Gnadenloser Tod - drei Thriller von Erica Spindler

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SPIEL MIT DEM TOD
Ein neues Internet-Spiel von dem genialen Macher Leonardo Noble zieht alle Fantasy-Fans in seinen Bann. Doch der Einsatz von "The White Rabbit" ist hoch: Wer dem aufregenden Abenteuer mit der Hauptfigur Alice verfällt, riskiert sein Leben.
Zwei Morde wurden in New Orleans bereits begangen. Jetzt arbeiten Stacy Killian und Detective Spencer Malone eng zusammen. Alles weist auf einen wahnsinnigen Täter hin, der in dieser tödlichen Märchenwelt nicht länger zwischen Wirklichkeit und Schein unterscheiden kann ...


DER ENGELMÖRDER
Kitt Lindgren hat eine schwere Zeit hinter sich, als ihr nach fünf Jahren die Dienstmarke zurückgegeben wird: Eine unaufgeklärte Mordserie an jungen Mädchen hatte die Polizistin an den Rand ihrer psychischen Belastbarkeit gebracht. Der Alkohol trieb sie an den sozialen Abgrund. Kaum aber hat sie ihr Leben wieder im Griff - da beginnt das Grauen von neuem. Kitts ambitionierte Kollegin glaubt an die Rückkehr des Killers, Kitt dagegen ist überzeugt, dass jemand anderes seine blutigen Verbrechen nachahmt. Aber wer? Und warum? Erneut wird Kitt auf eine harte Probe gestellt und verfolgt bei ihren Ermittlungen eine Spur, die näher an ihr eigenes Leben heranführt, als sie es sich in ihren dunkelsten Albträumen vorgestellt hat.


TOTE STILLE
Gerade erst hat ein Hurrikan die Stadt verwüstet, da macht die Polizei von New Orleans eine grausige Entdeckung: In einem alten Kühlschrank liegen sechs rechte Frauenhände. Wer hat die kranke Tat begangen? Alles weist auf den Handyman hin: ein Serienkiller, der auch Captain Patti O’Shays Ehemann auf dem Gewissen hat. Ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Patti muss dem Wahnsinnigen das Handwerk legen, ehe sie sein nächstes Opfer wird...
  • Erscheinungstag 10.12.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783955765200
  • Seitenanzahl 1424
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Erica Spindler

Gnadenloser Tod - drei Thriller von Erica Spindler

1. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

1:30 Uhr

New Orleans, Louisiana

Stacy Killian öffnete die Augen, plötzlich hellwach. Wieder war das Knallen zu hören.

Pistolenschüsse.

Sie richtete sich auf, schwang die Beine über die Bettkante und nahm ihre Pistole aus der Schub lade des Nachttisches. Zehn Jahre Polizeidienst hatten sie darauf programmiert, blitzschnell auf dieses spezielle Geräusch zu reagieren.

Stacy ging zum Fenster und stellte sich hinter den Vorhang. Der Mond beleuchtete den Garten. Dürre Bäume, die Hundehütte, doch nirgends war Caesar, der Labrador-Welpe ihrer Nachbarin Cassie, zu sehen.

Kein Laut. Keine Bewegung.

Barfuß schlich sie mit erhobener Waffe ins angrenzende Arbeitszimmer. Stacy wandte sich schnell nach links, dann nach rechts, nahm jedes Detail wahr: die Stapel von Sachbüchern für das Referat, das sie über Shelleys „Mont Blanc“ vorbereitete, ihr aufgeklappter Laptop, die halb ausgetrunkene Flasche mit dem billigen Rotwein. Die Schatten. Die tiefe Dunkelheit. Die Stille.

Alles war wie immer. Das Geräusch, das sie geweckt hatte, war also nicht aus ihrer Wohnung gekommen.

Sie öffnete die Eingangstür, ging auf die Veranda hinaus und erschauerte in der kühlen, feuchten Nachtluft. Das morsche Holz knarrte unter ihren Füßen.

Die Nachbarn schienen zu schlafen. Aus einigen vereinzelten Fenstern fiel Licht, ein paar Terrassen waren beleuchtet. Plötzlich schepperte ganz in der Nähe ein umstürzender Müllcontainer. Kurz darauf Lachen. Wahrscheinlich Teenager, die sich in der städtischen Variante des Bullenreitens übten.

Sie runzelte die Stirn. War sie womöglich durch dieses Geräusch geweckt worden? Und hatte es im Halbschlaf und durch ihre etwas eingerosteten Instinkte falsch interpretiert?

Vor einem Jahr hätte sie diese Zweifel nie gehabt. Aber vor einem Jahr war sie noch Polizistin gewesen, Kriminalbeamtin beim Morddezernat in Dallas. Als sie noch nicht verraten worden war, eine Erfahrung, die ihr nicht nur das Selbstvertrauen geraubt, sondern sie auch gezwungen hatte, endlich gegen die Unzufriedenheit anzukämpfen.

Stacy streifte ihre verschmutzten Garten-Clogs über, die sie auf einem Regal neben der Tür aufbewahrte. Dann ging sie über die Veranda und stieg die Stufen hinunter in den Vorgarten.

Ihre Hände zitterten. Sie kämpfte gegen die Panik an, die Situation nicht richtig einschätzen zu können. Das war bereits passiert. Zweimal. Das erste Mal kurz nachdem sie eingezogen war. Durch Geräusche geweckt hatte sie alle Nachbarn in Hörweite aufgeschreckt.

Und beide Male, so wie heute, hatte sie nichts als eine ruhige, nächtliche Straße vorgefunden. Mit diesem falschen Alarm hatte sie sich bei ihren neuen Nachbarn nicht gerade beliebt gemacht. Die meisten von ihnen waren verständlicherweise sauer gewesen.

Cassie jedoch fand es als Einzige nicht schlimm. Die hatte Stacy gleich auf eine Tasse Kakao eingeladen.

Stacy sah zu Cassies Wohnung hinüber, zu dem Licht, das aus einem der hinteren Fenster fiel.

Sie starrte auf das beleuchtete Viereck, im Kopf das Knallen, das sie geweckt hatte. Die Schüsse waren so laut gewesen, dass sie von nebenan gekommen sein mussten.

Warum hatte sie das nicht sofort erkannt?

Von Angst gepackt rannte sie auf Cassies Verandatreppe zu, stürzte die Stufen hoch, stolperte und richtete sich gleich wie der auf, bemüht, sich zu beruhigen. Cassie schlief bestimmt tief und friedlich.

Stacy erreichte die Tür ihrer Freundin und klopfte an. Sie wartete, dann klopfte sie erneut. „Cassie!“ rief sie. „Ich bin’s, Stacy. Mach auf!“

Als keine Antwort kam, drehte sie am Türknauf.

Die Tür ließ sich öffnen.

Die Pistole mit beiden Händen umklammert, stieß sie die Tür mit dem Fuß auf und ging hinein. Absolute Stille empfing sie.

Sie rief noch einmal Cassies Namen. Und dann konnte sie sich nicht mehr länger einreden, dass ihre Fantasie ihr einen Streich gespielt hatte. Cassie lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Wohnzimmerboden. Ein großer, dunkler Fleck umgab sie. Blut. Eine Menge Blut.

Stacy begann zu zittern. Sie schluckte heftig, versuchte sich zu beherrschen. Neutral zu bleiben. Wie eine Polizistin zu denken.

Sie ging zu ihrer Freundin hinüber. Hockte sich neben sie und nahm eine professionelle Haltung ein. Distanzierte sich von dem, was geschehen war und davon, um wen es sich handelte.

Sie tastete nach Cassies Puls. Als sie nichts fand, betrachtete sie den Körper der Toten. Es sah aus, als wäre sie zweimal getroffen worden, einmal zwischen den Schulterblättern, einmal im Hinterkopf. Das lockige blonde Haar war blutverklebt. Cassie trug Jeans, Birkenstocksandalen und ein hellblaues T-Shirt, das Stacy gut kannte. Es war Cassies Lieblings-T-Shirt. Auf der Vorderseite stand „Träume. Liebe. Lebe.“.

Ihr stiegen die Tränen in die Augen. Heulen würde ihrer Freundin nichts nützen, aber beherrscht zu bleiben könnte helfen, den Mörder zu fassen.

Aus dem hinteren Teil der Wohnung kam ein Geräusch.

Beth.

Oder der Killer.

Stacy umschloss ihre Waffe fester, obwohl ihr die Hände zitterten. Mit klopfendem Herzen stand sie auf und schlich so leise wie möglich aus dem Wohnzimmer.

Sie entdeckte Beth vor der Tür zum zweiten Schlafzimmer. Cassies Mitbewohnerin lag auf dem Rücken, die Augen offen, blicklos. Sie trug einen pinkfarbenen Baumwollpyjama mit aufgedruckten Kätzchen.

Auch sie war erschossen worden. Zwei Kugeln in die Brust.

Stacy überprüfte schnell den Puls der anderen Frau, darauf bedacht, keine Spuren zu verwischen. So wie bei Cassie fand sie kein Lebenszeichen. Sie wandte sich in die Richtung, aus der die Laute gekommen waren.

Ein Winseln. Jemand kratzte an der Badezimmertür.

Caesar.

Leise rief sie den Namen des Hundes. Als er zur Antwort jaulte, öffnete sie vorsichtig die Tür. Der Labrador heulte dankbar auf, sie nahm ihn hoch und bemerkte, dass er auf den Badezimmerboden gemacht hatte. Wie lange war er eingeschlossen gewesen? Hatte Cassie das getan? Oder ihr Mörder? Und warum? Cassie sperrte den Hund nachts eigentlich in den Zwinger.

Mit dem Hund auf dem Arm durchsuchte Stacy das Apartment, um sicherzugehen, dass der Täter nicht mehr da war, obwohl sie das vom Gefühl her bereits wusste. Sie nahm an, dass er in den wenigen Minuten verschwunden war, die sie benötigt hatte, um von ihrem Bett zur Haustür zu kommen. Sie hatte keine Autotür oder einen startenden Motor gehört, was bedeuten konnte, dass er zu Fuß geflüchtet war – oder auch nicht.

Sie musste die Polizei rufen, wollte sich aber vorher selbst noch einmal umsehen, bevor sie das Feld überließ. Sie blickte auf die Uhr. Wenn sie bei der Polizei anrief und ein Streifenwagen zufällig in der Nähe war, konnte es sehr schnell gehen.

Soweit sie es beurteilen konnte, war Cassie zuerst getötet worden, dann Beth. Beth hatte wahrscheinlich die beiden Schüsse gehört und war aus dem Bett gesprungen, um zu sehen, was passiert war. Wahrscheinlich hatte sie die Geräusche nicht gleich als Schüsse identifiziert. Und selbst wenn, wäre sie herausgekommen, um sich zu überzeugen.

Das erklärte das unberührte Telefon auf dem Nachttisch. Stacy ging da rauf zu und nahm den Hörer ab, nachdem sie einen Zipfel ihrer Pyjamajacke darüber gelegt hatte. An ihrem Ohr ertönte das Freizeichen.

Stacy ging alle Möglichkeiten durch. Die Wohnung sah nicht so aus, als wären Diebe eingedrungen. Die Tür war nicht aufgebrochen worden. Cassie hatte den Killer selbst hereingebeten. Er – oder sie – war ein Freund oder Bekannter gewesen. Jemand, den sie erwartet hatte. Oder zumindest kannte. Vielleicht hatte der Mörder sie dazu veranlasst, den Hund einzusperren?

Sie hob sich die Fragen für später auf und wählte 911. „Zweifacher Mord“, sagte sie. „City Park Avenue 1174.“ Und dann setzte sie sich auf den Boden, Caesar fest an sich gedrückt, und weinte.

2. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

1:50 Uhr

Detective Spencer Malone parkte seinen kirschroten, liebevoll gepflegten 1977er Chevy Camaro vor dem Doppelhaus in der City Park Avenue. Sein älterer Bruder John hatte den Wagen vor einigen Jahren gekauft. Er war sein ganzer Stolz gewesen, bis er geheiratet und Kinder bekommen hatte, die andauernd von Kinderkrippen und Geburtstagspartys hin und zurück transportiert werden mussten.

Nun war der Wagen Spencers ganzer Stolz.

Spencer beobachtete das Gebäude durch die Windschutzscheibe. Die Polizeibeamten hatten den Tatort bereits abgesperrt. Gelbes Signalband zog sich über die leicht durchhängende vordere Veranda. Einer der Beamten stand direkt davor und registrierte die Ankommenden und den Zeitpunkt, wann sie das Haus betraten.

Spencer kniff die Augen zusammen, als er den Kollegen erkannte, ein Neuling im dritten Jahr und einer von denen, die ihn am stärksten belastet hatten.

Connelly. Dieses Arschloch.

Spencer atmete tief durch, um sein leicht aufbrausendes Temperament zu zügeln, durch das er bereits in zu viele Schlägereien verwickelt worden war. Das war es, was seinem beruflichen Aufstieg im Weg stand, was es allen leicht gemacht hatte, sich den Anschuldigungen anzuschließen, was ihn fast seine Polizeilaufbahn gekostet hätte.

Er versuchte sich zu konzentrieren. Der Fall hier war seiner. Er leitete die Untersuchung. Das würde er nicht in den Sand setzen. Spencer stieg in dem Moment aus, als Detective Tony Sciame vor dem Haus hielt. Bei der Polizei von New Orleans hatten die Beamten keine festen Partner, mit denen sie arbeiteten. Wenn ein Fall hereinkam, übernahm ihn derjenige, der gerade als Nächster an der Reihe war. Dieser Beamte wählte dann einen Kollegen als Assistenten, und die Kriterien für die Wahl waren Verfügbarkeit, Erfahrung und Freundschaft.

Die meisten suchten sich jemanden, der ihnen sympathisch war, mit denen sie eine Art symbiotischer „Partnerschaft“ bildeten. Aus mehreren Gründen funktionierten er und Tony gut zusammen, ergänzten sich in ihren Stärken und Schwächen.

Wobei Spencer eine ganze Menge mehr Schwächen hatte als Tony.

Als Veteran mit fünfunddreißig Jahren Polizeidienst, davon fünfundzwanzig bei der Mordkommission, war Tony ein alter Hase. Glücklich verheiratet seit zweiunddreißig Jahren – für jedes Jahr ein Pfund Übergewicht – mit vier Kindern, einer Hypothek und einem Schmuddelhund namens Frodo.

„Hallo Hübscher“, begrüßte ihn Tony.

„Hallo Spaghettimann.“

Spencer machte sich gern über Tonys Vorliebe für Pasta lustig; sein Partner revanchierte sich dafür, indem er ihn Hübscher, Junior oder Schnellschuss nannte. Auch wenn Spencer, mit seinen einunddreißig schon neun Jahre bei der Polizei, weder ein Neuling noch ein grüner Junge war, so zählte er bei der Mordkommission doch zu den Anfängern. Den Rang eines Detectives besaß er auch noch nicht sehr lange, was ihn im Kreis der Polizeidienststelle von New Orleans, der NOPD, zur Zielscheibe des Spotts machte.

Tony lachte und tätschelte sich den Bauch. „Du bist ja nur neidisch.“

„Wenn du meinst.“ Spencer deutete auf den Polizeitransporter. „Der Spurendienst ist vor uns angekommen.“

„Blöde Streber.“ Tony blinzelte in den sternenlosen Himmel. „Ich werde zu alt für diesen Scheiß. Der Anruf kam gerade, als Betty und ich unsere Jüngste zusammenstauchten, weil sie zu spät nach Hause gekommen ist.“

„Arme Carly.“

„Von wegen. Dieses Mädchen ist eine echte Plage. Vier Kinder, und das letzte ein Satansbraten. Siehst du das hier?“ Er zeigte auf seine Halbglatze. „Dazu haben alle beigetragen, aber Carly … Wart’s nur ab, du wirst schon sehen.“

Spencer lachte. „Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Mir brauchst du nicht zu erzählen, wie die Kinder sind. Deshalb hab ich keine.“

„Übrigens, wie heißt sie?“

„Wer?“

„Dein Date von heute Abend.“

Um genau zu sein war er mit seinen Brüdern Percy und Patrick unterwegs gewesen. Sie hatten sich ein paar Biere und einen Burger in Shannon’s Tavern genehmigt. Seine größte Leistung war gewesen, die Achterkugel in das Eckloch zu versenken und damit Patrick, den Billardhelden der Familie, zu schlagen.

Aber das interessierte Tony nicht. „Ich rede nicht über meine Eroberungen, Partner.“

Sie kamen bei Connelly an. Spencer fing seinen Blick auf, und schon lief bei ihm wieder der ganze Film ab … Damals hatte er im fünften Bezirk gearbeitet und war für die Kasse mit dem Geld für Informanten verantwortlich gewesen. Fünfzehnhundert Dollar waren heutzutage nicht so viel. Aber genug, um zur Schnecke gemacht zu werden, wenn sie fehlten. Deswegen war er vom Dienst suspendiert und dann vor Gericht gestellt worden. Die Anklage wurde fallen gelassen, sein Name reingewaschen. Es stellte sich heraus, dass Lieutenant Moran, sein direkter Vorgesetzter, ihm die Geschichte hatte anhängen wollen. Hätte seine Familie nicht fest an seine Unschuld geglaubt, wäre der Mistkerl womöglich damit durchgekommen. Wenn Spencer für schuldig erklärt worden wäre, dann hätte man ihn nicht nur aus dem Polizeidienst entlassen, sondern ihn sogar ins Gefängnis gesteckt.

So oder so hatte es ihn anderthalb Jahre seines Lebens gekostet.

Wenn er daran dachte, wurde er immer noch fuchs teufelswild. Die Erinnerung daran, wie viele seiner Kumpel aus dem fünften Bezirk sich gegen ihn gestellt hatten – wie diese Schlange Connelly – machte ihn wütend. Bis zu diesem Zeitpunkt war die NOPD für ihn wie eine große Familie gewesen, seine Kollegen hatte er als seine Brüder und Schwestern betrachtet. Und bis zu diesem Zeitpunkt war ihm das Leben wie eine einzige riesige Party erschienen. Let the good times roll, nach alter New Orleans-Manier.

Lieutenant Moran aber hatte ihm das Leben zur Hölle gemacht. Die Partys machten jetzt keinen Spaß mehr. Spencer wurde wie der in der Dienststelle eingesetzt und so gar befördert. Nun war er in der ISD. Investigate Support Division. Hauptermittlungsabteilung. Sein Traumjob. Cop zu sein war seine Berufung. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, etwas anderes zu machen. Wie auch? Die Polizeiarbeit steckte ihm im Blut. Sein Vater, sein Onkel und seine Tante, sie alle waren Cops. Mehrere Cousins und Cousinen ebenfalls, und bis auf zwei auch seine Geschwister.

„Hallo, Connelly“, sagte Spencer gepresst. „Hier bin ich, zurück von den Toten. Überrascht?“

Der junge Polizist sah auf. „Ich habe keine Ahnung, was Sie meinen, Detective.“

„Na klar.“ Er beugte sich vor. „Haben Sie ein Problem damit, mit mir zu arbeiten?“

Der Beamte wich einen Schritt zurück. „Kein Problem. Nein, Sir.“

„Gut. Ich werde nämlich hier bleiben.“

„Ja, Sir.“

„Was haben wir hier?“

„Zweifacher Mord.“ Die Stimme dieses Grünschnabels zitterte leicht. „Beide Opfer sind weiblich. UNO-Studentinnen.“ Er blickte auf seine Notizen. „Cassie Finch und Beth Wagner. Die Nachbarin hat es gemeldet. Heißt Stacy Killian.“

Spencer sah in die Richtung, in die er deutete. Eine junge Frau, die einen schlafenden Welpen an sich drückte, stand auf der Veranda. Groß, blond und, so weit er sehen konnte, attraktiv. „Was hat sie zu berichten?“

„Dachte, sie hätte Schüsse gehört, und ging rüber, um nachzusehen.“

„Na, das war ja sehr schlau von ihr.“ Spencer schüttelte den Kopf. „Zivilisten.“

Sie gingen zur Veranda hinüber. Tony warf ihm einen Seitenblick zu. Er hatte immer hinter Spencer gestanden und an seine Unschuld geglaubt. Doch so manch einer kaufte Spencer immer noch nicht ab, dass er unschuldig war, trotz Morans Geständnis und Selbstmord. Diese fragenden Blicke, das Tuscheln hinter seinem Rücken machten Spencer wütend.

„Das legt sich auch wieder“, murmelte Tony, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Das Gedächtnis von Polizisten ist nicht besonders gut. Wahrscheinlich Bleivergiftung.“

„Meinst du?“ Spencer grinste ihn an, während sie die Stufen hochstiegen. „Ich hätte eher auf die Auswirkungen von zu viel blauer Textilfarbe getippt.“

Sie überquerten die Veranda. Er spürte den Blick der Nachbarin auf sich, aber er sah nicht auf. Später war noch Zeit für ihren Kummer und ihre Fragen. Jetzt nicht. Sie betraten das Haus. Die Spurensicherung war schon am Werk. Spencer ließ den Blick über die Szenerie schweifen. Typische Studentenwohnung, wie er fand. Billige Flohmarktmöbel, überfüllte Aschenbecher und jede Menge Dosen Diätcola, die überall herumlagen. Unübersehbar eine Frauenwohnung. Wenn ein Typ hier gewohnt hätte, wären es Miller-Lite-Dosen gewesen. Oder vielleicht Abita Bier, die Marke aus dem südlichen Louisiana.

Das erste Opfer lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden, ein Teil des Hinterkopfs war weggeschossen. Spencer blickte zu einem jungen Detective hinüber, den er aus dem sechsten Bezirk kannte. Er erinnerte sich nicht mehr an seinen Namen.

Tony tat dies aber. „Bernie, warst du derjenige, der uns hierher gerufen hat?“

„Tut mir Leid. Das ist kein gewöhnlicher Fall, dachte, je eher Sie sich damit beschäftigen, desto besser.“

Der junge Beamte wirkte nervös. Er war neu in der DIU, hatte wahrscheinlich bisher nur mit Schießereien von Jugendbanden zu tun gehabt.

„Mein Partner, Spencer Malone.“

Etwas flackerte in seinem Blick auf. Spencer nahm an, dass der Polizist bereits von ihm gehört hatte. „Bernie St. Claude.“

Sie schüttelten sich die Hände. Ray Hollister, der Leichenbeschauer, sah auf. „Wie ich sehe, ist die Truppe versammelt.“

„Die Mitternachtsritter“, sagte Tony. „Wir Glücklichen. Hast du schon mit Malone gearbeitet, Ray?“

„Nicht mit diesem Malone. Willkommen im nächtlichen Mordclub.“

„Freue mich, hier zu sein.“

Die Bemerkung ließ ein paar Beamte vom Spurendienst aufstöhnen.

Tony grinste Spencer an. „Das Beängstigende ist, dass er es ernst meint. Halte deine Begeisterung ein bisschen im Zaum, Streber. Die Leute reden sonst.“

„Du mich auch“, erwiderte Spencer lächelnd und wandte sich dann wieder dem Doc zu. „Was haben Sie rausgefunden?“

„Sieht bisher ziemlich einfach aus. Zwei Einschüsse. Die erste Kugel hat sie nicht getötet, die zweite aber dafür umso sicherer.“

„Aber warum hat man sie erschossen?“ fragte sich Spencer laut.

„Das ist Ihr Job, Junge, nicht meiner.“

„Vergewaltigung?“ wollte Tony wissen.

„Ich glaube nicht, aber ganz sicher kann man erst nach der Autopsie sein.“

Tony nickte. „Wir sehen uns mal das andere Opfer an.“

„Viel Spaß.“

Spencer rührte sich nicht von der Stelle. Er starrte auf das fächerförmig an die Wand gesprühte Blut neben dem Opfer. „Der Täter hat im Sitzen geschossen“, sagte er zu seinem Kollegen.

„Woher weißt du das?“

„Sieh’s dir an.“ Spencer ging um die Tote herum zur Wand hinüber. „Blutspritzer nach oben, dann seitlich.“

„Ich werd verrückt.“

Hollister schaltete sich ein. „Die Wunden bestätigen diese Theorie.“

Spencer blickte sich um. Sein Blick blieb an einem Schreibtischstuhl hängen. „Von dort wurde geschossen“, sagte er und ging zum Stuhl. Da er keine Spuren verwischen wollte, hockte er sich daneben. Er stellte sich den Tathergang vor: Der Täter saß auf dem Stuhl, das Opfer drehte ihm den Rücken zu. Peng. Peng.

Was hatten sie gemacht? Warum hatten sie sterben müssen?

Er sah sich wieder um, blickte auf den staubigen Schreibtisch. In dem Staub war ein quadratischer Umriss zu sehen, von der Größe eines Laptops. „Schau mal, Tony. Ich schätze, hier stand mal ein Computer.“ An der Wand befanden sich sowohl eine Steckdose wie auch eine Telefonbuchse.

Tony nickte. „Könnte sein. Dort könnten aber auch Bücher gelegen haben, oder Zeitungen.“

„Vielleicht. Was es auch war, jetzt ist es verschwunden. Und, wie es aussieht, erst vor kurzem.“ Spencer zog sich Latexhandschuhe über und winkte den Fotografen heran, damit er ein Foto des Schreibtischs machen konnte.

„Hier muss gründlich nach Spuren gesucht werden.“

Tony nickte. „Schon aufgetragen.“

Die beiden gingen weiter. Sie fanden das zweite Opfer. Die Frau war zweimal in die Brust geschossen worden, sie lag auf dem Rücken auf der Schwelle zum Schlafzimmer. Ihr Pyjama war mit Blut getränkt, eine rote Lache hatte sich um sie gebildet.

Spencer ging zu ihr hinüber. „Sie lag im Bett, hat die Schüsse gehört und ist aufgestanden, um nachzusehen, was los ist.“

Tony riss sich vom Anblick der Toten los. Ein merkwürdiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht. „Carly hat den gleichen Pyjama. Den trägt sie ständig.“

Ein bedeutungsloser Zufall, aber einer, der zu sehr ans Privatleben erinnerte. „Schnappen wir uns diesen Mistkerl.“

Spencer nickte und untersuchte den Leichnam weiter.

„Es handelt sich nicht um Diebstahl“, sagte Tony. „Und war auch keine Vergewaltigung. Keine Hinweise auf gewaltsames Eindringen in die Wohnung.“

Spencer runzelte die Stirn. „Was dann?“

„Vielleicht kann uns Ms. Killian weiterhelfen.“

„Du oder ich?“

Tony grinste. „Du bist doch derjenige, der ein Händchen für die Ladys hat. Auf geht’s.“

3. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

2:20 Uhr

Zitternd rückte sich Stacy den kleinen Hund auf dem Arm zurecht. Ich hätte ihn in seine Kiste packen sollen, dachte sie. Ihr taten die Arme weh. Womöglich würde der Welpe jeden Moment munter werden und mit ihr spielen wollen.

Aber sie hatte ihn einfach nicht loslassen können. Konnte es immer noch nicht.

Stacy rieb ihre Wange an dem weichen, seidigen Kopf des Tieres. Nachdem sie die Polizei gerufen hatte, war sie in ihre Wohnung zurückgegangen, hatte die Glock verstaut und sich einen Mantel geholt. Sie besaß einen Waffenschein für die Pistole, wusste aber aus Erfahrung, dass eine bewaffnete Zivilistin, die dort auftauchte, wo ein Mord passiert war, im schlimmsten Fall zur Verdächtigten wurde, im besten die Dinge komplizierte.

Sie war vorher noch nie auf dieser Seite des Geschehens gewesen, obwohl es im letzten Jahr fast schon einmal soweit gewesen wäre. Ihre Schwester Jane war nur knapp einem Mord entkommen. Da hatte Stacy beschlossen, dass es genug war. Die Zeit mit der Plakette. Alles, was damit zusammenhing. Das Blut. Die Grausamkeit. Der Tod.

Stacy war klar geworden, dass sie sich nach einem normalen Leben sehnte, nach einer richtigen Beziehung. Irgendwann wollte sie eine eigene Familie haben. Und das war, solange sie in diesem Job arbeitete, unmöglich.

Und hier war sie wieder. Der Tod hatte sie verfolgt.

Plötzlich stieg Wut in ihr auf. Wo zum Teufel waren die Kriminalbeamten? Warum bewegten die sich so langsam? Bei dem Tempo war der Killer längst in Mississippi, bevor die beiden überhaupt den Tatort begutachtet hatten.

„Stacy Killian?“

Sie drehte sich um. Der jüngere der beiden Beamten stand vor ihr. Er wedelte mit seiner Plakette. „Detective Malone. Sie haben das hier gemeldet?“

„Ja.“

„Geht es Ihnen gut? Wollen Sie sich lieber hinsetzen?“

„Nein, ist schon in Ordnung.“

Er zeigte auf Caesar. „Niedlicher Hund. Labrador?“

Sie nickte. „Aber er ist nicht … er gehörte … Cassie.“ Es ärgerte sie, dass ihre Stimme zitterte. „Hören Sie, können wir einfach zur Sache kommen?“

Er hob die Augenbrauen, als wäre er über ihre brüske Art erstaunt. Wahrscheinlich hielt er sie für kaltherzig. Er konnte nicht ahnen, wie weit er mit dieser Einschätzung daneben lag – sie war so erschüttert, dass sie kaum mehr Luft bekam.

Er zog seinen Notizblock vor, einen kleinen Spiralblock, der genauso aussah wie der, den sie immer benutzt hatte. „Berichten Sie mir doch einfach, was genau passiert ist.“

„Ich habe geschlafen. Dann glaubte ich Schüsse zu hören und ging raus, um nach meinen Freundinnen zu sehen.“

Etwas flackerte in seinem Blick auf und war sofort wieder verschwunden. „Sie wohnen hier?“ Er zeigte auf das Nachbarhaus.

