In deinem erregenden Bann

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Bis König Augustus eine standesgemäße Verlobte findet, muss er die atemberaubend schöne Kurtisane Sera im Palast aufnehmen – so verlangt es das Gesetz! Schon bald gerät er gegen seinen Willen immer mehr in Seras gefährlich erregenden Bann. Und plötzlich steht seine Welt Kopf …


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548052
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Kelly Hunter

In deinem erregenden Bann

PROLOG

Augustus

Eigentlich durften sie sich in diesem Teil des Palastes gar nicht aufhalten. Doch der vierzehnjährige Augustus, Kronprinz von Arun, hatte sich seit mindestens sechs Jahren schon darauf gefreut, endlich den kreisförmigen Raum mit dem gläsernen Kuppeldach zu erkunden. Denn immer, wenn sie mit dem Hubschrauber im Palast landeten, konnte er dieses Dach sehen. Aber den Raum darunter hatte er noch nie finden können, und kein Erwachsener wollte ihm dabei helfen.

Sein Vater sagte, dass diese Bereiche schon vor mehr als hundert Jahren stillgelegt worden waren.

Seine Mutter meinte, der Zutritt sei verboten, weil das Dach baufällig war.

Aber das hielt ihn und seine Schwester nicht davon ab, nach dem Raum zu suchen, auch wenn sie bisher kein Glück gehabt hatten. Für sie war es wie eine Schatzsuche.

Auch dieses Mal wäre es ihnen wahrscheinlich nicht gelungen, wenn sie keine Karte gehabt hätten.

Der Boden war mit blassem Marmor in der Farbe des Mondes ausgelegt, und aus demselben Material waren auch die Säulen und Bögen gearbeitet, die den zentralen Raum umgaben. Die Möbel waren mit Tüchern zugedeckt worden, die bestimmt einmal weiß gewesen waren, jetzt aber von einer dicken Staubschicht bedeckt. Allerdings fühlte sich das ganze Ambiente eigenartig warm an – im Gegensatz zu den übrigen Räumen des Palastes.

„Warum wohnen wir eigentlich nicht hier?“, fragte seine Schwester nicht weit hinter ihm. Sie hatte inzwischen jede der Türen in der Wand geöffnet, die den zentralen Raum kreisförmig umschloss. „Diese Zimmer wirken wie Schlafzimmer. Ich könnte gut hier leben.“

„Du willst fünfzig Schlafzimmer nur für dich haben?“

„Ja, ich möchte mich wie eine Katze im Sonnlicht zusammenrollen. Zeig mir einen anderen Ort im Palast, wo das geht.“

„Mutter würde dich umbringen, wenn du faul in der Sonne herumliegen würdest. Das würde deinen milchweißen Teint verderben.“

„Augustus, ich habe doch gar keinen milchweißen Teint, egal, wie sehr Mutter sich das wünscht. Ich habe schwarzes Haar, schwarze Augen und olivfarbene Haut – genau wie du und Vater. Meine Haut liebt die Sonne, sie braucht sie regelrecht. Oh, wow!“ Sie war durch einen weiteren Marmorbogen verschwunden, und ihre Stimme erklang jetzt nur ganz schwach. „Ein Innenpool!“

„Was?“ Augustus folgte seiner Schwester und wäre fast mit ihr zusammengestoßen, weil sie schnell zurückgekehrt war.

„Da hat was in der Ecke geraschelt“, erklärte sie.

„Möchtest du immer noch hier wohnen?“ Er war nicht sicher, ob das Loch im Boden den Namen Pool verdient hatte oder ob es nicht eher eine Badewanne war. Doch er wusste, dass er noch nie so aufwendig gestaltete Mosaikkacheln in einem so hübschen Blauton gesehen hatte.

„Ich will mich trotzdem weiter umschauen“, erwiderte seine Schwester. „Aber wenn du magst, kannst du vorgehen.“

Augustus verdrehte die Augen, aber sein Stolz verlangte es von ihm, dass er die Führung übernahm. Denn schließlich würde er irgendwann ja auch einmal das Land regieren müssen. Da sollte ihn ein Rascheln doch nicht aus der Fassung bringen. Er ging an seiner Schwester vorbei und wandte sich nach rechts. An der Wand gab es ein Becken, in dem man sich die Hände waschen konnte, und die Wasserhähne glänzten silbern. Er versuchte, einen davon aufzudrehen, doch es kam kein Wasser heraus. Nichts rührte sich in den alten Rohrleitungen.

