Eine Braut für Prinz Casimir

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Bevor Prinz Casimir eine arrangierte, standesgemäße Ehe eingeht, will er noch einmal seine Ex-Affäre Ana treffen. Nur so kann er sie für immer aus seinen erotischen Träumen verbannen, denkt er. Bis er Unglaubliches erfährt, das jäh all seine Pläne auf den Kopf stellt …


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548038
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Leseprobe

Kelly Hunter

Eine Braut für Prinz Casimir

PROLOG

Als Kronprinz Casimir von Byzenmaach erwachte, dachte er mit schmerzhaftem Verlangen an diese Frau. Er drehte sich auf den Rücken und stöhnte auf, weil der schwere Stoff der Bettdecke über die Stelle seines Körpers rieb, die noch in dem sinnlichen Traum verharrte. Das Erlebnis, das ihn im Schlaf verfolgte, lag schon Jahre zurück, aber auch in dieser Woche hatte er bereits zum dritten Mal von der Frau geträumt.

Würde es denn nie vorbei sein?

Er brauchte länger als sonst, um die Erinnerung an das Liebesspiel abzuschütteln. Nackt wie er war, machte er sich auf den Weg zu seinem privaten Badehaus – eine gewaltige Halle mit hohen Marmorsäulen, in der sich selbst ein römischer Gladiator wohlgefühlt hätte.

Als er die Doppeltür seines Schlafzimmers aufstieß, empfing ihn die kalte Morgenluft des nach einer Seite offenen Bogengangs. Jetzt war er wirklich wach. Zwar war im übrigen Teil des Königreichs Byzenmaach längst Hochsommer, aber hier oben in den schneebedeckten Bergen herrschte selbst in dieser Jahreszeit eine fast winterliche Atmosphäre. Casimir störte das nicht. Im Gegenteil. Er genoss das Gefühl, die eiskalte Luft auf seiner Haut zu spüren. Denn dadurch wurde der Augenblick, wenn er unter den warmen Wasserstrahl trat, nur noch schöner.

Nichts löste die Anspannung in seinem Körper und vertrieb die finsteren Gedanken besser als fünf Minuten unter dem künstlichen Wasserfall, der hinter dem beheizten Schwimmbecken eingebaut war. Danach wäre er mit sich und der Welt wieder im Reinen. Das Badehaus war einer der Gründe, warum er die abgelegene Winterfestung als Wohnsitz gewählt hatte.

Vielleicht war er genusssüchtig.

Aber war das nicht verständlich? Immerhin bestand sein Leben sonst nur aus Pflichten.

Sich mit der Frau aus seinem Traum – Ana hieß sie – einzulassen, war ein Fehler gewesen. Aber er war damals noch jung und hatte sich von seinen Gefühlen leiten lassen. Er hatte Ana in Genf kennengelernt, wo sie Sprachen studierte. Nachdem er den ganzen Tag zähe Verhandlungen mit europäischen Investoren über sich hatte ergehen lassen müssen, war er auf der Suche nach Ablenkung abends in eine Bar gegangen. Ana hatte allein an einem Tisch gesessen und auf eine Freundin gewartet, die allerdings nicht aufgetaucht war.

Warum hatte er die erste Begegnung auch nach all den Jahren noch so deutlich vor Augen?

Vom offenen Bogengang zwischen Badehaus und Palast hatte man einen atemberaubenden Blick auf das weitläufige Tal. Casimir würde sich nie daran sattsehen. Sobald der Herbst Einzug hielt, würde er den langen Weg um den Palast herum nehmen müssen, aber bis dahin wollte er die herrliche Bergluft morgens auf seiner Haut spüren. Vielleicht half sie, die Hitze in seinen Adern zu lindern?

Eine vergebliche Hoffnung.

Selbst sieben Jahre nach der so kurzen wie stürmischen Affäre mit Anastasia Douglas hatte Casimir nur sie vor Augen, wenn sein Körper sich nach Erlösung sehnte.

