Historical Saison Band 130

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EINE WEIHNACHTSBRAUT FÜR DEN DUKE? von SOPHIA WILLIAMS

Lady Cecily ist verzweifelt: Ihre Tante zwingt sie, noch vor den Feiertagen zu heiraten – einen alten Widerling! Ist eine vorübergehende Scheinverlobung mit ihrem besten Freund Felix, Duke of Garth, die Rettung? Ein ungeahnt prickelndes Spiel beginnt …

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  • Erscheinungstag 07.11.2026
  • Bandnummer 130
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540582
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sophia Williams, Carla Kelly, Joanna Johnson, Samantha Hastings

HISTORICAL SAISON BAND 130

Sophia Williams

1. KAPITEL

Cecily

Sussex – Dezember 1814

Entsetzt starrte Lady Cecily Carlow ihre Tante Jane an.

„Der Earl of Steed?“, wiederholte sie.

„In der Tat.“ Ihre Tante zeigte ihre Zähne, das Äußerste, was ihr an Lächeln gelang, wenn sie sich an Cecily wandte. „Eine wunderbare Partie für dich. Ich bin ganz überwältigt.“

Auch Cecily war überwältigt.

„Das kann ich nicht“, antwortete sie unverblümt.

„Cecily!“ Der Mund ihrer Tante wurde zu einem schmalen Strich. „Gewiss muss ich dich nicht erinnern, dass du heiraten musst, und dass du in deinem fortgeschrittenen Alter vermutlich keine anderen Anträge bekommen wirst. Du bist vierundzwanzig, Cecily.“

„Tante, der Earl ist alt genug, um mein Großvater zu sein, und er ist ständig grob zu mir und zu allen anderen, die er für geringer als sich selbst hält.“

„Cecily, er ist ein Earl. Und extrem reich. Und du wirst bald seine Countess sein. Einem reichen Earl muss man seine Eigenheiten lassen.“

Cecily atmete tief ein. „Tante, ich glaube, seine Grobheit geht weit über bloße Eigenheiten hinaus.“

„Und das kommt von einer jungen Dame, die neben ihren sonstigen vielen Mängeln mit Ungeschicklichkeit, Redseligkeit und plumper Freundlichkeit aufwartet. Du tätest gut daran, an dein zukünftiges Glück zu denken. Dein Onkel sagte dem Earl, dass du seinen Antrag selbstverständlich annehmen wirst. Er wird heute Abend mit uns speisen. Ich weiß, du wirst die Hand des Earls nicht zurückweisen. Du würdest nicht wollen, dass dein Onkel dich verstößt.“ Ihre Tante raffte ihre Röcke und rauschte hoheitsvoll aus dem Raum.

Als sich die Tür hinter ihr schloss, sank Cecily schwer auf den fadenscheinigen Diwan hinter sich. Der Ton ihrer Tante war besonders boshaft gewesen. Cecily hatte wirklich das Gefühl, die Drohung, sie zu verstoßen, sei keine leere gewesen. Sie war sich sicher, dass ihre Verwandten längst schon nach einem Vorwand suchten, sie loszuwerden. Was bedeutete, am Ende des heutigen Abends hatte sie entweder kein Heim mehr oder sie hatte in die Heirat mit einem uralten Oger eingewilligt.

Es war kein Vergnügen, bei ihrer Tante und ihrem Onkel zu leben, doch ein anderes Heim hatte sie nicht, seit ihre Eltern gestorben waren, als sie sieben Jahre alt war. Und wenigstens hatte sie ein Dach über dem Kopf und ihre Mahlzeiten, und sie hatte Freunde, sowohl unter den Dienstboten als auch unter den wenigen ortsansässigen Bekannten, die sie treffen konnte, wenn ihre Tante ihr gestattete, sich bei Geselligkeiten der Familie anzuschließen.

Wie würde das Leben in einer Ehe mit dem Earl sein? Sie wickelte sich enger in ihren Schal; ihr war plötzlich kalt.

Natürlich hatte ihre Tante Recht. Anscheinend war Cecily nicht sehr liebenswert, und sie hatte keine Mitgift, daher würden nur wenige Männer sie heiraten wollen, bewiesen durch die Tatsache, dass sie bisher nicht einen einzigen Antrag erhalten hatte. Tante und Onkel waren nicht sonderlich wohlhabend, und was sie an Mitteln hatten, verwandten sie lieber auf sich selbst und ihre zwei Kinder. Also hatte Cecily keine Londoner Saison gehabt, da ihre Tante meinte, sie an einen verzweifelten Mann aus dem Landadel (die Worte ihrer Tante) verheiraten zu können. Von denen war allerdings noch keiner verzweifelt genug gewesen.

Dass Tante und Onkel wünschten, Cecily möge den Antrag des Earls annehmen, war somit verständlich. Aber grauenvoll.

Und es kam zu einem schlechten Zeitpunkt. Der Earl lebte nahebei und wusste seit vielen Jahren von Cecilys Existenz; seine letzte Gattin (seine dritte, womöglich gar vierte) war schon mindestens fünf Jahre dahingeschieden. Also schien es ihm bisher mit einer Eheschließung mit ihr nicht geeilt zu haben. Hätte er doch nur noch etwas länger gewartet. Denn – wovon Onkel und Tante nichts wussten – sie würde in etwa drei Monaten an eine schöne Summe Geldes kommen, genug, um sich ein Cottage kaufen und unabhängig leben zu können; dann würde sie ohne Furcht den Antrag ablehnen können.

Sie seufzte abgrundtief und stand auf.

Wenn dies ihr letzter Tag in verhältnismäßiger Freiheit war, sollte sie ihn nicht länger auf Trübsal verschwenden. Die Tante war wegen des Heiratsantrags so aufgeregt gewesen, dass sie wohl vergessen hatte, Cecily ihre Pflichten für den Tag zuzuteilen. Es war erst elf Uhr vormittags, also blieben einige Stunden bis zur Dämmerung. Die sollte sie bestens nutzen, indem sie einen langen Spaziergang machte, einmal, weil sie die Freiheit, allein umherzustreifen, liebte, zweitens, weil, wenn ihre Tante sie nicht sah, sie ihr auch nichts auftragen konnte. Und drittens, weil bei der Bewegung im Freien der Blick sich weitete. Und vielleicht fiel ihr dann eine Lösung für ihr Problem ein.

Zwanzig Minuten später hatte ihr flotter Schritt über einen wohlerprobten Pfad sie weit genug vom Haus fortgeführt. Ein kleiner Hain verhinderte, dass sie noch gesehen werden konnte. Daran entlang wanderte sie, bis sie schließlich an dem Hügel anlangte, der die Grenze zwischen dem Land ihres Onkels und dem benachbarten Besitz bildete. Selbiger gehörte Felix, dem neuen Earl of Garth; er war ihr guter Freund, der sie stets auf seinem Land willkommen heißen würde.

Es tat so gut, im Freien zu sein. Wenn sie, Gott behüte, den Earl würde heiraten müssen, würde sie als seine Countess wenigstens nach Herzenslust spazieren gehen können, nahm sie an. Sicherlich würde er nicht so viele Alltagspflichten für sie finden wie ihre Tante. Sie würde hoffentlich auch mehr Muße haben, Freundschaft mit den anderen Damen in der Nachbarschaft zu pflegen. Und ganz sicher würde sie ihrer Tante und ihrem Onkel weiträumig aus dem Wege gehen können. Ein paar Vorteile würde sie also genießen. Doch nicht vergleichbar mit dem Segen, allein in einem eigenen Cottage zu leben.

Sie korrespondierte regelmäßig mit der früheren Gouvernante ihrer Cousinen und hatte sich mit Miss Holland, liebevoll Holly gerufen, abgesprochen, dass sie gemeinsam mit ihr in dem Cottage wohnen würde, und sie wusste, sie würden sehr gut miteinander auskommen.

