Geheimes Verlangen nach dem Duke

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Der sanfte Schwung ihres Alabasterhalses und ihre entzückenden Öhrchen haben sie verraten: Der Duke of Winston ist überzeugt, dass der junge Arzt, der ihn seit einem Unfall betreut, in Wirklichkeit eine junge Dame ist. Offenbar weiß das bezaubernde Geschöpf nicht, dass Winston als wahrer Lebemann eine Frau in jeder Verkleidung erkennt. Zwar wollte der Adelige künftig allen Versuchungen entsagen - doch dieser Herausforderung kann er nicht widerstehen! Er muss hinter das Geheimnis der verkleideten Schönheit kommen und ihr Verlangen wecken, um es mit verführerischer Raffinesse zu stillen. Wie schicksalhaft, dass er als Patient ohnehin das Bett hüten muss …


  • Erscheinungstag 15.12.2017
  • Bandnummer 100
  • ISBN / Artikelnummer 9783733753023
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Der sittenlose Duke of Winston war nur knapp dem Tode entronnen. Ganz Paris kannte seit Tagen kein anderes Gesprächsthema mehr, und während Millicent Germain darauf wartete, in die herzoglichen Gemächer geführt zu werden, gab sie sich der verlockenden Hoffnung hin, dass ein Stück des herabstürzenden Mauerwerks, das Winston beinahe erschlagen hatte, vielleicht auch auf seinen Weichteilen gelandet war.

Die Lippen zusammengepresst, stand Millie im menschenleeren Empfangszimmer von Winstons Stadtpalais und sah sich missbilligend um. Ihr Blick glitt über prunkvolle vergoldete Möbel und … unzählige Darstellungen von Nackten. Nackte, Nackte und nochmals Nackte. Statuetten, Porträts, riesige Gemälde. Nackte, wohin man sah, selbst in dem von Stuckaturen umkränzten Medaillon an der Decke. Das Auge hatte keine Chance, ihnen zu entrinnen.

Der Duke sei ein erklärter Liebhaber des weiblichen Geschlechts, hatte Philomena lachend gesagt und Millies hitzige Einwände gegen die Anstellung bei Winston abgetan. Die Anstellung, die sie für Millie gefunden hatte, wie sie behauptete. Die anzunehmen sie Millie zwang kam der Wahrheit deutlich näher. Das Dienstverhältnis mit Winston konnte nur in einer Katastrophe enden, so viel war sicher, doch wenn es vorbei war, würde Millie wenigstens haben, was sie wollte.

Ihr Blick fiel auf eine kleine Skulptur, die eine Gruppe frivoler Nymphen zeigte. Die schamlose Darstellung und Winstons berühmter Hang zu Ausschweifungen schienen Philomenas Beschreibung seiner Person geradezu zu verhöhnen.

Gebildet. Worin? In allen Varianten geschlechtlicher Paarung?

Geachtet. Von wem? Wüstlingen?

Vermögend. Das war der springende Punkt. Sein Geld würde sie annehmen müssen. Als Gegenleistung für ihre medizinische Betreuung auf seiner Reise nach Griechenland.

Besser gesagt: als Gegenleistung für Mr. Miles Germains medizinische Betreuung. Sie mochte verzweifelt sein, aber sie war nicht verrückt. Der Haushalt des Duke of Winston war kein Ort für eine ledige Frau. Millie zog ihren Justaucorps zurecht. Gottlob wirkten ihre unscheinbaren Gesichtszüge völlig unauffällig unter der schlichten Zopfperücke.

Es war nicht das erste Mal, dass sie als Mann durchging.

Der Butler würde jeden Moment zurückkommen. Hastig strich sie ihre Kniehose glatt und hob den Blick zu dem sich eng umschlingenden Liebespaar an der Decke. Anscheinend musste sie, bis sie in Griechenland war, damit rechnen, Zeugin einer Flut anstößiger Zurschaustellungen zu werden.

In der Not frisst der Teufel Fliegen. Und sie war in Not! Aber in wenigen Wochen würde sie sich in Griechenland befinden – nur einen Steinwurf von Malta entfernt und damit auch von der dort ansässigen chirurgischen Fakultät – und genug Lohn für ihre Dienste erhalten haben, um das Leben beginnen zu können, von dem sie noch vor zwei Tagen geglaubt hatte, dass es für immer für sie verloren sei.

Und alles, was sie dafür tun musste, war, einen verkommenen, verderbten Angehörigen des Hochadels gesund zu pflegen. Was vermutlich einfach sein würde, weil seine Verletzungen lange nicht so schlimm sein dürften, wie er vorgab.

Und wenn doch, würde sie wohl Winstons herzogliches Selbstwertgefühl aufpäppeln und gleichzeitig alles tun müssen, damit sich sein Zustand nicht verschlechterte. Was gewiss nicht leicht war, wenn er ständig Orgien veranstaltete, wie die Gerüchte es vermuten ließen …

„Seine Gnaden wären dann bereit, Euch zu empfangen, Mr. Germain“, hörte sie den Butler hinter sich sagen.

Millie sprang aus dem Fauteuil auf, in dem sie gesessen hatte, und wirbelte herum. Im Türdurchgang stand der hochgewachsene blasse Bedienstete, von dem sie wusste, dass er Mr. Harris hieß. Schlagartig wurde ihr klar, dass dies die letzte Gelegenheit war, sich eines anderen zu besinnen, zu Philomena zu flüchten und sie anzuflehen, ihr zu helfen, eine andere Anstellung zu finden.

Du willst keine andere Anstellung. Du willst nach Griechenland.

„Sehr schön“, erwiderte sie ein wenig heiser und räusperte sich. „Vielen Dank.“

Sie zupfte die Ärmelaufschläge ihres Justaucorps zurecht, sah an sich hinab, um sicherzugehen, dass ihre Weste zugeknöpft war und ihre weiblichen Kurven verhüllte. Dann bückte sie sich, griff nach ihrer Arzttasche und folgte dem Butler aus dem Salon.

Sie hatten die Treppe mit dem prächtigen Marmorgeländer zur Hälfte erklommen, als plötzlich ein schrilles Lachen von irgendwoher aus dem oberen Stockwerk an ihre Ohren drang.

Mr. Harris schien es nicht zu bemerken.

Millie wandte sich zu dem Bediensteten. „Soviel ich hörte, haben seine Gnaden durch die herabfallenden Fassadenteile zahlreiche Verletzungen davongetragen.“

„In der Tat.“ Mr. Harris nickte bestätigend. „Anders als sein Begleiter hatten seine Gnaden großes Glück, sich nicht tödliche Verletzungen zugezogen zu haben.“

„Wahrhaftig. Großes Glück.“ Den Gerüchten zufolge war der Gentleman, der ein paar Schritte vor dem Duke an dem Gebäude vorbeigegangen war, am Kopf getroffen worden und noch an der Unfallstelle verstorben, Gott möge seiner Seele gnädig sein. „Wisst Ihr, ob seine Gnaden von einer der Verletzungen, die er sich zugezogen hat, in irgendeiner Weise in seiner … gewohnten Lebensführung beeinträchtigt sind?“

Abermals ertönte ein schrilles Kreischen, lauter nun, da sie das obere Ende der Treppe erreicht hatten. Es ging über in einen Lachanfall.

Mr. Harris’ angenehme Züge verdüsterten sich. „Seine Gnaden lagen drei Tage lang mit Fieber zu Bett, Mr. Germain. Ich darf Euch versichern, dass dieser Umstand seine gewohnte Lebensführung enorm beeinträchtigt hat.“ Er senkte die Stimme und fügte vertraulich hinzu: „Hoffentlich könnt Ihr ihm besser helfen als Euer Vorgänger.“

Anschwellendes Stimmengewirr war zu vernehmen, als Mr. Harris sie den Korridor entlangführte, vorbei an getäfelten Türen aus kostbarem poliertem Holz.

So wie der Heiterkeitsausbruch geklungen hatte, war seiner Gnaden bereits geholfen.

„Hier entlang, Mr. Germain, wenn ich bitten darf.“ Harris führte Millie durch eine Tür in einen Raum, in dem es vor Geschäftigkeit regelrecht zu wimmeln schien – das Ankleidezimmer des Duke, wo zwei erlesen gewandete Damen sich eitel vor dem hohen Standspiegel drehten, während drei flotte Gentlemen sich einen Spaß daraus machten, einer Hure quer durch den Raum Münzen in den Ausschnitt zu werfen und sie genau zwischen ihren Brüsten zu treffen. Millies Blick fiel auf ein eng verschlungenes Pärchen, das sich auf einer Polsterbank vergnügte und dabei von der Kante zu rutschen drohte.

Mr. Harris führte sie durch eine weitere Tür in das angrenzende Schlafgemach. Von einem Tisch beim Fenster ertönte das mittlerweile vertraute Kreischen samt dem anschließenden Lachanfall – beides zweifellos darauf zurückzuführen, dass der Gentleman und die dralle Brünette auf seinem Schoß etwas anderes spielten als eine harmlose Partie Karten. Eine Dienstmagd war damit beschäftigt, Porzellanteller aufeinanderzustapeln, eine andere schenkte Tee ein, während die dritte viel Aufhebens darum machte, ein Feuer im Kamin zu entfachen. Ein monumentales Himmelbett mit aufwändig gedrechselten Pfosten und üppigen nachtblauen Samtdrapierungen nahm die gegenüberliegende Wand ein. An seinem Fußende marschierte ein Gentleman auf und ab und schwadronierte in schnellem Französisch. Zwei aufwändig frisierte Kurtisanen plauderten heiter auf einer in der Nähe stehenden Chaiselongue.

