Einmal noch – und dann für immer?

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Ettore Marchesi braucht eine Ehefrau an seiner Seite! Das schreibt eine lästige Klausel vor, damit er das riesige Familienvermögen erben kann. Zwar ist er mit der unkonventionellen Dulcie verheiratet. Aber sie leben getrennt, weil ihnen nach dem überstürzten Jawort trotz aller Leidenschaft schnell klar war, dass sie zu unterschiedlich sind. Was soll er tun? Von Dulcie die Scheidung fordern, um frei für eine andere zu sein? Oder sie bitten, auf Zeit zu ihm zurückzukehren, und ihr dafür Geld für die Behandlung ihres kranken Bruders anbieten?


  • Erscheinungstag 01.09.2026
  • Bandnummer 2769
  • ISBN / Artikelnummer 0800262769
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Louise Fuller

Einmal noch – und dann für immer?

PROLOG

Wohnung der Familie Marchesi, Parioli, Rom

„Zwei Stück Zucker, oder?“ Ettore Marchesi sah seinen Anwalt Carlo Biondi fragend an. Natürlich hätte er seine Haushälterin Mariana bitten können, zu bleiben und den Kaffee zu servieren. Aber manchmal schlüpfte er gern aus seiner Rolle, tat so, als wäre er nicht der Erbe des größten Privatvermögens Italiens.

Unglücklicherweise drohte dieses Vermögen empfindlich zu schrumpfen, denn sein Vater und der Rest seiner Schmarotzer-Verwandtschaft zogen es vor, das Vermögen der Marchesi anzuzapfen, um ihren Lebensstil zu finanzieren, anstatt dafür zu arbeiten.

Auch seine jüngere Schwester Sofia genoss es, das Geld der Familie mit vollen Händen auszugeben. Vor zehn Monaten war sie aus dem Castiglione Fiana ausgezogen, weil sie Freiheit und Unabhängigkeit brauchte, wie sie behauptete. Derzeit reiste sie um die Welt auf der Suche nach sich selbst. Trotzdem hinderten sie der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit nicht daran, ihren Titel zu nutzen, wenn es ihr in den Kram passte. Und natürlich bezahlte ihr Vater immer noch ihre Rechnungen.

Sein Vater …

Ettore rieb sich angespannt den Nacken. Vor zwei Tagen war Edoardo Marchesi ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Carlo räusperte sich. „Wie geht es ihm?“

Ettore sah ihn fest an. Carlo war nicht nur der Anwalt der Marchesi, sondern auch einer der wenigen Menschen, denen Ettore in heiklen Familienangelegenheiten vertraute. Und davon gab es reichlich, denn seine Familie hatte einen Hang zu Chaos und Drama.

„Mariana hat ihn auf dem Fußboden liegend gefunden. Sie sagte, er hätte kaum noch geatmet. Aber als ich ihn vorhin besuchte, spielte er mit den Krankenschwestern Briscola.“

Sein alter Herr sollte heute entlassen werden. Doch er musste mit der Rückkehr nach Apulien warten, bis der Arzt ihn für flugtauglich erklärte.

Die Anspannung in Ettores Nacken verursachte ihm Kopfschmerzen. Edoardo hätte sich eigentlich gar nicht in Rom aufhalten sollen. Doch der alte Sturkopf hatte natürlich nicht auf den Rat anderer gehört.

Wie üblich. Nur dass dieses Mal sein Körper protestiert hatte. Er war zusammengebrochen, glücklicherweise in der Wohnung der Marchesi, und ins Krankenhaus gebracht worden. Bettruhe und Medikamente hatten seinen Zustand stabilisiert. Aber er war sechsundachtzig und litt unter einer Herzschwäche.

„Haben Sie die Familie verständigt?“

Ettore schüttelte den Kopf. „Das wollte er nicht. Ist wahrscheinlich auch besser so. Ich möchte nicht, dass sie mit ihren Hypersportwagen hier angerast kommen.“

„Wird etwas durchsickern?“, fragte Carlo leise.

