Die namenlose Schöne

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Ich muss stark bleiben! Auch wenn Emma sich nichts Schöneres vorstellen kann, als mit dem breitschultrigen Sheriff Tucker Malone die Liebe zu genießen, darf sie sich nicht dazu hinreißen lassen. Zu viel spricht dagegen: Emma hat ihr Gedächtnis verloren und weiß nichts von ihrem vorherigen Leben, und Tucker hat ihr bereits klar gemacht, dass er an einer festen Beziehung nicht interessiert ist …
  • Erscheinungstag 19.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757090
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Sheriff Tucker Malone legte die Papiere aus der Hand, stand vom Schreibtisch auf, streckte sich und trat ans Fenster. Eine Frau namens Emma lenkte ihn viel zu sehr ab.

Halloween verlief in Storkville, Nebraska, für gewöhnlich sehr ruhig. Nur einige schlimmere Streiche wurden gemeldet. Heute Abend war er länger im Büro geblieben für den Fall, dass er gebraucht wurde. Und es gab noch einen Grund. Es beunruhigte ihn, wie er auf eine Frau reagierte, die sich nicht einmal mehr an ihren Namen erinnerte. Zum Glück trug sie eine Halskette mit dem eingravierten Namen Emma darauf. Das war jedoch der einzige Anhaltspunkt für seine Nachforschungen.

Tucker Malone wandte sich vom Fenster ab und griff nach dem Foto der Frau, das auf dem Schreibtisch lag. Er hatte es selbst gemacht, um es per Fax in die umliegenden Städte zu schicken. Schließlich musste diese Frau an einen Ort gehören … und zu jemandem. Ein Straßenräuber hatte ihr die Handtasche sowie eine kleine Reisetasche abgenommen. Darin hatte sich alles befunden, womit man sie hätte identifizieren können. Niemand in Storkville kannte sie, doch sie war bestimmt nicht weit gereist. Man hatte in der Stadt kein herrenloses Fahrzeug gefunden. Es war ein Rätsel.

Funkelnde grüne Augen blickten ihm vom Foto entgegen. Gelocktes dunkelrotes Haar umgab das Gesicht wie eine weiche Wolke. Die Haut war unbeschreiblich zart, und sie lächelte ganz reizend. Wann immer sie ihn ansah, wollte er sie beschützen und …

Nimm dich zusammen, ermahnte er sich. Finde heraus, wer sie ist, und schick sie zurück, wo sie hingehört.

Die letzten drei Tage hatte sie unter seinem Dach verbracht, und das trieb ihn allmählich zum Wahnsinn. Zwei Monate lang hatte Emma bei Gertie Anderson gewohnt. Gertie hatte den Raubüberfall und Emmas Sturz beobachtet. Nun war Gerties Familie unerwartet aus Schweden zu Besuch bekommen, und daher hatte sie keinen Platz mehr für Emma. Ohne auch nur einen Moment vernünftig zu überlegen, hatte Tucker seine Gastfreundschaft angeboten.

Es war schon fast elf Uhr. Daher hoffte er, dass Emma bereits schlief, und nahm die Fliegerjacke von dem altmodischen Kleiderständer und den Stetson vom Haken an der Wand. Nachdem er sein Büro verlassen hatte, blieb er an einer offenen Tür stehen und wünschte Earl Grimes und Barry Sanchek eine ruhige Nacht.

Cora Beth Harper, die Telefon und Funkgerät versorgte, lächelte ihm zu, als er an ihrem Schreibtisch vorbeiging. „Sie haben lange gearbeitet. Fahren Sie vorsichtig.“ Cora Beth hatte pechschwarzes Haar, dessen Farbe vermutlich nicht echt war. Die rundliche Frau blieb in jeder Lage ruhig und bemutterte gern alle und jeden.

„Rufen Sie mich, falls Sie mich brauchen“, erwiderte er wie üblich und ging.

Der schwarze Streifenwagen des Sheriffs vom Cedar County stand am Straßenrand. Tucker holte die Schlüssel hervor und öffnete die Tür per Fernsteuerung. Während er einstieg, dachte er an die drei Jahre, die er nun in Storkville lebte, und an den relativen Frieden, den er hier gefunden hatte.