Schließlich blieb Millies Blick an dem Mann haften, der gegen einen Berg Kissen gelehnt im Bett saß.

„Ihr tätet gut daran, Euch besser zu benehmen“, rief er einer der Kurtisanen auf der Chaiselongue belustigt zu, „sonst könnte es mir am Ende noch einfallen, Euch zu züchtigen.“ Sein gottloses Lächeln entblößte weiße Zähne in einem Antlitz, für das die Bezeichnung attraktiv nicht ausreichte – wären da nicht die hässliche Schürfwunde auf der rechten Wange und das in allen Schattierungen von Blau bis Violett leuchtende Veilchen gewesen. Der Duke trug einen orientalisch gemusterten Hausmantel aus Seide und ein Paar Hosen, deren Beine gerade so weit hochgerutscht waren, dass sie den Blick auf dunkel behaarte kräftige Waden freigaben.

Die Kurtisane wedelte mit ihrem Fächer in Höhe ihres Ausschnitts und lächelte ihn an. Sie beugte sich so weit vor, dass ihre Brüste fast aus dem Dekolleté heraussprangen. „Aber gerne“, forderte sie ihn heraus. „Nur zu, wenn Ihr könnt.“

Der Duke machte nicht einmal den Versuch, sich zu erheben und seine Drohung in die Tat umzusetzen.

Mr. Harris ging voraus zu der prunkvollen Bettstatt und bedeutete Millie, ihm zu folgen. „Mr. Miles Germain, Euer Gnaden.“

Der Blick aus einem Paar Augen so schwarz wie die Sünde glitt über sie, ruhig und nüchtern. „Ich hätte wissen müssen, dass der Arzt noch nicht trocken hinter den Ohren ist, wenn Philomena ihn empfiehlt“, beschied er träge. Um seine Mundwinkel zuckte es amüsiert. „Sagt, Mr. Germain … verfügt Ihr auch über medizinische Erfahrung, die über die sorgfältigen anatomischen Untersuchungen hinausgeht, wie Ihr sie in Lady Penningtons Bett zweifellos durchgeführt habt?“

Eine scharfe Antwort lag Millie auf der Zunge. Er hielt sie für unerfahren?

„Euer Gnaden.“ Sie schluckte die Erwiderung hinunter und machte eine Verbeugung, obwohl der Duke es seinerseits nicht für nötig befunden hatte, höflich zu sein. Ihr Blick streifte seine großen Hände, die ohne jeden Zweifel ungezählte Dienstmädchen betatscht hatten, und wanderte zu seinem linken Arm, der in einer Schlinge lag. „Es tut mir aufrichtig leid, Euch in einer solch unangenehmen Situation vorzufinden.“

Dieser lasterhafte Wüstling konnte ihre Referenzen infrage stellen, so viel er wollte, sie würde trotzdem mit ihm nach Griechenland reisen.

Er nahm ein Glas mit was auch immer – Cognac vermutlich – aus der Hand der einen Kurtisane entgegen und ließ sie eine nicht existente Falte in seinem Hausmantel glätten. „Wie alt seid Ihr, Mr. Germain?“

„Dreiundzwanzig.“

„Dreiundzwanzig.“ Winstons Augen funkelten vor Belustigung. „Ich hätte eher gedacht, dreizehn, oder was meint Ihr, Deschamps?“

Der Gentleman, der am Fußende der Bettstatt dozierend auf und ab marschiert war, lachte. „Tenez. Haltet an Euch, Ihr tretet dem jungen Mann zu nahe.“ Er wedelte gönnerhaft mit der Hand.

„Keineswegs“, widersprach Millie gleichmütig. „Vielleicht beruhigt es Euch zu hören, dass ich vier Jahre lang als Schiffsarzt tätig war. Im Übrigen kann ich Euch versichern, dass es unter meinen Patienten Männer gab, die sich in weit schlimmerem Zustand befanden als Ihr.“

„Und wie viele von ihnen leben noch?“

„Alle, die gerettet werden konnten, Euer Gnaden.“ Sie glaubte, den Anflug eines Schattens über sein Gesicht huschen zu sehen, doch der Eindruck war so flüchtig, dass sie nicht sicher war.

„Zeigt mir Eure Hände!“, befahl er ihr.

Ihre Hände? Sie tat, wie ihr geheißen, streckte die Arme aus, mit den Handflächen nach unten, bis er ihr mit einer knappen Geste bedeutete, dass sie sie sinken lassen konnte. „Wenigstens zittern sie nicht wie bei Eurem Vorgänger. Verdammter Trunkenbold! Es tat doppelt weh, wenn er sich an meinen Verletzungen zu schaffen machte.“ Winston verzog das Gesicht und deutete auf seine Schulter. „Kommt her und seht Euch an, was mit dieser Schlinge los ist. Der verfluchte Arm schmerzt schon den ganzen Tag.“

Die Schlinge war zu straff gebunden, das sah ein Blinder. Millie stellte ihre Arzttasche ab, und die Kurtisane trat von der Bettkante zurück, um ihr Platz zu machen. Mr. Harris zog sich unauffällig in Richtung Wand zurück.

Sie griff über Winstons Brustkorb hinweg. „Stimmt es, dass Euer Gnaden sich gerade erst von einem Fieber erholt haben?“ Dichte schwarze Wimpern umrahmten seine dunklen Augen, um die sich feine Lachfältchen zeigten, als er ein paar derbe Bemerkungen mit den Kurtisanen austauschte.

„Gebt ihm etwas, das seine Leidenschaft steigert“, verlangte eine von ihnen auf Französisch.

„Wenn er es täte, würdet Ihr mich um Gnade anflehen“, konterte der Duke gewitzt, dann wandte er sich zu Millie. „Fieber? Drei Tage schlimmstes Elend, und nichts weniger.“

„Und die Verletzungen? Welche Fortschritte macht die Heilung?“

„Die Wunden befinden sich auf meinem Rücken, Mr. Germain. Ich kann Euch Eure Frage beim besten Willen nicht beantworten.“

Sie löste den Knoten der Schlinge und warf ihm einen Blick zu. „Habt Ihr Eurem Arzt keine Fragen gestellt?“ Wenn er sie als beschränkt hinzustellen versuchte, würde sie es ihm mit Kusshand heimzahlen. „Er muss Euch doch gesagt haben, wie es um Euch steht. Gibt es Anzeichen für eine eitrige Entzündung?“

Von der Chaiselongue kam ein entsetzter Aufschrei.

„Um Gottes willen, Mr. Germain“, sagte der Duke besorgt. „Wenn Ihr so weitermacht, vertreibt Ihr mir noch meine Besucher.“

Genau das wollte sie als Erstes erledigen. Sie richtete die Schlinge, schob Winstons Ellbogen vorsichtig zurecht. „Ich nehme an, Euer Gnaden haben die Möglichkeit, dass weniger Besucher und mehr Ruhe außerordentlich heilungsfördernd sein könnten, noch nicht ins Auge gefasst.“

Er lachte. Tiefe Linien bildeten sich neben seinen Mundwinkeln, und in den schwarzen Teufelsaugen funkelte eine beunruhigend wache Intelligenz.

Merkwürdige Empfindungen durchströmten Millie. Plötzlich war da eine seltsame Schwere in ihren Brüsten und ein schwaches Pochen zwischen ihren Schenkeln.

Allmächtiger!

„Mr. Germain“, erwiderte er immer noch lachend, „Ihr an meiner Stelle – wärt Ihr begierig, Euch von so reizender Gesellschaft zu trennen?“

Millie konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf seinen Arm. Es dauerte einen Moment, dann waren die unerwarteten Gefühlsregungen verschwunden. Ja … tatsächlich ganz und gar verschwunden.

„Wäre ich an Eurer Stelle“, erwiderte sie bedächtig, „wäre die schnellstmögliche Gesundung mein oberstes Ziel.“ Rasch verknotete sie die Schlinge und …

Schnuppernd beugte sie sich vor und zog die Stirn kraus.

„Was ist?“, verlangte Winston beunruhigt zu wissen.

„Terpentinöl.“

„Der Arzt pflegte die Verbände damit zu tränken.“

Aha. Also wusste er doch, wie er behandelt worden war. „Sicher, aber …“

„Aber was?“, hakte Winston gereizt nach.

„Ich werde mir die Wunden ansehen müssen, und ich vermute, eine andere Wundsalbe wäre in diesem Stadium der Heilung zweckdienlicher. Wie fühlt sich die Schlinge an?“

Die Stirn runzelnd, schob der Duke vorsichtig den Arm vor und zurück. „Viel besser.“

Auf einmal wurde Millie sich der Bewegung unter ihren Fingern bewusst, der Muskulatur und der Sehnen und der Wärme seiner Haut, die durch die zwei dünnen Lagen Seide und Leinen an ihre Fingerspitzen drang. Ein winziger Nerv tief in ihrem Unterleib begann zu pulsieren.