„Eher nicht. Ich habe schon früher mit dem Krankenhaus zu tun gehabt. Sie waren immer sehr diskret.“

„Das ist gut. Wir wollen nicht, dass irgendwelche dummen Geschichten über den Familienfluch die Runde machen.“

Nein, das war wirklich das Letzte, was sie wollten.

Offenbar war es zu allen Zeiten üblich, dass Gerüchte über geheimnisvolle Flüche kursierten, mit denen berühmte Familien belegt waren: zum Beispiel die Kennedys oder die Grimaldis. In Italien betraf es die Familie Marchesi, die über Generationen hinweg von unglücklichen Ehen und vorzeitigen Todesfällen heimgesucht worden war.

Mit dem Daumen tastete er über die mittlerweile fast unsichtbare Narbe an seinem linken Handgelenk. Weitere Narben befanden sich an seinem rechten Schienbein, an Bauch und Rücken. Erinnerungen an den Motorradunfall, bei dem Edo ums Leben gekommen war.

Trotz ihrer Differenzen hatte er seinen Bruder über alles geliebt und vermisste ihn immer noch. Manchmal vermisste er sogar seine Mutter, obwohl sie kein Geheimnis aus ihrer Vorliebe für Edo gemacht hatte. Seit dem Tod seines Großvaters vor fast zwölf Jahren hatte er widerwillig die Verwaltung des Familienvermögens übernommen. Eine undankbare Aufgabe, die mit ständigen Auseinandersetzungen mit seinen verschwendungssüchtigen Verwandten einherging.

Fragend hob er die zierliche Porzellanzuckerdose an.

„Nicht für mich.“ Carlo verzog das Gesicht. „Ich kämpfe mit Prädiabetes, und Carolina und Silvia sind sehr streng. Gegen eine könnte ich mich vielleicht behaupten, aber …“ Der Anwalt seufzte resigniert. „Und sie haben ja recht. Ich weiß, dass sie recht haben. Nur weil wir etwas wollen, heißt das nicht, dass wir unseren Wünschen nachgeben sollten.“

Ihre Blicke trafen sich. Keiner der beiden Männer musste darauf hinweisen, dass Edoardo Marchesi seinen Wünschen so oft nachgab, dass es glatt zum Familien-Motto gereicht hätte. Ganz im Gegensatz zum tatsächlichen Motto der Marchesi: Guisto e Fidele. Fair und treu. Worauf auch immer sich das begründete. Soweit er wusste, waren Ettores Vorfahren notorische Frauenhelden und auch sonst vollkommen unzuverlässig gewesen.

Einen Moment lang nippten beide Männer schweigend an ihrem Kaffee, dann räusperte sich Carlo Biondi.

„Genug von meiner Gesundheit. Ich bin gekommen, um über die Ihres Vaters zu sprechen.“

„Da sind Sie auf demselben Stand wie ich, Carlo. Er ist verschlossen wie eine Auster, was seine Krankengeschichte angeht. Das Schlimmste hat er wohl überstanden. Wenn er sich an die Anweisungen des Arztes hält, wird er uns wahrscheinlich alle überleben.“

Carlo lächelte gezwungen. „Ich weiß, dass Sie das gern glauben möchten, Ettore, aber wir wissen beide, dass Ihr Vater nur noch auf geliehene Zeit lebt. Deshalb wird es höchste Zeit, über das Testament zu sprechen.“

„Hat sich denn etwas geändert?“

„Nein. Der gesamte Nachlass fällt an den ältesten lebenden Erben.“ Der Anwalt fixierte ihn ernst. „Seit dem Tod Ihres Bruders sind das Sie. Allerdings müssen Sie die Corti-Marchesi-Klausel erfüllen.“

Ettore blinzelte irritiert. „Die Corti-Marchesi-Klausel?“ Davon hatte er noch nie gehört. Sofort war er alarmiert.