Kurz blieb sie stehen, um dem Gezwitscher der Vögel ringsum zu lauschen; sie schloss die Augen und hob das Gesicht der Dezembersonne entgegen, um es wärmen zu lassen.

„Cecily!“

Der Ruf kam unerwartet, sodass sie heftig zusammenfuhr und prompt ins Straucheln geriet.

„Entschuldige!“, sagte der Duke of Garth, während er mit seinen langen Beinen leichtfüßig zu ihr herübertrabte. „Ich hätte dich nicht so überrumpeln sollen!“

„Nein, nein, es war meine Schuld.“ Cecily reichte ihm eine Hand, damit er sie auf die Füße ziehen konnte. „Erst heute Morgen warf mir meine Tante vor, so ungeschickt zu sein, dass mich niemand heiraten möchte, und war es auch nicht nett, von ihr, so war es gewiss korrekt.“

„Was?“ Felix runzelte die Stirn.

Sie nickte und erklärte dann: „Wieder einmal zählte sie meine Mängel als Heiratskandidatin auf. Weil – schreckliche Neuigkeit – offensichtlich der Earl of Steed um meine Hand angehalten hat.“

„Steed?“ Felix blickte noch düsterer. „Was meinst du bloß?“

„Anscheinend sprach der Earl bei meinem Onkel vor, um ihm mitzuteilen, dass er mir einen Heiratsantrag machen will und wünscht, die Ehe so bald wie möglich zu schließen, noch vor Weihnachten.“

„Aber …“ Felix verzog sein schönes Gesicht vor Abscheu. „… der Mann muss mindestens fünfundsiebzig Jahre alt sein.“

„Ich weiß.“ Cecily nahm ihren Weg wieder auf, und Felix fiel neben ihr in Schritt. „Er ist jedoch außerordentlich reich und natürlich aus einflussreichem Hause. Und wenn wir einen Sohn hätten …“ Unwillkürlich schüttelte sie sich bei der Vorstellung, mit dem Earl ein Kind zu zeugen – von einem der Hausmädchen hatte sie über die Art der Beziehung zwischen Männern und Frauen erfahren. „… dann wäre er der nächste Earl, und meine Tante wäre seine stolze und zweifellos sehr interessierte Großtante, und wenn ich verheiratet würde, würden Onkel und Tante nicht mehr für mich aufkommen müssen. Und wenn ich mich weigere, werden sie mich zweifellos verstoßen.“

„Guter Gott! Das ist barbarisch! Glaubst du, sie meinen es ernst?“

„Zutrauen würde ich es ihnen. Ich habe das Gefühl, sie suchen schon lange einen Vorwand, um mich loszuwerden.“

Zu Cecilys Erleichterung nickte Felix, denn sie war nicht in der Stimmung, aus Höflichkeit zu tun, als wäre alles nicht so schlimm. Was sie an Felix’ Freundschaft besonders genoss, war, dass er sich nie die Mühe machte, unangenehme Tatsachen zu beschönigen.

„Das kommt zu einer schrecklich unpassenden Zeit“, sagte er. „In kaum drei Monaten wirst du die Bezahlung für deinen Roman erhalten.“

Vor einem Jahr hatte Cecily ihm anvertraut, dass sie einen Roman geschrieben hatte, eine Romanze, und dass sie, ohne angeben zu wollen, sehr stolz auf ihr Werk war. Felix hatte darum gebeten, ihn lesen zu dürfen. Anfangs hatte sie sich geziert, dann aber jäh entschieden, eine zweite Meinung über die Hollys hinaus wäre ihr lieb. Holly nämlich hatte gefunden, der Roman sei ausgezeichnet, doch sie war stets entschieden auf Cecilys Seite und würde ihre Arbeit nicht kritisieren, weswegen man sich auf ihr Urteil nicht völlig verlassen konnte.

Außer Holly und den Dienstboten im Haus war Felix ihr einziger wahrer Freund, immer ehrlich zu ihr, ohne je unfreundlich zu sein, somit war er der ideale Kritiker. Sie hatte ihm das erste Kapitel gegeben, und er hatte es großartig gefunden, also hatte er auch noch den Rest lesen dürfen. So beeindruckt war er gewesen, dass er vorschlug, den Roman einem Verleger vorzulegen, und nun – zu Cecilys gewaltiger Freude und fast ungläubigem Staunen – würde das Buch im neuen Jahr anonym veröffentlicht werden, und zu Ostern würde sie einen Pauschalbetrag als Honorar erhalten.

Als sie dann die Höhe der Summe erfuhr – die sicherlich größer war, weil ein einflussreicher Duke darum verhandelt hatte –, hatte sie beschlossen, ein Cottage zu erwerben. Holly, einer der wenigen ihr stets freundlich gesonnenen Menschen, hatte ihr sofort bestätigt, dass sie nur zu gerne mit ihr dort leben wolle. Cecily hatte Felix ihre Pläne eröffnet, und er hatte gesagt, er werde ihr helfen, ein passendes Objekt zu finden.

„Ich weiß“, sagte sie. „Wirklich ganz unpassend. Ich überlege die ganze Zeit, wie ich das Problem lösen könnte. Natürlich werde ich versuchen, die Heirat ein paar Monate aufzuschieben, aber wahrscheinlich wird der Earl das ablehnen, da er so besonderen Wert auf die Eheschließung noch vor Weihnachten legte. Ob ich ihn wohl heiraten sollte und mich dann scheiden lassen? Aber ich weiß nicht, ob eine Dame überhaupt die Scheidung veranlassen kann, und bis dahin würde ich seine … Frau sein müssen.“

Felix schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, du solltest dich nicht auf eine mögliche spätere Scheidung verlassen. Wie wäre es, wenn ich dir dein Kapital vorschösse? Wir können umgehend nach einem Cottage suchen.“

„Das ist sehr lieb von dir.“ Wie sehr Cecily wünschte, sie könnte auf den Vorschlag eingehen! Doch es gab so viele offensichtliche Gründe dagegen. „Aber es geht nicht. Ich kann kein Geld von dir nehmen.“

„Es wäre ein Darlehen von Freund zu Freund, und ich gäbe es dir mit Freuden. Es würde mir keinerlei Umstände bereiten.“ Wie Cecily wusste, war er außerordentlich reich, aber darum ging es nicht.

„Danke – und ich schätze dein Angebot sehr –, aber ich denke, es wird nicht gehen. Es würde trotzdem eine Weile dauern, bis eine Unterkunft gefunden wäre, und als unverheiratete Frau kann ich bis dahin nirgends sonst wohnen. Also besteht immer noch das Risiko, morgen ohne Dach über dem Kopf dazustehen. Bestimmt würde meine Tante vor Wut rasen, weil ihre undankbare Nichte sie in Verlegenheit bringt, indem sie lieber in ein Cottage einzieht, als den Earl zu heiraten. Und es gibt noch viel mehr Gründe, warum dein Vorschlag nicht durchführbar ist.“

„Die da wären?“

„Also, die sind noch unausgereift, aber ich habe das deutliche Gefühl, es könnte übel für mich enden.“

„Ja.“ Felix bückte sich nach einem abgebrochenen Zweig. „Ich denke ernstlich, es wäre riskant für dich. Du musst vor dem Grimm deiner Tante geschützt werden, bis du dein eigenes Heim hast.“

„Genau. Wenn das nur möglich wäre.“

„Vielleicht finden wir jetzt sofort etwas, wo du bleiben kannst.“ Nachdenklich stocherte Felix mit dem Stock im Boden herum, als wollte er eine gute Idee ausgraben. „Vielleicht bei einer meiner Verwandten.“

„Das kannst du nicht machen. Es würde eindeutig den Eindruck machen, dass du ein Interesse an mir hättest.“ Cecily fand es großartig, dass sie mit Felix stets so offen reden konnte. Nicht großartig fand sie dieses kurze, sehnsüchtige Zwicken, das ihre Worte begleitete, und sie sollte es ignorieren. Sie hatte solches Glück, ihn als engen Freund zu haben, und natürlich hegte er keine romantische Neigung zu ihr und würde auch nie eine hegen.

