Das Geheimnis der Rabenmaske
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L.C. Sharp
Das Geheimnis der Rabenmaske
IMPRESSUM
HISTORICAL GOLD EXTRA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: kundenservice@cora.de |
| Geschäftsführung: | Katja Berger, Jürgen Welte |
| Leitung: | Julia Fischer (v. i. S. d. P.) |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion) |
© Deutsche Erstausgabe 2026 in der Reihe HISTORICAL GOLD EXTRA, Band 191
Übersetzung: Simone Wolf
© 2021 by Lynne Connolly
Originaltitel: „The Sign of the Raven“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Abbildungen: artwork by marena / Harlequin Books S.A. / Adobe Stock, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub-Format in 10/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751540445
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt.
HISTORICAL GOLD EXTRA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
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Die Generalprobe für das Feuerwerk ist genau so abgelaufen, wie ich sie beschrieben habe. Sie war ein größerer Erfolg als die tatsächliche Darbietung, die in Wirklichkeit eine Woche später an einem anderen Ort stattfand. An diesem zweiten Datum hat der Regen den größten Teil des Feuerwerks gelöscht, aber wir haben noch immer Händels herrliche Feuerwerksmusik, die wir uns anhören können. Wir brauchen nicht einmal im Regen zu sitzen, um sie zu genießen!
Die Figur des Raven basiert auf Jonathan Wilde, dem berüchtigtsten Verbrechergenie des achtzehnten Jahrhunderts. Er war nicht das einzige!
April 1749
Der tote Mann lag auf dem Bauch, während über ihm in unregelmäßigen Abständen die letzten Lichter des Feuerwerks flackerten. Das blutige, schwarz geränderte Loch in seinem Rücken erzählte seine eigene Geschichte. Seine Jacke war ein kostbares Kleidungsstück aus gemustertem rotem Samt gewesen, ehe die Kugel sie ruiniert hatte. In der Farbe verschwand das Blut, das noch immer aus der Wunde sickerte und das Gras unter ihm dunkel färbte. Hier, im Schatten der improvisierten Tribünen, die für die Aufführung aufgestellt worden waren, erschien die ganze Szene in einem makabren Zwielicht.
„O mein Gott!“
Wer auch immer das gesagt hatte, hatte Licht mitgebracht, eine der Fackeln, die um die Bühne herum in Haltern steckten. Sie tauchte die Szene in feuriges, gleißendes Licht und führte sie allen deutlich vor Augen.
Die Blutlache um das Opfer herum wurde immer größer. Der Mann hatte die Hände links und rechts von sich ausgestreckt. Sein kahler Kopf glänzte im Fackelschein, seine Perücke und sein Hut lagen einen Fuß von ihm entfernt.
„Ist er tot?“, fragte jemand mit gedämpfter Stimme. Wenn Juliana nicht so dicht neben ihrem Diener gestanden hätte, hätte sie ihn nicht gehört. Der Lärm um sie herum übertönte beinahe jeden Laut hier, sodass eine Insel des Schreckens entstand.
„Sie bleiben hier und sorgen dafür, dass niemand näher kommt.“ Nachdem ihr Ehemann den hastig herbeigelaufenen Wächtern diesen Befehl gegeben hatte, kam er über die Wiese zu ihr.
Einer der Parkwächter von Vauxhall Gardens war fünf Minuten zuvor erleichtert auf sie zugerannt gekommen. „Sir Edmund! Es hat einen Zwischenfall gegeben. Bitte kommen Sie und sehen Sie sich das an.“
Ash hatte ihn mit hochgezogenen Brauen angesehen, deshalb hatte der Mann hinzugefügt: „Ich habe Sie letztes Jahr in der Bow Street gesehen. Sie auch, Ma’am.“ So war das mit der Berühmtheit, auch wenn sie von berüchtigter Sorte war. „Bitte helfen Sie uns. Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“
Ash und Juliana mussten sich durch die Menge kämpfen, als sie, gefolgt von Ashs Schwester Amelia und seinem Bruder Gregory, mit dem Mann zu der Tribüne zurückgingen, die für die Zuschauer des Feuerwerks errichtet worden war. Da die Darbietung zu Ende war, strömten die Menschen zum Ausgang, jeder wollte als Erster bei den Fährmännern sein. Immer wieder ertönte der Ruf „Gott schütze den König!“ und erinnerte alle daran, dass König George zwar nicht jede Schlacht persönlich geschlagen, aber entscheidend dazu beigetragen hatte, dass der Frieden geschlossen werden konnte, der mit dieser Darbietung gefeiert wurde. Dies hier war nur die Generalprobe für die eigentliche Feier, aber sie war spektakulär gewesen. Und ausgesprochen erfolgreich. Alles hatte funktioniert, das Orchester spielte auf den Punkt, das Feuerwerk erschuf ein Wunderland funkelnder Eindrücke.
Nicht hier jedoch, in dieser kleinen Enklave im Schatten.
Außerhalb dieses Ortes, der kaum abgeschlossen genug für ein Gespräch unter vier Augen war, liefen Leute herum, riefen und lachten. Innerhalb lachte niemand. Sie standen an einem Ort zusammen, der von zwei steil aufragenden Podien mit Sitzplätzen eingegrenzt wurde, einem geheimen Ort. Wenigstens zwei Menschen hatten jedoch von ihm gewusst.
Dieser Mann hatte sich nicht selbst getötet. Der scharfe Geruch von frisch vergossenem Blut mischte sich mit dem Gestank von verbranntem Schwarzpulver, verdarb die Luft und biss ihr in die Nase. Sie hatte schon den ganzen Abend Brandgeruch in der Nase, aber das Blut war neu hinzugekommen. Es war kein guter Geruch.
Ash beugte sich vor und legte seine Finger an das Handgelenk des Mannes, dann an seinen Hals. Er richtete sich auf und erklärte ohne eine Regung im Gesicht: „Er ist tot.“
Es war offensichtlich, aber er musste es bestätigen.
Sie wechselten einen Blick und die winzigen Muskeln in seinen Mundwinkeln zuckten. Es war kein Lächeln, sondern eine ironische Bestätigung. Jemand, dem man auf Höhe des Herzens in den Rücken geschossen hatte, konnte auf keinen Fall überleben. Ash warf ihr einen schnellen fragenden Blick zu und sie nickte, die schweigende Bestätigung, dass es ihr gut ging. Dann ging er weiter, um sich der Sache anzunehmen. Jemand musste es tun.
An ihrem Platz in der schmalen Lücke zwischen den Tribünen sah sie ihre Schwägerin Amelia nach Luft schnappen und ihren jüngeren Bruder am Kragen festhalten, damit er nicht hineinstürmen konnte. „Komm, Gregory. Wir sind hier nur im Weg. Juliana, kommst du mit?“
„Ich bleibe hier“, sagte Juliana.
Amelia tat, was sie konnte, um ihrem jüngeren Bruder den Blick zu verstellen. „Was für ein tragisches Ende dieses Abends!“ Sie sah den Mann an und wandte sich dann schaudernd ab. „Kanntest du ihn? Er ist so elegant angezogen. Vielleicht gehört er zu den Kreisen, in denen du verkehrt hast.“
Gregory wich ihr aus und versuchte, an ihr vorbeizukommen, um etwas zu sehen. Amelia packte ihn fest an den Schultern und drehte ihn entschlossen um sich selbst. Lange konnte sie das nicht mehr tun. Gregory war jetzt zwölf und er war hoch aufgeschossen wie eine Bohnenstange.
„Ich weiß es nicht“, sagte Juliana. „Ich kenne doch nicht jeden elegant gekleideten Mann in London. Und wie sollte ich ihn erkennen, wenn ich sein Gesicht nicht sehen kann?“ Bis vor Kurzem hatte Juliana in den vornehmsten Kreisen verkehrt. Aber dennoch, der Hochadel hatte schließlich kein Monopol auf teure Kleider. Dieser Mann konnte von sonst wo sein.
Sie hörte, wie Ash die Anweisung gab, dass man Licht bringen und eine Barriere aufstellen sollte, damit die Schaulustigen den Mann nicht sehen konnten. Für manche wäre der Anblick ein perfekter Abschluss eines Abends voll guter Unterhaltung gewesen.
