Erobert von einem Highlander

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Nachdem ihr Ehemann sie verstoßen hat, plant ihr Bruder bereits Lady Margarets nächste Hochzeit. Aber Margaret hat sich geschworen, nie wieder zu heiraten oder sich als Pfand im Machtspiel um die schottische Krone benutzen zu lassen. Kurzerhand flieht sie und hat Glück im Unglück: Der raue Highland-Krieger Finn ist gekommen, um sie zu entführen. Ohne zu zögern, folgt sie ihm - und schon bald gerät ihr Entschluss, sich nie wieder zu vermählen, ins Wanken. Aber könnte ein Mann wie Finn eine Frau wie sie je lieben und ihre Gefühle erwidern?


  • Erscheinungstag 08.11.2019
  • Bandnummer 3
  • ISBN / Artikelnummer 9783745750430
  • Seitenanzahl 304
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Prolog

Drumlanrig Castle
die schottischen Lowlands,
1522

Die Magd hatte noch nicht einmal Zeit gehabt, die blutigen Laken zu wechseln, da sprang die Tür auf, und William Douglas, der siebente Baron of Drumlanrig, stürmte wutschnaubend in das Schlafgemach.

»Schon wieder eine Fehlgeburt, du nutzloses Frauenzimmer!«, brüllte er seine Gemahlin an. »Habe ich durch dich und deine Familie nicht bereits genug Schaden erlitten?«

Margaret rollte sich zusammen und hielt sich die Ohren zu. Noch ein totes Kind. Das Herz wollte ihr schier brechen vor Schmerz.

»Hör verdammt noch einmal mit der Heulerei auf. Ich rede mit dir!« Schwer atmend hielt der Baron inne.

Konnte er nicht einmal Mitleid haben mit ihr und sie in Ruhe lassen?

»Nein«, fuhr ihr Gatte erbarmungslos fort und begann neben der Bettstatt auf und ab zu marschieren. »Nutzlos trifft es nicht annähernd! Du bist der Strick um meinen Hals, der mich an deine verräterische Familie bindet!«

»Ich bitte Euch, Laird, Eure Gemahlin braucht Ruhe«, meldete sich die Magd, eine Frau in mittleren Jahren, zu Wort. »Sie hat erschreckend viel Blut verloren.«

Die Einmischung brachte der Dienerin einen Rippenstoß ein, der sie unsanft auf den Fußboden beförderte. Margaret versuchte, sich auf der Matratze aufzurichten, doch sie war zu schwach. Dass er die Magd zum Schweigen gebracht hatte, schien William fürs Erste besänftigt zu haben, denn er ging zum Tisch und goss sich einen großzügig bemessenen Whisky ein.

»Jeder Mann in Schottland beneidete mich, als ich dich heiratete. Eine außergewöhnliche Schönheit nannten sie dich.« Verächtlich schnaubend hob William den Becher. »Aber was taugt ein schönes Eheweib, wenn es im Bett kalt ist wie ein Fisch und unfähig, einen Erben auszutragen?«

Margaret machte keinen Versuch, ihn zu beruhigen und zu beschwichtigen, wie sie es für gewöhnlich tat. Ihre Verzweiflung war zu groß, als dass es sie gekümmert hätte, was William sagte.

»Aber natürlich war es nicht dein Aussehen, das eine Heirat mit dir so verlockend erscheinen ließ«, meinte ihr Gatte, eher zu sich selbst sprechend. »Sondern die Tatsache, dass dein Bruder, dieser schlaue Teufel, sich den Weg ins Bett unserer verwitweten Königin erschmeichelt und die liebeskranke Kuh dazu gebracht hatte, sich mit ihm zu vermählen.«

Musste William sich ausgerechnet jetzt über dieses Thema auslassen? Tat es ihm denn gar nicht leid, dass sie das Kind verloren hatten?

»Und wer hätte nicht danach gestrebt, mit Archibald Douglas, dem Earl of Angus, verschwägert zu sein – dem Mann, dem es gelungen war, alle anderen mächtigen Würdenträger auszumanövrieren, indem er der Stiefvater des minderjährigen Thronerben wurde?« William stürmte zum Bett und ballte die Hände nur wenige Zoll vor ihrem Gesicht zu Fäusten. »Die Herrschaft über Schottland war für ihn zum Greifen nahe.«

Williams säuerlicher Atem wehte ihr ins Gesicht, und Margaret hob sich der ohnehin schon unruhige Magen. Sowie sie versuchte, sich auf die Seite zu drehen, hielt ihr Gatte sie an den Armen fest.

»Kein einziger von all den Männern, die mich beneideten, würde dich jetzt noch haben wollen.« William sprach leise, seine Stimme klang drohend. »Du bist ein Nichts, nun da die Männer deiner Familie des Hochverrats angeklagt wurden und nach Frankreich fliehen mussten.«

»William, ich bitte dich …« Wahrscheinlich verlor sie immer noch Blut, der sich ausbreitenden Feuchtigkeit auf dem Laken nach zu urteilen. Sie wollte nur, dass er sie allein ließ.

»Genau besehen …« Er nickte, als bestätige sich für ihn ein Gedanke, der ihm gerade gekommen war. »… ist es ein Segen, dass du das Kind verloren hast.«

Erneut schossen Margaret Tränen in die Augen, liefen ihr die Wangen hinunter. Ein Segen? Wie konnte er so etwas sagen? Um des lieben Friedens willen hatte sie sein Verhalten immer wieder entschuldigt und ihm verziehen, doch dies war zu viel.

»Da es kein Kind geben wird«, fuhr er unbeeindruckt von ihrem Kummer fort, »habe ich das Recht, mich deiner zu entledigen. Und selbst wenn die Bestechungsgelder mich ein verdammtes Vermögen kosten, werde ich die Ehe vom Papst annullieren lassen.«

Margaret brach der kalte Schweiß aus. Sie fühlte sich so benommen, dass sie dem, was er sagte, kaum noch zu folgen vermochte.

»Wer bin ich denn, dass ich meine Ländereien und meinen Titel für ein unfruchtbares Frauenzimmer und seinen verräterischen Bruder riskiere?« Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie. »Hast du mich verstanden? Ich will, dass du verschwindest!«

Als er sie losließ, sackte sie auf die Matratze zurück. Sie fühlte sich sterbenselend. Ihre Finger waren taub.

»Sorg dafür, dass sie verschwindet«, blaffte William die Magd an und stürmte zur Tür.

Er ging. Wenigstens das.

»Jawohl, Laird«, wisperte die Bedienstete eingeschüchtert. »Ich richte sofort ein anderes Gemach für sie her.«

»Untersteh dich!« William wirbelte herum. »Ich will, dass sie die Burg verlässt, hörst du? Verlässt! Heute Nacht noch!«

»Aber Lady Margaret sollte nicht bewegt werden«, wandte die Magd besorgt ein.

»Ich dulde nicht, dass sie mich noch einen einzigen Tag länger gefährdet«, stieß er hervor. »Nicht einmal eine Stunde.«

»Laird, ich bitte Euch …« Die Magd schüttelte entsetzt den Kopf. »Eine Reise würde sie nicht überleben.«

»Das würde mir eine Menge Ärger und viele Ausgaben ersparen.« William stürmte aus dem Gemach und warf die Tür hinter sich zu.

Kurz darauf verließ Lady Margaret Douglas, Schwägerin der Königin, Drumlanrig Castle auf der Ladefläche eines offenen, nach Stroh riechenden Pferdekarrens. Es herrschte ein schweres Unwetter, und ihre einzige Begleitung war der alte Stallmeister Thomas. Die ganze Zeit hatte sie das merkwürdige Gefühl, aus großer Entfernung auf sich selbst herniederzublicken.

Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, an dem sie als junge Braut voller Hoffnungen und Träume auf der Burg angekommen war, begleitet von zwei Dutzend Kriegern und mehreren mit Koffern und Truhen beladenen Fuhrwerken.

Wie tief sie und ihre mächtige Familie gesunken waren! Nicht dass es noch etwas ausgemacht hätte.

Sie nickte ein, kam zu sich, wenn der Karren über eine Unebenheit der Straße fuhr, nickte wieder ein und wurde abermals unsanft geweckt, wenn ihr Kopf gegen die Holzbalken der Ladefläche stieß. Wind und Regen peitschten ihr ins Gesicht, doch die Kälte, die sie empfand, schien aus ihrem tiefsten Inneren zu kommen.

Sie verlor jegliches Zeitgefühl, und als sie erwachte und Thomas mit sorgenvoller Miene auf sie heruntersah, wusste sie nicht, ob Tage oder Stunden verstrichen waren.

»Haltet durch, Mädchen«, beschwor der alte Stallmeister sie eindringlich. »Bald haben wir Blackadder Castle erreicht. Dann seid Ihr bei Lady Alison.«

Alison. Bei dem Gedanken an ihre Schwester lächelte Margaret unwillkürlich, hatte jedoch nicht die Kraft, etwas zu erwidern.

»Eure Schwester wird Euch wieder aufpäppeln.« Thomas steckte die grobe, durchnässte Wolldecke um sie fest. »Auf Blackadder Castle seid Ihr sicher. Dafür wird Lady Alisons Gatte schon sorgen.«

Sicher wovor? Das Schlimmste war ihr bereits zugestoßen. Sie hatte ein weiteres Kind verloren.

Das nächste Mal erwachte sie vom schmerzhaften Kribbeln der Wärme in ihren Händen und Füßen.

»Decken! Und mehr Torfstücke in das Kohlenbecken, schnell! Allmächtiger, sie ist eiskalt.«

Es war die Stimme ihrer Schwester Alison, die Anweisungen gab und Menschen im Raum herumscheuchte.

»Ihr Gewand ist voller Blut«, fuhr Alison fort. »Wie konntest du sie nur in diesem Zustand reisen lassen?«

Die Stimmen verklangen, und Margaret sank zurück in den Schlaf, bis jemand ihre Hand drückte.

»Möge William für immer und ewig in der Hölle schmoren«, sagte Alison inbrünstig. »Ich wünschte, ich könnte ihn persönlich dorthin befördern.«

Als plötzlich warme Tropfen auf ihre Hand fielen, zwang Margaret sich, die Augen zu öffnen.