Carlo hatte seinen Kaffee ausgetrunken und stellte die Tasse ab. „Die Klausel ist unumstößlich und besagt, dass die Verantwortung für das Erbe einem verheirateten Mann zukommen soll. Kurz gesagt, um das Anwesen und den damit verbundenen Titel zu erben, ist es Voraussetzung, vor dem Ableben des derzeitigen Duca, des Herzogs, verheiratet zu sein.“

„Das ist doch heute nicht mehr haltbar. Kein Gericht würde eine solche Klausel bestätigen.“

Carlo zuckte mit den Schultern. „Ich versichere Ihnen, die Klausel ist rechtlich wasserdicht. Eine Anfechtung vor Gericht wäre eine zeitaufwendige und nervenaufreibende Angelegenheit und mit Sicherheit zum Scheitern verurteilt.“

„Und wenn ich diese Bedingung nicht erfülle?“ Die Luft im Raum schien sich plötzlich um einige Grad abgekühlt zu haben.

„Dann fällt Ihrem Onkel das Erbe zu.“

Was für eine erschreckende Vorstellung … Er liebte seinen Onkel, aber Frederico war faul, verantwortungslos und geschäftlich völlig inkompetent. Das konnte doch wohl nicht Carlos Ernst sein, oder? Doch der Anwalt lächelte nicht. Tatsächlich hatte er noch nie weniger amüsiert gewirkt. „Warum habe ich noch nie von dieser Klausel gehört?“

Carlo zuckte mit den Schultern. „Weil das noch nie ein Thema war. Frühere Erben hatten immer schon lange vor dem Tod des amtierenden Duca geheiratet, so wie Ihr Vater. Ich kann mich nicht erinnern, diese Klausel jemals mit ihm besprochen zu haben.“

War das der Grund, warum Edoardo ihm nichts davon erzählt hatte? Oder lag es daran, dass Ettore für seinen Vater nur ein nützliches Werkzeug war, nicht aber der passende Erbe?

„Versuchen Sie, nicht zu viel darüber nachzugrübeln, Ettore. Sie sind in einem Alter, in dem Sie vernünftigerweise über eine Heirat nachdenken sollten. Außerdem gut aussehend und aus bester Familie. Eine Ehefrau zu finden, wird für Sie kaum ein Problem sein.“

Eine Ehefrau finden … Allein der Gedanke bereitete ihm Kopfschmerzen. Da er in der Familienhierarchie ganz unten stand, hatte er sich antrainiert, seine Gefühle für sich zu behalten.

Aber das war, bevor er Dulcie getroffen hatte. Mit ihrem weichen, zerzausten blonden Haar und diesen unglaublich blauen Augen, in deren Tiefen er sich mit wachsender Begeisterung verloren hatte … Sie war einfach berauschend gewesen. Und er hatte sich berauschen lassen. Was ehrlich gesagt die einzig nachvollziehbare Erklärung für sein völlig irrationales Handeln war. Für einen Moment sah er das wilde Leuchten in ihren Augen, als sie sich für ihren Bruder und gegen ihn entschieden hatte. Schnell verdrängte er dieses Bild.

Was er brauchte, war eine Ehefrau. Eine Ehefrau, die bereit war, an seiner Seite zu stehen und sein Leben mit all seinen Vorzügen auf der einen und Belastungen auf der anderen Seite zu teilen. Eine Frau, die ihn über alles andere stellte. Mit anderen Worten: nicht Dulcie Turner. Also musste er die Suche verschieben, denn zuerst musste er sich von Dulcie scheiden lassen, die er vor etwas mehr als zwei Jahren spontan geheiratet hatte. Um sich sechs Wochen später wieder von ihr zu trennen.

Es war eine für ihn völlig untypische Kurzschlusshandlung gewesen. Glücklicherweise hatte niemand aus seiner Familie davon erfahren, auch Carlo nicht. Und es war besser, wenn das auch so blieb. Er könnte einen anderen Anwalt beauftragen, um ihr die Scheidungsunterlagen zu schicken. Andererseits wäre es vielleicht besser, das persönlich zu tun. Jetzt, da er darüber nachdachte, fragte er sich, warum er nicht schon eher eine rechtliche Klärung angestrebt hatte. Denn zu einer Aussöhnung würde es nicht kommen.