Die vorläufige Arbeit als Sheriff hatte vermutlich seinen Verstand und seine berufliche Laufbahn gerettet. Allerdings war diese Tätigkeit meilenweit entfernt von der Aufgabe eines verdeckten Ermittlers in Chicago. Den Einwohnern von Storkville hatte seine Arbeitsweise jedenfalls so sehr zugesagt, dass sie ihn für vier Jahre gewählt hatten. Dieser Ort und seine Arbeit hatten seinem Leben wieder Halt und vielleicht sogar Bedeutung gegeben.

In den schwach erleuchteten Wohnvierteln, durch die Tucker seine Runde drehte, war alles ruhig und wie es sein sollte. Allerdings wusste er nur zu gut, dass es hinter geschlossenen Türen manchmal ganz anders aussah.

Kurz darauf bog er in die Zufahrt zur Garage, die an ein einstöckiges Haus angebaut war, und drückte die Fernsteuerung für das Tor. Manchmal fragte er sich auch jetzt noch, wieso er ein so großes Haus gekauft hatte. Es war billig gewesen, weil es renoviert werden musste. Und es wies drei Schlafzimmer und ein Bad im ersten Stock sowie ein Wohnzimmer, eine große Küche und ein kleines Arbeitszimmer im Erdgeschoss auf. Außerdem hatte es einen Keller, der allerdings noch nicht fertig war.

Ganz sicher träumte er nicht von einer Familie. Mit der Unterschrift unter die Scheidungspapiere hatte er diese Hoffnungen begraben. Eigentlich war das schon an jenem Abend geschehen, an dem …

Hastig verdrängte er Erinnerungen, die er nicht ertrug, stellte den Streifenwagen neben seinen Pick-up, schloss das Garagentor und stieg aus. Durch eine Tür und einen kurzen Korridor gelangte er in die Küche. Das Licht über der Spüle brannte noch. Wahrscheinlich hatte Emma es für ihn brennen lassen.

Nachdem er die Jacke ausgezogen und zusammen mit dem Hut aufgehängt hatte, betrat er die Küche. Erst jetzt hörte er gedämpft den Fernseher.

Emma schlief offenbar doch noch nicht.

Emma hatte Tuckers Wagen gehört. Tucker hatte schon angekündigt, es würde spät werden. Sie hatte auf ihn gewartet, um wenigstens eine Weile mit jemandem zusammen zu sein, der ihr vertraut war. Bei dem Sturz hatte sie sich den Kopf gestoßen und das Gedächtnis verloren, und das bereitete ihr schwere Probleme. Was war denn, wenn sie sich nie an ihr Vorleben erinnerte? Wie sollte sie ein neues Leben beginnen?

Tante Gertie, Tucker und die Mitarbeiter in der Kinderkrippe, in der sie freiwillig arbeitete, waren die einzigen Menschen auf der ganzen Welt, die sie kannte. Als Tucker ihr ein Zimmer in seinem Haus anbot, hatte sie gezögert. Tante Gertie, wie sie fast von allen in der Stadt genannt wurde, hatte ihre Zweifel jedoch vertrieben. „Tucker Malone ist der ehrenhafteste Mann, den ich kenne“, hatte sie bestätigt, was Emma ohnedies schon geahnt hatte. „Er wird für Ihre Sicherheit sorgen, und er wird alles in seiner Macht Stehende tun, um herauszufinden, wer Sie sind.“

Als sich das Garagentor schloss, holte Emma tief Atem. Sie wusste nichts über ihre Erfahrungen mit Männern, doch groß konnten sie nicht sein. Der Arzt hatte ihr nach der Untersuchung im Krankenhaus erklärt, dass sie noch Jungfrau war. Wie auch immer – Tucker Malone war in ihren Augen der aufregendste Mann, den sie jemals gesehen hatte.

Sie hörte seine Schritte in der Küche. Er durchquerte das Esszimmer, und als er in der Tür auftauchte, bekam Emma Herzklopfen.

Er war mindestens einsfünfundachtzig und hatte dunkelbraunes nackenlanges Haar mit grauen Schläfen. Die Schultern waren breit, und der dunkelbraune Streifen seitlich an der Hose betonte die langen Beine.

Ihre Blicke trafen sich, und wie jedes Mal erregte sie der durchdringende Ausdruck in seinen Augen. Er sprach nur wenig. Solange sie bei Tante Gertie gewohnt hatte, war er oft zu ihr gekommen, um sich nach ihr zu erkundigen. Obwohl sie nun schon seit drei Tagen bei ihm wohnte, wusste sie doch nicht viel über ihn.