„Was ist das überhaupt für ein Ort? Wofür sind all diese steinernen Bänke und Nischen?“, fragte seine Schwester, als sie ihm hineinfolgte. Sie warf misstrauische Blicke in die schattigen Ecken, wandte ihre Aufmerksamkeit dann jedoch anderen Teilen des Raums zu.

Es war eine alte Karte des Palastes, die ihnen den Weg hierher gezeigt hatte. Das und ein Geschichtslehrer, der seinen beiden königlichen Schülern Bücher zu lesen gab, damit er während des Nachmittagsunterrichts ein Schläfchen halten konnte. Es war zwar Pech für sie, bedeutete aber auch Freiheit. Denn wenn man sie hier erwischte, konnten sie immer noch behaupten, dass sie einfach nur mit dem Geschichtsunterricht aktiv weitergemacht hatten.

„Vielleicht waren es ja Gemächer für die Ritter, die hier schliefen und badeten. Und in dem runden Raum haben sie Schwertkämpfe ausgefochten“, schlug seine Schwester vor.

„Ja, vielleicht.“

Seit Jahrhunderten regierten Könige bereits von diesem Palast aus. Deshalb sah er von außen auch so beeindruckend aus, obwohl er im Inneren ausgesprochen spartanisch war. Doch hier war die Atmosphäre ganz anders. Die Räume wirkten viel gemütlicher und auf eine eigenartige Weise schön. Augustus griff nach einem Fetzen goldener Seide, der an einem Haken an der Wand hing, und sah zu, wie er zu Boden sank und zu Staub zerfiel. „Glaubst du etwa, Ritter würden bestickte Bademäntel tragen?“

Seine Schwester sah ihn an und hielt die Luft an. „Hast du das gerade kaputt gemacht?“

„Nein, ich hab’s nur bewegt. Die Zeit hat es zerstört.“

„Kann ich auch ein Stück davon haben?“ Ohne auf seine Erlaubnis zu warten, bückte sie sich, hob den Stoff auf und begann, damit die Kacheln abzuwischen.

„Ich glaube, so wirst du diesen Raum nicht sauber kriegen.“

„Ich will mir nur die Bilder anschauen“, erwiderte sie. „Oh!“ Sie hörte mit dem Wischen auf.

Augustus trat zu ihr. „Glückwunsch, du hast die alten Kachelpornos gefunden!“

„Das ist Kunst, du Banause!“

„Aha.“

„Ich wünschte, man könnte besser sehen hier“, erklärte seine Schwester.

„Dafür bräuchte man Elektrizität. Oder wenigstens Kerzenhalter, wie die an der Wand.“ Augustus schloss die Augen, und plötzlich erschien ein Bild vor seinem geistigen Auge. Kein Bild von Rittern und Kämpfern, die hier gelebt hatten, sondern von Frauen, die dem König gedient hatten.

Er konnte sich zwar nicht daran erinnern, jemals gelesen zu haben, dass seine Vorfahren einen Harem gehabt hatten. Aber schließlich landeten auch nicht alle Fakten in den Geschichtsbüchern. „Okay, hier gibt es also Schlafzimmer, Gemeinschaftsbäder, einen Versammlungsraum … und was sonst noch?“

Es gab eine Menge Räume, die von dem zentralen Raum in der Mitte abgingen. Eine uralte Küche, Vorratsräume mit leeren Regalen, größere Zimmer mit Kaminen und kleinere Zimmer, in denen noch immer Kerzenstummel in den Haltern steckten. Die beiden fanden Kommoden, mit schweren Leinentüchern bedeckt, und große Spiegel.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass viele Leute von diesem Teil des Palastes wissen“, erklärte Moriana und legte eine alte Haarbürste beiseite, die sie in einer Kommode gefunden hatte. „Das meiste hier ist ja richtig alt. Vielleicht sollten wir unserem Geschichtslehrer davon erzählen. Er wäre bestimmt begeistert.“

„Nein!“ Es klang schärfer als beabsichtigt. „Das hier sind private Gemächer. Ich möchte nicht, dass er sie sieht.“

Seine Schwester sah ihn nur an, gab jedoch keinen Kommentar ab, als sie den Raum verließen.