1. KAPITEL

Leicht außer Atem schlüpfte Dulcie Shaw durch die Tür des Hörsaals. Professorin Dr. Claire Blake hatte bereits mit der Vorlesung begonnen. Dulcie setzte sich hastig auf den letzten freien Platz in der hinteren Reihe und klappte ihren Laptop auf. Sie war den ganzen Weg vom Labor hierhergerannt, und ihr Herz pochte so laut, dass sie Dr. Blakes Worte kaum verstand.

Ein paar Reihen vor ihr blickte ein junger Mann mit blonden Haaren in einer Mischung aus Neugier und Missbilligung zu ihr herüber. Er war Student, sie kannte ihn aus dem Labor. Unwahrscheinlich, dass er sie erkannte. Als Labortechnikerin war man quasi unsichtbar. Sie mochte die Studenten nicht, jedenfalls die männlichen mit ihrem Schubladendenken. Für sie war das Leben ein Flussdiagramm aus klaren, einfachen Entscheidungen: ich oder deine Mutter. Ich oder dein Bruder.

Sie spürte, wie sich ihre Schultern verspannten. Denn klar und einfach bedeutete nicht gleichzeitig, dass diese Entscheidungen auch fair oder richtig waren. Manchmal lagen sie völlig daneben. Natürlich verallgemeinerte sie, nicht alle Männer waren so, womöglich nur ihr Vater und ihr Ehemann. Doch in näherer Zukunft würde sie diese Theorie nicht überprüfen können, denn nach dem, wie es mit Ettore gelaufen war, hatte sie sich geschworen, erst mal keine feste Beziehung mehr einzugehen.

Bevor sie ihm begegnet war, hatte sie darauf geachtet, sich nicht zu binden. Ihren Dates hatte sie erklärt, sie halte nichts von Etiketten. In Wahrheit hatte sie sich schon beim Händchenhalten gefühlt, als säße sie in der Falle. Sie kam damit durch, weil sie dank ihrer teuren Internatserziehung wusste, wie man auf Kommando strahlte und jemandem diplomatisch eine Abfuhr erteilte.

Nachdem sie sich ein bisschen mit dem jeweilig Auserwählten amüsiert hatte, war sie weitergezogen – bevor es anfangen konnte, ernst zu werden. Bevor einer ihr zu nahekommen und Macht über sie erlangen konnte. Das ließ sie nicht zu. Macht korrumpierte, zerstörte Leben, Beziehungen. Es war sicherer, Single zu bleiben und mit leichtem Gepäck zu reisen.

Und dann hatte sie Ettore Marchesi getroffen. Dichtes dunkles Haar, bernsteinfarbene Augen und ein sinnlicher Mund, alles Warnzeichen, auf Abstand zu bleiben.

Ein einziger Moment hatte genügt, ihr Leben völlig auf den Kopf zu stellen. Ettore zu begegnen, war wie eine Kollision von Atomen gewesen, aus der ein vollkommen neuer Seinszustand entstanden war. Plötzlich schien alles möglich, das Leben war voller Versprechen und Abenteuer und Verlockungen. Dulcie war auf einmal ein ganz anderer Mensch: mutig, entscheidungsfreudig, leichtsinnig.

Zu ihrer Verteidigung sei gesagt, dass sie keine Wahl gehabt hatte. Ihr Verlangen nach ihm war so mächtig gewesen wie ein schwarzes Loch, das alles verschlang, was sich ihm näherte. Es war ein schwerer Fehler gewesen, der ihr Vertrauen in Männer und schlimmer noch in sich selbst nachhaltig erschüttert hatte. Und sie hatte bitter dafür bezahlt.

Ihr Blick fiel auf den Ringfinger ihrer linken Hand. Sie trug ihren Ehering nicht mehr. Nicht seit Ettore vor zwei Jahren aus ihrer Wohnung und ihrem Leben verschwunden war. Rechtlich gesehen galten sie immer noch als verheiratet. Getrennt lebend, voneinander entfremdet, aber verheiratet. Und dummerweise fühlte sie sich auch immer noch so, obwohl sie seit ihrer Trennung kein Wort mehr von ihm gehört hatte. Ja, sie fühlte sich ihm auf eine Weise verbunden, die sie sich nicht erklären konnte. Und es gab niemanden, mit dem sie darüber hätte reden können.