Er sah sie fragend an. Vermutlich wunderte er sich, dass sie noch auf war.

Sie deutete auf die beiden Gläser, die sie mitsamt einem Tablett auf den dunklen Holztisch gestellt hatte. „Ich dachte, Sie möchten vielleicht einen Schluck Apfelsaft.“

Er lehnte sich an den Türrahmen, anstatt den Raum zu betreten und sich zu ihr aufs Sofa zu setzen. „Waren viele Kinder wegen der Süßigkeiten für Halloween hier?“

„Ich wurde alles los, auch das Popcorn, aber es sind noch einige Plätzchen da“, fügte sie mit einem Blick auf den Teller zwischen den Gläsern hinzu.

Langsam kam Tucker zu ihr. Sein Blick glitt über ihr Haar, den dunkelgrünen Sweater und die Hose. Das Herz schlug ihr bis zum Hals herauf, und sie war überzeugt, rot zu werden. Nervös tastete sie nach der Halskette, die den einzigen Hinweis auf ihre Identität geliefert hatte.

„Haben Sie die Plätzchen gebacken?“, fragte er.

Sie nickte.

Emma hatte seine Gastfreundschaft nur unter der Bedingung angenommen, dass sie kochte und putzte.

Tucker griff nach einem Plätzchen und biss hinein. „Das ist mein erstes Erdnussbutter-Plätzchen seit Jahren. Schmeckt gut, Emma.“

„Danke“, erwiderte sie leise, betrachtete sein Gesicht und hätte gern gewusst, ob die feinen Falten an den Augen von glücklichen oder traurigen Zeiten stammten.

Tucker wandte den Blick ab und griff nach der Fernsteuerung. Dabei berührte er flüchtig Emmas Hand und löste einen wohligen Schauer aus, der ihren ganzen Körper erfasste. Der Atem stockte ihr, als sein Arm gegen den ihren stieß, während er den Fernseher leiser stellte. Seit er sie nach dem Überfall ins Krankenhaus gebracht hatte, knisterte es zwischen ihnen. Kam sie in seine Nähe, fühlte sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen. Und seinen Blick deutete sie so, dass er auch nicht abgeneigt gewesen wäre.

„Emma“, sagte er heiser.

Sie hatte Angst davor, sich zu bewegen oder ihm zu antworten. Sie konnte sich auch nicht zurückziehen. Also sah sie ihn nur an und sehnte sich nach etwas, das sie selbst nicht genau beschreiben konnte … nach einer Erfüllung jener Sehnsucht, die sie vom ersten Abend an gefühlt hatte.

Als er sich zu ihr beugte, wich sie nicht zurück, auch nicht, als er den Arm um sie legte und seine Lippen ihren Mund berührten. Emma hatte keine Ahnung, ob sie schon jemals geküsst worden war. Sie wusste auch nicht, was sie jetzt machen sollte, doch sie öffnete die Lippen, als Tucker Besitz von ihrem Mund nehmen wollte. Sie überließ sich ihm völlig und genoss es, dass er nach ihr so sehr verlangte wie sie nach ihm. Das war mehr als bloße Begierde.

Emma wurde von nie gekannter Erregung erfüllt und verlor sich an Tucker Malone, bis er sich ruckartig zurückzog.

„Das war ein Fehler, Emma“, sagte er gepresst. „Es wird nicht wieder geschehen.“

Es dauerte einige Sekunden, ehe sie begriff, dass der Zauber verflogen war und Tucker den Kuss bereute. Hoffentlich merkte er nicht, wie sie bebte. Sie wollte ihm nicht zeigen, wie stark er auf sie wirkte, weil er recht hatte. Der Kuss war tatsächlich ein Fehler gewesen.

Sie durfte sich mit keinem Mann einlassen, solange sie nicht wusste, wer sie war.

