Ein Duke zum Verlieben

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Warum heiraten? Miss Jocelyn Sudderfelds ganze Liebe gilt antiken Schriften, die sie hingebungsvoll übersetzt. So kann sie der Ehe mit einem geistlosen Mann aus dem Weg gehen. Nur die anregenden Gespräche mit dem Gutsverwalter Alex Cheverton lassen sie manchmal ihre Arbeit vergessen. Ihre Freundschaft gerät jedoch in Gefahr, als Alex unerwartet der Erbe eines Dukes wird. Denn jetzt muss er schleunigst eine geeignete Debütantin heiraten. Und als echter Duke darf er auch keine Zeit mehr mit einem Blaustrumpf wie Jocelyn verbringen! Jäh erkennt Jocelyn, dass ihr Herz bereits viel mehr als Freundschaft für Alex empfindet – zu spät?


  • Erscheinungstag 31.01.2023
  • Bandnummer 627
  • ISBN / Artikelnummer 9783751520164
  • Seitenanzahl 256
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

West Sussex, Ende Februar 1834

Wenn seine einstigen Oxforder Studienfreunde ihn nun sehen könnten … sie hätten wohl nicht so viel von seiner Berufswahl gehalten. Nicht dass er überhaupt eine Wahl gehabt hätte.

Ärgerlich aufseufzend, ließ sich Alex Cheverton, Verwalter von Edge Hall, des Duke of Farrisdeens größtem Besitz, auf alle viere nieder und krabbelte unter seinen Schreibtisch, um nach seinem Westenknopf zu fischen. Während er sich tadelte, weil er das Festnähen so lange aufgeschoben hatte, kroch er sehr vorsichtig wieder hervor, damit er sich nicht eine Beule stieß und so seinen Missmut noch steigerte.

Wieder auf den Füßen, betrachtete er den lästigen Knopf. Ich könnte die Aufgabe ebenso gut gleich erledigen und die wartende Korrespondenz anschließend erledigen, dachte er. Auch sehnte er sich nach einer Tasse heißen Tee, denn er war eben erst aus der Kälte zurück ins Haus gekommen, nachdem er sowohl die Stallungen wie auch im Haupthaus die kurz zuvor gesäuberten Prachtgemächer inspiziert hatte.

Den Knopf in der Hand begab er sich hinaus in den Korridor, der zu den nicht so geräumigen privaten Zimmern führte, die wie seine Dienststube in einem getrennten Flügel untergebracht waren. Selbiger war, die U-Form des Hauptgebäudes mit dem Portal spiegelnd, an die rückwärtige Seite des Bauwerks angefügt. Kurz darauf betrat er den Salon und erfreute sich der dem offenen Kamin entströmenden Wärme und der Sonnenstrahlen, die durch die Fenster fielen.

Diesen freundlichen Raum teilte er sich mit einer kleinen Zahl von in den Diensten des Dukes stehenden Menschen, die, wie auch er selbst, zwar von der Abkunft her über der Dienerschaft standen – die sich in den Gesinderäumen zusammenfand –, jedoch nicht erhaben genug waren, um die Prachtgemächer oder die luxuriösen Salons zu benutzen, die dem Duke vorbehalten waren. Kurz nachdem Alex seinen Posten angetreten hatte, hatte er hier dem Kamin ein Öfchen beistellen lassen, sodass er sich jederzeit Tee zubereiten konnte, ohne darum in der Küche Bescheid geben zu müssen. Mit einer Karaffe Wein auf einer niedrigen Anrichte samt einer Vorratsdose mit Brot und Käse, die die Köchin täglich zusammen mit dem Frühstück heraufschickte, konnte er sich so während des Tages selbstständig verpflegen. Dazu enthielt jenes Möbelstück so notwendige Utensilien wie etwa Nähzeug.

Er hatte den Tee bereitet und saß nun vor dem Tischchen am Kamin, fädelte die Nadel ein und wollte eben mit seinem Werk beginnen, als ein Luftzug zarten Rosenduft durchs Zimmer wehte und von einem Ankömmling kündete. Jocelyn, dachte er, wobei sich seine Sinne regten.

„Ah, ich sehe, du hast Tee gemacht“, sagte die junge Frau.

„Ja, es sollte auch für dich und deinen Bruder noch genug Wasser im Kessel sein.“ Abgelenkt von seinem Werk, sah er lächelnd zu ihr hoch – und stach sich in den Daumen.

„Aua“, sagte er und rieb über die Stelle, um kein Blut auf die Weste zu tropfen.

„Was ist? Hast du dich verletzt?“, fragte sie und trat zu ihm an den Tisch. „Lass sehen.“

„Ich werde es überleben“, meinte er, ihr den Daumen hinstreckend.

Sie zog ein Taschentuch aus ihrem Kleiderärmel und wischte das Blut damit fort. Der Schmerz des Stichs war vergessen; er genoss ihre Berührung, das sanfte Reiben des Stoffs auf seiner Haut, den feinen Rosenduft, der ihr anhaftete, jedoch mit leichtem Schuldgefühl, denn eigentlich hätte er nicht darauf achten sollen.

„Ja, bestimmt“, antwortete sie und ließ seine Hand los. „Aber was nur hast du da vor?“ Sie betrachtete die Utensilien und die Weste, die vor ihm auf dem Tisch lagen. „Einen Knopf annähen?“

„Wie scharfsinnig du bist.“

„Das kommt von meiner überragenden Ausbildung. Sie erlaubt mir, eine Lage blitzartig einzuschätzen und den springenden Punkt zu entdecken.“ Ihre schönen dunklen Augen funkelten schalkhaft.

Ewig hätte er in diese Augen schauen können. Was er natürlich nicht tun würde. Jocelyn war in den sechs Jahren, die er hier arbeitete, von einem kecken Backfisch zu einer begehrenswerten jungen Dame geworden, ehe er es noch richtig bemerkt hatte. Sie war die reizende, kluge Schwester des Bibliothekars, den der Duke beschäftigte, doch scharfzüngige, bissige Scherze mit ihr zu tauschen, war alles, was er sich je mit ihr erlauben würde. Besonders jetzt, da er nicht länger ignorieren konnte, wie attraktiv sie geworden war mit ihrer hochgewachsenen, anmutigen Gestalt, ihrem Gesicht mit dem kühnen Ausdruck und ihren faszinierenden Augen.

Zum Glück war sie, selbst wenn sie ihn nicht bloß als einen zweiten lästigen großen Bruder betrachtet hätte, einem anderen versprochen – oder so gut wie versprochen.