„Ja.“

„Allein?“

„Ich weiß nicht, warum das wichtig sein sollte, aber ja, ich lebe allein.“

„Seit wann?“

„Ich bin in der ersten Januarwoche eingezogen.“

„Und davor?“

„In Dallas. Ich bin nach New Orleans gekommen, um an der Uni zu studieren.“

„Wie gut kannten Sie die Opfer?“

Opfer. Sie zuckte bei der Bezeichnung zusammen. „Cassie und ich waren gute Freundinnen. Beth hingegen ist gerade erst seit einer Woche hier. Cassies erste Mitbewohnerin hat die Uni verlassen und ist wieder nach Hause zu ihren Eltern gefahren, bevor dann Beth einzog.“

„Sie bezeichnen sich als gute Freundinnen? Aber Sie kennen sich doch erst seit zwei Monaten?“

„Sicher ist das nicht so viel Zeit. Aber wir haben uns einfach … auf Anhieb verstanden.“

Er sah nicht überzeugt aus. „Sie sagen, Sie sind von Pistolenschüssen aufgewacht und rausgegangen, um nach Ihren Freundinnen zu sehen? Warum waren Sie sich so sicher? Hätten es nicht auch Feuerwerkskörper sein können? Oder eine Fehlzündung bei einem Auto?“

„Ich wusste, dass es sich um Schüsse handelt, Detective.“ Sie sah kurz zur Seite. „Ich war zehn Jahre lang Polizistin. In Dallas.“

Wieder zog er die Augenbrauen hoch. „Was ist dann passiert?“

Sie berichtete, wie sie zur Vordertür hinaus, um das Haus herum gegangen war und dann Licht bei Cassie gesehen hatte. „Indiesem Augenblick war mir klar, dass die Schüsse … von nebenan gekommen waren.“

Der andere Beamte erschien hinter ihm an der Tür. Detective Malone sah ihren Blick und drehte sich um. Sie nutzte den Moment, um die beiden genauer zu betrachten. Der ältere Cop hatte sich mit dem jungen Heißblut zusammengetan, ein Duo, wie es in zahlreichen Hollywoodfilmen dargestellt wurde. Nach ihrer Erfahrung war diese Zusammenarbeit in den Filmen immer viel effektiver als im wirklichen Leben. Zu oft war der ältere ein ausgebrannter, angepasster Typ, der jüngere ein Aufschneider.

Der Mann kam näher. „Detective Sciame“, stellte er sich ihr vor.

Beim Klang der Stimme öffnete Caesar die Augen und wedelte mit dem Schwanz. Sie setzte den Welpen ab und streckte die Hand aus. „Stacy Killian.“

„Ms. Killian war Polizistin.“

Detective Sciame blickte sie an, mit warmen braunen Augen. Freundlich und intelligent. Vielleicht ist er ja ausgebrannt, dachte sie, hat aber den Durchblick.

„Ach so?“ Er schüttelte ihr die Hand.

„Detective im ersten Dienstgrad. Mordkommission, Polizeirevier Dallas. Nennen Sie mich Stacy.“

„Ich bin Tony. Was machen Sie hier in unserer schönen Stadt?“

„Einen Abschluss an der Uni. Englische Literatur.“

Er nickte verständnisvoll. „Hatten genug von dem Job, was? Hab ja auch daran gedacht aufzuhören, des Öfteren. Aber jetzt stehe ich kurz vor der Pension, da hat es keinen Sinn mehr zu wechseln.“

„Warum die Uni?“ fragte Malone.

„Warum nicht?“

Er runzelte die Stirn. „Englische Literatur ist Welten entfernt vom Polizeidienst.“

„Eben.“

Tony deutete auf die Wohnung hinter ihm. „Haben Sie sich alles genau angesehen?“

„Ja.“

„Was denken Sie?“

„Cassie ist zuerst getötet worden. Beth ist aufgestanden, um nachzusehen, was los ist. Diebstahl ist auszuschließen. Vergewaltigung auch, obwohl das der Pathologe erst noch bestätigen muss. Ich denke, der Killer war entweder ein Freund oder ein Bekannter von Cassie. Sie hat ihn reingelassen und Caesar ein gesperrt.“

„Sie waren eine Freundin.“

„Stimmt. Aber ich habe sie nicht umgebracht.“

„Das sagen Sie. Der Erste am Tatort …“

„Ist immer verdächtig. Normales Verfahren, ich weiß.“

Tony nickte. „Haben Sie eine Waffe, Stacy?“

Sie war nicht überrascht, dass der Mann sie da nach fragte. Eigentlich war sie sogar dankbar. Das ließ sie hoffen, dass sie doch was von ihrem Job verstanden.

„Eine Glock 40.“

„Waffenschein?“

„Selbstverständlich. Wollen Sie beides sehen?“

Als er nickte, nahm sie den Hund wieder auf den Arm und ging in ihre Wohnung. Sie folgten ihr. Kein anständiger Detective würde zulassen, dass ein Verdächtiger in seine Wohnung verschwindet, um eine Waffe zu holen. Oder etwas anderes, was auch immer. In neun von zehn Fällen würde der besagte Verdächtigte durch die Hintertür verschwinden. Oder an der Vordertür mit gezückter Waffe wieder auftauchen.

Nachdem sie Caesar in ihr Schlafzimmer gebracht hatte, holte sie die Pistole und den Waffenschein. Die beiden Detectives stellten fest, dass mit der Glock in letzter Zeit nicht geschossen worden war. Tony gab sie ihr zurück.

„Hatte Cassie einen Freund?“

„Nein.“

„Irgendwelche Feinde?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„War sie in der Kneipenszene unterwegs?“

Stacy schüttelte den Kopf. „RPGs und Uni. Das ist alles.“

Malone runzelte die Stirn. „RPGs?“

„Roll-Playing Games, Rollenspiele. Am liebsten Dungeons & Dragons und Vampire, aber sie spielte auch andere Sachen.“

„Verzeihen Sie meine Unwissenheit“, sagte Tony, „aber reden Sie von Brettspielen? Oder Videos?“

„Weder noch. Jedes Spiel besteht aus Charakteren und einem Szenarium, das vom Game-Master, dem Spielmeister, bestimmt wird. Die Spieler schlüpfen dabei in die verschiedenen Rollen.“

Tony kratzte sich am Kopf. „Ein richtiges Theaterspiel?“

„Nicht direkt.“ Sie lächelte. „Ich habe dabei auch nie mitgemacht, aber so wie Cassie es erklärte, lässt man dabei seine Fantasie spielen. Jeder, der teilnimmt, hat eine Rolle, er folgt einem ungeschriebenen Manuskript, ohne Kostüme, Spezialeffekte oder ein Bühnenbild. Die Spiele können real in der Gruppe gespielt werden oder online.“

„Warum haben Sie das nie gemacht?“ wollte Malone wissen.

Stacy zögerte. „Cassie hat mich mal dazu eingeladen, ihr Gruppentreffen zu besuchen, aber das Spiel, das sie mir beschrieb, klang nicht sehr ansprechend. Gefahr bei jeder Wendung, man muss sich immer wieder durchschlagen. Ich hatte kein Verlangen danach, so was zu spielen, das hatte ich im richtigen Leben gehabt.“

„Kennen Sie einige ihrer Mitspieler?“

„Nicht direkt.“

Detective Malone zog eine Augenbraue hoch. „Nicht direkt. Was heißt das?“

„Sie hat mir einige vorgestellt. Ich sehe sie manchmal auf dem Unigelände. Ab und zu treffen sie sich im Café Noir zum Spielen.“

„Café Noir?“ fragte Tony.

„Ein Coffee-Shop in der Esplanade. Cassie war oft dort. Wir beide. Haben da gelernt.“

„Wann haben Sie Ms. Finch zum letzten Mal gesehen?“

„Freitagabend … in der Uni …“

Plötzlich stellten sich ihr die Nackenhaare auf. Es kam alles wieder hoch, ihr letztes Treffen. Cassie war ziemlich aufgeregtgewesen, sie hatte jemanden kennen gelernt, der ein Spiel namens White Rabbit spielte. Diese Person hatte ihr versprochen, sie mit jemandem zusammen zu bringen, der offenbar der Erfinder des Ganzen war, man nannte ihn Supreme White Rabbit. Sie wollte ein Treffen mit ihm arrangieren.

„Ms. Killian? Ist Ihnen etwas eingefallen?“

Sie berichtete den beiden Detectives da von, doch sie schienen nicht sonderlich beeindruckt.

„Supreme White Rabbit?“ fragte Tony. „Was ist denn das nun wieder?“

„Wie ich schon sagte, kenne ich mich da auch nicht so genau aus. Aber so wie ich es verstanden habe, gibt es bei den Rollenspielen einen Spielmeister. Bei Dungeons & Dragons ist es der Dungeon-Master, der das Spiel überwacht.“

„Und in diesem neuen Szenarium ist es jemand, der White Rabbit genannt wird“, folgerte Tony.

„Genau.“ Stacy bemühte sich weiterzureden. „Es gefiel mir nicht, dass sie sich einfach so mit diesem Typ treffen wollte, ohne ein wenig auf der Hut zu sein. Cassie war so vertrauensselig. Viel zu vertrauensselig. Ich habe sie daran erinnert, dass es ein Fremder ist, und sie gedrängt, sich an einem öffentlichen Ort mit ihm zu treffen, auf keinen Fall zu Hause.“

„Und wie hat sie auf Ihre Warnung reagiert?“

„Sie hat gelacht“, erwiderte Stacy. „Hat mir geraten, lockerer zu werden.“

„Das Treffen hat also stattgefunden?“

„Das weiß ich nicht.“

„Hat sie einen Namen genannt?“

„Nein. Aber ich habe auch nicht gefragt.“

„Die Person, die ihr versprochen hat, sie vorzustellen, wo hat sie die getroffen?“

„Hat sie nicht gesagt, und auch das habe ich sie nicht gefragt.“ Stacy hörte selbst, wie frustriert sie klang. „Ich dachte, es wäre ein Mann, aber sicher bin ich da nicht.“

„Noch irgendwas?“

„Ich hab da so ein Gefühl.“

„Weibliche Intuition?“ fragte Malone.

Sie kniff gereizt die Augen zusammen. „Der Instinkt einer erfahrenen Polizistin.“

Der ältere Beamte verzog amüsiert die Lippen.

„Was ist mit ihrer Mitbewohnerin?“ erkundigte sich Tony. „Hat Beth auch diese Spiele gespielt?“

„Nein.“

„Hatte Ihre Freundin einen Computer?“ wollte Malone wissen.

Sie sah ihn an. „Einen Laptop. Warum?“

Er antwortete nicht darauf. „Hat sie diese Spiele auf ihrem Computer gespielt?“

„Manchmal, denke ich. Meist spielte sie direkt in der Gruppe.“

„Aber sie können auch online gespielt werden.“

„Ja.“ Sie blickte von einem zum anderen. „Warum?“

„Danke, Ms. Killian. Sie waren uns eine große Hilfe.“

„Warten Sie.“ Sie hielt den älteren Detective am Arm zu rück. „Ihr Computer ist verschwunden, oder?“

„Tut mir Leid, Stacy“, murmelte Tony und sah sie bedauernd an. „Wir können nicht mehr sagen.“

Sie hätte das Gleiche getan, aber trotz dem war sie sauer. „Ich würde Ihnen raten, dieses White-Rabbit-Spiel unter die Lupe zu nehmen. Fragen Sie, wer es spielt. Was zu dem Spiel gehört.“

„Das werden wir, Ms. Killian.“ Malone klappte sein Notizbuch zu. „Danke für Ihre Hilfe.“

Sie setzte an, noch etwas zu sagen, wollte sie bitten, sie auf dem Laufenden zu halten, entschied sich dann aber anders. Weil sie wusste, dass sie das sowieso nicht tun würden. Sie hatte kein Recht, über den Fortgang der Ermittlungen unterrichtet zu werden. Sie war Zivilistin. Nicht einmal eine Familienangehörige der Opfer. Sie waren ihr nichts weiter schuldig als Höflichkeit.

Das erste Mal, seit sie den Polizeidienst quittiert hatte, wurde ihr wirklich klar, was es bedeutete. Wer sie jetzt war.

Eine Zivilistin. Jemand, der nicht zum „blauen Kreis“ gehörte.

Allein.

Stacy Killian war keine Polizistin mehr.

4. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

9:20 Uhr

Spencer und Tony betraten das Polizeihauptquartier, meldeten sich an und nahmen den Fahrstuhl zur ISD.

„Hallo Dora“, begrüßte Spencer die Rezeptionistin. Obwohl sie als Zivilistin von der Stadt angestellt war, trug sie Uniform. Die Nähte des blauen Stoffes wurden von ihrer beachtlichen Oberweite stark gedehnt, darunter konnte man etwas aus pinkfarbener Spitze entdecken. „Irgendwelche Nachrichten für mich?“

Sie betrachtete ihn abschätzend und reichte ihm die gelben Notizzettel.

Er ignorierte den Blick. „Ist Captain O’Shay da?“

„Ja, ist schon bereit und wartet auf Sie, mein Hübscher.“

Er hob eine Augenbraue hoch, sie kicherte. „Ihr weißen Jungs versteht aber auch keinen Spaß.“

„Von Stil verstehen sie auch nichts“, bemerkte Rupert, ein anderer Detective, der sich gerade an ihnen vorbeischlängelte.

„Da hast du Recht“, stimmte ihm Dora zu. „Rupert kennt sich da aus.“

Spencer musterte seinen Kollegen mit dem eleganten italienischen Anzug, der farbenfrohen Krawatte und dem blütenweißen Hemd. Dann blickte er an sich selbst hinunter: Jeans, T-Shirt und Wolljackett. „Und?“

Sie stöhnte. „Sie arbeiten jetzt bei der ISD, an der Spitze, mein Lieber. Dementsprechend sollten Sie sich auch anziehen.“

„Okay, Kumpel. Fertig?“

Spencer drehte sich um und grinste Tony an. „Noch nicht, bin mitten in einer gratis Modeberatung.“

Tony erwiderte sein Grinsen. „Ist wohl eher ein Vortrag.“

„Für Sie ist das sowieso nichts.“ Dora wedelte mit dem Finger in Richtung des älteren Kollegen. „Bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren. Eine Katastrophe.“

„Was, ich?“ Er breitete die Arme aus. Sein Bauch wölbte sich über den Bund seiner Hose, die schon so abgenutzt war, dass der Stoff durchscheinend glänzte.

Die Rezeptionistin schnaubte abfällig, während sie Tony seine Nachrichten reichte. An Spencer gewandt sagte sie: „Kommen Sie jederzeit vorbei, um sich von Miss Dora beraten zu lassen, mein Lieber. Ich werde Sie schon hinkriegen.“

„Danke, ich werd’s mir merken.“

„Tun Sie das, Süßer“, rief sie ihm nach. „Frauen mögen Männer mit Stil.“

„Da hat sie Recht, Süßer“, zog ihn Tony auf. „Kannst du mir ruhig glauben.“

Spencer lachte. „Wo her willst du das wissen? Weil die Frauen in Scharen vor dir weglaufen?“

„Genau.“ Sie bogen um die Ecke zu der offen stehenden Tür, die in das Büro von Captain O’Shay führte.

Spencer klopfte gegen den Türrahmen. „Captain O’Shay? Können wir dich kurz sprechen?“

Captain Patti O’Shay blickte auf und winkte sie herein. „Guten Morgen. Es gab schon viel zu tun, wie ich gehört habe.“

„Wir haben einen Zweifachen“, berichtete Tony und setzte sich auf einen der Stühle ihr gegenüber.

Patti O’Shay, eine energische, sachliche Frau, war eine von drei weiblichen Hauptkommissaren bei der NOPD. Sie war scharfsinnig, geradeheraus, aber fair. Sie hatte doppelt so hart schuften müssen wie ein Mann, um an diesen Posten zu kommen. Sie war im letzten Jahr zur ISD befördert worden, und die Kollegen gingen davon aus, dass sie es eines Tages bis ganz nach oben schaffen würde.

Außerdem war sie zufällig die Schwester von Spencers Mutter.

Es fiel ihm nicht leicht, diese Vorgesetzte mit der Frau in Einklang zu bringen, die ihn früher als Kind „Boo“ genannt hatte. Mit der Frau, die ihm heimlich Kekse zugesteckt hatte, wenn seine Mutter gerade nicht hinsah. Sie war seine Patentante, was bei den Katholiken eine besondere Verbindung darstellte. Eine, die sie sehr ernst nahm.

Und doch hatte sie vom ersten Tag an klargestellt, wer hier der Boss war. Punkt.

Sie sah ihn mit diesem Mir-entgeht-nichts-Blick an. „War es richtig, uns einzuschalten?“

Er richtete sich auf und räusperte sich. „Auf jeden Fall, Captain. Das ist kein Bagatellfall.“

Sie sah zu Tony hinüber. „Detective Sciame?“

„Da stimme ich voll zu. Besser jetzt ermitteln, bevor die Spuren verwischt sind.“

Spencer übernahm. „Beide Opfer sind erschossen worden.“

„Namen?“

„Cassie Finch und Beth Wagner. Studentinnen an der hiesigen Universität.“

„Wagner ist vor einer Woche erst bei Cassie Finch eingezogen“, fuhr Tony fort. „Armes Mädchen, das ist doch echt mal verdammtes Scheißpech.“

Die Frau schien seine Ausdrucksweise nicht zu bemerken, aber Spencer zuckte leicht zusammen. „Diebstahl scheint nicht das Motiv gewesen zu sein“, berichtete er weiter, „obwohl Ms. Finchs Laptop verschwunden ist. Vergewaltigung war es auch nicht.“

„Was dann?“

Tony streckte die Beine aus. „Die Kristallkugel hat heute Morgen noch nicht funktioniert, Captain.“

„Sehr witzig. Wie sieht es dann mit einer Theorie aus? Oder ist das nach nur zwei Doughnuts zu viel verlangt?“

Spencer schaltete sich wieder ein. „Sieht aus, als wäre Finch zuerst getötet worden. Wir gehen davon aus, dass sie ihren Mörder gekannt und hereingelassen hat. Wagner ist wahrscheinlich erschossen worden, weil sie am Tatort war. Ist natürlich bisher alles Spekulation.“

„Irgendwelche Spuren?“

„Ein paar. Wir werden der Uni einen Besuch abstatten, die Plätze aufsuchen, an denen sich die beiden aufgehalten haben. Mit ihren Freundinnen reden, den Professoren, ihren Freunden, wenn sie welche hatten.“

„Gut. Noch was?“

„Wir haben die Nachbarschaft überprüft“, fuhr Spencer fort. „Von der Frau abgesehen, die die Polizei gerufen hat, hat niemand irgendwas gehört.“

„Ihre Geschichte ist glaubwürdig?“

„Scheint in Ordnung zu sein. Sie war Polizistin. Bei der Mordkommission in Dallas.“

Sie runzelte die Stirn. „Tatsächlich?“

„Ich werde sie durch den Computer jagen. Die Dienststelle in Dallas anrufen.“

„Tu das.“

„Hat der Coroner die Verwandten benachrichtigt?“

„Schon geschehen.“

Sie griff nach dem Telefonhörer, um zu signalisieren, dass das Gespräch beendet war. „Ich kann es gar nicht leiden, wenn in meinem Bezirk Doppelmorde passieren. Schon gar nicht, wenn sie nicht aufgeklärt sind. Verstanden?“

Sie nickten, standen auf und gingen zur Tür. Bevor Spencer draußen war, rief sie ihn zurück. „Detective Malone?“

Er drehte sich um.

„Halte dein Temperament im Zaum.“

Er grinste. „Alles unter Kontrolle, Tante Patti. Das Ehrenwort eines frommen Ministranten.“

Beim Rausgehen hörte er sie lachen. Wahrscheinlich, weil sie sich daran erinnerte, wie er als Ministrant versagt hatte.

5. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

10:30 Uhr

Spencer betrat das Café Noir. Der Duft von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen ließ ihn schwindeln. Es war lange her, dass er gefrühstückt hatte – ein Wurstbrötchen, als gerade die Sonne am Horizont aufging.

Er verstand dieses ganze Theater um die Coffee-Shops nicht. Drei Scheine für eine Tasse Kaffee mit ausländisch klingendem Namen? Und was sollte das mit diesem L, XL und XXL? Wieso konnte man nicht einfach klein, mittel und groß sagen? Oder wenn es sein musste auch extra groß? Wen wollten die hier zum Narren halten?

Er hatte mal den Fehler begangen, einen „Americano“ zu ordern. Dachte, es handelte sich dabei um eine gute, alte Tasse ordentlichen amerikanischen Kaffees. Ein Fehler, wie sich herausstellte.

Es handelte sich um einen Schuss Espresso mit Wasser. Schmeckte wie aufgekochte Pisse.

Er beschloss, sein Geld zu sparen und später im Hauptquartier eine Tasse Kaffee zu trinken. Als er sich umsah, stellte er fest, dass dieser Laden, soweit er sich mit Coffee-Shops auskannte, ziemlich typisch war. Dunkle, erdige Farben, bequeme Sitzecken, hier und dort ein paar überdimensionale Sessel mit Tischen, wo man sich unterhalten oder lernen konnte. Es gab sogar einen großen alten Kamin.

Wofür der auch immer gut sein soll, dachte Spencer. Immerhin waren sie in New Orleans, wo es heiß und feucht war, neun Monate im Jahr rund um die Uhr. Er ging zur Theke hinüber und fragte das Mädchen an der Kasse nach dem Besitzer oder Geschäftsführer. Die Kassiererin, die aussah, als würde sie noch aufs College gehen, lächelte und deutete auf eine große blonde Frau, die das Büffet auffüllte. „Die Besitzerin Billie Bellini.“

Er bedankte sich bei ihr und ging zu der Frau. „Billie Bellini?“

Sie drehte sich um, eine beeindruckende Schönheit. Zweifellos gehörte sie zu den Frauen, die es sich leisten konnten, in Bezug auf Männer äußerst wählerisch zu sein. Zu der Sorte von Frau, von der man nicht vermutete, dass sie einen Coffee-Shop führte.

Er wäre ein Lügner oder ein Eunuch gewesen, hätte er behauptet, vollkommen immun gegen sie zu sein, aber sie war nicht wirklich sein Typ. Zu verdammt anspruchsvoll für einen einfachen Kerl wie ihn.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. „Ja?“

„Detective Spencer Malone. NOPD“, sagte er, während er seine Plakette vorzeigte.

Sie zog ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen in die Höhe. „Detective? Was kann ich für Sie tun?“

„Kennen Sie eine Frau namens Cassie Finch?“

„Ja, sie gehört zu unseren Stammgästen.“

„Was genau heißt das?“

„Dass sie sehr viel Zeit hier verbringt. Jeder kennt sie.“ Sie zog die Stirn kraus. „Warum?“

Er reagierte nicht auf ihre Frage. „Und Beth Wagner auch?“

„Cassies Mitbewohnerin? Nicht direkt. Sie war einmal hier. Cassie hat sie mir vorgestellt.“

„Und Stacy Killian?“

„Auch ein Stammgast. Sie sind befreundet. Aber ich nehme an, das wissen Sie bereits.“

Spencer senkte den Blick. An dem Ringfinger ihrer linken Hand steckte ein ziemlich großer Klunker. Das überraschte ihn nicht.

„Wann haben Sie Ms. Finch das letzte Mal gesehen?“

Sie wirkte plötzlich besorgt. „Was soll das bedeuten? Ist etwas mit Cassie?“

„Cassie Finch ist tot, Ms. Bellini. Sie wurde ermordet.“

Sie schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Das kann nicht sein.“

„Tut mir Leid.“

„Verzeihung, ich …“ Sie tastete hinter sich nach einem Stuhl und ließ sich dann darauf sinken. Einen Moment lang saß sie bewegungslos da, atmete tief ein und aus und schien um Fassung zu ringen.

Als sie schließlich zu ihm aufsah, waren keine Tränen in ihren Augen. „Sie war gestern Nachmittag hier.“

„Wie lange?“

„Ungefähr zwei Stunden. Zwischen drei und fünf.“

„War sie allein?“

„Ja.“

„Hat sie mit jemandem gesprochen?“

Die Frau verschränkte die Finger. „Ja. Mit den üblichen Verdächtigen.“

„Wie bitte?“

„Verzeihung.“ Sie räusperte sich. „Mit den anderen Stammgästen. Es waren die Leute hier, die sonst auch immer kommen.“

„War Stacy Killian gestern hier?“

„Nein. Ist Stacy … ist mit ihr alles in Ordnung?“

„Soweit ich weiß, geht es ihr gut.“ Er schwieg einen Moment. „Es würde uns enorm helfen, wenn Sie die Namen der Leute auflisten könnten, mit denen Cassie verkehrte.“

„Natürlich.“

„Hatte sie irgendwelche Feinde?“

„Nein. Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Irgendwelche Auseinandersetzungen?“

„Nein.“ Ihre Stimme zitterte. „Ich kann das alles gar nicht glauben.“

„Ich habe gehört, sie beschäftigte sich mit Rollenspielen.“ Er wartete. Als sie nicht widersprach, fuhr er fort. „Hat sie immer ihren Laptop mitgebracht?“

„Ja.“

„Sie haben sie nie ohne den Computer gesehen?“

„Nein.“

„Ich würde gern mit Ihren Angestellten sprechen, Ms. Bellini.“

„Natürlich. Nick und Josie kommen um zwei und um fünf. Das da ist Paula. Soll ich sie herrufen?“ Er nickte, zog eine Visitenkarte aus der Jackentasche und reichte sie ihr. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an.“

Es stellte sich heraus, dass Paula noch weniger sagen konnte als ihre Chefin, aber Spencer übergab ihr ebenfalls eine Karte. Er verließ das Café und trat in den kühlen, hellen Morgen hinaus. Die Meteorologin von Kanal 6 hatte vorhergesagt, dass die Quecksilbersäule heute über 21 Grad steigen würde, und nach der Temperatur zu urteilen, die bereits herrschte, würde sie wohl Recht behalten.

Er lockerte seine Krawatte und lief zu seinem Wagen, der am Straßenrand parkte.

„Detective Malone, warten Sie!“

Er drehte sich um. Stacy Killian schlug ihre Autotür zu und eilte ihm entgegen. „Hallo, Ms. Killian.“

Sie zeigte auf den Coffee-Shop. „Haben Sie da al les erfahren, was Sie wissen wollten?“

„Fürs Erste. Was kann ich für Sie tun?“

„Haben Sie im Internet schon nach dem White Rabbit gesucht?“

„Noch nicht.“

„Darf ich fragen, warum das so lange dauert?“

Er blickte auf seine Uhr, dann sah er sie wieder an. „So wie ich das sehe, läuft diese Untersuchung erst seit acht Stunden.“

„Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Fall gelöst wird, verringert sich mit jeder Stunde, die vergeht.“

„Warum haben Sie die Polizei in Dallas verlassen, Ms. Killian?“

„Wie bitte?“

Er bemerkte, wie sie sich versteifte. „Das war eine ganz einfache Frage. Warum sind Sie gegangen?“

„Ich brauchte eine Veränderung.“

„Das war der einzige Grund?“

„Ich wüsste nicht, was das mit dem allen zu tun hätte, Detective.“

Er kniff die Augen zusammen. „Ich hab mich nur gewundert, weil Sie ziemlich scharf drauf zu sein scheinen, meinen Job zu übernehmen.“

Sie errötete. „Cassie war meine Freundin. Ich will nicht, dass der Killer einfach davonkommt.“

„Das will ich auch nicht. Halten Sie sich da raus, und lassen Sie mich meine Arbeit machen.“

Er wollte an ihr vorbeigehen, aber sie hielt ihn am Arm fest. „White Rabbit ist die beste Spur, die Sie haben.“

„Das sagen Sie. Ich bin nicht davon überzeugt.“

„Cassie hat jemanden getroffen, der ihr versprach, sie ins Spiel einzuführen. Sie haben vorgehabt, sich zu treffen.“

„Könnte Zufall sein. Man trifft ständig irgendwelche Leute, Ms. Killian. Sie kommen und gehen, Fremde, die einem täglich über den Weg laufen, die Sachen abliefern, die mit einem reden, wenn man an der Kasse Schlange steht, die etwas aufheben, das einem runtergefallen ist. Aber sie töten nicht.“

„Meistens nicht“, korrigierte sie ihn. „Ihr Computer ist verschwunden, oder nicht? Warum, meinen Sie, ist er weg?“

„Ihr Mörder hat ihn als Trophäe mitgenommen. Oder ihm ist eingefallen, dass er einen benötigt. Oder er ist zur Reparatur.“

„Einige der Spiele werden online durchgeführt. Vielleicht gehört White Rabbit dazu?“

Er schüttelte ihre Hand ab. „Sie übertreiben es, Ms. Killian. Und das wissen Sie.“

„Ich war zehn Jahre bei der Kriminalpolizei …“

„Aber jetzt nicht mehr“, unterbrach er sie. „Sie sind jetzt Zivilistin. Kommen Sie mir nicht in die Quere. Mischen Sie sich nicht in meine Untersuchung ein. Das nächste Mal werde ich Sie nicht mehr so freundlich darum bitten.“

6. KAPITEL

Montag, 28. Februar 2005

11:10 Uhr

Vor Wut schäumend betrat Stacy das Café Noir. Idiotischer, arroganter Aufschneider! Ihrer Erfahrung nach gab es drei Kategorien von schlechten Polizisten. Ganz oben auf der Liste stand der unehrliche Cop. Dann kam der Angepasste. Und dann kam der Aufschneider. Dem ging es nur um sein Image, gelegentlich brachte er durch seine Protzerei sogar die eigenen Kollegen in Gefahr. Er setzte Fälle in den Sand, weil er einzig und allein daran interessiert war, ein gutes Bild abzugeben.

Und sich weigerte, einem Verdacht nachzugehen, den jemand anders geäußert hatte.

Sicher, mehr war es nicht. Nur ein Verdacht. Basierend auf einem Zufall und gutem Gespür.

So viele Jahre hatte sie ihren Instinkten vertraut. Sie würde es nicht zulassen, dass irgendein großspuriger Pistolenheld, der noch grün hinter den Ohren war, diesen Fall versaute. Sie würde sich nicht zurücklehnen und nichts tun, während Cassies Killer frei herumlief.

Stacy atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen, ihre Gedanken von der letzten Begegnung loszureißen und sich auf die nächste zu konzentrieren.