„Hmmm, was du brauchst …“ Felix stocherte heftiger im Boden. „… ist wirklich jemand, der außer dem Earl Interesse an dir zeigt. Du musst mit einem anderen verlobt sein.“

Cecily rollte mit den Augen. „Nun ja, das wäre ideal, aber unglücklicherweise wachsen annehmbare Verlobte nicht auf Bäumen.“

„Hmmm … vielleicht … vielleicht könnten wir einen annehmbaren Verlobten für dich finden.“

„Ähhh … weil sie tatsächlich auf Bäumen wachsen? Was meinst du? Mir stehen keine annehmbaren Verlobten zur Verfügung. Traurig, wie es ist.“

„Pscht.“ Während sie dem Pfad an einer Mauer entlang hügelaufwärts folgten, bohrte Felix seinen Stock immer wieder tief in den Grund. „Ich habe eine gute Idee. Stör mich nicht.“

Cecily sah ihn von der Seite an, sicher, dass er keine gute Idee hatte, denn anscheinend gab es keine. Grübelnd betrachtete sie die am einige hundert Schritt entfernten Hang grasenden Schafe. Die hatten keine Probleme.

„Wärst du gerne ein Schaf?“, fragte sie.

„Bestimmt nicht. Es wäre so langweilig.“

„Jedenfalls sehen sie zufrieden aus.“

„Sie kennen eben nichts anderes.“

„Meinst du nicht, sie sind manchmal traurig?“ Cecily blieb hartnäckig beim Thema.

„Mag sein. Aber sicher nicht so wie wir. Jedoch, wenn wir nie traurig wären, würden wir vielleicht auch nie wahres Glück erleben.“

Plötzlich sehr ernst betrachtete Cecily sein Profil, griff nach seiner Hand und drückte sie. „Entschuldige.“ Sie bedauerte es sehr, wenn sie ihn an den Verlust seiner Gemahlin erinnerte. Felix war sechs Jahre älter als Cecily, seine Braut ein Jahr jünger als er gewesen. Sie hatten sehr früh geheiratet, und sie war drei Jahre später im Kindbett gestorben und hatte Felix als sehr jungen Witwer mit einem Kleinkind und einem Neugeborenen zurückgelassen. Nach Cecilys bisheriger Wahrnehmung war er ein hingebungsvoller Vater.

Er schüttelte den Kopf. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Vielen Menschen widerfährt Tragisches, und ich habe doch noch viel Glück gehabt. Ich möchte nicht, dass die Leute meinen, ihre Worte behutsam wählen zu müssen, wenn sie mit mir sprechen. Und wir weichen gerade vom Thema deines Unglücks ab, das abzuwenden ich entschlossen bin.“

„Wenn dir das gelänge, wäre ich sehr erfreut, aber ich halte es nicht für möglich. Ich muss hoffen, dass der Earl sich als annehmbarer Gemahl erweist.“

Felix sah sie an, und sein tiefernster Blick ließ sie schlucken.

„Das halte ich für nicht sehr wahrscheinlich, nach allem, was ich so höre.“

Cecily schluckte erneut.

„Allerdings …“ Felix grinste geradezu. „… ich habe die perfekte Lösung gefunden.“

„Wirklich?“ Trotz ihrer grässlichen Lage musste sie daraufhin unwillkürlich auch lächeln. Sein Lächeln war fast unwiderstehlich.

„Ja. Ganz einfach. Wir beide werden vorübergehend vorgeben, verlobt zu sein; nur bis du dein Geld hast. Dann werde ich damit das Cottage für dich kaufen, und wenn klar ist, wann Miss Holland zu dir ziehen kann, werden wir allseits verkünden, dass du mich doch lieber nicht heiraten möchtest. Heißt, du wirst mir den Laufpass geben. Mir wird es nicht schaden; wie du weißt, will ich nicht wieder heiraten, und selbst wenn, wäre es einerlei – ich bin ein Duke, und mir fällt wirklich nichts ein, womit ich die kupplerischen Mamas abstoßen könnte, wenn bekannt würde, dass ich eine Gattin suche. Und dir kann es auch nicht schaden, denn du hast nur die Alternative der Eheschließung mit dem Earl, was schlimmer wäre.“

„Das geht nicht!“

„Warum nicht?“

„Weil …“ Cecily betrachtete Felix’ wunderbares, vertrautes, schönes Gesicht. Es war doch offensichtlich! „Es ist absurd.“

„Warum ist es absurd?“

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie kläglich.

„Siehst du! Ich halte es nicht für absurd. Ich denke, es ist eine ausgezeichnete Idee. Du bist einer meiner engsten Freunde. Ich möchte dir helfen. Ich glaube unbestreitbar, es wird dir helfen. Und es wird mich nicht das Mindeste kosten. Also warum sollen wir es nicht so machen?“

Nachdenklich furchte Cecily die Stirn. Instinktiv erschien es ihr absurd. Aber sie konnte seine Argumente gerade nicht widerlegen.

„Ähhh …“, machte sie.

„Ist das ein Ja?“ Abermals grinste Felix, und ihre Lippen spiegelten es ohne ihren Willen.

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte sie, wusste aber schon, dass sie sich fügen würde.

„Es ist eine so gute Idee!“

„Langsam finde ich das auch.“ Sie dachte – einen winzigen Moment nur – wie glücklich eine junge Dame sein würde, wäre sie wahrhaft mit ihm verlobt, und hätte beinahe laut geseufzt.

Tatsächlich schien eine neue Ehe für ihn ganz unwahrscheinlich – in der Tat hatte er ein oder zwei Mal ausdrücklich erklärt, dass er das als Verrat an seiner verstorbenen Frau sehen würde –, doch als seine gute Freundin musste sie hoffen, dass er nicht auf immer allein bleiben werde. Es war ihr schrecklich, dass er nach den vergangenen Jahren immer noch sichtlich betrübt über den Verlust seiner Gattin war. An seinen Jammer und seine Einsamkeit zu denken, war ihr furchtbar, wenn er beides auch die meiste Zeit gut verbergen konnte und es nur gelegentlich sichtbar wurde.

Allerdings – wenn er wieder heiratete, würde das bedeuten, dass ihre Freundschaft sich wandeln müsste, vielleicht sogar – entsetzliche Vorstellung – enden. Als er seine Frau verlor, war Cecily kaum dem Schulzimmer entwachsen, und ihre Freundschaft entwickelte sich langsam, wurde zu einer zwischen Erwachsenen und trat an die Stelle der Heldenverehrung eines kleinen Mädchens für den älteren Nachbarjungen. Mehr als einmal war ihr klar geworden, dass es nie dazu hätte kommen können, wenn er noch verheiratet wäre.

War sie sich auch manchmal bewusst, wie besonders attraktiv er war, so verdrängte sie die Gedanken. Er war ihr bester Freund, und auf die Art dachten beste Freunde nicht aneinander. Und eindeutig dachte er so nicht an sie, sonst hätte er das inzwischen gezeigt.

Was aber nicht überraschte, weil sie eben, worauf ihre Tante mit Worten wie Taten hingewiesen hatte, nicht sonderlich liebenswert war. Ein Mann mochte vielleicht kurz einmal denken, er sei in sie verliebt, aber bald würde er entdecken, wie wenig liebenswert sie war, und wenn ihr das mit Felix geschähe, wäre es fürchterlich; ihre Freundschaft mit ihm war mit das Beste in ihrem Leben. Daher war es ideal, dass er ganz eindeutig nie irgendwelche wärmeren Gefühle für sie haben würde.

Und eindeutig auch niemand anders.