Er erinnerte sich sogar noch daran, wie sie ihren Kaffee trank.

Stark, schwarz, mit einem Löffel Zucker, und so heiß, dass er Angst gehabt hatte, sie könnte sich daran verbrühen.

Er wusste noch genau, wie ihr Anblick ihm durch und durch gegangen war, wenn er ihr morgens den Kaffee ans Bett brachte. Ihr Haar hatte das wunderschöne Gesicht wie eine schwarze Wolke eingerahmt, während sie sich mit einem zufriedenen Stöhnen aufsetzte und den Dampf wegpustete, bevor sie die Tasse an die vollen Lippen führte.

Himmel, was sie mit diesem herrlichen Mund sonst noch getan hatte …

Er erzitterte, und das lag nicht nur an der eisigen Luft.

An jenem ersten Abend hatte ein besonderer Zauber gewirkt. Casimir hatte bei Ana seinen ganzen Charme spielen lassen, und noch vor Sonnenaufgang hatten sie nackt in ihrem Bett in der winzigen Studentenwohnung gelegen. Es war eine unvergleichliche Nacht gewesen, und statt Ana am nächsten Morgen zu verlassen, war er eine Woche lang bei ihr geblieben und hatte in diesem kurzen Zeitraum sämtliche Verpflichtungen vergessen. Es gab nur noch Ana. Er konnte nicht genug von ihr bekommen und liebte sie immer wieder aufs Neue.

Nicht nur die Nächte, auch die Tage hatten sie zusammen verbracht.

In einem Park hatten sie in der Sonne gelegen. Ana hatte den Kopf auf seinen Schoß gebettet, während sie ihm aus einem schmalen Band russische Gedichte vorlas, erst in fehlerfreiem Russisch, dann in ihrer eigenen englischen Übersetzung. Beide Sprachen kannte sie von Kindheit an, denn ihre Mutter war Russin, der Vater Engländer. Aber Ana hatte ihm gestanden, dass ihre Übersetzung mangelhaft war.

Russische Gedichte durften nicht auf Englisch vorgetragen werden, hatte sie ihm erklärt. Woraufhin ihm die Frage herausgerutscht war, warum sie das Unmögliche überhaupt versucht hatte.

Sie wolle als Dolmetscherin arbeiten, war ihre Antwort gewesen. Beim Europäischen Parlament oder bei den Vereinten Nationen. Dafür müsse sie ihr Studium mit Bestnote abschließen. Und ständig üben.

Sie hatte ihm von ihrem Lebenstraum erzählt, hatte Zimmer und Bett mit ihm geteilt.

Während er ihr so gut wie nichts über sich selbst verraten hatte.

Die ganze Zeit über war sie völlig ahnungslos gewesen. Hatte nicht gewusst, dass sie mit einem Kronprinzen sprach. Mit einem Mann, der eines Tages über ein Land herrschen und in einem Palast leben würde.

Sieben Tage und Nächte lang war er nicht Kronprinz Casimir von Byzenmaach gewesen, mit der toten Mutter, der ermordeten Schwester, dem gebrechlichen Vater und den Hunderten von Verpflichtungen. Für Ana war er nur Cas gewesen, und das hatte ihm ein Gefühl von Freiheit gegeben, als wäre eine Zentnerlast von seinen Schultern genommen worden.

Vielleicht war das der Grund, warum er so oft an Ana dachte. An ihre heiseren Lustschreie, die samtweiche Haut, an die Art, wie sie die Beine um seine Hüften geschlungen hatte … Vielleicht war sie für ihn so etwas wie die Verkörperung von Freiheit. Vielleicht sehnte er sich insgeheim danach, seinen eigenen Weg zu gehen. Dabei hatte er sich doch eigentlich schon vor Jahren damit abgefunden, dass ihm als zukünftiger König keine andere Wahl blieb, als seinem Volk zu dienen.