Alle Türen führten zurück zu dem zentralen runden Raum. Augustus sah zu der Glasdecke hoch, die für ihn etwas Magisches hatte. „Vielleicht haben unsere Vorfahren von hier aus die Sterne beobachtet“, meinte er. Und vielleicht würde er ja eines Tages auch noch einmal hierher zurückkehren. Und sei es nur, um sich die nackten Leute auf den Kacheln im Pool genauer anzuschauen. „Vielleicht war es ein Platz für Astronomen.“

„Augustus, schau mal. Da hängt ein Zirkustrapez!“

„Du glaubst, hier war ein Zirkus?“

„Ich glaube, das hier ist ein Harem.“

Ach, sieh mal einer an. Zu dieser Schlussfolgerung war seine unschuldige kleine Schwester also auch schon gekommen.

„Ich gehe jetzt diese Treppe rauf“, sagte er und zeigte auf die steinerne Wendeltreppe in der Ecke. „Willst du mitkommen?“

Moriana folgte ihm. Auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren, konnte Augustus sich stets auf sie verlassen. Ihre Mutter lobte ihn dauernd für seinen wachen Geist und seine Selbstbeherrschung, während sie seine Schwester oft für ihr unbändiges Temperament kritisierte.

Ein König muss seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse immer hinter die seines Volkes zurückstellen.

Das waren die Worte seines Vaters, und er würde sie stets beherzigen.

Ein König muss stets alles unter Kontrolle haben.

Daran würde man ihn messen, ob es ihm gefiel oder nicht.

Sie erreichten die oberste Stufe, und Augustus bestand darauf, dass seine Schwester sich hinsetzte. Auch er setzte sich und lehnte sich an die Wand, während er abwechselnd zum Dach hinauf und hinunter zu dem marmornen Boden mit den schönen Kacheln blickte.

„Ich komme mir wie ein Vogel im Käfig vor“, sagte Moriana versonnen. „Und ich frage mich, wie sich die Frauen wohl gefühlt haben, die hier früher gewohnt haben.“

Er nickte. „Ja, ich weiß, was du meinst.“ Er war zwar keine Frau, doch er wusste, wie es sich anfühlte, von seinen Pflichten erdrückt zu werden und die Freiheit schmerzlich zu vermissen.

„Wir könnten von hier oben Bogenschießen üben“, sagte seine Schwester und bewegte einen Arm, als würde sie einen Pfeil auf einem unsichtbaren Bogen nach hinten ziehen und dann loslassen. „Pfff. Ziel getroffen!“

„Ganz schön blutrünstig. Gefällt mir.“ Irgendwie musste Augustus seinem aufgestauten Ärger Luft machen. Doch er wusste auch, dass er eine wichtige Entdeckung gemacht hatte. Diese Räume konnte er gut zu seinem eigenen Vorteil nutzen. „Schwör mir, dass du niemandem sagst, dass wir hier waren.“

„Ich schwöre es.“ Ihre Augen glänzten.

„Und dass du niemals allein hierherkommen wirst.“

„Warum denn nicht? Du wirst es doch auch tun.“

Manchmal konnte seine Schwester Gedanken lesen.

„Was wirst du hier ganz allein machen?“, erkundigte sie sich.

Schreien. Weinen. Alles ausdrücken, was er sonst nicht ausdrücken durfte. „Hast du manchmal nicht auch Lust, irgendwo zu sein, wo dich keiner beobachten kann?“ Er seufzte. „Ich brauche einen Ort, an dem ich so sein kann, wie ich bin. Das hier könnte für mich genau richtig sein.“

Sie sah ihn besorgt an. „Wir sollten unser wahres Selbst niemals verstecken müssen, Augustus.“

„Tja.“ Er musste an die Strafpredigt denken, die sein Vater ihm gehalten hatte, als er sich weigern wollte, zu einer weiteren Beerdigung eines Königs zu gehen, den er nicht einmal kannte. „Du bist eben nicht ich.“

Sera

Eigentlich durfte Sera das Haus nicht verlassen, wenn ihre Mutter Besuch hatte. Sie musste im hinteren Zimmer bleiben, sich ruhig verhalten und sich nicht blicken lassen. So lauteten die Regeln, und die siebenjährige Sera wusste, dass sie diese nicht verletzen durfte. Dreimal in der Woche kam der Besucher zu ihrer Mutter. Manchmal gab es danach Essen auf dem Tisch und Wein für ihre Mutter. In der letzten Zeit hatte es allerdings immer weniger Essen und immer mehr Wein gegeben. Denn ihre Mutter war krank, und der Wein war Medizin für sie. Doch sie, die früher immer so süß geduftet hatte, verströmte jetzt einen säuerlichen Geruch, und der Besucher blieb nie sehr lange.