„Freeman ist da“, sagte Amelia. „Er bringt uns zur Fähre.“
Juliana sah schnell zu Ash hinüber und schnitt eine Grimasse in Richtung ihrer Schwägerin. „Wir mussten zwei Stunden warten, um herzukommen, wir holen euch mit Sicherheit ein, bevor ihr auf eurer Fähre seid.“
Sie waren über das Wasser in die Vauxhall Gardens gekommen, aber der Andrang von Fähren und anderen Booten hatte dem der dicht gedrängten Kutschen um nichts nachgestanden. Ganz London war heute auf den Beinen, um das Feuerwerk zu sehen, die Generalprobe für eine Feier, die bald im Green Park stattfinden sollte. Diese würde sogar noch mehr Verkehrschaos bedeuten. Arbeiter waren gerade mit der Errichtung des Pavillons beschäftigt, eines monströsen Palasts aus Holz, der als Kulisse für die Feierlichkeiten dienen sollte. Daran würde ein Toter nichts ändern.
Der kahle Kopf des Mannes glänzte im flackernden Licht der Fackeln, seine schöne Perücke und sein mit goldenen Kordeln besetzter Hut lagen neben ihm. Er war schwer zu Boden gegangen, wie ein Baum, der im Wald gefällt wurde. Ein unerwarteter Angriff? Vielleicht ein Beutelschneider, der Angst gehabt hatte, erwischt zu werden. Aber Beutelschneider trugen normalerweise keine Feuerwaffen. Pistolen waren teuer und schwer. Unhandlich für die Gewandtheit, mit der Beutelschneider zu Werke gehen mussten.
Ash war wieder da und stellte sich neben Juliana. „Du bleibst also hier?“
Es schmeichelte ihr, dass er fragte. Bevor sie ihn kennengelernt hatte, hatte sich niemand für sie interessiert. Der Tag war zwar kein glücklicher gewesen, aber er hatte ihr etwas Gutes gebracht. „Ja.“ Und es schmeichelte ihr, dass er wollte, dass sie blieb. „Freeman bringt Amelia und Gregory zur Fähre.“
„Ihr werdet lange warten müssen“, sagte Ash. „Die London Bridge ist geschlossen, deswegen kann niemand seine Kutsche benutzen, wenn man nicht ganz bis hinauf zur Putney Bridge fahren möchte. Im nächsten oder übernächsten Jahr wird endlich die Westminster Bridge fertig.“
„Das wäre jetzt sehr nützlich gewesen.“ Der Ort, an dem die neue Brücke entstand, war ganz in der Nähe, aber die Bauzeit schien nicht enden zu wollen. „Ich glaube erst, dass sie offen ist, wenn ich sie sehe“, sagte sie.
Er schnaubte. Ein Lachen wäre nicht angemessen gewesen. Zu Amelia sagte er: „Passt auf euch auf.“ Er nickte Freeman zu. Der Diener hatte ihnen im letzten Jahr geholfen, indem er ihnen ein Signal gegeben hatte, als sie beinahe … sie lenkte ihre Gedanken weg von den Schrecken der Vergangenheit, um sich auf den zu konzentrieren, den sie vor sich hatte.
Amelia machte sich auf den Weg zurück und trat zu ihrem Diener, der sie und Gregory von hier fortbrachte. Gregory sah sich um. Ashs jüngerer Bruder zeigte bereits Anzeichen des scharfen Verstandes, der diese Familie auszeichnete. Nicht zuletzt den Mann, der neben ihr stand. Im Gegensatz zu dem unglücklichen Mann auf dem Boden war Ash bescheiden, aber wie aus dem Ei gepellt gekleidet. Seine Perücke saß präzise auf seinem Kopf, der Hut im perfekten Winkel. In einer Menschenmenge hätte ihn kaum jemand eines zweiten Blickes gewürdigt. Das war eine seiner Gaben. „Komm“, sagte er, berührte sie aber nicht, sondern ging nur voraus, zu der Leiche hinüber, die im Gras lag. „Pass auf das Blut auf.“
Juliana raffte ihre Röcke, aber sie trug ein praktisches knöchellanges Kleid mit kleinen Paniers, mit dem sie sich leichter in einer Menschenmenge bewegen konnte. Der Hochadel war mit eigenen Booten und Kutschen hergekommen, die Frauen trugen Röcke, die so breit waren, dass sie sich kaum auf ihre Sitze zwängen konnten, die Jacken der Männer waren so gestärkt, dass sie von allein hätten stehen können. Ihre weißen Gesichter wurden hier und da von Schönheitspflastern oder roten Kreisen belebt, wie es im Augenblick Mode war. Sie waren aufgrund der dicken Farbschicht, die irgendwann ihre Haut ruinieren würde, kaum voneinander zu unterscheiden. Bis zum letzten Jahr hätte Juliana zu ihnen gehört, aber jetzt nicht mehr. Sie würde nie wieder in dieser Weise zu ihnen gehören.
Sie ging vorsichtig um die Leiche herum. Es war nur wenig Platz, das bedeutete, dass sie ihren Hals verbiegen musste, damit sie sich nicht den Kopf an den hölzernen Bänken über ihr stieß. Sie beugte sich vor und unterdrückte ihren Abscheu, damit konnte sie sich ein andermal befassen. Sie untersuchte den Mann ganz genau, ohne ihn anzufassen. „Ich sehe keine Anzeichen für eine Auseinandersetzung. Er ist ein starker Mann, große Hände, aber seine Nägel sind sorgfältig manikürt. Es ist nirgendwo etwas abgebrochen, und ich sehe auch keine Flecken.“
Ash stieß einen zustimmenden Laut aus. Er zog seine Jacke aus und legte sie auf einen Absatz am Ende einer Sitzreihe. Dann hockte er sich auf die Fersen. „Sonst nichts? Keine Waffe?“
Sie schüttelte den Kopf. „Kein Schwert.“ In der Stadt durfte nur der Hochadel Schwerter tragen, aber viele Menschen hielten sich nicht an diese Verordnung.
Ash beugte sich vor und untersuchte den Kopf des Mannes, ohne ihn anzufassen. „Hier sind auch keine Verletzungen.“ Er stand auf und klopfte sich die Knie ab, obwohl sie das Gras nicht berührt hatten. Es hatte seit einiger Zeit nicht geregnet, deswegen war der Boden staubig. Wahrscheinlich besser als Schlamm. Oder Blut. Sie erhob sich ebenfalls, ohne seine ausgestreckte Hand zu nehmen.
Um sie herum herrschte reges Geplauder von Menschen, die Klatsch und Tratsch austauschten, aber hier waren sie fast allein.
„Wir drehen ihn um.“ Ash gab den Wärtern, die bereitstanden, ein Zeichen. Sie drehten den toten Mann auf den Rücken.
Ash und Juliana betrachteten gemeinsam das breite Gesicht, dessen Unterkiefer durch die herunterhängenden Wangen weicher wirkte. „Wenn er am Leben wäre und sich hinstellen würde, wäre er groß“, sagte sie. „Und breit.“ Aber ohne Fett oder zumindest nicht viel davon. „Er ist stark. Er hätte einen Angreifer abgewehrt.“ Er kam ihr bekannt vor.
Ihr erster Ehemann war so ein Mann gewesen. Groß, kleiner als dieser hier, und schnell bereit, die Fäuste zu erheben, wie sich in ihrer Hochzeitsnacht gezeigt hatte. Die Erinnerung ließ sie nicht los, aber die Macht, die sie über sie hatte, schwand von Tag zu Tag weiter. Abgesehen von den Träumen, über die sie nicht bestimmen konnte.
„Was darauf hinweist, dass er überrascht worden ist“, fügte ihr Ehemann hinzu. Er rieb sich mit einer Hand das spitze Kinn, wie immer, wenn er nachdachte.
Um den toten Mann herum zeichnete sich ein unregelmäßiger Schatten ab, wo das Blut in den Boden gesickert war. Die Schöße seiner grünen Jacke flatterten um ihn herum, das elfenbeinweiße Futter hob sich deutlich von dem dunkleren Boden ab.
Die Kugel hatte seinen Körper ungefähr auf der Höhe verlassen, auf der sie in seinen Rücken eingedrungen war; sie war gerade durch ihn hindurchgegangen.