Im schwachen Licht der Morgensonne schimmerte das Wasser im Swimmingpool wie silbrige Fischschuppen. Dampf stieg davon auf und verteilte sich bis unter das hohe Kuppeldach. Casimir ging zum Beckenrand und tauchte einen Fuß ein. Als das Wasser seinen Knöchel umspülte, stöhnte er zufrieden auf.

Das Wasser war fast kochend heiß. Das gefiel ihm.

Es erinnerte ihn an die Art, wie Ana ihren Kaffee mochte.

Er trat einen Schritt weiter, dann noch einen, und bald reichte ihm das Wasser bis zu den Oberschenkeln. Doch auch die Mischung aus heißem Wasser und eiskalter Luft ließ seine Erregung nicht vergehen.

In wenigen Wochen würde er offiziell um die Hand von Prinzessin Moriana aus dem benachbarten Königreich Arun anhalten. Moriana war intelligent, gebildet und kannte sich in Staatsdingen gut aus. Eine Liebesheirat war es natürlich nicht, aber Casimir würde die Verbindung bestimmt nie bereuen. Moriana war für ihn die perfekte Ehefrau und für Byzenmaach die richtige Königin.

Moriana, nicht Anastasia.

Er versucht, seine Gedanken auf seine zukünftige Frau zu richten. Aber Ana gewann.

Wie immer.

Er verließ den Swimmingpool und stellte sich in den heißen Strahl des künstlichen Wasserfalls. Statt zur Seife griff er nach dem duftenden Öl, bevor seine Hand zu seiner Körpermitte wanderte und den harten Beweis seines Verlangens umfasste.

Vielleicht würde er endlich über Ana hinwegkommen, wenn er Erkundigungen über ihr heutiges Leben einholte. Vielleicht war sie glücklich verheiratet und hatte zwei Kinder. Dann konnte er nach vorne schauen und sich endlich um einen Erben kümmern.

Vielleicht würden die Erinnerungen eines Tages verblassen. Die Erinnerung an die strahlend schöne Ana mit den langen Beinen, der Alabasterhaut, dem seidenweichen schwarzen Haar. Ana, die vor ihm gehockt und ihn verwöhnt hatte. Ana, deren Sinnlichkeit sein Verlangen nur noch geschürt hatte.

Damals hatten sie die reine Lust ausgekostet. Und Anas Hände und Lippen schienen instinktiv zu wissen, was ihm am besten gefiel. Dazu hatte sie ihn mit leidenschaftlichen Wörtern bedacht, die seine Seele verstanden hatte, ohne dass er die Sprache beherrschte.

Ihm blieb nur der Trost, in Gedanken jederzeit zu ihr zurückkehren zu dürfen.

Er schloss die Augen, drehte das Gesicht in den Wasserstrahl und ließ die Erinnerung wieder hochkommen.

1. KAPITEL

„Hoheit, dürfte ich Sie um einen Moment Ihrer Zeit bitten?“

Casimir blickte von seinem Schreibtisch auf. Es war Rudolpho, seit über vierzig Jahren persönlicher Berater des Königs von Byzenmaach. Mit einem Nicken bat Casimir den älteren Mann in sein Arbeitszimmer. Dieser machte ein noch besorgteres Gesicht als sonst, was womöglich am kritischen Gesundheitszustand des Königs lag. Der treu ergebene Rudolpho hatte zwar hingenommen, dass die Staatsgeschäfte von König Leonidas auf Kronprinz Casimir übergegangen waren, aber in erster Linie war und blieb er der Diener des alten Königs.

Es war nur noch eine Frage von Tagen, bis Casimir die Winterfestung verlassen und in die Sommerresidenz nahe der Hauptstadt übersiedeln musste. Bald würde der lange Todeskampf seines Vaters ein Ende nehmen. Sein Vater und er standen sich nicht sonderlich nahe. Einerseits empfand Casimir Hass für den herzlosen Mann und würde das vermutlich auch nach seinem Tod noch tun. Andererseits hatte er Mitleid mit ihm und sehnte sich nach seiner Anerkennung und Liebe. Aber dafür war es vermutlich längst zu spät.