Seit ihrem Umzug nach Cambridge hatte sie lockeren Kontakt zu einigen Kolleginnen, aber keine Freundinnen. Freundschaften zu pflegen, erforderte ein Maß an Engagement, das sie derzeit einfach nicht aufbringen konnte. Ihre begrenzte Freizeit widmete sie ihrem Bruder Oscar, der sie mehr brauchte denn je. Schließlich war es ihre Schuld, dass sein Leben aus den Fugen geraten war.

Sie schluckte schwer, als sie an seinen letzten Wutausbruch vom Wochenende dachte. Er hatte herumgeschrien, Dinge zerschlagen und ihr vorgeworfen, dass sie in ihm nur eine Last sähe. Im nächsten Moment hatte er sich weinerlich an sie geklammert, sie angefleht, nicht zu gehen, und versprochen, sich zu ändern. Es war ein Teufelskreis, der sich schon so oft wiederholt hatte, dass sie einen neuen Ausbruch inzwischen schon vorherahnte.

Und ja, es war ihre Schuld, dass Oscar sich so entwickelt hatte. Sie hatte ihn bei ihrer alkoholkranken Mutter zurückgelassen, war für seine spätere Sucht verantwortlich. Zwar konnte sie die Vergangenheit nicht ändern, aber sie konnte Wiedergutmachung leisten. Konnte Oscar die Unterstützung und Liebe geben, die er so dringend brauchte.

Was bedeutete, dass sie gleichzeitig arbeiten und studieren musste, um ihren Masterabschluss zu machen. Anschließend hoffte sie, einen besseren Job mit höherem Gehalt zu finden und ihm eine angemessene Behandlung zu ermöglichen. Das war ihr langfristiges Ziel, obwohl er die Therapie eigentlich so schnell wie möglich brauchte. Aber der Lebensunterhalt für sie beide strapazierte ihre Finanzen bereits bis zum Äußersten.

Den Rest der Stunde konzentrierte Dulcie sich auf Dr. Blake. Dann klappte sie ihren Laptop zu und strömte mit den anderen Studenten die Treppe hinunter aus dem Hörsaal, als es plötzlich nicht mehr weiterging. Vor ihr ballte sich eine Menschenmasse, irgendetwas erregte ihre Aufmerksamkeit. Was war denn da los?

Ungeduldig reckte sie den Kopf, um nach vorne zu spähen. Hm, da stand ein Mann mit seinem breiten, muskulösen Rücken zu ihr, sodass sie sein Gesicht nicht sehen konnte. Den bewundernden Blicken einiger Studentinnen nach zu urteilen, musste er ziemlich attraktiv sein. Dulcie sah genauer hin, die Form seines Kopfes kam ihr seltsam vertraut vor. Als spürte er ihren Blick, rieb sich der Mann den Nacken.

War er ein Gastdozent? Wahrscheinlich wartete er auf Dr. Blake. Im nächsten Moment drehte er sich um, und sie erkannte ihn sofort. Selbstbewusst bahnte er sich einen Weg durch die Menge, die sich wie von Zauberhand teilte. Die Studenten wichen zurück, offensichtlich fasziniert von seinem Anblick.

Und konnte sie es ihnen verdenken? Denn auch sie war sofort wieder wie gebannt von seinem Anblick. Es war genau wie damals, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war: nach einem stressigen Tag am Flughafen Charles de Gaulle in Paris. Das Unwetter, das sich seit Tagen über der Stadt zusammengebraut hatte, hatte sich in der Nacht plötzlich in einer nicht enden wollenden Regenflut mit tennisballgroßen Hagelkörnern entladen.