„Der Mörder hat ihm die Pistole in den Rücken gedrückt und den Abzug betätigt“, murmelte sie.
„Das passt zu der Wunde an seinem Rücken, die Kugel ist sauber eingetreten und die Ränder sind geschwärzt.“
Seine Weste war ein schönes Stück gewesen. Über und unter der Wunde waren noch Spuren einer schweren Stickerei zu sehen. An den Knöpfen glitzerten Diamantsplitter oder Strass. Sein schwerer grüner Wollmantel war an den Manschetten und auf der Vorderseite in Gold bestickt.
Vielleicht kannte sie ihn.
Zögernd betrachtete sie das Gesicht des toten Mannes.
„Juliana?“
Sie brauchte nicht zu wissen, was Ash noch gefragt hatte. „Ich habe ihn schon einmal gesehen; ich bin mir sicher, aber es war nicht in einem Ballsaal oder im Theater. Ich kenne ihn nicht gut, er ist kein Freund oder Hausgast. Ich komme gleich auf seinen Namen.“
„Also ist er wohlhabend, möglicherweise ein Adliger. Es sollte nicht allzu schwer werden, ihn zu identifizieren. Denk nicht weiter darüber nach.“
Sie liebte es, ihm bei der Arbeit zuzusehen, zuzuhören, wie er sich einen Reim auf ein Ereignis machte.
Er verschränkte die Arme, legte die Finger an sein Kinn und runzelte die Stirn. „Bei einem Anlass wie diesem geht jeder Schuss in den Explosionen unter, wenn man ihn zur richtigen Zeit abgibt. Es könnte sein, dass ein einfacher Raubüberfall schiefgegangen ist. Seine Kleider sind elegant, also hat er offensichtlich irgendwo einen dicken Geldbeutel. Sollen wir mal nachsehen?“
Er beugte sich vor, stützte ein Knie auf den Boden und steckte die Hand in eine der großen äußeren Manteltaschen. Er durchsuchte die Taschen des Mannes, holte hervor, was er dort fand, und legte alles auf einen kleinen Stapel auf dem Rockschoß, der ihm am nächsten war.
Eine Eintrittskarte für Sixpence und zwei Pennys für die Generalprobe des Feuerwerks zur Feier des Friedens von Aix-la-Chapelle. Sie konnte das Kleingedruckte nicht lesen, aber sie erkannte die Art von Eintrittskarte wieder, die auch sie in der Tasche hatte. Ein paar lose Guineen, aber kein Geldbeutel.
Ash reichte ihr das Taschentuch, und sie betrachtete die blauen Buchstaben, die in einer Ecke aufgestickt waren. Die verschlungenen Initialen JC und die Schrift sagten ihr nichts. Sie behielt es in der Hand, während sie zusah, wie ihr Mann weitere Dinge aus den Taschen des Mannes hervorholte. Kein Haustürschlüssel, was bedeutete, dass er Personal hatte, das ihn ins Haus ließ. Welcher Gentleman machte sich die Mühe mit einem Hausschlüssel? Drei matte quadratische Silberstücke, die eine Prägung hatten. Zumindest waren es drei, bis Ash sie auf den Haufen mit den Besitztümern fallen ließ und es nur noch zwei waren. Er hatte eins behalten.
Und das war alles. Goldene oder talmigoldene Schnallen an seinen Knien und auf seinen Schuhen, hübsche Knöpfe an seiner Jacke und seiner Weste. Alles mit hohem Verkaufswert und alles zurückgelassen.
„Ich kann mir einige Möglichkeiten vorstellen“, sagte sie, als er sich aufrichtete und wieder neben sie trat.
„Schieß los.“
„Der Räuber ist gestört worden oder er hat sich erschrocken und aus der Pistole hat sich ein Schuss gelöst. Könnte die Waffe vielleicht zu empfindlich eingestellt gewesen sein?“ Manche Pistolen waren so fein eingestellt, dass man den Abzug bloß zu berühren brauchte, damit sich ein Schuss löste. Wegen der Gefahren, die sie unweigerlich mit sich brachten, waren solche Waffen nicht besonders beliebt, aber es gab sie.
„Möglich. Aber würde man sie jemandem in den Rücken halten, wenn man weiß, dass die eigene Pistole diese Schwierigkeiten macht?“
„Und was ist mit dem Feuerwerk?“
„Ach. Ja. Das würde das Geräusch dämpfen.“
„Ist sie das hier, Sir?“
Ein Mann hob eine gemeine, aber wunderschöne Waffe auf. Ash nahm sie. Der Hammer saß tief in der Pfanne, die von der Explosion schwarz war, die vor Kurzem stattgefunden hatte, die eine Kugel in den Mann am Boden getrieben hatte. Die Waffe war punziert und graviert, eine wirklich schöne Arbeit. „Die Waffe eines Gentleman“, stellte Ash fest.
„Ja.“ Sie nahm sie ihm ab und wog sie in der Hand. Berührte die Stellen, an denen der Mörder sie angefasst haben musste, hatte aber kein Bild vor Augen, nur ihre scharfe Beobachtungsgabe. „Eine Duellpistole“, stellte sie fest. Gentlemen sammelten so etwas, brüsteten sich damit vor anderen.
Sie ließ ihren Blick zu den Spritzern aus Blut, Knochen und Gewebe schweifen, die sich an der Stelle verteilt hatten, an der die Waffe abgefeuert worden war, und wurde plötzlich von einer Welle von Übelkeit überkommen. Sie unterdrückte sie. Wenn sie sich übergeben musste, würde sie es woanders tun. Nein, sie würde nicht würgen. Sie zog ihr Schultertuch um sich zusammen. Es war ein schöner Abend, aber die Frühlingskühle lag noch immer in der Luft. Und jetzt fröstelte sie vom Anblick dieses Schauplatzes des Todes.
In den Monaten seit ihrer Heirat hatte sie schon mehrere Schauplätze des Grauens gesehen. Als sie verlangt hatte, dass ihr Mann sie in seine Arbeit einbezog, hatte er sie mit an die schrecklichsten Tatorte genommen. Entweder wollte er herausfinden, wie viel sie ertragen konnte, oder er wollte wissen, ob er sich darauf verlassen konnte, dass sie nicht anfing, sich zu zieren. Sie war immer zurechtgekommen, auch wenn es nicht einfach gewesen war. Ash half den Richtern aus der Bow Street häufiger bei ihren interessanteren Fällen, wie er sich ausdrückte, oder er übernahm eigene Aufträge.
Aber sie hatte ihn nie im Stich gelassen. Bei den beiden ersten Malen hatte sie sich übergeben, aber nicht dort, wo es den Tatort in Mitleidenschaft zog. Manchmal hatten der Gestank und die Verwesung an einem solchen Ort diese Wirkung auf sie und nicht unbedingt das Verbrechen an sich. Manchmal wollte sie weinen, zum Beispiel als ein Mann seine Frau zu Tode geprügelt hatte. Deswegen hatte sie sich angewöhnt, mehr als ein Taschentuch bei sich zu tragen.
Die Arbeit, die hartnäckigen Verbrechen, die sich in einer Stadt, die so groß war wie London, unweigerlich ballten, faszinierten sie. Wenn sie lernen musste, den Anblick des Todes zu ertragen, dann würde sie das tun. Sie machte sich nützlich, versah einen Dienst, der den Menschen zugutekam, anstatt nur Dekoration zu sein.
Schließlich war sie Ash das erste Mal begegnet, als sie eines Morgens neben ihrem toten Ehemann aufgewacht war.
War dieser Mann hier jemandes Ehemann? Würde sein Tod Trauer und Sorgen nach sich ziehen? Oder hatte der Mensch, der ihn getötet hatte, seinen Tod gewollt? Juliana hatte sich gewünscht, dass ihr erster Mann starb, aber sie hatte ihn nicht getötet. Es wäre dumm von ihr gewesen, wenn sie das getan hätte, weil sie dann zur Hauptverdächtigen geworden wäre. Was sie gewesen war. Nur Ash hatte sich für den Fall interessiert, nur er hatte die Beweise ausgewertet, bis er die Wahrheit ermittelt hatte. Und dafür würde sie ihm auf ewig dankbar sein, auch wenn er ihre Dankbarkeit nicht wollte.