»Sie kommt zu sich, dem Himmel sei Dank!« Erstaunt stellte Margaret fest, dass Alison weinte.

»Ich habe das Baby verloren.« Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. »Ich hatte mir das Kind so sehr gewünscht.«

Sie hatte sich nur gewünscht, was alle Frauen wollten. Ein Heim, einen Gemahl, Kinder. Kinder am meisten.

»Es tut mir so leid, mein Liebes.«

»Ich bin froh, dass ich es hierhergeschafft habe«, erklärte Margaret müde. »Ich wollte nicht einsam sterben.«

»Du wirst nicht sterben«, widersprach Alison bestimmt. »Du musst kämpfen, Margaret.«

Es wäre eine Erlösung, einfach loszulassen und bei ihren toten Kindern zu sein.

»Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man verzweifelt ist. Wenn man so niedergeschlagen ist, dass man die Hoffnung verliert.« Alison strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn, genau wie ihre Mutter es getan hatte. »Doch irgendwann wird es wieder besser. Ich verspreche es dir.«

Besser? Wie sollte das möglich sein? Das Leben, das sie sich gewünscht hatte, würde sie niemals haben. Und sie war so erschöpft …

»Lass nicht zu, dass dieser jämmerliche, selbstsüchtige, feige Bastard von einem Mann dich uns nimmt.« Alisons Stimme klang flehend. »Lass nicht zu, dass er dich besiegt.«

Noch einmal zwang Margaret sich, die Lider zu heben. Es tat ihr weh, ihre Schwester so bekümmert zu sehen. Wie gern hätte sie sie getröstet.

»Nun, da du ihn los bist, hast du doch so viel, wofür es sich zu leben lohnt.« Die Tränen strömten Alison über die Wangen. »Hörst du mich, Margaret? Du bist frei!«

Freiheit war ein schlechter Ersatz für ihre verlorenen Träume.

Aber es war alles, was sie hatte.

1. Kapitel

Girnigoe Castle, Caithness
Die schottischen Highlands,
November 1524

Die Männer von Orkney segelten geradewegs hinein in die Sinclair Bay, verwegene Kerle, die sie waren. In Sichtweite von Girnigoe Castle, der Festung der Sinclairs, warfen sie ihn über Bord. Finn durchstieß die Wasseroberfläche und hatte Mühe, in der schweren Brandung auf die Füße zu kommen.

Lachend warfen die Männer im Boot den Sack mit dem Kopf des Stammesfürsten der Sinclairs hinterher. Als Finn sich darauf stürzte, brach eine Welle über seinem Kopf und schleuderte ihn mit dem verletzten Bein voran gegen einen Felsen. Trotzdem schaffte er es, den Leinenbeutel zu packen, ehe er unterging.

»A’ phlàigh oirbh!«, brüllte er den davonsegelnden Männern hinterher und schüttelte die Faust.

Ja, wahrhaftig, er wünschte ihnen die Pest an den Hals! Fluchend wankte er an Land, ließ sich auf den Strand sinken, um zu Atem zu kommen, und erwog seine Möglichkeiten.

»Was würdest du mir raten, Onkel?« Er richtete seinen Blick auf den blutgetränkten Sack neben sich, der den Kopf seines Großonkels mütterlicherseits enthielt. »Wird dein Sohn den Überbringer der schlechten Nachricht töten?«

Alle anderen Krieger, die die Meerenge überquert hatten, um Orkney zurückzuerobern, waren tot, entweder im Kampf erschlagen oder im Meer ertrunken. Finn war als Einziger verschont worden, damit er der Familie den Kopf des Stammesfürsten zurückbringen konnte.

Finns Blick schweifte hinauf zu der eindrucksvollen Festung Girnigoe Castle hoch oben auf der Klippe, und er fragte sich, ob es klug war, seinen Auftrag zu Ende zu führen. Auch wenn er mit ihnen verwandt war, so waren die Sinclairs doch ein argwöhnischer, gewalttätiger Haufen, selbst nach den Maßstäben der Highlands. Und George Sinclair, der Sohn und Erbe des verstorbenen Stammesfürsten, war der Schlimmste von allen.

Ach, und wenn schon. Finn hatte Lust auf einen Whisky, also griff er nach dem verdammten Sack und machte sich auf den Weg zur Burg. Während er das steile Ufer hinaufkletterte und sein verletztes Bein nachzog, dachte er über aussichtslose Unterfangen nach – die des toten Stammesfürsten und seine eigenen.

Die Clanoberhäupter der Sinclairs waren Earls of Orkney gewesen, bis der König von Norwegen die Inseln im Ehevertrag zwischen seiner Tochter und dem schottischen König an Schottland übereignet hatte. Als Teil dieses königlichen Tauschs hatte man den Sinclairs ihr fruchtbares Land auf den Orkneys abgenommen und ihnen dafür Caithness gegeben, eine Gegend in den riesigen, unfruchtbaren Mooren im nordöstlichsten Zipfel Schottlands, nur ein paar Seemeilen entfernt von ihrer ehemaligen Heimat.

Die fraglichen Ereignisse lagen mehr als fünfzig Jahre zurück, doch die Sinclairs vergaßen nichts, und der Verlust Orkneys wurmte sie noch immer gewaltig. Bei der Entscheidung ihres Stammesfürsten, sich gegen den schottischen König aufzulehnen und Orkney zurückzuerobern, hatte allerdings Stolz eine größere Rolle gespielt als vernünftige Erwägungen.

Dasselbe konnte man Finn nachsagen.

Er zuckte zusammen, als eine unvorsichtige Bewegung einen stechenden Schmerz, wie von einer scharfen Messerklinge, in seinem Bein hochschießen ließ. Als müsse er eigens daran erinnert werden, welche Folgen seine falsche Einschätzung gehabt hatte! Er war in keiner Weise verpflichtet gewesen, für den Stammesfürsten der Sinclairs zu kämpfen, da er mütterlicherseits mit ihm verwandt war.

Nein, ein törichter Wunsch hatte ihn zu dieser Torheit veranlasst; ein Wunsch, von dem ihm nicht einmal bewusst gewesen war, dass er ihn hegte, bis sein Großonkel ihn damit geködert hatte: eigene Ländereien, wenn sie als Sieger aus der Schlacht hervorgingen.

Die Wachposten beim Torhaus empfingen ihn mürrisch wie immer. Die Sinclairs waren wilde, erbarmungslose Kämpfer, doch ihnen fehlte jede Spur von Humor. Und obwohl Finn eng mit ihrem Anführer verwandt war, machte ihn der Umstand, dass sein Vater – und er damit ebenfalls – ein Gordon war, gleichzeitig zum Mitglied eines feindlichen Clans. Eheschließungen wie die zwischen seinen Eltern, die Spannungen zwischen zwei mächtigen Clans abbauen sollten, pflegten die Dinge nur schwieriger zu machen.

Die Wachen schickten einen Boten in die Burg, der seine Ankunft ankündigte, dann durfte er das Tor zum westlichen Vorwerk passieren. Von dort überquerte er die erste Zugbrücke, ging unter dem eisernen Fallgitter des zweiten Tores hindurch und durchschritt den Burghof mit der Gästehalle und den Wohnquartieren.

Schließlich erreichte er die zweite Zugbrücke. Sie führte über einen Wassergraben in die eigentliche Burg, die auf einem langen, schmalen Felsvorsprung hoch über der See erbaut war. Sie bestand aus dem Bergfried, zusätzlichen Quartieren, der Kapelle, einem Backhaus sowie anderen wichtigen Gebäuden und war von einer Mauer umgeben.

Finn blieb stehen und sog den Anblick der steil ins Meer herabstürzenden Klippen unterhalb der Mauer in sich auf. Wenn der neue Anführer der Sinclairs beschloss, ihn auf Girnigoe Castle festzuhalten, würde er seine liebe Not haben zu fliehen.

Als er schließlich in die Große Halle geführt wurde, um der Familie des Stammesfürsten Bericht von der Schlacht zu erstatten, hatte er so viel Blut verloren, dass er sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnte. Außerdem war er am Verhungern, weil seine Bewacher es nicht für nötig befunden hatten, ihm in den drei Tagen seiner Gefangenschaft etwas zu essen zu geben. Aber obwohl er eine Spur von Blut hinter sich herzog, nahm er an, dass die Sinclairs ihm keine Sitzgelegenheit anbieten würden – womit er richtiglag, wie sich herausstellte.

Die Sinclairs waren Abkömmlinge der Wikinger. George und seine drei Söhne maßen allesamt mehr als einen Meter achtzig und machten den Eindruck, als zögen sie es vor, ihr Fleisch mit Äxten zu zerkleinern und es roh zu verzehren. Obwohl George sich den fünfzig näherte, war er der Gefährlichste, da er der Unberechenbarste von allen zu sein schien, abgesehen vielleicht von seiner Tochter.

Barbara, die mit zweiunddreißig Jahren Georges Älteste war, konnte als gut aussehende Frau bezeichnet werden. Wie ihre Brüder war sie hochgewachsen und wirkte, als könnte sie im Kampf ihren Mann stehen. Kaum dass sich ihre Blicke trafen, stieg in Finn die sehr lebhafte Erinnerung daran auf, wie eine zehn Jahre alte Barbara seinen jungen Hund erwürgte und ihn dabei mit ihren grauen Augen ebenso kalt musterte wie jetzt. Er war damals höchstens fünf gewesen und hatte seither viele Männer sterben sehen, doch der Tod des kleinen Welpen hatte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis gebrannt.

Als Mary, die grauhaarige, zierliche Gemahlin des erschlagenen Stammesfürsten, die Halle betrat, spürte Finn das ganze Gewicht des Leinenbeutels. Es war Mary, derentwegen er sich die Steilküste zur Burg hinaufgequält hatte, um die Nachricht zu überbringen, statt einfach davonzulaufen. Aber Mary war es auch, derentwegen er diesen Auftrag fürchtete. Mary war eine Sutherland, und Finn war nicht nur über sieben Ecken mit ihr verwandt, sondern hatte sie auch immer gemocht.

Inmitten dieser Familie kam sie ihm vor wie ein Kätzchen unter einem Rudel Wölfe.

»Wo ist mein Gemahl … Wo sind die anderen?« Bei Finns Anblick verstummte sie. Ihr Blick glitt zu dem blutgetränkten Beutel, und ein schmerzliches Wimmern entrang sich ihrer Kehle.