Rudolpho stand unschlüssig im Raum. Irgendetwas musste vorgefallen sein. „Gibt es Neuigkeiten von meinem Vater?“, fragte Casimir beunruhigt.

„Der König hat dank Morphium einen relativ angenehmen Abend verbracht. Er schläft jetzt.“ Rudolpho trat nun doch zum Schreibtisch und ließ den Blick über die Papierstapel neben Casimirs Laptop schweifen. „Sie müssen die viele Arbeit unbedingt an Ihre Sekretäre delegieren.“

„Das habe ich vor. Sobald ich mir einen Überblick verschafft habe, was ich hier zu delegieren habe.“ Obwohl Casimir seit frühester Jugend mit den Pflichten des Thronfolgers vertraut war, musste er sich in einige Aufgaben erst einarbeiten. „Ich dachte, Sie hätten den Palast schon vor Stunden verlassen.“ Er schaute den älteren Mann fragend an.

Rudolpho antwortete nicht, sondern legte einen dicken Umschlag auf den Tisch. „Der Bericht, den Sie über Anastasia Douglas angefordert haben, ist soeben eingetroffen. Ich habe mir erlaubt, ihn zu öffnen.“

„Sie öffnen doch sämtliche Post.“ Das konnte nicht der Grund für Rudolphos Zögern sein.

„Aber nicht jeder Bericht schafft es, dass mir der Atem stockt. Haben Sie davon gewusst?“

Die Stimme des älteren Mannes klang scharf. Es lag ein Unterton darin, den Casimir nicht deuten konnte. War es Angst? Verzweiflung? Enttäuschung? „Was soll ich gewusst haben?“

„Sehen Sie selbst. Falls Sie mich suchen, ich bin in meinem Büro.“ Rudolpho deutete eine Verbeugung an und verließ das Zimmer.

Casimir betrachtete den Umschlag misstrauisch, bevor er mit einem tiefen Seufzer nach ihm griff.

Ich wollte wissen, was aus ihr geworden ist, ermahnte er sich selbst. Damit ich sie endlich vergessen kann.

Er hatte seine Sicherheitsleute damit beauftragt, Anastasia Douglas zu beschatten. Es gab keinen Grund für seine Angst.

Wieso zitterte seine Hand trotzdem, als er den Umschlag öffnete und den Inhalt herauszog?

Im Umschlag befanden sich Dutzende Fotos. Obenauf lag eine Nahaufnahme von Ana. Er erkannte das herzförmige Gesicht, die Augen, in denen ein Mann ertrinken konnte, die Lippen, die einen Vorgeschmack auf den Himmel gaben. Dazu die langen, schwarzen Wimpern, die das strahlende Blau ihrer Augen noch stärker zur Geltung brachten. Auf diesem Foto hatte sie das Haar zu einem lässigen Pferdeschwanz zusammengebunden. Auf dem nächsten flossen ihr die dunklen Locken verführerisch um Gesicht und Schultern. Es war ein Gesicht, dessen Schönheit einem Mann den Atem rauben konnte.

Casimir schloss kurz die Augen. Ana hatte sich zu einer echten Schönheit entwickelt. Das war an sich keine Überraschung.

Die nächste Aufnahme zeigte Ana, wie sie die Treppe zu einem Gebäude hinaufging – vermutlich lief sie sogar, denn das Foto war leicht verwackelt. Dennoch waren die langen, schlanken Beine, die sinnlichen Kurven und das tiefschwarze Haar sofort wiederzuerkennen. Sie trug ein graues Businesskostüm und eine schwarze Umhängetasche.

Auf dem nächsten Foto trug sie Jeans und ein pinkfarbenes T-Shirt. Sie stand offenbar vor dem Eingang einer Schule, neben ihr ein Mädchen im Grundschulalter. Der Fotograf hatte Ana von hinten abgelichtet, während sie dem Kind mit den Riemen des Schulranzens half. Sie war also tatsächlich Mutter geworden – schön für sie. Hoffentlich hatte sie auch einen Mann und führte ein glückliches Familienleben. Casimir suchte ihre linke Hand nach einem Ring ab, doch auf dem Foto ließ sich das nicht erkennen.

