Die Leidenschaft siegt

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Jon Tucker ist überzeugt, ein schlechter Vater zu sein. Daran ist schon seine Ehe zerbrochen. Deshalb sollte er sich von der hübschen Rianne besser fernhalten, schließlich ist sie ein absoluter Familienmensch. Aber das fällt ihm alles andere als leicht…
  • Erscheinungstag 29.07.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778682
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Diese verflixte Frau und ihre Katze!

Jon Tucker sprang die Treppe seiner Veranda hinunter und lief durch den Garten, der mit Unkraut überwuchert war. Unter seinem Arm hielt er einen Karton, in dem sich etwas bewegte. Eigentlich mochte er Katzen. Aber er wollte nicht, dass sie in seinem Garten herumstreunten. Das war alles. Er wollte, dass überhaupt niemand auf seinem Grundstück herumlief.

Er liebte sein Einsiedlerleben.

Deswegen hatte er dieses alte viktorianische Haus gekauft, das sich am Ende einer abgelegenen Straße befand, und zu dessen Grundstück fast ein Hektar Wald gehörte.

Seine Brüder wussten, warum er sich so zurückzog, trotzdem hatten sie mehr als einmal versucht, seine Meinung zu ändern. Wer konnte es ihnen übel nehmen? Schließlich war er zweiundzwanzig Jahre fort gewesen.

Gut, Luke und Seth konnte er verzeihen.

Aber nicht seiner Nachbarin.

Diese Frau wollte es einfach nicht begreifen. Katzen waren nun einmal Streuner. Seit er nach Oregon zurückgekehrt war, hatte er fast den Eindruck, von Katzen regelrecht umzingelt zu sein. Und jetzt hatte eine davon auch noch die Frechheit besessen, auf seinem Sweatshirt drei kleine Kätzchen zur Welt zu bringen. Ausgerechnet auf seinem Lieblingsshirt! Das einzige Sweatshirt, das er noch von der Polizeiakademie besaß. Das letzte Überbleibsel eines Berufs, den er zwei Jahrzehnte mit Herz und Seele ausgeübt hatte.

Das letzte Verbindungsglied zu seinen Erinnerungen.

Und zu seinen Albträumen.

Dafür würde diese Nachbarin zahlen. Verdammt, genau das würde sie!

Er ging durch die Lücke zwischen den übermannshohen Lebensbäumen, die als eine Art Hecke dienten und die beiden Gärten voneinander trennten. Wahrscheinlich hatten die Besitzer, die vor vielen Jahren diese Bäume gepflanzt hatten, auf besserem Fuß mit ihren Nachbarn gestanden. Es hatte sie offensichtlich nicht gestört, dass ihre Kinder und Haustiere mit der Zeit diesen Trampelpfad durch die Hecke bildeten. Nun, bei ihm würde so etwas erst gar nicht einreißen. Er würde gleich morgen einen Lebensbaum kaufen und ihn in die hier entstandene Lücke pflanzen.

Er rückte den Karton unter dem Arm zurecht und lief die drei Stufen zur Veranda des Hauses hinauf, das bedeutend kleiner war als seine viktorianische Villa. Während er an die Tür klopfte, sah er sich um. Das Haus brauchte dringend einen neuen Anstrich, aber der Garten sah aus, als ob ein Landschaftsgärtner ihn entworfen hätte. Der Rasen war sattgrün und gepflegt, und Stiefmütterchen, Narzissen und Tulpen blühten in steinumrandeten Rabatten. Obstbäume streckten ihre blühenden Zweige der warmen Maisonne entgegen.

Er klopfte noch einmal.

Wo war die Lady? Er hatte doch ihren roten Wagen draußen stehen sehen.

Die Tür wurde geöffnet. Und das erste Mal sah er nun seine Nachbarin.

Auf einmal war sein Zorn verschwunden, und er brachte kein Wort hervor.