Es war nicht seine Aufgabe, doch da keiner sonst der Witwe Trost spendete, humpelte Finn an ihre Seite und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Danke, dass du uns etwas bringst, das wir bestatten können.« In ihren Augen standen Tränen, als sie zu ihm aufblickte.

Sie war die einzige Sinclair, die weinte. George wartete seit mindestens zwanzig Jahren darauf, dass sein Vater starb, und bemühte sich nicht, seine Genugtuung zu verbergen. Mit einer knappen Handbewegung bedeutete er einem seiner Männer, den blutigen Sack fortzuschaffen, dann nickte er Finn auffordernd zu.

Und obwohl Finn seine Aufgabe schnell hinter sich bringen wollte, damit er wieder gehen konnte, berichtete er in allen Einzelheiten, wie die Schlacht verlaufen war. Ausführlich sprach er von der Tapferkeit und der Geschicklichkeit der gefallenen Sinclair-Krieger, die in Wahrheit eine demütigende Niederlage erlitten hatten.

»Die Hexe prophezeite, dass diejenigen, deren Blut als Erstes vergossen würde – Orkneys oder Sinclairs –, die Schlacht verlieren würden«, sagte George nachdenklich, als Finn geendet hatte. »Hat mein Vater ihre Warnung nicht beachtet?«

Finn hätte es vorgezogen, darüber keine Auskunft geben zu müssen.

»Kurz, nachdem wir an Land gegangen waren, trafen wir auf einen jungen Burschen, der Schafe hütete«, erwiderte er unbehaglich. »Dein Vater befahl, ihn zu töten.«

Die Ermordung des unschuldigen jungen Mannes war das Schlimmste an der ganzen verdammten Geschichte gewesen. Finn hatte schon da gewusst, dass er im Begriff war, einen schweren Fehler zu machen. Hätte er ein eigenes Boot gehabt, er wäre umgehend umgekehrt.

»Ich lasse die Hexe für ihre falsche Vorhersage töten«, murmelte George zwischen zusammengebissenen Zähnen.

»Ihre Vorhersage war korrekt«, wandte Finn ein. »Wie sich herausstellte, gehörte der Bursche zu einer der Sinclair-Familien, die auf Orkney geblieben sind.«

»Wie kommt es, dass du überlebt hast?« George hieb ihm seine schwere Hand auf die – unübersehbar verletzte – Schulter.

Finn biss die Zähne zusammen, damit ihm kein Schmerzenslaut entfuhr.

»Siehst du nicht, dass der arme Junge verwundet ist?« Tadelnd musterte Mary erst ihren Sohn, dann auch ihre Enkel. »Im Gegensatz zu euch hat Finlay den Stammesfürsten nach Orkney begleitet und an seiner Seite gekämpft.«

Finn verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen. Es war nicht Bündnistreue gewesen, die ihn veranlasst hatte, mit George zu segeln, sondern das Versprechen auf eigenes Land.

»Jetzt bin ich Stammesfürst.« Georges Augen funkelten, während er auf seine Mutter herunterblickte. »Und ich verbiete dir, so mit mir zu sprechen.«

»Großvaters Versuch, Orkney zurückzuerobern, war töricht und gedankenlos und kostete nicht nur viele Krieger der Sinclairs das Leben, sondern ermutigt unsere Feinde auch noch, uns hier in Caithness anzugreifen«, stellte Barbara nüchtern fest. »Wir sind geblieben, um zu schützen, was uns gehört.«

»Komm, mein Junge.« Mary nahm Finlay beim Arm. »Lass mich deine Wunden versorgen.«

Erneut biss er die Zähne zusammen, um sich nicht auf die alte Frau zu stützen und zu riskieren, dass sie beide stürzten, als sie ihn die Treppe hinauf in eine der Schlafkammern führte. Sein Bein und die Wunde an seiner Schulter taten entsetzlich weh.

Mary schickte nach einer Stärkung, und Finn schlang das Essen herunter, während sie seine Verletzungen säuberte, nähte und mit großer, durch Übung erworbener Geschicklichkeit bandagierte. Nachdem sie fertig war, half sie ihm, ein sauberes Hemd anzuziehen, das einem ihrer Enkel gehörte.

»Du solltest ein paar Tage das Bett hüten, damit die Wunden heilen können«, riet sie ihm ernst.

Bei den Sinclairs zu bleiben schien ihm die schlechteste aller Möglichkeiten.

»Das würde ich gern«, log er rasch, »aber ich sollte meine Familie wissen lassen, dass ich am Leben bin, ehe sie die Nachricht von der Schlacht erreicht.«

Mary widersprach nicht, obwohl sie genau wie er wusste, dass niemand in seiner Familie traurig wäre, wenn Finn nicht wiederkam.

»Die Sinclairs erwarten, dass du wenigstens einen Tag bleibst, damit du den Ord nicht an einem Montag passieren musst«, gab sie zu bedenken.

Die Mitglieder des Clans Sinclair waren noch abergläubischer als alle anderen Highlander, und das wollte etwas heißen. Sie selbst hatten den Ord of Caithness, den Pass, der die Grenze zwischen Caithness und Sutherland markierte, an einem Montag überquert, auf dem Weg in den Kampf gegen die Engländer. Weil die meisten ihrer Krieger in der Schlacht bei Flodden gefallen waren, hatte danach kein Sinclair mehr den Ord an einem Montag passiert.

»Mehr Pech als jetzt kann ich ohnehin kaum noch haben, also riskiere ich es«, sagte Finn lachend.

»Versteh mich nicht falsch.« In Marys Stimme lag eine Dringlichkeit, die er zuvor nicht gehört hatte. »Zwar wünschte ich, du könntest bleiben, damit deine Wunden verheilen, aber du musst heute Nacht noch aufbrechen. Du bist hier nicht sicher.«

Das glaubte er ihr aufs Wort. »Warum?«, fragte er dennoch.

»George ist gefährlich, und du weißt, wie er zu dir steht.«

»Was hat er eigentlich gegen mich?«

»Ich denke, das weiß nicht einmal er selbst, aber er kann dich nicht leiden.«

Er hatte so eine Ahnung, dass sie ihm nicht alles erzählte, was sie wusste. Andererseits war es leicht, George zu beleidigen, deshalb war alles möglich. Höchstwahrscheinlich hatte George irgendeine Frau haben wollen, die stattdessen mit Finn ins Bett gegangen war.

»Er hätte sich nicht getraut, dir etwas zu tun, solange sein Vater am Leben war«, fuhr Mary fort. »Aber nun, da er der Stammesfürst ist, kann er machen, was er will, und niemand wird es wagen, ihn davon abzuhalten.«

»Außer seiner Mutter.« Finn zwinkerte ihr zu.

»Ich habe meinen Sohn und seine Kinder aufgegeben, bis auf John«, erwiderte Mary mit erstickter Stimme. »Für John gibt es noch Hoffnung.«

Zumindest hatte es sie einmal gegeben. Die beiden anderen Jungen hatten Finn damals festgehalten, während Barbara seinen Hund tötete. John hatte sie überrascht und versucht, Barbara daran zu hindern, doch es war zu spät gewesen.

»Sein Vater verwechselt Johns Anständigkeit mit Schwäche.« Tränen glänzten in Marys Augen.

Finn nickte, obwohl er befürchtete, dass Johns vergebliche Versuche, die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen, seinen Charakter mittlerweile verdorben hatten.

Marys düsterer Warnung zum Trotz schlief Finn wie ein Toter, bis sie ihn mitten in der Nacht wecken kam.

Sie führte ihn über die Hintertreppe in eine winzige Kammer und öffnete eine geheime Tür in der Wandvertäfelung. Dahinter wurde ein muffig riechender Tunnel sichtbar.

»Der Gang mündet in einer Höhle an der Küste des nächsten Meeresarms«, erklärte Mary flüsternd. »Mein Neffe hält sich zurzeit auf Old Wick Castle auf. Von ihm erhältst du ein Pferd.«

Ihr Neffe, Sutherland of Duffus, besaß mehrere Burgen. Old Wick lag glücklicherweise nur ein paar Meilen entfernt an der Küste.

»Pass gut auf dich auf, Finlay.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. »Andere magst du täuschen können, vielleicht sogar dich selbst, aber ich weiß, dass du ein gutes Herz hast und eine reine Seele.«

Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie sie darauf kam.

»Kehrst du zu den Gordons zurück?«

»Aye.« Er nickte, obwohl er keineswegs sicher war, dass der Clan seines Vaters ihn wiederhaben wollte. Und selbst wenn, die Gordons würden ihm nicht mehr trauen, nachdem er für einen feindlichen Clan gekämpft hatte.

Finn wusste nicht, was sie als Beweis seiner Loyalität von ihm verlangen würden, aber es würde ihm nicht gefallen.

Als sie Finlay nachblickte, bis er in der Dunkelheit verschwand, spürte Mary ihr Alter. Sie schloss die geheime Pforte und presste ihre Hand gedankenverloren gegen das Türblatt. Vielleicht hätte sie ihm sagen sollen, was sie wusste. Sie war alt und müde und würde die Chance dazu vielleicht nicht noch einmal erhalten.

Aber was sollte dabei herauskommen?

Nein, es war besser, wenn er es nie erfuhr.

2. Kapitel

Ich bitte Euch, Lady Margaret …« Der Bauer schüttelte den Kopf, als sie ihm zwei Pennys für die Äpfel gab. »Ihr dürft nicht die erstbeste Summe bezahlen, die ich Euch nenne. Das habe ich doch schon so oft gesagt.«

»Weshalb sollte ich handeln, wenn Ihr mir einen fairen Preis nennt?«, fragte sie lächelnd.

»Wenn Ihr es nicht tut, werden die Leute Euch ausnutzen.« Der Bauer drückte ihr die Münzen in die Hand und schüttelte verzweifelt den Kopf.

Sie führten diesen Wortwechsel jede Woche am Markttag. Der Mann war Witwer und hatte fünf Kinder, dennoch weigerte er sich, einen zusätzlichen Penny von ihr zu nehmen. Sobald er sich zu seinem nächsten Kunden umwandte, gab Margaret seiner Tochter eine Silbermünze, wie jede Woche.