Billie. Sie war sicher völlig am Boden zerstört.

Ihre Freundin stand am Tresen. Mit ihren eins achtzig, den blonden Haaren und dem wunderschönen Gesicht zog sie überall, wo sie auftauchte, die Blicke auf sich. Zudem war sie außerordentlich intelligent und hatte einen ausgesprochen trockenen Humor.

Billie blickte hoch. Sie hatte geweint. Mit ausgestreckten Armen ging Stacy auf sie zu. „Ich bin auch ziemlich fertig.“

Billie ballte die Hände. „Ein Polizist war hier. Ich kann es nicht glauben.“

„Mir geht es genauso.“

„Er hat nach dir gefragt, Stacy. Warum …“

„Ich habe sie gefunden. Und Beth. Und es bei der Polizei gemeldet.“

„Oh, Stacy, wie schrecklich.“

„Erzähl mir, was er gesagt hat.“

Billie winkte ihre Angestellte herüber. „Paula, ich bin jetzt in meinem Büro. Ruf mich, wenn du mich brauchst.“

Die junge Frau sah von einer zur anderen, sie war blass und hatte ebenfalls Tränen in den Augen. Es war nicht zu übersehen, dass Malone sie auch befragt hatte. „Geh nur“, sagte sie mit belegter Stimme. „Keine Sorge, ich hab alles im Griff.“

Billie führte Stacy durch den Vorratsraum in ihr Büro. „Wie geht es dir?“

„Einfach großartig.“ Stacy hörte, wie verärgert sie klang. Am liebsten hätte sie ihre Wut an irgendjemand ausgelassen. Cassie war einer der liebenswürdigsten Menschen gewesen, die sie je kennen gelernt hatte. Sie sah Billie an. „Ich hätte sie retten können.“

„Was? Du konntest doch nicht …“

„Ich war schließlich direkt nebenan. Ich habe eine Waffe, immerhin bin ich mal Polizistin gewesen. Warum habe ich das nicht kommen sehen?“

„Weil du keine Hellseherin bist“, erwiderte Billie leise.

Billie hatte Recht, aber sich Vorwürfe zu machen war einfacher, als sich so hilflos zu fühlen. „Sie hat mir von diesem White Rabbit erzählt. Ich hatte dabei ein komisches Gefühl und sie gebeten, vorsichtig zu sein.“

„Setz dich. Erzähl mir, was vorgefallen ist. Von Anfang an.“

Stacy erzählte alles, und als sie fertig war, sah sie, dass Billie sich nur mit Mühe beherrschten konnte.

„Das ist einfach zu widerlich. Das ist … wer macht denn nur so was? Warum? Cassie ist … “

War.

Vergangenheit.

„Hast du schon mal von dem Spiel gehört, vom White Rabbit?“ fragte sie Billie.

Billie schüttelte den Kopf.

„Ganz sicher nicht?“

„Ganz sicher.“

„Cassie war wirklich begeistert. Sie erzählte von jemandem, der sie und einen erfahrenen Spieler der Gruppe zusammenbringen wollte.“

„Wann?“

„Keine Ahnung. Ich hatte es eilig, ins Seminar zu kommen, und dachte, wir würden uns sowieso später …“ Sie verstummte.

Sehen. Sie hatte gedacht, sie würden sich später sehen.

„Und du meinst, sie hat diese Person getroffen und das könnte was mit ihrem Tod zu tun haben?“

„Das ist möglich. Cassie war so vertrauensselig. Es sähe ihr ähnlich, einen völlig Fremden zu sich mitzunehmen.“

Billie nickte. „Die ganze Geschichte mit dem White Rabbit könnte ein Trick gewesen sein. Diese Person, wer immer das auch ist, wusste womöglich, dass Cassie solche Spiele liebt, und hat das Angebot als Köder benutzt, um in ihr Haus zu kommen.“

„Aber warum?“ Stacy stand auf und begann im Büro hin und her zu gehen. „Offenbar ist Cassie zuerst getötet worden. Und Beth einfach nur, weil sie auch da war. Ich hatte nicht den Eindruck, als wären sie ausgeraubt oder vergewaltigt worden.“

Sie blieb stehen und blickte sich zu Billie um. „Die Polizisten wollten wissen, ob sie einen Computer hatte.“

„Das wurde ich auch gefragt.“

„Was noch?“

„Mit wem Cassie unterwegs war. Ob sie irgendwelche Feinde hatte. Auseinandersetzungen mit irgendjemandem.“

Die üblichen Fragen.

„Hat er nach White Rabbit gefragt?“

„Nein.“

Stacy presste sich die Handballen gegen die Au gen. Ihr Kopf tat höllisch weh. „Ich glaube, sie haben sich nach dem Computer erkundigt, weil sie keinen gefunden haben.“

„Sie hat ihn überallhin mitgenommen. Ich hab sie mal gefragt, ob sie da mit auch ins Bett geht.“ Wie der füll ten sich Billies Augen mit Tränen. „Sie hat gelacht und gemeint, ja, das würde sie tun.“

„Genau. Was bedeutet, der Mörder hat ihn mitgenommen. Die Frage stellt sich, warum?“

„Weil er nicht wollte, dass die Polizei etwas darin findet?“ mut maßte Billie. „Irgendwas, das Hin weise auf ihn liefert. Oder auf sie.“

„Das ist meine Theorie. Was mich wieder zu der Person zurückführt, mit der sie sich treffen wollte.“

„Was wirst du machen?“

„Mich umhören. Mit Cassies Spielkollegen reden. Nachforschen, ob sie irgendwas über dieses White-Rabbit-Spiel wissen. Rausfinden, ob es online oder real in Gruppen gespielt wird. Vielleicht hat sie den anderen von dieser Person erzählt.“

„Ich werde mich auch erkundigen. Eine Menge Leute aus den Spielgruppen kommen hierher, irgendjemand muss doch was wissen.“

Stacy griff nach der Hand ihrer Freundin. „Sei vorsichtig, Billie. Wenn du irgendwie ein komisches Gefühl hast, ruf sofort mich oder Detective Malone an. Wir versuchen jemanden zu entlarven, der mindestens zwei Menschen getötet hat. Glaub mir, derjenige würde nicht zögern, noch einmal zuzuschlagen, um sich selbst zu schützen.“

7. KAPITEL

Dienstag, 1. März 2005

9:00 Uhr

Die Universität von New Orleans, kurz UNO, erstreckte sich über ein achthunderttausend Quadratmeter großes quadratisches Grundstück am Lake Pontchartrain. 1956 auf einem ehemaligen Marineflughafen gegründet, war die UNO hauptsächlich für Studenten vorgesehen, die in der bevölkerungsreichen Region von Louisianas größter Stadt lebten. Die Institute für Schiffbau, Hotel- und Restaurantmanagement und vor allem Film waren besonders hoch angesehen.

Stacy parkte im Zentrum des Universitätsgeländes. In der Cafeteria, so war sich Stacy sicher, würde sie am ehesten auf Cassies Freundinnen treffen. Sie betrat das Gebäude und blickte sich in dem riesigen Raum um. Wie erwartet waren um diese Uhr zeit nicht so viele Studenten hier, aber nach den ersten Seminaren an diesem Morgen würde es voller werden.

Mit einer Tasse Kaffee und einem Muffin setzte sich Stacy an einen Tisch, holte Mary Shelleys „Frankenstein“ vor, das Buch, das sie gerade für ihr Seminar über die Spätromantiker las, schlug es aber nicht auf. Stattdessen süßte sie ihren Kaffee und nahm einen Schluck, während sie über ihre Pläne für den heutigen Tag nachdachte: Cassies Freunde kontaktieren. Sie über White Rabbit ausfragen und den Abend, als Cassie getötet worden war. Sie musste endlich etwas Konkretes herausfinden.

Am Abend vorher hatte sie mit Cassies Mutter gesprochen, die noch unter Schock gestanden hatte und Stacys Fragen wie ein Roboter beantwortete. Sie wollte Cassies Leichnam nach Picayune in Mississippi überführen lassen. Außerdem bat sie Stacy, mit ihr gemeinsam die Andacht vorzubereiten. Cassie hatte viele Freunde, die von ihr Abschied nehmen wollten.

Und die Polizei würde die Gelegenheit nutzen, um zu sehen, wer daran teilnahm.

Mörder, insbesondere, wenn sie sich den Kick aus der Tat holten, nahmen oft an der Beerdigung ihres Opfers teil. Sie neigten auch dazu, später am Grab ihres Opfers zu erscheinen oder den Tatort noch einmal aufzusuchen. Auf diese Weise durchlebten sie noch einmal den Schauer der Erregung.

War der Killer von Cassie und Beth so ein Typ? Stacy glaubte es nicht, denn die beiden waren ja erschossen worden. Doch die Möglichkeit durfte man trotzdem nicht ausschließen. Für jede Regel gab es eine Ausnahme – vor allem was das menschliche Verhalten betraf.

Stacy erkannte zwei Mädchen aus Cassies Spielgruppe. Ella und Magda, wie sie sich erinnerte. Lachend gingen die beiden von der Essensausgabe zu einem Tisch, sie sahen vollkommen unbekümmert aus.

Sie hatten noch keine Ahnung.

Stacy lief zu ihnen hinüber. Als die beiden Mädchen sie erkannten, lächelten sie. „Hallo, Stacy. Wie geht’s?“

„Darf ich mich setzen? Ich muss euch was fragen.“

Die beiden wurden schlagartig ernst. Sie zeigten auf einen der leeren Stühle, und Stacy ließ sich darauf sinken. Sie wollte zuerst nach dem Spiel fragen, denn wenn sie ihnen erst mal von Cassie erzählt hatte, würde sie kaum noch eine brauchbare Antwort erhalten.

„Hat eine von euch schon mal von einem Spiel mit dem Namen White Rabbit gehört?“

Die beiden Frauen wechselten einen Blick. Ella sprach als Erste. „Du spielst doch überhaupt nicht, Stacy. Warum interessiert dich das?“

„Also habt ihr davon gehört.“ Als sie nichts erwiderten, fügte sie hinzu: „Es ist wirklich wichtig. Es hat was mit Cassie zu tun.“

„Mit Cassie?“ Ella runzelte die Stirn und sah auf ihre Uhr. „Sie müsste eigentlich schon längst hier sein. Sie hat uns Sonntagabend eine E-Mail geschickt. Darin stand, sie wäre heute Morgen gegen neun an der Uni, und sie hätte eine Überraschung.“

Eine Überraschung.

White Rabbit.

Stacy beugte sich vor. „Wann genau hat sie die E-Mail geschrieben?“

Die beiden Freundinnen dachten einen Augenblick nach. Ella antwortete zuerst. „Meine gegen 20 Uhr. Und deine, Magda?“

„Ich glaube, ungefähr zur selben Zeit.“

„Habt ihr von dem Spiel gehört?“

Wieder sahen sich die beiden an, dann nickten sie. „Aber wir haben es noch nicht gespielt“, erklärte Magda.

„White Rabbit klingt ein bisschen … drastisch“, fuhr Ella fort. „Es ist total geheim. Wird von Spieler zu Spieler weitergegeben. Um das Spiel zu lernen, musst du jemanden kennen, der es schon spielt. Das ist ein fast schon ein Clan.“

„Wie sieht es mit dem Internet aus? Sicher kann man doch da Informationen finden.“

„Informationen“, murmelte Ella, „sicher. Aber die Anleitung wohl kaum, hab ich jedenfalls nicht gesehen. Du, Mag?“ Sie sah zu ihrer Freundin, die den Kopf schüttelte.

Kein Wunder, dass Cassie so aufgeregt war. Was für ein Coup!

„Spielt man das online? Oder trifft man sich mit den Leuten dafür?“

„Beides, nehme ich an. Wie bei allen Games.“ Ella runzelte leicht die Stirn. „Cassie hat sich lieber mit den Leuten getroffen. Das machen wir alle gern.“

„Das ist kommunikativer“, erklärte Magda. „Am Computer spielen ist mehr was für Leute, die keine Gruppe finden oder die keine Zeit haben, sich mit den anderen zu treffen.“

„Oder sie wollen sich einfach nur diesen Kick holen“, warf Ella ein.

„Welchen?“

„Ihre Gegenspieler auszumanövrieren oder auszutricksen.“

„Hat Cassie erwähnt, ob sie jemanden treffen will, der es spielt?“

„Mir gegenüber nicht.“ Ella sah Magda an. „Hat sie zu dir was gesagt?“

Die andere schüttelte wieder den Kopf.

„Was könnt ihr mir noch darüber sagen?“

„Nicht viel.“ Ella sah wieder auf ihre Uhr. „Wirklich merkwürdig, dass Cassie noch nicht aufgetaucht ist.“ Sie blickte ihre Freundin an. „Überprüf doch mal dein Han…“

In diesem Augenblick rief jemand nach den beiden. Es war Amy. Nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen, hatte sie bereits von Cassie gehört. Stacy wappnete sich für das, was jetzt kommen würde.

„Mein Gott, ich glaub’s nicht!“ rief sie, als sie den Tisch erreicht hatte. „Ich hab gerade was ganz Schreckliches gehört! Cassie ist … ich kann es nicht … sie ist …“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund, ihre Finger zitterten, ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Was ist?“ fragte Magda. „Was ist mit Cassie?“

Amy begann zu weinen. „Sie ist … tot.“

Ella sprang so ruckartig auf, dass ihr Stuhl umfiel. Die Studenten an den anderen Tischen sahen herüber. „Das kann nicht sein, ich hab doch erst vor kurzem mit ihr gesprochen!“

„Ich auch!“ rief Magda. „Was …“

„Die Polizei war heute früh im Wohnheim. Mit euch wollen sie auch reden.“

„Die Polizei?“ fragte Magda voller Panik. „Ich verstehe nicht, was das soll.“

Amy sank auf einen Stuhl und brach erneut in Tränen aus.

„Cassie wurde ermordet“, sagte Stacy leise. „Sonntagnacht.“

„Du lügst!“ schrie Ella verzweifelt. „Wer sollte denn Cassie was antun?“

„Das will ich herausfinden.“

Einen Augenblick schwiegen die drei und starrten Stacy nur ausdruckslos an. Dann schien Ella langsam zu begreifen. „Deshalb hast du die ganzen Fragen über White Rabbit gestellt. Du glaubst …“

„Das Spiel?“ fragte Amy unter Tränen.

„Ich habe Cassie am Freitag gesehen“, erklärte Stacy. „Sie hat jemanden getroffen, der es spielt. Er wollte sie mit einem obersten White Rabbit bekannt machen. Hat sie dir irgendwas darüber erzählt, Amy?“

„Ich hab am Sonntagabend mit ihr gesprochen. Sie meinte, sie hätte heute Morgen eine Überraschung für uns. Sie klang richtig aufgedreht.“

„Wir haben eine E-Mail von ihr bekommen, in der das Gleiche stand“, berichtete Magda.

„Noch irgendwas?“

„Sie musste Schluss machen. Sagte, da wäre jemand an der Tür.“

Stacys Herz schlug schneller. Jemand. Ihr Mörder? „Hat sie einen Namen genannt?“

„Nein.“

„Hat sie angedeutet, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt?“

Amy schüttelte niedergeschlagen den Kopf.

„Um wie viel Uhr war das?“

„Wie ich der Polizei schon gesagt habe, kann ich mich nicht genau erinnern, aber ich denke, es war so um halb zehn.“

Um halb zehn war Stacy noch in ihre Unterlagen für die Uni vertieft gewesen. Ihre Schwester Jane hatte angerufen, sie hatten ungefähr zwanzig Minuten über das Baby geredet, die bemerkenswerte kleine Annie. Stacy hatte nichts gehört oder gesehen.

„Seid ihr sicher, dass sie nichts weiter gesagt hat? Irgendetwas?“

„Nein. Ich wünschte, ich … wenn ich doch nur …“ Amy begann verzweifelt zu schluchzen. Ella drehte sich mit hochrotem Gesicht zu Stacy um. „Wie kommt es, dass du so viel über die Sache weißt?“

„Ich habe sie gefunden. Und Beth.“

„Du warst mal Polizistin, oder?“

„War ich, ja.“

„Und jetzt spielst du den Cop? Durchlebst wieder deine glorreichen Tage?“

Sie fühlte sich von dem Vorwurf ihrer Kommilitonin überrumpelt. „Wohl kaum. Für die Polizei ist Cassie einfach nur ein weiteres Opfer. Für mich war sie viel mehr. Ich möchte sichergehen, dass derjenige, der das getan hat, nicht damit durchkommt.“

„Ihre Ermordung hatte nichts mit den Rollenspielen zu tun!“

„Woher willst du das wissen?“

„Alle zeigen immer mit dem Finger auf uns.“ Ellas Stimme zitterte. „So nach dem Motto, die Spiele würden aus Kindern Zombies oder Killermaschinen machen. Das ist Blödsinn. Vielleicht solltest du besser mit diesem Schwachkopf Bobby Gautreaux reden.“

Stacy runzelte die Stirn. „Müsste ich den kennen?“

„Wohl eher nicht.“ Magda schlang die Arme um ihren Körper und wiegte sich vor und zurück. „Er und Cassie waren letztes Jahr zusammen. Sie hat Schluss mit ihm gemacht. Das hat er nicht gerade gut verkraftet.“

Ella sah Magda an. „Nicht gut verkraftet? Zuerst hat er mit Selbstmord gedroht. Dann wollte er sie umbringen!“

„Aber das war letztes Jahr“, sagte Amy leise. „Das hat er bestimmt aus der Wut heraus gesagt.“

„Kannst du dich nicht erinnern, was sie uns vor zwei Wochen erzählt hat?“ wollte Ella wissen. „Sie hatte den Verdacht, dass er sie verfolgt.“

Amy riss die Augen auf. „O Gott, das hatte ich ganz vergessen.“

„Ich auch“, musste Magda einräumen. „Was machen wir jetzt?“

Alle sahen Stacy an. Drei junge Frauen, deren Leben gerade eine dramatische Wendung genommen hatte, die soeben die Realität von ihrer hässlichsten Seite kennen lernten.

„Was meinst du?“ fragte Magda mit zitternder Stimme.

Dass dies alles ändert. „Ihr müsst das der Polizei erzählen. Und zwar sofort.“

„Aber Bobby hat sie wirklich geliebt“, sagte Amy. „Er würde ihr nicht wehtun. Er hat geheult, als sie sich von ihm trennte. Er …“

Stacy unterbrach sie. „Ob du es glaubst oder nicht, es gibt genauso viele Morde, die aus Liebe verübt werden, wie aus Hass. Vielleicht sogar noch mehr. Laut Statistik sind meist Männer die Täter, außerdem verfolgen meist Männer ihre früheren Partnerinnen und müssen durch ein Unterlassungsurteil von ihnen fern gehalten werden.“

„Du meinst, Bobby hat sie verfolgt? Aber warum soll er denn ein Jahr warten, bis er …“ Sie war offensichtlich unfähig, die Worte auszusprechen.

Aber sie hingen schwer im Raum.

Bis er sie umbringt.

„Einige von den Typen sind brutal und schlagen ohne Skrupel sofort zu. Andere denken erst darüber nach und warten auf den richtigen Augenblick. Sie lassen ihre Wut nicht einfach raus. Wenn er sie verfolgt hat, dann fällt Bobby Gautreaux in die zweite Kategorie.“

„Mir ist schlecht“, stöhnte Magda und stützte den Kopf in die Hände.

Amy strich ihr über den Rücken. „Es wird schon alles gut.“

Aber natürlich war gar nichts gut. Das war allen klar.

„Wo kann ich diesen Bobby Gautreaux finden?“ erkundigte sich Stacy.

„Er studiert Schiffbau“, sagte Ella.

„Ich glaube, er hat in einem der Wohnheime ein Zimmer“, sagte Amy. „Jedenfalls war das letztes Jahr noch der Fall.“

„Bist du sicher, dass er immer noch an der UNO studiert?“ hakte Stacy nach.

„Ich hab ihn gestern erst auf dem Campus gesehen. Hier, in der Cafeteria.“

Stacy stand auf und packte ihre Sachen zusammen. „Ruf Detective Malone an. Sag ihm, was du mir gesagt hast.“

„Was wirst du jetzt machen?“ wollte Magda wissen.

„Ich versuche Bobby Gautreaux zu finden. Und zwar will ich ihm ein paar Fragen stellen, bevor die Polizei das macht.“

„Über White Rabbit?“ fragte Ella scharf.

„Unter anderem.“

Ella stand auf. „Vergiss das mit dem Spiel. Das ist eine Sackgasse.“

Sie fand es merkwürdig, dass eine von Cassies so genannten Freundinnen mehr Interesse daran zu haben schien, den Ruf ihrer Spiele zu wahren, als den Mörder der Freundin zu überführen. Stacy blickte ihr direkt in die Augen. „Das kann sein. Aber Cassie ist tot. Und ich werde gar nichts vergessen, bevor wir nicht wissen, wer sie umgebracht hat.“

Ellas Widerstand bröckelte. Sie sank mit niedergeschlagenem Gesicht auf den Stuhl zurück.

Stacy musterte sie einen Augenblick. Als sie gehen wollte, hielt Magda sie zurück.

„Überlass es nicht der Polizei, hörst du? Wir werden dir helfen, so gut wir können. Sie war unsere Freundin.“

8. KAPITEL

Dienstag, 1. März 2005

10:30 Uhr

Da die UNO eine Universität für Studenten des Einzugsbereiches war, gab es nur drei Wohnheime, und eines davon war ausschließlich Studenten mit Familie vorbehalten. Bobby Gautreaux würde wohl in einem der anderen Häuser wohnen, entweder Bienville Hall oder Privateer Place.

Stacy war klar, dass es keinen Sinn hatte, im Immatrikulationsbüro nach seiner Zimmernummer zu fragen, aber vielleicht würde sie in der Fakultät der Schiffsbauingenieure Glück haben. Schnell legte sie sich einen Plan zurecht und besorgte alles, was sie dafür brauchte. Dann machte sie sich auf den Weg zum Gebäude der Schiffsbau-Fakultät, das sich am anderen Ende des Campus befand.

Jedes Institut verfügte über ein eigenes Sekretariat, und die Sekretärin kannte ihre Abteilung in- und auswendig, wusste über die Studenten und alle Mitarbeiter Bescheid und kannte deren Eigenheiten genau. Innerhalb ihrer Domäne war sie geradezu allmächtig. Die Frau, die in der Schiffsbau-Fakultät regierte, hatte ein Mondgesicht und ein breites Lächeln.

Eine von der mütterlichen Art. Sehr gut.

„Hallo“, sagte Stacy freundlich. „Ich heiße Stacy Killian, Studentin am Institut für Anglistik.“

Das Lächeln der Sekretärin wurde noch breiter. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich suche Bobby Gautreaux.“

Die Frau runzelte leicht die Stirn. „Bobby hat sich heute noch nicht blicken lassen.“

„Hat er denn kein Seminar am Dienstag?“

„Ich denke, doch. Moment mal.“ Sie schwenkte mit dem Stuhl zu ihrem Computer herum und tippte Bobbys Namen ein. „Also, er hatte heute früh ein Seminar, aber ich habe ihn nicht gesehen. Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen?“

„Ich bin eine Freundin seiner Familie. Letztes Wochenende war ich zu Besuch, Bobbys Mutter hat mich gebeten, ihm das hier zu bringen.“ Sie hielt einen Briefumschlag mit einer Karte hoch, den sie gerade im Buchladen gekauft hatte und auf dem jetzt Bobbys Name stand.

Die Frau streckte lächelnd die Hand aus. „Ich werde es ihm gerne geben.“

„Ich habe versprochen, es ihm persönlich zu geben. Sie hat darauf bestanden. Er wohnt in Bienville Hall, nicht?“

Das Gesicht der Sekretärin wurde wachsam. „Das weiß ich nicht.“

„Könnten Sie nicht mal nachsehen?“ Stacy lehnte sich etwas vor und senkte die Stimme. „Da ist Geld drin. Hundert Dollar. Wenn ich es aus der Hand gebe und irgendwas passiert … Ich würde mir das nie verzeihen.“

Die Frau spitzte den Mund. „Für Bargeld kann ich nun wirklich nicht die Verantwortung übernehmen.“

„Das meine ich ja“, stimmte ihr Stacy zu. „Je eher ich es Bobby gebe, desto besser.“

Die Frau zögerte noch einen Moment und musterte sie abschätzend. Dann nickte sie schließlich. „Wir wollen sehen, ob ich was finde.“

Sie wandte sich wieder dem Bildschirm zu und tippte ein paar Daten ein. „Bienville Hall, Zimmer 210.“

„Zimmer 210“, wiederholte Stacy lächelnd. „Vielen Dank, Sie waren mir eine große Hilfe.“

Bienville Hall, ein nicht sehr ansehnliches, aber zweckmäßiges, 1969 erbautes Hochhaus, befand sich direkt gegenüber der Mensa für die Ingenieursstudenten.

Sie ging hinein. Die Zeiten der streng nach Geschlechtern getrennten Gebäude hatte das gleiche Schicksal er eilt wie die Dinosaurier, keiner der Studenten beachtete sie.

Sie lief in den ersten Stock zum Zimmer 210. Als sich nichts auf ihr Klopfen hin rührte, klopfte sie erneut.

Immer noch keine Reaktion. Sie blickte sich um, registrierte, dass außer ihr niemand auf der Etage war, und drückte betont lässig die Klinke herunter.

Die Tür ließ sich tatsächlich öffnen.

Stacy betrat das Zimmer. Was sie gerade tat, war illegal, doch jetzt, wo sie keine Polizistin mehr war, nicht unbedingt eine strafbare Handlung. Merkwürdig, aber wahr. Stacy blickte sich schnell in dem ordentlichen Raum um. Interessant. Dafür waren Junggesellen ja nicht gerade bekannt. Welche Überraschungen hielt Bobby Gautreaux noch bereit?

Sie ging zum Schreibtisch. Drei sorgfältig gestapelte Papierhaufen lagen auf der Platte. Sie blätterte alle kurz durch, dann zog sie die Schreibtischschublade auf und berachtete den Inhalt. Als sie nichts Verdächtiges fand, schloss sie das Fach wieder. Sie wurde auf ein Foto aufmerksam, das an der Korkwand über dem Schreibtisch steckte. Von Cassie. Im Bikini lächelte sie in die Kamera.

Er hatte eine Zielscheibe auf ihr Gesicht gemalt.

Aufgeregt sah sich Stacy die anderen Fotos an. Es hingen noch weitere Schnappschüsse von seiner Exfreundin an der Pinnwand, einmal mit Teufelshörnern und Schwanz verziert, einmal mit dem Spruch „Schmore in der Hölle, Hexe“.

Er war entweder unschuldig – oder unglaublich blöd. Wenn er sie tatsächlich getötet hatte, wusste er, dass die Polizei ihn aufsuchen würde. Diese Bilder an seiner Pinnwand würden ihm mit Sicherheit eine Menge Ärger einbringen.

„Was soll denn das?“

Sie drehte sich um. Der Typ an der Tür sah aus, als hätte er eine harte Nacht hinter sich. Er sah aus wie das Model für ein Poster der Anonymen Alkoholiker.

Oder wie ein lebendiges Fahndungsfoto.

„Die Tür war offen.“

„Blödsinn. Raus hier.“

„Du bist Bobby, nicht?“

Sein Haar war nass, das Handtuch hing über seiner Schulter. „Wer will das wissen?“ fragte er, nachdem er sie von oben bis unten gemustert hatte.

„Eine Freundin.“

„Aber nicht von mir.“

„Ich bin eine Freundin von Cassie.“

Etwas Hässliches machte sich auf seinem Gesicht breit. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Leck mich. Ich hab seit einer Ewigkeit nicht mehr mit Cassie gesprochen. Verpiss dich.“

Stacy ging auf ihn zu. Sie legte den Kopf ein wenig in den Nacken und blickte ihm in die Augen. „Komisch, für mich hatte es eher den Anschein, als hättet ihr beide noch vor kurzem miteinander geredet.“

„Dann ist sie nicht nur eine blöde Kuh, sondern auch eine Lügnerin.“

Stacy sah ihn wütend von oben bis unten an. Er hatte dunkles lockiges Haar und dunkelbraune Augen, ein Geschenk seiner französisch-griechischen Vorfahren. Wenn er nicht so schlecht drauf gewesen wäre, hätte man ihn als gut aussehend bezeichnen können.

„Sie meinte, du wüsstest etwas über das Spiel White Rabbit.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich fast unmerklich. „Und was?“

„Du kennst das Spiel, ja?“

„Ja, ich kenn’s.“

„Schon mal gespielt?“

Er zögerte. „Nein.“

„Du klingst nicht überzeugend.“

„Und du hörst dich an wie ein Bulle.“

Sie kniff die Augen zusammen. Dieser Typ war nicht besonders sympathisch. Ein Mistkerl, ganz und gar. Mit solchen Typen hatte sie bei der Kripo in Dallas täglich zu tun gehabt. Sie wünschte, sie hätte noch ihre Polizeimarke. Es wäre zu schön gewesen, zu sehen, wie er sich in die Hosen machte.

Bei dem Gedanken musste sie grinsen. „Wie ich schon sagte, ich bin nur eine Freundin, die ein paar Nachforschungen betreibt. Erzähl mir was über White Rabbit.“

„Was willst du denn wissen?“

„Wie das Spiel läuft, was es ist, wie es funktioniert. So was in der Art.“

Er verzog die Lippen. Wahrscheinlich sollte es sowas wie ein Lächeln sein. „Das ist jdenfalls kein normales Spiel. Ziemlich düster. Und hart.“

Sein Gesicht er wachte langsam zum Le ben. „Stell dir vor, Dr. Seuss trifft Lara Croft, Tomb Raider. Der Schauplatz ist Wunderland. Alles ganz schön verrückt. Eine eigenartige Welt.“

Klang eher albern. „Du sagst, es wäre düster. Was meinst du damit?“

„Du bist keine Spielerin, was?“

„Nein.“

„Dann leck mich doch.“

Er wandte sich ab, sie hielt ihn am Arm zurück. „Erklär’s mir, Bobby.“

Er sah sie lange an. „White Rabbit ist ein Spiel, bei dem der Beste überlebt. Der Gerissenste, Intelligenteste. Der Letzte, der Unbesiegte, nimmt alles.“

„Nimmt alles?“

„Töte oder werde getötet. Das Spiel ist erst zu Ende, wenn nur noch einer der Charaktere am Leben ist.“

„Woher weißt du so viel über das Spiel, wenn du es noch nie gespielt hast?“

Er schüttelte ihre Hand ab. „Ich habe meine Verbindungen.“

„Du kennst jemanden, der es spielt?“

„Möglich.“

„Reizend. Kennst du jemanden oder nicht?“

„Ich kenne den ganz Großen. Den ersten White Rabbit.“

Bingo. „Wer ist das?“

„Derjenige, der das Spielerfunden hat. Ein Typ namens Leonardo Noble.“

„Leonardo Noble“, wiederholte sie und überlegte, ob sie schon von ihm gehört hatte.