Die Frau reichte ihm gerade bis zur Schulter, hatte rötliches Haar, trug ein verwaschenes blaues Sweatshirt und war barfuß. Ihre Füße waren schmal und gepflegt und ihre Fußnägel rotbraun lackiert.

„Ja?“

Er schaute ihr in die sanften braunen Augen und bemerkte, dass sie überrascht blinzelte und für einen Moment den Atem anhielt.

Ein Miauen riss ihn aus seiner Befangenheit.

Hey, Jon, wach auf! Du bist aus einem bestimmten Grund hier. Er hielt ihr den Karton entgegen. „Ihre Katzen“, sagte er.

Während sie den Karton entgegennahm, wurde die Tür noch weiter geöffnet und ein Mädchen, das ein wenig jünger als Brittany sein mochte, schaute ihn an.

„Katzen?“ Die Frau runzelte erstaunt die hübsche Stirn. „Wir haben nur eine. Entschuldigen Sie, wir versuchen sie im Haus zu behalten, aber manchmal schlüpft sie einfach unbemerkt zur Tür hinaus.“

„Nun denn. Dann sollten Sie besser auf das Tier aufpassen. Auf die Tiere. Denn jetzt haben Sie vier“, erwiderte er schroff. „Ihr süßes Kätzchen hat Junge geworfen.“

Sie schaute unter den Deckel, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Oh“, rief sie aus, „Sweetpea … Kein Wunder, dass du so dick warst!“

„Sweetpea? Warum in aller Welt heißt eine Katze Zuckererbse?“

Seine Nachbarin schaute ihn an, und seine Kehle war auf einmal wie zugeschnürt. Sie hatte ein so offenes und freundliches Gesicht. Das Leben ist nicht freundlich, hätte er ihr am liebsten gesagt. Es ist grausam. Gemein. Ungerecht.

Sie lächelte ihn schüchtern an. „Meine Tochter Emily …“, sie schaute nach hinten zu ihrem Kind, „… hat Sweetpea vor einem Monat in unserem Gartenschuppen gefunden – zwischen vertrockneten Zuckererbsenranken. Das Tier war spindeldürr und völlig ausgehungert. Sie muss ewig nicht mehr gefüttert worden sein. Wir haben eine Anzeige in die Zeitung gesetzt, aber bis jetzt hat sich niemand gemeldet.“

Jon schaute die Frau an, deren braune Augen goldfarben und grün gesprenkelt waren, und wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie …“ Sie trat einen Schritt vor. „Wo haben Sie Sweetpea denn gefunden?“

„Auf meinem Sweatshirt.“ In einer Ecke seiner Veranda, um genauer zu sein. Er hatte an einem neuen Geländer gearbeitet, das Sweatshirt ausgezogen und auf einen der Gartenstühle gelegt, als es ihm zu warm geworden war.

Jon lief die Treppe hinunter und ging auf die Lücke in der Hecke zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Sweetpea“, murmelte er. ‚Wildfang‘ hätte besser gepasst, wenn man sich die Kratzer auf seinen Händen ansah.

Rianne Worth schaute auf den breiten durchtrainierten Rücken ihres Besuchers, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Jon Tucker.

Du lieber Himmel, wann hatte sie ihn das letzte Mal gesehen? Zwanzig Jahre musste das mindestens schon her sein. Sie hatte ihn nicht sofort erkannt. Doch als er ihr in die Augen geschaut hatte, wusste sie schlagartig, wer er war. Diese Augen würde sie niemals vergessen. Es waren Augen, die ihr sogar noch oft in ihren Träumen begegneten.

„Wer war der Mann, Mommy?“

Rianne wandte sich ihrem Kind zu. Ihr schüchterner kleiner Engel. Eines Tages – sie hoffte, schon bald – würde ihre Emily, wie jede andere Neunjährige, unbekümmert und lachend auf Besucher zulaufen. Das wirst du, Emily, das verspreche ich dir. „Unser neuer Nachbar, Liebling.“

„Er sieht böse aus.“

Rianne konnte es nicht leugnen. Er hatte tatsächlich böse ausgesehen. Zumindest sehr verärgert.