Bei dem Gedanken, wie wenig an ihr war, das sie als Braut empfehlen könnte, stieß sie einen traurigen kleinen Seufzer aus.

„Cecily? Bitte denke nicht, dass du auf meine Idee eingehen musst, wenn du nicht ehrlich überzeugt davon bist. Ich glaube wirklich, es ist ein guter Plan, aber ich möchte nicht, dass du dich verpflichtet fühlst, etwas zu tun, was du nicht magst.“

Cecily schüttelte den Kopf, um ihre dummen, verdrießlichen Gedanken zu klären – sie sollte sich wirklich vergegenwärtigen, wie glücklich sie war, einen Freund wie ihn zu haben und bald, in nur drei Monaten, das Honorar für ihr Buch zu erhalten – und schenkte ihm ein Lächeln.

„Wenn du ganz bestimmt mit dem Plan zufrieden bist, dann hast du mich beinahe überredet“, sagte sie.

„Großartig.“

„Aber wir müssen noch übereinkommen, dass wir die Scharade sofort abbrechen, wenn es dir aus irgendeinem Grund nötig erscheint.“ Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. „Schlagen wir darauf ein?“

„Gerne, aber es ist nicht nötig.“ Felix umfing ihre Hand, und sie fand, dass sie seinen festen Griff und auch, wie ihre Hand genau in seine große passte, sehr genoss. Hatten sie sich schon einmal die Hände gegeben? Sie war sich nicht sicher. Gespürt hatte sie seine Berührung bisher noch nie derart, praktisch bis hinein in ihren Bauch. Vielleicht lag es daran, dass sie mit dem Gespräch über ihre Scheinverlobung zum ersten Mal überhaupt an ihn in Gestalt eines Bewunderers gedacht – sich für länger als eine Sekunde zu denken erlaubt hatte –, nur eindeutig nicht ihres Bewunderers.

Immer noch die Hände verschränkt, schauten sie einander in die Augen. Kein Händedruck dauerte so lange. Und wem fiel denn auf, welch schöne Augen der beste Freund hatte, und ebenso wenig sollte man ob der Berührung der Hände jäh solch innerliche Wärme empfinden. Sie zappelte ein wenig mit den Fingern und zog sie dann fort.

„Danke“, sagte sie; mehr Worte fand sie nicht.

„Gern geschehen.“ Seine Stimme war viel rauer als sonst.

Und dann standen sie da und schauten einander noch eine ganze Weile an, was sehr seltsam war.

Felix brach das Schweigen. „Ich sollte dich zurückbegleiten“, erklärte er. „Wir müssen unser … Verlöbnis so bald wie möglich verkünden. Besser, dem Earl zuvorkommen, als ihm zu sagen, du könnest seinen Antrag nicht annehmen, weil du in Kürze selbst etwas bekannt zu geben hättest.“

„Du kannst wirklich gut planen“, sagte Cecily, um einen unbefangenen Ton bemüht, um diese seltsame Stimmung abzuschwächen.

„Ganz gewiss.“ Felix verneigte sich tief vor ihr, und sie lachte, erleichtert, dass diese Stimmung sich aufgelöst hatte.

„Gehen wir?“ Er bot ihr seinen Arm, und sie hakte sich unter.

Und so machten sie kehrt und schlugen die Richtung zum Haus ihres Onkels und ihrer Tante ein, um ihr vorgetäuschtes Verlöbnis zu verkünden – etwas tatsächlich ganz Unglaubliches.

2. KAPITEL

Felix

„Noch einmal danke“, sagte Cecily, als das Haus ihrer Verwandten in Sicht kam. „Ich bin dir für deinen freundlichen Vorschlag wirklich dankbar, aber du sollst wissen, dass du ihn wirklich nicht durchführen musst. Wir können tun, als hätten wir nie darüber gesprochen, und uns hier verabschieden.“

Auf dem Wege hierher hatte sie sich stetig in belanglosem Geplauder geübt, doch er hatte bemerkt, dass sie dann und wann nicht wusste, was sie eben gesagt hatte. Offensichtlich war sie in Gedanken und wegen ihrer Situation in Sorge.

„Ganz sicher nicht!“ antwortete er. Die Vorstellung einer Heirat Cecilys mit dem Earl war ganz abstoßend. Der Mann war mehr als fünfzig Jahre älter als sie, und sein Ruf fürchterlich. Felix’ Vater, der gleichen Generation wie der Earl angehörig, hatte seine Missbilligung des Mannes vernehmlich geäußert. Viele Ehegatten behandelten ihre Frauen schlecht, aber – wenn man den Prahlereien des Earls glauben konnte – übertraf sein Betragen das der meisten.

„Wirklich?“ Sie blieb stehen und wandte sich ihm zu.

„Wirklich.“ Er sah sie einen Moment prüfend an. Sie war sehr hübsch – schön sogar – und eine sehr angenehme Gesellschafterin. Hätte sie den Vorteil gehabt, eine Saison genießen zu dürfen, hätte sie, dessen war er sich sicher, einen annehmbaren Antrag erhalten, auch ohne Mitgift. Nicht jeder Mann hatte es nötig, seine Kasse mittels Heirat aufzupolstern; viele wünschten sich eine Braut, mit der sie glaubten, Glück zu finden oder gar Liebe. So wie Felix selbst mit seiner verstorbenen Frau. „Ich muss zugeben, ich würde es tatsächlich genießen, deine Tante und deinen Onkel hinters Licht zu führen.“

Sein magerer Scherz hatte die gewünschte Wirkung: Cecily lachte. Natürlich wusste sie genauso gut wie er, dass ihr Onkel nicht der angenehmste Nachbar war. Manchmal hatte er Felix zur Weißglut gebracht.

„In diesem Falle, danke recht sehr, dann haben wir beide etwas davon“, sagte sie, immer noch lächelnd.

Unglücklicherweise hatte ihre Tante sie kaum je zu nachbarschaftlichen Geselligkeiten mitgenommen; allein mit diesem Lächeln hätte sie ganz bestimmt etliche Bewerber um ihre Hand angezogen.

„Also gehen wir!“ Felix bot ihr erneut seinen Arm, den sie unterwegs losgelassen hatte, um die üppige Beerenpracht an einem Strauch zu betrachten. Nun hakte sie sich wieder ein. „Marschieren wir direkt in den besten Salon deiner Tante und bitten darum, das Paar gemeinsam zu sprechen.“

Etwa fünfzehn Minuten später erklommen sie die Stufen zum Portal.

„Euer Gnaden.“ Der Butler Tramkin verneigte sich sehr tief vor Felix, ohne Cecily auch nur einen Blick zu gönnen.

Wütend sah Felix ihn an. Lady Milton, Cecilys Tante, hatte er nie ausstehen können, da sie, wie er wusste, ihrer Nichte nicht das glücklichste Heim bot, und zu den seltenen Gelegenheiten, da er das Haus betreten hatte, stieß ihn das Gebaren des Butlers ab, denn der hatte sich anscheinend der Geringschätzung der Miltons für Cecily angeschlossen.

Er wusste von ihr, dass die übrigen Dienstboten freundlich zu ihr waren und sie sie als Freunde betrachtete, aber das an sich war traurig. Sie war eine Lady, und nicht Dienstboten sollten ihre besten Freunde sein; schließlich konnte sie in deren Kreis nicht angemessen leben. Und der Butler, der älteste und oberste des Personals, erwies ihr nicht den geringsten Respekt. Es war ein Wunder, dass Cecily ihre fröhliche Natur behalten hatte, wie sie sie auch bei all ihren Begegnungen an den Tag legte.

Entschieden fest zog er ihre Hand in seine Armbeuge, was ihm von Tramkin einen Blick offenen Erstaunens einbrachte.

„Lady Cecily und ich möchten Lord und Lady Milton sprechen“, verlangte er in eisigem Ton – wie wagte der Mann, Cecily derart impertinent anzuschauen? „Wir werden auf sie warten …“

„… im blauen Salon“, ergänzte Cecily.