„Er lebt in New Orleans. Hab ihn mal bei CoastCon gehört. Er ist echt cool, aber auch irgendwie verrückt. Wenn du was über das Spiel wissen willst, musst du zu ihm gehen.“

Sie trat einen Schritt zurück. „Das werde ich. Danke für deine Hilfe, Bobby.“

„Kein Thema. Ich bin immer froh, einer Freundin von Cassie helfen zu können.“

Irgendwas an seinem Grinsen erinnerte sie an ein Reptil. Sie ging um ihn herum zur Tür.

„Hast du schon gehört?“ rief er ihr hinterher, als sie bereits draußen war. „Cassie hat sich umbringen lassen.“

Stacy drehte sich langsam um. „Was hast du gesagt?“

„Jemand hat Cassie erledigt. Diese Lesbe Ella hat mich angerufen, vollkommen hysterisch. Hat behauptet, ich wär’s gewesen.“

„Und, warst du’s?“

„Leck mich doch.“

Stacy schüttelte den Kopf, sie konnte es nicht fassen. „Sag mal, bist du tatsächlich so bescheuert? Willst du dich weiter so aufblasen? Kapierst du denn nicht? Du bist bei der Kripo im Moment der Spitzenkandidat. Ich rate dir, dein Verhalten zu ändern, mein Freund, die Polizei fackelt nicht lange.“

Zwei Minuten später trat sie in den grauen, windigen Tag hinaus. Detective Malone und sein Partner kamen ihr entgegen. „Hallo, Jungs!“ grüßte sie freundlich.

Malone machte ein finsteres Gesicht, als er sie erkannte. „Was machen Sie hier?“

„Bin nur mal vorbeigekommen, um den Freund einer Freundin zu besuchen. Das verstößt doch wohl nicht gegen das Gesetz, oder?“

Tony unterdrückte ein Lachen. Malone sah sie wütend an. „Sich in eine laufende Untersuchung einzumischen, schon.“

„Hat jemand gesagt, dass ich das getan habe?“

„Es soll eine Warnung sein.“

„Angekommen und registriert.“ Stacy lächelte. „Sehen Sie sich mal die Pinnwand über dem Schreibtisch an“, sagte sie dann. „Das wird Sie bestimmt interessieren.“

9. KAPITEL

Dienstag, 1. März

2005 13:40 Uhr

Spencers Roastbeef-Sandwich wurde vor seiner Nase kalt. Zuerst war Bobby Gautreaux trotzig gewesen. Er war ihnen mit einer geballten Ladung Arroganz begegnet – bis sie auf die Fotografie mit der aufgemalten Zielscheibe zeigten. Und als sie erklärten, dass sie ihn zum Verhör mitnehmen würden, war er kreidebleich vor Schreck geworden.

Auf Grund der Aussagen von Cassie Finchs Freundinnen und der belastenden Fotos an der Pinnwand hatten sie einen Durchsuchungsbefehl für Gautreaux’ Zimmer und Auto beantragt. Sollte die Durchsuchung dann kein weiteres Belastungsmaterial zu Tage fördern, waren sie schließlich gezwungen, ihn freizulassen.

„Hallo, Hübscher.“ Tony kam herübergeschlendert und drückte sich in den Stuhl vor Spencers Schreibtisch.

„Hi Spaghetti. Wie geht’s dem Jungen?“

„Nicht gut. Unruhig. Sieht aus, als würde er jeden Moment kotzen.“

„Hat er nach einem Anwalt gefragt?“

„Daddy hat er angerufen, und Daddy besorgt einen.“ Er betrachtete das Sandwich. „Isst du das noch?“

„Hast du nichts zu Mittag bekommen?“

Er verzog das Gesicht. „Hasenfutter. Salat mit fettarmer Soße.“

„Betty hat dich wieder auf Diät gesetzt.“

„Nur zu meinem Besten, sagt sie. Sie versteht nicht, warum ich nicht abnehme.“

Spencer zog die Augenbrauen hoch. Nach dem Puderzucker auf dem Hemd seines Kollegen zu urteilen, hatte er sich heute Morgen mal wieder ein paar Doughnuts genehmigt. „Ich glaube, das liegt an den Süßigkeiten. Ich könnte sie ja mal anrufen und …“

„Tu das, wenn dir dein Leben egal ist, Junior.“

Spencer lachte und verspürte plötzlich einen unbändigen Hunger. Er zog den Teller mit seinem Sandwich näher und machte ein riesiges Theater daraus, als er einen großen Bissen nahm. Bratensoße und Mayonnaise quollen zu beiden Seiten des Brötchens hervor.

„Du bist ein richtiger kleiner Wichser, weißt du das?“

Spencer wischte sich den Mund mit der Serviette ab. „Ja, das weiß ich. Aber sag bitte nie ‚klein‘ in diesem Zusammenhang, das ist uncool.“

Tony lachte. Zwei der Kollegen blickten zu ihnen herüber. „Was hältst du von Gautreaux?“

„Abgesehen davon, dass er ein Scheißkerl ist?“

„Ja, abgesehen davon.“

Spencer zögerte. „Die Umstände sind ziemlich belastend für ihn.“

„Ich höre ein Aber in deiner Stimme.“

„Es ist zu einfach.“

„Einfach ist doch gut. Wie ein Geschenk. Nimm es mit einem: ‚Danke, lieber Gott‘ und lächle.“

Spencer schob das Sandwich zur Seite, um an den Hefter darunter zu kommen. Er enthielt Autopsieberichte von Cassie Finch und Beth Wagner. Anmerkungen zum Tatort. Fotografien. Namen von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten.

Spencer zeigte auf den Hefter. „Die Autopsie hat bestätigt, dass sie von den Kugeln getötet wurde. Kein Anzeichen von Vergewaltigung oder anderen Verletzungen. Die Fingernägel waren sauber. Sie hat es nicht kommen sehen. Der Pathologe hat den Tod auf 23:45 Uhr geschätzt.“

„Toxikologisch?“

„Kein Alkohol, keine Drogen.“

„Mageninhalt?“

„Nichts von Bedeutung.“

Tony lehnte sich im Stuhl zurück, das Gestell quietschte. „Spuren?“

„Etwas Textilfaser und Haare. Das Labor ist dabei, es zu untersuchen.“

„Der Schütze hat sie wohlüberlegt kaltgemacht“, sagte Tony. „Das passt zu Gautreaux.“

„Aber warum sollte er sie vor Zeugen verfolgen und ihr drohen, sie dann töten und so erdrückende Beweismittel an seiner Pinnwand hängen lassen?“

„Weil er blöd ist.“ Tony lehnte sich zu ihm vor. „Das sind doch die meisten von ihnen. Wenn’s nicht so wäre, hätten wir ganz schöne Probleme.“

„Sie hat ihn reingelassen. Es war spät. Warum sollte sie das tun, wenn sie doch Angst vor ihm hatte, wie ihre Freundinnen behaupten?“

„Vielleicht weil sie auch blöd war.“ Tony blickte sich um, dann sah er Spencer wieder an. „Du wirst es noch lernen, Junior. Meist sind die Bösen saudumme Brutalos und die Opfer naive, vertrauensselige Idioten. Und deshalb werden sie erledigt. Traurig, aber wahr.“

„Und Gautreaux nahm den Laptop mit, weil er ihr Liebesbriefe oder wütende Drohungen per E-Mail geschickt hat.“

„Du hast es erfasst, mein Freund. Bei Mordfällen ist mit größter Wahrscheinlichkeit das passiert, wonach es aussieht. Wir werden Gautreaux weiter unter Druck setzen und hoffen, dass die Laborbefunde uns einen direkten Zusammenhang zwischen ihm und dem Opfer aufzeigen.“

„Schon ist der Fall erledigt“, sagte Spencer und griff nach seinem Sandwich. „Genau so, wie wir es gern haben.“

10. KAPITEL

Mittwoch, 2. März 2005

11:00 Uhr

Stacy hielt vor dem Haus Nummer 3135 in der Esplanade Avenue, wo Leonardo Noble wohnte. Mit den Informationen von Bobby Gautreaux hatte sie im Internet ein wenig über Mr. Noble recherchiert. Sie hatte erfahren, dass er tatsächlich der Erfinder des White-Rabbit-Spiels war. Und wie Gautreaux behauptet hatte, wohnte er in New Orleans.

Nur ein paar Blocks vom Café Noir entfernt.

Stacy schaltete den Motor aus und blickte zu dem Haus hinüber. Die Esplanade Avenue war einer der großen alten Boulevards von New Orleans, breit und von riesigen immergrünen Eichenbäumen beschattet. Die Stadt lag zweieinhalb Meter unter dem Meeresspiegel, die Esplanade Avenue war einmal, so wie viele Straßen in New Orleans, ein Wasserweg gewesen, der trockengelegt worden war. Warum die Siedler gemeint hatten, der Sumpf wäre ein gutes Wohngebiet, wollte ihr nicht einleuchten.

Aber nun ja, aus dem Sumpf war New Orleans geworden.

Dieses Ende der Esplanade Avenue wurde nach dem historischen Wasserweg Bayou St. John genannt. Neben aufwändig restaurierten Villen fanden sich verfallene Gebäude, Restaurants und Geschäfte. Die Straße endete als Sackgasse am Mississippi, am äußeren Ende des French Quarters.

Ihre Online-Recherche hatte ein paar interessante Informationen über den Mann ergeben, der sich selbst einen modernen Leonardo da Vinci nannte. Er lebte erst seit zwei Jahren in New Orleans. Davor war Südkalifornien seine Heimat gewesen.

Stacy rief sich das Bild des Mannes ins Gedächtnis. Kalifornien passte zu ihm weitaus besser als das traditionsreiche New Orleans. Seine Erscheinung war unkonventionell – ein Drittel kalifornischer Surfer, ein Drittel verrückter Wissenschaftler und ein Drittel schnieker Unternehmer. Nicht direkt gut aussehend mit seinem wild gelockten blonden Haar und der Drahtbrille, aber dennoch ein auffallender Typ.

Stacy erinnerte sich an die zahlreichen Artikel, die sie über den Mann und sein Spiel gefunden hatte. Er war Anfang der achtziger Jahre Student an der Universität von Kalifornien in Berkeley gewesen. Dort hatten er und ein Freund das White-Rabbit-Spiel entworfen. Das war aber nicht alles: Er hatte Anzeigenkampagnen entworfen, Videospiele und sogar einen Bestseller-Roman geschrieben, der mit großem Erfolg verfilmt worden war.

Stacy hatte erfahren, dass die Idee zum Spiel White Rabbit aufgrund von Lewis Carrolls Roman „Alice im Wunderland“ entstan den war. Nicht sehr originell: Eine An zahl von Künstlern hatte sich von Carrolls fantastischer Geschichte inspirieren lassen, inklusive der Rockgruppe Jefferson Airplane mit ihrem Hit „White Rabbit“ von 1967.

Stacy atmete tief durch und versuchte sich zu sammeln. Sie hatte beschlossen, dem Hinweis auf White Rabbit nachzugehen. Sie hoffte, dass Bobby Gautreaux der Mörder war, aber Hoffnung war nicht die Lösung. Sie wusste, wie Polizisten arbeiteten. Inzwischen würden Malone und sein Partner ihre ganze Aufmerksamkeit und Energie auf Gautreaux verwenden. Warum sollte man kostbare Zeit damit verschwenden, andere, vage Spuren zu verfolgen, wenn man so einen wunderbaren Verdächtigen hatte? Er war die einfachere Wahl. Die logische. Viele Fälle wurden gelöst, weil die am meisten verdächtige Person tatsächlich der Täter war.

In den meisten Fällen.

Nicht in allen.

Die Polizei hatte viele Fälle zu bearbeiten; sie hofften immer auf eine schnelle Lösung.

Aber sie war keine Polizistin mehr. Und sie hatte nur einen einzigen Fall. Den Mord an ihrer Freundin.

Stacy öffnete die Wagentür. Wenn Bobby Gautreaux weg fiel, konnte sie dem dynamischen Polizistenduo eine weitere Spuranbieten. Sie stieg aus. Die Residenz der Nobles war ein Schmuckstück, sehr fachmännisch restauriert. Das Grundstück – zu dem ein Gästehaus gehörte – umfasste einen ganzen Häuserblock. Drei massive Eichen zierten den Vorgarten, ihre ausladenden Äste waren mit Spanischem Moos bewachsen. Sie lief zum schmiedeeisernen Eingangstor. Als sie unter den Ästen der Eichen entlangging, entdeckte sie, dass sie zu knospen anfingen. Sie hatte gehört, dass der Frühling in New Orleans etwas außerordentlich Sehenswertes sei, und sie freute sich bereits, das bald selbst beurteilen zu können.

Stacy stieg die Stufen zur vorderen Empore hinauf. Sie hatte keine Polizeimarke. Die Nobles hätten also überhaupt keinen Grund, mit ihr zu reden, geschweige denn ihr Informationen zu geben, die sie zum Mörder führen könnten.

Sie besaß keine Polizeimarke; aber sie beabsichtigte, so zu tun, als hätte sie eine.

Stacy klingelte und schlüpfte in die Rolle der Kriminalbeamtin. Das war eine Frage von Auftreten und Haltung. Gesichtsausdruck. Stimme.

Und das Aufblitzenlassen eines imaginären Dienstausweises.

Einen Augenblick später öffnete eine Hausangestellte die Tür. Stacy lächelte souverän und klappte ihren Personalausweis auf, um ihn gleich wieder zuzuschlagen. „Ist Mr. Noble zu Hause?“

Wie erwartet sah die Frau zuerst überrascht aus, dann zeigte sich Neugier auf ihrem Gesicht. Sie machte einen Schritt zur Seite, damit Stacy eintreten konnte. „Einen Moment, bitte“, sagte sie und schloss die Tür hinter ihr.

Während Stacy wartete, studierte sie das Innere des Hauses. Eine ausladende gebogene Treppe führte von der Diele ins erste Stockwerk. Zu ihrer Linken lag ein Salon, zur Rechten ein Speiseraum. Der Eingangsbereich ging in einen weiten Flur über, der höchstwahrscheinlich zur Küche führte. Ein großes Blue-Dog-Gemälde von George Rodrigue aus New Orleans schmückte den Treppenaufgang; daneben hing ein traditionelles Landschaftsbild. Im Speiseraum sah sie ein altes Kinderportrait, eine dieser schrecklichen Darstellungen, in denen Kinder wie kleine Erwachsene erschienen.

„Das Bild gehörte zum Haus“, erklang eine weibliche Stimme vom oberen Treppenabsatz. Stacy drehte sich um. Die Frau, offensichtlich zum Teil asiatischer Abstammung, sah umwerfend aus. Sie war eine dieser kühlen, beherrschten Schönheiten, die Stacy bewunderte und verachtete – beides aus demselben Grund.

Stacy beobachtete, wie sie die Stufen herunterstieg. Die Frau kam auf sie zu und streckte ihr die Hand entgegen. „Es ist ziemlich hässlich, nicht?“

„Wie bitte?“

„Das Portrait. Ich mag es gar nicht ansehen, aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hängt Leo daran.“ Ihr Lächeln wirkte eher eingeübt als warmherzig. „Ich bin Kay Noble.“

Die Ehefrau. „Stacy Killian“, sagte sie. „Danke, dass Sie mich empfangen.“

„Mrs. Maitlin sagt, Sie wären Polizistin?“

„Ich untersuche einen Mordfall.“ Das war nicht gelogen.

Die Frau zog ein wenig die Augenbrauen hoch. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ich hatte gehofft, mit Mr. Noble sprechen zu können. Ist er da?“

„Tut mir Leid, nein. Aber ich bin seine Geschäftsführerin. Vielleicht können Sie mit mir vorlieb nehmen?“

„Vor einigen Tagen wurde eine Frau ermordet. Sie war eine Anhängerin von Fantasy-Spielen. Am Abend ihres To des hat sie sich mit jemandem getroffen, der sie in das Spiel Ihres Mannes einführen wollte.“

„Meines Exmannes“, korrigierte sie. „Leo hat eine Menge Rollenspiele erfunden. Welches meinen Sie?“

„Das Spiel, das einfach nicht totzukriegen ist.“ Leonardo Noble stand plötzlich an der Tür zum Salon. Das Erste, was ihr auffiel, war seine Größe – er war viel größer, als er auf dem Pressefoto wirkte. Das jungenhafte Grinsen ließ ihn jünger aussehen als fünfundvierzig.

„White Rabbit.“ Er durchquerte mit großen Schritten den Raum und streckte den Arm aus. „Ich bin Leonardo.“

Sie reichte ihm die Hand. „Eine Frau mit dem Namen Cassie Finch ist am letzten Sonntag getötet worden. Sie war ein begeisterter Fan von Rollenspielen. Am Freitag vor ihrem Tod hat sie einer Freundin erzählt, sie hätte jemanden getroffen, der White Rabbit spielt, und er soll ein Treffen zwischen ihr und einem Supreme White Rabbit vermittelt haben.“

Leo Noble spreizte die Finger. „Ich verstehe immer noch nicht, was das mit mir zu tun hat.“

Sie zog einen kleinen Spiralblock aus ihrer Jackentasche, einen von der gleichen Art, die sie früher als Detective benutzt hatte. „Ein anderer Spieler hat Sie als den Supreme White Rabbit bezeichnet.“

Er lachte, dann entschuldigte er sich. „Natürlich ist das alles nicht lustig. Es ist die Bezeichnung … Supreme White Rabbit. Also wirklich.“

„Sind Sie das als Erfinder des Spiels nicht?“

„Das behaupten manche. Sie stellen mich als eine Art mystische Figur hin. So was wie einen Gott.“

„Sehen Sie sich selbst so?“

Wieder lachte er. „Ganz bestimmt nicht.“

Kay mischte sich ein. „Deshalb nennen wir es das Spiel, das nicht totzukriegen ist. Die Fans sind regelrecht besessen.“

Stacy betrachtete dieses ungleiche Paar. „Warum?“ wollte sie wissen.

„Keine Ahnung.“ Leonardo schüttelte den Kopf. „Wenn ich es wüsste, würde ich so was Magisches noch mal erfinden.“ Er lehnte sich vor, begeistert wie ein Junge. „Denn das ist es, müssen Sie wissen. Magie. Es berührt die Leute auf eine ganz persönliche Art. Und ist außerordentlich intensiv.“

„Sie haben das Spiel nie veröffentlicht. Warum?“

Er warf seiner Exfrau einen Blick zu. „Ich bin nicht der alleinige Erfinder von White Rabbit. Mein bester Freund und ich haben es 1982 zusammen entwickelt, als wir an der Uni in Berkeley studiert haben. Es hat sofort total eingeschlagen und verbreitete sich dann schnell durch Mundpropaganda von Berkeley zu anderen Unis.“

„Der Name Ihres Freundes?“ fragte Stacy.

„Dick Danson“, antwortete Leonardo.

Sie notierte sich den Namen, während Noble weiterredete. „Wir bildeten eine Geschäftspartnerschaft, um White Rabbit und andere Projekte, an denen wir arbeiteten, zu veröffentlichen. Aber wir hatten eine Auseinandersetzung, bevor es dazu kommen konnte.“

„Eine Auseinandersetzung?“ wiederholte Stacy. „Weshalb?“

Noble sah aus, als wäre ihm das Thema unangenehm. Er wechselte wieder einen Blick mit seiner Exfrau. „Sagen wir einfach mal, ich habe entdeckt, dass Dick nicht der war, für den ich ihn gehalten hatte.“

„Sie haben die Partnerschaft aufgelöst“, berichtete Kay. „Mit der Auflage für beide, nichts von dem zu veröffentlichen, was sie zusammen entwickelt hatten.“

„Das muss sehr schwierig gewesen sein“, bemerkte Stacy.

„Nicht so schwierig, wie Sie vielleicht denken. Ich hatte eine Menge Möglichkeiten. Viele Ideen. Und er genauso. Und White Rabbit war bereits im Umlauf, deshalb glaubten wir nicht so viel zu verlieren.“

„Zwei White Rabbits“, murmelte Stacey.

„Wie bitte?“

„Sie und ihr ehemaliger Partner. Als Co-Autoren könnten Sie beide den Titel des Supreme White Rabbit tragen.“

„Das könnte so sein. Allerdings lebt er nicht mehr.“

„Er lebt nicht mehr?“ wiederholte sie. „Wie lange schon?“

Er dachte kurz nach. „Seit ungefähr drei Jahren. Er ist umgekommen, bevor wir hierher zogen. Von einer Klippe an der Monterey-Küste gestürzt.“

Stacy schwieg einen Moment. „Spielen Sie das Spiel, Mr. Noble?“

„Nein. Ich habe schon seit Jahren an keinen solchen Spielen mehr teilgenommen.“

„Darf ich fragen, warum?“

„Hab das Interesse verloren. Bin rausgewachsen. So wie alles, was man exzessiv betreibt, gibt es einem keinen Kick mehr.“

„Also haben Sie sich den Kick woanders geholt.“

Er grinste sie breit an. „So etwas in der Art.“

„Haben Sie Kontakt zu irgendwelchen Spielern hier?“

„Nein.“

„Haben sich einige von denen an Sie gewandt?“

Er zögerte. „Nein.“

„Sie scheinen sich nicht so sicher zu sein.“

„Doch, das ist er“, mischte sich Kay ein und blickte demonstrativ auf ihre Uhr. Stacy sah die aufblitzenden Diamanten. „Tut mir Leid, dass ich das Gespräch jetzt abbrechen muss.“ Sie stand auf. „Aber Leo kommt sonst zu spät zu seinem Treffen.“

„Natürlich.“ Stacy erhob sich ebenfalls und steckte den Notizblock zurück in die Jackentasche.

Sie begleiteten sie zur Tür. Als sie draußen war, drehte sie sich noch einmal um. „Nur noch eine letzte Frage, Mr. Noble. In einigen Artikeln, die ich gelesen habe, wurde behauptet, dass ein Zusammenhang zwischen Fantasy-Spielen und Gewalttätigkeit besteht. Glauben Sie das auch?“

Auf den Gesichtern der beiden erschien ein merkwürdiger Ausdruck. Leonardos Lächeln verschwand zwar nicht, doch wirkte es mit einem Mal gezwungen.

„Nicht die Waffentöten. Menschen, Detective Killian. Sondern die Menschen töten Menschen. Das ist meine Überzeugung.“

Seine Antwort schien lange eingeübt, zweifellos hatte man ihm diese Frage schon sehr oft gestellt. Sie hätte gern gewusst, wann er begonnen hatte, an der Richtigkeit seiner Antwort zu zweifeln.

Stacy bedankte sich und ging zu ihrem Wagen. Als sie davor stand, drehte sie sich um. Die beiden waren bereits wieder im Haus verschwunden. Merkwürdig, fand sie. Irgendwas fand sie an den beiden höchst seltsam.

Sie starrte einen Moment auf die geschlossene Tür, dachte über die eben geführte Unterhaltung nach und überlegte, was sie davon halten sollte.

Sie glaubte nicht, dass die beiden gelogen hatten. Allerdings war sie sicher, dass sie auch nicht mit der vollen Wahrheit herausgerückt waren. Stacy schloss die Autotür auf und setzte sich hinters Steuer. Aber warum?

Das würde sie versuchen herauszufinden.

11. KAPITEL

Donnerstag, 3. März 2005

11:00 Uhr

Spencer beobachtete aus dem hinteren Teil des Newman Religious Centers, wie die Freunde von Cassie Finch und Beth Wagner der Reihe nach die Kirche verließen. Die ökumenische Kapelle auf dem Gelände der UNO sah, wie alle anderen Gebäude hier, schrecklich zweckmäßig aus. Zudem war sie zu klein, um die vielen Leute aufzunehmen, die Cassie und Beth die letzte Ehre erweisen wollten.

Spencer kämpfte gegen die bleierne Müdigkeit an. Er hatte den Fehler begangen, sich am Abend vorher mit ein paar Freunden im Shannon’s zu treffen. Eins hatte zum anderen geführt, und er war erst um zwei Uhr aus der Kneipe gekommen.

Heute zahlte er dafür. Und das nicht zu wenig.

Er zwang sich, einen genaueren Blick auf die Gesichter zu werfen. Stacy Killian, mit starrem Gesichtsausdruck, begleitet von Billie Bellini. Die Mitglieder von Cassies Spielgruppe, alle, mit denen er gesprochen hatte, Beths Freund und Familie. Und Bobby Gautreaux.

Das fand er interessant. Sehr interessant.

Der Junge hatte vor ein paar Ta gen den Coolen gespielt, jetzt bot er ein Bild der Verzweiflung.

Verzweifelt, weil es ihm jetzt an den eigenen Kragen ging, keine Frage.

Die Durchsuchung seines Wagens und der Wohnung hatte keine direkten Hinweise ergeben – bisher. Die Jungs vom Labor arbeiteten sich immer noch durch Hunderte von Fingerabdrücken und Spuren, die sie vom Tatort mitgenommen hatten. Er hatte Gautreaux nicht aufgegeben. Der Knabe war bisher das Beste, was er hatte.

Vom anderen Ende des Raumes fing er den Blick von Mike Benson, seinem Kollegen, auf. Spencer nickte Benson unauffällig zu und stieß sich von der Wand ab. Er folgte den Studenten hinaus in den hellen, kühlen Tag.

Tony war während der Andacht draußen vor dem Eingang postiert gewesen. Polizeifotografen hatten sich mit Teleobjektiven aufgestellt, um die Gesichter der Trauernden aufzunehmen, Dokumente, die ihnen später vielleicht einige Hinweise geben könnten.

Spencer ließ den Blick über die Gruppe schweifen. Falls es doch nicht Gautreaux gewesen war, hatte sich der Killer unter die Leute gemischt? Sah er sich alles an? Verbarg er seine Aufregung, während er Cassies Tod noch einmal durchlebte? Oder amüsierte er sich? Lachte er sie alle aus, gratulierte er sich zu seiner Durchtriebenheit?

Er konnte nichts entdecken. Nicht das Geringste. Niemand in der Trauergemeinde verhielt sich besonders auffällig. Keiner machte den Eindruck, als gehörte er dort nicht hin. Frust machte sich in ihm breit. Ein Gefühl von totaler Unzulänglichkeit. Unfähigkeit.

Verdammt, er wollte diese Verantwortung nicht tragen. Er hatte das Gefühl zu ersticken.

Stacy löste sich aus der Gruppe ihrer Freunde und kam auf ihn zu. Er nickte zur Begrüßung. „Guten Morgen, Expolizistin Killian.“

„Heben Sie sich Ihren Charme für jemand anders auf, Malone. Auf mich ist er verschwendet.“

„Tatsächlich, Ms. Killian? Hier nennt man so was gutes Benehmen.“

„In Texas nennen wir so was Schwachsinn. Ich weiß, warum Sie hier sind, Detective. Ich weiß, wonach Sie suchen. Irgendjemand Auffälliges?“

„Nein. Aber ich kannte bisher nicht alle Freunde von ihr. Ist Ihnen jemand ins Auge gefallen?“

„Nein.“ Sie seufzte frustriert. „Außer Gautreaux.“

Er folgte ihrem Blick. Der junge Mann stand außerhalb der Gruppe von Freunden. Der Mann neben ihm war sein Anwalt, wie Spencer wusste. Auf Spencer wirkte es so, als müsste der Junge sich alle Mühe geben, um traurig auszusehen.

„Ist das sein Anwalt, der neben ihm steht?“ fragte sie.

„Ja.“

„Ich dachte, die kleine Ratte wäre im Gefängnis.“

„Wir haben nicht genug Beweise, um ihn zu verhaften. Aber wir arbeiten dran.“

„Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“

„Ja. Wir warten immer noch auf die Berichte aus dem Labor.“

Sie hatte sich mehr erhofft, vielleicht die Tatwaffe oder irgendein anderer untrüglicher Hin weis. Sie blickte zu Gautreaux hinüber, dann wieder zu Spencer. Er sah, dass sie wütend war. „Er trauert nicht“, sagte sie. „Er tut so, als wäre er völlig fertig, aber das ist er nicht. Das macht mich sauer.“

Er legte ihr die Hand auf den Arm. „Wir werden nicht aufgeben, Stacy, das verspreche ich Ihnen.“

„Glauben Sie wirklich, das würde mich beruhigen?“ Sie sah weg, dann wandte sie sich ihm wieder zu. „Wissen Sie, was ich den Hinterbliebenen und Freunden der Opfer immer erzählt habe? Dass ich nicht aufgeben würde. Das habe ich versprochen. Aber das war Blödsinn. Denn es gab immer noch einen anderen Fall, ein anderes Opfer.“

Sie beugte sich zu ihm, ihre Augen glänzten von ungeweinten Tränen. „Diesmal werde ich wirklich nicht aufgeben“, erklärte sie ihm mit belegter Stimme.

Dann drehte sie sich um und ging. Er konnte nicht anders, er sah ihr bewundernd nach. Sie war hart im Nehmen, daran bestand kein Zweifel. Ein bisschen zu entschlossen. Aggressiv. Auf eine Art anmaßend, wie es wenige Frauen waren, hier sowieso.

Und scharfsinnig. Das musste er ihr zugestehen.