1. KAPITEL

Am Nachmittag des ersten November klingelte das Telefon in Tuckers Büro. „Malone.“

„Tucker? Hier Roy Compton in Omaha.“

Roy arbeitete bei der Polizei von Omaha. Tucker hatte sich mit ihm im August wegen Emma in Verbindung gesetzt. „Haben Sie etwas für mich?“

„Möglicherweise. Hier in Omaha meldete ein Mann seine Tochter als vermisst. Sie heißt Emma, und die Beschreibung passt. Der Fall wurde nicht weiter bearbeitet, weil Vater und Tochter vor sechs Monaten einen schlimmen Streit hatten. Die Frau zog aus, während er bei der Arbeit war. Er hat kein aktuelles Foto seiner Tochter, und das Bild, das Sie gefaxt haben, ist nicht sonderlich deutlich. Er meint, das Haar wäre ähnlich. Er möchte das Mädchen unbedingt sehen. Könnten Sie heute Nachmittag mit ihr herkommen?“

Tucker wusste, wie es war, jemanden zu vermissen, Hoffnung zu schöpfen und sie wieder zu verlieren. Bestimmt wollte Emma herausfinden, ob sie die Tochter dieses Mannes war oder nicht.

Er warf rasch einen Blick auf die Papiere auf dem Schreibtisch. Das konnte alles warten. „Ich spreche mit Emma und rufe Sie dann an, wann wir eintreffen.“ Das musste heute noch geklärt werden. Emma musste endlich mehr über sich erfahren, und nach diesem Kuss, der ihn völlig durcheinander gebracht hatte …

Tucker gestand sich ein, dass er sehr persönliche Gründe hatte, sich zu wünschen, dass Emma endlich herausfand, wer sie war. Der Kuss gestern Abend war ein gewaltiger Fehler gewesen. Lange nach der Scheidung hatte er derartigen Wünschen nicht nachgegeben. Er hatte sich auch nicht sonderlich danach gesehnt, bis er Emma kennenlernte. Gestern Abend hatte er dann viel zu deutlich gemerkt, dass er schon seit Jahren mit keiner Frau mehr im Bett gewesen war.

Und Emma?

Ihre Augen hatten nach dem Kuss so geleuchtet, dass es sicher besser war, sie verließ sein Haus so schnell wie möglich.

Er griff nach Hut und Jacke und ging auf den Parkplatz hinaus.

Wie an den meisten Tagen der vergangenen zwei Monate arbeitete Emma in der neuen Kinderkrippe, die gleich neben Gerties Haus eröffnet hatte. Kurz nachdem sie zu Gertie gekommen war, hatte Emma unbedingt etwas Sinnvolles machen müssen. Daher hatte sie in der Tagesstätte ihre Hilfe angeboten. Alle meinten, sie könne gut mit Kindern umgehen, würde sich aber ganz besonders für die verlassenen Zwillinge Sammy und Steffie einsetzen. Die beiden waren wenige Tage vor dem Überfall auf Emma in der Krippe abgegeben worden.

Fünf Minuten später parkte Tucker vor dem Gebäude von BabyCare, stieg aus und senkte den Kopf gegen den kalten Wind, während er sich der Veranda näherte. Das große zweistöckige viktorianische Haus gehörte Hannah Caldwell. Mit der Krippe erfüllte sie das Bedürfnis berufstätiger Eltern in Storkville, die ihre Kinder gut und sicher unterbringen wollten, wenn sie sich selbst nicht um sie kümmern konnten.

Er öffnete die schwere Tür und warf einen Blick in das Zimmer auf der rechten Seite. Hier kümmerten sich Frauen um Kinder zwischen einem halben und fünf Jahren. Emma saß mit Hannah auf einem Quilt auf dem Fußboden. Gemeinsam mit Sammy und Steffie, die beide ungefähr ein Jahr alt waren, schichteten sie Bauklötze übereinander. Tucker hielt sich für gewöhnlich von Kindern fern. Sammy und Steffie mit dem rötlich braunen Haar und den großen blauen Augen bildeten da keine Ausnahme.

Gertie Anderson stand an einem Wickeltisch und faltete Handtücher. Als sie Tucker entdeckte, kam sie lächelnd zu ihm. Sie war Ende sechzig und hatte silbergraues Haar und braune Augen. Obwohl sie zierlich gebaut war, besaß sie mehr Energie als die meisten Jüngeren. Da sie gleich nebenan wohnte, half sie oft aus, wenn sie nicht gerade mit ihrem motorisierten Einkaufswagen in der Stadt unterwegs war. Sie hatte Tucker als Erste in Storkville willkommen geheißen und ihm eine Tasse Kaffee spendiert, während sie ihn über die Stadt und deren Einwohner informierte. Tucker hatte nicht lange gebraucht, um ihr goldenes Herz zu entdecken.