Das nächste Foto zeigte das kleine Mädchen in Nahaufnahme.

Ein Blick … und Casimir hatte das Gefühl, die Welt hätte aufgehört, sich zu drehen.

Alle Luft wurde aus seiner Lunge gepresst.

Nein.

Casimir hatte bis zu seinem zehnten Lebensjahr eine drei Jahre jüngere Schwester gehabt – Claudia war ihr Name gewesen. Dann hatten die Rebellen aus dem Norden das Mädchen entführt und Forderungen an seinen Vater gestellt. Zum Beweis, dass sie es ernst meinten, hatten sie Claudia die Haare abgeschnitten und in den Palast geschickt. Aber sein Vater hatte sich geweigert, auf die Forderungen einzugehen, und am Ende hatten die Entführer das Kind getötet.

Casimirs Mutter hatte den Tod der Tochter nie verwunden. Genau ein Jahr später hatte sie Selbstmord begangen und Mann und Sohn allein zurückgelassen.

Cas und sein Vater hatten nie wieder über die beiden geredet. Ein Therapeut kam für den jungen Kronprinzen natürlich nicht infrage – böswillige Reporter hätten sich auf die Geschichte stürzen und den zukünftigen Thronfolger als Schwächling hinstellen können. Cas hatte die Schicksalsschläge seiner Kindheit ganz allein verarbeiten müssen.

Im Palast hingen noch heute Bilder von seiner Mutter und der Schwester – sie erinnerten ihn jedes Mal aufs Neue an den großen Verlust und die tiefe Trauer. Sobald er König wäre, würde er sie von den Wänden entfernen und in einen selten genutzten Raum bringen lassen. Damit die Vergangenheit endlich ruhen konnte.

Jetzt holte er tief Luft und schaute noch einmal auf das Foto des kleinen Mädchens. Ihr hübsches Gesicht mit der aristokratischen Nase wurde von wilden dunklen Locken eingerahmt.

Aber vor allem waren da diese Augen.

Casimir blinzelte zweimal – vergeblich. Das Bild hatte sich bereits tief in seine Netzhaut eingebrannt.

Es gab weitere Fotos, und jedes löste widersprüchliche Gefühle in ihm aus. Aus der Entfernung sah sie aus wie ein x-beliebiges kleines Mädchen, aber aus der Nähe betrachtet … Himmel, diese goldbraunen Augen.

Dann entdecke er ein Foto, auf dem sie durch einen Garten wirbelte, die Arme ausgebreitet, als wollte sie Insekten fangen.

Cas hatte das Gefühl, wieder zehn Jahre alt zu sein. Damals hatte er Claudia allein im Garten zurückgelassen, um ein Marmeladenglas für den Schmetterling zu holen, den seine Schwester gefangen hatte. Als er zurückkam, hatte er sie vergeblich gesucht.

Sie war fort.

Entführt.

Und er hatte sie nie wiedergesehen.

Er schloss die Augen und konzentrierte sich aufs Atmen.

Dann hörte er das Klirren von Gläsern und riss die Augen wieder auf. Rudolpho war mit einem Silbertablett mit einer Whiskykaraffe und einem Kristallglas ins Zimmer zurückgekehrt. Der Berater goss zwei Fingerbreit der bernsteinfarbenen Flüssigkeit ins Glas und stellte es vor Casimir ab.

„Das ist zwar nicht im königlichen Protokoll vorgesehen“, erklärte der ältere Mann. „Aber trinken Sie. Sie sind weiß wie die Wand.“

„Sie ist …“ Cas atmete aus. „Sie ist es nicht.“

„Nein“, erwiderte Rudolpho ruhig. „Aber die Ähnlichkeit ist wirklich geradezu unheimlich.“

Casimir hob das Foto mit dem im Garten spielenden Mädchen in die Höhe. Rudolpho zuckte merklich zusammen.