Was hatten die Jahre ihm angetan, dass er jetzt so kalt und abweisend wirkte? Der Jon Tucker ihrer Jugend stieg vor ihrem geistigen Auge auf. Zerzauste schwarze Haare, Lederjacke, der alte gelbe Pick-up. Er war lässig und cool gewesen und hatte ein großes Herz gehabt.

„Ist er wie Daddy?“

Um Himmels willen! „Nein, Liebling. Er ist nicht wie dein Vater.“ Zumindest nicht der Jon, an den sie sich erinnerte. „Er will nur nicht gestört werden, das ist alles“, erklärte sie. Sie kniete nieder und öffnete den Karton. „Komm, sehen wir nach, was er uns gebracht hat.“

„Oh, Mommy!“ Emily stockte der Atem. „Sweetpea hat Babys bekommen!“ Sie steckte vorsichtig einen Finger in den Karton.

„Pass auf, Kleines. Du darfst die Kätzchen noch nicht berühren. Warte damit wenigstens noch eine Woche.“

„Ich weiß. Das haben wir im Biologieunterricht gelernt.“

Rianne strich ihrer Tochter übers Haar. „Gut, dass du dich daran erinnerst hast.“

„Sie sind so niedlich.“

„Ja, das sind sie.“ Selbst wenn sie noch winzig klein, nackt und mit geschlossenen Augen an den Zitzen ihrer Mutter hingen. „Wann sind sie geboren worden?“

„Ich glaube heute.“

Emily sah ihre Mutter fragend an. „Hat der Mann Sweetpea geholfen, die Babys zu bekommen?“

„Nein. Sie hat die Babys alleine bekommen.“

„War er deshalb so böse?“

„Wer?“

„Na, der Mann.“

„Ich sagte dir doch schon, er war nicht böse, Schatz. Er war nur … besorgt.“ Er hatte den Charme eines bissigen Kettenhundes versprüht. Trotzdem konnte sie seine tiefblauen Augen nicht vergessen.

Seit das Verkaufsschild vor ungefähr einem Monat verschwunden war, hatte ihr neuer Nachbar an der alten Villa nebenan gearbeitet. Sie hatte oft zu ihm hinüber geschaut, doch er hatte weder gewunken, noch genickt oder gar Hallo gesagt. Sie allerdings auch nicht.

Und jetzt?

Er hatte sie anscheinend nicht erkannt, schien keine Lust auf gute nachbarschaftliche Beziehungen zu haben, und Tiere mochte er offensichtlich auch nicht. Sie würde jetzt noch besser auf Sweetpea achten und so bald wie möglich einen Termin beim Tierarzt vereinbaren müssen. Das Tier gehörte dringend kastriert.

Rianne nahm den Karton und stand auf. „Komm, wir bringen die Kätzchen rein. Sweetpea hat bestimmt Hunger. Außerdem braucht sie ein Bett für ihre Babys.“

Sie trug den Karton in die Küche und stellte ihn neben die Fressnäpfe. Sweetpea entzog sich vorsichtig ihrem Nachwuchs, sprang heraus und trank gierig von dem frischen Wasser, das Rianne ihr hingestellt hatte.

„Schau mal, wie viel Durst sie hat, Mom.“ Emily hatte sich neben die Katzenfamilie gekniet. „Und Hunger hat sie auch“, fügte sie hinzu, als Sweetpea sich über das Katzenfutter hermachte.

Die Hintertür wurde aufgerissen und mit einem lauten Knall wieder zugeschlagen. „Hallo, Mom! Was gibt’s zu essen?“

Sam, Riannes dreizehnjähriger Sohn, kam mit zerzaustem Haar und geröteten Wangen in die Küche gestürzt.