Spencer kniff die Augen leicht zusammen. Vielleicht auch scharfsinniger, als gut für sie war.

Tony kam zu ihm herübergeschlendert. Er folgte Spencers Blick. „Hast du was von der stacheligen Ms. Killian bekommen?“

„Außer Kopfschmerzen? Nein.“ Er blickte seinen Partner erwartungsvoll an. „Wie sieht es bei dir aus? Irgendjemand aufgefallen?“

„Nichts da. Aber das bedeutet nicht, dass der Mistkerl nicht hier war.“

Spencer nickte und wandte sich wieder zu Stacy um. Sie stand neben Cassies Mutter und Schwester. Sie hielt die Hand der älteren Frau und lehnte sich vertraulich zu ihr vor. Sie sagte etwas zu ihr, ihr Gesichtsausdruck wirkte fast wütend.

Er drehte sich wieder zu seinem Kollegen um. „Wir sollten Stacy Killian im Auge behalten.“

„Meinst du, dass sie uns etwas vorenthält?“

Das glaubte er nicht. Aber er war überzeugt, dass sie in der Lage und entschlossen genug war, Informationen zu bekommen, die sie benötigten. Und das könnte Aufmerksamkeit erregen. Bei den falschen Leuten. „Ich glaube, sie ist gerissener, als gut für sie ist.“

„Das muss nicht unbedingt schlecht sein. Sie könnte vielleicht sogar den Fall für uns lösen.“

„Oder dabei umgebracht werden.“ Er sah seinem älteren Kollegen wieder in die Augen. „Ich will diese Geschichte mit dem White Rabbit weiterverfolgen.“

„Was hat deine Meinung geändert?“

Killian. Ihr Verstand.

Und ihr Mut.

Aber das würde er Tony nicht erzählen. Der würde ihm ewig lange Vorträge deshalb halten. Stattdessen zuckte er nur die Schultern. „Da keine anderen Spuren da sind, kann es ja nicht schaden.“

12. KAPITEL

Donnerstag, 3. März 2005

15:50 Uhr

„Das ist es“, Spencer zeigte auf Leonardo Nobles Villa in der Esplanade Avenue. „Halte hier.“

Tony gehorchte und stieß einen langen Pfiff aus. „Scheint so, als könnte man mit Spaß und Spiel fett Geld verdienen.“

Spencer grunzte nur, den Blick auf die Residenz der Nobles gerichtet. Er hatte ein paar Nachforschungen angestellt und herausgefunden, dass Leonardo Noble, der Erfinder von White Rabbit, keine Vorstrafen hatte und keine Schul den, nicht mal ein unbezahltes Knöllchen. Das hieß nicht, dass er die Unschuld in Person war. Vielleicht nur gerissen genug, sich nicht erwischen zu lassen, sollte er etwas auf dem Kerbholz haben.

Sie gingen zum schmiedeeisernen Tor und betraten das Grundstück. Kein Hund bellte. Keine Alarmanlage ging los. Spencer sah zum Haus: kein einziges Gitter an den unteren Fenstern. Offensichtlich fühlte sich Noble sicher. In einem Bezirk wie diesem war es ziemlich riskant, seinen Reichtum so zur Schau zu stellen.

Sie klingelten, und eine Frau in schwarzem Kleid und gestärkter weißer Schürze öffnete. Sie fragten nach Leonardo Noble. Kurz darauf kam ein athletisch gebauter Mann in den Vierzigern mit wild gelocktem Haar heraus, um sie zu begrüßen.

Er streckte die Hand aus. „Leonardo Noble. Womit kann ich Ihnen dienen?“

Spencer schüttelte ihm die Hand. „Detective Malone. Mein Partner, Detective Sciame. NOPD.“

Er sah sie erwartungsvoll mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Wir untersuchen den Mord an einer UNO-Studentin.“

„Ich wüsste nicht, was ich Ihnen sonst noch erzählen könnte.“

„Bisher haben Sie uns ja nichts erzählt, Mr. Noble.“

Der Mann lachte. „Tut mir Leid. Ich habe schon mit Ihrer Kollegin gesprochen. Detective Killian. Stacy Killian.“

Es dauerte einen Moment, bis Spencer klar wurde, was die Worte des Mannes bedeuteten, und eine weitere Sekunde, um seine Wut im Zaum zu halten. „Es tut mir Leid, Ihnen das sagen zu müssen, Mr. Noble, aber man hat Sie hinters Licht geführt, bei der NOPD arbeitet keine Stacy Killian.“

Der Mann sah sie verwirrt an. „Aber ich habe mit ihr gesprochen. Gestern.“

„Hat Sie Ihnen ihren …“

„Leo, was ist los?“ Eine schöne Dunkelhaarige kam an die Tür und stellte sich neben Leonardo Noble.

„Kay, Detective Malone und Detective Sciame. Meine Geschäftsführerin Kay Noble.“

Sie schüttelte beiden die Hand und lächelte ihnen freundlich zu. „Und seine Exfrau.“

Spencer erwiderte ihr Lächeln. „Das erklärt den Namen.“

„Ja.“

Der Erfinder räusperte sich. „Sie sagen, die Frau gestern war gar keine Kriminalbeamtin.“

Kay runzelte die Stirn.

„Hat Sie Ihnen ihre Dienstmarke gezeigt, Madam?“

„Mir nicht, unserer Hausangestellten. Ich werde sie holen. Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.“

Spencer hatte Mitleid mit der Haushälterin. Kay Noble machte nicht den Eindruck, als würde sie solche Fehler durchgehen lassen.

Kurze Zeit später kam sie mit der Frau zurück, die ziemlich niedergeschlagen aussah. „Sag den Kriminalbeamten, was du mir gerade erzählt hast, Valerie.“

Die Haushälterin – in den Sechzigern mit stahlgrauem Haar, das sie zu einem französischen Knoten gebunden hatte – rang die Hände. „Die Frau hat kurz eine Dienstmarke gezückt … oder etwas, was ich dafür hielt. Sie wollte mit Mr. Noble sprechen.“

„Sie haben sich den Ausweis nicht näher angesehen?“

„Nein. Ich … Sie sah aus wie eine Polizistin und klang so …“ Sie beendete den Satz nicht und räusperte sich. „Ich bin untröstlich, dass das passiert ist. Ich verspreche, dass so was nie wieder vorkommt.“

Bevor Kay Noble etwas dazu sagen konnte, mischte sich Spencer schnell ein. „Ich denke nicht, dass irgendein Schaden entstanden ist. Sie ist eine Freundin des Opfers und war auch Polizistin. Aber nicht bei der NOPD.“

„Es ist kein Wunder, dass Sie sich haben täuschen lassen“, fügte Tony dazu, „sie beherrscht das ganze Polizeigehabe blind.“

Die Haushälterin sah erleichtert aus. Kay Noble wütend. Leonardo überraschte alle, indem er laut loslachte.

„Das ist ja wohl kaum lustig, Leonardo“, fauchte Kay.

„Natürlich ist es das“, erwiderte er amüsiert. „Ich jedenfalls finde es sehr komisch.“

Sie lief rot an. „Aber sie hätte sonst wer sein können. Was wäre gewesen, wenn Alice …“

„Nichts ist passiert. Wie der Detective schon sagte, wurde kein Schaden angerichtet.“ Er umarmte sie kurz, dann wandte er sich an Spencer. „Also, meine Herren, wie kann ich Ihnen helfen?“

Eine halbe Stunde später bedankten sich Spencer und Tony bei Leonardo Noble und gingen zu ihrem Auto. Der Erfinder hatte ihnen alle Fragen beantwortet. Er hatte Cassie Finch nicht gekannt. Er war nie an der UNO gewesen und auch nicht im Café Noir. Er stand ebenso wenig in Kontakt mit irgendwelchen White-Rabbit-Spielern aus der Gegend oder kannte jemanden aus der Gruppe. Er hatte erklärt, dass er und ein Freund das Spiel erfunden, aber niemals veröffentlicht hätten und dass der andere Erfinder des Spiels nicht mehr am Leben wäre.

Die beiden Beamten sagten kein Wort, bis sie im Wagen saßen. „Was hältst du davon?“ fragte Spencer.

„Eins zu null für die Kleine.“

„Leck mich, Spaghetti.“

Tony lachte. „Nein danke, kein Bedarf, ist nicht mein Ding, ehrlich gesagt.“

„Ich hab übrigens von Noble gesprochen. Was hältst du von ihm?“

„Er ist schon ziemlich eigen. Und diese Geschichte mit seiner Exfrau als Geschäftsführerin. So was könnte ich unmöglich machen.“

„Du bist schon seit Ewigkeiten mit Betty verheiratet.“

„Ja, aber wenn wir’s nicht mehr wären, würde sie mich komplett verrückt machen.“

„Meinst du, er ist ehrlich?“

„Machte auf mich den Eindruck, ist aber schwer zu sagen, nachdem wir ihn nicht überrascht haben.“

„Killian“, schimpfte Spencer. „Sie ist mir im Weg.“

„Was wirst du dagegen unternehmen?“

Spencer kniff die Augen zusammen. „Das Café Noir ist direkt um die Ecke. Lass uns mal nachsehen, ob die übereifrige Ms. Killian da ist.“

13.KAPITEL

Donnerstag, 3. März 2005

16:40 Uhr

Stacy sah, wie Detective Malone und sein Kollege Sciame das Café betraten und auf sie zukamen. Malone schien ganz schön sauer zu sein.

Er hatte wohl von ihrem Besuch bei Leonardo Noble erfahren.

Tut mir Leid, Jungs. Wir leben in einem freien Land.

„Hallo, Detectives“, sagte sie, als die beiden sich ihrem Tisch näherten. „Kaffeepause? Oder brauchen Sie etwas Geselligkeit?“

„Sich als Polizistin auszugeben ist eine strafbare Handlung, Ms. Killian“, begann Spencer.

„Das weiß ich.“ Sie lächelte unschuldig und schloss ihren Laptop. „Aber was hat das mit mir zu tun?“

„Verarschen Sie mich nicht. Wir haben mit Noble gesprochen.“

„Leonardo Noble?“

„Natürlich Leonardo Noble. Erfinder des Spiels White Rabbit, von Fans der Supreme White Rabbit genannt.“

„Es freut mich, dass Sie ihm Beachtung geschenkt haben.“

Hinter Spencer räusperte sich Tony. Sie konnte sehen, dass er ein Lachen unterdrücken musste. Sie fand Tony Sciame sympathisch. Es war gut, wenn man in diesem Job Humor besaß.

„Aber trotzdem verstehe ich noch nicht ganz, was das nun mit mir zu tun hat.“

„Sie haben ihm erzählt, Sie wären Kriminalbeamtin der NOPD.“

„Nein, das hat er angenommen. Oder vielmehr seine Haushälterin.“

„Was Sie auch beabsichtigt haben.“

Das bestritt sie nicht. „Als ich das letzte Mal die Gesetze durchgelesenhab, stand das noch nicht unter Strafe. Es sei denn, in Louisiana gibt es andere Gesetze als in Texas.“

„Ich könnte Sie wegen Behinderung der Ermittlungen festnehmen.“

„Aber das tun Sie nicht. Hören Sie …“ Sie stand auf und stellte sich direkt vor ihn. „Sie könnten mich festnehmen und für ein paar Stunden hinter Gitter bringen, mir richtig Ärger machen. Aber letztendlich könnten Sie mich nicht verhaften, weil es dafür keine Handhabe gibt.“

„Da hat sie Recht, Hübscher“, stimmte Tony zu.

„Wir müssen uns einigen, Stacy. Sie können nicht potenzielle Verdächtige ausfragen, bevor wir mit ihnen gesprochen haben. Wir brauchen sie unvorbereitet, damit wir ihre Reaktion auf unsere Fragen abschätzen können. Das wissen Sie auch, schließlich wa ren Sie selbst ein Cop. Wir können nicht zu lassen, dass Sie den Zeugen Hinweise geben. Ihnen Ideen in den Kopf setzen, die sie vorher nicht hatten. Das verdirbt den Wert ihrer Aussage. Ich würde das schon als Behinderung bezeichnen.“

„Ich könnte helfen“, sagte sie. „Und das wissen Sie.“

„Sie haben keine Dienstmarke. Sie sind draußen. Tut mir Leid.“

Natürlich würde sie sich nicht abbringen lassen. Nicht bis sie sicher sein konnte, dass die Ermittlungen auf solidem Grund standen. Aber das wollte sie ihnen nicht auf die Nase binden. „Betrachten Sie mich dann als eine Quelle. Eine Informantin.“

Tony nickte erfreut. „Gut, wenn Sie eine Spur haben, sagen Sie es uns. Ich habe damit überhaupt kein Problem. Du, Hübscher?“

Stacy mied den Blick des jüngeren Beamten. Er fiel nicht auf ihre Unterwürfigkeit herein. War etwas pfiffiger als der Durchschnitt, immerhin.

„Kein Problem“, sagte er.

„Dann bin ich froh, dass das geklärt ist.“ Tony rieb sich die Hände. „So, was können Sie denn hier empfehlen?“

„Ich mag besonders den Cappuccino, aber es ist alles gut hier.“

„Ich denke, ich werde mal eins von diesen gefrorenen Dingern bestellen, die die Teenager immer trinken. Willst du auch was?“

Spencer schüttelte den Kopf, den Blick immer noch auf Stacy geheftet.

„Was ist?“ fragte sie, als Tony weggegangen war.

„Warum tun Sie das?“

„Ich habe es Ihnen gesagt. Bei der Gedenkfeier.“

„Das ist aber nicht klug, Stacy. Sich in diese Untersuchung einzumischen. Sie sind keine Polizistin mehr. Sie waren die Erste am Tatort. Sie könnten sehr gut diejenige sein, die Cassie Finch als Letzte lebend gesehen hat.“

„Ganz sicher nicht die Letzte. Dann wäre ich diejenige, die sie getötet hat. Und wir beide wissen, dass ich es nicht war.“

„Ich weiß es nicht.“

Sie stöhnte frustriert auf. „Ich bitte Sie, Malone.“

„Das Spiel ist aus.“ Er beugte sich zu ihr. „Tatsache ist, ich vertrete das Gesetz, Sie nicht. Das ist das letzte Mal, dass ich Sie freundlich bitte. Kommen Sie mir nicht in die Quere.“

Stacy sah ihm nach, als er zu seinem Partner hinüberging, der gerade den ersten Schluck Eiskaffee mit Schokolade trank, den er bestellt hatte. Sie lächelte in sich hinein.

Möge der Bessere gewinnen, Freunde.

14. KAPITEL

Freitag, 4. März 2005

22:30 Uhr

Die Earl K. Long Bibliothek befand sich in der Mitte des UNO-Geländes, gegenüber dem Innenhof. Sechzigtausend Quadratmeter Fläche erstreckten sich über vier Stockwerke. Wie die meisten Gebäude des Universitätsgeländes war die Bibliothek in den sechziger Jahren gebaut worden.

Stacy saß an einem Tisch im Multimedia Center, wo die Mikrofilme, Mikrofiches, Videos und Audiomaterial archiviert wurden. Seit sie am Nachmittag aus dem letzten Seminar gekommen war, recherchierte sie über Rollenspiele. Sie war müde und hungrig, hatte hämmernde Kopfschmerzen, wollte aber keinesfalls die Bibliothek verlassen. Die Informationen, die sie über die Rollenspiele, insbesondere White Rabbit, gefunden hatte, waren faszinierend.

Und ziemlich beunruhigend. Ein Artikel nach dem anderen brachte Rollenspiele mit Selbstmord, gemeinsamem Todespakt und auch Mord in Verbindung. Eltern von Spielern fürchteten um die geistige Gesundheit ihrer Kinder, berichteten über dramatische Veränderungen in deren Verhalten, über Spielsucht. Es gab Initiativen, die auf die Gefahr dieser Rollenspiele aufmerksam machen wollten und die Hersteller dräng ten, ihre Produkte mit entsprechenden Warnhinweisen zu versehen.

Die Indizienbeweise für die Gefährlichkeit von Spielen waren so beeindruckend, dass mehrere Politiker sich dem Kampf angeschlossen hatten, auch wenn bis jetzt noch nichts dabei herausgekommen war. Allerdings bezeichneten viele, die sich eben falls mit den Spielen beschäftigten, die Behauptungen als nicht beweisbar und hysterisch, räumten aber ein, dass das Material in den falschen Händen zu einem gefährlichen Werkzeug werden konnte.

Nicht die Spiele waren gefährlich, sondern die Besessenheit. Eine Variation von Leo Nobles Behauptung, dass nicht die Waffen töteten, sondern die Menschen.

Stacy rieb sich geistesabwesend die Schläfen, sie sehnte sich nach einer Tasse starken Kaffees oder einem Schokoplätzchen. Eins davon – oder auch beides – hätte ihre Kopfschmerzen lindern können. Sie blickte auf die Uhr. Die Bibliothek schloss um elf. So lange konnte sie nun auch noch durchhalten.

Sie widmete sich wieder dem Material, das sie vor sich hatte. Das Spiel, über das am meisten berichtet wurde, war Dungeons & Dragons. Es war als Erstes auf dem Markt gewesen und erfreute sich noch immer größter Beliebtheit. White Rabbit hingegen war nie offiziell veröffentlicht worden. Und doch hatte Stacy mehrere Hinweise darauf gefunden. Eine Elterngruppe bezeichnete es als „entsetzlich verrucht“, eine andere als „alarmierend gewalttätig“.

Sie nahm eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Wahrscheinlich verließ gerade jemand die Bibliothek, ein Nachzügler wie sie. Die anderen Studenten hatten ihre Jagd nach Wissen oder guten Noten schon aufgegeben und waren auf dem Weg nach Hause, um fernzusehen, oder mit Freunden auf einen Drink losgezogen.

Um elf würden die Sicherheitsbeamten im obersten Stockwerk beginnen, alle Studenten hinauswerfen, und sich bis ins Erdgeschoss vorarbeiten.

Ihre Gedanken wanderten zu Spencer Malone. Zu ihrer Auseinandersetzung. Sie konnte froh sein, dass er sie nicht angezeigt hatte. An seiner Stelle hätte sie es wahrscheinlich getan. Einfach aus Prinzip.

Warum provozierte Detective Malone bei ihr dieses aggressive Verhalten?

Etwas an ihm erinnerte sie an Mac.

Als sie an ihren ehemaligen Kollegen bei der Polizei von Dallas dachte, der auch ihr Liebhaber gewesen war, wurde ihr die Brust eng. Weil es weh tat? Oder aus Sehnsucht? Nicht nach ihm, denn der Mann, den sie geliebt hatte, existierte nicht. Aber sie sehnte sich nach Freundschaft. Und Hingabe.

Sie zog scharf die Luft ein. Dieser Abschnitt ihres Lebens war vorüber. Sie hatte Macs Betrug überlebt; er war der Grund dafür gewesen, dass sie ihr Leben in die Hand genommen hatte. Es verändert hatte. Sie war dadurch stärker geworden.

Sie brauchte keinen Mann, oder Liebe, um glücklich zu sein.

Verbissen machte sie mit ihren Nachforschungen weiter. Verschiedene Studien zeichneten ein Bild vom typischen Spielertypen: überdurchschnittlich intelligent und kreativ mit einer lebhaften Fantasie. Ansonsten kamen sie aus allen Gesellschaftsschichten und Einkommensklassen. Die Spiele, so schien es, stellten ein Ventil dar. Sie boten Aufregung und die Möglichkeit, Dinge zu durchleben, die in der Realität nicht möglich waren. Hinter den Regalen hörte sie ein Geräusch. Es klang wie ein Atmen.

„Hallo!“ rief sie. „Ist da jemand?“

Stille. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken. Sie war lange genug Polizistin gewesen, um zu spüren, wenn etwas nicht stimmte. Und nur selten hatte sie sich getäuscht. Adrenalin schoss durch ihr Blut, sie tastete automatisch nach ihrer Pistole, als sie langsam aufstand.

Kein Schulterhalfter. Keine Pistole.

Sie war keine Polizistin mehr.

Stacys Blick fiel auf den Kugelschreiber: richtig angewandt eine tödliche Waffe. Und am effektivsten, wenn der Stoß auf die Schädelbasis, die Kehle oder ein Auge erfolgte. Entschlossen nahm sie ihn in die rechte Hand.

„Ist da jemand?“ rief sie erneut, diesmal energischer.

Sie hörte das Rumpeln des Fahrstuhls, der auf dem Weg nach oben war. Der Sicherheitsdienst vom Campus beim Räumen des Gebäudes. Gut. Eine Unterstützung, falls sie die benötigen sollte.

Sie ging auf die Regale zu, mit klopfendem Herzen, den Kugelschreiber zum Einsatz bereit. Aus der anderen Richtung kam ein Geräusch. Sie wirbelte herum. Die Lichter gingen aus. Die Tür zum Treppen haus flog auf, sie konnte nur einen Schatten erkennen, der hinausstürzte.

Bevor sie ihm nachrufen konnte, wurde sie von hinten gepackt und gegen eine starke Brust gezerrt. Ein Arm hielt sie so fest umklammert, dass sie sich nicht bewegen konnte. Eine Hand presste sich auf ihren Mund und hinderte sie daran, zu schreien oder den Kopf zu bewegen.

Das musste ein ziemlich kräftiger Typ sein. Stacy zwang sich mühsam, nicht in Panik zu geraten. Groß. Er überragte sie um einiges, sie schätzte ihn auf über eins achtzig. Und er wusste, was er tat; der Winkel, in dem er ihren Kopf hielt, würde es ihm leicht ermöglichen, ihr das Genick zu brechen. Durch seine Größe und Kraft war er auf jeden Fall im Vorteil. Sich jetzt zu wehren, zu strampeln und um sich zu schlagen, wäre sinnlos und Verschwendung von kostbarer Energie.

Stacy umklammerte den Kugelschreiber noch fester, wartete auf die richtige Gelegenheit, überzeugt, dass sie sich bieten würde. Er hatte das Überraschungsmoment genutzt, um sie zu schnappen; sie würde das Gleiche tun.

„Halte dich raus“, flüsterte er mit gedämpfter, verstellter Stimme. Er kam mit dem Mund dicht heran und fuhr mit der Zunge in ihr Ohr. Ihr wurde übel, sie fürchtete, sich übergeben zu müssen. „Oder ich besorge es dir mal richtig“, fuhr er fort. „Verstanden?“

Allerdings. Er drohte, sie zu vergewaltigen.

Das würde dieser Mistkerl noch bedauern.

Hier war die Gelegenheit. Überzeugt, dass sie vor Angst wie gelähmt war, lockerte er seinen Griff. Er wollte sie vorwärts schieben, wie sie annahm. Und dann loslaufen. Da reagierte sie. Sie wirbelte blitzschnell herum, packte ihn mit der Linken und stieß ihm mit der Rechten den Kugelschreiber in den Magen. Sie spürte das warme Blut an ihren Fingern.

Vor Schmerz aufheulend stolperte er rückwärts. Sie wich ebenfalls zurück und fiel in einen Bücherwagen. Der Rollwagen kippte um, die Bücher krachten auf den Boden.

Der Strahl einer Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit. „Wer ist da?“

„Hier!“ rief sie und rappelte sich schnell wieder hoch. „Hilfe!“

Ihr Angreifer war aufgestanden und rannte los. Er erreichte die Tür zum Treppenaufgang, kurz bevor der Sicherheitsbeamte sie fand.

„Miss, sind Sie verl…“

„Die Treppe“, stammelte sie. „Er ist da lang gerannt.“

Der Mann verschwendete keine Zeit mit Worten. Er rannte los, während er über Funk nach Verstärkung rief.

Stacy stand mit wackligen Beinen da. Sie hörte die hämmernden Schritte des Sicherheitsbeamten auf den Stufen, aber sie bezweifelte, dass er den Mann schnappen würde. Zwar war er verwundet, hatte aber doch einen zu großen Vorsprung.

Das Licht ging wieder an. Stacy blinzelte. Als sich ihre Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, sah sie die verstreuten Bücher, den umgekippten Wagen und eine Blutspur, die zum Treppenhaus führte.

Eine Bibliotheksangestellte lief besorgt auf sie zu. „Ist alles in … Oh mein Gott, Sie bluten ja!“

Stacy blickte an sich hinunter. Ihr Hemd und die rechte Hand waren blutig. „Das ist seines. Ich habe ihm meinen Kugelschreiber in den Magen gerammt.“

Die Frau wurde ganz blass. Aus Angst, sie könnte ohnmächtig wer den, führte Stacy sie zu einem Stuhl. „Le gen Sie den Kopf zwischen die Knie, das hilft.“

„Und jetzt atmen“, fügte sie dazu, als die Frau ihren Anweisungen folgte. „Tief durch die Nase ein und aus.“

Nach ein paar Minuten hob die Frau den Kopf. „Ist mir das peinlich. Sie sind doch diejenige, die eigentlich …“

„Schon gut. Geht’s Ihnen jetzt besser?“

„Ja, Sie …“ Sie holte noch ein paar Mal tief Luft. „Sie haben Glück gehabt.“

„Glück gehabt?“

„Dass er Sie nicht vergewaltigt hat. Die anderen Mädchen …“

„Hatten nicht so viel Glück.“

Stacy drehte sich um. Der Sicherheitsbeamte, der ihr zu Hilfe gekommen war, kehrte zurück. Er sah jung aus. So um die fünfundzwanzig. „Sie haben ihn nicht erwischt, was?“

„Nein, tut mir Leid“, sagte er frustriert. Er zeigte auf ihre Hand und das blutverschmierte Hemd. „Haben Sie sich verletzt?“

„Sie hat mit dem Kugelschreiber auf ihn eingestochen“, erklärte die Bibliotheksangestellte.

Der Sicherheitsbeamte blickte sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Ungläubigkeit an. „Tatsächlich?“

„Ich war zehn Jahre Polizistin“, erwiderte sie. „Ich weiß, wie ich mich verteidigen kann.“

„Das ist gut“, sagte er. „Es gab dieses Jahr hier auf dem Campus drei Vergewaltigungen, alle während des Herbstsemesters. Wir dachten, er wäre inzwischen weitergezogen.“

Stacy hatte von den Vergewaltigungen gehört und war von ihrem Dozenten gewarnt worden. Sie glaubte nicht, dass der Mann, der sie angegriffenhatte, dieser Vergewaltiger war. Wenn er über sie hätte herfallen wollen, warum dann vor her die Warnung, sie solle sich raushalten? Warum hatte er dann Anstalten gemacht, sie loszulassen? Ein Vergewaltiger hätte sie doch zu Boden gezerrt und versucht, ihr die Kleider vom Leib zu reißen.

Nein. Das passte nicht zusammen, was Stacy auch sagte.

„Der Hergang war derselbe. Er hat Frauen angegriffen, die abends allein auf dem Campus waren. Alle drei Übergriffe sind zwischen zehn und elf Uhr abends passiert. Der erste hier in der Bibliothek.“

„Das war der Typ nicht. Er hatte nicht vor, mich zu vergewaltigen.“ Sie berichtete, wie alles abgelaufen war. Wie er ihr ins Ohr geflüstert hatte, sie solle sich heraushalten. „Er hatte vor, mich gehen zu lassen. Das war der Moment, wo ich ihn angegriffen habe.“

„Sind Sie sicher, alles richtig verstanden zu haben?“

„Ja. Absolut.“

Der Beamte sah nicht überzeugt aus. „Das passt genauso gut zu dem Verhalten des Vergewaltigers. Er flüstert den Opfern was ins Ohr.“

Stacy runzelte die Stirn. „Warum hat er mich dann nach seiner Warnung wieder losgelassen?“

Der Beamte und die Bibliotheksangestellte wechselten einen Blick. „Sie sind durcheinander. Verständlich. Sie haben einen Schock …“

„Und denke nicht klar?“ beendete sie seinen Gedanken. „Ich habe mich zehn Jahre mit Mordfällen befasst. Dabei sind Dinge passiert, die noch weit schockierender waren als der Scheiß hier. Ich habe mich nicht geirrt und ihn genau richtig verstanden.“

Der junge Sicherheitsbeamte errötete. Er machte einen Schritt zurück, wahrscheinlich ein wenig erschrocken über ihre rüde Ausdrucksweise. Aber verflucht, sie musste das einfach klarstellen.

„Nun, Madam“, sagte er kühl, „ich werde die NOPD anrufen, damit jemand vorbeikommt und Ihre Aussage aufnimmt. Erzählen Sie denen Ihre Geschichte.“

„Fragen Sie nach Detective Spencer Malone“, entgegnete sie. „ISD. Bestellen Sie ihm, es hätte was mit dem Finch-Fall zu tun.“

15. KAPITEL

Samstag, 5. März 2005

0:30 Uhr

Spencer begrüßte den Sicherheitsbeamten, der an der Tür zur Universitätsbibliothek Wache hielt. Er war nicht mehr der Jüngste. „Wie geht’s?“

Der Mann zuckte die Schultern. „Geht so. Wünschte, es wäre bald Frühling. Ist immer noch zu verdammt kalt für meine alten Knochen.“

Nur jemand aus New Orleans konnte sich über Nachttemperaturen von um die 16 Grad beschweren.

Der Sicherheitsbeamte hielt ein Klemmbrett hoch; Spencer unterschrieb. „Oben?“

„Ja, im dritten.“

Spencer ging zum Fahrstuhl. Er war schon im Bett gewesen, als er den Anruf bekommen hatte. Zuerst hatte er geglaubt, den Einsatzleiter missverstanden zu haben. Niemand war umgebracht worden. Eine versuchte Vergewaltigung. Aber das Opfer behauptete, es hätte etwas mit dem Finch-Mord zu tun.

Sein Fall.

Also hatte er sich aus dem Bett gequält und sich auf den Weg zum Campus gemacht, von seiner Wohnung aus war das eine halbe Weltreise.

Der Fahrstuhl hielt in der dritten Etage. Er stieg aus und folgte dem Klang der Stimmen. Dann sah er die Ansammlung von Leuten. Er blieb stehen. Killian. Sie kehrte ihm den Rücken zu, aber er hatte sie trotz dem soforterkannt. Nicht nur an ihrem wunderschönen blonden Haar, sondern auch an ihrer Haltung. Aufrecht. Mit einer Selbstsicherheit, die man sich erst mal erarbeiten musste.