„Könnte er seinen Mörder gekannt haben?“
Ash brummte zustimmend. „Ich habe auch schon darüber nachgedacht. Was hatte er ausgerechnet hier zu suchen? Er hatte vielleicht eine Verabredung. Oder jemand hat ihn mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, herzukommen. Oder beides. Ich muss wissen, wer er ist, mit wem er hergekommen ist, falls er nicht allein war, wo er während der Darbietung gesessen hat. In seinen Taschen fehlen zwei Dinge, die wir vielleicht hier finden.“
Sie verstand, was er meinte. „Sein Kartenetui und sein Geldbeutel.“
„Ganz genau.“
Einer der Wächter kam auf sie zu. „Könnte es das hier sein, Sir?“
Er hielt ein aufwändig punziertes Etui in der Hand, das dasselbe Monogramm auf dem Deckel trug. Das Opfer war geradezu vernarrt in seine Initialen.
„Wo haben Sie es gefunden?“, fragte Ash.
Der Mann zeigte auf eine Ecke im hinteren Teil des Zwischenraums zwischen den Tribünen. „Genau dort, Sir. Ich hatte es nicht gesehen, bis wir mehr Fackeln hergebracht hatten.“
„Vielen Dank.“ Ash nahm ihm das Etui ab. „Vielleicht hatte er es schon hervorgeholt, bereit, der Person, mit der er sich treffen wollte, seine Karte zu geben.“
„Was darauf hinweist, dass er die Person kannte.“
„Das ist wahr.“ Ash fuhr mit einem Finger über die vordere Kante des Etuis und suchte nach dem Knopf oder Hebel, mit dem man es öffnete. Sie wusste, wie ungeduldig er sein konnte, wenn es um solche Mechanismen ging, deshalb nahm sie es ihm ab. Wahrscheinlich gab es einen Haken in der Mitte, auf der Unterseite der schmalen Schachtel. Ah ja.
Ein überlautes Räuspern am Eingang zog die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich, ihre eingeschlossen. Sie kannte dieses Geräusch, hatte es fast ihr ganzes Leben lang gefürchtet.
„Was hat Coddington hier verloren?“, fragte ihr Vater mit Nachdruck.
Als Juliana sich Ash näherte, war ihm klar, wer vor ihnen stand. Wie er hier hereingekommen war, wollte Ash später noch von den Männern erfahren, denen er den Auftrag gegeben hatte, den Eingang zu sichern. Aber er konnte sich denken, wie es dazu gekommen war. Die Arroganz des Mannes war selbst in den höchsten Kreisen berüchtigt.
Ash hielt sich nicht für gewalttätig, aber er hätte nichts lieber getan, als Lord Hawksworth einen Schlag in sein selbstzufriedenes Gesicht zu verpassen. Der Mann hatte die Misshandlung seiner Tochter gebilligt, nur um seinen Titel zu bewahren, seinen Namen zu stärken. Nun ja, ihm stand eine Enttäuschung bevor.
Er hatte zugelassen, dass dieser Mann Juliana Dinge angetan hatte, die jenseits des Erlaubten waren. Der Earl hatte kürzlich noch mehr Gewicht verloren, sein Gesicht glich immer mehr dem eines Kadavers. Er hatte gelesen, dass Hawksworth spezielle Ernährungsregeln befolgte. Seine Frau hatte sich ganz offensichtlich nicht darauf eingelassen. Sie wirkte weit weniger ungesund als er.
Anstatt dem Earl zu antworten, sagte Ash zu dem Mann, der das Kartenetui gefunden hatte: „Bringen Sie diese Leute von hier fort.“ Und das war sein Ernst.
Doch Juliana legte ihm eine Hand auf den Arm. „Warte.“
Jeden anderen hätte er jetzt seine Ungeduld spüren lassen, um den Tatort räumen zu lassen. Doch auf sie hörte er. Er hatte eine Frau von großer Klugheit und Beobachtungsgabe geheiratet. Und sie berührte ihn, was sie sogar jetzt noch nur selten tat.
„Sie kennen ihn“, sagte sie mahnend und hielt ihm etwas hin, das er lesen sollte.
Ach ja. Eine Karte aus dem Etui, und auf dem geprägten Karton stand derselbe Name, den Lord Hawksworth gerade gesagt hatte. James, Baron Coddington. Er ließ sich den Namen durch den Kopf gehen, und die Bruchstücke fielen an ihren Platz.
Er hatte wegen seiner Heldentaten überall in der Stadt von ihm gehört. Er war in den Klubs und in den Spelunken gleichermaßen bekannt, ein Mann, der ein Vermögen von seinem Vater und einer Verwandten geerbt hatte. Glücksspiel und Frauen waren sein bevorzugter Zeitvertreib. Ash hatte von seinen Heldentaten gelesen und immer angenommen, dass es sich beim größten Teil um reine Erfindungen handelte. Wahrscheinlich würde er es bald ganz genau wissen.
Er konnte die Anwesenheit von Julianas Vater genauso gut ausnutzen, wenn er sich schon an den Tatort drängte. „Ein Baron, ja?“
Er drehte sich nach dem Mann hinter ihm um. „Lassen Sie sonst niemanden vorbei. Falls noch jemand hier hereinkommt, mache ich Sie persönlich dafür verantwortlich.“ Sie sollten begreifen, dass jeder von ihnen entlassen werden würde, der gegen diese Anweisung verstieß. Er konnte darauf verzichten, dass dieser Tatort dem Einfluss der Größten und Arrogantesten anheimfiel.
Lord Hawksworth, der nach Rang zwei Stufen über Coddington stand, neigte den Kopf. „Aber ein Freund“, fügte er hinzu. „Er ist betrunken. Sie können ihn in meine Obhut entlassen. Ich sorge dafür, dass er sicher nach Hause kommt.“
Hawksworths Frau stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. Ash würde ihr nicht den Gefallen tun, sie als Julianas Mutter zu bezeichnen, noch nicht einmal in Gedanken. Sie hatte Juliana zur Welt gebracht. Und sie ausgenutzt. „Coddington wird heute Abend nicht nach Hause kommen“, sagte sie. „Und auch sonst nicht mehr.“ Sie blieb vollkommen ruhig. Ash hatte gemerkt, wie blass Juliana geworden war, als sie die Leiche gesehen hatte. Sie hatte ihr Abendessen bei sich behalten und Ruhe bewahrt, aber es hatte sie Mühe gekostet. Auf der anderen Seite zeigte Lady Hawksworth überhaupt gar keine Regung. Ihre sorgfältig gemalte Maske ließ sie unbeteiligt wirken, aber selbst ihr Blick blieb kühl und ohne Mitgefühl.
Seine Lordschaft wagte einen weiteren, genaueren Blick. Das Blut war im Gras versickert, aber die klaffende Austrittswunde auf der Brust des Opfers war kaum zu übersehen. Und doch hatte Seine Lordschaft sie übersehen, bis er seine Aufmerksamkeit direkt auf sie gerichtet hatte.
Nach einem kurzen Schweigen blaffte er: „Was ist hier passiert? Ich verlange eine Erklärung!“ Obendrein sah er Ash wütend an.
„Ja, ich auch“, sagte Ash in leisem und zurückhaltendem Tonfall. Er hatte nicht vor, diesen Mann in irgendeinen Fall einzubeziehen, den er vielleicht übernehmen würde. Und ja, er wollte diesen hier. Hier gab es ein Rätsel zu lösen, und das zog ihn an einem Fall immer an. Er brauchte kein Geld. Er tat es für das Vergnügen, ein Geheimnis zu enthüllen, und das noch größere Vergnügen, dafür sorgen zu können, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wurde.
Juliana war näher an ihn herangetreten, als ihr Vater zu brüllen begonnen hatte. Die Bewegung machte ihn wütend, weil Hawksworth noch immer diese Wirkung auf sie hatte. Er konnte nicht von ihr erwarten, dass sie in ein paar Monaten über die Gewohnheiten hinwegkam, die sie ihr Leben lang eingeübt hatte.
„Ich wiederhole die Frage. Was ist hier passiert?“, fragte Hawksworth energisch.