»Guten Tag, Brian«, rief sie einem spindeldürren Burschen von etwa zwölf Jahren zu und näherte sich dem letzten Marktstand.

Die Augen des Jungen leuchteten auf, als er ihrer ansichtig wurde – vielleicht, weil fast niemand die armseligen Lumpenpuppen haben wollte, die seine Mutter anfertigte. Margaret kaufte an jedem Markttag eine, obwohl ihre sämtlichen Nichten und sogar die Kinder des Gesindes auf Blackadder Castle inzwischen mindestens zwei davon besaßen.

»Besucht Ihr den alten Thomas?«, fragte Brian fröhlich.

»Aye.« Sie ging oft ins Dorf, um den früheren Stallmeister von Drumlanrig Castle zu sehen. »Geht es deiner Mutter heute nicht gut?«

Brian nickte. Der Mann, mit dem seine Mutter verheiratet war, vertrank das bisschen, das sie besaßen. Und sie war in ihrer Ehe gefangen. Nur reiche, mächtige Männer wie Margarets ehemaliger Gatte konnten sich eines unerwünschten Ehepartners entledigen, und das auch noch mit dem Segen der Kirche.

»Und wie geht es deiner Schwester?«, fragte Margaret. Das kleine Mädchen hatte sich hinter seinem großen Bruder versteckt.

Ella war ein scheues Kind von drei Jahren. Sie hatte große blaue Augen und zerzaustes helles Haar. Margaret schmolz das Herz, als die Kleine hinter Brian hervorspähte und sie anlächelte. Sie hätte alles gegeben, ein Kind wie Ella zu haben. Der Gedanke rief den altvertrauten Schmerz in ihrem Herzen wach, und sie sagte sich, dass es keinen Zweck hatte, sich etwas zu wünschen, das sie ohnehin nie haben würde.

Was taugte ein Eheweib, das unfähig war, einen Erben auszutragen? Es war nutzlos! Schlimmer als nutzlos! Margaret presste ihre Fingerspitzen gegen die Schläfen. Würde sie Williams Stimme denn nie aus dem Kopf bekommen?

»Die da wird perfekt in meine Sammlung passen.« Sie griff nach einer der Lumpenpuppen und gab Brian eine Münze. Im Begriff zu gehen, hielt sie noch einmal inne und überlegte, ob ihr Angebot den Jungen in Verlegenheit bringen oder ihm wie ein leeres Versprechen erscheinen würde.

»Wenn ich dir irgendwie helfen kann«, sagte sie schließlich, »lass es mich wissen.«

Sie setzte ihren Weg fort, bis sie das weiß gekalkte Cottage am Rande der Ortschaft erreichte.

»Thomas!« Sie klopfte an die Tür.

Der Stallmeister öffnete und lachte dabei über das ganze Gesicht. »Lady Margaret, Ihr solltet Euch nicht so viel Mühe machen mit mir altem Mann.«

Der alte Mann hatte ihr das Leben gerettet. Nachdem sie sieben Jahre lang Burgherrin auf Drumlanrig Castle gewesen war, hatte Thomas sich als einziges Mitglied des Haushalts bereit erklärt, sie in der Nacht, in der ihr Ehemann sie vor die Tür gesetzt hatte, zu begleiten.

»Ich freue mich jedes Mal auf den Besuch bei dir«, beteuerte Margaret lächelnd. »Und der heutige wird ja auch für ein paar Wochen der letzte sein.«

Thomas wollte seine Nichte und ihre Familie besuchen, und während Margaret ihm beim Packen half, unterhielten sie sich.

»Am besten sehe ich zu, dass ich gleich aufbreche«, sagte Thomas, als sie fertig waren.

Als sie ihm half, sein Gepäck auf ebenjenen Karren zu laden, mit dem er sie aus Drumlanrig fortgebracht hatte, stieg ein mulmiges Gefühl in Margaret auf. Bei der Erinnerung daran, wie ihr der Regen ins Gesicht gepeitscht und die Kälte durch die nasse Decke bis in ihre Knochen gedrungen war, überlief sie ein Zittern. Die Verzweiflung hatte sie damals beinahe umgebracht.

Thomas legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Seid Ihr wohlauf, Mädchen?«

»Aber ja, ich werde dich nur sehr vermissen.« Sie lächelte strahlend und küsste ihn zum Abschied auf die Wange. »Ich wünsche dir eine gute Reise.«

Nachdem er fort war, setzte sie sich auf die Bank vor seinem Haus und wartete auf Alison.

Es dauerte nicht lange, bis ihre Schwester eintraf. »Tut mir leid, dass ich mich verspätet und Thomas verpasst habe«, stieß sie atemlos hervor und lächelte. »Ich musste mich umziehen, nachdem meine beiden Jüngsten mich mit ihren klebrigen Fingern angefasst hatten.«

Ihre Schwester würde in einem Monat niederkommen – zum wiederholten Male. Sie erfreute sich bester Gesundheit.

»Wenn du guter Hoffnung bist, blühst du regelrecht auf.« Margaret hakte sich bei Alison unter und führte sie zu dem Grundstück neben Thomas’ Häuschen. »Ich wollte dich hier treffen, damit du siehst, wo mein Haus errichtet wird.«

Bei dem Gedanken, ein eigenes Heim zu haben, weitete sich Margaret die Brust.

»Ich verstehe nicht, weshalb du es vorziehst, im Dorf zu leben, statt auf der Burg bei uns.« Alison schüttelte den Kopf. »Wirst du dich nicht einsam fühlen?«

»Das Dorf liegt nicht weit von der Burg entfernt.« Margaret drückte ihrer Schwester die Hand, wie um ihr Verständnis zu erzwingen. »Wir können uns auch weiterhin täglich sehen.«

Sie hatte Monate gebraucht, um den Mut zu finden, über ihr Vorhaben zu sprechen. Um ihren Schwager David zu überzeugen, musste sie dem Bau eines Hauses zustimmen, das viel größer war, als sie es brauchte, und außerdem die Dienste eines Ehepaars in Anspruch nehmen, das bei ihr wohnen würde. Margaret wusste nicht, welche Fähigkeiten die Frau besaß, doch der Mann hatte Oberarme wie ein Hufschmied und trug eine Axt an seinem Gürtel.

Ihre Schwester zu überreden war schwieriger gewesen. Margaret hatte lange gebraucht, um eine Erklärung zu finden, die Alisons Gefühle nicht verletzte.

»Wir wollen dich gerne bei uns haben«, beharrte Alison auch jetzt wieder. »Unser Haus ist auch deines.«

»Du warst so überaus freundlich zu mir«, erwiderte Margaret sanft. »Und ich bin dir unendlich dankbar.«

Aber inmitten dieser glücklichen, ausgelassenen Familie zu leben erinnerte Margaret ständig an die Familie, die sie selbst nie haben würde. Sie brauchte einen Ort für sich allein, ein Haus, das sie zu ihrem Heim machen konnte.

»Aber warum verlässt du uns dann?«, fragte Alison gepresst.

»Ich will keine alte, unverheiratete Tante werden, die in der Turmkemenate wohnt.«

»Hör auf mit dem Unsinn.« Alison lachte. »Natürlich wirst du wieder heiraten. Schließlich bist du nicht nur die liebste und freundlichste der Douglas-Schwestern, sondern auch die schönste.«

Wozu taugt Schönheit, wenn die Frau im Bett so kalt ist wie ein Fisch? Margaret zuckte zusammen, als sie Williams Stimme in ihrem Kopf vernahm. Und was es noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass die Worte zutrafen. Im Unterschied zu ihren Schwestern war sie keine leidenschaftliche Frau.

»Ich fürchte, es gibt nicht viele Männer, die eine unfruchtbare Frau ohne Land und Vermögen heiraten würden«, erwiderte sie nüchtern. »Eine Frau, deren Brüder wegen Hochverrats verbannt wurden.«

»Unsere Brüder machen die Sache in der Tat schwierig.« Alison tippte sich nachdenklich gegen die Wange. »Aber wenn es so weit ist, wirst du einen Mann finden, der deiner wert ist und der den Zorn der Königin nicht fürchtet.«

»Die einzigen Männer in Schottland, auf die diese Beschreibung zutrifft, sind mit meinen Schwestern verheiratet.« Margaret lächelte. »Abgesehen davon kann ich keine Kinder bekommen. Weshalb also sollte ich ein zweites Mal heiraten wollen?«

»Um dein Bett zu wärmen?« Alison lächelte schelmisch.

Gott bewahre. Margaret hatte ihre ehelichen Pflichten bestenfalls als unangenehm empfunden, und meistens schlimmer als unangenehm. All der Schmerz und die Demütigung, nachdem ihr Ehemann sie vor die Tür gesetzt und ihre Heirat annulliert hatte, wogen nichts im Vergleich zu der Erleichterung, dass sie ihm nie wieder würde gestatten müssen, sie zu berühren.

Sie musste wieder an den Moment denken, da Alison ihr gesagt hatte, dass Margaret endlich frei war von William, und sie drückte ihrer Schwester die Hand.

Sie war weit gekommen seit jener schrecklichen Nacht, und sie würde ihrer Schwester ewig dankbar sein für den liebevollen Schutz, den sie und ihr Ehemann ihr damals gewährt hatten. Aber Blackadder Castle erinnerte sie immer daran, in welchem Zustand sie dort angekommen war, und an die lange Zeit ihrer Genesung. Sie hatte ihre Gesundheit wiedergewonnen, doch ihr gebrochenes Herz und ihr verletzter Stolz waren nicht verheilt.

Aber sie hatte ihre Freiheit. Und bald würde sie auch ein eigenes Zuhause haben.

Es machte ihr nichts aus, dass es ein bescheidenes Heim sein würde und keineswegs eine prächtige Burg wie die, in der sie bisher gelebt hatte. Den Traum von einem freundlichen, treuen Ehemann hatte sie ohnehin längst aufgegeben. Aber die Kinder nicht bekommen zu können, nach denen sie sich mit jeder Faser ihres Seins sehnte, und der Verlust dieser Hoffnung hatten eine Leere in ihr hinterlassen, die nichts je wieder füllen würde.

Dennoch war sie entschlossen, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ein ruhiges, friedliches Leben. Vielleicht würde es manchmal einsam sein, aber es gab Schlimmeres als Einsamkeit.