Zu ihrer Linken standen zwei Sicherheitsleute vom Campus und John Russell von der DIU, dritter Bezirk.

Spencer näherte sich ihnen. „Der Ärger folgt Ihnen immer auf dem Fuß, was, Ms. Killian?“

Die drei Männer sahen zu ihm herüber. Sie drehte sich um. Er bemerkte sofort die Blutflecken auf ihrem Hemd.

„Es sieht langsam so aus“, erwiderte sie.

„Brauchen Sie ärztliche Versorgung?“

„Nein, aber er vielleicht.“

Spencer war nicht überrascht darüber, dass sie ihm offensichtlich arg zugesetzt hatte. Er deutete zu einem Tisch, sie setzten sich.

Er zog den Notizblock aus seiner Tasche. „Erzählen Sie mir, was passiert ist.“

Russell stellte sich zu ihnen. „Versuchte Vergewaltigung“, begann er. „Der gleiche Vorgang wie bei den anderen drei davor, alle noch unaufgeklärt und …“

Spencer hob die Hand. „Ich würde gern zuerst Ms. Killians Version hören.“

„Danke“, sagte sie. „Es war keine versuchte Vergewaltigung.“

„Weiter.“

„Ich habe noch spät gearbeitet.“

Er warf einen Blick auf die Unterlagen auf dem Tisch und überflog die Titel der Bücher. „Recherchen?“

„Ja.“

„Zu Rollenspielen?“

Sie reckte das Kinn ein wenig. „Ja. Es war keiner mehr in der Bibliothek, oder so sah es jedenfalls aus. Aber dann hörte ich jemanden hinter den Regalen. Als ich fragte, wer da sei, antwortete niemand, da habe ich nachgesehen.“

Sie machte eine kurze Pause und strich sich mit den Händen über die Beine, das einzige Anzeichen von Nervosität, das sie zeigte. „Als ich bei den Regalen stand, ging das Licht aus. Die Tür zum Treppenhaus flog auf, und jemand rannte raus. Ich wollte hinterher. In diesem Moment wurde ich von hinten festgehalten.“

„Also waren außer Ihnen noch zwei Leute hier?“

Auf ihrem Gesicht zeigte sich so etwas wie Überraschung. Offensichtlich hatte sie diesen Schluss noch gar nicht gezogen.

Sie nickte. Er sah zu den Beamten hinüber. „Hat eines der anderen Opfer von mehr als einem Angreifer berichtet?“

„Nein“, erwiderte der jüngste der Sicherheitsleute. Spencer blickte Stacy wie der an. „Er hat Sie von hin ten an gegriffen?“

„Ja. Und er hielt mich mit einem Griff fest, der mir zeigte, dass er sich damit auskannte.“

„Machen Sie es mir vor.“

Sie stand auf und ging zu einem Sicherheitsmann. „Darf ich?“ Er sagte Ja, und sie demonstrierte, wie es gewesen war. Dann ließ sie ihn wieder los und kehrte auf ihren Platz zurück.

„Er war um einiges größer als ich. Und ziemlich kräftig.“

„Wie haben Sie sich dann befreien können?“

„Ich habe ihm so fest ich konnte einen Kugelschreiber in den Magen gerammt.“

„Wir haben den Kugelschreiber hier“, sagte Russell. „Eingetütet und beschriftet.“

„Und wo besteht der Zusammenhang zu den Morden an Finch und Wagner?“

Sie stöhnte frustriert. „Er hat etwas zu mir gesagt. Er sagte, ich solle mich raushalten. Sonst würde er es mir besorgen. Dann hat er mir seine Zunge ins Ohr gesteckt und gefragt, ob ich verstanden hätte.“

„Klingt nach einer direkten Androhung von Vergewaltigung“, sagte Russell.

„Er hat mir gedroht. Ich soll meine Nase aus den Ermittlungen raushalten.“ Sie sprang auf. „Begreifen Sie denn nicht? Ich bin jemandem auf die Füße getreten. Zu dicht rangekommen.“

„Auf wessen Füße?“

„Das weiß ich nicht!“

„Wir haben die Krankenstation angewiesen, nach einem Studenten Ausschau zu halten, der mit einer Stich wunde auf kreuzt, um sich behandeln zu lassen.“

Stacy schnaufte ungläubig. „Glauben Sie bei mindestens zwei Dutzend Kliniken in der Stadt, dass er ausgerechnet zur Krankenstation geht?“

„Vielleicht“, entgegnete der Sicherheitsbeamte, „wenn er Student ist.“

„Ich würde sagen, das ist ein ziemlich großes ‚Viel leicht‘, Officer.“ Stacy sah zu Spencer. „Kann ich jetzt gehen?“

„Sicher. Ich bringe Sie nach Hause.“

„Danke, aber ich bin mit dem Auto hier.“

Er musterte sie. Wenn sie ausirgendeinem Grund an gehalten würde, müsste der Polizist nur einen Blick auf sie werfen, um sie zum Verhör mit aufs Revier zu nehmen.

Bei Leu ten mit blutbefleckten Hemden reagierten Polizisten manchmal so.

„Ich glaube, in Anbetracht Ihres Zustandes sollte ich Ihnen lieber folgen.“

Es schien, als wollte sie protestieren. Doch sie überlegte es sich anders. „Gut.“

Spencer fuhr dicht hinter ihr her durch die Stadt in die City Park Avenue und parkte seinen Camaro vor dem Doppelhaus, das er ja schon kannte, neben einem Feuerhydranten. Er klappte die Sonnenblende herunter, da mit das NOPD-Zeichen zu sehen war, und stieg aus dem Wagen.

Cassies Tür war noch immer mit Klebeband abgesperrt. Er nahm sich vor, es zu entfernen, bevor er ging. Der Tatort hätte schon längst für die Reinigung freigegeben werden sollen. Er war überrascht, dass Stacy sich deshalb nicht über ihn beschwert hatte.

Stacy schlug ihre Autotür zu. „Das kleine Stück kann ich allein gehen.“

„Was? Noch nicht mal ein Dankeschön?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wofür? Dafür, dass Sie mich nach Hause begleitet haben? Oder dafür, dass Sie denken, ich wäre völlig durchgeknallt?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Das ist auch nicht nötig. Ihr Gesichtsausdruck ist deutlich genug.“

Er hob die Augenbrauen. „Tatsächlich?“

„Vergessen Sie’s.“

Sie drehte sich abrupt um und wollte die Treppe zur Veranda hochsteigen. Er hielt sie am Arm zurück. „Was ist Ihr Problem?“

„Im Moment Sie.“

„Sie sind hübsch, wenn Sie wütend sind.“

„Nur dann?“

„Hören Sie auf, mir die Worte im Mund herumzudrehen.“ Er starrte sie einen Moment an, hin- und hergerissen zwischen Ärger und Belustigung. Der Humor siegte. Er lachte und ließ sie los. „Haben Sie vielleicht Kaffee?“

„Wollen Sie mich anmachen?“

„Das würde ich nie wagen, Stacy Killian. Ich dachte nur eben, ich gebe Ihrer Theorie eine zweite Chance.“

„Und warum das?“

„Weil was dran sein könnte.“ Er grinste. „Es sind schon seltsamere Dinge passiert.“

„Das meinte ich nicht. Warum würden Sie nicht wagen, mich anzumachen?“

„Ganz einfach. Sie würden mir einen Tritt verpassen.“

Sie starrte ihn an, dann schenkte sie ihm ein mörderisches Lächeln. „Gut erkannt.“

„Dann sind wir uns ja mal einig.“ Er legte die Hand aufs Herz. „Ein Wunder ist geschehen.“

„Übertreiben Sie nicht, Malone. Kommen Sie.“

Stacy schloss auf, trat ein und schaltete das Licht an. Er folgte ihr ins Haus und in die Küche, die sich im hinteren Teil der Wohnung befand. Stacy öffnete den Kühlschrank, blickte hinein, dann sah sie wie der zu Spencer. „Kaffee hilft heute Nacht nicht weiter. Jedenfalls bei mir nicht.“ Sie hielt eine Flasche Bier hoch. „Wie steht’s mit Ihnen?“

Er trat hinzu, griff zustimmend nach der Flasche und öffnete sie zischend. „Danke.“

Sie tat es ihm nach und trank einen Schluck. „Das habe ich gebraucht.“

„Anstrengender Abend.“

„Anstrengendes Jahr.“

Nach einem Anruf bei der Polizei in Dallas wusste er inzwischen ein wenig mehr über ihre Vergangenheit. Sie war zehn Jahre bei der Kripo gewesen. Hoch angesehen innerhalb der Dienststelle. Hatte plötzlich den Job aufgegeben, nachdem sie einen großen Fall geknackt hatte, in den ihre Schwester Jane verwickelt gewesen war. Der Captain, mit dem er sprach, deutete an, dass es persönliche Gründe für ihre Entscheidung gegeben habe, ging aber nicht näher darauf ein. Spencer hakte auch nicht weiter nach.

„Wollen Sie darüber reden?“

„Nein.“ Sie nahm noch einen Schluck.

„Warum haben Sie die Polizei verlassen?“

„Wie ich schon Ihrem Partner gesagt habe, ich brauchte eine Veränderung.“

Er rollte die Flasche zwischen den Handflächen hin und her. „Hatte das irgendwas mit Ihrer Schwester zu tun?“

Jane Westbrook. Stacys einzige Schwester, ihre Halbschwester. Ziemlich bekannte Künstlerin. Das Ziel eines mörderischen Plans. Eines Plans, der fast zum Erfolg geführt hätte.

„Sie haben meine Vergangenheit überprüft.“

„Natürlich.“

„Die Antwort auf Ihre Frage ist Nein. Die Polizei zu verlassen hatte was mit mir zu tun.“

Er setzte die Flasche an die Lippen und trank, ohne den Blick von ihr zu lösen.

Sie runzelte die Stirn. „Was ist?“

„Haben Sie schon mal den Spruch gehört, du kannst den Cop von seinem Job trennen, aber den Job nicht vom Cop?“

„Ja, hab ich. Ich gebe nicht viel auf alte Redensarten.“

„Vielleicht sollten Sie das aber.“

Sie blickte auf ihre Uhr. „Es ist spät.“

„Das ist es.“ Er nahm noch einen Schluck Bier und ignorierte ihren nicht sehr subtilen Rausschmissversuch. Er ließ sich Zeit damit, die Flasche auszutrinken. Dann stellte er sie sorgfältig auf den Tisch und stand auf.

Sie verschränkte ärgerlich die Arme vor der Brust. „Ich dachte, Sie wollten meine Geschichte noch mal hören?“

„Das war gelogen.“ Er griff nach seiner Lederjacke. „Danke für das Bier.“

Sie schnaufte. Konnte es nicht fassen, wie Spencer amüsiert vermutete. Er verkniff sich ein Grinsen, dann wandte er sich an der Tür noch mal zu ihr um. „Sie sind womöglich gar nicht so übel, Kilian.“

16. KAPITEL

Samstag, 5. März 2005

11:00 Uhr

Stacy hatte alle Mühe, sich auf den Text zu konzentrieren. John Keats’ „Ode an die Psyche“. Sie hatte sich zu einem Studium der Romantiker entschlossen, weil deren Empfindsamkeit so wenig mit der heutigen Zeit zu tun hatte – und so weit entfernt war von der brutalen Realität, mit der sie in den vergangenen zehn Jahren so viel zu tun gehabt hatte.

Heute allerdings erschien ihr das Gedicht über Schönheit und spirituelle Liebe überzogen und total albern.

Sie fühlte sich zerschlagen, wusste aber nicht genau, warum. Bis auf ein paar blaue Flecken hatte ihr der Mann keine Verletzungen zugefügt. Und dank des Adrenalinstoßes hatte sie nicht einmal Angst gehabt. Ihr war der Gedanke, sie könne der Situation nicht gewachsen sein, gar nicht erst gekommen.

Also warum jetzt das große Zittern?

Halte dich raus. Oder ich werde es dir besorgen.

Eine Warnung. Sie war jemandem äußerst unbequem geworden.

Aber wem? Bobby Gautreaux? Das konnte sie sich nicht vorstellen, die Polizei hatte ihn schließlich bereits im Visier. Einem anderen, mit dem sie über White Rabbit gesprochen hatte? Ja. Aber wem?

Die Cops würden keine große Hilfe sein. Sie waren davon überzeugt, dass es sich um den Mann handelte, der die Studentinnen vergewaltigt hatte. Das konnte sie ihnen im Grunde nicht verübeln. Die Vorgehensweise dieses Übergriffs war mit dem Hergang der Vergewaltigung ihrer Kommilitoninnen fast identisch gewesen. Sie erinnerte sich daran, was man ihr erzählt hatte. Großer Typ, seine Opfer waren Frauen, die sich spätabends allein auf dem Unigelände aufhielten, er überfiel sie von hinten. Sie hatten ihm den Spitznamen Romeo gegeben, weil er den Frauen irgendwelche süßlichen Sprüche ins Ohr murmelte. Sachen wie „Ich liebe dich“, „Wir werden für immer zusammen sein“, und das Zynischste: „Bleib bei mir“.

Sie sind womöglich gar nicht so übel.

Hatte Malone ihr geglaubt? Oder wollte er ihr lediglich einen Knochen hinwerfen, um sie ruhig zu stellen?

Wollen Sie mich anmachen? Das würde ich nie wagen, Stacy Killian. Sie würden mir einen Tritt verpassen.

Der Kommentar ärgerte sie. Verhielt sie sich so einschüchternd? Wirkte sie so hart? War sie im Laufe der Zeit eine Frau geworden, der sich niemand mehr zu nähern wagte?

Die knallharte Killian hatten sie ihre Kollegen in Dallas genannt. Sie machte Fortschritte. Nun war sie eine, die Tritte verpasste. Was kam als Nächstes?

„Hallo, Detective Killian!“

Stacy sah auf. Leonardo Noble kam im Café Noir auf ihren Tisch zu, in der einen Hand einen Teller mit einem Brötchen, in der anderen eine Tasse Kaffee. „Ich bin keine Kriminalbeamtin“, sagte sie, als er vor ihr stand. „Aber das wissen Sie ja bestimmt schon.“

Ohne zu fragen, ob er störte, stellte er seine Tasse und den Teller ab, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Aber Sie waren es“, entgegnete er. „Mordkommission. Zehn Jahre bei der Kripo in Dallas. Mit einer Reihe von Auszeichnungen, zuletzt im vergangenen Herbst. Sie haben im Januar den Dienst quittiert, um ein Studium der Englischen Literatur anzufangen.“

„Stimmt alles“, sagte sie. „Wollen Sie etwas Bestimmtes?“

Er ignorierte ihre Frage und nahm in aller Seelenruhe einen Schluck von seinem Kaffee. „Wenn Sie nicht gewesen wären, hätte ihre Schwester mit dem Leben bezahlt, und der Killer würde frei herumlaufen. Ihr Schwager säße jetzt bis zum Verrotten im Gefängnis, und Sie wären …“

„Das reicht, Mr. Noble“, unterbrach sie ihn. Niemand musste sie daran erinnern, wo sie jetzt wäre. Oder wie knapp Jane mit dem Leben davongekommen war. „Ich hab alles miterlebt. Einmal ist genug.“

Er biss von seinem Brötchen ab, seufzte genießerisch und wandte ihr dann wieder seine Aufmerksamkeit zu. „Es ist unglaublich, wie viel man heutzutage mit ein paar Eingaben in den Computer über jemanden herausfindet.“

„Nun wissen Sie alles über mich. Schön für Sie.“

„Nicht alles.“ Er lehnte sich vor, seine Augen blitzten interessiert. „Warum haben Sie nach all den Jahren als Polizistin alles hingeworfen? Soweit ich gelesen habe, scheinen Sie für den Job geboren zu sein.“

Haben Sie den alten Spruch gehört, du kannst den Cop von seinem Job trennen, aber den Job nicht vom Cop?

„Sie sollten nicht alles für bare Münze nehmen, was Sie lesen. Außerdem ist das ganz allein meine Sache und geht Sie nichts an.“ Sie stöhnte gereizt. „Hören Sie, es tut mir Leid, dass Sie an dem Tag den falschen Eindruck bekommen haben. Ich wollte nicht …“

„Blöd sinn. Natürlich wollten Sie. Sie haben mich vorsätzlich in die Irre geführt. Und seien wir doch ehrlich, Ms. Killian, es tut Ihnen gar nicht Leid. Nicht ein bisschen.“

„Na gut.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Es tut mir nicht Leid. Ich brauchte Informationen, und ich habe getan, was nötig war, um sie zu bekommen. Zufrieden?“

„Keineswegs. Ich will was von Ihnen.“ Er biss erneut von seinem Gebäck ab und wartete auf eine Reaktion von ihr. Als sie ihm den Gefallen nicht tat, redete er weiter. „Ich war nicht so ganz ehrlich zu Ihnen neulich.“

Das hatte sie allerdings nicht erwartet. Überrascht setzte sie sich auf. „Meinen Sie Ihre Antwort auf meine Frage, ob das Spiel zu aggressivem Verhalten führen kann?“

„Woher wissen Sie das?“

„Wie gesagt, ich war zehn Jahre bei der Kripo. Ich habe jeden Tag Verdächtige befragt.“

Er legte den Kopf schief und betrachtete sie anerkennend. „Sie sind gut.“ Er zögerte kurz. „Was ich über die Menschen sagte, die Menschen töten, war nicht gelogen. Das ist meine Überzeugung. Doch selbst das harmloseste Werkzeug in den falschen Händen …“

Er ließ die Worte einen Moment im Raum hängen, dann griff er in seine Jackentasche. Er zog zwei Postkarten hervor und reichte sie ihr.

Auf der ersten befand sich eine Tintenfederzeichnung, eine düstere, beklemmende Darstellung von Lewis Carrolls Alice, die das weiße Kaninchen jagt. Stacy drehte die Karte um und las das Wort, das jemand auf die Rückseite geschrieben hatte.

Bald.

Dann sah sie sich die zweite Karte an. Anders als bei der ersten handelte es sich um eine Serienpostkarte aus einem Billigladen mit einer Ansicht vom French Quarter.

Darauf stand: Bereit zu spielen?

Sie blickte Leonardo Noble an. „Warum zeigen Sie mir die?“

Anstatt darauf einzugehen, sagte er: „Ich habe die erste ungefähr vor einem Monat bekommen. Die andere letzte Woche. Und die hier gestern.“

Er gab ihr eine dritte Karte. Sie sah, dass es sich wie bei der ersten um eine Tintenfederzeichnung handelte. Diese stellte eine Maus dar, die in einem Teich oder einer Wasserlache ertrank. Stacy drehte die Karte um.

Bereit oder nicht, das Spiel hat begonnen.

Stacy dachte an die anonymen Nachrichten, die ihre Schwester erhalten hatte. Dass die Polizei, sie eingeschlossen, geglaubt hatte, sie kämen von einem Spinner und wären keine echte Bedrohung. Bis zum Schluss. Da hatte sie feststellen müssen, wie echt die Bedrohung gewesen war.

„White Rabbit unterscheidet sich von anderen Rollenspielen“, murmelte Noble. „Es gibt bei allen Spielen immer einen Spielmeister, eine Art Schiedsrichter, der das Spielkontrolliert. Er errichtet Hindernisse für die Spieler, versteckte Türen, Monster und all so was. Die besten Spielmeister sind dabei immer absolut neutral.“

„Und bei White Rabbit?“

„White Rabbit ist der Spielmeister. Aber seine Position ist bei weitem nicht neutral. Er verleitet die Spieler dazu, ihm zu folgen, hinunter in den Kaninchenbau, in seine Welt. Einmal dort, beginnt er, sie zu manipulieren. Sucht sich seine Favoriten. Er ist ein Schwindler und Betrüger. Und nur der gerissenste Spieler kann ihn übertreffen.“

„White Rabbit hat einen großen Vorteil.“

„Immer.“

„Ich würde denken, bei einem aussichtslosen Spiel mitzumachen, ist nicht besonders unterhaltsam.“

„Wir wollten das Spiel ins Extreme steigern. Die Spieler in Aufregung versetzen. Es funktionierte.“

„Mir wurde gesagt, Ihr Spiel wäre das gewalttätigste bisher. Ein Szenario nach dem Motto, der Gewinner bekommt alles.“

„Der Killer bekommt alles“, korrigierte er. „White Rabbit spielt alle gegeneinander aus. Der Letzte, der übrig bleibt, steht ihm dann gegenüber.“ Er beugte sich zu ihr vor. „Und wenn das Spiel erst mal begonnen hat, ist es erst zu Ende, wenn alle bis auf einen ausgelöscht sind.“

Der Killer bekommt alles. Ein mulmiges Gefühl überkam sie. „Können sich die Figuren miteinander verbünden, um ihn auszuschalten?“

Er sah überraschtaus, als hätte noch nie jemand so etwas vorgeschlagen. „So wird das nicht gespielt.“

Sie wiederholte ihre erste Frage. „Warum haben Sie mir die Karte gezeigt?“

„Ich möchte herausfinden, wer sie mir geschickt hat und warum. Ich hätte gern von Ihnen gewusst, ob ich Angst haben muss oder nicht. Ich biete Ihnen einen Job an, Ms. Killian.“

Sie starrte ihn einen Moment an, völlig verblüfft. Dann lächelte sie. Sie hatte ihn hereingelegt, und jetzt revanchierte er sich. „Und jetzt müssen Sie sagen: April, April.“

Aber das war nicht der Fall. Als ihr klar wurde, dass er es ernst meinte, schüttelte sie den Kopf. „Rufen Sie die Polizei an. Oder engagieren Sie einen Privatdetektiv. Als Bodyguard zu arbeiten ist nicht mein Ding.“

„Aber einen Fall zu untersuchen ist doch ganz offensichtlich Ihr Ding.“ Er hob die Hand, um ihrem Protest zuvorzukommen. „Ich bin nicht offen bedroht worden, was kann die Polizei da schon tun? Überhauptnichts. Und wenn sich bewahrheitet, was ich befürchte, dann ist auch ein Privatschnüffler damit absolut überfordert.“

Sie kniff die Augen zusammen und musste sich eingestehen, dass sie neugierig geworden war. „Und was genau befürchten Sie, Mr. Noble?“

„Dass jemand das Spiel Wirklichkeit werden lässt, Ms. Killian. Und nach diesen Karten zu urteilen, bin ich dabei, ob ich will oder nicht.“

Er legte eine seiner Visitenkarten auf den Tisch und stand auf. „Vielleicht war Ihre Freundin auch in dem Spiel. Vielleicht war sie das erste Opfer von White Rabbit. Denken Sie darüber nach. Und dann rufen Sie mich an.“

Stacy blickte ihm hinterher, während alles, was er gesagt hatte, ihr durch den Kopf wirbelte, die Informationen, die er ihr über das Spiel gegeben hatte. Dann dachte sie wieder an den Mann, der sie am Tag vorher überfallen hatte.

Er hatte sie gewarnt, sich „rauszuhalten“. Wo raushalten? Aus den Ermittlungen? Oder dem Spiel?

Nicht das Spiel ist gefährlich, sondern die Besessenheit.

Stacy führte diesen Gedanken weiter. Was, wenn jemand tatsächlich so besessen von diesem Spiel war, dass er Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten konnte?

War Cassie vielleicht unfreiwillig in dieses Spiel hineingezogen worden?

Eine gefährliche Waffe in den falschen Händen.

Wie so vieles im Leben. Macht. Pistolen. Geld. Fast alles.

Sie stellte sich das Szenarium vor, das Leonardo geschildert hatte: ein Durchgedrehter, der ein Fantasy-Spiel wahr werden ließ. Ein Spiel, das man nur gewinnen konnte, wenn man die anderen Mitspieler tötete und dann dem White Rabbit gegenüber trat – demjenigen, der das Spiel kontrollierte, der alle Fäden in der Hand hielt.

Ein White Rabbit im wahren Leben.

Billie schlenderte mit einem Teller voller Kostproben vorbei. Stacy sah Muffins mit Schokosplittern. Reine, dunkle Schokolade. Billies Kostprobenteller und der Zeitpunkt, den sie dafür abpasste, sorgte ständig für Lacher unter den Stammgästen. Wenn Ärger im Anzug war oder eine deftige Szene, kam der Kostprobenteller. Billie schien ein Gespür für den richtigen Moment zu besitzen – und das passende Gebäck.

Auf Billies Gesicht lag das geheimnisvolle Lächeln, das ihr geholfen hatte, sich vier Ehemänner zu schnappen, inklusive ihren gegenwärtigen Gatten, den neunzig Jahre alten Millionär Rocky St. Martin. „Muffin?“

Stacy nahm sich einen, wohl wissend, dass dies nicht umsonst war. Billie erwartete eine Bezahlung – in Form von Informationen.

Wie vorhergesehen stellte Billie den Teller auf den Tisch, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Wer war das und was wollte er?“

„Leonardo Noble. Er wollte mich anheuern.“

Billie verzog ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen und schob den Teller mit den Muffins ein Stück näher zu Stacy.

Stacy lachte, nahm sich noch einen und schob den Teller zu ihr zurück. „Es hat was mit Cassie zu tun. Mehr oder weniger.“

„Dachte ich mir. Erzähl.“

„Erinnerst du dich, dass ich dir gesagt habe, Cassie hätte ein Treffen mit einem Mitspieler von White Rabbit geplant?“ Billie nickte. „Dieser Mann, Leonardo Noble, ist der Erfinder des Spiels.“

Stacy sah, wie Billies Augen aufleuchteten. „Weiter.“

„Seit wir uns das letzte Mal unterhalten haben, habe ich noch mehr über das Spiel rausgefunden. Dass es ziemlich brutal ist. Dass der White Rabbit und der letzte lebende Spieler um ihr Leben kämpfen.“

„Sehr amüsant.“

Stacy berichtete von den Postkarten, die Noble erhalten hatte, von seiner Theorie, dass jemand das Spiel Wirklichkeit hatte werden lassen. „Ich weiß, es klingt verrückt, aber …“

„Aber so was ist denk bar“, beendete Billie den Satz für sie. Sie lehnte sich vor. „Es gibt Studien, diegezeigt haben, dass für Leute, die Fantasie und Realität manchmal nicht auseinander halten können, diese Rollenspiele eine gefährliche Waffe sind. Bring sie mit Spielen wie White Rabbit oder Dungeons & Dragons zusammen, Spiele, die einen emotional stark mitreißen … und die Mischung kann explodieren.“

„Woher weißt du das?“ wollte Stacy wissen.

„In meinem früheren Leben war ich Psychotherapeutin.“

Sie hätte überrascht sein sollen. Oder annehmen, dass Billie eine krankhafte Lügnerin oder eine Hochstaplerin war. Immerhin, in der relativ kurzen Zeit, die sie Billie kannte, hatte die Frau von vier Ehen gesprochen, einem Job als Stewardess und einem als Model. Und nun das. Sie war doch nicht so alt. Doch Billie konnte immer mit Fakten aufwarten oder überzeugend klingenden Anekdoten, die ihre Behauptungen stützten.

Stacy schüttelte den Kopf und dachte wieder an Leonardo Noble und die Ereignisse der letzten Tage. „Ich bin jemandem auf die Zehen getreten.“

Billie runzelte fragend die Stirn. Schnell berichtete sie vom vergangenen Abend. Dass sie überfallen worden war und was der Mann ihr ins Ohr geflüstert hatte, und dass die Polizei vermutete, es handle sich um den gesuchten Vergewaltiger. „Ich habe aber genau verstanden, was er gesagt hat.“

Ihre Freundin schwieg eine ganze Weile, dann nickte sie. „Das denke ich auch. Du warst Polizistin, so einen Fehler würdest du nicht machen.“

Billie stand auf. „Ich schlage vor, dass du besonders vorsichtig bist, meine Liebe. Ich habe keine Lust, auf deine Beerdigung zu gehen.“

Während Stacy ihr nachsah, ließ sie sich ihre Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Über Leute, die Fantasie und Realität manchmal nicht auseinander halten konnten. War es möglich, dass Cassie sich mit einem Verrückten eingelassen hatte, der das Rollenspiel Wirklichkeit hatte werden lassen? Und hatte sie nun seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt?

Verdammt. Sie wusste, was sie tun musste. Stacy klappte ihr Handy auf und tippte Leonardos Mobilnummer ein.

„Ich mach den Job“, sagte sie, als er sich meldete. „Wann soll ich anfangen?“

17. KAPITEL

Sonntag, 6. März 2005

8:00 Uhr

Leonardo hatte den Zeitpunkt vorgeschlagen, Stacy den Ort – das Café Noir.

Sonntagmorgens vor zehn war es hier meistruhig, die Stammgäste hatten wohl anderes zu tun, oder sie schliefen gern länger.

„Du bist ja früh hier“, begrüßte Stacy ihre Freundin Billie.

„Du auch.“ Billie musterte sie. „Du machst den Job, hab ich Recht? Den der Typ dir angeboten hat.“

„Leonardo Noble. Ja.“

Billie tippte ihre Bestellung ein, ohne zu fragen, was sie wollte. Das war nicht nötig; sie wusste, dass Stacy Bescheid sagen würde, sollte sie etwas anderes wünschen als ihren Cappuccino mit einem Extraschuss Espresso.

Stacy reichte ihr einen Zwanziger, Billie gab ihr das Wechselgeld und ging dann zur Espressomaschine. Sie füllte die Tasse und schäumte die Milch auf, ohne ein Wort zu sagen.

Stacy runzelte die Stirn. „Was ist los?“

„Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.“

„Pech.“

„Bist du sicher, dass er in Ordnung ist?“

„Das heißt?“

„Mir scheint, jemand, der Spiele erfindet, spielt vielleicht selbst gern.“

Daran hatte sie auch schon gedacht. Dass Billie es erwähnte, überraschte sie. „Du bist ein schlaues Kerlchen, weißt du das?“

„Und ich dachte, ich wäre einfach nur hübsch.“

Stacy lachte. Wenn eine Frau so aussah wie Billie, wurde sie selten wegen ihrer Intelligenz geschätzt. Himmel, sie selbst hatte ja genauso reagiert. Anfangs war Billie für sie nur eine schöne Blondine gewesen. Jetzt wusste sie es besser.