Was ging ihn das eigentlich an?
Ash stellte sich dichter neben Juliana, seine Schulter vor ihre. „Wären Sie bitte so freundlich, Ihren Ton zu mäßigen, damit wir weniger Aufmerksamkeit erregen?“, sagte Ash zu ihm.
Lord Hawksworth sah ihn wütend an. Ash erwiderte seinen Blick gelassen. Kurz darauf schluckte der Earl. „Na los“, sagte er deutlich leiser als zuvor.
„Wie Sie sehen, ist Lord Coddington vorzeitig ums Leben gekommen.“ Sollte er Seine Lordschaft um Diskretion bitten? Diesen Mann um irgendetwas zu bitten, blieb ihm im Halse stecken. Ganz gleich, was er tat, die Geschichte würde ohnehin bald die Runde machen.
Ash warf Juliana einen schnellen Blick zu. Sie schien ungerührt zu sein, aber er wusste genau, wie gut sie darin war, ein ausdrucksloses Gesicht zu machen. Sie erwiderte seinen fragenden Blick, und er sah die Zustimmung in ihren Augen.
Ash wandte sich wieder der Leiche zu. Idealerweise hätte er eine Skizze vom Tatort angefertigt, aber jetzt musste er auf sein Gedächtnis vertrauen. Sie hatten weder das Licht noch die Utensilien dafür dabei. Keine Zeichenfeder, keine Kohle, weil er seine, wie sein persönlicher Diener sie nannte, gute Jacke angezogen hatte. Es war nicht so wichtig, weil er die beste Beobachterin, die er je getroffen hatte, an seiner Seite hatte.
„Wer würde so eine Schreckenstat begehen?“, fragte Seine Lordschaft mit Nachdruck.
„Um das herauszufinden, sind wir offensichtlich hier.“ Ash wandte ihm den Rücken zu. Es würde dem Earl nicht gefallen, aber damit würde er sich abfinden müssen. Ash hatte Wichtigeres zu tun.
Hawksworths wütender Ausruf sagte ihm genau das, aber Ash kümmerte sich nicht darum, bis sich der Earl an ihm vorbeischob und sich auf den Weg zur Leiche machen wollte. Er beugte sich vor, als wolle er Coddington anfassen oder sogar aufheben. „Ich werde nicht zulassen, dass der arme Coddington hier liegt, wo ihn jeder dahergelaufene Kerl sehen kann!“
Juliana stellte sich vor ihn, um zu verhindern, dass er die Leiche berührte. „Vater, bitte mach keine Szene. Das nützt niemandem etwas.“
Ash warf einem der Männer, die mitgekommen waren, einen Blick zu – einem, der genauso groß war wie Seine Lordschaft, aber von besserer Gesundheit –, doch das war nicht nötig. Nachdem er Juliana flüchtig angesehen hatte, nickte der Earl zögernd und trat einen Schritt zurück.
Ash wandte sich an Seine Lordschaft. „Wenn wir heute Abend hier fertig sind, wird Lord Coddington ins Leichenschauhaus gebracht, wo er bleiben wird, bis der Untersuchungsrichter die Leiche freigegeben hat.“
Lord Hawksworth drehte sich nach Ash um. „Sie, Sir, haben keine Manieren.“
„Man enthüllt die Wahrheit nicht durch Höflichkeit“, entgegnete er. Juliana berührte ihn am Arm, und er wandte den Kopf und lächelte ihr zu. „Ja, Liebes?“
Vielleicht war das ein wenig zu süßlich, aber Hawksworth war ihm bestenfalls lästig und machte ihn schlimmstenfalls wütend. Ihm war alles recht, womit er ihm das Leben schwerer machen konnte.
„Wir sollten diese unangenehme Begegnung vielleicht beenden.“ Sie wies mit einem Rucken des Kopfes hinter sich. „Es kommen immer mehr Leute. Auf den Riecher der Masse kann man sich immer verlassen.“
Ja, da hatte sie recht. Zumindest hatte Lord Hawksworth nicht versucht, die Leiche aufzuheben. Vielmehr wandte sich Hawksworth direkt Juliana zu und starrte sie an. Die Hand, die sie auf Ashs Arm gelegt hatte, zitterte. Er legte seine Hand darauf und drückte sie sanft. „Ist Coddington verheiratet?“
„Ja, und er hat Kinder“, erwiderte Lord Hawksworth. „Ich werde sofort die Great Jermyn Street aufsuchen.“
Ash verließ der Mut. Das bedeutete, dass er noch früher dorthin musste, als er gedacht hatte. Er wollte sehen, wie die Frau auf die Nachricht reagierte, bevor sie sie von irgendjemand anderem erfuhr.
„Haben Sie vor, sich dieser Sache anzunehmen?“, fragte der Earl unwirsch.
„Soweit ich kann. Der Fall ist vielleicht ganz einfach.“
Die Countess, die bislang geschwiegen hatte, mischte sich ein: „Einfach? Sie nennen einen solchen Mord einfach?“
Er musste die Hand seiner Frau abstreifen, sodass er sich umdrehen und die Dame ansehen konnte. Er verachtete die Countess of Hawksworth sogar noch mehr als ihren Mann.
Ashs Wut war eiskalt.
„Madam, ein Mord ist nie einfach. Was auch immer die Ursache war, der Täter oder die Täterin wird am Galgen enden. Aber zuerst müssen wir ihn oder sie finden.“ Wenn es so einfach war wie ein versuchter Raub, würde auch das verhältnismäßig einfach werden, aber es gab an diesem Tatort mehrere Dinge, die ihm Sorgen machten. Beutelschneider und Taschendiebe hielten zusammen, aber das hier war nicht die Tat eines berufsmäßigen Diebs. Kein Dieb hätte so viele wertvolle Dinge zurückgelassen. Die meisten hatten keine Schusswaffen. Zu umständlich, zu laut. Und Pistolen waren teuer im Vergleich zu dem, was ein Messer kostete.
Die Countess hob den Kopf und sah Ash überheblich an. Es konnte ihr nicht leichtfallen, weil er viel größer war, aber es gelang ihr. Sie musste die Geste geübt haben, doch an Ash war sie so oder so verschwendet. „Sie sollten Ihre gesellschaftliche Stellung nicht vergessen und meiner Tochter den Respekt erweisen, der ihr zusteht. Sie ist eine Frau, die eine gehobene Erziehung genossen hat, und sie sollte nicht hier sein.“
Julianas leises Schnauben vor unterdrückter Empörung entging ihm nicht, aber er glaubte nicht, dass es sonst noch jemand gehört hatte.
„Warum? Sie haben ihr auch keinen erwiesen.“ Ash hatte geantwortet, bevor er sich zügeln konnte.
Der Earl öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Ash wandte sich mit gespielter Gleichgültigkeit ab.
Juliana hatte recht. Es kamen immer mehr Schaulustige.
Er wandte sich seufzend an die Anwesenden. „Passen Sie gut auf, dass ich mir alles notiere, was wir gefunden haben. Ich werde das Kartenetui und diese Spielmarke an mich nehmen. Sie tragen den Baron und seine Habseligkeiten zur nächsten Kirche und erklären den Beamten in der Bow Street, was vorgefallen ist. Lassen Sie sie wissen, dass ich hier gewesen bin. Verraten Sie sonst niemandem, wer das hier ist und was passiert ist. Vor allem verbreiten Sie keine Klatschgeschichten. Die verbreiten sich von ganz allein.“ Er holte sein eigenes Kartenetui hervor und gab eine seiner Karten heraus. „Ich werde morgen früh als Allererstes Mr. Fielding aufsuchen.“
Zuerst hatte er noch etwas anderes zu erledigen. Sein Abend war noch nicht vorüber.
Er ließ die Gegenstände in die Tasche seines Mantels fallen, den er von dem Vorsprung rettete. Nachdem er mit den Armen in die Ärmel gefahren war und ihm jemand seinen Hut gereicht hatte, sodass er wieder respektabel aussah, holte er Juliana. Aber als sie gerade an der Countess vorbeigehen und den Tatort verlassen wollten, kam noch jemand eilig auf ihn zugerannt.