„Hey, wie süüüß!“ Er warf seinen Rucksack auf den Boden und kniete sich neben seine Schwester. „Sweetpea hat ja Junge bekommen. Cool!“

Riannes Herz quoll vor Liebe über. Jeder Moment der unbeschwerten Freude war ein Geschenk. Und sie hatte sich in der Vergangenheit geschworen, ihren Kindern so viele dieser Momente wie möglich zu bescheren.

„Was ist das für ein Hemd?“ Sam betrachtete das verwaschene marineblaue Hemd, das auf dem Kartonboden lag.

„Es gehört unserem Nachbarn, Jon Tucker.“

„Der Motorradtyp? Der mit den langen Haaren und dem Tattoo hier?“ Er wies auf seinen linken Unterarm.

„Ja.“

„Oh, Mann, das ist ja obercool. Jetzt, wo du ihn kennst, darf ich da hinübergehen und mir seine Harley anschauen?“

„Besser nicht, Sam“, warf Emily ein. „Der ist ziemlich gemein.“

Sams Lächeln verschwand. „Gemein?“

Also gut, dachte Rianne. Das muss sofort geklärt werden. „Mr. Tucker ist nicht daran gewöhnt, Tiere um sich zu haben, Sam. Es sieht so aus, als ob Sweetpea ihn regelmäßig besucht hätte.“

„Aber sie ist doch nur eine Katze.“

„Manche Leute mögen eben keine Katzen. Vielleicht hat Mr. Tucker als Kind schlechte Erfahrungen gemacht, oder er ist allergisch gegen Katzen. So wie Em gegen Kürbis. Du weißt doch, was für einen Ausschlag sie bekommt, wenn sie Kürbisgemüse gegessen hat.“

Emily nickte, Sam schaute sie nur an.

„Man weiß nie, wie Leute auf Tiere reagieren“, fuhr sie fort und legte dann eine effektvolle Pause ein. „Em weint, wenn sie den Ausschlag hat, weil er so juckt. Aber ein Mann wie Mr. Tucker weint nicht. Er reagiert eben anders.“

„Warum weint er nicht?“, fragte Emily.

Sam rollte mit den Augen. „Weißt du das denn immer noch nicht? Männer weinen nicht.“

Rianne hockte sich zwischen die Kinder. „Männer weinen auch. Es hängt immer vom einzelnen Menschen und von den Umständen ab.“

„Dad hat nie geweint“, stieß Sam hervor. „Er hat nur … nur …“

„Wie ich schon sagte, hängt es vom Einzelnen ab, Liebling. Und nur weil man einen Menschen nicht weinen sieht, bedeutet das noch lange nicht, dass er nicht leidet.“

„Leidet unser Nachbar?“

„Nein, bestimmt nicht. Wahrscheinlich hatte er einfach nur einen schlechten Tag.“ Sie umarmte beide Kinder kurz und erhob sich wieder. „So, und jetzt sollten wir uns um Sweetpea und ihre Babys kümmern. Wir müssen sie in ihren Korb betten.“

Gesagt, getan. Zusammen breiteten sie ein altes zusammengefaltetes Laken im Katzenkorb aus, hoben vorsichtig die Katzenkinder mit einem Tuch in den Korb und stellten ihn in Riannes Nähzimmer, in das fast den ganzen Tag die Sonne schien. Sweetpea legte sich satt neben ihre Katzenkinder und leckte sie zufrieden ab. Ihre Welt war in Ordnung.

Und auch unsere wird es bald sein, dachte Rianne, als sie sah, wie Sam und Emily glücklich ihre Katze streichelten. Sie hatten ein glückliches liebevolles Zuhause verdient. Und Freunde. Eben ein ganz normales Leben. So wie sie es gehabt hatte, als sie in Misty River aufgewachsen war.

„Wirst du dem Mann sein Hemd zurückbringen, Mom?“, fragte Emily, als Rianne Jons Hemd aufhob.