In starrer Haltung marschierte Tramkin ihnen in den Raum voraus und zog sich dann genauso steif zurück, wobei er die Tür weit offen ließ.

Mit funkelnden Augen flüsterte Cecily: „Die Maskerade lohnt sich schon allein, um Tramkins Wut darüber zu sehen, dass ich vielleicht Glück haben könnte.“

Felix lächelte sie an, nicht allerdings, weil er es nur annähernd amüsant fand, dass sie in solch feindseligem Umfeld leben musste.

„Keine Sorge“, beruhigte Cecily, die offensichtlich seine Gedanken las. „Mrs. Wilson, unsere Haushälterin, ist eine sehr gute Freundin und liegt mit Tramkin permanent im Krieg, teils auch wegen seiner Missbilligung meiner Person.“

Nun, das war wenigstens etwas.

Sie wurden durch Lady Miltons Erscheinen unterbrochen.

„Euer Gnaden“, sagte sie affektiert.

„Lady Milton.“ Felix verneigte sich und entschied angesichts des gezierten Getues der Dame, direkt zur Sache zu kommen. „Ich habe mit Ihnen und Lord Milton etwas von höchster Wichtigkeit zu besprechen. Ob er wohl daheim ist?“

„Oh.“ Lady Milton sah ihn einen Moment starr an. „Ich nehme an, es geht um etwas Geschäftliches oder Politik. Mein Gemahl ist gerade mit dem Earl of Steed im Gespräch, wir erwarten, umgehend von dortiger Seite glückliche Neuigkeiten zu verkünden.“

Felix hörte, wie Cecily scharf, aber unterdrückt die Luft einsog, und sagte: „Welch ein Zufall. Ich bin nicht hier, um Geschäfte oder Politik zu erörtern. Ich habe ebenfalls glückliche Neuigkeiten zu verkünden – mich selbst betreffend … und Lady Cecily.“

Mit hervortretenden Augen klappte Lady Milton den Mund auf und wieder zu. „Glückliche Neuigkeiten?“

„Ja.“ Felix lächelte kühl.

„Ich …“ Ihre Augen quollen noch stärker hervor, dann nahm sie eine Glocke von einem Tischchen und läutete.

Tramkin erschien verdächtig schnell wieder – er musste nahebei herumgelungert haben – und eilte auf Lady Miltons Geheiß davon.

Kaum war er fort, sagte Lady Milton: „Nun, Euer Gnaden, bin ich neugierig bezüglich der Wichtigkeit Ihrer Nachricht.“

„Gewiss.“ Felix würde ihr nichts sagen, solange Lord Milton nicht anwesend war; er sah keinen Nutzen darin, sich wiederholen zu müssen. „Ich freue mich, diese mit Ihnen und Ihrem Gemahl zu teilen.“

Lady Milton funkelte ihn böse an, schien mit sich zu kämpfen und äußerte dann: „Ist es nicht ein wunderschöner Tag?“

„Ja“, bestätigte Felix. „Ein sonniger, frostiger Tag ist wirklich erhebend für das Gemüt.“

Lady Milton wirkte nicht sonderlich erhoben.

Sie standen schweigend, bis Lord Milton, gefolgt von dem Earl of Steed, ins Zimmer kam.

Nachdem sie einander begrüßt hatten, wobei Felix bewusst dicht neben Cecily verharrte, drückte der Earl ihre Hand und lächelte sie viel zu freundlich an, also beeilte er sich, zu sprechen, um anderen Ankündigungen zuvorzukommen.

„Lord und Lady Milton, ich muss wegen meines Verstoßes gegen die Form um Verzeihung bitten; vielleicht hätte ich zuerst Ihre Zustimmung einholen sollen …“ Die war eigentlich nicht nötig, da Cecily volljährig war. „… aber meine Gefühle überwältigten mich, ich konnte mich nicht zügeln und musste sofort sprechen. Kurz gesagt, ich möchte mein Verlöbnis mit Lady Cecily verkünden.“

Verblüfftes Schweigen. Dann sprachen Lord und Lady Milton und der Earl gleichzeitig.

„Wie bitte?“, sagte Lady Milton.

„Unsinn!“, kam es von Lord Milton.

„Lady Cecily ist meine Verlobte“, sagte der Earl.

Felix sah Cecily an, die mit großen Augen und anscheinend sprachlos dastand. Dann blickte er zu den anderen, denen allen der Mund offen stand.

„Ich bedauere. Sprach ich undeutlich? Ich gab gerade mein Verlöbnis mit Lady Cecily bekannt.“

Die anderen drei sprachen abermals alle durcheinander, sodass man nichts verstand, bis der Earl die Stimme erhob.

„Lord Milton und ich kamen eben überein, dass Lady Cecily mich heiraten muss. Übergeben Sie mir meine Verlobte, Sir!“

Schon öffnete Felix den Mund zur Antwort, als ihm bewusst wurde, dass Cecily sich Gehör zu verschaffen suchte.

„Ich denke, wir sollten Lady Cecily zu sprechen erlauben“, übertönte er die anderen, die verstummten.

„Danke.“ Cecily hatte die Hände vor ihrer Taille so fest verschränkt, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Ich bin natürlich volljährig, und daher entscheide ich allein, wen ich heirate.“

„Unsinn!“, wiederholte Lord Milton. „Du bist mein Mündel, und ich willigte ein, dass du den Earl heiratest.“

„Ich bin nicht mehr Ihr Mündel, Onkel.“ Cecilys Ton war wie Stahl.

„Unsinn!“, sagte Lord Milton noch einmal.

Eine ganze Weile schauten alle einander an, während Felix mit sich focht, wie er dieses bizarre Gespräch angesichts Lord Miltons mangelnder Einsicht beenden sollte. Er wollte Cecily nicht mit ihrer Tante, die verkniffen dreinschaute, und dem vor Wut puterroten Earl allein lassen; was er wollte, war, unbedingt herauszufinden, warum Lord Milton so sehr versessen auf den Earl als Cecilys zukünftigen Gatten war.

Vermutlich sollte eine enorme Summe gezahlt werden – vielleicht zur Tilgung sämtlicher Schulden des Lords, die angeblich sehr hoch waren –, und der Mann fürchtete, Felix werde nicht so großzügig sein.

Felix gestand sich ein, dass er mit Freuden den ohnmächtigen Grimm der Miltons sehen würde, wenn Cecily ihm in drei Monaten den Laufpass gab, mit Miss Holland in ihr eigenes Cottage einzog und das Paar nicht um einen Penny reicher zurückließ.

„Es tut mir leid, es ist kein Unsinn“, sagte Felix.

„Lady Cecily ist meine Verlobte, und die Eheschließung ist für diese Woche festgesetzt“, erklärte der Earl.

„Das ist richtig“, sagte Lord Milton.

Lady Milton hatte ihren Blick stumm zwischen den Herren schweifen lassen. Endlich fand sie ihre Stimme wieder.

„Möchten Sie uns vielleicht Ende der Woche zum Dinner beehren?“, trug sie Felix an.

Lord Milton nickte heftig. „Großartige Idee. Sie wären uns höchst willkommen.“

„Das ist sehr freundlich“, sagte Felix. „Selbstverständlich werde ich meine Verlobte schon vorher besuchen.“

„Herrgott, Bursche!“, knirschte der Earl. „Ich kannte Ihren Vater. Ihre Unverschämtheit kennt keine Grenzen. Die Dame ist meine Verlobte, und wenn Sie sie das nächste Mal sehen, ist sie meine Frau!“

Felix traute seinen Ohren nicht. Ihm schien es nicht unwahrscheinlich, dass Cecily zur sofortigen Heirat mit dem Earl gezwungen werden würde, wenn er nicht etwas unternahm.

Er sah sie an und fand ihren erschreckten Blick auf sich geheftet. Sie war eindeutig bleicher als vor ein, zwei Minuten.