Ein hochgewachsener, schlaksiger Mann sah ihn vom hinteren Teil des Platzes her an, dabei hielt er sich von den flackernden Schatten fern, die die Fackeln warfen. Ash konnte sich nicht erinnern, ihn schon einmal gesehen zu haben.
„Mr. Americus Ransom, zu Ihren Diensten, Sir Edmund.“
Diesen Namen kannte er. Der Mann schrieb seit Monaten reißerische Berichte über Ashs Fälle. Er hatte sie nicht groß beachtet, aber die Artikel waren immer weiter erschienen. Sie erfreuten sich sogar zunehmender Beliebtheit. Ransom besaß leider ein Talent für fesselnde Formulierungen.
„Zu meinen Diensten?“
„Ich bewundere Ihre Arbeit schon seit einiger Zeit, Sir. Ich bin zufällig heute Abend hier und habe von diesem entsetzlichen Vorfall gehört. Ich hatte mich gefragt, ob ich Sie wohl um Ihre Meinung zu diesem Mordfall bitten dürfte.“
„Sie geben eine Zeitschrift heraus, nicht wahr?“
Ransom nickte eifrig, das Funkeln in seinen Augen kam nicht nur von den Fackeln. „Der Daily Ransom. Ich werde in der Morgenausgabe über diese Geschichte berichten.“ Er trug eine lederne Mappe bei sich.
„Was ist das?“, fragte Ash.
„Ich halte gern meinen ersten Eindruck von einem Tatort fest, wenn ich Gelegenheit dazu habe. Ich skizziere ihn mit Worten.“
Je länger sie hier blieben, desto mehr Leute würden sie anziehen. Sie mussten die Arbeiten an diesem Tatort unauffällig abschließen, und dabei durften sie keine Zeit verlieren.
Ash warf Juliana einen schnellen Blick zu. „Ich habe die Geschichten gelesen, mein Mann allerdings nicht“, sagte sie. „Ich fand Ihre Schilderungen bemerkenswert genau, auch wenn Sie die dramatischen Aspekte eines Falles doch sehr betonen.“
Ihre Worte ließen Ash innehalten. Er betrachtete Ransom genauer. Der Mann konnte noch keine dreißig sein, aber in dieser Stadt bedeutete das Alter eines Menschen gar nichts. Nicht einmal die Erfahrung, weil sich Straßenkinder vom Tag ihrer Geburt an den Härten des Lebens stellen mussten. Aber er konnte eine zweite Meinung gut gebrauchen. „Haben Sie gesehen, was passiert ist?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Aber ich glaube, ich habe einen Schrei gehört, deswegen habe ich mich überhaupt in diese Richtung aufgemacht. Ich könnte Ihnen nicht sagen, ob der tote Mann geschrien hat, aber der Schrei war so außergewöhnlich, dass ich auf ihn aufmerksam geworden bin.“
„Sie dürfen mich morgen Mittag besuchen.“ Er zeigte auf die Mappe. „Bringen Sie die mit.“
„Bis dahin wissen Sie mehr?“
„Möglicherweise.“ Er würde mit Sicherheit mehr wissen, aber er wusste noch nicht, ob er einem Reporter davon erzählen würde. Aber falls er etwas hatte, das in diesem Fall nützlich war, war er nicht darüber erhaben, ihm ein paar Einzelheiten zu verraten. Falls er das für richtig hielt.
„Komm, Liebes.“ Er nickte der Countess so überheblich zu, wie er konnte, als er an ihr vorbeiging. Ash hielt Julianas Hand unter seinem Arm fest und ging zügig weiter, ohne sich um die Anwesenden zu kümmern. Wie erwartet, wichen die Leute zurück, sodass sie sich auf den Weg in einen leereren Teil des Parks machen konnten.
„Hast du Lust, einen Spaziergang zu machen?“
Hauptsache, sie kamen aus der Menschenmenge heraus. „Fällt dir etwas ein, wie wir aus diesem Gedränge herauskommen?“
„Nun ja, während wir uns mit der Lage hier beschäftigt haben, ist das Leben anderswo weitergegangen. Die Platzanweiser sind sehr gut darin, den Bereich hier zu räumen.“
Auf den Sitzen über ihnen war so gut wie niemand mehr. Wahrscheinlich waren die Leute weiter in den Green Park gezogen, wo das Hauptereignis stattfinden sollte. Aus dem Augenwinkel sah er einen elegant gekleideten Mann auf sie zueilen. Er drehte sich abrupt um und ging in die entgegengesetzte Richtung. Juliana sah über ihre Schulter und dann wieder nach vorn. „Das ist Mr. Tyers, hab ich recht?“
„Höchstpersönlich.“ Jonathan Tyers war der Besitzer der Vauxhall Gardens. „Er will mit Sicherheit ausführlich über den Mord sprechen, aber dazu habe ich keine Lust. Er kann mich besuchen kommen, wenn er möchte. Aber nicht jetzt. Ich wollte dich von hier fortbringen.“
„Oh nein, Ash, ich gehe dahin, wohin du gehst.“
Sie hatten keine Zeit zum Streiten. Seine Frau war verdammt entschlossen, und bis er die Sache mit ihr ausdiskutiert hatte, hätte Tyers sie erwischt. Sie schoben und drängelten sich ein wenig durch die Menge, sodass sie ihn abschütteln konnten. Dann schlug er die Richtung zum nächsten Ausgang ein, einen ruhigen Seiteneingang, der nur von wenigen Leuten benutzt wurde. „Die Leute glauben, es wäre die beste Strategie, sich auf dem kürzesten Weg zum Fluss und zur nächsten Fähre zu begeben. Das muss nicht unbedingt so sein.“
Sie gingen schnell etwa eine halbe Meile den Fluss hinauf zur Pferdefähre. Natürlich waren sie nicht die Einzigen, die sich dort eingefunden hatten, aber das Gedränge war nicht so dicht wie vor einer Stunde.
Die Fährmänner machten gute Geschäfte. Sie mussten Schlange stehen, aber die Fährmänner ruderten so schnell, wie sie konnten, um möglichst viele Passagiere befördern zu können.
Es dauerte nur zwanzig Minuten, bis sie beim nächsten Fährmann waren, und mit einer halben Guinee konnten sie ihn dazu überreden, die Überfahrt nur mit ihnen beiden zu machen, anstatt so viele Menschen auf seinen Kahn zu bugsieren, wie er konnte. Das Zehnfache seines üblichen Preises hatte die gewünschte Wirkung. Sie stiegen ein und ließen sich auf den harten Bänken nieder. Juliana fröstelte in der feuchten, stinkenden Luft auf der Themse. Ash wartete auf ein zustimmendes Nicken von ihr, ehe er das Schultertuch fester um sie schlang. „Ich möchte nicht, dass du dich erkältest.“
„Das werde ich nicht“, versprach sie und lachte wieder. Das schrille Lachen ließ nicht gerade auf gute Laune schließen. Aber sie riss sich zusammen, und dafür bewunderte er sie. Viele Frauen wären in Hysterie ausgebrochen, doch Juliana nicht. „Das war kein Raubüberfall, oder?“, sagte sie leise.
Das feste und gleichmäßige Eintauchen der Ruder begleitete sie. „Nein, war es nicht. Nicht einmal einer, der aus dem Ruder gelaufen wäre. Coddington hat sich nicht im Geringsten gewehrt, und ein Dieb, ganz gleich wie ungeschickt, hätte nie so viel von der Beute zurückgelassen. Soweit wir wissen, hat niemand die Tat beobachtet. Ich werde mich mit Ransom unterhalten und ihn bitten, in seinem Schmierblatt einen Zeugenaufruf zu veröffentlichen.“
„Aber du glaubst nicht, dass es welche gab.“
„Kein Geschrei und Gejammer, kein Kreischen, keine Hilferufe. Er war tot, bevor das Feuerwerk zu Ende war.“
„Also hat er das letzte Bild nicht gesehen“, murmelte sie.