„Was die Frage aufwirft“, äußerte sie gerade, „warum der erhabene Verwalter von Edge Hall, Cousin des Duke of Ferisdeen, sich persönlich dazu herablässt, eine solch profane Aufgabe mit eigener Hand auszuführen. Jedes Hausmädchen könnte es für dich machen. Besonders Mary wäre entzückt, dir zu helfen.“

„Weswegen du, wenn du so scharfsinnig wärst, wie du zu denken glaubst, erkennen würdest, warum ich sie nicht bitte – oder auch eins der anderen Mädchen.“

„Oje – sind sie alle liebeskrank? Na, was kann ein Gentleman wie du erwarten, wenn er ansehnlich, charmant, klug … und Cousin eines Dukes ist?“

„Er hofft, sich äußerst besonnen von liebeskranken Hausmädchen fernzuhalten“, sagte Alex nachdrücklichst, was Jocelyn zum Lachen brachte. „Wobei es nicht fehl am Platze wäre, wenn die Schwester des Bibliothekars Seiner Gnaden ein wenig mehr Respekt zeigte.“

„Ah, aber ich bin kein liebeskrankes Hausmädchen.“

„Nein, du bist ein freimütiger Blaustrumpf, der, anders als ich hoffte, nicht aus dem frechen Gör herausgewachsen ist, das ich bei meiner Ankunft vor sechs Jahren antraf.“

„Mag sein, aber ein talentiertes, unverblümtes freches Gör“, gab sie zurück. „Trotz deiner grausamen Schmähungen, die mich in Tränen ausbrechen ließen, wenn ich nur etwas empfindsamer wäre – was ich zum Glück nicht bin –, besitze ich in der Tat immer noch genug Edelmut, dir diesen Knopf anzunähen. Ich kann dich doch nicht den ganzen Salon vollbluten lassen. Wenn du mir Weste und Nadel reichen wolltest?“

Mit diesen Worten setzte sie sich an den Tisch und streckte verlangend eine Hand aus.

Recht froh, die Aufgabe an jemanden abzugeben, ohne sich sorgen zu müssen, dass diese Person vielleicht heimlich in sein Bett schlüpfen würde – sosehr er solch schockierendes, wenn auch unwahrscheinliches Eindringen von ihr begrüßt hätte –, reichte er ihr das Gewünschte. „Und du bist dir sicher, dass du einen Knopf annähen kannst? Den ganzen Tag deines Bruders Übersetzungen aus dem Griechischen niederzuschreiben, qualifiziert dich nicht unbedingt als Näherin.“

„Vielleicht nicht, aber da sowohl er als auch Papa aufs Großzügigste Knöpfe verlieren, habe ich auch darin reichlich Übung. Du könntest aufhören, mich zu beleidigen, und mir stattdessen eine Tasse Tee bereiten, während ich nähe. Dass du das kannst, weiß ich. Trotz deiner unzulänglichen Handhabung von Nadel und Faden bist du nicht ganz der nutzlose, träge Duke’sche Cousin wie damals bei deiner Ankunft hier.“

„Ich mache dir gern eine Tasse, wenn du dafür mit dieser schikanösen ‚Cousin-des-Dukes‘-Sache aufhörst. Da ich doch, wie du gut weißt, nur der Sohn eines Landadeligen bin, so wie du die Tochter eines solchen. Nur war mein Vater damit zufrieden, sich seinem bescheidenen Landsitz zu widmen, anstatt wie dein Vater und dein Bruder sich der Gelehrsamkeit zu verschreiben.“

„Vermutlich kann ich mich dessen enthalten, wenn es mir nur eine Tasse heißen Tee einbringt.“ Den neckenden Ton ablegend, fragte sie nüchtern: „Wie geht es mit den Reparaturen an den Stallungen vorwärts?“

„Langsam.“ Alex gab frische Teeblätter in die Kanne und goss kochendes Wasser darüber. „Zwar hat der Stein, der hier aus der Gegend stammt, eine herrliche Farbe, doch er verwittert schnell. Beinahe jedes Gesims hat Risse und Absplitterungen. Da wir aber mit großer Sicherheit keinen Frost mehr bekommen werden und so nicht mit weiteren Schäden rechnen müssen, kann der Steinmetz wohl mit der Arbeit beginnen. Allerdings geht er von langwierigen Maßnahmen aus.“

„Dann also keine Ausritte für dich?“ Jocelyn unterbrach ihre Arbeit und nahm die Teetasse entgegen.

„Nein, leider. Ich gönne es mir nach Möglichkeit, was nicht oft ist.“

„Und die Jagdpferde des Dukes brauchen ja Training.“

„Das stimmt! In der Tat plane ich morgen einen Rundritt über die westlichen Pachthöfe, um eventuelle Schäden an Cottages und Scheunen zu inspizieren und mich zu versichern, dass die Bauern entsprechendes Gerät und Saatgut haben. Alle Zeichen deuten auf einen schönen, sonnigen Tag hin. Du und Miss Morrison – würdet ihr mich begleiten wollen?“

„Emily pflegt immer noch ihren schwer erkälteten Vater, aber ich werde ihr eine Nachricht schicken und sie fragen. Ich persönlich wäre entzückt mitzureiten. Solange ich mir das Pferd selbst aussuchen darf.“

„Wie ich dich kenne, wird es das kapriziöseste und unrittigste im Stall sein.“

„Nein, nur das schnellste. Immerhin brauchen die Jagdpferde wirklich einen ordentlichen Galopp, um ihre Kondition zu halten. Dann können die Gäste des Dukes ein prächtiges Rennen genießen, falls er zur Jagd einladen wird. Glaubst du, er wird eine Gesellschaft geben?“

„Er hat bis jetzt nichts unternommen, daher bezweifle ich, dass er noch kommt. Er ist im Norden Gast bei einem seiner politischen Freunde, und da das Parlament bald wieder zusammentritt, glaube ich nicht, dass er noch den langen Weg nach Sussex auf sich nimmt, ehe er nach London zurückkehrt. Natürlich ist alles bereit, falls er doch noch auftaucht. Ich habe eben erst die Prunkzimmer überprüft – sie sind makellos. Nicht dass es mich überrascht hätte. Trotzdem sagte ich Simmons, er solle der Dienerschaft mein Lob ausrichten.“

„Sie haben auch wie die Sklaven geschuftet. Farisdeen pflegt ja tatsächlich zur Jagd nach Edge Hall zu kommen, ehe die Parlamentssaison beginnt. Wahrscheinlich sind ein paar Leute sehr enttäuscht über das Ausfallen einer so aufregenden, großen Gesellschaft. Du wohl eher nicht?“

Alex lachte. „Enttäuscht, neben meinen sonstigen Aufgaben nicht noch für mehrere Wochen die Unterbringung, Verpflegung und Unterhaltung des Dukes und einer Jagdgesellschaft von zehn bis fünfzig Leuten bewältigen zu müssen, während ich gleichzeitig die Pächter bei der Frühjahrsaussaat unterstütze und die endlose Arbeit überwache, Herrenhaus und Stallungen zu reparieren und instand zu halten? Nicht im Mindesten. Obwohl ich erwarte, in Kürze Anweisung zur Reise nach London zu erhalten, um dem Duke dort den Frühjahrsbericht vorzutragen.“

„Papa wird enttäuscht sein. Er hoffte, dem Duke die Fortschritte zu zeigen, die Vergil und ich – also, Vergil – bei der Übersetzung der Tragödien des Euripides machen. Da der Duke of Portland seinem Kaplan Reverend Owen kürzlich eine Aristoteles-Übersetzung in Auftrag gab, hoffte Farisdeen laut Papa, Vergil würde seine Arbeit vorher fertigstellen.“

„Und so den Wettbewerb der Mäzene gewinnen, als Erster eine englische Übersetzung der griechischen Klassiker zu präsentieren?“

„So ähnlich. Also nur gut, dass der Duke nicht über uns kommt. Mit der Nase in einem griechischen Text ist Vergil viel glücklicher, als wenn er dem Duke Bericht erstatten muss – eine Aussicht, die ihn stets in höchste Unruhe versetzt.“