„Ja, aber ich muss es erst waschen.“

Sam stellte sich neben Rianne und fuhr über das große aufgedruckte S. „Was bedeutet das ‚S‘?“

Rianne faltete das Hemd ein bisschen auseinander. Ein Wappen mit goldfarben gedruckten Buchstaben erschien. Police Seattle. Jon war Polizist?

Sam beugte sich vor. „Was bedeutet das?“ Rianne knüllte das Hemd gedankenverloren zusammen. „Es ist von der Geburt noch ganz verschmutzt“, wich sie aus. „Sam, du kannst dir einen von den Brownies nehmen, die wir gestern gebacken haben.“

„Darf ich auch zwei haben? Ich habe Hunger.“

„Ich auch, Mom.“

„Also gut, jeder zwei und dazu ein Glas Milch. Ich komme sofort zurück, wenn ich die Waschmaschine angestellt habe.“

Sie ging die Kellertreppe hinunter zum Waschraum. Vielleicht war Jon ja auch kein Polizist. Vielleicht hatte er das Sweatshirt von einem Freund bekommen.

Und wenn er einer ist?

Wenn er einer ist, geht es dich nichts an.

Es bedeutete doch nur, dass Jon Tucker aus Misty River, Oregon, ein Officer geworden war. Was wusste sie schon von ihm? Nur eins: Dass er bestimmt nicht mehr der Mann war, an den sie sich erinnerte.

Nein. Mit vierzehn Jahren war sie von ihm begeistert gewesen. Sogar verliebt. Aber vor allem hatte sie Schwierigkeiten im Fach englische Literatur gehabt. Sie hatte einfach keinen Sinn in den Gedichten erkennen können, die sie im Schulunterricht lasen.

Doch der damals zwanzigjährige Jon Tucker hatte es gekonnt.

Sie hatte auf dem Beifahrersitz seines alten Pick-ups gesessen, während er ihr Gedichte vorgetragen und deren Bedeutung erklärt hatte. In jenem Jahr hatte sie ihre erste Eins in Englisch erhalten. Und Jon, der sie mit der Lässigkeit eines älteren Bruders behandelte, hatte ihr Herz gewonnen. Ein Jahr später hatte er dann Misty River verlassen, und sie hatte ihn in einer Ecke ihres Herzens aufbewahrt und nie vergessen.

Nicht in ihrer Highschoolzeit. Und auch nicht während ihrer katastrophalen Ehe.

„Mom?“, rief Sam.

„Bin gleich da!“

Sie schob das Sweatshirt rasch mit einigen anderen Pullovern und T-Shirts, die darauf warteten, gewaschen zu werden, in die Waschmaschine und stellte sie an.

Warum war Jon wieder nach Misty River zurückgekommen?

Und was hatte er gedacht, als er da in seiner verwaschenen Jeans und dem weißen T-Shirt vor ihrer Tür stand? Hatte er sie erkannt?

Was spielt das für eine Rolle?

In deinem Bauch flattern Schmetterlinge.

Tun sie nicht.

Natürlich tun sie das. Du weißt warum, nicht wahr?

Oh, ja, sie wusste, warum.

Jon Tucker war ihr Nachbar. Und sie war nicht länger ein vierzehnjähriges Mädchen mit einer Zahnspange.

„Und du denkst wirklich, dass es Juni wird, bis wir die Einfahrt neu pflastern können?“, fragte Jon. Er saß mit seinem Bruder auf der Verandatreppe und schaute auf seine holprige Einfahrt.

Seth nahm seine Baseballmütze ab, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schaute sich die zersprungenen Platten an, zwischen denen bereits das Unkraut herauswucherte. „Ich wünschte, ich hätte vorher Zeit. Aber mein Terminkalender ist voll. Du weißt doch, wie das ist.“

„Ja.“ Jon wusste es. Seth hatte eine kleine Baufirma und hatte für die nächsten sechs Monate mehr Aufträge, als er eigentlich annehmen konnte. Es schien so, als ob in diesem Frühling und Sommer jeder Hausbesitzer irgendetwas an seinem Gebäude oder Grundstück renovieren lassen wollte.