Ash dachte an die beeindruckende Darstellung des Königs und der Armee, bei der das Feuerwerk an die Stelle der Schüsse getreten war, und lachte. In diesem Augenblick waren seine Frau und er sich einig in ihrer Belustigung. Zu viel, zu pompös, zu triumphierend. Und zu kompliziert. Er hätte darauf gewettet, dass sie es bei der wirklichen Darbietung nicht noch einmal wiederholten. Er gab dem Drang nach und brach in das Lachen aus, das in ihm gekribbelt hatte, bis er schließlich sagte: „Biest!“
Aber der Gedanke heiterte ihn auf, und er nahm an, dass das ihr Ziel gewesen war. Er legte seine Hand dicht neben ihre und freute sich, als sie ihre auf seine legte. Den Rest der kurzen Überfahrt schwiegen sie einträchtig. Das Eintauchen der Ruder ins Wasser und die Geräusche der hölzernen Dollen gaben seinen Gedanken einen Rhythmus, und er sah wieder klarer als zuvor.
Er hatte „Liebes“ zu ihr gesagt. Oh, sie wusste, dass er es getan hatte, um ihre Eltern zu ärgern, um sie glauben zu machen, dass ihre Ehe mit Ash in jeder Hinsicht eine echte Ehe war, aber trotzdem … Als er es gesagt hatte, hatte sie gleichzeitig eine tiefe Erschütterung in der Nähe ihres Herzens gespürt, als ob es ihm geantwortet hätte.
Ash war seit ihrer Trauung immer nur gut zu ihr gewesen und vorher eigentlich auch. Zuerst, nach den Misshandlungen ihres ersten Mannes, hatte sie es nicht ertragen, berührt zu werden, aber jetzt, fast ein Jahr später, versuchte sie, darüber hinwegzukommen. Sie zuckte immer noch hin und wieder zusammen, wenn jemand sie berührte, vor allem wenn sie nicht damit rechnete, aber sie würde sich wieder erholen. Sie wollte nicht, dass dieser Unmensch Macht über ihr Leben besaß, nachdem er es verlassen hatte.
Ash nahm von jeder Situation Abstand, distanzierte sich davon. Er war ein Mann des Geistes, nicht der Leidenschaft. Er bat sie entweder um Erlaubnis, bevor er sie berührte, oder zog sich zurück, wenn sie zusammenzuckte. Sie fühlte sich bei ihm sicher.
Sie wollte keine Leidenschaft.
Die Ruder tauchten ins Wasser, die entfernten Geräusche des Lebens an beiden weit entfernten Ufern klangen gedämpft zu ihnen herüber und hallten nur hin und wieder über die Wasseroberfläche, wenn andere Fähren in der Nähe vorbeifuhren. Der Gestank des verbrannten Pulvers kratzte ihr immer noch im Hals, und der allgegenwärtige Gestank des Flusses übertünchte jeden anderen Geruch in ihrer Nase. Sie hatte den größten Teil ihres Lebens in London verbracht und war unempfindlich gegen die Gerüche der großen Stadt geworden, aber hin und wieder setzten sie sich doch durch. Der Kontrast zwischen dem Brandgeruch und dem dumpfen Wasser war bemerkenswert, aber sie wollte ihn trotzdem nicht noch einmal erleben.
„Gehen wir zu der offiziellen Darbietung?“, fragte sie ihn.
„Möchtest du das gern?“
Sie überlegte. „Die Eintrittskarten sind sicher ausverkauft. Sie müssen schon vor Wochen weg gewesen sein.“ Das nahm ihnen die Entscheidung ab.
„Ich habe bereits welche.“ Er lächelte schief. „Freunde in wichtigen Positionen sind manchmal sehr nützlich.“
„Ach. Newcastle?“
„Ja.“
Der Bruder des Premierministers wohnte ganz in der Nähe, an den Lincoln’s Inn Fields. Newcastle House zog viele Besucher an, reiche und arme, aber der Duke war gütig zu Ash gewesen, seitdem Ash dem Duke, wie er sagte, „einen kleinen Dienst erwiesen“ hatte. Vor ihrer Hochzeit war sie nicht oft in seinem Haus gewesen, weil ihre Eltern zu einer anderen politischen Gruppe gehörten. Sie waren auch Whigs, aber von einem anderen Schlag.
„Wir sollten hingehen. Mir gefällt die Musik von Mr. Händel.“
„Dann werden wir hingehen. Vielleicht haben wir den Mord bis dahin aufgeklärt.“ Er breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und sah gähnend zum Himmel hinauf. „Ich habe dich noch gar nicht gefragt, ob dir das Feuerwerk gefallen hat.“
Früher hatte sich nie jemand die Mühe gemacht, ihr solche Fragen zu stellen. Sie war dorthin gegangen, wohin man sie geschickt hatte, und hatte getan, was man ihr aufgetragen hatte. Wie ein Gegenstand, eine passive Empfängerin von Befehlen und unaufrichtigen Komplimenten. Ihr Vergnügen war nicht von Belang gewesen.
„Es hat mir gefallen. Auch wenn es ein wenig extravagant war. Ich sehe nicht ein, warum man eine ganze Armee über den Himmel marschieren lassen muss.“
„Du warst nicht begeistert?“
„Von der Kunstfertigkeit der Feuerwerker, das auf jeden Fall. Aber nicht von der Haltung. Dieser Friede ist brüchig.“
„Mit Sicherheit. Aber er sollte eine Weile halten, lange genug, damit das Land sich neu ausrichten kann und die Waffenhersteller ihre Produktion beschleunigen können.“ Er warf ihr einen kurzen Blick zu, während er weiter den Kopf in den Nacken gelegt hielt. „Ich habe nicht vor, zur Armee zu gehen.“
„Gut. Deine Talente wären dort verschwendet.“ Er hatte andere Qualitäten, und die würden in der Armee einen schmerzhaften Tod sterben, weil dort niemand angehalten war, für sich selbst zu denken.
„Ich glaube, ich habe noch nie einen leuchtenden Sternenhimmel gesehen“, sagte er leise. „Oder ich kann mich nicht daran erinnern.“
Sie lehnte sich ebenfalls zurück.
In London hatte man wegen der Lage in einem Tal, wo die Stadt von der berüchtigten Wolke verdeckt wurde – eine Folge unzähliger Kohlefeuer und der allgemeinen Ausdünstungen der größten Stadt der Welt –, nur selten einen freien Blick in den Himmel. Heute Abend, nach all dem Qualm, der von dem Feuerwerk aufgestiegen war, konnte man vom Himmel höchstens sagen, dass er dunkel war.
„Bist du nie auf dem Land gewesen?“
Er zuckte mit den Schultern. „Gelegentlich. Aber ich habe nie nach oben gesehen.“ Er drehte den Kopf und schenkte ihr eines seiner seltenen freundlichen Lächeln. „Vielleicht sollten wir hinausfahren und gemeinsam die Sterne beobachten.“
„Ja. Das wäre schön.“ Sie konnte nicht mehr sagen. Seine Freundschaft bedeutete ihr mehr als jede andere. Dieses Wunder überwältigte sie manchmal.
Er berührte mit den Fingerspitzen ihren Hals. Die Berührung fühlte sich gut an.
Sie machte ihr so viel Mut, dass sie sich bewegte. Nicht von ihm fort, sondern auf seine Berührung zu. Jetzt streichelte er ihren Hals. Seine Finger waren warm, nicht bedrohlich, sogar angenehm. Sie konzentrierte sich auf sie, gestattete die Berührung und ließ sich auf sie ein.
„Würdest du dich auf dem Land nicht langweilen?“
Sein Lächeln wurde ein wenig breiter, ehe es erlosch. „Vielleicht. Aber auf dem Land geschehen auch Verbrechen. Hier sind es nur mehr auf engerem Raum. Heute Abend zum Beispiel. Wenn wir nicht dort gewesen wären, wäre die Angelegenheit bis morgen früh aufgeklärt gewesen. Ein Raubüberfall, der schiefgegangen ist, denn oberflächlich betrachtet scheint es einer zu sein. Aber ich glaube das nicht.“ Er redete, als ob er nicht gemerkt hätte, was gerade zwischen ihnen passiert war. Aber sie wusste genau, dass er es gemerkt hatte.