Der Anblick einer vertrauten Gestalt zu Pferde, die auf sie zu galoppierte, unterbrach ihre Gedanken.

Alison seufzte. »Man sollte doch meinen, ihre Hexe von einer Mutter hätte sie besser unter Kontrolle.«

Lizzie, ihre sechzehnjährige Cousine, brachte ihr Pferd zum Stehen und glitt in einer fließenden Bewegung aus dem Sattel. Sie trug Hosen und hatte das Haar unter eine Mütze gestopft.

»Sag bloß nicht, dass du allein hierhergeritten bist.« Alison schlug ihren strengsten Mutterton an.

»In Ordnung, ich sage es nicht.« Lizzie grinste.

»Du bringst dich in Gefahr.« Alison war offenbar nicht bereit, die Sache auf sich beruhen zu lassen. »Du bist zu alt, um für einen Jungen durchzugehen.«

»Aber ich wollte doch, dass du die Neuigkeiten erfährst!«

Eine ungute Vorahnung beschlich Margaret.

»Der Stern der Familie Douglas ist wieder im Aufstieg begriffen!« Lizzie griff Margaret an den Händen und tanzte mit ihr im Kreis herum. »Eure Brüder und mein Vater sind aus dem Exil zurück!«

»Was?« Alison fasste Lizzie am Arm und hielt sie fest.

»Sie sind zurück in Schottland«, erläuterte Lizzie atemlos. »Archibald hat die Unterstützung seines Schwagers, Heinrichs VIII. von England, und der Hälfte der schottischen Adligen. Sämtliche Ländereien und Titel wurden den Douglas zurückgegeben.«

Margaret runzelte die Stirn. »Die Königin will Archibald zurücknehmen?«

Es war kaum zu glauben. Die Frau war angeblich so wütend auf Archibald gewesen, dass sie ihren Bruder gebeten hatte, eine Ehescheidungsklage für sie einzureichen.

»König Heinrich forderte sie auf, sich mit Archibald zu versöhnen und ihm eine gute Ehefrau zu sein.« Lizzies Augen funkelten vor Belustigung. »Doch als Archibald sich Holyrood Palace näherte, ließ sie Kanonen auf ihn abfeuern!«

Archibalds Selbstbewusstsein brachte Margaret immer wieder zum Schmunzeln. Doch ihr Lächeln verblasste rasch, und sie tauschte einen besorgten Blick mit Alison.

»Ich hoffe, er hat aus seinen Fehlern gelernt«, sagte Alison leise. »Aber ich fürchte, er ist so ehrgeizig wie eh und je.«

Archibald Douglas hatte sich die Macht der Krone schon zweimal erobert, und zweimal war er gestürzt worden und hatte sie wieder verloren. Das erste Mal, als er die frisch verwitwete Königin überredete, ihn heimlich und ohne die Erlaubnis des Parlaments zu ehelichen, und damit einen solchen Aufruhr erzeugte, dass die Königin nach England flüchtete und die Männer der Douglas sich in ihrer mächtigen Festung Tantallon Castle verschanzen mussten, bis der politische Wind seine Richtung geändert hatte.

Das zweite Mal, nachdem der Konflikt zwischen den Douglas und ihren Rivalen in jener blutigen Straßenschlacht mitten in Edinburgh gipfelte, die als Battle of the Causeway berühmt wurde. Das Land hatte damals am Rand eines Bürgerkrieges gestanden, woraufhin ihre Brüder und Onkel des Hochverrats angeklagt wurden und ins Ausland fliehen mussten, um ihre Haut zu retten.

Auch Margaret hatte schlimme Erinnerungen an jenes schreckliche Blutvergießen in Edinburgh.

»Jetzt kannst du Rache an William dem Widerlichen üben.« William der Widerliche war der Schimpfname, den Lizzie dem früheren Gemahl Margarets verpasst hatte. »Archibald wird ihn in siedendes Öl tunken für das, was er dir angetan hat.«

»Ich will keine Rache.« Es würde ihm nur viel zu viel Platz in ihren Gedanken einräumen, nachdem sie die letzten drei Jahre damit verbracht hatte, ihn zu vergessen. »Das Einzige, was ich möchte, ist, ihn nie wieder sehen oder hören zu müssen.«

Lizzie ließ ein burschikoses Schnauben hören. »Das steht auch nicht zu befürchten. William der Widerliche hat nicht den Schneid, sich zu zeigen, jetzt, da unsere Familie wieder im Aufwind ist.«

»Eins ist jedenfalls sicher.« Alison ließ ihren Blick über das Grundstück schweifen. »In einem Cottage im Dorf wirst du nicht leben können.«

Margaret spürte, wie ihr das Blut aus dem Kopf wich.

»Nun, da die Anklage wegen Hochverrats fallen gelassen wurde«, fuhr Alison unbekümmert fort, »kann Margaret Tudor uns nicht länger der Komplizenschaft beschuldigen und mit Gefängnis drohen.«

Der Zorn der Monarchin hatte sich auf die gesamte Familie Douglas erstreckt. Alisons Ehemann jedoch war ein so mächtiger Laird, dass sie auf seinem Land sogar vor der Königin sicher waren.

»Du kannst auf Tantallon Castle wohnen«, sagte Alison in ihre Gedanken hinein. »Aber ich rechne damit, dass du eine Menge Zeit am Hof verbringen wirst.«

»Ich will weder das eine noch das andere.« Margaret schüttelte den Kopf.

»Das wird unsere Brüder nicht interessieren«, erwiderte Alison nüchtern. »Wenn Archibald zurückkommt, wird er seiner Schwester – und besonders seiner einzigen unverheirateten Schwester – nicht gestatten, in einer besseren Bauernhütte zu wohnen.«

Margaret war, als tue sich die Erde unter ihr auf. Alles in ihr sträubte sich dagegen, sich von den Männern ihrer Familie vorschreiben zu lassen, wo und wie sie zu leben hatte. Es war ihnen schließlich auch egal gewesen, was aus ihr wurde, als sie aus Schottland geflohen waren und es dem Rest der Familie überlassen hatten, sich mit den Folgen herumzuschlagen.

Aber Archibald Douglas, der sechste Earl of Angus, war nicht einfach nur ihr Bruder. Er war das Familienoberhaupt, der Stammesfürst der Douglas und, was das Wichtigste war, der Stiefvater des jungen Königs. Nun, da er mit der Unterstützung Heinrichs VIII. und vieler schottischer Adliger zurückgekommen war, gehörte er wieder zu den mächtigsten Männern in Schottland.

»Wenn du das nicht möchtest, kannst du bei uns auf der Burg bleiben.« Alison legte Margaret den Arm um die Schulter. »Du kannst dich darauf verlassen, dass mein Gemahl dich vor Archibald schützt.«

Das würde einen gefährlichen Konflikt zwischen ihrem Bruder und ihrem Schwager heraufbeschwören. So konnte und wollte sie Alison und ihrem Mann nicht vergelten, was die beiden Gutes für sie getan hatten.

»Ich werde mir ein andermal Gedanken darüber machen«, beruhigte sie sich selbst. »Erst einmal wird Archibald sowieso zu beschäftigt sein, um sich mit mir zu befassen.«

»Er hat einen Trupp Männer geschickt, die dich holen sollen.« Lizzie biss sich auf die Unterlippe. »Ich bin wie der Teufel geritten, um vor ihnen hier zu sein und dich zu warnen, aber sie werden bald eintreffen.«

Margarets rechte Hand flog zu ihrer Kehle. »Sie sind schon auf dem Weg?«

»Aye.« Lizzie nickte. »Sie waren nicht allzu weit hinter mir.«

Margaret stieß die Tür zu Thomas’ Cottage auf und ließ sich auf einen Küchenschemel sinken. Würde sie wieder so leben können wie früher?

Hatte sie eine Wahl?

Sie war in einer der mächtigsten Familien Schottlands aufgewachsen, an ein Leben in prächtigen Burgen, an kostbare Gewänder und Juwelen und häufige Aufenthalte bei Hofe gewöhnt. Der Sturz ihrer Familie und die damit einhergehenden Verluste waren hart gewesen, aber sie hatte beides bewältigt und überlebt.

Ihr früheres Leben fehlte ihr nicht. Es hatte ihr ohnehin nur Kummer gebracht.

Der Hufschlag von mindestens zwei Dutzend Pferden, die in das Dorf einritten, erschütterte die kleine Küche wie ein Echo aus der Vergangenheit und trampelte ihre Hoffnung auf ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben nieder.

Vor der Tür zur Großen Halle von Huntly Castle, dem Sitz des mächtigen Stammesfürsten der Gordons, blieb Finn stehen. Vor einem Monat noch war er Mitglied der Leibgarde des Earl of Huntly gewesen, ein achtbarer Rang für einen Krieger des Clans. Und er hatte ihn aufgegeben für nichts.

Huntly zu fragen, ob er ihn zurücknahm, war eine Demütigung, die er lieber nicht in nüchternem Zustand erleben wollte. Doch obwohl er schon den ganzen Tag getrunken hatte, um vorbereitet zu sein, nahm er den Flakon noch einmal aus der Tasche, um sich einen letzten Schluck zu genehmigen.

Nun ja, so schlimm konnte es eigentlich nicht werden. Selbst wenn Huntly ihn in den Kerker warf, weil er für einen feindlichen Clan gekämpft hatte, würde er diesmal wenigstens keinen abgehackten Kopf abliefern müssen.

Trotzdem war es sträflich, die Gordons zu unterschätzen. Zwar brannte der Clan Sinclair schon für eine Nichtigkeit ganze Dörfer nieder, doch in Sachen Hinterlist und Eigennutz konnte niemand den Gordons das Wasser reichen. Während die Sinclairs in der Schlacht bei Flodden ihren Mann gestanden hatten und für den König gestorben waren, hatten die beiden Earls des Gordon-Clans, Huntly und Sutherland, vorausgesehen, wie das Ganze ausgehen würde, und sich in Sicherheit gebracht.

Eine Dienerin, mit der er wahrscheinlich irgendwann einmal geschlafen hatte, grüßte ihn, als er die Halle betrat.

»Ich glaube, den kannst du gebrauchen, Finlay Aluinn – hübscher Finlay.« Sie reichte ihm einen Becher Whisky.