Der Reiseverkehr war komplett zum Erliegen gekommen, alle Flüge wurden gestrichen. Die Halle war voller Menschen, die vor dem Sturm Zuflucht suchten und auf die Anzeigetafeln starrten, als könnten sie allein durch die Kraft ihrer Gedanken ein Flugzeug herbeizaubern. Alle wirkten müde und frustriert. Dulcie überlegte gerade, sich einen Kaffee zu holen, da sah sie ihn. Ruhig und unbeeindruckt vom Chaos um ihn herum.

Plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Mit seiner imposanten Erscheinung zog er damals wie heute die Blicke der Umstehenden auf sich. Hochgewachsen, muskulös, mit dunklem, zerzaustem Haar und einem sanften, leicht verhangenen Blick, der in einem reizvollen Widerspruch zu seinem unerschütterlichen Auftreten stand.

Dulcie war sofort hin und weg gewesen, unfähig, sich seiner Anziehungskraft zu entziehen. Wie erstarrt stand sie da, als er auf sie zukam. Sein dunkler Mantel schimmerte von den unzähligen Regentropfen, und er hielt einen Pappbecher mit Kaffee in seiner ausgestreckten Hand. Hätte sie doch bloß sofort die Flucht ergriffen! Stattdessen hatte sie sich mit ihm ein Taxi zu einem Hotel in South Pigalle geteilt.

Zwar hatten sie getrennte Zimmer gebucht, doch am nächsten Morgen hatte sie ihm die ultimative Macht gegeben, ihr wehzutun, indem sie ihm ihr Herz schenkte. Jetzt, nach Jahren zermürbenden Schweigens, war Ettore also zurück. Sie schnappte erschrocken nach Luft, zu unwahrscheinlich erschien ihr der Zufall, ihn ausgerechnet hier wiederzusehen.

Noch beunruhigender fand sie das plötzliche heftige Auflodern tief in ihrem Innern. Es war eine Hitze, die sie benommen machte und jeden klaren Gedanken auslöschte.

Jetzt blieb er vor ihr stehen, seinen eindringlichen Blick ernst auf sie gerichtet. Nur dass eine Kälte darin lag, die sie fast ebenso irritierend fand wie den Anblick der offensichtlich maßgeschneiderten Kleidung und des goldenen Siegelrings an seinem kleinen Finger. Er hatte sich schon immer gut gekleidet, damals hatte sie ihn oft damit aufgezogen.

Doch damals war sie ihm auf Augenhöhe begegnet, während sie jetzt als Labortechnikerin und Putzfrau jobbte, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Er dagegen war die Karriereleiter eindeutig einige Stufen hinaufgeklettert.

„Hallo Dulcie.“

Sie zuckte zusammen. Einfach so: Hallo Dulcie? Im Ernst jetzt? Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Als sie ihn das letzte Mal sah, hatte er sie gebeten, sich zwischen ihm und ihrem Bruder zu entscheiden. Nein, falsch: Er hatte sie dazu gezwungen, sich zu entscheiden. Obwohl sie ihn angefleht hatte, das nicht von ihr zu verlangen. Doch er war unerbittlich gewesen, also hatte sie sich für Oscar entschieden. Was war ihr anderes übrig geblieben?

Ettore hatte nicht versucht, sie umzustimmen. Er hatte sich einfach umgedreht und war weggegangen. Weil er es konnte. Weil er offensichtlich nur nach einem Grund gesucht hatte, sie zu verlassen. Weil das, was sie verband, nicht so stark war, wie sie sich eingebildet hatte. Er hielt es nicht mal für nötig, ihr zu erklären, warum er ging. Nein, ungerührt schob er ihr die Verantwortung für ihre gescheiterte Beziehung zu. Und dann war er weg gewesen. Denn Männer wie Ettore Marchesi und ihr Vater standen nicht zu ihren Fehlern. Sie logen und betrogen, behaupteten, Weiß wäre Schwarz. Als sie irgendwann die Wahrheit über ihren Vater erfahren hatte, war ihre Mutter bereits tot gewesen und Oscar auf dem Weg ins Chaos und in die Sucht.