„Ich muss Euch darauf hinweisen …“, sie schlug ihren düstersten Ton an, richtete sich auf und trat vom Bett zurück, „… dass Ruhe unabdingbar ist für Eure Genesung.“ In dem einzigen medizinischen Lehrbuch, das sie besaß, einer chirurgischen Abhandlung, die sie in ihrer Arzttasche mitführte, wurde diese Behandlungsempfehlung gegeben. Sie stimmte mit Millies Erfahrungen haargenau überein.

„Mr. Germain“, erwiderte der Duke ungehalten, „ich hüte seit vier Tagen das Bett.“

„Angemessene Kost und frische Luft sind natürlich ebenfalls wichtig“, fuhr sie in ernstem Ton fort und versuchte nicht darauf zu achten, dass sie ihre Fingerspitzen immer noch überdeutlich spürte. „Sinnliche Erregung dagegen solltet Ihr meiden. Alles, was die Leidenschaft schürt.“

Am Kartentisch entstand ein Tumult, und unter dem schallenden Gelächter der Gentlemen schoss eine der Frauen aus ihrem Sessel hoch, um energisch auf den Schoß eines Freundes seiner Gnaden gepresst zu werden.

„Vergesst es“, meinte der Duke trocken und griff nach seinem Glas.

„Ich meine es ernst, Euer Gnaden. ‚Unruhe des Geistes ist der gefährlichste Feind der Gesundheit des Körpers‘“, zitierte Millie aus ihrem Buch.

„Ärzte sind doch alle gleich mit ihren trübsinnigen Ermahnungen. Aber Ihr könnt getrost sein. Nichts würde mich mehr beunruhigen als der Entzug meiner Zerstreuungen.“ Er kräuselte die Lippen, und ohne dass sie es wollte, war ihr Blick wie gebannt. Beinahe überdeutlich wurde sie sich der Form seines Mundes bewusst, die nicht im Geringsten außergewöhnlich war. Nicht im Geringsten.

„Und Ihr solltet wissen, dass ich Euch nicht vor Publikum behandeln werde“, fuhr sie fort für den Fall, dass er annahm, sie würde ihn inmitten all dieser neugierigen Zuschauer untersuchen.

Winston lachte. „Nein? Dabei bin ich dafür bekannt, dass ich beachtliche Leistungen erbringe, wenn ich Publikum habe.“ Er grinste gottlos und prostete den Frauen auf der Chaiselongue zu.

Als er getrunken hatte, leckte er sich die vom Cognac glänzende Unterlippe und senkte das Glas. Erst jetzt wurde Millie bewusst, dass sie den Atem anhielt.

Ihre Blicke trafen sich.

Sie war außerstande, wegzuschauen.

„Harris“, sagte Winston träge und hob sein Glas. „Zeigt Mr. Germain seine Gemächer. Fragt ihn, wie viel er für seine Dienste verlangt, und zahlt ihm einen Monatslohn im Voraus.“

„Es wird schwer für Euch sein, seine Gnaden dazu zu bewegen, dem Pfad der Tugend zu folgen, selbst wenn seine Gesundheit auf dem Spiel steht.“ Mr. Harris grinste, als Millie an ihm vorbeiging und in das Vorzimmer trat. „Wobei ich zugeben muss, dass seine körperlichen Aktivitäten zahlreiche angenehme Folgen nach sich ziehen, wenn Ihr wisst, was ich meine.“

Millie warf einen Blick über die Schulter und bekam gerade noch mit, wie einer der Freunde seiner Gnaden einer Kurtisane um die Taille griff und ihr heftig in den Nacken biss, ehe der Butler die Tür schloss.

Oh ja, das wusste sie nur zu gut!

„Und dabei hat er weniger Besucher als vor dem Unfall, wie ich gestehen muss …“ Das sollen weniger Besucher sein? „… wiewohl ich nun, da Ihr hier seid, hoffe …“

Sie verließen das Vorzimmer und betraten den Korridor. Ein Lakai trat zu ihnen und verbeugte sich.

„Mr. Germains Gepäck ist eingetroffen“, informierte er den Butler.

Ihr Gepäck? „Das kann nicht …“

„Und diese Botschaft für Euch, Sir.“ Der Lakai überreichte ihr einen Brief.

Millie erkannte Philomenas Handschrift. Sie erbrach das Siegel und überflog das Schreiben.

… habe ich mich entschlossen, Paris heute schon zu verlassen statt erst am Donnerstag …

Nein. Nein, das durfte sie ihr nicht antun!

„Bringe Mr. Germains Sachen in die Gelbe Suite“, hörte sie Mr. Harris zu dem Lakaien sagen.

… bin ich sicher, Ihr werdet es behaglich haben bei Winston …

„Sehr wohl.“ Der Lakai wandte sich zum Gehen.

Philomena war abgereist. Sie hatte Millies Gepäck hergeschickt, ohne das Ergebnis des Einstellungsgesprächs abzuwarten, und Paris einfach verlassen. Für einen kurzen Moment hatte Millie das Gefühl, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggezogen.

Nicht dass sie vorgehabt hätte, Philomenas Großzügigkeit weiterhin in Anspruch zu nehmen, schon gar nicht, nachdem sie mehr als genug getan hatte, um Millie die Position bei Winston zu verschaffen. Aber …

„Gibt es ein Problem?“ Mr. Harris musterte sie fragend.

Das würde sie ihm sicher niemals eingestehen. „Nein“, antwortete sie langsam, faltete den Brief zusammen und steckte ihn in die Tasche. „Absolut nicht.“

Mr. Harris nickte und öffnete die nächste Tür. „Da sind wir. Eure Räume.“

Millies Blick flog nach links, in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Ihre Gemächer lagen in unmittelbarer Nähe der Zimmerflucht seiner Gnaden. Sie grenzten sogar daran an, wenn sie es richtig sah.

Das gefiel ihr nicht. Kein bisschen.

Sie folgte Mr. Harris über die Schwelle und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Schließlich gab es keinen Grund, nicht ruhig zu bleiben. Keinen einzigen. „Sicher könnte ich doch auch ein Quartier im unteren Stockwerk beziehen“, versuchte sie es vorsichtig. Eine vage Erinnerung kam in ihr hoch – an ein Vorkommnis, das dazu geführt hatte, dass sie keine Dienstbotin mehr war, und einer der vielen Gründe, weshalb sie sich gegen den Vorschlag, zurückzukehren, gesperrt hatte.

„Seine Gnaden erteilten Anweisung, Euch um seiner Bequemlichkeit willen hier unterzubringen“, erwiderte Mr. Harris unbewegt. „Und außerdem würdet Ihr ohnehin nicht unten untergebracht sein wollen. Dort bieten sich weniger Gelegenheiten, und die Räumlichkeiten sind lange nicht so komfortabel.“

Millie gelang ein halbherziges Lächeln. Sie wollte vermeiden, dass er sie für komplett unempfänglich hielt für die Gelegenheiten, auf die er anspielte. Sie richtete den Blick auf die Wand, hinter der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Winstons Schlafgemach lag. Ein über sieben Fuß hohes Kuriositätenkabinett nahm beinahe die Hälfte ihrer Gesamtlänge ein; eine Verbindungstür gab es nicht.

„Wie auch immer, ich kann sehen, dass die Genesung seiner Gnaden Fortschritte macht. Zweifellos wird er seine gesellschaftlichen Kontakte bald wieder in vollem Umfang pflegen können.“ Wieder grinste Harris verschwörerisch. „Ich will Euch nicht in Verlegenheit bringen, aber Sacks und ich zählen auf Euch.“

„Sacks?“

„Der Kammerdiener seiner Gnaden. Und keine Sorge … Es wird auch für Euch, wie soll ich sagen, eine Fülle von Anreizen geben.“ Der Lakai kam mit ihrem Gepäck herein, einem kleinen Koffer und einer Tasche, und stellte beides auf dem Fußboden des verschwenderisch eingerichteten, in verschiedenen Gold- und Gelbtönen gehaltenen Ankleidezimmers ab.

Millie sah sich in dem Raum um, blickte in das angrenzende Schlafgemach, in dem ein mit einem goldfarbenen Damasthimmel ausgestattetes Bett stand. Plötzlich hatte sie Mühe, zu atmen.

„Seine Gnaden wiesen mich an, Euch nach der Höhe Eures Entgelts zu fragen“, brachte Mr. Harris sich in Erinnerung.

Das Entgelt. Natürlich. Ihre Gedanken überschlugen sich bei der Suche nach einer Zahl, die ihr die Unzumutbarkeit ihrer Lage erträglich machen würde. Sie nannte eine ungeheuerlich hohe Summe.

Mr. Harris zuckte nicht mit der Wimper. „Sehr wohl. Ich kümmere mich um Eure Vorauszahlung.“

Der Butler ging, und sie war allein in ihrem neuen Quartier. Gedämpft klangen Stimmen und Gelächter aus den Gemächern des Duke durch die Wand. Millie seufzte leise. Sie hatte keine Wahl.

In Gedanken versunken trat sie zum Fenster. Sah hinaus auf die Stadt, auf das Häusergewirr mit den kopfsteingepflasterten Straßen, den regen Verkehr aus Fuhrwerken, Kutschen und Fußgängern. Der Nieselregen tauchte die Szenerie in ein trostloses Licht. Genau betrachtet gab es durchaus eine Alternative – die nämlich, die direkt vor ihren Augen lag.