Gertie blieb vor ihm stehen. „Ist das ein beruflicher oder ein freundschaftlicher Besuch?“

„Beruflich und freundschaftlich“, erwiderte er. „Mit Ihnen habe ich hier nicht gerechnet bei dem vielen Besuch. Bleibt Ihre Familie bis Weihnachten?“

Gerties Blick verriet, dass er sich vorsichtiger hätte ausdrücken sollen. „Stört Emma Sie schon?“

Das war eine Untertreibung. „Ich fürchte nur, dass es Gerüchte geben könnte.“

„Als Sie ihr die Unterkunft anboten, dachten Sie offenbar nicht daran. Außerdem wissen alle in der Stadt, dass Sie so zuverlässig wie die Freiheitsstatue sind. Und es ist auch bekannt, dass Emma nirgendwo sonst unterkommt.“ Gertie tätschelte ihm den Arm. „Ich kümmere mich um die Gerüchte. Es ist schon so lange her, dass meine Familie bei mir war, dass sie möglichst lange bleiben soll. Meine Schwestern, Nichten und Neffen unterhalten mich jeden Abend bis spät in die Nacht hinein. Es ist wunderbar, Tucker. Machen Sie sich keine Sorgen und genießen Sie es, Emma bei sich zu haben.“

„Vielleicht bleibt sie nicht mehr lange. Ich habe einen Anhaltspunkt gefunden.“

„Und welchen?“

„Mehr kann ich nicht sagen. Vorher muss ich mit Emma sprechen. Und wir müssen nach Omaha fahren. Können Sie hier auf sie verzichten?“

„Aber ja. Penny Sue kommt bald nach der Schule her. Gwen ist auch hier. Sie beaufsichtigt jetzt die schlafenden Kinder.“ Penny Sue Lipton, fünfzehn, half nach der Schule in der Tagesstätte. Gwenyth Parker Crowe, Hannahs Cousine, war noch ziemlich neu in Storkville. Sie hatte erst vor wenigen Wochen Ben Crowe geheiratet.

Tucker blickte zu Emma, als er sie lachen hörte. Sie war schön, aber jung und verletzlich. Hannah bückte sich nach Sammy, der von der Decke gekrabbelt war. Als sie ihn packte, quietschte er, befreite sich und wollte zu Emma, auf deren Schoß Steffie sehr zufrieden saß.

„Ich habe so ein Gefühl bei Emma und den Zwillingen“, bemerkte Gertie.

„Was denn für ein Gefühl?“, fragte Tucker.

Sie deutete auf die drei. „Hannah hat zwar vorübergehend die Vormundschaft, und sie kann auch gut mit den Kleinen umgehen. Sie müssen aber sehen, wie Sammy und Steffie bei Emma sind. Sie verhalten sich, als würden sie sich schon immer kennen. Emma kann zwar nicht die Mutter der beiden sein, aber da gibt es irgendeine Verbindung.“

„Ich weiß nicht, Tante Gertie. Falls mein Anhaltspunkt stimmt, sehe ich keine Verbindung. Vielleicht wissen wir heute Abend schon mehr.“

Tucker ging an großen Bällen und buntem Spielzeug vorbei. Am niedrigen Tisch saß eine von Hannahs Helferinnen mit einer Gruppe von Kindern. Er bemühte sich, nicht die lebhafte Unterhaltung und das Lachen zu hören. Kinder erinnerten ihn an Chad, und mit Chad waren unverzeihliche Fehler verbunden, die er begangen hatte.

Emma stand auf, als sie Tucker sah, und hob Steffie hoch. Sie trug eine lange rote Cordjacke und darunter einen weißen Pullover. Einen Teil des gelockten Haars hatte sie zum Pferdeschwanz gebunden, während der Rest seidenweich ihr Gesicht umspielte. Tucker hatte nicht vergessen, wie sie duftete. Er dachte an den Kuss, ihre weichen Lippen, die blassen Sommersprossen auf der Nase, ihre sanften Reize …

Hastig unterdrückte er die Gedanken, die ihn nachts und auch tagsüber viel zu oft ablenkten, blieb vor dem Quilt stehen und nickte Hannah zu. „Ich brauche Emma heute Nachmittag. Tante Gertie meint, dass Sie genug Helferinnen haben.“

„Aber sicher, heute sind alle hier.“

Steffie betrachtete Tucker neugierig. Vielleicht faszinierte sie sein Hut. Als sie die Ärmchen nach ihm ausstreckte, wich er einen Schritt zurück.

