Julia Arztroman Band 51

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DER DOKTOR UND DIE LADYvonKATE HARDY

Rettungslos hat sich Dr. Jake Lewis verliebt! Ausgerechnet der ehrgeizigen und zudem noch adligen Kollegin Victoria Radley gilt seine ganze Sehnsucht. Doch als es ihm tatsächlich gelingt, sie zu erobern, erkrankt Victoria schwer. Kann Jake sie retten?


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  • Erscheinungstag 24.10.2026
  • Bandnummer 51
  • ISBN / Artikelnummer 8203260051
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Kate Hardy, Dianne Drake, Leah Martyn

JULIA ARZTROMAN BAND 51

Kate Hardy

PROLOG

„Ist sie nicht das süßeste Baby der Welt?“

Liebevoll drückte Vicky ihre kleine Nichte an sich, während sie ein Schmunzeln unterdrückte. Wenn jemand ihr vor einem Jahr erzählt hätte, dass ihr mittlerer Bruder ausgerechnet in ein Baby völlig vernarrt sein würde, hätte sie denjenigen ausgelacht. Seb war der Playboy schlechthin gewesen und vor Kindern meilenweit davongelaufen. Doch jetzt war er verheiratet und hatte ein Töchterchen. Und es sah ganz so aus, als würde Chloë Victoria Radley ihren Vater mit Leichtigkeit um den winzigen Finger wickeln. „Ja, Seb. Sie ist entzückend.“

„Alyssa und ich wollten dich um einen Gefallen bitten“, meinte er.

Vicky schaute auf. „Ja?“

„Würdest du ihre Patin werden?“

Patin. Das käme einem eigenen Kind noch am nächsten. Ihre älteren Brüder mochten glücklich verheiratet sein, aber für sie war das nicht bestimmt. Sie hatte keine Zeit für ein Dasein als Ehefrau und Mutter. Schließlich wollte sie Professorin für Neurologie werden, und für eine Frau war das heutzutage immer noch schwierig. Um sich zu beweisen, musste Vicky doppelt so hart arbeiten wie die Männer in ihrem Fachbereich. Dafür musste sie Opfer bringen. An eine Beziehung oder ein Kind war gar nicht zu denken.

Doch während sie Chloë in ihren Armen hielt und den zarten Babyduft einatmete, fragte Vicky sich flüchtig, ob dieser Preis nicht zu hoch war.

Rasch verbannte sie den Gedanken wieder. Natürlich war es das wert. Schon als Mädchen hatte sie davon geträumt, Fachärztin zu werden und sich einen Namen zu machen. Sie wusste, dass sie nicht alles haben konnte. Welchen Sinn hatte es also, sich zu fragen: „Was wäre, wenn …?“

„Vicky?“ Besorgt sah Seb sie an. „Alles okay mit dir?“

„Natürlich, mir geht’s gut.“

„Das stimmt nicht. Du arbeitest zu viel. Ich weiß, dass du Professorin werden willst, und ich bin fest davon überzeugt, dass du es schaffen wirst. Aber du darfst dich dabei nicht kaputtmachen.“

„Mir geht’s gut“, wiederholte Vicky. „Hör auf, mich zu nerven.“

„Ich könnte Alyssa und Sophie bitten, ein ernstes Wort mit dir zu reden.“

Sie lächelte. „Das funktioniert nicht, Seb.“ Ihre beiden Schwägerinnen waren ebenfalls Ärztinnen. Alyssa arbeitete in der Notfallmedizin, und Sophie war Chirurgin. „Sie wissen genau, wie es läuft.“

Er seufzte resigniert. „Na gut, ich halte meinen Mund. Also, machst du’s?“

„Was?“

„Patin werden.“ Seb verdrehte die Augen. „Du bist ein hoffnungsloser Fall. Wenn man dir eine Frage über Neurochirurgie stellt, kannst du stundenlang reden. Aber wenn es um familiäre Dinge geht …“

„So schlimm bin ich ja nun auch wieder nicht. Und danke, ich würde mich sehr geehrt fühlen, Patin zu werden.“ Vicky lächelte. „Vor allem, da ihr die Kleine nach mir benannt habt.“

„Wenn sie auch nur die Hälfte deiner Eigenschaften hat, werde ich stolz auf sie sein“, erklärte Seb.