Jons Haus lag am Ende der schmalen Straße. Es war groß, und er hatte es sehr günstig erwerben können, aber es war eben auch sehr heruntergekommen, und er würde noch einiges investieren müssen, bevor es seinen Vorstellungen entsprach.

„Es sieht so aus, als ob es regnen wird“, bemerkte Seth und sah prüfend zum Himmel. Fantastisch. Wieder ein Tag, an dem er nicht an der Fassade des Hauses arbeiten konnte. Die Renovierung verzögerte sich zusehends. Mitte Juni, so sah es sein Zeitplan vor, hatte er eigentlich schon mit den Innenarbeiten beginnen wollen – vor allem mit Britannys Kinderzimmer.

„Gut“, sagte Jon und lächelte. „Wenn man den Preis bedenkt, den du mir in Rechnung stellen wirst, kann ich gut noch bis Juni warten.“ Außerdem konnte er von seinem Bruder nicht verlangen, dass er einen zahlenden Kunden abwies, nur weil sein verschollener Bruder plötzlich wieder in der Stadt auftauchte.

Nebenan fuhr der alte rote Toyota seiner Nachbarin vor. Seine Nachbarin, die jetzt stolze Besitzerin von drei jungen Kätzchen war. Doch das war nicht der Grund, warum er fast den ganzen Tag an sie gedacht hatte. Die Frau war einfach umwerfend sexy.

„Hast du bereits mit ihr gesprochen?“, fragte Seth, während er genau wie Jon zu der jungen Frau hinüber sah, die jetzt aus ihrem Wagen ausstieg.

„Gestern. Für ungefähr sechzig Sekunden. Scheint ganz nett zu sein.“ Obwohl das für ihn keine Rolle spielte. Er legte keinen Wert auf gute Nachbarschaft.

„Sie ist wieder Single.“

„Hm.“ Das hatte Jon sich bereits gedacht. Seit er hier wohnte, hatte er keinen Mann bei ihr gesehen.

Die Frau hielt eine braune Einkaufstüte im Arm und schaute jetzt unverwandt zu ihm hinüber. Sie rührte sich nicht, öffnete nicht den Mund, sondern schaute ihn einfach nur an.

Aus dem Garten kam jetzt ein ungefähr zwölfjähriger Junge zu ihr herübergelaufen.

„Hallo, Liebling.“ Ihr Lächeln war so herzlich und liebevoll, dass sogar Jon gerührt war.

„Hallo, Mom.“ Das Kind griff zu dem Fahrrad, das an dem Zaun lehnte. „Darf ich noch eine halbe Stunde zu Joey gehen?“

„Wo ist Emily?“

„Bei den Kätzchen. Darf ich gehen?“

Wetterleuchten erhellte den dunklen Himmel, und Donner grollte in der Ferne. Sie schaute an Jon und Seth vorbei in Richtung nach Westen. „Nicht heute, Sam.“

„Ach, Mom … Ich fahre auch ganz schnell“, fügte er eifrig hinzu.

„Nein, Sammy. Erstens ist es bereits nach acht, und zweitens will ich nicht, dass du in ein Gewitter kommst.“

„Biiitte.“

Sie schaute kurz in Jons Richtung. „Ich sagte Nein.“

Ohne ein weiteres Widerwort stellte der Junge das Fahrrad an den Zaun und lief zurück in den Garten. Sie straffte die Schultern und warf einen dritten und letzten Blick in ihre Richtung. Jon hätte fast gelächelt. Diese Frau hatte Mumm.