„Die Wirkung hat ein Gespräch mit Farisdeen häufig“, sagte Alex trocken. „Wenn Vergil so darauf bedacht ist, fertig zu werden, wird er dir morgen überhaupt den Ausritt erlauben?“

Jocelyn lachte, ein helles, entzückendes Geklingel, das Alex stets zum Lächeln brachte. „Du musst verstehen, der Begriff ‚fertig‘ ist relativ. Ich bezweifle, dass Vergil – oder auch der Kaplan des Duke of Portland – für die nächsten Jahre davon ausgeht, sein Werk zu vollenden. Mein Bruder kann mich wohl einen Nachmittag bei der Niederschrift seiner edlen Formulierungen entbehren. Außerdem kann ich ihm sagen, ich würde den armen, immer noch nicht genesenen Pastor Morrison unterstützen, indem ich seinen Schäfchen Besuche abstatte.“ Den Kopf schräg gelegt, schaute sie ihn mit blitzenden Augen an. „Wenn ich auf dem schnellsten Pferd des Dukes sitze, verspreche ich auch, dir nicht davonzureiten – nicht zu oft.“

„Nur, wenn du versprichst, nicht zu schmollen, wenn ich dir davongaloppiere.“

„Gerne – da das kaum passieren wird.“

Alex lachte, worauf sie abgezielt hatte. Manchmal, wenn sie ihn zu einem Galopp oder einer Schachpartie herausforderte, schien sie wieder das lebensprühende freche Mädchen zu sein – unkonventionell, geradeheraus, unendlich neugierig auf alles ringsum –, das, angetan mit den Breeches ihres Bruders, die schwierigsten Pferde aus des Dukes Stallungen reiten konnte, was alles ihn, als er neu hier gewesen war, sehr geschockt hatte.

Ihr Betragen hatte sich gebessert – und sie verzichtete beim Reiten auf die Breeches. Aber manchmal stieg ihm ein Hauch ihres Rosenparfüms in die Nase … oder er erhaschte einen Blick auf ihr Profil, und ihre wohlgeformte Gestalt war eindeutig nicht mehr die eines Backfischs.

Als er sie noch als liebenswerten Frechdachs ansehen konnte, war es gewiss leichter gewesen. Aber trotz der Versuchung, die sie für ihn darstellte, war er sich nicht sicher, ob er sie in ihren kindhaften Zustand von vor sechs Jahren zurückversetzen wollte – selbst wenn es möglich gewesen wäre – und damit dem Vergnügen entsagen müsste, ihre Schönheit und ihren Charme zu würdigen, die beide ihn betörten und verhexten,

Zum Glück wohnte sie mit ihrer kleinen Familie im Witwenhaus, was für die Aufrechterhaltung seiner Beherrschung und seines untadeligen Betragens hilfreich war. Daher konnte es nicht zu zufälligen nächtlichen Begegnungen kommen, falls sie, nur in ihrem Nachtgewand, für ihren schlaflosen Vater ein Glas warme Milch aus der Küche holte. Er traf sie nur in den allen zugänglichen Räumen oder wenn sie draußen über die Felder und Gehöfte wanderten oder ritten, häufig in Begleitung ihrer Freundin Miss Morrison, der Tochter des Geistlichen am Ort.

Um seine lästigen amourösen Impulse niederzuringen, die Jocelyn in letzter Zeit in ihm zu entfachen schien, konnte er morgen auf ihren Wunsch zählen, ihn beim Reiten unbedingt schlagen zu wollen, wie auch auf ihre Freude daran, die Pächter zu besuchen. Dazu kam die Anwesenheit Miss Morrisons.

Nicht dass er wirklich Hilfsmittel benötigt hätte, um die Grenzen des Anstands nicht zu verletzen. Nach dem einschneidenden Erlebnis in seiner Jünglingszeit – er hatte sich heimlich mit einer ebenso jungen Dame verlobt und war rundweg vom Vater derselben abgewiesen worden – war er sehr gut imstande, sowohl ungestüme Gefühle wie amouröse Impulse in Zaum zu halten.

Und außerdem – mochten sie auch beide unscheinbaren Mitgliedern des niederen Landadels entstammen, den der ton in London nicht der Beachtung werthielt, so war er doch ein Gentleman und sie eine Lady. Er hatte sie zu gern und respektierte sie zu sehr, als dass er ihr Vertrauen missbrauchen würde.

Einerlei wie sehr ihn ihre Schönheit und ihr lebhafter Geist ansprachen.

„Da!“, sagte sie, hielt ihm die Weste unter die Nase und riss ihn so aus seinen Gedanken. „Der Knopf ist fest angenäht und mit so feinen Stichen, muss ich anmerken, dass selbst deine Mama damit zufrieden wäre.“

Als er das Kleidungsstück entgegennahm, streiften sich ihre Finger, und jäh durchfuhr das Wissen um ihre Nähe ihn wie ein Blitz.

Vielleicht wäre es wirklich besser, wenn sie sich in die kecke Sechzehnjährige zurückverwandelte, dachte er stumm seufzend.

Er raffte seine Vernunft zusammen und äußerte: „In der Tat sehr akkurat. Es würde Mamas Billigung finden. Und sie ist berühmt für ihre Nähkunst.“

„Wie früher meine Mutter.“ Jocelyns vergnügter Blick wandelte sich jäh und wurde abwesend. „Sie war so geduldig mit mir, unterrichtete mich, die ich immer so rastlos und gereizt dabei war, im Handarbeiten. Sie wusste, ich war lieber bei Papa in seinem Studierzimmer, um Griechisch, Latein, Französisch und Italienisch zu lernen, anstatt Mustertücher zu nähen und Sticken zu üben.“

„Sie verzweifelte, weil sie eine Tochter mit seltsamen Neigungen hatte“, neckte er.

„Nein, sie war stolz auf Papas Gelehrsamkeit, stolz genug, sich ihrer Familie zu widersetzen und ihn deren Missbilligung zum Trotz zu heiraten. Eine Randall of Innisbrook hätte eine bessere Partie machen sollen, anstatt einen Dozenten der Universität Oxford zu nehmen, dessen höchstes Ziel es war, einen Mäzen zu finden, der seine Übersetzungsprojekte förderte. Sie freute sich, dass ich Papas Interessen teilte und meine Sprachbegabung mir gestattete, ihn zu unterstützen.“

„Du schriebst seine Übersetzungen nieder, bevor du begannst, für deinen Bruder zu arbeiten, nicht wahr?“

„Ja, anfangs, als er mich Griechisch lehrte, war es nur zur Übung. Als er dann Rheumatismus in den Händen bekam und die Feder nur noch mühsam halten konnte, stellte er fest, dass ich ebenso schnell und korrekt schreiben konnte, wie er mir diktierte. Als er die Arbeit an meinen Bruder übergab, war ich also schon sehr geübt.“

„Dennoch ist es eine sehr ungewöhnliche Beschäftigung für eine Frau.“

Sie grinste. „Ah, aber ich bin eine sehr ungewöhnliche Frau. Also, wenn ich morgen reiten gehen soll, bringe ich nun meinem Bruder besser den Tee und mache mich wieder an die Arbeit. Treffen wir uns um etwa ein Uhr bei den Ställen? Emily kann sich uns dort anschließen.“

„Ein Uhr ist gut. Am Vormittag muss ich die Bücher durchsehen.“

„Ich lasse mir von unserer Köchin Verpflegung einpacken.“ Sie gab noch einmal Tee und heißes Wasser in die Kanne. „Sollten uns die Pächter nicht zu reichlich bewirten, können wir oben auf dem Trethfort Hill picknicken. Wenn das Wetter so gut wird, wie du annimmst, haben wir von dort einen wunderschönen Ausblick übers Land, vom Dorf Edge bis nach Charlton.“

Sie nahm ein Tablett aus einem Fach der Anrichte und richtete alles für den Tee Nötige darauf an. „Bis morgen dann.“

„Soll ich das für dich in die Bibliothek tragen?“

„Danke, es geht schon. Du mach dich besser wieder an deine Berichte. Außerdem kann ich doch nicht zulassen, dass seine Herrlichkeit, der Cousin des Dukes, ein Tablett trägt wie ein Lakai.“

„Hexe!“, rief er ihr nach, während sie sich das Tablett schnappte und aus dem Zimmer ging.