Vicky war verblüfft. Hatte ihr Bruder, der sie normalerweise nur neckte, ihr gerade ein unglaubliches Kompliment gemacht? „Die Ehe macht dich ja richtig weich.“

„Nein. Mir ist einfach klar geworden, was wichtig ist und dass es mehr im Leben gibt als die Arbeit.“

Misstrauisch schaute sie ihn an. „Wage ja nicht, mich zu verkuppeln. Ich bin glücklich, so wie ich lebe. Und bei dir und Charlie habe ich mich auch rausgehalten.“

„Von wegen. Du hast eine Tombola mit mir als Hauptpreis veranstaltet, um die Paparazzi von Charlie abzulenken, damit er sich mit Sophie aussprechen konnte. Und du hast Alyssa gesagt, dass sie mich heiraten soll.“

„Hör nicht auf deinen Daddy“, meinte Vicky zu ihrer kleinen Nichte. „Ich habe mich überhaupt nicht eingemischt. Ich habe die beiden nur auf einige Dinge aufmerksam gemacht und ihnen dabei geholfen, das Richtige zu tun.“

„Und darüber bin ich sehr froh“, erklärte Alyssa, die gerade ins Wohnzimmer kam. „Hallo. Hat Seb dich schon gefragt?“

„Ja. Und ich nehme gerne an.“

„Gut.“ Alyssa lächelte erfreut. „Aber Seb hat recht. Du arbeitest wirklich zu viel, Vicky.“

„Und mir gefällt es so. Ende der Diskussion“, entgegnete Vicky bestimmt, um das Thema zu wechseln. „Sind Chloës offizielle Babyfotos eigentlich schon da?“

Sofort gingen Alyssa und Seb darauf ein, und wenig später wurden die Babyfotos begeistert betrachtet. Vickys Privatleben blieb dort, wo sie es am liebsten hatte – nämlich unbeachtet.

1. KAPITEL

Am Mittwochvormittag kam Jake unauffällig in die Neurologie – einen Tag vor seinem offiziellen Arbeitsbeginn. Auf diese Weise konnte er am besten feststellen, wie es in seiner neuen Abteilung wirklich zuging. Niemand würde sich von seiner Schokoladenseite zeigen, da man ihn nicht erwartete.

Es schien alles in Ordnung zu sein. Es war viel los, aber dennoch ging alles ruhig und leise seinen Gang. Offenbar war das Mitarbeiterteam wirklich gut eingespielt. Die Station wirkte sauber, und an jedem Bett stand ein Spender mit Sterillium. Das war ein gutes Zeichen. Jake hatte in einigen grauenhaften Krankenhäusern gearbeitet, wo die Verwaltung das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster warf und wesentliche Dinge wie Hygiene dagegen völlig vernachlässigt wurden.

Eine Tafel zeigte an, wo Ärzte und die Stationsschwester sich aufhielten und wer welchen Patienten betreute. Also funktionierte die interne Kommunikation ebenfalls gut. Ohne Zweifel war diese Abteilung hervorragend organisiert.

Plötzlich trat vor ihm eine Frau aus einem der Zimmer. Dem offenen weißen Kittel und dem Namensschild nach zu schließen handelte es sich um eine Ärztin. Jake stockte der Atem – sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Sie war groß, über einsfünfundsiebzig, besaß unglaublich lange Beine, und das dunkle Kostüm verbarg keineswegs ihre fantastische Figur. Dunkle, wellige Haare, die zu einem Nackenknoten geschlungen waren. Graublaue Augen. Und ein Mund, der zum Küssen einlud.

Jake war wie elektrisiert. Einen Moment lang vergaß er, wo er war. Er verspürte ein unwiderstehliches Verlangen, auf sie zuzugehen, sie in die Arme zu ziehen, ihre Haare zu lösen, ihren Kopf nach hinten zu biegen und sie zu küssen. Genau wie im Film.

„Kann ich Ihnen weiterhelfen? Suchen Sie jemanden?“

Der aristokratische Akzent ließ seinen Traum augenblicklich zerplatzen und brachte ihn unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Sex-Göttinnen wurden normalerweise nicht mit einem Silberlöffel im Mund geboren. Und diese Frau hier war entschieden eine Aristokratin … und reich, denn bei näherer Betrachtung sah das Kostüm wie ein Designermodell aus. Jakes Erfahrung nach warteten Ärzte aus dieser Gesellschaftsschicht, die nicht in einer Privatklinik arbeiteten, irgendwo in einer bequemen Nische, bis sich ihnen etwas Besseres bot.