Die Straßen von Paris. Aber mittellos, wie sie war, und ohne Referenzen würde sie in dieser gnadenlosen Stadt nur in einem Freudenhaus unterkommen.

Hier dagegen …

Sie sah über ihre Schulter, ließ den Blick über die prunkvollen Möbel, die Gemälde, die Statuetten, die Ziergegenstände schweifen. Eines oder zwei dieser Stücke würden reichen, um einen Großteil ihrer Ausbildung zu finanzieren. Das hieß jedoch nicht, dass sie auch nur in Erwägung zog, Winston zu bestehlen.

Aber er besaß das, was sie am nötigsten brauchte – Geld –, und er würde ihr eine astronomische Summe für die medizinische Betreuung bezahlen. Darüber hinaus würde sie, ehe sie das Dienstverhältnis bei ihm beendete, darauf bestehen, dass er Miles Germain ein Empfehlungsschreiben ausstellte.

Sie umfasste das Fenstersims fester, und während sie auf Paris hinausblickte, erstanden vor ihrem inneren Auge die großen Metropolen des Mittelmeers – Venedig, Athen, Konstantinopel.

Mit einem Empfehlungsschreiben des Duke würde sie als Miles Germain durchgehen, solange sie ihre Verkleidung trug. Damit konnte sie kommen und gehen, wie es ihr beliebte, und sie musste keine Angst haben, belästigt zu werden, weil alle Welt glaubte, sie sei ein Mann.

Und in ein paar Jahren, ausgerüstet mit dem Wissen, das sie auf Malta an der berühmten Fakultät für Anatomie und Chirurgie zu erwerben vorhatte, würde Miles Germain ein geachteter Chirurg mit eigener Praxis sein, und niemand – niemand! – würde ihr dann noch je etwas wegnehmen können.

Alles, was sie dafür tun musste, war, ihre Arbeit zu machen und sicherzustellen, dass Winston sich vollständig erholte.

Es klopfte an der Tür. Sie zuckte zusammen und wirbelte herum. Einer der herzoglichen Dienstboten stand auf der Schwelle, ein junger Mann mit einer ordentlichen Perücke. Er sah sie erwartungsvoll an.

„Monsieur.“ Er machte eine Verbeugung. „Je suis à vous.“

Um Himmels willen! Sie wollte niemanden, der ihr zur Verfügung stand. „Merci“, erwiderte sie eilig, „aber …“

„Ich werde auspacken und Eure Sachen einräumen …“ Zielstrebig ging der junge Mann auf ihren Koffer zu.

„Nein!“ Erschrocken trat Millie ihm in den Weg. „Nein, das ist nicht nötig“, erklärte sie ihm auf Französisch. „Ich mache das selbst.“ Der Duke hatte tatsächlich einen Kammerdiener für sie abgestellt?

„Ich habe Anweisung, Euch zu Diensten zu sein, Monsieur“, wandte der junge Mann unbeirrt ein. „Ihr müsst mir nur sagen, was ich tun soll. Euch beim Umkleiden zur Hand zu gehen zum Beispiel …“

„Ich habe nicht vor, meine Kleidung zu wechseln. Und ich brauche niemanden, der mir behilflich ist.“

Ausgerechnet in diesem Moment trat Mr. Harris ein. „Hervorragend. Bernet hat sich also bei Euch gemeldet.“

Vor Millies innerem Auge erschien die Schreckensvision, wie ihr der Kammerdiener die Perücke vom Kopf zog, woraufhin ihr das Haar über die Schultern herabfiel – verdammt, warum hatte sie es nicht kurz schneiden lassen! –, ihr anschließend das Hemd abstreifte und die fest gewickelte Leinenbinde entdeckte, die ihre Brüste flach an den Körper presste, und spätestens dann feststellte, dass sie eigentlich eine Zofe und keinen Kammerdiener brauchte.

„Mr. Harris, ich benötige niemanden, der mir zur Hand geht. Ich bin absolut in der Lage, mich selbst um mein persönliches Wohl zu kümmern. Um genau zu sein – ich bin es nicht anders gewohnt.“

„Selbstverständlich.“ Harris überreichte ihr einen Umschlag, in dem sich zweifellos die irrwitzig hohe Summe befand, die sie genannt hatte. „Aber solange Ihr Teil des herzoglichen Haushalts seid, besteht keine Notwendigkeit dazu. Außerdem konnte Bernet es kaum erwarten, eine Aufgabe im oberen Stockwerk übernehmen zu dürfen“, setzte der Butler augenzwinkernd hinzu, „und Ihr würdet ihn doch sicher nicht enttäuschen wollen.“

„Vielleicht könnte er sich um einen der anderen Gäste kümmern … Attendez!“ Bernet ging vor ihrem Koffer in die Hocke und wollte die Schnappschlösser öffnen. Millie konnte ihn gerade noch davon abhalten. „Ich habe meine sämtlichen Arzneien dort drinnen“, log sie atemlos. „Alles sehr empfindliche Substanzen. Ich muss sie unbedingt persönlich auspacken. Wirklich.“

Das schien den jungen Mann zu überzeugen. Er neigte den Kopf, erhob sich und trat zurück.

Millie hob das Kinn und schlug einen Ton an, den sie bei Philomena gehört hatte, wenn diese einen Diener entließ. „Das wäre dann im Moment alles, danke.“

„Très bien.“ Bernet verbeugte sich.

„Gebt mir bei Gelegenheit eine Aufstellung der Dinge, die Ihr für die Behandlung seiner Gnaden benötigt“, ließ Harris sich vernehmen. „Ansonsten müsst Ihr nur läuten, wenn Ihr etwas braucht, und wenn seine Gnaden Eure Dienste benötigen, wird Sacks es Euch wissen lassen.“

Sobald die Tür hinter den beiden zugefallen war, sank Millie vor ihrem Koffer auf die Knie, ließ die Schlösser aufschnappen und hob den Deckel. Sie wühlte sich durch die Hemden, Westen, Kniehosen und Männerstrümpfe, zerrte die Unterhemden heraus, die sie nie hätte behalten sollen, und schließlich die kleine Kassette mit den silbernen Ohrgehängen und den zwei farbenfrohen Schals, von denen sie sich nicht hatte trennen können. Sie hielt inne, ließ die Hand über die seidigen Stoffe gleiten, spielte mit den blauen Fransen an den Säumen und dachte an den großen Bazar von Konstantinopel, auf dem sie, Katherine, Philomena und India …

Die Schals waren ein unnötiger Luxus gewesen. Sie hatte sie nicht ein einziges Mal getragen.

Die eilig zusammengeknüllten Unterhemden und Schals in der Hand, eilte sie in das Schlafgemach, schlug die Draperien am Kopfende des Bettes zur Seite und stopfte alles unter die Matratze.

Bis sie ein besseres Versteck fand – also bis morgen, wenn eine Dienerin kam, um das Bett zu machen –, musste das genügen.

Und jetzt? Erwartete der Duke von ihr, dass sie sich wieder bei ihm meldete, oder sollte sie in ihren Gemächern bleiben, bis er sie rufen ließ? Würden seine Besucher irgendwann gehen? Und wenn, was dann?

Dann war er allein, gelangweilt und würde sich vermutlich andere Gesellschaft herbeiholen oder kurzentschlossen eine ärztliche Untersuchung verlangen. Sie berührte den Griff des Kurzschwertes an ihrer Hüfte. Was für ein Glück, dass diese Art Waffe zu den unverzichtbaren Accessoires eines modisch gekleideten Gentleman zählte. Aber was, wenn der Duke sich entschloss, sie des Nachts aufzusuchen, und in ihre Gemächer kam, wenn sie im Nachthemd im Bett lag …

Das durfte nicht passieren. Sie war nicht bereit, die Freiheit, die ihre Verkleidung ihr schenkte, so leicht aufzugeben, und wenn es bedeutete, dass sie nur vollständig angezogen schlief. Trotzdem …

Rasch lief sie zur Tür und sperrte sie zu. Dann fiel ihr ein, dass Winston bestimmt einen Schlüssel hatte.

Sie wirbelte herum. Ihr Blick glitt suchend durch den Raum. Die Tür hinter ihr führte hinaus auf den Korridor, die andere in ihr neues Schlafgemach, in dem sich eine weitere Tür befand, die sie sich noch genauer ansehen musste.

Rasch griff sie sich einen Stuhl, schob ihn vor die Tür, die nach draußen führte, und trat zurück. Für heute Nacht mochte diese Notlösung ausreichen, aber …

Misstrauisch beäugte sie das Kuriositätenkabinett. In einigen Stadthäusern gab es Geheimtüren, hatte sie gehört. Sie verbargen sich hinter Möbelfronten. Sorgfältig untersuchte sie die Vorderseite des Schranks nach irgendwelchen Anzeichen. Gedämpftes Gelächter drang an ihr Ohr. Stand Winstons Bett nicht genau hinter dieser Wand? Demnach war es eigentlich nicht möglich …

Doch, sicher. Das gesamte Haus konnte von einem Netz von Geheimgängen durchzogen sein, durch die seine Gnaden seinen nichts ahnenden Gästen Überraschungsbesuche abstatteten.