»Hast du seherische Gaben, mein Herzchen?« Finn zwinkerte ihr zu.

»Es war sterbenslangweilig ohne dich.« Sie lehnte sich zu ihm vor und flüsterte ihm ins Ohr: »Wir könnten uns heute Nacht im Stall treffen.«

Er schenkte ihr ein unverbindliches Lächeln. Wenn die Nacht anbrach, befand er sich vielleicht schon im Turmverlies. Davon abgesehen hatte er kein Interesse, was ihn überraschte, denn eigentlich entsprach sie genau seinem Typ Frau – drall, willig und ohne Ansprüche, die über eine Nacht im Heu hinausgingen.

In der Halle herrschten noch mehr Gedränge und Stimmengewirr als gewöhnlich, und er fragte sich, was wohl geschehen sein mochte. Vielleicht hatte Huntly eine Verlobung für seine Enkelin ausgehandelt. Was immer passiert war, Finn hoffte, dass es den Earl in gute Laune versetzte und er sich für sein Anliegen aufgeschlossen zeigen würde.

Er unterdrückte ein Stöhnen, als er seine Mutter entdeckte, die, seinen Vater im Schlepptau, auf ihn zustrebte. Verdammt, es war zu spät zu fliehen. Sie hatte ihn bereits gesehen. Sie war einmal eine außergewöhnliche Schönheit gewesen, hieß es, doch das Gefühl, unter ihren Möglichkeiten verheiratet worden zu sein, hatte missmutige Falten in ihre Stirn eingegraben.

»Wir haben nicht damit gerechnet, dass du hier auftauchst.« Seine Mutter reckte das Kinn. »Wir dachten, du lebst jetzt auf Orkney.«

»Ich freue mich auch, dich zu sehen, Mutter.« Finn nickte seinem Vater zu, der wahrscheinlich zu betrunken war, um es zu bemerken.

»Was hast du verbrochen, dass mein Onkel Sinclair beschlossen hat, dir die versprochenen Ländereien nicht zu geben?«, fuhr seine Mutter gnadenlos fort.

Finn zuckte mit den Schultern. »Die Sinclairs haben die Schlacht verloren.«

»Na also, ich sagte dir doch, dass nichts dabei herauskommt.«

Anscheinend war seiner Mutter entfallen, dass sie ihn zu dem Unternehmen ermutigt hatte. Aber das sagte er nicht laut.

»Ich fürchte, ich habe schlechte Neuigkeiten.« Er machte eine Pause. »Dein Onkel und die meisten seiner Krieger, die mit ihm nach Orkney gesegelt waren, wurden getötet.« Er erzählte ihr von dem Kopf, den er den Sinclairs gebracht hatte. Sie würde es ohnehin erfahren.

»Dann ist mein Vetter George jetzt Stammesfürst.« Sie kniff die Augen zusammen. »Er wird ein starker Anführer sein.«

Es erstaunte Finn nicht besonders, dass sie den Tod ihrer Verwandten mit einem Schulterzucken abtat. Seine Mutter war kein sentimentaler Mensch.

»Wie kommt es, dass du die Schlacht überlebt hast, wenn so viele andere fielen?« In ihrer Stimme lag der gleiche Unterton, mit dem George Sinclair ihm diese Frage gestellt hatte.

»Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Mutter«, erwiderte er bissig.

»Du weißt genau, da… daschi es so nicht gemeint hat«, mischte sein Vater sich nuschelnd ein. »An… anworte deiner Mutter.«

»Sie wählten mich für die Aufgabe, den Kopf bei den Sinclairs abzuliefern. Ich nehme an, ich hatte einfach Glück.« Finn zuckte mit den Schultern. Die Männer von Orkney hatten ihm gesagt, er wäre wegen seiner Tapferkeit im Kampf erwählt worden, doch das würde seine Familie niemals glauben.

»Und nun kommst du angekrochen und willst den Earl of Huntly anbetteln, dich zurückzunehmen?«, fragte seine Mutter hämisch. »Wie kam ich nur auf die Idee, mehr von dir zu erwarten?«

Allmächtiger, er brauchte einen Whisky. Wo war die Magd abgeblieben? Finn sah über die Schulter in der Hoffnung, sie zu entdecken, doch stattdessen fiel sein Blick auf seinen Bruder Bearach und dessen Gemahlin. Sie kamen zügig in seine Richtung. Um Himmels willen, nicht auch noch diese beiden.

Anscheinend hatte Gott beschlossen, ihn schon auf Erden für seine Sünden zu bestrafen.

»Im Gegensatz zu dir macht Bearach der Familie alle Ehre«, legte seine Mutter den Finger in die Wunde, als die beiden zu ihnen traten. »In dem Aufruhr in Edinburgh kämpfte er heldenhaft gegen die Douglas.«

Finn lächelte unverbindlich, was sie, wie er wusste, ärgern würde, und hielt den Mund. Doch dann begegnete sein Blick dem Bearachs, und die bittere Erinnerung an seinen älteren Bruder, den er während der Schlacht feige zusammengekauert in einer Torfahrt gefunden hatte, ließ sich nicht verdrängen.

»Zieh dein Schwert und kämpfe, verdammt!«, hatte er ihn angebrüllt, als ein halbes Dutzend Krieger durch die enge Gasse auf sie zugestürmt war. Aber während Finn sie zurückgeschlagen hatte, war sein Bruder geflohen.

Der Vorfall stand zwischen ihnen, vergiftete die Atmosphäre wie ein stinkender Fisch. Bearach verzieh ihm nicht, dass er ihm das Leben gerettet hatte und Zeuge seiner Feigheit geworden war. Und obwohl Finn nie so tief gesunken wäre, jemandem von der Sache zu erzählen, hätte er es genauso gut tun können. Egal, wie er sich verhielt, für seine Familie war und blieb er ein Taugenichts.

»Was wirst du jetzt tun?«, erkundigte Curstag, Bearachs Gemahlin, sich neugierig.

Finn konnte nicht länger vermeiden, sie anzusehen. Curstag war eine schwarzhaarige Schönheit, und obwohl er sich Mühe gab, war das Gefühl ihrer üppigen Rundungen unter seinen Händen ihm noch genauso lebhaft in Erinnerung wie ihre sinnlich dahingesäuselten Beteuerungen, dass sie ihn liebe. Damals war er sechzehn gewesen und hatte ihr geglaubt.

Sie stellte die Frage ohnehin nur, damit er sich daran erinnerte, daher schenkte er ihr ein träges Lächeln, um ihr zu zeigen, dass er seinen Liebeskummer weit hinter sich gelassen hatte.

»Ich bin hier, um mit Huntly zu reden«, antwortete er leichthin. »Aber vorher habe ich ein Stelldichein mit einem Mädchen, also mache ich mich wohl besser auf den Weg.«

»Du kommst zu spät«, sagte seine Mutter, noch ehe er zwei Schritte gegangen war. Er wandte sich um und sah sie an. »Zu spät wofür?«

»Um mit Huntly zu reden.«

Er hatte die Burg verlassen? Verdammt. »Wo ist er hin?«

»In sein Grab«, entgegnete seine Mutter trocken. »Der Earl of Huntly ist tot.«

Fast konnte Finn die Elfen schadenfroh lachen hören über sein Pech. Himmel und Hölle, was sollte er jetzt machen? Als erfahrener Krieger konnte er nach Irland oder Frankreich gehen und Söldner werden, aber er wollte Schottland nicht verlassen.

»Warum kommst du nicht nach Hause nach Garty?«, schaltete sein Vater sich ein. »Wenigstens bis du weißt, was du als Nächstes tun willst.«

Grundgütiger, so tief konnte er doch nicht gesunken sein. Lieber verdingte er sich als Söldner oder verbrachte den Rest seiner Tage im Verlies irgendeines seiner Verwandten, als dass er zurück zu seinen Eltern ging.

»Ich weiß das Angebot zu schätzen, Vater, aber …«

»Ich bitte dich, Finlay ist ein erwachsener Mann«, fiel seine Mutter ihm ins Wort und stützte eine Hand auf die Hüfte. »Weder braucht noch verdient er unsere Hilfe.«

Weiter kam sie nicht, denn just in diesem Moment zeigte der Himmel Erbarmen und schickte Finn einen Engel in Gestalt von Janet Kennedy, der früheren Geliebten König James IV. Janet trat an Finns Seite und rettete ihn vor seiner Familie. Sie herauszufordern traute sich nicht einmal seine Mutter.

»Ich brauche Finlay«, lautete Janets knappe Erklärung, dann nahm sie ihn beim Arm und führte ihn fort.

»Gott segne dich.« Finn seufzte erleichtert.

»Wie hast du es geschafft, siebenundzwanzig Jahre mit dieser Frau bekannt zu sein und sie nicht zu ermorden?«, fragte Janet belustigt.

»Mich zu betrinken hilft.« Sie kamen an einem Tisch vorbei, und Finn schnappte sich eine Schnabelkanne mit Wein und zwei Becher. »Wo bringst du mich hin?«

»Nach oben«, erwiderte Janet unbestimmt. »Du und ich, wir müssen reden.«

»Nur reden?« Finn lächelte und hob eine Braue. Obwohl er nicht in der Stimmung war zu tändeln, nachdem er gehört hatte, dass Huntly tot war, wusste er, dass Janet es von ihm erwartete.

»Aye, nur reden.« Sie musste lachen.

Janet Kennedy war eine außergewöhnliche Frau und mit fünfundvierzig Jahren noch immer lebhaft und schön. In ihrer Jugend hatte das willensstarke Mädchen mit dem flammend roten Haar viele mächtige Männer angezogen, einschließlich des Königs. Sie war dreimal verheiratet gewesen. Ihre erste Ehe hatte der König annulliert, als sie seine Geliebte geworden war, und ihr dritter Ehemann hatte sich von ihr scheiden lassen. Sie hatte alle überlebt und genoss ihre Unabhängigkeit.

Sie hatte den zwanzigjährigen, sehr von sich überzeugten Finn mit in ihr Bett genommen und ihm Dinge beigebracht, für die ihr jede Frau, mit der er seitdem geschlafen hatte, dankbar sein musste. Die Affäre mit ihr lag Jahre zurück, doch sie waren gute Freunde geblieben.