Sie hatte es auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen, obwohl sie Zuschauer gehabt hatte. Das allein war schon Bewunderung wert. Er nickte ihr leicht zu, und sie erwiderte seine Geste und ging dann mit hocherhobenem Kopf ins Haus.

Die ersten Regentropfen fielen und Seth stellte seine leere Coladose ab. „Nun, eins muss ich sagen, die Stadt hat lange nicht mehr so etwas Hübsches gesehen.“

„So?“

„Hm-hm.“ Er warf Jon einen prüfenden Blick zu. „Du kannst dich nicht an sie erinnern, nicht wahr?“

„Sollte ich?“

„Verflixt, ich dachte, dass jeder Junge ab zwölf sich sein Leben lang an diese hübsche Rothaarige erinnern könnte.“

Jon starrte zu ihrem Haus hinüber. „Sie ist … Rianne Worth?“

„Bingo.“

Was war er nur für ein Idiot! „Und was ist mit dem Ehemann?“

„Tot, wie ich gehört habe. Sie ist irgendwann letzten Sommer hier aufgetaucht, hat zuerst eine Woche in einem Motel gelebt und ist dann in dieses Haus hier eingezogen. Sie ist Grundschullehrerin und arbeitet Teilzeit. Sie hat mir erzählt, dass sie hin und wieder auch an der Highschool einspringt, wenn Lehrer ausfallen.“

Jon schwieg. Rianne Worth war also seine Nachbarin. Und er hatte sie nicht einmal erkannt. Offensichtlich war er wirklich Jahrzehnte von der Zeit entfernt, als er noch ein Teenager gewesen war. Damals hätte er schon alles darum gegeben, in einer Straße mit ihr zu wohnen.

Das war vor vielen Jahren gewesen, vor sehr vielen Jahren.

Der Regen war jetzt stärker geworden. Seth erhob sich und setzte seine Baseballkappe auf. „Okay, ich muss los.“

„Ja.“ Jon stand ebenfalls auf. „Wir sehen uns morgen.“

Sein Bruder rannte mit eingezogenen Schultern zu seinem grünen Pick-up hinüber, und zwei Minuten später war Jon wieder allein.

Es regnete nun immer stärker, und Donner grollte laut und bedrohlich, doch Jon machte keine Anstalten, hineinzugehen. Seit er ein Kind war, hatte er den Regen geliebt. Stundenlang war er im Regen herumgelaufen, wenn seine Mutter wieder einmal besonders betrunken gewesen war. Er hatte sich nicht wie sein Vater in den Gartenschuppen zurückgezogen. Oder wie seine Brüder auf sein Zimmer. Nein, er ging immer nach draußen. Und hatte es geliebt, wenn es dabei regnete.

Wenn der Regen ihn durchnässte und seine Haut kühlte, vergaß er ein wenig, wie viel Hässlichkeit diese Welt bereithielt. Doch es hätte niemals so viel regnen können, dass alle Hässlichkeit verschwinden könnte.

Ein Geräusch zur Linken erregte seine Aufmerksamkeit. Rianne Worth, die immer noch ihren Rock und ihre Pumps trug, war mit einem großen bunten Regenschirm herausgekommen und versuchte jetzt zwei Einkaufstüten aus dem Kofferraum zu heben. Sie waren offensichtlich zu schwer. Sie hatte jetzt die Wahl: Den Regenschirm beiseitezulegen und nass zu werden oder eben nur eine Tüte nehmen.

Er könnte ihr helfen.

Misch dich nicht ein!

Sie versuchte es noch einmal, gab dann auf und holte nur eine Tüte heraus.

Ah, verdammt.

Jon lief über den aufgeweichten Rasen hinüber und machte einen Schritt über das Rosenbeet, das sich an ihrer Einfahrt befand. Dann ging er zum offen stehenden Kofferraum und nahm die restlichen fünf Tüten heraus. Als er sich umdrehte, stand Rianne nur zwei Meter entfernt vor ihm. Zierlich und hübsch unter dem riesigen Regenschirm. Rianne.