Millie griff sich einen anderen Stuhl, schob ihn vor das Kuriositätenkabinett und kletterte auf die Sitzfläche. Sacht, damit man es im angrenzenden Zimmer nicht hörte, klopfte sie gegen die Wandvertäfelung, die jedoch nicht hohl zu sein schien. Sie stieß gegen eine kleine Bronzefigur, die ihr im Weg war, und wollte sie zur Seite schieben, zuckte jedoch mitten in der Bewegung zurück, als sie erkannte, dass die Skulptur einen Mann darstellte, der sein Gesicht zwischen den Schenkeln einer …

Oh nein! Wie abstoßend.

Sie klopfte gegen eine andere Stelle der Vertäfelung. Klang sie hohl?

Statt der Bronze verrückte sie ein Porzellanpferd und klopfte gegen einen weiteren Teil der Wandverkleidung.

Hinter ihr räusperte sich jemand.

Sie wirbelte herum, verlor beinahe das Gleichgewicht und hielt sich an dem Kuriositätenkabinett fest, damit sie nicht stürzte. Der Duke stand im Türdurchgang ihres Schlafgemachs und musterte sie belustigt.

„Bitte.“ Er hob die Hand. „Lasst Euch von mir nicht stören.“

2. KAPITEL

Mr. Miles Germain schien mit sich zu ringen, ob er von seinem Stuhl herunterklettern sollte.

Ja, in der Tat, Winston hatte jemand Älteren erwartet. Außerdem einen Mann, und er hegte den starken Verdacht, dass Mr. Germain keiner war.

Offenbar hatte er Philomena nicht eingehend genug befragt.

Winston musterte seinen neuen Arzt – unscheinbare Gesichtszüge, nichts, was den Blick eines Mannes auf sich zog. Kein Hinweis auf Brüste. Ebenmäßige Lippen, schlichte, gerade Nase, ein rundes Kinn. Leicht geschwungene Brauen, dichte, nicht übermäßig lange, aber auch nicht zu kurze Wimpern. Alles zusammen, zumal in Kombination mit der bescheidenen Kleidung und der scheußlichen Zopfperücke, lieferte kaum Anhaltspunkte, die ihr Geschlecht verraten hätten.

Doch Winston hatte zu viele weibliche Kehlen von Nahem gesehen, als dass ihm die schön geschwungene Linie ihres Halses nicht aufgefallen wäre, als sie ihm die Schlinge gerichtet hatte.

Und dann war da noch Mr. Germains Ohr.

Ein kleines Ohr. Zierlich und zart. Mit einem winzigen, kaum erkennbaren Loch im Ohrläppchen. Was nichts bedeuten musste, wie Sir William Jaxburys Goldohrringe bewiesen – aber es war kein Männerohr.

„Mir ist einmal ein Schrank umgefallen“, sagte Mr. Germain in Winstons Gedanken hinein. „Einfach zu Boden gestürzt. Ganz schön gefährlich.“ Er – oder mit ziemlicher Sicherheit sie – sah ihm in die Augen.

Wie interessant.

Winstons Blick fiel auf den anderen Stuhl, der in dem unübersehbaren Versuch, jemandem – vermutlich ihm – den Eintritt zu verwehren, gegen die Tür des Ankleidezimmers gerückt worden war. „Ihr scheint auch Probleme mit plötzlich aufspringenden Türen zu haben, wie ich sehe.“

„Gelegentlich.“

Es erklärte, warum er nur durch das Schlafgemach hereingelangt war. „Wenn es Euch beruhigt, kann ich gern einen Tischler kommen lassen, der sich des Problems annimmt.“

„Das ist nicht nötig.“ Eine feine Linie erschien über ihrer Oberlippe – einer Oberlippe, die, genau betrachtet, ein wenig voller war, als man es gewöhnlich bei einem männlichen Vertreter der Ärztezunft erwarten würde.

„Mir liegt daran, dass Ihr Euch in meinem Haus rundum sicher fühlt, Mr. Germain.“

„Ich wüsste nicht, weshalb ich das nicht tun sollte“, erwiderte sie nüchtern und kletterte von ihrem Stuhl. Winston bedauerte, dass sie einen Justaucorps trug. Ein Blick auf ihr Hinterteil hätte ihm den Beweis geliefert.

„Wenn es meine Gäste sind, die Euch Sorgen bereiten – eine einfache Drehung des Schlüssels hält unwillkommene Besucher wirkungsvoll auf Abstand.“

„Im Augenblick gilt meine einzige Sorge Eurer Gesundheit, Euer Gnaden, und ich glaube nicht, dass langes Stehen der Genesung dienlich ist. Daher würde ich eine rasche Rückkehr ins Bett empfehlen.“

„Ich bin kein Pflegefall.“

„So scheint es.“

Er hatte sie verärgert. Wie verblüffend. Obwohl er jetzt, da er hier stand, wünschte, er würde besser in seinem Bett liegen. Die Platzwunde an seinem Oberschenkel pochte, und es tat teuflisch weh, wenn er sein Gewicht auf das lädierte Bein verlagerte. Und sein Rücken fühlte sich an, als stochere jemand mit einem Messer darin herum.

„Wann hattet Ihr geplant, nach Griechenland aufzubrechen?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Keine Ahnung.“ Er lehnte sich gegen den Türpfosten, um das linke Bein zu entlasten. „Ich habe es nicht besonders eilig. Und natürlich hängt es teilweise davon ab, wie Ihr meine Reisefähigkeit einstuft.“

„Angesichts Eurer Beweglichkeit gehe ich davon aus, dass Ihr sehr bald wieder genesen seid“, versetzte sie eine Spur zu rasch.

Er hob eine Braue. „Man könnte glauben, Ihr hättet ein Interesse daran, so schnell wie möglich abzureisen. Gefällt Euch Paris nicht? Wenn Ihr wollt, mache ich Euch ein paar Vorschläge, wie Ihr Euch zerstreuen könnt, solange wir noch hier sind.“

„Das ist nicht nötig.“

„Seid Ihr sicher? Es gibt jede Menge Orte, an denen Ihr Euch vergnügen könnt. Eine hübsche Orgie ab und zu schätzt Ihr doch sicher auch, Mr. Germain, oder etwa nicht?“

Abermals erschien die feine Linie über ihrer Oberlippe, und sie warf ihm einen ausgesprochen missbilligenden Blick zu. „Ich bin in einem Beruf tätig, bei dem es darum geht, keinerlei Ansteckung zu riskieren, Euer Gnaden.“

Winston lachte. „Es gibt Möglichkeiten, das zu vermeiden. Man muss nur die richtigen Vorkehrungen treffen. Auf diesem Gebiet seid Ihr doch sicher versiert, oder nicht?“

Die Linie oberhalb ihrer Lippe vertiefte sich.

„Ich habe genug damit zu tun, mich um Eure Genesung zu kümmern. Nach allem, was mir zu Ohren kam, hattet Ihr außerordentliches Glück, dass die Verletzungen nicht schlimmer waren.“

Winston dachte an den Unfall und verspürte ein kurzes heftiges, stechendes Gefühl in seinem Brustkorb. „Wahrhaftig. Außerordentliches Glück.“

Vor seinem inneren Auge erschien das Bild des Mannes, der nicht so viel Glück gehabt hatte wie er und nur wenige Schritte entfernt gestorben war. Sie hatten beide auf der Straße gelegen, und sein Blut hatte sich um Winstons Finger gesammelt.

Sie zog die Brauen zusammen. „Ist etwas?“

„Nein, nichts.“ Höchstens dass er nicht über den Unfall reden wollte. „Das heißt, wenn man außer Acht lässt, dass ich meinen Arm nicht benutzen kann und dass meine Schulter höllisch wehtut und ich etliche schlimme Platzwunden habe. Wovon Ihr Euch bei der nächsten Untersuchung überzeugen könnt.“ Einer Untersuchung, die sie, wie man ihrem Auftreten in seinem Schlafgemach entnehmen konnte, ohne zu zögern durchführen würde.

Was für eine pikante Situation!

„Sicher“, pflichtete sie ihm nüchtern bei.