Es war ausgemacht, dass sie einen Geistlichen heiraten würde, einen Freund ihres Bruders aus Universitätstagen, sobald der junge Mann sich eine Pfarre mit genügend Einkünften gesichert hatte, um eine Gattin zu unterhalten, wusste Alex. Er fragte sich, wie diese lebhafte, kluge, ungewöhnliche Dame, die eine begeisterte Reiterin und von keinem Galopp abzuhalten war und die ihre Zeit damit verbrachte, antike griechische Texte zu kopieren, als Pfarrersfrau in einer kleinen ländlichen Gemeinde zurechtkommen würde. Wo Jagdpferde und wissenschaftliche Arbeit vermutlich dünn gesät waren.

Er würde sie ganz gewiss vermissen, wenn sie heiratete. Ihre Lebhaftigkeit und ihre Intelligenz und ihre stets überraschende Sicht auf die Welt erhellten seine Tage ebenso, wie ihre Schönheit ihn anzog. Ihr Bruder hatte durchaus höfliche Umgangsformen, doch nicht einmal seine liebende Schwester hätte ihn als lebhaft beschrieben, und ihr Vater, obwohl ein feinsinniger Herr, war ziemlich weitschweifig, mit einem Hang, über seine Arbeit zu dozieren. Außer wenn der Duke hier residierte und seinen Sekretär mitbrachte, wie Alex ein Gentleman aus bescheidener, aber respektabler Familie, gab es für Alex keine Gesellschaft gleichen Standes.

Natürlich war er bei dem ansässigen Squire wie auch den wenigen Familien des Landadels willkommen. Doch der Duke hatte Alex’ Anstellung davon abhängig gemacht, dass er mindestens zehn Jahre unverheiratet bliebe, und als Junggeselle konnte er die Gastfreundschaft nicht erwidern. Obwohl er anfangs diese Bedingung recht seltsam fand, fügte Alex sich nach seiner früheren unerfreulichen Tuchfühlung mit dem Ehestand ganz zufrieden in sein Schicksal. Und da diese Beschränkung nicht allgemein bekannt war, zog er es vor, Familien mit heiratsfähigen Töchtern besser nicht so regelmäßig zu besuchen, dass Erwartungen auf eine Heirat geweckt wurden.

Sollte er töricht genug sein zu heiraten und so seine Stellung verwirken, würde ihm das kleine Auskommen, das er sich bisher von seinem Gehalt hatte ersparen können, nicht erlauben, einen unabhängigen Haushalt zu führen. Seine Mutter würde ihn und seine Braut zwar daheim auf Wynborne aufnehmen, doch war er nach der Heirat seiner jüngeren Schwester Zeuge davon geworden, wie unangenehm es sein konnte, mit Gattin und Schwiegermutter unter einem Dach zu leben. Außerdem wollte er seine Familie nicht zusätzlich belasten, indem er ihr die Notwendigkeit auferlegte, ihn und seine Gattin zu unterstützen. Die langjährige Erfahrung seiner Mutter ermöglichte es ihr, den kleinen Besitz zu leiten, den er vor Jahren nach dem Tode seines Vaters geerbt hatte. Etwas zu den Einkünften seiner Familie hinzuverdienen zu können, war der Hauptgrund dafür gewesen, dass er überhaupt den Verwalterposten beim Duke angenommen hatte.

All diese Umstände bedeuteten, dass er nur jene gesellschaftlichen Ereignisse besuchte, an der die gesamte Nachbarschaft teilnahm. Seine abendlichen Unterhaltungen beschränkten sich vorwiegend auf ein Dinner oder eine Kartengesellschaft bei den Sudderfelds, und da Jocelyn die treibende Kraft dahinter war, würde ihre Heirat und damit ihr Abschied von Edge Hall seinem Leben einiges an Glanz nehmen.

Vorerst, dachte er, während er den Rock auszog, die geflickte Weste anlegte und zurück in den Rock schlüpfte, werde ich mich weiterhin ihrer Gesellschaft erfreuen – und hoffen, dass ihr Verlobter sich mit dem Beschaffen einer Pfarre Zeit lässt.

2. KAPITEL

Am nächsten Mittag schritt Jocelyn, angetan mit ihrem Reitkostüm, ungeduldig im Stallhof auf und ab.

Absichtlich war sie früher hergekommen; sie wollte ihren eilenden Puls und ihre prickelnden Nerven bezähmen – die unvermeidliche Reaktion darauf, Alex zu treffen.

Es ist wirklich lächerlich, dachte sie seufzend. Sie sollte dem tendre längst entwachsen sein, das sie für den gut aussehenden, beeindruckenden herzoglichen Cousin mit den grünen Augen und dem goldbraunen Haar entwickelt hatte, kaum dass sie ihn vor sechs Jahren erblickte – an jenem unvergessenen Nachmittag, an dem er zum Witwensitz kam, um sich bei ihrem Vater vorzustellen. Immerhin war sie nun eine Frau, kein Backfisch mehr, der sich in törichten, romantischen Träumen erging.

Damals war sie, ganz wie er es ihr gestern vorgehalten hatte, eine ausgelassene, vorlaute Göre gewesen. Doch obwohl sie damals nicht recht verstand, was in ihr vorging, hatte sie instinktiv gewusst, dass sie es vor ihm verbergen musste, denn eine solche Reaktion hätte ein Mann von seiner Abstammung und Erziehung sicherlich unziemlich, wenn nicht im schlimmsten Falle völlig lachhaft gefunden.

Sehr rasch hatte sich zwischen ihnen eine unverkrampfte, von Neckerei geprägte Freundschaft entwickelt, sie bedachten sich mit spitzen Bemerkungen, während sie sich im Reiten maßen oder im Schachspiel oder die geistreichen Rätsel lösten, die ihr Vater gerne erfand; sie diskutierten angeregt und durchaus auch leidenschaftlich, wenn sie sich beim Dinner trafen, an dem er oft teilnahm. Im Laufe der Jahre hatte sich die Macht, die er über sie hatte, nicht im Mindesten verringert; nur aus ihrer anfänglichen Ehrfurcht war nach und nach Zuneigung und fiebrige, unbehaglich gereizte körperliche Anziehungskraft geworden.

Sie sollte sich wirklich stärker bemühen, ihre Gefühle für ihn zu überwinden. Falls und wenn denn der Cousin eines Dukes heiratete, würde es zum Vorteil seiner Familie sein. Die Tochter eines Mannes aus dem unteren Adel, die ihre unbedeutende Abstammung nicht durch eine große Mitgift ausgleichen konnte, würde nie als passende Kandidatin angesehen werden.