Hinzu kam, dass sie demnächst seine Kollegin sein würde, und damit war sie für ihn tabu. Jake traf sich grundsätzlich nie mit Mitarbeiterinnen aus seiner eigenen Abteilung. Wenn eine solche Beziehung endete, wirkte sich dies negativ auf das Arbeitsklima aus.

„Nein, danke. Ich komme schon zurecht“, erwiderte er kühl. Dennoch konnte er nicht so tun, als sei er gerade zufällig von draußen hereingekommen. Immerhin musste er ab morgen mit Dr. Victoria Radley – so stand es auf ihrem Namensschild – zusammenarbeiten. „Ich bin Jake Lewis.“ Er streckte die Hand aus.

„Sie sind einen Tag zu früh dran.“

Verärgert bemerkte er, dass ihm eine leichte Röte in die Wangen stieg. Warum benehme ich mich wie ein ungezogener Schuljunge, der vor seiner Klassenlehrerin steht? Schließlich bin ich ihr Vorgesetzter, dachte er. „Ich war zufällig hier in der Gegend und dachte, ich schau mal rein.“

Reinschauen? Er wollte uns wohl eher mal testen, bevor er anfängt, grübelte Vicky.

Genau das hätte sie an seiner Stelle auch getan.

Sie gab ihm die Hand. Fester Händedruck, trockene Handfläche – gut. Aber da war noch etwas. Obwohl er sie nicht mehr berührte, konnte sie immer noch seine Haut spüren. Und auch wenn es ein förmlicher Händedruck gewesen war, hatte er sich seltsam intim angefühlt, beinahe zärtlich.

Rasch verscheuchte Vicky diesen Gedanken. Wie albern. Sie hatte niemals solche Fantasien – und schon gar nicht in Bezug auf Kollegen.

Im Vergleich zu anderen Fachärzten war Jake Lewis anders. Legerer Anzug, bequeme Schuhe. Die meisten Oberärzte, die Vicky kannte, legten großen Wert darauf, ihre maßgeschneiderte Kleidung und die handgefertigten italienischen Schuhe zu präsentieren. Vielleicht interessierte Jake Lewis sich nicht für Mode, sondern tatsächlich mehr für die Medizin.

Doch das war ihr im Moment gleichgültig. Er war ein Kollege, kein potenzieller Liebhaber.

Vicky riss sich zusammen. „Die Visite haben Sie gerade verpasst. Aber wenn Sie wollen, kann ich den Kollegen Bescheid geben, die hier sind.“

„Nein, damit warte ich lieber bis morgen.“

Ziemlich schroff. Hmm, dachte sie. Hoffentlich geht er mit den Patienten etwas freundlicher um. Schade. Wenn er mal lächeln würde, sähe er sogar richtig gut aus. Er war groß genug, um ihr in die Augen zu schauen. Dunkle, seelenvolle Augen. Dunkles Haar, das ihm in die Stirn fiel und im Nacken ein klein wenig zu lang war. Und ein Mund, den sie nur zu gerne berühren würde …

Nein, natürlich nicht. Abgesehen davon, dass er ab morgen ihr Vorgesetzter war, hatte Vicky für so etwas nichts übrig. Die Arbeit hatte oberste Priorität in ihrem Leben, da war für Beziehungen kein Platz. So war es schon immer gewesen und würde es auch immer sein. Zumindest so lange, bis sie Professorin für Neurologie geworden war. Danach wäre sie eventuell bereit, die Situation noch einmal zu überdenken. Aber bis dahin auf gar keinen Fall.

„Möchten Sie sonst noch irgendwas sehen?“, erkundigte sie sich. „Es spart morgen vielleicht Zeit, wenn ich Ihnen zeige, wo das Stationszimmer, die Schließfächer und die Küche sind.“

Jake rief sich energisch zur Räson. Er hoffte, dass er keinen allzu dämlichen Ausdruck im Gesicht hatte. Victoria Radley war es sicherlich gewohnt, dass ihr die Männer zu Füßen lagen. „Nein, das ist nicht nötig. Ich bin bloß spontan vorbeigekommen.“

Ihre Miene verriet, dass sie ihm kein Wort glaubte.