Er konnte sich nicht zurückhalten. Mit seinem unverletzten Arm wies er auf den Sessel beim Fenster. „Vielleicht möchtet Ihr sie jetzt gleich vornehmen?“

Ein Ausdruck von Ablehnung glomm in ihren Augen auf. „Ich habe meine Instrumente noch nicht ausgepackt.“

„Allmächtiger! Ich hoffe, für eine simple Untersuchung sind keine Instrumente vonnöten.“

„Nun … ja.“ Sie klang zweifelnd. „Hoffentlich nicht. Aber ich weiß nicht, was ich vorfinden werde. Ich ziehe es jedenfalls vor, meine Schere und die Pinzetten bereitliegen zu haben sowie auch mein Skalpell …“

„Skalpell!“

Sie musterte ihn, als wäre er beschränkt. „Ich muss auf alles vorbereitet sein, um angemessen darauf reagieren zu können. Und deshalb will ich lieber warten, bis ich den Vorrat an Gaze und Verbandmaterial und Wundpflastern habe, den zu besorgen ich Harris bat. Für den Fall, dass ich eine Operation für notwendig erachte. Und selbst wenn nicht, Eure Wunden müssen frisch verbunden werden, und sei es nur, um eine geeignetere Salbe aufzubringen als Terpentinöl.“

„Ihr seid sehr … gründlich.“

„Euer Gnaden, wenn Ihr von Mörtel und Steinen getroffen wurdet, kann es sein, dass die Wunden verunreinigt sind und dies dem Chirurgen, der Euch zuvor behandelt hat, entging. Angesichts der Tatsache, dass Ihr aufstehen könnt und kein Fieber habt, gehe ich davon aus, dass alles ordnungsgemäß verheilt. Aber erst wenn ich mich vergewissern konnte, wo die Steine Euch getroffen und welchen Schaden sie angerichtet haben, werde ich in der Lage sein, genau zu …“

„Ich verstehe, was Ihr mir sagen wollt, Mr. Germain.“ Winston hatte genug. Ungeduldig stieß er sich vom Türrahmen ab, und ein heftiger Schmerz schoss ihm von der Schulter in die linke Gesäßhälfte.

„Selbstverständlich verschieben wir die Untersuchung.“ Er machte eine Verbeugung. „Bis später also.“

Als er seine Gemächer betrat, schmerzte sein ganzer Körper. Er war versucht, alle vor die Tür zu setzen und schlafen zu gehen.

Stattdessen ließ er sich auf sein Bett fallen und widersprach einer lächerlichen Behauptung Favreaus, die dieser in einer politischen Frage von sich gegeben hatte, lachte schallend über einen Witz seines Freundes Perry, der am Kartentisch saß, und bat Seville aus dem Ankleidezimmer zu sich, um ihn zu fragen, ob Linton schon in Paris eingetroffen war.

„Ziemlich junges Gemüse, der Doktor, was?“ Perry erhob sich vom Kartentisch und kam zum Bett. „Er wäre was für Kern, weißt du. Der steht ja auf junge Burschen.“

„Wenn Kern mir meinen Arzt abzulenken versucht, kriegt er es mit mir zu tun.“ Abgesehen davon, dass der Mann schwer enttäuscht wäre zu entdecken, dass die Ausbuchtung an der Vorderseite von Mr. Germains Kniehose eine Attrappe war. Winston grinste in sich hinein, als er sich die Situation vorstellte.

Seine Ärztin schien keine Brüste zu haben, dafür aber ein verdammt ansehnliches Gemächt.

In diesem Moment trat Harris an sein Bett und beugte sich zu ihm. „Sie wurde gefunden, Euer Gnaden.“

Der Raum vor seinen Augen schien zu verschwimmen. Winston konzentrierte seine gesamte Aufmerksamkeit auf den Butler. „Wo?“

„In einer Kate am Stadtrand.“ Harris zögerte. „Es sind fünf Kinder, soweit ich herausfinden konnte.“

„Seid Ihr sicher?“

„Der Informant ist verlässlich.“

Eine Witwe mit fünf Kindern. Winston rieb sich den Nacken. „Lasst ihnen hundert Pfund zukommen – nein“, korrigierte er rasch, „fünfhundert.“

„Sehr wohl, Euer Gnaden. Ich werde mich umgehend darum kümmern.“

Winston atmete aus. Er ließ sich in die Kissen zurücksinken und schloss die Augen, doch auf diese Weise sah er das Gesicht nur umso deutlicher vor sich. Blicklos starrte die Frau ihn an, während der Tote dalag, den Schädel zertrümmert von einem Stück Mauerwerk, das genauso gut ihn selber hätte treffen können. Noch immer klangen ihm die Schreie in den Ohren, und noch immer hallte der Schock des schrecklichen Augenblicks in ihm nach.

Er spürte, wie ihm die Hand einer Frau über die Brust strich. „Ça va?“

Das Parfüm der Kurtisane stieg ihm in die Nase und verursachte ihm Übelkeit. Er schlug die Augen auf und ließ seinen Finger träge über ihren Ausschnitt wandern. „Oui.“

Sie lächelte und glitt neben ihn auf das Bett.

Alles war in Ordnung. Oder würde es sein, sobald er seine Reise nach Griechenland antrat. Er stellte sich den berauschenden Geschmack des griechischen Weins vor, die noch viel berauschendere Schönheit der griechischen Frauen, und verlor sich in den erotischen Fantasien, die er mit ihnen gedachte, Wirklichkeit werden zu lassen.

Du hast geschworen, dem allem ein Ende zu setzen.

So war es. Das war die andere Sache, die ihn seit dieser Katastrophe nicht mehr losließ: das Versprechen, sich zu bessern, das er sich selbst gegeben hatte. Lieber Himmel, auf die Art würde er noch genau der Mann werden, den Edward so gern aus ihm machen wollte! Der Schwur hatte sein Gehirn fast zum Bersten gebracht, während er dagelegen und unsägliche Schmerzen gelitten hatte und Menschen hektisch um ihn herumgeschwirrt und weitere Stücke Mauerwerk von der verdammten Fassade abgebrochen und heruntergestürzt waren.

So lange er lebte, würde er das Poltern der Steine wenige Zoll neben seinem Schädel nicht vergessen.

Er zwang sich zu lächeln, als Hélène sich zu Marie auf die Bettkante gesellte, und machte ein paar schlüpfrige Bemerkungen, während er gleichzeitig mehrere Möglichkeiten der Zerstreuung mit ihnen erwog.

Doch stattdessen sagte er ihnen, dass er Schmerzen habe. Erklärte seinen Gästen, dass er ruhen müsse. Wies Harris an, keine Besucher mehr vorzulassen.

Binnen zehn Minuten hatten sich seine Gemächer geleert. Und er lag in seinem Bett, war gereizt und wünschte sich seine Gesellschaft zurück.

Wie lächerlich! Absolut lächerlich! Es handelte sich um einen Unfall, der jeden hätte treffen können. Das herabstürzende Mauerwerk war gewiss kein Zeichen des Himmels. Und erst recht nicht die Strafe Gottes für Winstons Leben. Die Gefahr, in der er geschwebt hatte, ließ ihn Gespenster sehen. Das war alles.

Er hatte einen Schwur getan wie Seeleute, wenn sie in einen schweren Sturm gerieten. Die Sorte Schwur, die Soldaten auf dem Schlachtfeld ablegten.

Nicht die Sorte Versprechen also, die ein Mann halten musste.

Alles andere war Aberglaube, und wenn sein bester Freund ihn noch so ernst ermahnte. Was nicht überraschte angesichts der Tatsache, dass Edward Pfarrer war und somit ein Mensch, von dem man nicht erwarten konnte, dass er viel über das wirkliche Leben wusste – über die unverbindlichen Vergnügungen, die es überhaupt erst lebenswert machten.

Kehre um, Winston! Das war es, was Edward seit ihrer Schulzeit zu ihm zu sagen pflegte. Allmächtiger, was sollte das überhaupt heißen?

Nur ein Heiliger würde Edwards Ansprüchen genügen.

Er sollte Harris anweisen, seine Gesellschaft zurückzurufen. Augenblicklich, ehe er seine Meinung änderte.

Stattdessen rief er Sacks. „Holt Mr. Germain“, verlangte er gereizt. „Er soll meine Verbände überprüfen.“

Als der Kammerdiener des Duke zu ihr kam und ihr mitteilte, seine Gnaden wolle sie sehen, war Millie bereits zu dem Schluss gelangt, dass es einfach sein würde, Winston für den Rest ihres Dienstverhältnisses gefügig zu halten, wenn schon die Erwähnung eines Skalpells reichte, um ihn zurückzucken zu lassen.

Mr. Sacks war ein kleiner bulliger Mann mit riesigen Pranken und buschigen dunklen Brauen. Er stand reglos wartend im Türdurchgang, während sie ihre Arzttasche holte. Dann ging er ihr voraus zu den Räumen des Duke.

In denen niemand sonst als er selbst sich aufhielt. Millie konnte es kaum fassen.

„Mr. Germain, Euer Gnaden“, kündigte Mr. Sacks sie überflüssigerweise an.

„Schön.“ Ein Glas mit irgendetwas Alkoholischem in der Hand, lag Winston gegen einen Berg Kissen zurückgelehnt. Der Saum seines Hemdes reichte ihm kaum über die Hälfte der Oberschenkel. „Das wäre dann alles, Sacks“, setzte er lächelnd hinzu.

Der Kammerdiener zog sich zurück. Millie knallte ihre Arzttasche auf den Kartentisch beim Fenster und rief sich in Erinnerung, dass der Duke sich in nichts von den Matrosen unterschied, die sie an Bord der „Possession“ behandelt hatte. Er war nicht schlechter, aber auch nicht besser.

„Ein paar Platzwunden und ein unbeweglicher Arm, der jedoch nicht gebrochen ist“, fasste sie knapp den Inhalt ihrer ersten Unterhaltung zusammen und wühlte in ihrer Tasche nach weiß der Himmel was herum, nur um das Unvermeidliche einen Moment aufschieben zu können. „Sind das all Eure Beschwerden?“

„Kaum“, hörte sie seine vom Cognac raue Stimme vom Bett her. „Unter anderem finde ich keine einzige bequeme Stellung beim Beischlaf.“

Sie erstarrte nur für den Bruchteil einer Sekunde. Und dafür hätte sie einen Orden verdient gehabt.