Zweiundzwanzig Jahre waren vergangen. Was sollte er jetzt sagen? „Du bist ganz schön erwachsen geworden?“, oder: „Ich habe dich zuerst gar nicht erkannt?“

Verdammt, in der letzten Zeit kannte er sich ja selbst kaum.

„Mach den Kofferraum zu“, sagte er stattdessen und ging an ihr vorbei auf das kleine Haus zu, während er den Kopf wegen des strömenden Regens zwischen die Schultern zog.

Als sie die Veranda erreicht hatten, schüttelte Rianne den Regenschirm kurz aus, schloss ihn und lehnte ihn gegen die Wand. Dann hielt sie Jon die Tür auf, damit er ins Haus gehen konnte.

In dem schmalen Flur blieb er unschlüssig stehen. „Wohin?“

„Gleich rechts.“

Ihr Duft vermischte sich mit der feuchten Luft.

Er ging in die Küche, die die Größe seines Badezimmers hatte, und stellte die Tüten vor dem Kühlschrank ab. Als er sich wieder aufrichtete, stand sie in der Tür.

„Danke“, sagte sie in demselben sanften Ton, an den er sich noch gut erinnern konnte.

„Gern geschehen.“ Er schaute auf seine Stiefel, die dreckige Spuren auf den Fliesen hinterlassen hatten. „Ich habe deine Küche verschmutzt.“ Er sah zu ihr hinüber. „Weißt du, warum ich dich auf einmal duze? Erinnerst du dich an mich?“

Sie schaute ihn unverwandt an. „Ja. Das tue ich.“

Es wunderte ihn nicht. Vor zwei Jahrzehnten kannte jedes Kind die Tuckers. In einem Städtchen, in dem nur etwas über tausend Einwohner lebten, war das nicht schwer. Vor allem, weil die Mutter fast jeden Tag betrunken über den Gehweg getorkelt war …

„Nun dann, schönen Abend noch“, stieß er hervor.

„Jon.“ Aus ihrem Mund hatte sein Name wie eine Zärtlichkeit geklungen. „Wie wäre es, wenn du auf einen Kaffee bleibst? Du warst so nett, mir zu helfen und …“ Das zaghafte Lächeln von gestern erschien auf ihrem Gesicht. „Ich fühle mich dafür verantwortlich, dass Sweetpea dein Sweatshirt verschmutzt hat.“

„Vergiss es. Die Katze hat einen Platz zum Gebären gesucht, und das Sweatshirt war für sie offensichtlich nützlich.“

„Ich habe es gewaschen. Warte einen Moment.“ Sie verschwand im Flur.

Er atmete tief durch. Also gut. Er würde auf eine Tasse Kaffee bleiben. Er ging zur Haustür, zog seine Stiefel aus und stellte sie draußen auf die Matte, auf der ‚Herzlich Willkommen‘ stand.

Er hörte ihre Schritte. „Jon?“

„Hier.“

„Gut. Du bist also doch geblieben.“ Sie lächelte, legte das sorgfältig gebügelte Sweatshirt auf den Tisch und ging dann zur Kaffeemaschine hinüber. Nachdem sie die Maschine angestellt hatte, drehte sie sich abrupt um.

„Bist du Polizist?“, fragte sie unvermittelt.

„Ich war einer. Ich habe die Polizei vor einem Monat verlassen.“

Man hatte ihm gesagt, dass er Urlaub nehmen sollte, aber er hatte sich entschieden, den Dienst zu quittieren. Nach Nicks Tod war er nicht mehr derselbe gewesen, und seine Arbeit hatte darunter gelitten. Verdammt, nach dem Tod seines Sohnes war sein Leben ein Albtraum geworden, aus dem er immer noch nicht erwacht war.

„Wo sind deine Kinder?“, fragte er schließlich.

Autor

Mary J Forbes
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