Während sie sich der Schlafzimmertür ihrer Mutter näherte und ihr Ohr dagegenhielt, fing Seras Magen an zu knurren. Wenn sie es noch zum Bäcker schaffte, bevor er zumachte, würde dieser ihr vielleicht ein Brot zum halben Preis verkaufen. Ihre Mutter hatte selbst gesagt, dass der Bäcker ein guter Mann war.

Sie waren zusammen zur Schule gegangen und hatten miteinander gespielt. Doch danach hatte ihre Mutter ihre Heimat verlassen, um eine Ausbildung zu machen. Sie wollte mehr aus sich machen.

Sera wusste nicht, was sie mit mehr meinte. Sie wusste nur, dass sie nicht mehr viele Dinge im Haus hatten, die sie verkaufen konnten. Ihre Mutter schien immer kränker zu werden und lachte nur noch, wenn sie Wein getrunken hatte. Dann allerdings lachte sie zu viel. Was auch immer sie früher gewesen war, eine Tänzerin, eine Lady, jemand, der die Albträume ihrer Tochter vertreiben konnte … jetzt war sie eine andere.

Doch jedes Kind in der Nachbarschafft wusste, was sie war, einschließlich Sera.

Ihre Mutter war eine Hure.

Aus dem anderen Zimmer drang kein Geräusch. Kein Reden, kein Gelächter … einfach nichts. Dabei wurde es draußen schon dunkel.

Plötzlich hörte sie etwas. Ein Klirren wie von zerbrochenem Glas.

Dann war es wieder ganz still. Sera machte die Tür vorsichtig einen Spaltbreit auf und lugte ins Zimmer. Auf dem Boden kniete ihre Mutter und sammelte die Scherben auf. Sie schien allein zu sein, daher machte Sera die Tür noch weiter auf und wollte schon eintreten, als sie die andere Person vor dem Kamin stehen sah. Schockiert hielt sie inne. Es war eine Frau, elegant gekleidet. Sie erinnerte Sera an das, was ihre Mutter einmal gewesen war: eine Schönheit mit weichen Zügen, klaren Augen und einem Lächeln, das das Herz erwärmte.

Unsicher sah sie zu ihrer Mutter hinüber, die langsam aufstand.

„Wir brauchen dich nicht“, sagte ihre Mutter in scharfem Ton, während sie aufstand und wegsah. „Geh nach Hause!“

Nach Hause?

„Die Nachbarstochter“, erklärte sie der Besucherin. „Sie macht hier sauber.“

„Warum lässt du sie dann nicht die Scherben aufsammeln?“

Doch ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Nein, das mache ich lieber selbst.“ Und zu Sera gewandt: „Verschwinde!“

„Warte“, sagte die Besucherin, ging zu Sera und betrachtete konzentriert ihr Gesicht. „Sie ist deine Tochter.“

„Nein.“

„Lüg mich nicht an! Sie ist deine Tochter.“

Seras Mutter schwieg.

„Du hast die Regeln gebrochen“, sagte die ältere Frau.

Sera flüsterte: „Es tut mir leid …“

„Ich habe mich verliebt“, erklärte ihre Mutter im selben Moment. Sie lachte auf, dann fing sie zu schluchzen an.

„Aber deshalb hättest du doch nicht gehen müssen“, sagte die ältere Frau. „Du gehörst zu uns. Wir hätten uns um dich gekümmert. Glaubst du wirklich, dass du die erste Kurtisane bist, die sich verliebt und ein Kind bekommt?“

Mit hochrotem Kopf beugte Sera sich zu Boden und begann, die Scherben aufzusammeln, wobei sie sich so klein machte, wie sie nur konnte.

„Wie hast du uns überhaupt gefunden?“, fragte ihre Mutter dann.

„Das war reiner Zufall. Ich bin hier vorbeigekommen und wollte in der Bäckerei ein Sauerteigbrot kaufen, weil sie nirgendwo so gut sind wie hier. Der Bäcker hat mich wiedererkannt und mir von dir erzählt. Ich will dir helfen.“

„Mir kann niemand mehr helfen.“

„Dann kann ich wenigstens für deine Tochter sorgen.“

„Wie denn? Indem du ihr beibringst zu dienen und sich für andere aufzuopfern, ohne jemals etwas zurückzubekommen? Dieses Leben würde ich mir niemals für meine Tochter wünschen.“