Nicht dass sie ihn überhaupt hätte heiraten wollen – nicht einmal in dem unwahrscheinlichen Falle, dass er sie wollte. Einen anderen als ihren klerikalen Verehrer zu heiraten, würde bedeuten, dass sie ihre Arbeit mit Virgil aufgeben musste, was sie absolut nicht beabsichtigte. Sie war fest entschlossen, einen Weg zu finden, wie sie diese Arbeit fortsetzen konnte, auch nachdem der Euripides vollendet sein würde.

Wenn sie tatsächlich über Alex hinwegkommen wollte, sollte sie ihm besser aus dem Weg gehen, anstatt mit ihm noch zusätzlich Zeit zu verbringen – wie etwa, sich diesen Ausritt zu gönnen. Aber ihm nun nach Jahren täglichen Zusammentreffens in der Bibliothek oder dem gemeinsamen Salon von Edge Hall oder bei den Dinnereinladungen im Witwensitz aus dem Weg zu gehen, wäre nicht nur schwierig durchzuführen gewesen, es hätte sich auch so auffallend von ihrem üblichen Umgang unterschieden, dass es Neugier und Spekulationen erst Tür und Tor geöffnet hätte, was sie beides lieber vermeiden wollte.

Seufzend schüttelte sie den Kopf. Da sie wieder einmal keine wirksame Lösung für das kniffelige Problem gefunden hatte, ihre Gefühle für Alex abzutöten, wollte sie vorerst so weitermachen wie bisher und sich nicht um die Zukunft sorgen.

Alex … dessen Lächeln in ihr wieder einmal eine körperliche Reaktion auslöste, wie er da auf dem Stallhof nun auf sie zuschritt.

„Du bist wirklich die ungewöhnlichste Frau“, sagte er, als er vor ihr stand. „Nicht nur pünktlich, sondern sogar zu früh.“

Stets froh, dich zu sehen, dachte sie, sagte aber nur: „Die Pferde sind bereit. Sollen wir?“

„Warten wir nicht auf Miss Morrison?“

„Sie schrieb mir, dass sie es vielleicht nicht einrichten könne; wenn ja, würde sie bei Mr. Allens Hof zu uns stoßen. Du willst ihn doch heute aufsuchen, nicht wahr?“

„Ja, vermutlich ist es unsere erste Station.“

In diesem Moment brachte ein Stallbursche ihnen die Pferde. „Black Flash!“ Alex schüttelte den Kopf. „Ich hätte es wissen müssen! Du weißt, der gilt noch nicht als ruhig und erfahren genug für die Jagd.“

„Aber er ist auch das schnellste Pferd im Stall. Wie soll der Arme Gehorsam lernen, wenn man ihn nicht reitet? Nur ein Pferd als Begleitung – das wird eine gute Übung für ihn sein. Nicht zu viel Ablenkung, doch genug, um ihn zu lehren, wie er sich neben anderen Artgenossen aufzuführen hat.“

Da es dagegen nichts einzuwenden gab, schüttelte Alex nur erneut den Kopf, während er sich in den Sattel seines Reittieres schwang. Jocelyns Vernunft nahm es dankbar, ihr Körper bedauernd hin, dass ihr der Stallbursche und nicht Alex hinauf in den Damensattel half.

„Bis zur Straße, dann lassen wir sie rennen“, schlug er vor.

„Und schauen, wie schnell Black Flash ist“, stimmte sie zu und trieb ihr Tier an.

An der Landstraße angekommen, gaben sie den Pferden die Zügel frei. Offensichtlich ebenso erpicht auf die Bewegung wie Jocelyn selbst, stürmte der Wallach los, kaum dass sie seine Flanken auch nur mit den Hacken berührt hatte. In Sekunden schoss er in vollem Galopp den Weg entlang, schneller als je ein Pferd sie getragen hatte. Bald hatten sie Alex weit hinter sich gelassen.

Nach langen, aufregenden Minuten zog sie, um Alex nicht zu weit voraus zu sein, die Zügel an, doch das Tier dachte nicht ans Gehorchen. Um sich durchzusetzen, genoss sie den Ritt zu sehr, auch wollte sie wissen, wie lange Black Flash dieses Tempo halten konnte. Es war bemerkenswert ausdauernd, und erst als er von sich aus langsamer wurde, zügelte sie ihn endgültig, bis er im Schritt ging. Sie klopfte ihm den Hals und lobte ihn ausgiebig, während sie wendete und Alex entgegenritt.

„Das war beeindruckend“, sagte der, als sie zusammentrafen. „Mein Diamond ist keine Schnecke, aber von euch sah man nur noch eine Staubwolke. Wie lange hielt Black Flash den Galopp durch?“

„Weit länger als erwartet, beinahe drei Meilen. Der Duke wird sehr erfreut sein. Aber anfangs ließ er sich nicht durchparieren, er muss noch Gehorchen lernen. Für das Getümmel einer Jagd ist er noch nicht geeignet. Nicht wahr, mein Guter?“ Sie tätschelte ihm erneut den Hals. „Aber nun zu den Geschäften deines Herrn!“ Sich Alex zuwendend, fragte sie: „Besuchen wir nun Mr. Allen? Wie geht es ihm?“

„Hält sich recht gut, in Anbetracht seines Alters. Er besteht darauf, die gleiche Fläche Getreide auszusäen wie letztes Jahr.“

Jocelyn seufzte. „Ich wünschte, sein Sohn samt Frau hätten sich nicht Arbeit in London gesucht. Seit seine Frau tot ist, muss es für ihn sehr einsam sein, nur mit seiner Kuh und den paar Hühnern. Wir haben es doch nicht zu eilig?“

„Warum fragst du?“

„Ich dachte, wir könnten etwas länger mit ihm plaudern.“

Alex nickte. „Ein guter Vorschlag.“

In gemütlichem Schritttempo ritten sie weiter, bogen an der nächsten Abzweigung ab und folgten dem sich windenden Weg durch Felder und einen kleinen Buchenhain, hinter dem geschützt das strohgedeckte Cottage des alten Bauern lag. Er musste sie schon gesehen haben, denn als sie sich näherten, trat er aus dem Haus.

„Einen guten Tag, Mr. Cheverton, und Ihnen auch, Miss Sudderfeld.“

„Ist Miss Morrison schon eingetroffen, Mr. Allen? Sie hoffte, ebenfalls kommen zu können.“

Der alte Bauer schüttelte den Kopf. „Sie schickte den Gärtnerburschen mit der Nachricht, dass es dem Reverend heute wieder schlechter geht. Schade, dass ich sie nicht sehen werde.“

„Ja, wirklich“, pflichtete Alex bei. „Und es tut uns leid zu hören, dass der Reverend sich noch nicht erholt hat. Aber wie geht es Ihnen, Mr. Allen?“

„Geht so, geht so. Hab meine Wehwehchen, wie jeder meines Alters, aber ich bringe die Saat in den Boden, Mr. Cheverton, warten Sie nur ab. Aber nun kommen Sie doch herein und trinken einen Becher Cider mit mir.“

„Danke, Sir, sehr gerne“, sagte Alex.

Sie stiegen ab, und Jocelyn holte den Proviantbeutel aus der Satteltasche, ehe Alex die Zügel nahm und die Pferde zu einer kleinen Koppel neben dem Haus führte.

