich. „Er wird Sie lieben lernen. Er ist ja jetzt schon stolz auf das, was Sie tun. Und fasziniert. Er mag Sie leiden. Setzen Sie auf Zeit, Kelly! Liebe braucht Zeit. Wollen Sie das für ihn tun?“

„Ich kann nicht zurück …“ In Alp des Ciel hatte man ihr alles genommen. Ihr Herz, ihren Stolz, ihren Sohn.

„Sie wären nicht allein. Meine Mutter ist auch dort.“ Der Griff seiner Hände wurde stärker. „Sie kennen sie noch nicht. Sie war bei mir in New York, um dem besonders harten Winter zu entfliehen. Kelly, Sie haben nur sechs Wochen im Schloss zugebracht. Als meine Mutter zurückkam, waren Sie bereits fort. Sie werden sie lieben.“

„Ich liebe nicht“, fuhr Kelly ihn an.

„Auch nicht Ihren Sohn?“

„Doch, natürlich.“

„Ich wusste es. Liebe lässt sich nicht willentlich an- oder abschalten.“

„Wieso sind Sie sich da so sicher?“

Rafael zuckte zusammen. Ein schmerzlicher Schatten huschte über sein Gesicht. Was wusste sie eigentlich von diesem Mann? Nichts. Nur, dass er Spielzeugdesigner in Manhattan und Prinzregent von Alp de Ciel war. „Sie müssen kommen“, sagte er leise.

Irgendetwas stimmte nicht mit dem, was er ihr gesagt hatte. Sie ließ seine letzten Sätze Revue passieren.

„Werden Sie auch da sein?“

Damit hatte sie offenbar den Nerv getroffen. Er presste die Lippen zusammen.

„Ich werde da sein, wenn es nötig ist.“

„Was soll das heißen? Einen Tag in der Woche? Eine Woche im Monat? Einen Monat im Jahr?“

„Das weiß ich noch nicht. Es wird sich zeigen.“

„Dann gehe ich keinesfalls zurück.“ Sie wusste, dass diese Entscheidung richtig war. „Für mich gäbe es kein Zurück mehr, wenn ich einmal dort wäre. Ich erinnere noch sehr gut, wie schwer es war, die Presseleute abzuschütteln. Ich musste meinen Namen ändern, ja mein ganzes Leben. Ein zweites Mal schaffe ich das nicht. Aber Sie nehmen sich die Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie es Ihnen passt. Was für eine Art Pflichtverständnis haben Sie eigentlich?“

„Sie möchten, dass ich für immer bleibe?“

Sie hätte ihm ihre Hände entziehen müssen, doch sie tat es nicht. Was sie ihm sagen wollte, war wichtig, und ohne diesen Kontakt würde sie es nicht herausbringen.

„Sie haben mich um Vertrauen gebeten. Sie haben mich darum gebeten, eine Aufgabe zu übernehmen, die mir alles abverlangt. Und doch möchten Sie selbst nur Teilzeitprinz sein. Das geht nicht.“

„Kelly …“

„Ihre Werkstatt ließe sich nach Alp de Ciel verlegen, nicht wahr?“

„Ja, aber …“

„Für Matty wäre es eine große Entlastung.“ Sie wurde sich ihrer Sache immer sicherer. „Wenn Sie im Land blieben und repräsentierten, in Begleitung schöner Frauen da und dort …“

„He, was soll das?“

„Sie sind doch noch nicht verheiratet?“, fragte sie und schaute auf seinen Ringfinger. „Sind Sie verlobt?“

„Auch nicht.“

„Na also. Kein Klatschblatt käme auf die Idee, sich um ein Kind zu kümmern, wenn ein so begehrter Junggeselle wie Sie in seinem Land für Abwechslung sorgt.“

Autor

Carol Marinelli
Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands.

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