„Und ich bin sicher, dass Sie genug zu tun haben“, fügte er hinzu.

Als sich ihre Miene bei seinen Worten verdüsterte, wurde ihm bewusst, was er da gerade gesagt hatte. Er hatte es so gemeint, dass er ihre Zeit nicht in Anspruch nehmen wollte, doch Dr. Radley hatte es zweifellos als Kritik an ihrer Arbeitseinstellung verstanden.

Kühl erwiderte sie: „Ganz recht. Dann sehen wir uns morgen, Dr. Lewis.“ Damit drehte sie sich um und ging davon.

Jake fluchte im Stillen. Falls er dieses Missverständnis nicht aufklärte, würde sie morgen ihm gegenüber eisig sein. Und vermutlich erzählte sie ihren Kollegen, dass der Neue sich wer weiß wie aufspielte. Aber wenn er hinter ihr herlief, um die Sache richtigzustellen, würde er wie ein Idiot dastehen. Da war eisige Professionalität noch das kleinere Übel. Deshalb beschloss er, erst am nächsten Tag mit Victoria Radley zu sprechen.

„Ob Jake Lewis wohl Single ist?“, fragte die Stationsschwester.

Vicky zuckte mit den Achseln. „Mich interessiert eher, ob er gut in seinem Job ist.“

Gemma warf ihr einen prüfenden Blick zu, den Vicky geflissentlich ignorierte. Wann würden die Kollegen denn endlich begreifen, dass sie nicht an einer Beziehung interessiert war, bevor sie ihre beruflichen Ziele erreicht hatte? Und für Jake Lewis, den neuen Oberarzt, hatte sie nun wirklich nichts übrig. Sie war ihm noch immer böse wegen gestern. Sie hatte sich bemüht, ihn willkommen zu heißen, und er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass sie ihre Pflichten vernachlässigte.

Seinen Irrtum würde er jedoch bald genug erkennen. Victoria Charlotte Radley war kein Faulpelz, ganz im Gegenteil.

„Er scheint nett zu sein. Und du musst zugeben, dass er gut aussieht“, fuhr Gemma fort. „Groß, dunkel und sehr attraktiv. Und diese Augen … wie geschmolzene Schokolade.“

Vicky seufzte tief. Entweder hatte Gemma die Botschaft nicht verstanden, oder sie wollte sie einfach nicht verstehen. Doch ehe Vicky ihren Standpunkt deutlich machen konnte, piepte ihr Pager. Sie schaute auf das Display. „Ich werde in der Notaufnahme gebraucht. Ich mache die Visite später weiter, und ich rufe durch, sobald ich weiß, in welchem OP ich bin.“

„Okay. Ich trage dich auf der Tafel ein.“

„Danke.“ Vicky lächelte ihr zu, bevor sie in die Notaufnahme eilte.

„Ich bin Dr. Radley. Sie haben mich gerufen?“, erkundigte sie sich bei der jungen Frau dort am Empfang.

„Ja. Es geht um einen von Dr. Francis’ Patienten. Ich sage dem Doktor Bescheid, dass Sie hier sind.“ Sie ging in einen Nebenraum und kam wenig später mit einem jungen Arzt zurück.

„Hugh Francis, Assistenzarzt. Danke, dass Sie gekommen sind, Dr. Radley“, meinte er. „Ich habe einen Zehnjährigen mit Verdacht auf ein subdurales Hämatom.“

„Ist er gestürzt?“, fragte Vicky.

„Er ist gestolpert und hat sich den Kopf an einer Skateboard-Rampe aufgeschlagen.“

„Hat er denn keinen Helm getragen?“

„Ich konnte leider nicht viel aus ihm rauskriegen“, gestand Hugh. „Er war ziemlich eingeschüchtert. Aber einer Schwester hat er erzählt, dass er in der Schule terrorisiert wird. Eine Gruppe von Jungs hat ihm heute Morgen auf dem Schulweg aufgelauert und ihn die ganze Zeit verspottet, dass er dies und jenes auf der Rampe nicht könne. Sie haben ihm so lange zugesetzt, bis er es doch probiert hat, obwohl er keinen Helm dabeihatte. Sie verspotteten ihn als Feigling, wenn er sich nicht ohne trauen würde.“