„Bitte erzählen Sie mir kurz, was unsere Leute herausgefunden haben“, bat Casimir.

„Das Kind ist sechs Jahre alt und besitzt die britische Staatsbürgerschaft“, begann Rudolpho. „Sie wurde in einem Londoner Krankenhaus geboren. Ihre Mutter hat die Staatsbürgerschaft ebenfalls angenommen.“

Jetzt zuckte Casimir merklich zusammen, weil eine Angehörige der königlichen Familie von Byzenmaach eine andere Staatsbürgerschaft besaß.

„Die Mutter heißt Anastasia Victoria Douglas“, fuhr Rudolpho fort. „Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt, Familienstand: ledig. Sie arbeitet als Dolmetscherin für die Vereinten Nationen und lebt mit ihrer Tochter in Genf.“

„Und der Vater?“, fragte Casimir tonlos.

„Unbekannt.“

Casimir, der zukünftige König von Byzenmaach, hatte eine uneheliche, sechsjährige Tochter. Eine Tochter, die seiner toten Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten war.

„Hoheit, Ihr Name steht nicht auf der Geburtsurkunde“, erklärte Rudolpho leise. „Vielleicht ist das Kind nicht von Ihnen. Vielleicht weiß Anastasia Douglas nicht, wer der Vater ist.“

Cas zog die Nahaufnahme des Mädchens hervor und hielt sie hoch.

„Vielleicht hat die Frau eine Vorliebe für Männer mit bernsteinfarbenen Augen“, warf Rudolpho ein. „Ich will damit nur sagen, dass die Mutter des Kindes in den letzten sieben Jahren keinen Kontakt zu Ihnen aufgenommen hat. Miss Douglas hat Sie um nichts gebeten und kümmert sich vorbildlich um das Kind. Es hat ein Dach über dem Kopf und besucht eine gute Schule. Das Mädchen scheint ausgesprochen intelligent zu sein. Die Mutter hat ihr einen guten Start ins Leben ermöglicht und braucht Ihre Hilfe offensichtlich nicht.“

„Wollen Sie mir damit nahelegen, meine Tochter nicht anzuerkennen?“

Rudolpho schwieg.

„Dazu wollen Sie mir tatsächlich raten?“

„Sie können das Kind natürlich auch in den Palast holen“, sagte Rudolpho schließlich. „Und versuchen, so gut wie möglich für seine Sicherheit zu sorgen.“

Cas runzelte die Stirn. „Sie glauben, ich könnte das Mädchen nicht beschützen?“ Dabei war er derjenige gewesen, der seine Schwester schutzlos im Garten zurückgelassen hatte.

„Ich glaube …“ Rudolpho räusperte sich. „Ich glaube, dass das Mädchen aussieht wie eine Wiedergeburt Ihrer Schwester. Die Presse wird sich mit Feuereifer auf die Geschichte stürzen. Und Ihre Gegner werden etwas gegen Sie in der Hand haben.“

Eine tödliche Stille setzte ein.

„Das bleibt fürs Erste unter uns“, sagte Casimir schließlich.

Rudolpho sah ihm ernst in die Augen. „Falls Sie es wünschen, bleibt es für immer unter uns.“

Casimir betrachtete die vor ihm ausgebreiteten Fotos. Konnte er das Mädchen tatsächlich aus seinem Leben verbannen, so wie er die Erinnerung an seine Schwester und die Mutter zu verdrängen suchte? Konnte er die Fotos zurück in den Umschlag stecken und so tun, als hätte er sie nie gesehen?

Konnte er wirklich so tun, als würde das Mädchen nicht existieren?

Sie war seine Tochter. Er trug Verantwortung für sie und musste sie beschützen. „Wie heißt sie?“, fragte er mit leicht belegter Stimme.

„Hoheit, je weniger Sie über das Kind wissen, desto …“

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