„Tucker?“, fragte Emma.

Mit großen blauen Augen sah ihn das kleine Mädchen flehend an, und er konnte nicht widerstehen. Er nahm sie auf die Arme, und sie betastete den Stern an seinem Hemd, berührte seine Wange und lächelte ihn wie ein Engelchen an. Das Gefühl dieses Kindes in seinen Armen brachte zahlreiche Erinnerungen zurück – Chad, wie er lachte und quietschte, wenn sein Vater ihn in die Luft warf … wie Tucker ihn auf der Schaukel hin und her schwang oder ihm eine Gutenachtgeschichte vorlas. Der Schmerz war mehr, als Tucker ertragen konnte.

Er gab Emma die Kleine zurück. „Ein Kollege aus Omaha hat mich angerufen. Dort sucht ein Mann seine Tochter namens Emma. Das Foto, das ich gefaxt habe, kam nicht klar an. Jetzt möchte der Mann Sie sehen, um herauszufinden, ob Sie seine Tochter sind.“

Emma wurde blass. „Wollen Sie gleich fahren?“

„Ja. Ich rufe an und melde, dass wir unterwegs sind. Roy sagte, der Mann wäre jederzeit zu sprechen. Ich warte draußen auf Sie.“

Steffie schlang Emma die Ärmchen um den Nacken und legte ihr das Köpfchen an die Schulter. Emma streichelte das Haar des Kindes und drückte der Kleinen einen Kuss auf die Stirn. Als sie wieder hochblickte, war Tucker schon im Vorraum und öffnete die Haustür.

Der Sheriff war ihr ein Rätsel. Seine Reaktion vorhin auf Steffie … Sie hatte Schmerz und auch Sehnsucht in seinem Blick gefunden, bevor er seine Gefühle abschirmte und ihr Steffie zurückgab.

Hannah hatte Sammy in einen Laufstall gesetzt. Eine Kette mit roten, gelben und blauen Kugeln lenkte ihn erst einmal ab. Hannah streckte die Arme nach Steffie aus, die sich nur zögernd von der Frau nehmen ließ, die in den letzten zwei Monaten für sie gesorgt hatte. „Viel Glück“, sagte Hannah.

„Danke“, erwiderte Emma. „Ich wage kaum zu hoffen. Morgen komme ich wieder her und helfe, bis ich um halb vier zum Arzt muss.“

„Geht es Ihnen gut?“

„Aber ja. Der Neurologe möchte nur meine Kopfschmerzen kontrollieren.“

„Hatten Sie denn in letzter Zeit welche?“, fragte Hannah besorgt.

„Nicht mehr seit dieser letzten Erinnerung … sofern man davon überhaupt sprechen kann.“ Sie hatte gerade mit Steffie und Sammy gespielt, als sie sich schlagartig dunkel daran erinnerte, wie sie Babysachen auf eine Wäscheleine hängte. Sofort hatten heftige Kopfschmerzen eingesetzt. Das alles ergab auch keinen Sinn. Sie war Jungfrau und hatte eindeutig keine eigenen Kinder. Aber vielleicht hatte sie für Leute mit Kindern gearbeitet.

„Dann bis morgen“, sagte sie zu Hannah und strich noch einmal zärtlich Steffie und Sammy übers Haar.

Nachdem Emma sich auch von Tante Gertie verabschiedet hatte, holte sie ihren Mantel aus dem Dielenschrank und trat auf die Veranda, wo Tucker auf sie wartete.

Sobald sie die Main Street mit ihren Geschäften hinter sich gelassen und freies Feld erreicht hatten, fragte Emma: „Was war das drinnen los, Tucker?“

Er schwieg sekundenlang. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Mit Steffie. Mir fiel auf, dass Sie sich grundsätzlich von Kindern fern halten.“

„Sie bilden sich etwas ein“, antwortete er schroff.

„Ich habe mein Gedächtnis verloren, Tucker, aber meine Augen sind sehr gut. Mögen Sie Kinder nicht?“

„Doch. Ich bin nur kein … kein Familienmensch. Das ist alles.“

„Wo ist denn Ihre Familie?“, drängte sie, weil sie mehr über ihn erfahren wollte. Wieso war er so schweigsam?

„Ich habe keine Familie.“

„Ihre Eltern leben nicht mehr?“, fragte sie zögernd.