Janet führte ihn die Wendeltreppe hinauf in eine kostbar ausgestattete Kemenate. Als Mutter zweier königlicher Bastarde war sie ein wichtiger Gast und wurde in einem der besten Gemächer untergebracht. Überdies war sie mit den Stammesfürsten der Gordons verwandt, was Finn und sie zu Cousin und Cousine dritten oder vierten Grades machte.

Janet setzte sich in einen der Sessel vor dem Kamin, Finn ließ sich in den anderen plumpsen und legte die Füße hoch.

»Musste Huntly unbedingt jetzt sterben?«, bemerkte er mürrisch. »Aber wahrscheinlich hätte er mich ohnehin nicht wiedergenommen.«

Als Janet den Becher Wein, den er ihr eingoss, ablehnte, trank er ihn selbst.

Sie hob eine Braue. »Ein Trunkenbold wie dein Vater zu werden ist keine Lösung für deine Probleme.«

Finn lächelte strahlend. »Ihm hilft das Trinken ziemlich gut.«

»Aber im Unterschied zu deinem Vater besitzt du kein Land«, gab sie zu bedenken. »Also musst du dich für jemanden, der dir Land geben kann, interessant machen.«

»Das habe ich versucht und bin deswegen beinahe auf Orkney gefallen.« Er hob seinen Becher. »Vielleicht sollte ich Huntlys Sohn meine Dienste anbieten. Ach nein, er ist ja auch tot. Der nächste Earl of Huntly ist dieser Jammerlappen von einem Enkel, richtig?«

Das Bild des fetten Jungen, der sich mit gezuckerten Pflaumen vollstopfte und das Gesinde anschrie, stieg vor Finns innerem Auge auf.

»Der wehleidige Huntly ist elf Jahre alt und befindet sich derzeit in der Obhut der Königin. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er dich in seine Leibgarde aufnimmt.« Janet beugte sich vor und legte Finn eine Hand auf den Arm. »Abgesehen davon kannst du es besser haben. Du unterschätzt deine Fähigkeiten und steckst deine Ziele nicht hoch genug.«

»Ich bin der jüngere Sohn eines jüngeren Sohns und besitze kein eigenes Land«, hielt Finn dagegen. »Andere Aussichten, als mich als Krieger zu verdingen, habe ich nicht.«

»In diesem Punkt irrst du.« Wissend lächelnd lehnte Janet sich in den Sessel zurück. »Eine Witwe mit Titel und Land ist durchaus in deiner Reichweite.«

Finn seufzte. »Wenn du mich hierhergebracht hast, um dieses Thema zu besprechen, brauche ich etwas Stärkeres als Wein.«

»Du hast alles, was eine hochwohlgeborene Witwe mit eigenen Ländereien sich bei einem Ehemann wünscht.« Janet zählte die einzelnen Punkte an ihren Fingern herunter. »Du bist eng verwandt mit drei Earls und ein berühmter Krieger, der ihre Ländereien beschützen kann.«

Finn verdrehte die Augen. »Janet, bitte.«

»Dazu deine seelenvollen blauen Augen, das durchtriebene Lächeln, die muskulöse Gestalt, und ich glaube, du kannst ganz gut für dich sorgen.« Lächelnd setzte sie hinzu: »Nicht so gut wie ich natürlich. Aber mithilfe einer gut geplanten Heirat könntest du das, was du willst, durchaus erreichen.«

Finn runzelte die Stirn. »Das einzige Problem bei deinem Plan ist, dass ich keine Ehefrau will.«

Und schon gar keine hochwohlgeborene Ehefrau. Seine Mutter ließ niemanden in ihrer Umgebung vergessen, dass sie unter ihren Möglichkeiten geheiratet hatte. Die Frau seines Bruders war aus demselben Holz geschnitzt: eine ehrgeizige Intrigantin, auch wenn sie es nicht zu erkennen gab.

»Sag bloß nicht, dass du dieser schrecklichen Curstag immer noch nachtrauerst«, sagte Janet in seine Gedanken hinein. »Sie hat mit dir gespielt, während sie längst deinen Bruder erwählt hatte. Immerhin ist er der Erbe, während du nichts besitzt außer deinem Pferd, deinem Schwert und der Kleidung, die du am Leib trägst.«

»Die Geschichte mit Curstag ist lange her.« Er war tatsächlich so naiv gewesen zu glauben, dass sie ihn wollte, obwohl er keine Aussichten hatte. Ein Fehler, der ihm nie wieder unterlaufen würde.

»Wir Frauen müssen heiraten, um uns das Heim und die Stellung zu sichern, die wir vom Leben erwarten«, fuhr Janet fort. »Und genau deshalb müssen wir eine Witwe für dich finden, die über den Reichtum und die Ländereien verfügt, die du brauchst.«

»Und mich dafür für den Rest meines Lebens herumkommandiert?« Er schüttelte den Kopf. »Nay, eine Nacht unter der Decke und ein bisschen Spaß – das ist alles, was ich von einer Frau will.«

»Nicht alle Frauen sind wie deine Mutter und Curstag«, wandte Janet kopfschüttelnd ein. »Und auch nicht wie ich.«

»Du bist nicht wie sie«, widersprach Finn vehement.

»Doch, das bin ich.« Ein Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. »Nur verschaffe ich mir das, was ich will, auf eine viel liebenswürdigere und klügere Weise.«

Finn lachte. Eine der Eigenschaften, die er an Janet bewunderte, war ihre absolute Ehrlichkeit, eine ausgesprochen seltene Qualität bei Frauen von hoher Geburt. Wenn sie sich allerdings etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich nicht leicht davon abbringen.

»Wenn es darum geht, die richtige reiche Frau zu finden …« Mit der Fingerspitze tippte Janet sich ans Kinn. »Dann sollte sie weder zu alt sein noch zu jung. Und nicht so engstirnig, dass sie sich wegen anderer Frauen aufregt.«

Auch wenn Janet es nicht glaubte, aber er würde sich an ein Ehegelübde gebunden fühlen. Was ein Grund mehr war, niemals zu heiraten.

»Ich weiß deine Sorge um mich zu schätzen, aber wegen Land zu heiraten ist das Elend nicht wert.« Er verzog das Gesicht. »Dann wäre es besser gewesen, die Männer von Orkney hätten mich ertränkt oder meinen Kopf auf den nächstbesten Mast gespießt oder …«

»In Ordnung.« Lachend hob Janet die Hände. »Ich werde mit meinem Sohn sprechen. Vielleicht hat er eine bessere Idee.«

Ihr Sohn war der Earl of Moray, ein außerehelicher Sohn König James IV. von Schottland. Moray war ein außerordentlich kluger junger Mann von vierundzwanzig Jahren. Wer ihn mochte, bezeichnete ihn als gerissenen Politiker, wer ihn nicht mochte, als hinterhältig. So oder so, es lohnte sich, Moray auf seiner Seite zu wissen. Ihn zum Gegner zu haben war gefährlich.

Janet meinte es gut mit ihm, doch ihr Sohn war ein wichtiger Mitspieler auf der höchsten Ebene königlicher Politik. Seine Interessen wurden von Kräften geleitet, die viel mächtiger waren als Finns Schicksal, und Moray pflegte niemals einen Gefallen zu erweisen, der nicht seinen eigenen Interessen diente.

Aber Finn hatte Moray ganz gewiss nichts zu bieten.

3. Kapitel

Bei allen Heiligen, ich habe dich vermisst.« Margaret hielt die Luft an, als ihr Bruder George sie hochhob und sich mit ihr im Kreis drehte.

Nachdem George sie wieder abgestellt hatte, nahm Archibald sie in den Arm. Ihre gut aussehenden Brüder schienen unverändert, außer dass Archibalds Züge härter geworden waren. Trotz der Probleme, die ihre Brüder nach ihrer Flucht hinterlassen hatten, war Margaret überglücklich, sie wiederzusehen.

»Du bist noch genauso hübsch wie früher.« George grinste und musterte sie vom Scheitel bis zur Sohle. »Aber mein Gott, was trägst du denn da? Du kleidest dich wie eine Großmutter.«

Margaret spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. George hatte sie immer damit aufgezogen, dass sie sich anzog, als wolle sie in ein Kloster gehen. Mit dreizehn, sie war schrecklich schüchtern gewesen, hatte ihre Familie sie in exquisite Gewänder gesteckt und vor dem König paradieren lassen, in der Hoffnung, dass er ein Auge auf sie warf. Obwohl sie das Interesse des Königs nicht hatte wecken können, war ihr damals so viel ungewollte Aufmerksamkeit zuteilgeworden, dass sie von da an schlichte Kleider vorzog.

»Ich dachte, unsere Eskorte bringt uns nach Tantallon Castle«, sagte sie, um das Thema zu wechseln. »Ich hatte gar nicht damit gerechnet, euch in Edinburgh zu treffen, schon gar nicht in Holyrood Palace.«

Sie hatte sich darauf gefreut, das Heim ihrer Kindheit wiederzusehen. An Edinburgh dagegen hatte sie schreckliche Erinnerungen.

»Wir sind da, wo der König ist.« Archibald zuckte mit den Schultern. »Und der König ist hier.«

»Wie habt ihr es geschafft, an den Kanonen der Königin vorbeizukommen?«, fragte Lizzie neugierig.

Archibald biss die Zähne zusammen und bedachte Lizzie mit einem bösen Blick, der das junge Mädchen indes nicht zu stören schien.

»Margaret Tudor hat sich unter dem Druck des Kronrates nach Stirling zurückgezogen.« Archibald machte eine wirkungsvolle Pause. »Und der König ist dem erdrückenden Einfluss seiner Mutter nicht mehr ausgeliefert.«

Es hörte sich an, als habe Archibald einen bedeutenden Sieg über seine königliche Noch-Gattin errungen.

»Ich bin jedenfalls froh, dass die Königin nicht hier ist«, bekannte Lizzie freimütig. »Als ihr fort wart, bestellte sie uns zu Verhören ein und drohte uns.«

Archibald nickte. »Uns wurde zugetragen, wie unangenehm es für euch war.«

Es war nicht wirklich eine Entschuldigung, aber eine Schuld einzugestehen gehörte nicht zu Archibalds Gewohnheiten.