„Aber früher hat es dir doch gut gefallen.“

„Ich war jung und naiv.“

„Naiv bist du immer noch. Was glaubst du denn, wird mit ihr passieren, wenn du dich zu Tode säufst? Wer wird sich um sie kümmern, für sie sorgen und ihr ein gutes Selbstwertgefühl vermitteln?“

Seras Mutter war den Tränen nahe. „Du bestimmt nicht.“

„Also, ich habe nicht den Eindruck, dass du groß eine Wahl hättest.“ Die Besucherin sah sich im Zimmer um. „Wenn ich mich nicht irre, musstest du doch schon alles verkaufen. Hast du noch irgendwelchen Schmuck?“

„Nein.“

„Gehört das Haus dir?“

„Nein.“

„Wie lange bist du schon krank?“

„Seit einem Jahr. Vielleicht auch länger. Keine Angst, es ist nicht ansteckend. Ich habe Krebs.“

Die ältere Frau neigte den Kopf. „Wie lange soll das noch so weitergehen, dass du dich unter Wert verkaufst? Dass deine Besucher deine Tochter wollen und nicht dich? Yuna, bitte, ich kann euch beiden ein gutes Heim bieten. Und du kannst dich behandeln lassen, wenn das noch irgendetwas bringt. Ich verspreche dir völlige Diskretion, auch dem Vater gegenüber. Glaub ja nicht, ich weiß nicht, wer er ist.“

„Er wird sie nicht haben wollen.“

„Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich schon. Der Orden des Drachens wird sich immer um die Seinen kümmern. Wie konntest du das nur vergessen?“

Eine Träne rollte die Wange ihrer Mutter herab. „Ich dachte, es wäre besser, weit weg von euch zu sein. Und wenn wir mit dir kommen … wirst du mir dann versprechen, dass sie nicht zur Kurtisane erzogen wird?“

„Ich verspreche dir, dass ich ihr dieselbe Erziehung angedeihen lasse wie dir.“ Die Frau ließ sich auf dem alten Sofa nieder und streckte die Hand nach Sera aus. „Komm, mein Kind, lass mich dich anschauen.“

Sera gehorchte, ging zu der Besucherin hinüber und sah sie schüchtern an.

„Mein Name ist Lianthe“, sagte sie freundlich. „Ich möchte, dass du und deine Mutter mit mir in mein Haus in den Bergen kommt, damit ich mich um sie kümmern kann, bis sie wieder gesund ist. Würde dir das gefallen?“

„Bekommt Mama dort auch Besuch?“

„Was für Besuch?“

„Männer.“

Ihre Mutter und die ältere Frau tauschten einen langen Blick aus.

„Nein, auf keinen Fall.“

„Und kriegt sie bei dir auch Wein? Der Wein ist nämlich ihre Medizin.“

„Natürlich kriegt sie auch Wein, bis wir etwas Besseres für sie finden. Sag mal, meine Kleine, hast du Hunger? Wann hast du zuletzt etwas gegessen?“

Sera biss sich auf die Lippe. Sie war so hungrig, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte.

„Möchten Sie Tee?“, fragte sie die Besucherin stattdessen. „Ich könnte Tee für Sie machen.“

Lianthe schüttelte den Kopf und sah ihre Mutter strafend an. „Du hast ihr schon beigebracht, dass ihre eigenen Bedürfnisse an letzter Stelle kommen. Und du weißt, dafür ist es zu früh. Das kann nicht die Kindheit sein, die du dir für deine Tochter wünschst. Der Orden hat dir etwas anderes beigebracht.“

„Aber er … er darf nichts davon erfahren“, sagte ihre Mutter mit rauer Stimme.

„Das wird er nicht, ich verspreche es dir.“

„Und sie muss sich frei entscheiden können. Wenn sie keine Kurtisane werden möchte, lernt sie etwas anderes.“

„Gut, einverstanden.“

Ihre Mutter holte tief Luft und wandte sich ihrer Tochter zu. „Sera, sollen wir mit Lady Lianthe in die Berge ziehen? Würde dir das gefallen?“

Weg von hier, wo sie nur gelitten hatte? Und wo die Männer sie mit heißen, hungrigen Augen anschauten?

„Wird sich denn dort jemand um uns kümmern?“

Ihre Mutter verbarg ihr Gesicht in den Händen.

„Ja, dort wird sich jemand um euch kümmern“, sagte Lianthe. „Sera. Ist das dein Name?“

Sie nickte.

„Hübscher Name.“ Sie lächelte. „Für ein hübsches Mädchen.“

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