„Ich nehme an, in Eurer Verfassung gibt es auch keine einzige bequeme Möglichkeit zu essen, zu schlafen, sich zu entleeren oder irgendeiner anderen körperlichen Betätigung nachzugehen“, versetzte sie nüchtern. Wenn er glaubte, den jungen Miles Germain mit Anspielungen auf seine Exzesse in Verlegenheit bringen zu können, würde sie ihn eines Besseren belehren. „Aber ich fragte nach Euren Verletzungen, Euer Gnaden.“

„Vergebt mir. Als Ihr von Beschwerden spracht, kam mir als Erstes mein größter Kummer zu Bewusstsein.“

„So sollte es sein.“ Es konnte kaum überraschen, dass das Stillen seiner Gelüste ihm wichtiger war als ein unbeweglicher Arm. Sie drehte sich zu ihm um.

„Schlimm genug, dass die Frauen zwei Brüste haben und ich nur eine gesunde Hand“, fuhr er fort, sich zu beklagen.

Sie ging zum Bett und lächelte schmallippig, weil sie wusste, dass Männer solche idiotischen Bemerkungen nun einmal witzig fanden. Wenn sie ihn nicht weiter ermutigte, würde er vielleicht aufhören mit seinem lasterhaften Geschwätz über Beischlaf und Brüste.

Sein linkes Bein hatte schlimme Prellungen abbekommen. Die Blutergüsse leuchteten schwarz und blau, und an zwei Stellen waren Verbände angebracht.

Sie hatte geglaubt, ohne seine imposante Kleidung würde er weniger mächtig wirken.

Er hob das Glas an seine Lippen. „Aber natürlich kann man mit einer Brust und seinem Mund auch einiges anfangen.“

Und, nein, er hörte nicht auf mit seinen anzüglichen Bemerkungen! Denn natürlich glaubte er, sie sei ein Mann, und wenn Männer unter sich waren, fand schlüpfriges Gerede nie ein Ende.

„Es ist ein Wunder, dass Eure Verletzungen Euch nicht davon abhalten konnten, Eure Gesellschaft zu genießen“, erwiderte sie in möglichst nichtssagendem Ton.

„Gleichwohl standen sie einem wirklich umfassenden Genuss im Wege, wenn Ihr wisst, was ich meine, Mr. Germain.“

„Absolut, Euer Gnaden. Aber mir braucht Ihr nichts vorzumachen.“

„Sprach ich davon, Euch etwas vorzumachen?“

„Der Körper kann nicht in der gewohnten Stärke auf Reize reagieren, wenn er seine Kräfte für die Heilung braucht. Macht Euch indes keine Sorgen. In dem Maß, wie die Genesung fortschreitet, werdet Ihr Eure gewohnte Ausdauer beim Beischlaf wiedererlangen.“

„Oh, Ihr habt mich missverstanden, Mr. Germain. Ich klage nicht über mangelnde Ausdauer.“

Sie hob eine Braue, so, als würde ihr etwas klar. „Ach so. Ich verstehe.“

„Schön.“

„In dem Fall werde ich umgehend eine Tinktur zubereiten, mit der das Organ möglichst häufig behandelt werden sollte – vielleicht sogar in Form eines Umschlags und eines unterstützenden Verbandes –, dazu eine gesunde Lebensweise, dann wird sich die Sache schon wieder einrenken …“

„Mr. Germain, das ist nicht das Problem.“

„Es muss Euch nicht peinlich sein. Und ich kann Euch beruhigen, dass ich außerordentlich vorsichtig zu Werke gehen werde, wenn es erforderlich sein sollte, zu schneiden.“

„Ihr werdet meinem besten Stück mit Eurem Skalpell nicht nahe kommen. Ist das klar, Mr. Germain?“

Sie musste sich ein Lächeln verkneifen. „Oh. Selbstverständlich.“

„Und für ein Einrenken besteht keinerlei Anlass. Auch nicht fürs … Schneiden.“

„Ich verlasse mich auf Euer Wort, Euer Gnaden. Und Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass nicht eine Silbe dieser Unterhaltung nach außen dringt. Wir werden einfach so tun, als habe das Thema nie Erwähnung gefunden.“

„Es hat keine Erwähnung gefunden“, erwiderte er verdrießlich.

„So ist es.“ Sie fuhr fort mit ihrer Untersuchung und kam ihm so nahe, dass ihr der würzige, moschusartige Geruch seiner Haut in die Nase stieg und sie seinen Atem auf ihrer Wange spürte, als sie sich vorbeugte, um abermals seine Schlinge zu richten. Und plötzlich war da wieder die eigentümliche Empfindung – eine stumme Reaktion auf ihn, ein Aufwallen in ihren ureigensten Tiefen. Langsam holte sie Atem, doch statt sich zu beruhigen, füllte sich ihre Nase nur noch mehr mit seinem Duft.

„Es ist ein Wunder, dass Ihr Euch nichts gebrochen habt.“ Angestrengt konzentrierte sie sich auf seine Schulter.

Sie konnte spüren, wie er mit sich rang, ob er darauf beharren sollte, weiter über den Zustand seiner Männlichkeit zu sprechen. „Ein Wunder in der Tat“, erwiderte er schließlich knapp.

„Ich fürchte, ich muss mir die Wunden ansehen.“ Sie trat vom Bett zurück, damit er sich aufsetzen und sein Hemd ausziehen konnte.

Er würde nackt sein.

Ein Männerkörper ist genau wie der andere. Auf der Possession hatte sie wahrhaftig genug Männer behandelt.

Er drehte sich zur Seite, um sein Glas auf dem Nachttisch abzusetzen, und der Saum seines Hemdes rutschte auf den muskulösen Oberschenkeln nach oben. Plötzlich überlief Millie ein prickelnder Schauer, und sie wandte sich zu ihrer Arzttasche um. Und dann, ehe sie noch begriff, was er vorhatte, schwang er seine Beine über die Bettkante und stand auf. Er drehte ihr den Rücken zu. Fasste mit der gesunden Hand nach seinem Hemd, zog es hoch und enthüllte ein Paar feste Hinterbacken.

„Mr. Germain …“

„Ja, natürlich.“ Sie riss den Blick los von der Stelle, zu der er ohnehin nicht hätte wandern sollen, und half Winston, sein Hemd abzustreifen. Das halbe Dutzend Wunden auf der linken Seite seines Rückens und der Hinterseite seines linken Oberschenkels war verbunden. Sein Oberkörper war praktisch vollständig mit Verbänden und Pflastern versehen, die die Kompressen an Ort und Stelle hielten, und da, wo die Haut nicht bedeckt war, wies sie schlimme Prellungen auf.

Grundgütiger!

Vorsichtig hob Millie den Verband auf seinem Rücken etwas an. Als sie die gezackte Wunde darunter sah, zog sie geräuschvoll den Atem ein. Er musste schreckliche Schmerzen haben! Vorsichtig untersuchte sie die anderen Wunden. Gott sei Dank war die erste die schlimmste gewesen. „Es ist ein Wunder, dass Euch nichts am Kopf oder im Nacken getroffen hat“, sagte sie ernster, als sie beabsichtigt hatte, und spürte, wie er sich anspannte.

Sacht berührte sie seine Haut und hörte, wie er zischend einatmete. „Wie lange, schätzt Ihr, wird es dauern, bis ich vollständig genesen bin?“, fragte er nach einem Moment.

„Einige Wochen sicher.“

„Wochen! Was könnt Ihr mir geben, das den Prozess beschleunigt?“

„Die Heilung wird die Zeit brauchen, die sie nun einmal braucht, fürchte ich.“ Es sei denn, die Wunden begannen zu eitern und er bekam erneut Fieber.

Sie hielt sein Hemd vor sich wie einen Schutzschild, ging um ihn herum und reckte sich, um ihm die freie Hand auf die Stirn zu legen. „Fühlt Ihr Euch erhitzt? Irgendwelche Anzeichen, dass Ihr wieder Fieber bekommt?“

„Nicht dass ich wüsste.“

Sie ließ die Hand sinken. Erst jetzt wurde sie sich seines bloßen Brustkorbs mit der dichten dunklen Behaarung und seiner unbekleideten Hüften, die zu beiden Seiten des schlaff von ihrer Faust herunterhängenden Hemdes sichtbar waren, bewusst.

Sie sah ihm in die Augen. „Wann wurdet Ihr das letzte Mal zur Ader gelassen?“

„Allmächtiger! Gestern.“

„Hm.“ Vielleicht sollte sie einen weiteren Aderlass vornehmen, nur um sicherzugehen. Aber wenn er erst gestern …

Sie trat hinter ihn, roch an den Pflastern. Ja, Terpentinöl, sie war ganz sicher. „Ich würde gern die Wundpflaster erneuern, wie ich schon ankündigte. Dazu muss ich erst frisches Verbandmaterial vorbereiten, aber das dauert nicht lange.“ Sie strich über einen Gazeverband auf seinem unteren Rücken und hörte ihn scharf einatmen.

Erschrocken zog sie die Hand zurück und spürte, wie ihr ein prickelnder Schauer den Arm hinauflief.