Er warf ihr einen Blick zu, ehe er antwortete. „Meine Mutter verließ meinen Vater, als ich noch Kind war. Sie wollte nicht mit einem Polizisten verheiratet sein und wünschte sich ein anderes Leben. Eine Zeit lang schickte sie noch Postkarten, und dann hörten wir gar nichts mehr von ihr.“

„Und Ihr Dad?“

Wieder schwieg er eine Weile. „Mein Dad starb im Dienst, als ich noch auf der Polizeischule war. Danach suchte ich meine Mutter und fand heraus, dass sie schon drei Jahre davor bei einem Autounfall ums Leben kam.“

„Es tut mir leid, Tucker.“

Er zuckte die Schultern. „Das Leben geht weiter.“

Das klang für ihre Ohren zu harmlos und erklärte auch nicht sein Verhalten Kindern gegenüber. Doch sie merkte, dass er nicht darüber sprechen wollte. Und er war seit dem Überfall so gut zu ihr gewesen und hatte sie so bereitwillig beschützt, dass sie ihn nicht unter Druck setzen wollte.

Er warf ihr noch einen Blick zu. „Was sollen alle diese Fragen, Emma?“

Sie spielte mit dem Sicherheitsgurt. „Ich muss mich ablenken. Ich kann nicht ständig daran denken, wie es in Omaha laufen wird.“

„Verstehe“, meinte er. „Das hätte ich mir eigentlich denken können. Ich dachte, Sie fragen, weil … Schon gut, es ist nicht weiter wichtig. Bevor ich nach Storkville zog, lebte ich in Chicago.“

„Sie waren dort bei der Polizei?“

„Ja.“

„Und wieso sind Sie nach Storkville gekommen?“

Erneut zögerte er mit der Antwort. „Ich brauchte eine Veränderung, und da war Storkville gerade richtig. Sie haben doch gehört, woher der Name stammt?“

„Nein, bisher nicht.“

„Unverständlich, wieso Gertie Ihnen das noch nicht erzählt hat. Vor zweiunddreißig Jahren fiel in der Stadt während eines Unwetters der Strom aus und kehrte erst nach einigen Tagen zurück. Neun Monate später wurden zahlreiche Kinder geboren. Als die Medien der Gegend das hörten, nannten sie die Stadt Storkville – Storchenstadt. Am zweiten Jahrestag des Stromausfalls änderte der Stadtrat dann den Namen offiziell in Storkville. Es gab hier oft Mehrlingsgeburten. Tante Gertie erfand dann das Motto der Stadt: Wenn der Storch Storkville besucht, bringt er den Liebenden viele kleine Kinder.“

„Sie sagen das, als würden Sie nicht daran glauben.“

„Manchmal weiß ich nicht, was ich glauben soll.“

Was war geschehen, dass er das Leben in Chicago aufgegeben hatte und hierher gezogen war? Diese Frage würde er wohl kaum beantworten. Daher stellte sie eine andere. „Wieso wurden Sie Polizist? Wegen Ihres Dads?“

„Ja, wahrscheinlich. Ich sagte eben, dass ich manchmal nicht weiß, was ich glauben soll, doch das stimmt nicht ganz. Mein Vater hat mir Werte und richtiges Verhalten beigebracht. Er hat mir gezeigt, war richtig und was falsch ist. Und ich habe zugesehen, wie er das auch in der Praxis ausübte. Daher wollte ich nie etwas anderes werden.“

„Sie können sich glücklich schätzen, Tucker.“

Diesmal sah er sie länger an. „Wieso?“

Ihre Blicke trafen sich, und er sah wieder auf die Straße. Doch sie hatte bereits erkannt, dass ihn ihre Antwort sehr interessierte. „Ihr Vater war ein guter Mensch, der Ihnen alles Nötige für das Leben beibrachte. Ich habe den Eindruck, Sie wussten stets, wer Sie sind. Und darüber können Sie sich freuen.“

Autor

Karen Rose Smith
Karen Rose Smith wurde in Pennsylvania, USA geboren. Sie war ein Einzelkind und lebte mit ihren Eltern, dem Großvater und einer Tante zusammen, bis sie fünf Jahre alt war. Mit fünf zog sie mit ihren Eltern in das selbstgebaute Haus „nebenan“. Da ihr Vater aus einer zehnköpfigen und ihre Mutter...
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