Ich muss sie noch heute von hier fortschaffen, dachte er. Mit ihm allein in seinem Haus konnte sie nicht bleiben, denn dann würde er sie tatsächlich heiraten müssen, und bald schon.

Wenn doch nur seine Schwiegermutter, die bei ihm lebte, nicht ausgerechnet jetzt für drei Tage zu Besuch zu ihrer Schwester gefahren wäre.

Könnte er eine andere Anstandsdame zu sich einladen?

Eine genügte nicht unbedingt. Es wäre für Cecily trotzdem nicht ideal, mit ihm unter einem Dach zu sein.

Meine Tante Davinia!

Er hätte gleich an sie denken sollen! Sie wohnte mit einer älteren Cousine und zwei seiner Großtanten in seinem Stadtpalais in London. Es wäre gar nicht außergewöhnlich, wenn Cecily bei ihnen bleiben würde.

Er könnte dann während der Weihnachtszeit eine große Hausparty geben, einschließlich Cecily, seine Tante und weitere Verwandte. So würde er weiterhin ein Auge auf ihr Wohlergehen haben können, ohne sie tatsächlich heiraten zu müssen.

Das schien ihm die perfekte Lösung. Besonders, da sie letztens bei einem Spaziergang, als sie den Kauf eines Cottages besprachen, erwähnt hatte, dass sie noch nie in London war und hoffte, irgendwann einmal Gelegenheit dazu zu haben.

Er räusperte sich. „Lady Cecily erklärte sich einverstanden, noch heute aufzubrechen, um bis wir heiraten, in London bei meiner Tante Davinia, der Countess of Bradstock, zu wohnen. Deren Cousine Lady Ariadne Marsh lebt ebenfalls bei ihr, zusammen mit zwei meiner Großtanten.“ Ein Blick zu Cecily zeigte ihm, dass ein Lächeln auf ihren Lippen erblühte. „In der Tat“, fuhr er fort, „ist wegen der frühen Dunkelheit Eile geboten. Darum müssen wir uns nun verabschieden. Cecily, wirst du lange zum Packen brauchen?“

„Ich kann sehr schnell bereit sein.“ Sie lächelte immer breiter. „Ich habe nur wenig Besitztümer.“

„Ausgezeichnet. Vielleicht …“

„Lady Cecily wird nicht abreisen“, unterbrach der Earl. „Ihr Onkel und ich gaben uns heute Morgen die Hand auf die Vereinbarung.“

„Leider liegt es nicht in Lord Miltons Macht zu beschließen, wen Lady Cecily heiraten soll“, stellte Felix fest.

„Allerdings“, sagte Cecily. „Danke für all die mir gewährte Güte, Tante und Onkel. Ich habe den Antrag des Dukes angenommen und werde euch Lebewohl sagen, wenn ich meine Sachen gepackt habe.“ Sie schenkte ihnen ein Lächeln und rauschte aus dem Zimmer.

Felix hätte ihr am liebsten applaudiert.

Der Earl offensichtlich nicht. Er trat vor. „Dafür werde ich Sie fordern, Euer Gnaden. Ich glaube, diese London-Reise hatten Sie bis eben nicht geplant.“

„Mich fordern?“ Felix konnte seinen Ohren kaum trauen. Duelle gehörten der Vergangenheit an, und da sein Betragen selten Anstoß erregte, war er noch nie gefordert worden. „Sicherlich nicht“, erklärte er. Er konnte nicht mit einem Mann kämpfen, der mehr als vierzig Jahre älter als er war.

„Ah, ich sehe, Sie haben Angst.“ Der Earl, der viel kleiner war als Felix, straffte sich zu voller Größe und reckte die Brust. „Sie hörten von meinem Ruf! Drei Männer in Duellen getötet im letzten Jahrhundert.“

Felix lachte laut auf. „Ja, ich habe große Angst“, sagte er sarkastisch.

„Kein Duell wird den Namen meiner Nichte besudeln, der neuen Duchess“, warf Lady Milton plötzlich ein. Felix konnte geradezu sehen, wie ihr Hirn arbeitete. Offenbar hatte sie entschieden, dass sie keinen vernünftigen Grund gegen seine Heirat mit Cecily anführen konnten, und stellte sich wohl schon vor, wie sie als die Tante der neuen Duchess regelmäßig in herzoglichen Kreisen verkehren werde.

„Wir müssen besprechen, welche finanziellen Verfügungen Sie zu treffen gedenken“, sagte Lord Milton.

Felix beäugte ihn. Wenn er Cecily tatsächlich heiraten würde, würde er nicht wollen, dass ihre Verwandten sie in Verlegenheit brächten, und wäre dafür bereit, eine kleine Zuwendung zu geben. Über das Allermindeste hinaus würde er ihnen jedoch nichts aussetzen wollen, denn sie hatten Cecily, seit sie bei ihnen war, das Leben schwer gemacht. Da er sie aber eigentlich nicht heiraten würde, wollte er keine Versprechungen machen. Nicht, dass ihr Onkel ihn noch wegen Vertragsbruchs verklagen könnte.

„Damit wird sich mein Sachwalter befassen“, erklärte er.

„Das genügt nicht!“, protestierte Lord Milton. „Ich wünsche, das sofort zu besprechen.“

„Ich schließe daraus, dass Sie mir die Höhe der Mitgift Lady Cecilys zu eröffnen wünschen?“ Felix hob eine Braue.

Lord Milton sah ihn wütend an. „Sie werden doch keine Schwierigkeiten machen wollen?“

„Niemals“, murmelte Felix.

Cecily packte in Windeseile ihre Besitztümer und erschien mit ihren weltlichen Gütern – gepackt in einen äußerst schäbigen, sehr kleinen Koffer – im Salon, noch bevor die anderen mehr als ein paar Minuten in verlegenem – oder zornigem – Schweigen herumstehen konnten.

„Ausgezeichnet“, äußerte Felix aus tiefster Seele, als er sie sah. „Dann wollen wir …“

Oh. Er war natürlich zu Fuß hier. Zu Fuß zurück zum Schloss zu gehen, würde lange dauern, sodass sie die Reise nach London nicht an einem Tag schaffen würden.

„Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir eine Kutsche für die Rückkehr zum Schloss borgen würden“, bat er Lord Milton.

„Bestimmt nicht“, erklärte der Earl.

Felix hob stumm eine Braue.

Lord Milton schaute sekundenlang zwischen Felix und dem Earl hin und her, sichtlich überlegend, wer von den beiden aufgebrachter über eine Ablehnung wäre, ehe er sich für die Seite des ranghöheren Aristokraten und näheren Nachbarn – und neuen Verlobten seiner Nichte – entschied. „Natürlich“, sagte er. Er läutete nach Tramkin, wies ihn an, eine Kutsche vors Haus bringen zu lassen, ehe er voraus aus dem Haus ging.

„Lebt wohl“, sagte Cecily zu ihren beiden Verwandten.

Ihre Tante tupfte sich die vollkommen trockenen Augen und verkündete: „Ich bin ganz überwältigt. Meine kleine Nichte wird die Duchess of Garth werden. Natürlich werden wir dich in London besuchen.“

Cecily lächelte schwach, ohne ein Wort zu sagen, dann stieg sie in den eben vorgerollten Wagen.

Als die Kutsche anfuhr, öffnete sie den Mund, schloss ihn jedoch rasch wieder und formte lautlos die Worte: „Der Kutscher könnte hören, was wir sprechen.“

Felix nickte und antwortete auf die gleiche Art: „Sehr wahr“, ehe er breit grinsend laut bemerkte: „Ich glaube, ich bin der glücklichste Mann auf Erden.“

„Und ich die glücklichste Frau“, gab Cecily lachend zurück. Sie schaute zum Wagenfenster hinaus. „Ich kann nicht glauben, dass ich diese Wege eine Weile nicht sehen werde. Seit ich mit sieben Jahren herkam, bin ich nie weiter als bis Lewes gereist.“ Das war die nächste Stadt.