„Setzen Sie sich schon mal, Miss Sudderfeld, Mr. Cheverton“, bat der alte Mann, als sie ihm ins Haus folgten. „Ich schenke uns ein.“

„Lassen Sie mich das tun“, sagte Jocelyn. „Mr. Cheverton wird mit Ihnen über die Aussaat sprechen wollen. Als Verpflegung habe ich ein Brot mitgenommen und von Miss Morrisons Haushälterin ein Glas Stachelbeerkonfitüre, die Sie so gerne essen. Als Dank für den Honig, den Sie Miss Morrison schickten. Und Mrs. Reynolds hat mir auch noch ein paar andere Köstlichkeiten eingepackt, damit ich unterwegs nicht verhungere – die Gute, es ist bestimmt mehr als genug. Sie werden doch nicht ablehnen und uns kränken?“

„Aber selbstverständlich nicht“, meinte Mr. Allen nach kurzem Überlegen. „Der Cider ist im Krug auf dem Tisch. Mr. Cheverton, setzen Sie sich ans Feuer. Ist bei Weitem noch nicht frühlingshaft draußen. Diese alten Knochen schätzen die Wärme.“

„Meine auch“, erklärte Alex, während er Platz nahm. „Nun, wie sieht es mit der Aussaat aus? Reicht das Korn? Und muss die Strohdeckung der Scheune repariert werden?“

Während Alex den alten Mann erzählen ließ, bereitete Jocelyn den Imbiss und trug alles auf einem großen Teller an den Kamin.

Auf den Blick des alten Bauern hin sagte sie: „In dem Päckchen waren auch Schinken und Käse. Sie sehen, ich habe etwas aufgeschnitten, aber den Rest müssen Sie behalten. Mrs. Reynolds würde mich arg schelten, wenn ich ihr die Reste zurückbrächte. Sie hat es extra für Sie eingepackt.“

Der Alte schwieg, besann sich offensichtlich. Doch wie Jocelyn gehofft hatte, nickte er schließlich. „Also gut. Möchte nicht, dass Sie Ärger mit der Frau kriegen. Hat eine verflixt scharfe Zunge. Weiß mein Sohn auch ganz gut. Wie die Mutter, so die Tochter.“

„Scharfzüngig, aber gutherzig. Und sie macht wunderbare Konfitüre.“

„Allerdings“, bestätigte Mr. Allen. „Eine gute Köchin. Was glauben Sie, wie ihre Tochter meinen Sohn rumgekriegt hat?“

„Und wie geht es den beiden in der Stadt?“, fragte Jocelyn.

Sie plauderten noch eine halbe Stunde miteinander, dann ging Jocelyn verstohlen in die Küche, räumte die Reste des Mahls in den Vorratsschrank, wusch ab und fegte den Boden.

Zurück bei den Männern, nickte sie Alex zu, der daraufhin das Gespräch zu einem Ende brachte. Als sie hinausgingen, bedankte sie sich bei Mr. Allen. „Es ist immer eine solche Freude, sich mit Ihnen zu unterhalten.“

„Als ob ich nicht wüsste, dass Sie mir die Freude machen, wenn Sie sich die Zeit nehmen, einen alten Mann zu besuchen.“

„Nächste Woche komme ich wieder vorbei“, sagte Alex. „Möchte Ihnen die Pferde und den Pflug von Jamesons Hof herbringen, dann sind Sie rascher mit dem Feld fertig.“

„Sie meinen, ich könnte den Handpflug nicht mehr bedienen?“

Alex lachte. „Ich denke, Sie könnten mich in Grund und Boden pflügen! Aber mit den Pferden geht es viel schneller. Sie kennen doch das Frühlingswetter! Besser rasch fertig werden, bevor es wieder eine Woche lang in Strömen gießt.“

„Aye, da haben Sie recht. Gut, ich nehme die Pferde.“

„Danke, das ist mir lieb. Es hilft mir, wenn alle Pächter die Äcker etwa zur gleichen Zeit bestellen. So lässt sich das Wachstum leichter verfolgen und später die Ernte besser abstimmen.“

Allen begleitete sie hinaus und wartete, bis sie im Sattel saßen. Alex half Jocelyn hinauf. Sie genoss seine Berührung und rückte sich so gemächlich im Damensitz zurecht, wie es nur möglich war, ohne dass ihr Zögern auffällig wurde.

Und fühlte sich verlassen, als Alex seine stützende Hand fortnahm. Während er zu seinem Tier ging, schüttelte sie im Stillen über sich selbst den Kopf. Ich darf mich einfach nicht mehr durch seine Berührung in Versuchung führen lassen und sollte besser eine Aufsteighilfe benutzen.

„Noch einmal danke!“, rief Mr. Allen. „Herzliche Grüße an den Pastor und gute Besserung. Grüßen Sie auch Miss Morrison und Mrs. Reynolds. Und danke Ihnen, Miss. Hab Ihre Hilfe sehr wohl bemerkt.“

„Wir sind doch Nachbarn, Mr. Allen, da unterstützt man sich gegenseitig“, antwortete sie. Nach einem weiteren Lebewohl ritten sie davon.

„Hoffentlich hat dich der lange Besuch bei Mr. Allen nicht zu sehr in Verzug gebracht“, meinte Jocelyn, als sie zurück auf der Landstraße waren.

„Alles deutet darauf hin, dass das gute Wetter sich noch ein paar Tage hält. Wenn ich heute nicht alle Höfe schaffe, nehme ich mir den Rest morgen vor.“

„Tut mir leid, dass ich Mr. Allen fast all unseren Proviant dagelassen habe. Aber Emily und ich sorgen uns, dass er, allein wie er nun ist, nicht genug isst.“

„Also stammte das Essen nicht aus dem Pfarrhaus? Ich dachte mir so etwas. Normalerweise halte ich nichts von Vorwänden, aber ein paar Notlügen, um dem alten Mann seinen Stolz zu bewahren, sind entschuldbar.“

„Ich log nicht! Vielleicht ließ ich es klingen, als kämen die Sachen von Emily und ihrer Haushälterin, aber wenn du dich erinnerst, sagte ich, ich hätte mitgebracht, was Mrs. Reynolds zubereitet hat – für mich. Und sie würde mich tatsächlich schelten, wenn ich, was sie mir für Mr. Allen mitgab, nicht abgeliefert hätte. Wie ich die Sätze aneinanderreihte, mag zu falschen Schlüssen geführt haben – aber ich log Mr. Allen nicht an.“

Alex blieb einen Moment stumm, rief sich offensichtlich das Gespräch ins Gedächtnis. „Also keine Lügen! Ich ziehe die Anklage zurück. Wie raffiniert du bist. Eine richtige Sprachkünstlerin.“

„Das sollte ich auch sein! Schließlich bin ich Tochter und Schwester von Meisterübersetzern.“ Zu spät erkannte sie, dass das ein Thema war, über das er ihrer Meinung nach besser nicht zu gründlich nachdenken sollte. Also sagte sie leichthin: „Ich würde gern sehen, wie du den Acker mit dem Handpflug bearbeitest. Ich bezweifle nicht, dass Mr. Allen dich in Grund und Boden pflügen könnte.“

„Wahr, aber ungerecht. Er ist damit groß geworden und hat jahrzehntelange Übung. Ich nicht.“