„Wie kommst du darauf?“
Er hob den Kopf und sah sie an, ließ seine Hand aber liegen, wo sie war. „Warum hat der Räuber wertvolle Dinge zurückgelassen? Das Feuerwerk hat den Schuss übertönt; niemand ist gekommen. Er hatte Zeit. Ich habe früher schon erlebt, dass Diebe jemandem die Knöpfe von der Jacke geschnitten haben. Er hätte sich zumindest den Hut des Mannes schnappen können. Die goldene Kordel hätte sich verkaufen lassen. Oder in seinen Taschen nach mehr suchen können als seinem Geldbeutel, der Uhr und vielleicht der Schnupftabakdose. Einem Dieb wäre so etwas nicht entgangen. Und die Waffe ist die Pistole eines Gentleman, teuer.“ Er sprach leise in der abendlichen Stille. „Entweder ist Coddington mit seiner eigenen Waffe getötet worden, oder er hat sich mit einem Freund getroffen. Ein Dieb würde eine Waffe wie diese nicht behalten. Er würde sie verkaufen und sich eine andere zulegen, die ihren Zweck genauso erfüllt.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Aber das ist noch nicht alles. Da ist noch etwas, das ich im Augenblick noch nicht ganz begreife. Ich spüre es.“
„So wie du etwas gespürt hast, als ich dir gesagt habe, dass ich meinen Mann nicht getötet hatte?“
Er hatte sie weiter sanft am Hals gestreichelt, doch jetzt hielt er inne.
„Ganz genau. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Was du erlebt hattest, hatte dich erschüttert, aber du warst nicht dazu zu bewegen, ein Geständnis abzulegen. Du hast keinen Zweifel daran gelassen, dass du ihn nicht getötet hattest. Deine Situation hätte auch für eine viel stärkere Frau das Ende sein können, aber sie hat dich nie gebrochen.“
„Nein. Und er wird nach seinem Tod keine Macht mehr über mich haben. Ich weigere mich, das zuzulassen.“
„Genau.“ Er sah sie an und streichelte mit den Fingerspitzen die Seite ihres Halses.
„Ich bin seit Langem mit Verbrechen und Verbrechern vertraut. Du kennst ja mein Arbeitszimmer und die Akten, die ich dort aufbewahre.“
„Ich habe … ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen.“
„Sie sind mit Sicherheit detaillierter als die meisten anderen, aber das gehört zum Lernprozess dazu.“ Es war typisch für ihn, ein Kompliment nicht zur Kenntnis zu nehmen. „Aus ihnen ergeben sich ein Muster, ein Erwartungshorizont und Verhaltensregeln. Sie können vorhersehbar sein. Und irgendwann lösen sich diese Muster in etwas Soliderem auf, genau wie ich in diesem Fall spüre, dass irgendetwas nicht stimmt.“
Ein leises Klopfen zeigte, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Dann musste ihr Fährmann am Anleger darauf warten, dass er an der Reihe war. Sie schaukelten auf dem Wasser, das sanfte Schwanken war offensichtlich zu viel für einen Mann, der zwei Boote vor ihnen war. Er lehnte sich über den Bootsrand und erbrach sich. Rufe wie „Im Ernst!“ und „Schämen Sie sich nicht?“ erklangen von den anderen Booten.
„Wir könnten uns auf die Suche nach einer Droschke für dich machen, aber wenn wir noch ein Stück gehen, stehen die Chancen besser, dass wir eine finden“, sagte er.
Juliana kannte die Menschenmengen in Vauxhall von früher und sie hatte nicht vor, stundenlang auf eine Kutsche zu warten. „Ich kann gern gehen.“
„Ich möchte nicht sofort nach Hause“, erklärte er ihr. „Ich werde die Witwe besuchen und ihr die Nachricht überbringen, bevor es jemand anderes tut. Aber zuerst bringe ich dich sicher nach Hause.“
„Ich würde dich lieber begleiten“, sagte sie. „Vielleicht hilft es ihr, dass eine andere Frau dabei ist, wenn sie die traurige Neuigkeit erfährt.“
Er verzog kaum merklich einen Mundwinkel. „Bist du nicht zu erschöpft von diesem Abend?“
„Hältst du mich für einen Schwächling?“, fragte sie empört. „Erschöpft? Lieber Himmel, nein!“ Eine Kirchturmuhr in der Nähe fing an, elf Uhr zu schlagen, gefolgt von allen anderen in der Stadt. Die festen, verlässlichen Glockenschläge waren einer der Gründe, warum sie diese Stadt liebte. Sie bemerkte sie kaum noch, aber dieses Mal hielt sie der Klang davon ab, ihr Gespräch fortzusetzen. Als die Glockenschläge aufgehört hatten, hatten sie den Anleger erreicht.
Ash half ihr beim Aussteigen. Sie kämpfte sich ein wenig würdelos an Land, aber ihre Röcke blieben zum größten Teil trocken. Sie standen auf einem wackligen Steg, von dem aus man direkt nach Millbank kam.
„Die Witwe wohnt in der Great Jermyn Street. Ich kenne einen Ort, wo wir wahrscheinlich eine Droschke finden.“
Sie hatte keine Lust, in einer muffig riechenden Droschke zu sitzen. „Ich kann zu Fuß gehen.“
Seit ihrer Ehe hatte sie etwas gegen enge Räume, sie mochte das Gefühl des Eingeschlossenseins nicht, das sie darin überkam. An einem schönen Abend wie heute zog sie einen Spaziergang eindeutig vor.
„Wir könnten uns einen Fackeljungen nehmen“, fügte er hinzu. „Irgendjemand wird schon genau wissen, wo wir Coddingtons Haus finden.“
„Ja.“
Zwischen fünfzehn und zwanzig Fackeljungen huschten um die Anleger herum, ihre Fackeln hüpften in einem wahllosen Tanz auf und ab. In einer gefährlichen Stadt mit schmalen, unbeleuchteten Straßen konnte nur ein Bettler, der nichts zu verlieren hatte, oder ein Narr ohne Licht unterwegs sein. Um diese Abendzeit war es fast eine Notwendigkeit, sich von einem Fackeljungen begleiten zu lassen.
„Junge“ war keine zutreffende Beschreibung für sie, vom Geschlecht abgesehen. Es gab kleine Kinder, deren Alter noch einstellig war, aber auch gebeugte alte Männer mit zitternden Händen; ihrer aller Fackeln loderten grell im Zwielicht.
Ein Mann stand ein Stück von den anderen weg; er hielt seine Fackel ganz still. Nachdem Ash sich die Verhältnisse einmal sehr genau angesehen hatte, ging er direkt auf ihn zu.
„Jack“, sagte er.
Er kannte einen Fackeljungen mit Namen? Juliana stand still daneben, während der Mann Ash mit einem Grinsen ansah, bei dem seine Zahnlücken sichtbar wurden, und einen Schwall unverständlicher Worte von sich gab.
Jack war hochgewachsen, schlaksig und in ein farbenfrohes Sammelsurium von Kleidungsstücken gehüllt, angefangen bei einem blauen Samtmantel, der an einigen Stellen abgetragen, an anderen leuchtend blau war, bis hin zu einer Weste, die vielleicht irgendwann einmal rosafarben gewesen war. Ein fleckiges Halstuch war lose um seinen Hals geknotet und obwohl niemand außer den Mitgliedern des Oberhauses der Verordnung nach Schwerter tragen durfte, hatte er eins an seinen Gürtel geschnallt. An seinem Hut steckte eine ganze Sammlung von Nadeln und Broschen. Sie hatte keine Ahnung, was er sagte oder welche Sprache er sprach, bis sie ein paar Worte aufschnappte, die sie schon einmal gehört hatte. „Mort … nab… Taube …“ Aber sie brachte sie trotzdem nicht so zusammen, dass es Sinn ergab.
„Lass das mit dem Kauderwelsch, Jack“, sagte Ash, als er zu Wort kam.
Jack sah sie an und dann Ash. „Ach. Dachte, Sie wollen die Mort da raushalten.“
Ash grinste. „Die Mort ist meine Frau, Jack. Wissen Sie nicht mehr, dass ich geheiratet habe? Wenn Sie sie irgendwo sehen, seien Sie respektvoll.“
Jack trat einen Schritt zurück und verneigte sich so tief, dass er sich selbst in Gefahr brachte, weil er die Fackel nicht losließ, aber er hielt sie im letzten Augenblick wieder über seinen Kopf. „Mylady“...
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