„Und er dachte, sie würden ihn in Ruhe lassen, wenn er tut, was sie verlangen.“

„So ungefähr.“

Kinder können grausam sein, erinnerte sich Vicky. Sie dachten sich Schikanen aus, um Schwächere zu quälen. Und wahrscheinlich waren Mädchen noch schlimmer als Jungen, weil sie sich auf psychische Sticheleien spezialisierten. Als hochintelligentes und noch dazu adeliges Mädchen war Vicky selbst eine bevorzugte Zielscheibe gewesen. Ihrer Mutter hatte sie davon nichts berichtet. Aber eines Tages hatte ihr Bruder Charlie sie nach der Schule weinen sehen und darauf bestanden, dass sie ihm erzählte, was los war. Daraufhin hatten er und Seb ihr einige Judotricks beigebracht, damit sie sich verteidigen konnte. Sobald sie diese beherrschte, hatte sie dafür gesorgt, dass ihre Quälgeister auf dem Schulhof am Boden lagen und heulten. Danach musste sie zwar wochenlang nachsitzen, aber das war es ihr wert gewesen. Und die anderen Mädchen hatten aufgehört, sie zu ärgern.

„Armer Junge“, meinte sie mitfühlend. „Wissen Sie, ob er bewusstlos war?“

„Er sagt Nein. Aber er kam zu spät zur Schule, und die Lehrerin merkte, dass er ein bisschen abwesend und durcheinander wirkte. Sie glaubte, dass er Klebstoff geschnüffelt habe, und hat ihn ins Krankenzimmer geschickt. Dort gab er an, dass er Kopfschmerzen hätte, wollte aber nichts weiter sagen.“

Natürlich nicht. Dann hätten sie ihn heimlich tyrannisiert. Vor den Lehrern zeigten sie sich als die reinsten Engel, aber alleine war man ihnen hilflos ausgeliefert.

„Zum Glück hat die Schulschwester ihn gleich zu uns geschickt“, unterbrach Vicky ihre Gedanken.

„Da sie keinerlei Substanzen riechen konnte, hat sie seinen Eltern Bescheid gesagt, dass sie ihn sofort hierherbringen sollten.“

„Gut. Was haben Sie bisher gemacht?“

„Die Standarduntersuchung. Pupillen und Ohren sind in Ordnung, aber Blutdruck, Puls und Atmung gefallen mir nicht“, erwiderte Hugh besorgt. „Ich glaube, der Schädelinnendruck steigt, aber ich wollte lieber eine Expertenmeinung einholen.“

„Okay, ich schau ihn mir mal an. Und wir sollten eine Computertomografie machen lassen.“

„Ich habe den Kollegen schon Bescheid gesagt.“

Vicky lächelte. „Ausgezeichnet.“ Sie folgte ihm zu einer der Kabinen, wo ein blasser, schlaksiger Junge auf dem Bett lag. Neben ihm saß eine ängstlich wirkende Frau.

„Mrs. Foster, dies ist Dr. Radley, eine Neurologin“, stellte Hugh sie vor. „Dr. Radley, das ist Declan.“

„Hallo Declan … Mrs. Foster.“ Vicky setzte sich aufs Bett und nahm die Hand des Jungen. „Ich heiße Vicky und werde mich jetzt ein bisschen um dich kümmern. Zuerst gucke ich mal in deine Augen, und danach wird ein CT gemacht, um festzustellen, warum du dich so schlapp fühlst.“

„Tut mir leid“, murmelte er. „Ich will Ihnen keine Umstände bereiten.“

„Hey, dazu bin ich doch da.“ Sie drückte ihm die Hand. „Wir kriegen das schon wieder hin.“ Nach der Augenuntersuchung fragte sie: „Weißt du, was ein CT ist, Declan?“

„Nein.“

„Das ist eine besondere Form des Röntgens, mit der dein Kopf von vielen verschiedenen Seiten fotografiert werden kann. Ich zeige dir die Bilder später am Computer. Und wenn du willst, drucke ich dir welche aus, damit du sie deinen Freunden zeigen kannst.“

„Ich habe keine Freunde.“ Er sagte es scheinbar gleichgültig, doch Vicky war sicher, dass er litt. Sie erinnerte sich nur zu gut an das Gefühl, Außenseiter zu sein.