„Du wirst deinen Besuch in London genießen, ganz bestimmt. Es gibt da so viel zu sehen.“

„O ja, es wird sicher schön, wenn ich Sehenswürdigkeiten und interessante Orte besuchen kann.“

„Das wird ganz sicher möglich sein. Während ich in London bin, werde ich dich persönlich begleiten, und ansonsten wird meine Tante das nur zu gern übernehmen.“

„Felix, du musst dich dazu nicht verpflichtet fühlen“, sagte Cecily ausgesprochen ernst. „Ich werde London genießen, auch wenn ich die Sehenswürdigkeiten nicht besuchen kann. Allein durch die Straßen zu schlendern wird mir schon genügen.“

„Ich fühle mich nicht verpflichtet, es wird mir ein Vergnügen sein. Es ist immer vergnüglich, etwas mit den Augen einer Person zu sehen, für die es neu ist. Man gewöhnt sich zu leicht an seine eigene Sichtweise.“

„Also, dann danke schön, ich bin dir sehr verpflichtet.“

Felix deutete Richtung Kutscher und antwortete: „Nichts zu danken“, ehe er, um verräterische Gespräche zu vermeiden, fortfuhr: „Ist es nicht für Dezember ein wunderschöner Tag?“

Kurz darauf erreichten sie das Schloss, und er wies seinen Butler an, für Cecily eine Stärkung bringen zu lassen. „Außerdem bitten Sie eins der Hausmädchen, für sie ein paar Sachen zusammenzupacken. Sie soll Lady Cecily auf ihrer Fahrt nach London begleiten.“ Auch sollte sein Kammerdiener ihm für seinen Aufenthalt in London schnellstens ein Portmanteau mit dem Nötigen richten. Sein Groom und sein eigener Kutscher sollten den alten, aber äußerst luxuriösen und bequemen Reisewagen seiner Mutter bereit machen, während er selbst sich in die Bibliothek zurückzog, um für seinen Sachwalter einige Mitteilungen zu verfassen. Dann ging er hinauf in den Kindertrakt, um seinen beiden Knaben zu sagen, dass er nach London fahren werde. Sie müssten, erklärte er ihnen, währenddessen sehr brav sein, sowohl zu ihrer Kinderfrau als auch zu ihrer Großmutter – seiner Schwiegermutter und Mutter seiner verblichenen Gattin –, wenn sie morgen wieder heimkehrte.

Er hatte das hässliche Gefühl, dass alles komplizierter werden würde, als er ursprünglich bei seiner Idee, Cecily zu retten, gedacht hatte. Mindestens eine seiner Tanten und Cousinen würde vermutlich das Scheinverlöbnis gegenüber seiner Schwiegermutter erwähnen, und so könnten auch seine Jungen davon erfahren, also musste er diesbezüglich etwas unternehmen; nun jedoch hatte er wirklich nicht die Zeit, es anzusprechen, wenn sie vor Einbruch der Nacht in London eintreffen wollten. Er würde später daran denken müssen.

Als er in den kleinen Salon zurückkehrte, wo Cecily wartete, fand er sie in einem Sessel beim Fenster. Sie knabberte an einer Makrone und betrachtete müßig die Familienporträts, die rings die Wände zierten.

„Ich hoffe, du hast dich nicht gelangweilt“, bemerkte er, während er in einen Sessel ihr gegenüber niedersank und ebenfalls eine Makrone nahm. „Ich musste mich um ein paar Dinge kümmern; das dauerte etwas länger als erwartet.“

„Aber nein. Ich vergnügte mich hier sehr gut. Ich kann dir gar nicht sagen, welch ein Genuss es ist, einfach nur still zu sitzen, im Warmen …“ Sie deutete auf das Kaminfeuer. „… ohne damit rechnen zu müssen, dass mich jemand schilt oder mir eine unangenehme Aufgabe zuteilt. Außerdem sind diese Makronen köstlich!“

Felix lachte, denn ihre Bemerkungen sollten eindeutig unbeschwert wirken, doch eigentlich wollte er nicht lachen, er wollte auf der Stelle zu ihren Verwandten zurückkehren und ihnen sagen, wie absolut unzumutbar sie ihre Nichte behandelt hatten.

„Wer sind die Leute auf den Gemälden über dem Kamin?“, fragte Cecily, sich seines Kampfs mit seiner schwelenden Wut nicht bewusst.

„Meine Eltern als Kinder mit ihrer Familie und dann als Erwachsene mit ihren eigenen Kindern.“

„Sie sehen sehr glücklich und zufrieden aus.“

„Ja.“ Felix musterte sie nun eine ganze Weile. Selten betrachtete man die Bilder im eigenen Haus mit fremden Augen, wie man eben, wenn man daran gewöhnt war, auch London nicht durch die Augen eines frisch Eingetroffenen betrachtete. „Du hast recht.“ Lächelnd gedachte er seiner Eltern, dann sah er Cecily an und bekam Schuldgefühle. Ganz klar hatte sie sehr lange nicht mehr das Gefühl gehabt, in einem erfreulichen Umfeld zu leben. „Man kann sich glücklich schätzen, wenn man eine zufriedene Familie hat.“

„Das stimmt.“ Cecily trank einen Schluck von ihrem Glas mit Ratafia. „Und im umgekehrten Falle wäre man vielleicht unglücklich. Aber das Glück ist wechselhaft.“ Sie schaute ihn einen Moment an. „Du …“ Sie beendete den Satz nicht, doch sie bezog sich zweifellos auf den Verlust seiner Gattin. Dieses schwierige Thema sollte sie wirklich nicht weiter verfolgen. Sie biss sich auf die Unterlippe. „Und ich hatte heute ganz unversehens viel Glück.“

Felix hob eine Braue. „Damit schaust du sehr positiv auf das, was geschehen ist.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist ja eine Tatsache. Ich bin meine Tante und meinen Onkel los, und ich werde nach London gehen.“

Sie schaute ihn lächelnden Gesichts an, und Felix atmete scharf ein. Plötzlich war er sich sehr bewusst, wie ganz und gar sie nun von ihm abhängig war.

Er hätte wirklich etwas gründlicher über dieses Unternehmen nachdenken sollen, als er dem Impuls nachgab, sie vor dem Earl zu retten.

Nein, das ist nicht wahr. Wie viele Gedanken er sich auch gemacht hätte, er wäre stets zu dem gleichen Schluss gekommen. Ihr zu helfen, war seine einzige Wahl gewesen.

Allerdings empfand er es nun als große Verantwortung, die ganz unbekömmliche Folgen haben konnte.

3. KAPITEL

Cecily

Felix’ Miene hatte sich eben geradezu spaßig verzogen. Mit einem so kantigen Kinn wie seinem konnte er gar nicht anders, als kraftvoll und entschlossen zu wirken – und ganz absurd gut aussehend obendrein –, doch seine Stirn hatte sich gefurcht, und sein Blick wirkte konzentriert.

„Wird dir … wird dir gerade die Tragweite dessen klar, was wir getan haben?“, fragte sie. „Bitte, du darfst nicht meinen, diese Scharade weiterführen zu müssen. Ich kann einfach zu Tante und Onkel zurückkehren und mich der Heirat mit dem Earl fügen. Dann ist es, als hätte es den Tag so nie gegeben.“

Um zu verbergen, dass der bloße Gedanke daran ihr kaltes Entsetzen einflößte, tat sie ihr Bestes, um bei ihrer Äußerung unbekümmert zu lächeln. Sie musste positiv denken. Vielleicht könnte sie weiterhin schreiben und den Earl verlassen, sobald sie ihr Geld erhalten hatte. Aber wäre das wirklich durchführbar?