„Ihre Situation hat sich geändert“, hatte ihr Vater behauptet. „Es gibt keinen Platz mehr für dich in ihrem Leben.“ Dulcie hatte angenommen, ihre Mutter hätte wieder geheiratet, und er hatte ihr nicht widersprochen. Tatsächlich befand ihre Mutter sich zu der Zeit in einer Entzugsklinik. Das hatte ihr Vater ihr wohlweislich verschwiegen, denn dann hätte er ihr auch sagen müssen, dass Oscar in Pflege war, und sie hätte darauf bestanden, dass ihr Bruder bei ihnen lebte.

Als sie die Wahrheit herausfand, war sie vollkommen außer sich gewesen, hatte nicht gewusst, was sie tun sollte. Genauso hatte sie sich auch nach der Trennung von Ettore gefühlt. Eine Zeitlang hatte sie noch gehofft, es würde sich alles wieder einrenken. Aber sie hatte nie versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen, ebenso wenig wie er.

Sie hob das Kinn und sah ihm in die Augen. „Was machst du hier?“

Seine hellen bernsteinfarbenen Augen schimmerten im Licht der Deckenlampen, aber es lag keine Sanftheit darin. „Was, kein ‚Hallo‘, kein ‚Wie geht es dir?‘ oder ‚Schön, dich zu sehen‘?“, meinte er gedehnt. „Eine herzliche Begrüßung nenne ich das nicht.“

Sie funkelte ihn wütend an. „Wenn du ein Begrüßungskomitee wolltest, hättest du mich anrufen sollen. Oh, aber dazu konntest du dich ja nicht ein einziges Mal in zwei Jahren herablassen.“

„Du hast deine Nummer geändert. Und deinen Namen. Wessen Name ist das übrigens?“ Seine Miene war undurchdringlich, aber in seinem Ton schwang eine gefährliche Sanftheit mit, die sie erschaudern ließ. Offensichtlich war er verärgert, sogar wütend. Und sie konnte auch verstehen, warum.

Als sie und Ettore sich kennenlernten, hatte sie Turner geheißen, aber nachdem er sie verlassen hatte, wollte sie den Namen ihres Vaters nicht länger tragen. Oscar und sie hatten sich gemeinsam für den Namen Shaw entschieden. Doch die Gründe dafür brauchte Ettore nicht zu wissen. „Es ist mein Name. Nicht, dass es dich etwas angeht.“

„Es geht mich sehr wohl etwas an, falls es sich um Bigamie handelt.“

Inzwischen raste ihr der Puls. Ungläubig starrte sie ihn an. Hatte er ihre katastrophale Beziehung einfach so aus seinem Gedächtnis gelöscht? Glaubte er wirklich, sie könnte sich so einfach ein neues Leben mit einem anderen Mann aufbauen?

„Du machst wohl Witze. Noch mal heiraten? Das ist wirklich das Letzte, worauf ich scharf bin. Aber da es dir ja offenbar gelungen ist, mich aufzuspüren, vermute ich, dass du das bereits weißt. Wie hast du mich übrigens gefunden?“

Er zuckte mit den Schultern. Ettore war der einzige Mensch, den sie kannte, der das fertigbrachte, ohne wie ein mürrischer Teenager auszusehen. „Man kann jeden aufzuspüren, Dulcie. Das ist nicht so schwer.“

Tatsächlich? Sie hatte da andere Erfahrungen gemacht. Oscars Pflegefamilie zu finden, war zumindest für sie damals ein frustrierender und zeitaufwendiger Prozess gewesen. Sie hasste Ettore dafür, dass er ihre Bemühungen mit seinen Worten herabgewürdigte, wenn auch unbeabsichtigt. „Weißt du, was ebenfalls nicht schwer ist? Dich wieder unter den Stein zurückzuziehen, unter dem du hervorgekrochen bist.“

Ettore kniff die Augen zusammen, musterte sie abschätzig, als wäre sie ein Gemälde, das er kaufen wollte. „Du hast die Wahl.“ Seine Stimme klang freundlich, aber der warnende Unterton war nicht zu überhören. „Wir können hier stehen bleiben und uns kindische Beleidigungen an den Kopf werfen, oder wir können uns an einen ruhigeren Ort zurückziehen und wie Erwachsene reden.“ 

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