„Ich bin ganz gut darin, Informationen herauszufinden. Wenn du eine Agentin brauchst, sag Bescheid.“

Billie Bellini, Superspionin. „Du würdest umwerfend aussehen in einem Trenchcoat.“

„Darauf kannst du wetten.“ Sie lächelte. „Und vergiss es nicht.“

Das werde ich sicher nicht, dachte Stacy, als sie sich von der Espressobar entfernte. Zweifellos wäre Billie in der Lage, jemandem Informationen zu entlocken, die andere nicht mal mit Druck herauspressen konnten.

Solange die Quelle männlich war.

Stacy suchte sich einen Tisch im hinteren Teil und setzte sich. Sie trank gerade den ersten Schluck, als Leonardo Noble erschien. Allein. Sie hatte vermutet, dass er Kay mitbringen würde.

Er ließ den Blick suchend umherschweifen und lächelte, als er sie entdeckte. Er ging zum Tresen und sie beobachtete ihn, wie er bestellte. Er machte eine Bemerkung, über die Billie lachen musste. Sagte er die Wahrheit? Waren diese sonderbaren Karten wirklich an ihn geschickt worden? Oder hatte er sie selbst geschrieben?

Er kam zu ihrem Tisch, er wirkte verschlafen. Sein Haar stand noch wilder ab als üblich.

„Kein Morgenmensch, wie ich sehe“, bemerkte Stacy.

„Eine Nachteule“, erwiderte er. „Aber ich brauche nicht viel Schlaf.“

Stacy zog die Augenbrauen hoch. „So sieht es nicht gerade aus.“

Er lächelte, langsam trat etwas Leben in seine Augen. „Glauben Sie mir.“

„Sagte die Spinne zur Fliege.“

Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee. Sie registrierte, dass er die XXL-Version gewählt hatte. An dem hohen Milchschaumberg erkannte sie den Cappuccino.

„Das sollte dieser Blick also bedeuten“, sagte er. „Misstrauen.“

„Welcher Blick?“ Sie trank selbst einen Schluck aus ihrer Tasse.

„Der mich begleitet hat, als ich bestellte. Ich hatte das Gefühl, Sie würden mich analysieren.“

„Ihre Motive, ja. Hat was mit dem Thema zu tun.“ Sie sah ihm fest in die Augen. „Niemand ist über jeden Verdacht erhaben, Mr. Noble. Sie eingeschlossen.“

Offensichtlich unbeeindruckt lachte er. „Das ist genau der Grund, warum ich Sie engagieren will. Und nennen Sie mich bitte Leo, oder aus dem Deal wird nichts.“

Sie lachte. „Okay, Leo. Erzählen Sie mir etwas mehr über Ihren Haushalt.“

Er blickte sie über den Rand seiner Kaffeetasse an. „Was wollen Sie wissen?“

„Alles. Zum Beispiel, haben Sie Ihr Büro dort?“

„Ja. Kay ist auch da.“

„Und andere Angestellte?“

„Die Haushälterin. Mrs. Maitlin. Troy, mein Fahrer und Mädchen für alles. Barry kümmert sich um das Grund stück und den Pool. Ach, und der Lehrer meiner Tochter, Clark Dunbar.“

Das war das erste Mal, dass sie von seiner Tochter erfuhr, was Stacy ziemlich merkwürdig fand. Als er ihren Gesichtsausdruck sah, fuhr er fort. „Kay und ich haben ein Kind. Alice. Sie ist sechzehn. Oder, wie sie gerne sagt, fast siebzehn.“

„Lebt sie bei Ihnen? Oder bei Kay?“

„Bei uns beiden.“

„Bei beiden?“

„Kay wohnt in meinem Gästehaus.“ Er verzog den Mund zu einem schiefen – und gewinnenden – Lächeln. „Ich sehe an Ihrer Reaktion, dass Sie unser Arrangement merkwürdig finden.“

„Es ist nicht meine Aufgabe, Ihr Privatleben zu beurteilen.“

Er nahm sie beim Wort und ging nicht weiter da rauf ein. „Alice ist der Lichtblick in meinem Leben. Bis vor kurzem war sie …“ Er brach ab. „Sie ist sehr talentiert. Ungeheuer intelligent.“

„Das erscheint mir logisch. Ich hörte, Sie wären ein moderner Leonardo da Vinci.“

Er grinste. „Wie ich sehe, bin ich nicht der Ein zige, der weiß, wie man im Internet recherchiert. Aber Alice ist tatsächlich ein Genie. Neben ihr sehen Kay und ich ziemlich mittelmäßig aus.“

Stacy musste das erst mal verdauen. Sie überlegte, wie belastend so etwas sein musste. Wie es das ganze Leben eines Teenagers beeinflusste, egal, ob es um die schulische Ausbildung ging oder um Freundschaften. „Ist sie jemals in eine normale Schule gegangen?“

„Nie. Wir hatten immer einen Privatlehrer für sie.“

„Und das geht gut?“

„Ja. Bis …“ Er schlang die Finger ineinander und schien sich zum ersten Mal nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. „Bis vor kurzem. Sie will unbedingt auf die Universität. In letzter Zeit verhält sie sich ziemlich trotzig.“

Klang nach einem verzweifelten Teenager.

„Auf die Universität? Zum Beispiel Tulane oder Harvard?“

„Ja. Intellektuell ist sie weit genug. Schon lange. Aber emotional … sie ist sehr jung. Unreif. Tatsache ist, dass wir sie sehr behütet haben. Zu sehr, fürchte ich.“ Er räusperte sich. „Dazu kommt, dass die Scheidung schwierig für sie war. Schwieriger, als wir gedacht hätten.“

Stacy konnte sich nicht vorstellen, wie jemand das Studentenleben mit sechzehn meistern sollte. „Tut mir Leid.“

Er zuckte die Schultern. „Kay und ich sind wie Öl und Wasser. Aber wir lieben uns. Und wir lieben Alice. Also haben wir uns arrangiert.“

„Für Alice?“

„Für uns alle, aber hauptsächlich wegen Alice.“ Dannlächelte er schief. „Jetzt wissen Sie alles über unsere kleine verrückte Truppe. Immer noch willens, sich rekrutieren zu lassen?“

Sie studierte sein Gesicht und fragte sich, ob er ehrlich war. Wie konnte ein Mann das erreichen, was er hatte, ohne skrupellos zu sein? Ohne Geheimnisse zu haben und aus Informationen, die er bekam, Profit zu schlagen?

Sie setzte ein geschäftsmäßiges Gesicht auf. „ Also gut, Leo. Anonyme Briefe wie die, die Sie bekommen haben, stammen fast immer von jemandem, der zum engeren Kreis des Empfängers gehört.“

„Zu meinem Kreis? Ich glaube nicht, dass …“

„Ja, zu Ihrem Kreis“, unterbrach sie ihn. „Sie werden nämlich geschickt, um die Person zu terrorisieren.“

„Und was für einen Sinn hätte das, wenn sie der Person nicht nahe genug stehen, um deren Angst mitzuerleben. Richtig?“

Kluger Bursche. „Richtig. Je mehr Angst Sie haben, desto besser.“

Er kniff die Augen zusammen. „Also ist es ganz einfach. Ich zeige keine Angst, und er gibt auf.“

„Vielleicht. Wenn Ihr Kartenschreiber ein typischer Vertreter seiner Sorte ist. Die verschicken Briefe und Nachrichten, um zu sehen, was geschieht. Sie wollen allerdings nicht zu nahe herantreten.“

„Im Herzen sind sie feige.“

„Ja. Nicht in der Lage, ihren Ärger oder Hass in einer direkten Konfrontation zu zeigen. Also sind sie keine große Bedrohung.“

„Das ist der typische Fall. Und der untypische?“

Sie blickte zur Seite, weil sie an ihre Schwester Jane denken musste. Sie war von einem Mann bedroht worden, der nur ein Ziel hatte: Sie zu töten. „Manchmal sind die Briefe und Nachrichten einfach nur die Vorbereitung auf das eigentliche Ereignis.“ Auf seine unbewegte Miene hin beugte sie sich noch weiter vor. „Dann kommt der Absender nahe genug heran, um zuschlagen zu können.“

Er saß einen Moment schweigend da, er wirkte erschüttert. „Ich bin so froh, dass Sie Ihre Hilfe angeboten …“

Stacy hob die Hand. „Ganz langsam. Ich nehme den Job nicht an, um Ihnen zu helfen. Ich tue es für Cassie, es könnte sein, dass ihre Ermordung und die Postkarten in einem Zusammenhang stehen. Zweitens, Sie wissen, dass ich studiere. Mein Studium kommt an erster Stelle. Anders geht es nicht. Haben Sie damit ein Problem?“

„Keineswegs. Wo fangen wir an?“

Ich beginne damit, indem ich mich in Ihrem Haus umsehe. Alle kennen lerne. Ihr Vertrauen gewinne.“

„Sie glauben ihn dort zu finden.“

„Ihn oder sie“, korrigierte sie ihn. „Es ist eine Möglichkeit. Eine sehr wahrscheinliche.“

Er nickte langsam. „Wenn Sie das Vertrauen von allen erwerben wollen, müssen wir einen Grund finden, was Sie in meinem Haus zu suchen haben.“

„Irgendeine Idee?“

„Sie sind meine Beraterin. Für einen neuen Roman, in dem ein Kripobeamter mit großem Einfluss vorkommt.“

„Könntefunktionieren.“ Sielächelte. „Schreiben Sie wirklich einen Roman?“

„Unter anderem, ja.“

„Ich nehme an, Sie wollen Ihre Exfrau und Tochter über den wahren Grund meiner Anwesenheit aufklären.“

„Kay ja. Alice nicht. Ich will sie nicht ängstigen.“

„Na gut.“ Stacy trank ihren Kaffee aus. „Wann fange ich an?“

Er grinste. „Von mir aus sofort. Wie sieht es bei Ihnen aus?“

Stacy nickte, und Leo sprang auf, er wollte möglichst schnell wieder nach Hause kommen. Als sie ihm aus dem Café folgte, warf sie Billie an der Theke einen Blick zu und bemerkte, wie ihre Freundin sie beobachtete.

Etwas an dem Gesichtsausdruck ihrer Freundin ließ sie zögern.

Leo blickte sich um. „Stacy? Stimmt was nicht?“

Sie schüttelte das Gefühl ab und lächelte. „Nein, alles in Ordnung. Zeigen Sie mir den Weg.“

18. KAPITEL

Dienstag, 8. März 2005

13:00 Uhr

Nachdem sie sich zwei Tage in der Villa der Nobles aufgehalten hatte, verstand Stacy, warum Leo das Wort „Truppe“ benutzt hatte, um die Bewohner des Hauses zu beschreiben – in der Villa ging es zu wie in einer Zirkusmanege. Leute kamen und gingen den lieben langen Tag. Privatlehrer, Kosmetikerinnen, Lieferanten, Rechtsanwälte, Geschäftspartner.

Sie hatte Leo angewiesen, sie wie eine neue Angestellte zu behandeln. Er hatte ihr ein Büro zur Verfügung gestellt, das an seines grenzte, und sie verbrachte viel Zeit damit, herumzulaufen und da bei sehr geschäftig auszusehen. Wenn sie jemanden antraf, stellte sie sich selbst vor.

Die Reaktionen der Einzelnen reichten von kühl über neugierig bis zu freundlich. In den drei Tagen, die sie nun im Haus war, hatte sie jeden kennen gelernt bis auf Alice, was sie äußerst interessant fand. Besonders da sie den Lehrer des Mädchens, Clark Dunbar, bereits getroffen hatte. Er war sehr still, schien aber immer alles genau zu beobachten. Wie eine Katze, die man sah, aber nicht hörte.

Mrs. Maitlin versuchte, ihr stets aus dem Weg zu gehen. Wenn sie sich doch einmal begegneten, reagierte sie äußerst nervös. Sie sah Stacy nie direkt an. Obwohl Stacy sich für ihre Täuschung entschuldigt und behauptet hatte, dass Leo sie gebeten habe, diese Rolle zu spielen, schien die Frau doch zu ahnen, dass sie wohl aus einem ganz anderen Grund hier war. Stacy konnte nur hoffen, dass sie ihren Verdacht für sich behielt.

Troy, Leos Fahrer und Mädchen für alles, war der Freundlichste von allen – aber auch der Neugierigste. Sie wunderte sich über seine Fragen – war er einfach nur interessiert, oder steckte noch etwas anderes dahinter?

Barry stellte sich als der Zurückhaltendste heraus. Als Gärtner und verantwortlich für den Pool, hatte er jede Menge Möglichkeiten, mit allen, die kamen und gingen, zu reden, was er aber nie tat. Er blieb für sich – auch wenn er alles mitzubekommen schien, was vor sich ging.

Stacy blickte auf die Uhr und sammelte ihre Sachen ein. Sie war morgens in einer Vorlesung gewesen, musste aber noch einmal zur UNO, wo um halb drei ein Seminar über Literatur des Mittelalters begann.

„Hallo.“

Stacy drehte sich um. Ein Mädchen im Teenageralter stand an der Tür zu Leos Büro. Es war klein und zierlich, hatte die exotischen Züge und den Teint der Mutter, aber die wilden Locken vom Vater.

Alice. Endlich.

„Hallo.“ Sie lächelte dem Mädchen zu. „Ich bin Stacy.“

Das Mädchen sah sie gelangweilt an. „Weiß ich. Sie sind die Polizistin.“

„Expolizistin“, korrigierte Stacy. „Ich helfe deinem Vater mit dem fachlichen Kram.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen schlenderte Alice ins Büro. „Kram“, wiederholte sie, „das klingt ja sehr fachmännisch.“

Das war keine normale Sechzehnjährige. Das sollte Stacy besser nicht vergessen. „Ich bin seine Beraterin“, korrigierte sie sich. „Für alles, was mit Vollzug und Polizeirecht zu tun hat.“

„Und Verbrechen?“

„Ja, natürlich.“

„Eine Expertin für Verbrechen. Interessant.“

Stacy ignorierte ihren höhnischen Tonfall. „Kann sein.“

„Dad hat mir die ganze Zeit in den Ohren gelegen, dass ich rüberkommen und mich vorstellen soll. Sie wissen, wer ich bin, richtig?“

„Alice Noble. Benannt nach der allseits berühmten Alice.“

„Die Alice vom White Rabbit.“

„So kann man es auch betrachten. Ich hätte gesagt, die Hauptfigur aus ‚Alice im Wunderland‘ von Lewis Carroll.“

„Sie sind aber nicht ich.“

Das Mädchen lief zu den Bücherregalen hinüber, nahm ein gerahmtes Foto von sich und ihren Eltern in die Hand. Eine Weile betrachtete sie das Bild, dann sah sie wieder zu Stacy. „Ich bin schlauer als die beiden zusammen“, behauptete sie dann. „Hat Dad Ihnen das erzählt?“

„Ja. Er ist sehr stolz auf dich.“

„Nur vier Prozent der Bevölkerung haben einen IQ von 140 und darüber. Meiner ist 170. Nur einer von siebenhunderttausend hat so einen hohen IQ.“

Ihr Vater ist nicht der Einzige, der stolz ist. „Du bist eine sehr kluge junge Dame.“

„Ja, das bin ich.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich dachte, wir sollten miteinander reden. Die Grundregeln aufstellen.“

Neugierig stellte Stacy ihre Büchertasche ab und verdrängte alle Gedanken an das Seminar. „Schieß los.“

„Es ist mir egal, warum Sie für Dad arbeiten. Hauptsache, Sie bleiben mir aus dem Weg.“

„Habe ich dir irgendwas getan?“

„Überhaupt nicht. Dad hat alle möglichen Mitläufer hier, und ich hab kein Interesse da ran, irgendeinen von denen kennen zu lernen.“

„Mitläufer?“

Sie kniff die Augen zusammen. „Dad ist reich. Und hat Charisma. Die Leute scharen sich geradezu um ihn. Ein paar von denen sind prominentengeil. Andere meinen es ernst. Die Restlichen sind einfach nur Blutsauger.“

Stacy verschränkte verärgert die Arme vor der Brust. „Und was ist mit mir? Ich habe einen Job von ihm angenommen, gehöre ich zu denen, die sich um ihn scharen?“

„Das hat nichts mit Ihnen zu tun.“ Das Mädchen hob die Schultern. „Er lernt jemand Neues kennen, ist ganz aus dem Häuschen, und dann ist es vorbei. Ich hab gelernt, mich an niemanden zu gewöhnen.“

Interessant. Da hatte es wohl bereits öfter Probleme in der Noble-Truppe gegeben. Hegte einer davon vielleicht einen tief sitzenden Groll?

„Klingt, als hättest du schon einiges erlebt.“

„Habe ich. Tut mir Leid.“

„Keine Entschuldigung nötig. Ich tue, was ich kann, um dir nicht in die Quere zu kommen.“

Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie ein Lächeln auf dem Gesicht des Mädchens, das dadurch sofort weicher wirkte. „Ich weiß das zu schätzen.“

Sie verließ das Büro und musste dabei an der Tür ihrem Privatlehrer ausweichen. Clark Dunbar. Um die Vierzig. Langes, schmales Gesicht. Intellektueller Typ. Ganz gut aussehend.

Er blickte Alice nach. „Was war denn das?“

Stacy lächelte. „Sie hat mir die Regeln erklärt. Mich auf meinen Platz verwiesen.“

„Das habe ich befürchtet. Teenager können ziemlich anstrengend sein.“

„Besonders solche, die so intelligent sind.“

Er lehnte sich an den Türrahmen. Sie bemerkte, wie verblüffend blau seine Augen waren, und fragte sich, ob er gefärbte Kontaktlinsen trug. „Selbst die wundervollste Begabung kann manchmal zur Last werden.“

„Sie haben Erfahrung mit hochbegabten Kindern?“

„Ich bin der Prügelknabe.“

„Nein, Sie sind eher Clark Dunbar, Oberlehrer.“

Er lachte. „Ich habe mich immer gefragt, was meine Eltern sich dabei dachten, mir so einen langweiligen Namen zu geben.“

„Wie ist denn ihr zweiter Name? Hilft der vielleicht?“

Er zögerte. „Ich fürchte nein. Randolf.“

Sie lachte und winkte ihn herein. Sie setzte sich auf die Schreibtischkante, er in den großen Sessel davor. „Haben Sie schon immer als Privatlehrer gearbeitet?“

„Immer als Lehrer“, korrigierte er. „Aber sowas hier wird besser bezahlt, die Arbeitszeiten sind angenehmer, die Schüler besser.“

„Das überrascht mich. Wo haben Sie unterrichtet?“

„An verschiedenen Universitäten.“

Sie zog verwundert die Augenbrauen hoch. „Und das hier machen Sie tatsächlich lieber?“

„Es klingt vielleicht merkwürdig, aber es ist ein Privileg, mit jemandem zu arbeiten, der so intelligent ist wie Alice. Und sehr spannend.“

„Aber wenn Sie an der Uni gelehrt haben, waren doch sicher viele Ihrer Studenten …“

„Nicht wie Alice. Ihr Verstand …“ Er zögerte, als müsse er nach dem richtigen Wort suchen, „… flößt mir Ehrfurcht ein.“

Stacy wusste nicht, was sie sagen sollte. Vermutlich konnte ein gewöhnlicher Mensch wie sie solch herausragende Intelligenz gar nicht richtig begreifen.

Er beugte sich nach vorn. „Tatsache ist, ich habe so etwas wie eine Hippie-Mentalität. Mir gefällt die Freiheit, die man als Privatlehrer genießt. Wir setzen den Unterricht und die Zeiten selbst fest. Keine Routine.“

„Manchmal hat es seine Vorteile, wenn man weiß, was einen erwartet.“

Er nickte und lehnte sich wieder zurück. „Sie sprechen jetzt von Ihren eigenen Erfahrungen. Eine ehemalige Kripobeamtin wird zur Beraterin? Dahinter steckt eine Geschichte, könnte ich wetten. Genug gehabt von all dem Blut und den Eingeweiden?“

„So was in der Art.“ Sie sah auf ihre Uhr und stand auf. „Ich unterbreche die Unterhaltung nicht gern, aber …“

„Sie müssen studieren“, sagte er. „Ich auch.“ Er lächelte versonnen. „Vielleicht können wir ja mal irgendwann eine Diskussion über die Romantiker führen.“

Als sie sich verabschiedeten, hatte sie das Gefühl, er wollte mehr als nur über Literatur zu sprechen.

Aber was?

19. KAPITEL

Dienstag, 8. März 2005

21:30 Uhr

Stacy saß im ersten Stock der UNO-Bibliothek, umgeben von Büchern. Eines davon war eine Ausgabe von „Alice im Wunderland“. Sie hatte die Geschichte gelesen – zweihundertvierundzwanzig Seiten – und sich dann durch ein halbes Dutzend kritischer Abhandlungen über den Autor und sein berühmtestes Werk gearbeitet.

Sie hatte herausgefunden, dass Lewis Carroll von einigen als der Leonardo da Vinci seiner Zeit betrachtet wurde. Das war interessant, zumal sich ihr neuer Boss als ein moderner da Vinci bezeichnete. Der Autor hatte sich die Geschichte ursprünglich für ein junges Mädchen während eines Parkspaziergangs ausgedacht und sie erst später aufgeschrieben. Daraus war dann nicht nur ein Klassiker geworden, sondern eine Erzählung, die beinahe zu Tode analysiert worden war. Laut den Abhandlungen war Alice im Wunderland alles andere als eine kindliche Fantasiegeschichte über ein Mädchen, das in eine Kaninchenhöhle fällt, hinein in eine bizarre Welt, sondern handelte von Tod, Verzicht, Gerechtigkeit, Einsamkeit, Erlösung.

Stacy fragte sich, ob die Kritiker und Literaturwissenschaftler sich das alles aus den Fingern gesogen hatten, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Sie runzelte die Stirn bei dem Gedanken. Solche Erwägungen würden ihren Professoren nicht besonders gefallen.

Stacy warf ihren Kuli auf den Tisch und rieb sich die Stirn, müde, hungrig und von sich selbst enttäuscht. Das Studium war die Chance, ihr Leben zu ändern. Wenn sie es verpatzte, was sollte sie dann machen? In den Polizeidienst zurückkehren?

Nein. Niemals.

Aber sie musste unbedingt diesen Mistkerl festnageln, der Cassie umgebracht hatte. Das war sie ihrer Freundin schuldig. Wenn ihr das schlechte Noten einbrachte – dann sollte es eben so sein.

Sie konzentrierte sich wieder auf den Essay vor ihr. Die zugrunde liegende Idee von einer Welt, wo das Normale verrückt ist und die Gesetze von …

Die Schrift verschwamm vor ihren Augen. Sie kämpfte gegen die Tränen an, den Drang loszuheulen. Sie hatte seit jenem unseligen Abend, als sie die Toten gefunden hatte, nicht mehr geweint. Und das würde sie auch jetzt nicht tun. So schwach war sie nicht.

Plötzlich wurde ihr bewusst, wie still es in der Bibliothek war. Sie hatte das Gefühl eines Déjà-vu, schnell griff sie nach dem Kugelschreiber und lauschte. Als würde sich der Donnerstagabend wiederholen, hörte sie hinter sich ein Geräusch. Schritte, ein Rascheln.

Sie sprang auf und wirbelte herum, den Kugelschreiber wie eine Pistole ausgestreckt.

Malone. Grinste sie an wie Carrolls verdammte Grinsekatze.

Er hob ergeben die Arme. In einer Hand hielt er eine Ausgabe von Cliffs Anmerkungen zu „Alice im Wunderland“.

Na großartig, sie hatten beide die gleiche Idee gehabt. Jetzt würde sie gleich losheulen.

Spencer zeigte auf den Kugelschreiber. „Vorsicht, Waffe runter. Ich komme in friedlicher Absicht.“

„Sie haben mich erschreckt“, sagte sie verärgert.

„Tut mir Leid.“

Er sah aber überhaupt nicht so aus. Sie warf ihren Kuli auf den Tisch. „Warum schleichen Sie hier in der Bibliothek herum?“

Er zog die Augenbrauen in die Höhe. „Aus demselben Grund wie Sie, scheint mir.“

„Zum Teufel noch mal.“

Er lachte, zog sich einen Stuhl heran, drehte ihn um, setzte sich rittlings darauf und sah sie an. „Ich mag Sie auch.“

Sie spürte, wie ihr heiß wurde. „Allerdings habe ich nie behauptet, Sie zu mögen, Malone.“

Bevor er etwas darauf erwidern konnte, knurrte ihr Magen. Er grinste. „Hungrig?“

Sie presste sich die Hand auf den Bauch. „Und müde. Und ich habe mörderische Kopfschmerzen.“

„Zweifellos ein viel zu niedriger Blutzuckerspiegel.“ Er griff in die Tasche seiner Windjacke und holte einen Schokoriegel heraus. Er hielt ihn ihr hin. „Sie müssen besser auf sich achten.“

Sie entfernte die Verpackung, biss ein Stück ab und seufzte genüsslich. „Danke für Ihre Fürsorge, Malone, aber mir geht es ganz gut.“

Sie nahm noch einen Bissen. Die Auswirkungen des Zuckers auf ihre Kopfschmerzen waren augenblicklich zu spüren. „Tragen Sie immer Schokolade in Ihrer Tasche herum?“

„Immer“, erwiderte er ernst. „Als Bestechung für Spione.“

„Oder um Informationen aus hungrigen Frauen mit Kopfschmerzen herauszulocken.“

„Wie man hört, verbringen Sie eine Menge Zeit mit Leo Noble. Würde es Ihnen was ausmachen, mir zu erklären, warum?“

„Wen verfolgen Sie?“ konterte sie. „Mich oder Leo?“

„Also, wozu hat Noble eine ehemalige Kripobeamtin angeheuert? Zum Schutz? Vor wem?“

Sie stritt nicht ab, dass sie für den Mann arbeitete. Es hätte sowieso keinen Zweck gehabt; Malone kannte die Wahrheit. „Als kriminalistische Beraterin. Er schreibt einen Roman.“

„Blödsinn.“

Sie blickte auf das Buch in Malones Hand und wechselte das Thema. „Ich bin beeindruckt. Es sieht so aus, als würden Sie Ihre Hausaufgaben machen.“

Er grinste schief. „Seien Sie nur nicht zu beeindruckt. Ich hab’s noch nicht gelesen.“

„Zu hoch für Sie?“

„Es ist nicht nett, die Hand zu beißen, die einen füttert. Und Sie haben Schokolade auf Ihren Zähnen.“

„Wo?“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die Zähne.

„Machen Sie das noch einmal.“ Er stützte das Kinn auf die Hand. „Das turnt mich an.“

Sie musste lachen. „Sie wollen was von mir …“ Sie hob schnell die Hand, um die neunmalkluge Erwiderung zu unterbinden, die er sicher parat hatte. „Was?“

„In welchem Zusammenhang steht das Spiel White Rabbit zu der Geschichte von Alice im Wunderland?“

Stacy dachte an die Karten, die Leo erhalten hatte. „Noble hat Carrolls Erzählung einfach als Inspiration für sein Spiel benutzt. White Rabbit kontrolliert den Spielhergang. Die Charaktere aus der Story sind auch die Rollen der Mitspieler, allerdings tendiert alles mehr ins Brutale, Gefährliche.“

Er zeigte auf die Unterlagen, die vor ihr lagen. „Wenn es so einfach ist, warum dann das hier alles?“

Er hatte sie erwischt. Verdammt. „Von anderen Spielern habe ich gehört, dass White Rabbit ein außergewöhnliches Szenarium ist. Die leidenschaftlichen Anhänger von White Rabbit machen mehr einen Kult aus dem Ganzen als andere Spieler. Es läuft geheimnisvoller ab, was einen Teil der Anziehungskraft des Spiels auszumachen scheint.“

„Was ist mit der Struktur?“

„Sehr gewalttätig, das steht fest.“ Sie dachte einen Moment nach. „Der bedeutendste Unterschied der Struktur liegt in der Rolle des Spielmeisters. Der ist normalerweise absolut neutral. White Rabbit nicht. Er ist ein Charakter, der mit spielt, um zu gewinnen. Das Motto ist, zu töten oder selbst getötet zu werden“, endete sie.

„Oder um jeden Preis zu überleben, je nachdem, wie man es betrachtet.“

Sie setzte zu einer Erwiderung an; doch sein Handy klingelte.

„Malone.“

Sie beobachtete ihn, während er zuhörte, und bemerkte, wie er fast unmerklich die Lippen zusammenpresste. Wie er die Stirn runzelte.

Eindeutig ein Anruf von der Polizeidienststelle.

„Verstanden“, sagte er. „Bin sofort da.“

Er musste gehen. Irgendwo war irgendjemand tot aufgefunden worden. Ermordet.

Er verstaute das Handy wie der und sah sie an. „Tut mir Leid. Die Pflicht ruft.“

Sie nickte. „Ist in Ordnung, gehen Sie nur.“

Das tat er, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Alles an seiner Haltung und seinem Gang signalisierte, wie zielbewusst er war, entschlossen.

Stacy sah ihm nachdenklich nach. Zehn Jahre lang hatte sie auch solche Anrufe erhalten. Sie hatte es immer gehasst. Immer waren sie zum ungünstigsten Zeitpunkt gekommen. Warum überkam sie dann jetzt plötzlich ein scharfes, schmerzhaftes Gefühl von Verlust? Ein Gefühl, draußen zu stehen und hineinzusehen?

Als sie ihre Unterlageneinsammelte, sah sie, wie Bobby Gautreaux auf die Treppen zuging. Sie rief seinen Namen, laut genug, um gehört zu werden. Doch er verlangsamte seinen Schritt kein bisschen und blickte sich auch nicht um. Sie sprang auf und rief ihn erneut. Laut. Er begann zu rennen. Sie stürzte hinterher ins Treppenhaus.

Er war bereits verschwunden.