»Unangenehm?« Lizzies Brauen schossen in die Höhe. »Hast du nicht gehört, was William der Widerliche Margaret angetan hat? Ich hoffe, du nimmst einen glühenden Schürhaken, stichst ihm damit die Augen aus und spießt seinen abgeschlagenen Kopf auf einen Speer.«

George lachte. »Du bist ziemlich blutrünstig.«

»Und Sy…«

»Das reicht, Lizzie.« Ohne dass es jemand merkte, trat Margaret dem Mädchen auf die Zehen, damit sie den Brüdern nicht erzählte, was ihre Schwester Sybil angestellt hatte, um dem Zorn der Königin zu entgehen. Für den Augenblick war es besser, wenn nicht bekannt wurde, wo Sybil sich aufhielt.

»Glaubst du, im Exil zu sein war schön für uns?«, blaffte Archibald missmutig. »Wir waren gezwungen, von der Großzügigkeit des französischen Hofes zu leben und anschließend von der meines Schwagers.«

»So schlimm war Frankreich nun auch wieder nicht.« George legte den Kopf schräg. »Und die französischen Frauen …«

Margaret lächelte. George und sie waren die Friedensstifter der Familie, obwohl ihre Herangehensweise unterschiedlicher nicht sein konnte. Während sie die Wogen glättete und nach Möglichkeit auf Forderungen anderer einging, setzte George seinen scharfen Verstand und seinen ungezwungenen Charme ein – und bekam, was er wollte.

»Es bringt nichts, in der Vergangenheit zu schwelgen.« Archibald rieb sich die Hände. »In Kürze wird die Familie Douglas wieder alles haben, was sie einmal hatte, und mehr.«

»Mir ist immer noch nicht klar, wie es dazu kam, dass ihr in Holyrood Palace beim König wohnt«, meldete Margaret sich zu Wort.

»Der Kronrat hat entschieden, dass unser König mit dreizehn Jahren zu jung ist, um ohne die Führung und Beratung reifer, lebenserfahrener Männer zu regieren«, erwiderte George bereitwillig. »Also beschloss er, dass die Vormundschaft für den König alle drei Monate unter den wichtigsten Adligen Schottlands rotieren wird.«

Das komplizierte Arrangement sollte offenbar verhindern, dass es zu einer weiteren bürgerkriegsähnlichen Schlacht wie der in Edinburgh kam. Trotzdem hatte Margaret Mitleid mit dem halbwüchsigen Jungen, den man von seiner Mutter getrennt hatte und nun jedes Vierteljahr einer neuen Vormundschaft unterstellen wollte.

»Die ersten drei Monate ist Archibald sein Vormund«, fuhr George fort und tauschte mit seinem Bruder einen Blick, den Margaret nicht deuten konnte.

»Ich will meinen Vater sehen«, meldete Lizzie sich energisch zu Wort. »Wo ist er?«

Archibald wandte sich zu ihr um. »Er bewacht den König.«

Bewacht den König? Was für eine merkwürdige Formulierung. Sie klang beinahe so, als sei der König ihr Gefangener.

»Er unterrichtet den König im Schwertkampf«, beeilte George sich hinzuzufügen. »Der König war so beeindruckt von der Geschicklichkeit deines Vaters, dass er ihm den Beinamen Blaustahl verpasst hat.«

Lizzie marschierte davon, und Archibald wandte sich zu Margaret um. »Am Hof wirst du neue Gewänder brauchen.«

»Dieser eifersüchtige Schwachkopf William bestand auf Kleidern, die ihre Schönheit verbargen.« George breitete grinsend die Arme aus. »Aber unsere Prinzessin soll strahlen, wie es ihr zusteht.«

»Ich brauche keine neuen Kleider«, erwiderte Margaret eilig. »Ich bleibe nicht lange.«

»Du bleibst.« Archibalds Ton duldete keinen Widerspruch. »Deine Anwesenheit ist wichtig für mich.«

Bei dem Gedanken, am Hof leben zu müssen und in die politischen Machenschaften ihrer Brüder verwickelt zu werden, drehte sich Margaret der Magen um. »Weshalb?«

Archibald presste die Lippen zusammen. »Da die Königin nicht bereit ist, ihre Rolle als meine Gemahlin zu spielen, brauche ich eine Frau, die als meine Gastgeberin auftritt.«

»Wäre Lady Jane nicht besser geeignet?« Margaret sprach von Archibalds Mätresse. Jedenfalls ehe er verbannt worden war. Die beiden hatten eine gemeinsame Tochter.

»Es wäre unpassend, Jane diese Position im königlichen Palast einnehmen zu lassen«, wandte George ein. »Wichtiger noch, es könnte dem König missfallen, und wir müssen alles tun, um ihn glücklich zu machen.«

»Aber Alison wird in Kürze niederkommen.« Margaret versuchte die Verzweiflung aus ihrer Stimme herauszuhalten. »Sie braucht meine Hilfe.«

»Alison heckt wie ein Kaninchen und hat eine ganze Burg voller Gesinde, wenn sie Hilfe benötigt«, beschied Archibald sie knapp. »Ich brauche dich hier. Die Familie braucht dich hier.«

Margaret wurde eng um die Brust. Die Erwartungen ihrer Brüder schlossen sich um sie wie eine Falle.

»Und außerdem können wir dir dann einen neuen Ehemann suchen«, fügte George hinzu.

»Ich will keinen Ehemann.« Um keinen Preis würde sie ihren Brüdern gestatten, sie wieder zu verheiraten.

»Das müssen wir jetzt nicht entscheiden.« George legte ihr einen Arm um die Schultern. »Wir sind wieder zusammen, und das ist das Einzige, was zählt. Bleib ein paar Wochen, damit wir ein bisschen Zeit miteinander verbringen können. Bitte.«

Was er sagte, hörte sich so vernünftig an, dass sie es ihm nicht abschlagen konnte. Was sie ihr ohnehin nicht gestatten würden.

»Selbstverständlich, wenn ihr möchtet.« Ihre Mutter hatte ihr beigebracht, sich wenigstens liebenswürdig zu verhalten, wenn sie eine unangenehme Pflicht schon nicht ablehnen konnte.

»Ich wusste, dass du Ja sagen würdest.« George lächelte. »Du bist immer auf das Wohl der Familie bedacht.«

»Aber nur für ein paar Wochen«, bekräftigte sie noch einmal. »Länger bleibe ich nicht.«

Ihre Brüder hörten ihr schon nicht mehr zu.

Nur ein paar Meilen entfernt von Huntly Castle machte Finn bei einer Taverne Halt und kehrte ein. Kurz darauf hielt er einen Krug Bier in der Hand, ein Mädchen saß auf seinem Schoß und ein anderes neben ihm, und während ihm das vor noch nicht allzu langer Zeit gereicht hätte, um glücklich zu sein, schlug er nun lediglich die Zeit tot, schob das Unvermeidliche auf, wie er es die ganzen letzten Wochen getan hatte.

Allmächtiger, ihm graute davor, Schottland zu verlassen, aber hatte er eine Wahl? Sein Geld war praktisch aufgebraucht. Nachdem er eine letzte Runde Bier bestellt hatte, würde es gerade noch für die Überfahrt reichen.

»Welches Land wird es sein?« Er hielt eine Münze hoch, damit jeder sie sehen konnte. »Irland oder Frankreich?«

Die Wetten waren rasch platziert. Als er die Münze in die Luft warf, riefen die einen »Irland« und die anderen »Frankreich«. Aller Augen waren gebannt auf das sich drehende Geldstück gerichtet, sodass niemand die beiden bewaffneten Krieger bemerkte, die mit todernsten Mienen in den Schankraum traten. Es waren Männer des Earl of Moray, und sie gingen zielstrebig auf Finn zu.

Das Durcheinander von Rufen wurde zu einem Tumult, als die Münze vom Tisch abprallte und unauffindbar in dem schmutzigen Stroh verschwand, das den Fußboden bedeckte.

Finn zuckte mit den Schultern. Es würde jedenfalls kein Geldstück sein, das heute über sein Schicksal entschied.

Eine Stunde später wurde er in eine Kammer hinter der Großen Halle von Huntly Castle geführt, in der der verstorbene Earl Privatgeschäfte erledigt hatte. Zu Finns Überraschung saß Moray hinter dem Schreibtisch, auf dem sich ein Stapel Dokumente türmte.

Der Tod des Earl of Huntly hatte ein halbes Kind von elf Jahren zum neuen Earl und Stammesfürsten gemacht, und das bedeutete, dass der Gordon-Clan, genau wie Schottland als Ganzes, keinen wirklichen Anführer hatte. Finn hatte sich bereits gefragt, welcher Onkel aus der Familie die Lücke füllen würde, aber natürlich hätte er wissen müssen, dass nur Moray infrage kam. Der Earl war ein enger Verbündeter der Gordons und der Onkel des jungen Titelerben, dessen Mutter ein weiterer illegitimer Spross von James IV. war.

»Ihr riecht wie eine Bierschänke«, sagte Moray statt einer Begrüßung und bedeutete ihm, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen.

»Weil ich mich in einer aufgehalten habe, nehme ich an.« Finn setzte sich, nahm einen Apfel aus der prächtigen Silberschale auf dem Tisch und tat, als sei nichts dabei. Es zahlte sich nicht aus, ein Gegenüber erkennen zu lassen, dass man in einer verzweifelten Lage war, schon gar nicht einen Mann wie Moray.

»Archibald Douglas ist seit ein paar Wochen wieder in Schottland«, eröffnete der Earl das Gespräch. »Heinrich unterstützt ihn.«

Finn hob eine Braue. »Welcher Heinrich?«

»Ihr wisst genau, welcher«, erwiderte Moray knapp. »Sein Schwager, König Heinrich VIII. von England.«

»Was haben wir mit Douglas’ Rückkehr zu tun?«

Autor

Margaret Mallory

Margaret Mallory wuchs im US-Staat Michigan auf, studierte dort Jura und arbeitete später im juristischen Bereich. Mit dem Schreiben historischer Liebesromane begann sie, als ihre beiden Kinder auf dem College waren. Ihre gefühlvollen Geschichten haben bereits zahlreiche Preise gewonnen. Die Autorin lebt mit ihrem Mann an der wild-romantischen Pazifikküste der...

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