Felix’ Stimme drang durch ihren wachsenden Jammer. „Sicher nicht! Ich helfe dir schrecklich gerne, und es ist mir nicht im Mindesten lästig. Tatsächlich plante ich sowieso, in Kürze London zu besuchen.“ Er erhob sich. „Aber wir müssen jetzt möglichst bald aufbrechen. Bist du bereit?“

„Ja.“ Auch sie stand auf, von Erleichterung beinahe überwältigt, dass er diese Farce mit Vergnügen fortsetzen wollte. „Ich danke dir so sehr.“

„Ich habe eine wichtige Bitte an dich“, sagte Felix, während sie hinausgingen. „Du musst aufhören, mir zu danken.“

Cecily lachte. „Also gut. Dann …“

„Tststs“, machte Felix. „Beinahe hättest du dich schon wieder bedankt.“

„Aber ich konnte mich soeben noch aufhalten, wofür ich wohl Lob verdiene.“

„Das will ich dir zugestehen.“ Er lächelte sie an, und ihr stockte der Atem. Es war ein angenehmes Lächeln. Seine Lippen waren so schön geformt und seine Zähne so perfekt. Schon immer hatte sie geliebt, wie er lächelte, und nun empfand sie es … als wäre es – irgendwie – nur für sie, als ob ihr gemeinsames Geheimnis, nun … einfach allem eine tiefe Vertrautheit gäbe.

„Danke“, sagte sie, eindeutig mit leicht zittriger Stimme.

„Nein, nein, nein.“ Bedenklich schüttelte Felix den Kopf. „Nicht schon wieder! Du hast schon versagt.“

Cecily brachte ein nicht ganz so zittriges Lachen zustande. „Tut mir leid. Ich werde mich jetzt anstrengen.“

„Ja, das tue nur!“ Er zwinkerte ihr zu.

Das machte ihn nur noch stattlicher. Was sie gewiss nicht denken sollte! Sie und Felix waren Freunde, und er war Witwer und trauerte immer noch. Sein gutes Aussehen zu bewundern, wie man eine schöne Aussicht bewunderte, konnte durchgehen, nicht aber, so … nun, atemlos zu sein, wenn sie daran dachte.

Wenn sie sonst gemeinsam spazieren gingen, dachte sie natürlich manchmal, wie gut er doch aussehe und wie sehr sie seine Gesellschaft genieße. Aber fast immer konnte sie ihr ganz normales Verhalten beibehalten. Er war eben ihr sehr gut aussehender bester Freund.

Heute jedoch fand sie es viel schwieriger, ihn in diesem Lichte zu sehen.

Was aber womöglich verständlich war. Offensichtlich war sie ob der äußerst überraschenden Wendung dieses Tages ein wenig aufgeregt; das war alles.

„Ich bat Lizzy, eines unserer Hausmädchen, dich zu begleiten und als deine Zofe zu fungieren, während du in London bist“, erzählte Felix, während sie aus dem Haus gingen.

„Ach, du liebe Güte, ich glaube nicht, dass ich eine Zofe brauche.“ Sie hatte nie eine gehabt, sondern tatsächlich hatte man häufiger von ihr verlangt, solche Dienste zu verrichten, indem sie ihren Cousinen half, wenn sie sich für eine Abendgesellschaft ankleideten.

„Ich glaube doch!“ Felix’ Blick war beinahe streng. „Ich werde meiner Tante sagen, dass sie dich dabei unterstützen soll, Garderobe zu kaufen, damit du an allem teilnehmen kannst, das London zu bieten hat.“

„Oh, ich …“ Cecily liebte Kleider und Farben und Stoffe. Wie gerne sie die Gelegenheit, ein paar schönere Gewänder zu besitzen, wahrnehmen würde! Die, die sie besaß, waren alle braun oder grau, dank ihrer Tante. Zusätzlich zu dem, was er sowieso schon für sie tat, konnte sie Felix natürlich nicht erlauben, ihre Kleider zu bezahlen, doch vielleicht konnte sie einen kleinen Vorschuss auf ihr Honorar von ihm annehmen. Warum sollte sie nicht in Zukunft ein klein wenig Geld für sich selbst ausgeben, wenn sie es erst erhalten hatte? „Ich würde es wirklich genießen, besser gekleidet zu sein. Wenn es dir also möglich ist, wäre ich dir für ein Darlehen dankbar, damit ich mir selbst Kleider kaufen kann. Wenn ich mein Honorar bekomme, zahle ich es dir zurück.“

„Ja, selbstverständlich.“

„Du bist sicher, dass es dich finanziell nicht in Verlegenheit bringen würde?“ Sie wollte nicht zu viel voraussetzen.

Zu mehr als einer Gelegenheit hatte sie ihren Onkel sagen hören, es werde gemunkelt, Felix sei einer der reichsten Männer Englands. Aber konnte man Gerüchten immer glauben?

„Ganz sicher“, erwiderte er sehr entschieden. „Ich denke, am einfachsten wird es sein, du kaufst, was nötig ist, und meine Tante vereinbart mit den diversen Schneiderinnen und Modistinnen und so weiter, dass sie mir die Rechnungen schicken. Ich verwahre sie sorgsam und ziehe deine Ausgaben von dem Betrag ab, den du für deinen Roman bekommst.“

„Das wäre wunderbar. Tut mir leid, wenn ich mich nicht an unsere Abmachung halte, aber ich muss dir einfach danken.“

„Über ein kleines Darlehen hinaus brauchst du mir für nichts zu danken. Also kein Dankeschön mehr in dieser Sache.“

Cecily lachte. „Dann lasse ich das jetzt. Aber ich muss sagen, ich bin dir sehr verbunden. Ich freue mich ungeheuer auf die Einkaufstour.“

„Ich stelle mir vor, bei einer wird es nicht bleiben. Vermutlich wirst du sehr viele Dinge brauchen.“

„Oh, das hoffe ich. Vorausgesetzt, Lady Bradstock macht es nichts aus.“

„Sie wird absolut entzückt sein. Ich weiß, Einkaufen macht ihr großen Spaß.“

Cecily konnte angesichts der Erlebnisse, die auf sie warteten, ein hingerissenes Erschauern kaum unterdrücken.

„Da sind wir.“ Felix deutete auf die Kutsche. „Es macht dir doch nichts, dass ich zu Pferde nebenher reite?“

„Natürlich nicht.“ Cecily war ein wenig entsetzt ob der Enttäuschung, die sie durchzuckte, als sie hörte, dass er nicht mit ihr und Lizzy im Wagen sitzen würde. Wahrhaftig, sie führte sich heute komisch auf. Was offensichtlich der sehr merkwürdigen Lage zuschulden kam, in der sie sich fand.

„Ich hätte vorher fragen sollen – hast du etwas zu lesen dabei, oder möchtest du ein Buch aus meiner Bibliothek?“

„Ich lese schrecklich gern, aber ich möchte heute wohl lieber aus dem Fenster schauen.“

Seit Cecily mit sieben Jahren zu ihren Verwandten gekommen war, war sie nie aus Sussex herausgekommen – und kaum je in Sussex gereist. Es würde ein großer Luxus sein, einfach die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten, und waren sie erst in London, würde sie zahllose Dinge mit ihren Augen verschlingen können.

Die Landschaft draußen erwies sich als ganz reizend. Lizzy war nicht weniger gefesselt davon als Cecily, und bald waren sie auf dem besten Wege, Freundschaft zu schließen, soweit es für Menschen unterschiedlichen Standes möglich war. Cecily dachte oft, welch Jammer es war, dass Ladys nicht mit Hausmädchen auf gutem Fuße stehen sollten – tatsächlich nicht einmal durften –, denn die Dienstboten ihrer Tante und ihres Onkels waren – anders als der Butler Tremkin – viel freundlicher zu ihr als je ihre eigene Familie.

Und wenn man in jeglicher Hinsicht durch die Not in beschränkte Verhältnisse g...

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