„Aber was die Gutsverwaltung betrifft, bist du viel besser geworden. Die Pächter reden nicht mehr von Aufstand, und die Bediensteten haben beschlossen, dass es letztendlich doch ganz nützlich wäre, dich hierzubehalten.“

„Wie ich mich freue, das zu hören!“, sagte er beißend. „Also, warum lud ich dich doch gleich ein, mich heute zu begleiten?“

„Um den Jagdpferden Bewegung zu verschaffen.“

„Ah, ja, ich dachte mir doch, dass ich einen besseren Grund hatte, als nur meinen Charakter von dir in Stücke reißen zu lassen.“

„Zugegeben, manchmal bin ich schonungslos, aber immer ehrlich.“

„Schonungslos in der Tat. Ich würde auf gleiche Weise antworten, aber dann wäre ich kein Gentleman.“

Jocelyn lachte. „Also Frieden! Wohin geht es als Nächstes?“

„Bist du sicher, dass du auch ohne Miss Morrison weiter mitkommen willst?“

Sie sah ihn eindringlich an. „Sicherlich sorgst du dich doch nicht um meinen Ruf? Himmel! Wir sind über die Jahre unzählige Male miteinander ausgeritten! Damit mag man sich in London kritische Blicke einhandeln, aber hier, wo wir so gut bekannt sind? Die meisten Leute hier betrachten dich als meinen zweiten großen Bruder.“ Da sie die Zeit ihres Zusammenseins nicht gekürzt sehen wollte – obwohl es klüger gewesen wäre –, fuhr sie fort: „Nein, ich sorge mich deswegen absolut nicht, und das solltest du auch nicht.“

Er schüttelte den Kopf, und ganz kurz dachte sie, er würde sie heimschicken. Dann seufzte er. „Großer Bruder! Einer kleinen Schwester, die noch frecher ist als meine eigene. Also gut, Jamesons Hof kommt als Nächstes.“

3. KAPITEL

Mehrere Stunden später hatten sie alle Pachthöfe aufgesucht, die Alex heute hatte besuchen wollen, und ritten nun in gemächlichem Schritt – nachdem Black Flash schon dreimal hatte ordentlich rennen dürfen – auf eine kleine Anhöhe, den höchsten Punkt vom Trethford Hill. Während sie die Pferde zügelten, ließ Jocelyn weit ihren Blick schweifen, und wie immer genoss sie den Anblick der wunderschönen Landschaft, die sich vor ihr ausbreitete. Die ihr noch schöner erschien, weil sie all diese Schönheit mit Alex teilen konnte.

„Ist das nicht herrlich!“, rief sie, sich ihm zuwendend. „Ich weiß, die Stadt hat ihre Vorteile, aber ich kann mir nicht vorstellen, woanders als hier zu leben.“

„Ja, es ist schön. Möchtest du hier eine Pause einlegen und etwas essen? Oder erhielt Mr. Allen unsere gesamten Vorräte?“

„Ich hatte von vornherein vor, ihm Lebensmittel dazulassen, aber es ist noch genug für uns übrig. Dieser umgestürzte Baumstamm sollte einen guten Sitzplatz abgeben. Und bitte versprich mir, dass du nicht noch einmal damit anfängst, wie ungehörig es ist, gemeinsam zu picknicken.“

Nach kurzem Zögern lächelte er. „Vielleicht sollte ich, aber ich tu’s nicht. Der Tag ist zu herrlich, und ich habe zu selten Zeit für ein Picknick, noch dazu mit dieser wunderschönen Aussicht, als dass ich Einwände erheben würde.“

„Ich lobe deine Weisheit – großer Bruder.“ Sie schmunzelte, da dieses Mal er das Gesicht verzog, während sie sich noch schmerzlich die Ironie der Worte eingestand. Selbst damals, als sie Alex Cheverton zum ersten Mal gesehen hatte, waren ihre Gefühle für ihn nicht schwesterlich gewesen. Für ihren festen Vorsatz, sich weiterhin in der Geisteswissenschaft zu betätigen, war es eine glückliche Fügung, dass er sie nie anders als mit brüderlicher Zuneigung behandelt hatte.

Sie stiegen von ihren Pferden, und Alex band die Tiere an einen nahen Ast. „Du kannst wirklich gut mit den Pächtern umgehen. Wie ungezwungen du mit allen redest!“, sagte er, während sie den Proviant aus der Satteltasche holte und mit ihm zu dem Baumstamm ging.

„Nun, die meisten kenne ich schon mein Leben lang“, erklärte sie, wobei sie sich in gebührendem Abstand zu ihm niederließ und die Speisen auswickelte. „Wir leben seit dem Sommer, als ich fünf wurde, im Witwenhaus. Aber du kannst inzwischen auch besser mit ihnen umgehen. Ohne dass es deine Autorität mindert, gibst du ihnen das Gefühl, dich um ihr Wohlergehen zu sorgen und ihre Meinungen zu respektieren. Trotzdem wissen sie, wer das Sagen hat.“

„Das will ich hoffen! Denn beides ist mir tatsächlich wichtig!“, entgegnete er.

Er nahm ein Stück Käse von ihr entgegen und schenkte ihnen beiden ein Glas Wein aus der mitgebrachten Flasche ein.

Jocelyn lachte. „Wenn ich mich daran erinnere, wie Emily und ich dich die ersten Male zu den Pächtern begleiteten! Meine Güte, was für ein Unterschied! Du wusstest kaum ein Wort zu sagen, schautest immer wieder zu uns herüber und flehtest uns stumm an, das Gespräch in Gang zu halten.“

„Aber nein!“

„Aber gewiss!“

„Also, ich mag sehr geschätzt haben, wie unbefangen ihr mit ihnen umgingt. Aber ganz bestimmt ‚flehte‘ ich euch nicht um Hilfe an. Nachdem ich die Pächter besser kennenlernte und eine tiefere Einsicht in die Anforderungen an meine Stellung bekam, wurde die Arbeit mit ihnen … einfacher.“

„Dein Vater hat dich nicht in die Verwaltung eines Gutsbesitzes eingeführt? Das habe ich mich schon immer gefragt.“

„Als er starb, war ich kaum ein Jüngling, und natürlich hatte er begonnen, mich in die Aufgaben, einen kleinen Besitz zu verwalten, einzuweisen. Aber ganz Wynborne ist nur wenig größer als einer von Edge Halls größeren Pachthöfen, und wir haben nur eine Handvoll Pächter. Nachdem Mama darauf bestand, dass ich an meinen Plänen festhalte und nach Oxford gehe, und mir dann Farisdeen die Möglichkeit bot, hier Verwalter zu werden – zu einem Gehalt, das mir ermöglichte, etwas zu der Familienkasse beizutragen –, riet selbst sie mir dazu, das Angebot anzunehmen.“

„Aber irgendwann wirst du Edge Hall verlassen und nach Wynborn zurückkehren?“

„Ja. Obwohl mir nach so vielen Jahren der Oberaufsicht hier die Rückkehr auf einen so kleinen Besitz viel Freizeit bescheren wird.“

„Du könnest immer noch tun, was der Landadel meistens tut – die Saison in London verbringen und die alltäglichen Pflichten Wynborns einem Verwalter überlassen.“