Er streckte die Hand nach hinten aus. „Mein Hemd.“

Sie gab es ihm. Half ihm, es überzustreifen, als er es mit einem Arm nicht schaffte. Ihr immer noch den Rücken zuwendend, trat er an den Nachttisch und griff nach seinem Glas.

„Kümmert Euch um das Verbandmaterial“, befahl er knapp. „Ich halte mich bereit.“

Und wenn sie wiederkam, würde seine Erregung hoffentlich abgeklungen sein und sein Körper sich unter dem Einfluss des Alkohols, den er brauchte, damit er den Verbandwechsel aushielt, beruhigt haben.

Winston sah an sich hinunter, sah die beachtliche Ausbeulung seines Hemdes und kippte angewidert einen weiteren Schluck Cognac hinunter. Die schönen Frauen hatte er fortgeschickt, also nahm sein Körper anscheinend vorlieb mit dem, was übrig war.

Und was war übrig? Ein weibliches Mitglied der Ärztezunft, dessen Wangen sich bei der Untersuchung verräterisch gerötet hatten, dessen Blick seine Leistengegend angestrengt gemieden hatte und bei dessen schlanken, geschickten Fingern er sich nur zu gut vorstellen konnte, wie sie sich um den harten Beweis seiner Erregung schlossen.

Oder um das Heft eines Skalpells. Heiliger Himmel!

Es wäre das Beste, wenn er sie entließ. Heute noch, ehe sie ernsthaften Schaden anrichtete.

Aber er konnte nicht verhehlen, dass er ihre Methoden der des Pariser Quacksalbers vorzog, bei dessen grobem Vorgehen er fast ohnmächtig geworden war vor Schmerz. Und irgendetwas an ihrem Ton sagte ihm, dass, wie auch immer sie seine Verletzungen zu behandeln gedachte, eine heilsame Wirkung nicht ausbleiben würde.

Miss Miles Germain würde bleiben. Er würde sie nach Griechenland mitnehmen, sich vielleicht sogar weiterhin auf ihre Kosten amüsieren. Aber er wollte verdammt sein, wenn er sie noch jemals in die Nähe seiner Männlichkeit ließ.

3. KAPITEL

Es sieht ihm überhaupt nicht ähnlich, müsst Ihr wissen.“ Rasch trank Harris einen Schluck Wein, dann ließ er sich in den Sessel fallen und sah Millie dabei zu, wie sie ihre medizinischen Utensilien in einer Kommode unterbrachte, deren Inhalt sie zuvor in die unteren Fächer des Bücherschranks eingeräumt hatte. „Gar nicht ähnlich sieht es ihm“, bekräftigte er murmelnd und setzte nach einem Moment hinzu: „Und das beunruhigt mich, wie ich gestehen muss.“ Er streckte die Beine aus und kreuzte die Fußgelenke. „Und dann seid auch noch Ihr im Obergeschoss. Ich wünschte, er hätte mich dahin befohlen. Das würde es mir viel leichter machen, die vorteilhaften Begleiterscheinungen zu nutzen.“

Es war nicht schwer, sich vorzustellen, worin diese vorteilhaften Begleiterscheinungen bestanden.

Sacks, der Kammerdiener des Duke, schenkte sich Wein nach. „Seid Ihr sicher, dass er tatsächlich keine Besucher gesagt hat?“, fragte er stirnrunzelnd.

Keine Besucher“, erwiderte Harris mit Nachdruck. Er trank einen Schluck und runzelte die Stirn. „Was mag er sich dabei denken?“

„Ach, wartet nur, bis diese Prinzessin vorspricht. Ich wette zehn zu eins, seine Gnaden würden …“

Keine. Er sagte, keine Ausnahme.“

Millie sortierte ihre neuen Mullbinden. Anscheinend nahm Winston ihre Anweisungen endlich ernst. Er hatte anständige Kleidung getragen, als sie wiedergekommen war, um die Verbände zu wechseln – jedenfalls soweit es praktisch war, wenn man bedachte, dass er sich wieder beinahe komplett hatte ausziehen müssen, damit sie tätig werden konnte –, und das Thema Beischlaf war nicht mehr erwähnt worden. Genau genommen hatte er fast überhaupt nichts mehr gesagt.

Auch war er kaum zusammengezuckt bei der Untersuchung. Sie hatte ihn nur ein paar Mal Luft durch die Zähne ziehen hören, als es sehr schmerzhaft gewesen war.

„Vielleicht hat er einfach nur vor zu ruhen“, sagte sie über die Schulter. „Seine Verletzungen sind ziemlich ernst, und sie werden einige Zeit brauchen, um abzuheilen. Ich habe ihm jedenfalls empfohlen, Aktivitäten einstweilen möglichst sein zu lassen.“

„Und keinen Besuch zu empfangen?“ Harris setzte sich gerade. „Du lieber Himmel, wollt Ihr uns ins Irrenhaus treiben?“

„Ihr müsst wissen“, Sacks stellte sein Glas ab und schlenderte zu der Nische, in der der Nachttopf stand. „Es sind nicht einfach nur die Verletzungen. Er ist nicht mehr derselbe seit dem Unfall.“

Als Sacks seine Hose aufzuknöpfen begann, wandte Millie sich ihren Arzneien zu.

„Wenn seine Gnaden nicht mehr derselbe sind, hat das zwangsläufig auch Auswirkungen auf uns“, meldete sich Harris mürrisch zu Wort.

Sacks entwich ein Geräusch, als er seine Hose in Ordnung brachte. „Weil uns die vorteilhaften Begleiterscheinungen entgehen“, wandte er sich an Millie. „Deshalb müsst Ihr ihn so schnell wie möglich gesund machen.“

Als ob das so einfach wäre. „Ich bin kein Wunderheiler“, gab sie den beiden zu bedenken.

„Es war das, was Ihr ihm von der Witwe berichtet habt, Harris. Seitdem ist er so“, beschuldigte Sacks den Butler plötzlich.

„Wie hätte ich ihm die Neuigkeit vorenthalten sollen?“ Harris klang gereizt.

„Welche Witwe?“, fragte Millie neugierig.

„Die Frau des Burschen, der bei dem Unfall starb“, klärte Sacks sie auf. „Seine Gnaden fragen immer wieder nach ihr. Heute erfuhr er, wo sie lebt … mit ihren fünf Kindern.“ Der Kammerdiener schüttelte den Kopf. „Ein Jammer.“ Er wandte sich zu Harris. „Es wäre besser gewesen, ein, zwei Tage abzuwarten.“

„Die Beerdigung ist morgen.“

„Er kann ohnehin nicht daran teilnehmen.“

„Wie hätten wir das alles wissen sollen?“, erwiderte Harris schnippisch. „Heute Nachmittag ließ er ihr fünfhundert Pfund bringen.“

„Fünfhundert Pfund!“ Beinahe hätte Millie eine Phiole mit Leinsamenöl umgestoßen.

„Seine Gnaden scheinen besessen zu sein von dem Unfall.“ Sacks rieb sich das Kinn. „Und jetzt auch noch von der Witwe und den Kindern. Wenn Ihr mich fragt, ist das seiner Gesundung nicht zuträglich. Was, wenn er entscheidet, doch zu der Beerdigung zu gehen?“

„Seine Gnaden werden dem Begräbnis eines einfachen Buchhalters nicht beiwohnen“, beschied Harris gereizt. Mit seinem Glas deutete er in Richtung Millie. „Ihr müsst ihm jede Betätigung, die seinen Genesungsprozess in die Länge zieht, untersagen.“

„Und alles tun, damit er wieder er selbst wird“, pflichtete Sacks eifrig bei. „Denn dann könnt Ihr in diesen Räumlichkeiten mit ein paar höchst interessanten Zerstreuungen rechnen.“

„Ich habe nicht das geringste …“ Millie unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, hob eine Braue und setzte einen, wie sie hoffte, halbwegs interessierten Gesichtsausdruck auf.

„Und wegen der Gefahren braucht Ihr Euch auch keine Sorgen zu machen. Seht einfach in der Schublade dieses Tischchens dort nach.“ Mit dem Kinn wies der Kammerdiener auf einen zierlichen Wandtisch und grinste. „Na los, macht schon! Für den Fall, dass die Unterhaltungen seiner Gnaden sich praktischerweise auf die angrenzenden Räumlichkeiten ausweiten, findet Ihr darin alles, was Ihr für Eure Sicherheit braucht.“

Millie zog die Lade auf und hob den Deckel des schmalen Etuis, das …

Ein Kondom enthielt. Für das Organ, das sie nicht besaß.

Sie zuckte zurück, ehe sie es vermeiden konnte, und warf einen Blick über die Schulter. Sacks grinste sie an.

„Ich habe fast das Gefühl, unser junger Doktor ist noch Jungfrau.“

Allmächtiger – sie durfte unter keinen Umständen riskieren, dass die beiden das von ihr annahmen! „Macht Euch nicht lächerlich“, gab sie gleichmütig zurück und richtete den Blick zur Sicherheit noch einmal auf das Präservativ aus Tierdarm. „Ich war nur überrascht, sonst gar nichts.“ Schmunzelnd ließ sie den Deckel zuschnappen und schloss die Schublade. „Verbindlichsten Dank, die Herren.“

Autor

Alison De Laine
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