Sie rannte trotz dem die Stufen hinunter und erntete ein Stirnrunzeln von der Bibliotheksangestellten. „Haben Sie gerade einen dunkelhaarigen Typ mit einem orangefarbenen Rucksack gesehen? Er ist gerannt.“

Die junge Frau musterte Stacy von oben bis unten und warf ihr einen feindseligen Blick zu. „Ich sehe hier eine Menge dunkelhaariger Typen.“

Stacys Augen verengten sich zu Schlitzen. „So viel ist in der Bibliothek nicht los. Er ist gerannt. Möchten Sie sich Ihre Antwort vielleicht noch einmal überlegen?“

Die Frau zögerte, dann deutete sie zum Haupteingang. „Er ist da lang.“

Stacy bedankte sich und ging wieder nach oben. Es würde gar nichts bringen, ihm hinterherzulaufen. Erstens bezweifelte sie, dass sie ihn finden würde. Und selbst wenn, er würde wohl kaum zugeben, ihr hinterher spioniert zu haben.

Aber falls er das getan hatte, weshalb nur?

Im ersten Stock angekommen, packte sie ihre Sachen weiter zusammen, hielt aber plötzlich inne. Bobby war groß. Größer als sie. Vielleicht kleiner, als sie ihren Angreifer an dem Abend eingeschätzt hatte, aber in Anbetracht der Umstände hatte sie sich vielleicht getäuscht.

Womöglich hatte Bobby Gautreaux sie überhaupt nicht ausspionieren wollen, sondern etwas ganz anderes beabsichtigt.

Sie musste künftig sehr vorsichtig sein.

20. KAPITEL

Dienstag, 8. März 2005

23:15 Uhr

Spencer stand auf dem Gehweg vor dem verfallenen dreistöckigen Gebäude und wartete auf Tony. Sein Partner war kurz nach ihm eingetroffen, aber noch nicht aus seinem Wagen gestiegen. Er telefonierte mit seinem Handy, und es schien ein hitziges Gespräch zu sein. Zweifellos mit seiner Tochter Carly, dachte er.

Er blickte die Straße hinunter, auf die Häuserreihen, die meisten von ihnen Mehrfamilienhäuser. Auf der Beliebtheitsskala würde das Bywater-Viertel nicht mehr als drei Punkte erhalten, obwohl das vermutlich auf die Sichtweise ankam. Es gab Leute, die würden alles dafür geben, hier zu wohnen, andere würden sich lieber vorher umbringen.

Er verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln. Und manche wurden eben danach umgebracht.

Die zuerst eingetroffenen Polizisten hatten das Areal abgesperrt, das gelbe Band zog sich über die vordere Veranda. Kurz nach dem Bau war das hier ein hübsches Mittelklassehaus gewesen, geräumig genug für eine große Familie. Irgendwann im Laufe der Zeit, als die Gegend durch die vielen baufälligen Gebäude in Ungnade gefallen war, hatte man es zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut, die schöne Fassade durch schreckliche Teerpappe ersetzt, die nach dem 2. Weltkrieg so beliebt gewesen war.

Spencer drehte sich um, als eine Autotür zugeschlagen wurde. Tony hatte sein Telefonat beendet, obwohl Spencer auf Grund seines düsteren Gesichtsausdrucks davon ausging, dass die Sache noch lange nicht erledigt war.

„Habe ich dir schon gesagt, dass ich Teenager hasse?“ sagte er zur Begrüßung.

„Des Öfteren.“ Sie gingen zusammen los. „Danke, dass du gekommen bist.“

„Ein Vorwand, um aus dem Haus zu flüchten.“

„Carly ist nicht so schlimm“, sagte Spencer grinsend. „Du bist eben einfach alt, Spaghetti.“

Tony sah ihn beleidigt an. „Mach mich nicht an, Hübscher. Nicht jetzt. Dieses Mädchen macht mich echt fertig, ich dreh noch durch.“

„Cop dreht durch. Klingt hässlich. Sehr hässlich.“ Spencer hob das Plastikband für Tony hoch, dann ging er selbst darunter durch. Ein dürrer Hund stand am Gitterzaun des Nachbarn und beobachtete sie. Er hatte die ganze Zeit über nicht einmal gebellt, was Spencer merkwürdig fand.

Sie gingen auf die Polizistin zu, die am Eingang stand, eine Frau, mit der sein Bruder Percy mal zusammen gewesen war. Es hatte nicht gut geendet. „Hallo, Tina.“

„Spencer Malone. Wie geht es deinem nichtsnutzigen Bruder?“

„Welchen meinst du? Ich hab einige, auf die deine Beschreibung passt.“

„Das stimmt. Meinen Ex-Lover eingeschlossen.“

„Kein Dementi von meiner Seite, Officer DeAngelo.“ Er grinste. „Was haben wir denn?“

„Obere Wohnung rechts. Opfer in der Badewanne. Vollständig bekleidet. Ihr Name ist Rosie Allen. Lebte allein. Die Mieterin direkt darunter hat uns angerufen. Von der Decke ist Wasser getropft. Sie hat bei ihr geklingelt, aber niemand antwortete, da hat sie die Polizei gerufen.“

„Warum hast du uns benachrichtigt?“

„Das hier riecht förmlich nach ISD. Der Killer hat eine Visitenkarte hinterlassen.“

Spencer runzelte die Stirn. „Hat die Nachbarin was gehört? Irgendwas Verdächtiges gesehen?“

„Nein.“

„Was ist mit den anderen Bewohnern?“

„Nichts.“

„Spurendienst angerufen?“

„Sind auf dem Weg. Der Doc ebenfalls.“

„Irgendwas berührt?“

„Hab ihren Puls gemessen und das Wasser abgestellt. Den Duschvorhang weggezogen. Das ist alles.“

Spencer nickte. Mit Tony zusammen machte er sich auf den Weg. Als er an der geöffneten Tür ankam, drehte er sich um. „Ich werde Percy ausrichten, dass du dich nach ihm erkundigt hast.“

„Wenn dir dein Leben nichts wert ist, gern.“

Lachend stiegen Tony und Spencer die Stufen hoch, die zum Wohnzimmer des Opfers führten. Es war als Werkstatt eingerichtet mit zwei großen Nähmaschinentischen, die sehr professionell aussahen. Körbe voller Kleidungsstücke standen an einer Wand, an einer anderen Regale mit auf Bügeln hängenden Kleidern, ein vollständiges Kostüm. Viel Glitzer. Vor der gegenüberliegenden Wand standen eine Couch und ein etwas mitgenommener Kaffeetisch. Darauf ein Stapel Taschenbücher. Eins lag umgedreht aufgeschlagen neben einer schönen Porzellantasse mit Unterteller.

Spencer ging zum Tisch hinüber. Die Tasse war bis auf den Satz leer. Ein angebissener Keks lag auf dem Unterteller.

Er sah sich die Bücher genauer an. Liebesromane. Ein paar Krimis. Sogar ein Western. Er kannte keinen einzigen Titel.

„Kein Fernseher“, sagte Tony ungläubig. „Jeder hat doch eine Glotze.“

„Vielleicht im Schlafzimmer.“

„Vielleicht.“

Von hin ten hörte man, dass die Leute vom Spurendien stangekommen waren. Wie eine Herde Elefanten kamen sie die Treppe hochgetrampelt. Ohne auf die Kollegen zu warten, winkte Spencer Tony zum Badezimmer. Sie waren zuerst angekommen, da verdienten sie es auch, sich den Tatort zuerst anzusehen.

Auf dem schwarzweiß gefliesten Fußboden stand eine zentimeterhohe Wasserlache. Es schien alles an seinem Platz zu sein – wenn man die dünnen Beine mit den Pantoffeln an den Füßen nicht beachtete, die aus der altmodischen Badewanne ragten.

Spencer ließ den Blick durch den Raum schweifen. Eine unberührte Szene sprach manchmal Bände, wenn man Glück hatte.

Spencer trat ein. Und er spürte es, eine Art Präsenz. Eine Art Echo auf die Tat, die ihm eine Gänsehaut verursachte.

Er blickte sich erneut um, das Bad war für die Wanne fast zu klein. Der Vinylvorhang, an einer gebogenen Stange befestigt, war zurückgeschoben.

Tony murmelte et was über seine Schuhe, die er sich ruinieren würde. Spencer achtete nicht auf ihn. Er konnte den Blick nicht von den Augen der Frau losreißen.

Sie starrte zu ihm auf aus ihrem Wassergrab, die Augen ein verwaschenes Blau. War die Farbe im Alter blasser geworden? fragte er sich. Oder durch den Tod? Das Haar hing wie graues Seegras vom Kopf. Der Mund stand offen.

Sie trug einen Chenille-Bademantel in derselben Farbe wie ihre Augen. Ein weißes Baumwollnachthemd darunter. Die rosafarbenen flauschigen Pantoffeln an ihren Füßen waren trocken.

Diese Augen, dieser leblose Blick, schienen ihn zu rufen. Um Aufmerksamkeit zu bitten.

Spencer lehnte sich vor. Erzähle. Ich höre zu.

Sie hatte sich schon fürs Bett fertig gemacht. Gelesen. Genüsslich eine Tasse Tee getrunken mit einem Keks dazu. Nach dem Zustand des Badezimmers zu urteilen und der Tatsache, dass ihre Pantoffeln trocken waren, hatte sie sich nicht gegen ihren Angreifer gewehrt.

Ihre Hände sahen sauber aus.

„Das ist merkwürdig“, sagte Tony. „Wo ist denn diese Visitenkarte?“

„Gute Frage. Mal sehen …“

„Lächeln, Jungs, ihr seid bei der Versteckten Kamera.“

Sie drehten sich um. Das Blitzlicht leuchtete auf, Ernie Delaroux , der Fotograf vom Spurendienst, grinste sie an. Es gab Gerüchte, dass der Mann ein Albummit Fotos von allen Tatorten aufbewahrte – sein eigenes kleines Horrorbuch.

„Ganz ruhig, Ernie.“

Der Fotograf lachte nur und kam wie ein Fünfjähriger, der durch eine Pfütze sprang, laut platschend herein.

Und vertreibt damit die leisen Stimmen, dachte Spencer. Bevor er die Gelegenheit gehabt hatte, ihre Geschichte zu hören.

„Abgedrehter Mistkerl“, murmelte Tony und machte dem Mann Platz, damit er seine Fotos schießen konnte.

„Das hab ich gehört“, rief der und klang fast ausgelassen.

„Hallo, Jungs“, grüßte Ray Hollister.

„Hallo, Ray. Willkommen zur Party.“

„Eine zweifelhafte Ehre.“ Er kniff die Augen zusammen. „Das wird mir meine Schuhe ruinieren. Ich mag diese Schuhe.“

„Sie sprechen mir aus dem Herzen“, meldete sich Tony.

Der Leichenbeschauer von New Orleans beschäftigte sechs Pathologen. Mit ihnen kam ein Fahrer, dessen Aufgabe es war, die Leichen zur Pathologie zu bringen – und den Ort des Geschehens ebenfalls zu fotografieren.

Ray wartete, während die beiden Männer ihre Fotos machten. „Was ist hier passiert?“

„Wir haben gehofft, Sie würden uns das erzählen.“

„Manchmal habe ich ein Karnickel im Hut, manchmal nicht.“

Spencer nickte. Jeder Cop, der etwas taugte, wusste, dass es tatsächlich so funktionierte. Einige Fälle wurden so leicht und schnell gelöst wie durch Zauberhand. Bei anderen Untersuchungen hingegen stieß man immer wieder gegen eine Wand – egal wie gut ausgebildet oder gewissenhaft das Untersuchungsteam auch war.

„Das Opfer scheint ertrunken zu sein“, sagte Spencer. „Die Position der Beine weist auf einen Mord hin, aber es gibt kein Anzeichen von einem Kampf. Merkwürdig.“

„Ich habe Sachen gesehen, die noch merkwürdiger waren, Detective Malone.“ Die Fotografen gingen hinaus, um den Rest der Szene festzuhalten. Ray zog sich Handschuhe an und ging zur Badewanne hinüber. „Es wird schwierig sein, Spuren zu finden, wegen dem Wasser.“

„Sagen Sie uns mal was Neues.“

„Ich versuche es, Detectives. Lassen Sie mir nur ein paar Minuten.“

Spencer und Tony liefen zum vorderen Zimmer. Der Spurendienst war bereits dabei, Fingerabdrücke zu sichern. Spencer und Tony liefen um sie herum ins Schlafzimmer. Die Bettdecke war ordentlich zurückgeschlagen. Schmutzwäsche lag in einem Korb. Ein unberührtes Glas Wasser auf dem Nachttisch, daneben lag eine kleine weiße Pille.

Keine Unordnung. Kein einziges Zeichen deutete darauf hin, dass etwas nicht stimmte.

Wie ein Bühnenbild, dachte Spencer. Ein eingefrorener Moment. Ihm lief eine Gänsehaut über den Rücken.

Sie durchsuchten die Schränke und Schubladen und gingen dann in die kleine Küche. Genauso wie in den anderen Räumen war hier alles in Ordnung. Eine Dose mit Butterkeksen stand auf der Küchentheke. Eine Packung Tee daneben.

„Ich liebe diese Kekse“, sagte Tony. „Meine Frau weigert sich, die noch zu kaufen. Zu viel Fett, meint sie.“

Spencer blickte seinen Partner an. „Eine kluge Frau, Spaghetti. Du solltest auf sie hören.“

„Leck mich, Hübscher.“

„Danke, kein Bedarf. Dicke haarige Ärsche sind nicht mein Ding.“

Tony lachte. „Also was denkst du? Was ist mit Rosie passiert?“

„Sie hat sich schon fürs Bett fertig gemacht. Bademantel, Pantoffeln, Bettdecke zurückgeschlagen.“

Tony nickte und fuhr fort. „Sie sitzt auf dem Sofa, trinkt eine Tasse Tee, isst einen Keks, liest ein paar Seiten, bevor sie sich hinlegt.“

„Es klingelt an der Tür. Sie macht auf und bumm! Tschüss, Rosie.“

„Kannte den Typ, denke ich. Deshalb öffnet sie im Bademantel und lässt ihn rein. Deshalb gibt es keinen Kampf.“

„Aber hätte sie sich nicht gewehrt, sobald ihr klar geworden ist, dass die Situation schief läuft? Das leuchtet mir immer noch nicht ein.“

„Er hat sie wehrlos gemacht, mein Freund.“

„Wie?“

„Vielleicht kann Ray uns das erzählen.“

Als sie im Badezimmer ankamen, sahen sie, dass Ray sich bereits die Hände des Opfers vorgenommen hatte.

„Die Hände sehen sauber aus“, sagte der Arzt, ohne aufzusehen. „Kein Blut, keine Quetschung. Nichts scheint gebrochen. Ich nehme an, wir werden Wasser in ihrer Lunge finden.“

„Kein Zeichen von einer Kopfverletzung oder irgendwas in der Art?“

„Nichts.“

„Können Sie mir irgendeinen Anhaltspunkt geben, Ray?“

Er blickte über die Schulter zu ihnen hinüber. „Habt ein richtiges Rätsel hier, Jungs. Seht euch das an.“

Er schob den Duschvorhang von der Wand weg. Spencer zog scharf die Luft ein. Tony pfiff durch die Zähne.

Die Visitenkarte. Eine Nachricht war auf die Fliesenwand hinter dem Vorhang gekritzelt, offensichtlich mit Lippenstift. In einem hässlichen Orange.

Arme kleine Maus. Ertrunken in einem Tränenteich.

21. KAPITEL

Mittwoch, 9. März 2005

2:00 Uhr

Das Klingeln des Telefons riss Stacy aus dem Schlaf. Sie öffnete die Au gen. Mord. Blinzelnd versuchte sie die Benommenheit abzuschütteln. Jemand ist tot. Ich muss

Es klingelte erneut, sie schnappte sich den Hörer.

„Killian.“

„Ich habe eine Frage.“

Malone, dachte sie, während sich der Nebel in ihrem Kopf lichtete. Kein Mord. New Orleans, nicht Dallas. Sie warf einen Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch.

2:05 Uhr.

Nachts.

„Ich hoffe für Sie, dass es eine wichtige ist.“

„Gibt es bei ‚Alice im Wunderland‘ eine Maus, die ertrinkt? In einem Teich aus Tränen?“

Stacy setzte sich auf, augenblicklich hellwach. Sie erinnerte sich sofort an die Tintenfederzeichnung auf der Postkarte, die Leo erhalten hatte, mit dem Tier in einem See, der aus Blut zu sein schien.

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Warum?“

„Ich hab einen Mordfall hier. Der Killer hinterließ uns eine Nachricht: Arme kleine Maus, ertrunken in einem …“

„Tränenteich“, beendete sie den Satz für ihn.

„Kommt das in der Geschichte vor?“

„Nicht direkt“, sagte sie und sah wie der auf die Uhr, rechnete sich aus, wie lange es dauern würde, sich anzuziehen und zu Leo zu fahren. „Aber ja.“

„Nicht direkt“, wiederholte er. „Was soll das heißen?“

„Dass es dicht genug dran ist, um eine Verbindung herzustellen. Lesen Sie die Anmerkungen von Cliff, dann werden Sie das verstehen.“

„Sie wissen was, Killian. Sagen Sie es mir.“

Großartig, jetzt wurde er scharfsinnig. „Es ist mitten in der Nacht, Malone. Macht es Ihnen was aus, wenn ich jetzt wieder meinen Schönheitsschlaf aufnehme?“

„Ich werde mit Ihrem Boss reden.“

„Das ist ein freies Land. Ich unterhalte mich mit Ihnen, wenn die Sonne aufgegangen ist.“ Sie legte auf, bevor er eine Diskussion anfangen konnte, dann wählte sie Leos Büronummer. Der Mann hatte behauptet, nie zu schlafen. Das würde sie jetzt mal testen.

Er nahm beim zweiten Klingeln ab.

„Es ist was passiert“, sagte sie. „Ich mach mich auf den Weg zu Ihnen.“

„Sie kommen zu mir? Jetzt?“

„Keine Zeit für Erklärungen. Ich will schneller sein als Malone und sein Partner.“

„Detective Malone?“

„Vertrauen Sie mir, ja?“ Sie kletterte aus dem Bett und lief ins Bad. „Und machen Sie schon mal einen Kaffee.“

22. KAPITEL

Mittwoch, 9. März

2005 2:55 Uhr

Eine halbe Stunde später hielt Stacy bereits vor Leos Haus am anderen Ende der Stadt. Sie hatte sich ein Paar Jeans angezogen und ein dünnes Sweatshirt und sich lediglich noch die Zeit genommen, um sich die Haare in einem eiligen Pferdeschwanz zusammenzubinden.

Das Haus war bis auf die Gaslaternen auf der Veranda dunkel. Leo saß auf der obersten Stufe der Treppe und wartete auf sie.

Als sie ankam, stand er auf. „Es gab einen weiteren Mord“, sagte sie ohne Einleitung. „Es scheint was mit ‚Alice im Wunderland‘ zu tun zu haben. Und mit einer der Karten, die Sie bekommen haben.“

Er wurde blass. „Mit welcher?“

Sie erzählte ihm kurz von Spencers Anruf und berichtete al les, was sie erfahren hatte. „Ich denke, er wird hier auftauchen. Vielleicht sollten wir uns vorher unterhalten.“

Er nickte. „Gehen wir rein.“

Leo führte sie in die Küche. Wie sie es sich gewünscht hatte, wartete bereits ein Kaffee auf sie.

„Was soll das heißen?“ fragte er, nachdem sie einen Schluck getrunken hatte.

„Es könnte einen Zusammenhang zwischen diesem Mord und Ihnen geben.“

„Das Spiel. White Rabbit.“

„Ich sagte, es könnte. Sie müssen der Polizei die Karten zeigen.“

„Haben Sie Malone erzählt, dass …“

„Sie die Karten bekommen haben? Nein. Ich dachte, das sollten Sie tun.“

„Wann werden sie herkommen?“

„Ich schätze, in ein paar Minuten. Aber sie warten vielleicht auch bis morgen früh. Das kommt da rauf an, was sie noch haben und für wie dringend sie es halten.“

Wie auf ein Zeichen klingelte es an der Tür. Leo sah Stacy an, sie machte ihm ein Zeichen, dass er öffnen solle und sie hier in der Küche warten würde.

Kurz darauf kam er mit den beiden Kripobeamten zurück.

„Dachte ich mir, dass Sie hier sind“, sagte Spencer, als er sie entdeckte.

Sie lächelte müde. „Dito.“

„Kaffee?“ fragte Leo.

Beide Männer lehnten ab, obwohl Tony etwas zögerte.

„Offensichtlich hat Ms. Killian Sie bereits ins Bild gesetzt“, begann Spencer.

„Ja.“ Leo sah zu Stacy, dann blickte er Spencer wieder an. „Aber bevor wir weiterreden, muss ich Ihnen etwas sagen.“

„Was für eine Überraschung“, bemerkte Spencer.

Stacy ignorierte seinen Sarkasmus. Leofuhr fort. „Im vergangenen Monat habe ich drei Postkarten von jemandem erhalten, der sich White Rabbit nennt. Auf der einen ist ein Bild von einer Maus, die in einem Teich aus Tränen ertrinkt. Die Karte ist mit ‚White Rabbit‘ unterschrieben.“

Spencer runzelte die Stirn. „Von dem Spiel?“

„Ja.“ Leo er klärte kurz, welche Rolle White Rabbit in seinem Spiel hatte und dass er befürchtete, jemand habe nun begonnen, die Szenerie in die Realität umzusetzen. „Ich habe eine Menge verrückte Briefe über die Jahre erhalten“, endete er, „aber die hier … irgendwas daran hat mich beunruhigt.“

„Deshalb hat er mich angeheuert“, fiel Stacy ein. „Um herauszufinden, von wem sie sind. Und ob diese Person gefährlich ist.“

„Ich würde die Karten gern sehen.“

„Ich hole sie.“

„Ich komme mit“, sagte Tony und folgte ihm.

Stacy sah den beiden nach und wandte sich dann an Malone. „Was ist?“

„Sind Sie ins Privatschnüffler-Geschäft übergewechselt?“

„Nur ein Freundschaftsdienst.“

„Für Noble?“

„Für Cassie. Und Beth.“

„Sie glauben, die Karten stammen von ihrem Mörder.“

Das war keine Frage. Sie antwortete ihm trotzdem. „Könnte sein.“

„Oder auch nicht.“

Leo und Tony kehrten zurück. Tony reichte Spencer die Karten und wechselte dabei einen bedeutungsvollen Blick mit ihm. Spencer sah sich die drei Karten genau an. Dann wandte er sich an Leo. „Warum haben Sie uns deshalb nicht angerufen?“

„Um Ihnen was zu sagen? Ich bin nicht offen bedroht worden. Niemand war tot.“

„Jetzt schon“, entgegnete Spencer. „Ertrunken in einem Tränenteich.“ Er zog ein Foto aus der Tasche und reichte es Leo. „Ihr Name war Rosie Allen. Kennen Sie sie?“

Leo starrte auf das Bild, schüttelte den Kopf und gab es ihm zurück.

„Was ist denn los?“

Alle drehten sich um. Kay stand an der Tür und sah frischer aus, als man es um diese Uhrzeit erwarten sollte. „Es hat einen Mord gegeben“, erklärte ihr Leo. „Eine Frau namens Rosie Allen.“

Kay runzelte die Stirn. „Verstehe ich nicht. Was hat diese Rosie mit uns zu tun?“

„Sie wurde auf eine Art umgebracht, die an die Postkarte erinnert, die Ihr Exmann erhalten hat“, sagte Spencer.

„Die Maus in einem Teich aus Tränen“, erklärte Leo.

Spencer hielt ihr das Foto entgegen. „Haben Sie diese Frau schon mal gesehen?“

Kay starrte auf das Foto und wurde kreidebleich. „Das ist die Schneiderin“, flüsterte sie.

„Sie kennen Sie?“

„Nein … ja.“ Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Stacy bemerkte, dass ihre Finger zitterten. „Sie hat ein paar … Änderungen und … Ausbesserungen für uns gemacht.“

Spencer und Tony sahen sich an. Stacy wusste, was der Blick zu bedeuten hatte: Das war kein Zufall. Es bestand ein Zusammenhang.

Leo ging zum Küchentisch, zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf sinken. „Was wir befürchtet haben, Kay. Jetzt ist es wahr geworden. Jemand hat das Spiel in die Realität umgesetzt.“

Die Kriminalbeamten gingen nicht darauf ein. „Wann haben Sie Rosie Allen zum letzten Mal gesehen?“

Kay sah Spencer verständnislos an. Er wiederholte die Frage. Bevor sie antwortete, ging sie ebenfalls zum Tisch und setzte sich. „Gerade erst gestern. Ein Kostüm von mir musste geändert werden.“

„Und Sie waren bei der Anprobe?“

„Ja.“

„Aber Sie kannten ihren Namen nicht?“

„Mrs. Maitlin … sie kümmert sich um solche Dinge.“

Tony runzelte die Stirn. „Solche Dinge.“

„Um die Anbieter. Termine vereinbaren. Für den Service bezahlen.“

„Ich muss mit ihr reden. Und mit den anderen Haushaltsmitgliedern.“

„Natürlich. Die Angestellten kommen um acht. Ist das früh genug?“

Beide Detectives checkten ihre Uhr und nickten dann. Da Stacy die Prozedur kannte, wusste sie, wie sie kalkulierten. Es war jetzt halb sechs. Sie würden kurz zum Duschen nach Hause fahren, sich dann zu einem kleinen Imbiss treffen. Der würde gerade so lange dauern, dass sie rechtzeitig zurück waren, wenn die Angestellten eintrafen.

Nachdem sie Leo gesagt hatte, dass sie ihn später anrufen würde, folgte Stacy den beiden Polizisten nach draußen. Tony war schon weg, aber sie erwischte Malone noch, bevor er seinen Wagen aufgeschlossen hatte.

„Spencer!“ rief sie.

Er drehte sich zu ihr um. „Der Mord heute Nacht, gab es da irgendwelche Ähnlichkeiten mit Cassies Fall?“ fragte sie, als sie ihn erreicht hatte.

„Nichts, was mir aufgefallen wäre.“

Sie musste ihre Enttäuschung unterdrücken. „Sie würden es mir sagen, wenn es so wäre, oder?“

„Sie werden die Erste sein, die erfährt, wenn jemand verhaftet wurde.“

„Nette Ausrede.“

„Verdammt anständig, wenn Sie mich fragen. Denken Sie bloß nicht, ich wäre Ihnen mehr schuldig.“

„Ich will einen Deal mit Ihnen machen, Malone. Ich sage Ihnen alles, was ich herausgefunden habe, wenn Sie mich Ihrerseits informieren.“

„Und warum sollte ich das tun, Killian? Ich bin Polizist. Sie nicht.“

„Es wäre klug von Ihnen. Ich arbeite für Noble und könnte Ihnen hilfreich sein.“

„Der Zusammenhang zwischen Noble und Cassie ist äußerst vage. Wenn Sie das nicht einsehen …“

„Glauben Sie mir, das tue ich. Aber es ist die einzige Verbindung, die ich habe, also verfolge ich sie weiter.“ Sie streckte die rechte Hand aus. „Sind wir im Geschäft?“

Er blickte einen Moment auf ihre Finger, dann schüttelte er den Kopf. „Netter Versuch. Aber bei der NOPD macht man solche Deals nicht.“

„Selber schuld.“

Er stieg in seinen Wagen und fuhr los. Sicher würde er es sich noch anders überlegen. Er war zwar arrogant, aber nicht dumm.

23. KAPITEL

Mittwoch, 9. März 2005

10:40 Uhr

„Ihr beide habt heute aber ziemlich lange gebraucht, um hier zu erscheinen“, schimpfte Captain O’Shay , während sie sich gleichzeitig ein Taschentuch aus der Packung auf ihrem Schreibtisch zupfte.

„Ging nicht anders, Captain“, sagte Spencer. „Wir haben seit acht Uhr heute Morgen ein halbes Dutzend Bekannte des Opfers befragt.“

„Worum geht’s?“

„Eine Frau wurde tot in der Badewanne gefunden. Rosie Allen. Hat eine Änderungsschneiderei in Heimarbeit betrieben. Sieht aus, als wäre sie ertrunken. Der Bericht des Gerichtsmediziners müsste heute Nachmittag da sein.“

„Keine Anzeichen von einem Kampf“, führte Tony weiter aus. „Keine Verletzungen, die von einer Gegenwehr herrühren, die Hände waren sauber. Wir denken, der Täter hat sie mit einer Waffe bedroht, vielleicht mit einer Pistole.“

„Sie hatte sich fürs Bett fertig gemacht“, berichtete Spencer weiter, „war schon im Pyjama und Bademantel. Hat aber trotzdem die Tür geöffnet.“

Die Haupt kommissarin nieste, dann putzte sie sich die Nase. „Sie kannte die Person an der Tür.“

„Davon gehen wir aus. Aber hier wird die Geschichte interessant. Der Killer hat eine nette kleine Botschaft hinterlassen: Arme kleine Maus, ertrunken in einem Tränenteich.“

„Geschrieben an die Badezimmerwand über der Wanne“, sagte Tony. „Orangefarbener Lippenstift.“

„Und der Lippenstift?“ fragte Captain O’Shay .

„Scheußlich, Altweiber-Orange.“ Tony verzog das Gesicht.

Captain O’Shay sah ihn gereizt an. „Ich will wissen, wo er ist.

„Keine Ahnung. Entweder als Trophäe mitgenommen oder um keine Spuren zu hinterlassen.“

„Seid ihr sicher, dass es ihrer war?“

Tony lehnte sich vor. „Positiv, Captain. Alle Bekannten haben bestätigt, dass Orange ihre Farbe war.“

Spencer berichtete weiter, informierte seine Vorgesetzte über Allens Beziehung zu den Nobles und die Karten, die Noble erhalten hatte.

Als er fertig war, starrte sie ihn mit glasigen Augen an. „Du siehst nicht gut aus, Captain“, bemerkte er.

Autor

Erica Spindler
Mehr erfahren