„Das könnte ich tun, und dazu hier weiterarbeiten. Da wäre der Anreiz, mir weiterhin dieses ansehnliche Gehalt zu verdienen. Dazu kommt, nachdem ich mich anfangs als betrüblich unvorbereitet empfand – und ich würde es begrüßen, wenn du zu diesem offenen Eingeständnis keinen Kommentar abgäbest –, habe ich nun viel Freude an der Arbeit und der Herausforderung. Manchmal fühle ich mich wie ein Zirkusakrobat, der mit fünf oder sechs Bällen gleichzeitig jongliert – stets mehrere gleichermaßen dringliche Aufgaben behandeln, in dem Wissen, es würde ein kleines Unglück geschehen, wenn ich einen Ball fallen ließe.“

„Du bist wirklich in die Aufgabe hineingewachsen. Na, war das nicht ein hübsches Zugeständnis?“

Er riss die grünen Augen auf und legte sich eine Hand an die Kehle. „Gut, dass ich nicht gerade von meinem Wein trank. Vor Verblüffung hätte ich mich glatt verschluckt.“

„Denk dran, ich bin schonungslos – aber ehrlich.“

„Nun, dann schonungslos, aber ehrlich … wenn ich auch gestehen muss, dass ich zeitweise meine Zweifel hatte, denke ich doch langsam, dass dich das zu einer überragenden Pfarrersfrau macht. Du hast Übung, weil du Miss Morrison öfter unterstützt, und du besitzt wahrhaftig das Talent, mit den Leuten zu reden. Und Feinfühligkeit. Wie etwa zu erkennen, dass Mr. Allen ein ausgedehnterer Besuch guttun würde. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das in den Sinn gekommen wäre. Und bestimmt hätte ich nie daran gedacht, ihm zusätzliche Vorräte mitzubringen – oder ihm die Gabe mit so geschickten Worten schmackhaft zu machen, dass er sie einfach annehmen musste.“

„Von dir hätte er es als Almosen angesehen – und ein junger Mann, der einen älteren für nicht mehr so tüchtig wie einst hält … aber die Tochter des Pfarrers ist bekannt dafür, dass sie den Pfarrkindern ihres Vaters kleine Gaben bringt.“

„Genau, du wirst wissen, wie man das handhabt, wenn du dich um die Gemeindemitglieder deines Gatten kümmern musst.“

Jocelyn verzog das Gesicht. „Ich besuche die Leute gerne, genau wie ich einen flotten Galopp genieße. Aber anschließend bin ich stets bereit, wieder zurück in die Bibliothek und an meine Arbeit zu gehen.“

„Und antike Schriften zu übersetzen? Nun komm, sei ehrlich – wird das nicht manchmal … langweilig?“

„Niemals! Erstens sind die Geschichten an sich so interessant. Zu denken, dass sie vor über tausend Jahren verfasst wurden, und doch sind die Umstände, die Gefühle, die Probleme so real und so frisch wie heute. Und dann die Herausforderung des Textes an sich – herauszuarbeiten, was die wahre Aussage eines Textes ist, der in einer Sprache verfasst ist, die schon ewig nicht mehr gesprochen wird.“

„Gibt es denn keine verlässlichen Wörterbücher, die dir die Bedeutung eines Ausdrucks aufzeigen?“

„Schon, doch wie in unserer eigenen Sprache hat ein Wort mehr als eine Bedeutung. ‚Er nimmt diesen Weg‘ – also, geht er oder wandert er oder streift er umher oder stapft er? Und wenn du genauer darüber nachdenkst, könnte es auch nicht im wörtlichen Sinn gemeint sein, sondern eine Metapher. Du darfst also nicht wörtlich übersetzen, sondern musst eine Formulierung finden, die den Sinn des Textes am ehesten wiedergibt.“

„Du meine Güte! Das ist viel komplizierter, als ich mir vorgestellt hatte.“

Begeistert, über die Arbeit sprechen zu können, die sie so sehr liebte, schüttelte sie den Kopf. „Es ist wie ein großes, komplexes, faszinierendes Puzzle. Man muss herausfinden, wie man die Teile in ihrer jeweiligen Bedeutung am besten zusammenfügt. Und noch dazu musst du dem Sprachfluss Rhythmus und Schönheit verleihen – immerhin geht es hier um das lyrische Drama –, wenn du nicht nur den Inhalt, sondern auch den Geist des Originals einfangen willst.“

„Langsam bekomme ich noch mehr Respekt vor deinem Vater und deinem Bruder.“

„Das solltest du auch! Selbst mit größter Anstrengung ist es eigentlich Raterei. Ein französisches Sprichwort sagt: Übersetzen ist Täuschen. Da es aber unwahrscheinlich ist, dass die Mehrzahl der belesenen Öffentlichkeit genug Altgriechisch beherrscht, um das Original zu lesen, muss man sein Bestes tun, sonst bleiben ihr jene schönen, faszinierenden Werke auf ewig unzugänglich.“

„Und du, die, ach, so versierte Schülerin deines Vaters, beteiligst du dich je an der inhaltlichen Arbeit?“

„Oh, natürlich, ich …“ Jäh fing sie sich und schlug anstelle ihres feurigen Tons einen eher scherzhaften an. „Natürlich, leidenschaftlich wie ich in Bezug auf Literarisches bin, darf ich gelegentlich eine Meinung zu Vergils Wortwahl äußern.“

Alex lachte, wie sie gehofft hatte.

Erleichtert, ihn erfolgreich abgelenkt zu haben, lachte sie ebenfalls. „Also gut, ich mache ein weiteres nobles Eingeständnis und billige ihm zu, dass seine Übersetzerkünste den meinen weit überlegen sind.“

Er tat, als wäre er übertrieben verblüfft. „Traue ich meinen Ohren? Ich hätte nicht gedacht, je von dir zu hören, dass dich jemand übertreffen könnte.“

„Himmel, bei dir klingt es, als wäre ich ein eingebildetes Ungeheuer“, protestierte sie. „Ich gebe offen zu, ich bin nicht jedem und bei allem überlegen, aber ich habe meine Talente. Reiten zum Beispiel. Nur um dich daran zu erinnern, werde ich dich auf dem Rückweg erneut besiegen müssen.“

„Es würde dir besser zu Gesicht stehen, Bescheidenheit zu üben“, schoss er zurück. „Wie ich hörte, wird dich dein Zukünftiger bald besuchen, und ich bin mir sicher, diese Tugend wird er an seiner erwählten Gattin zu schätzen wissen.“

Natürlich muss er genau das Thema anschneiden, das meine Laune dämpft! Seufzend sagte sie: „Ja, Mr. Finley wird uns nächste Woche im Witwenhaus besuchen.“

Nicht mehr zum Necken aufgelegt, musterte Alex sie forschend. „Du scheinst nicht sooo … begeistert über den anstehenden Besuch deines Zukünftigen.“

„Charles Finley ist … ein alter und guter Freund. Er ist liebenswürdig, gebildet und gewillt, mich nach der Heirat meine Arbeit mit Virgil fortsetzen zu lassen.“

Autor

Julia Justiss
Julia Justiss wuchs in der Nähe der in der Kolonialzeit gegründeten Stadt Annapolis im US-Bundesstaat Maryland auf. Das geschichtliche Flair und die Nähe des Meeres waren verantwortlich für zwei ihrer lebenslangen Leidenschaften: Seeleute und Geschichte! Bereits im Alter von zwölf Jahren zeigte sie interessierten Touristen das historische Annapolis, das für...
Mehr erfahren