„Ich möchte dir einen kleinen Rat geben“, sagte sie sanft. „Rede doch einfach mal mit den Mädchen. Manche von ihnen mögen vielleicht dieselben Sachen wie du.“

„Mädchen mögen keine Gameboys, und die Römer auch nicht“, erklärte Declan.

„Als ich in deinem Alter war, habe ich gerne am Computer gespielt“, entgegnete Vicky. „Versuch’s einfach mal. Was hast du schon zu verlieren?“ Sie lächelte ihm zu. „Jetzt wird Hugh dich zum Röntgen bringen, und ich unterhalte mich solange mit deiner Mum.“

„Aber sagen Sie nichts in der Schule“, bat Declan. Er schluckte. „Sagen Sie denen nicht, was ich Ihnen erzählt habe. Bitte.“

„Schon gut“, besänftigte sie ihn. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, das verspreche ich dir.“

Als Hugh Declan mit einem Rollstuhl hinausfuhr, traten Mrs. Foster Tränen in die Augen. „Entschuldigen Sie.“ Sie wischte sie fort. „Ich fühle mich so unfähig. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er terrorisiert wird. Was bin ich bloß für eine Mutter?“

„Eine ganz normale“, versicherte Vicky. „Glauben Sie mir, es ist oft schwer festzustellen, ob ein Kind tyrannisiert wird. Manchmal wird es stiller als vorher, manchmal genau das Gegenteil. Aber es wird Ihnen nichts erzählen, bis es selbst dazu bereit ist.“ Ihr war es genauso ergangen. Sie hatte alles für sich behalten, weil sie glaubte, es sei ihre Schuld, und wenn irgendjemand davon erfuhr, würde er sie auch wie Dreck behandeln.

„Es ist schrecklich. Ich weiß nicht, was diese kleinen Biester ihm angetan haben. Und wie lange das schon so geht. Er will nicht darüber reden.“

„Wenn man terrorisiert wird, versucht man das zu verbergen. Man will vermeiden, dass irgendjemand davon erfährt, weil die Betreffenden dadurch Schwierigkeiten bekommen. Und man hat Angst, dass es dann noch schlimmer wird. Oder man ist davon überzeugt, dass man selbst daran schuld ist, weil man irgendwie anders ist. Durch die Art, wie man spricht, seine Haarfarbe oder Sommersprossen … was immer einen von den anderen unterscheidet. Aber jetzt wissen Sie ja Bescheid und können ihm helfen. Stärken Sie sein Selbstwertgefühl, indem Sie ihn loben. Und achten Sie darauf, dass Sie ihn für ganz konkrete Dinge loben, damit er merkt, dass Sie es ernst meinen und nicht nur nett zu ihm sind. Vielleicht können Sie ihn ja auch in einer Kampfsportschule anmelden, damit er sich gegen körperliche Übergriffe wehren kann“, schlug Vicky vor. „Mrs. Foster, jetzt muss ich noch ein paar Dinge über Declan wissen, ehe ich ihn behandeln kann. Darf ich Ihnen einige Fragen stellen?“

Mrs. Foster nickte. „Natürlich.“

„Hat er schon einmal eine Kopfverletzung gehabt?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Gut. Hat er irgendwelche Allergien … gegen Penicillin oder Ähnliches?“

„Nein. Er war eigentlich immer gesund.“

„Nimmt er Medikamente?“

„Nein. Was hat er denn?“

„Ich muss erst das CT abwarten, aber ich vermute, er hat ein subdurales Hämatom, ein Blutgerinnsel zwischen Gehirn und Schädeldecke.“

Mrs. Foster erschrak. „Heißt das, dass er operiert werden muss?“

„Das weiß ich erst, wenn ich die Aufnahmen gesehen habe“, antwortete Vicky aufrichtig. „Manchmal ist keine Operation notwendig, weil die kleineren Hämatome sich oft von selbst zurückbilden. Aber manchmal müssen wir operieren, bevor zu viel Druck auf das Gehirn entsteht.“

„Mein armer Junge“, flüsterte Mrs. Foster.

„Sollen wir irgendjemanden für Sie anrufen?“

„M…mein Mann ist schon unterwegs.“

„Gut. Falls Sie noch Fragen haben, lassen Sie es mich wissen. Dafür bin ich da.“

Als Declan sein CT hinter sich hatte, war auch Mr. Foster eingetroffen. Gemeinsam mit Hugh betrachtete Vicky die Bilder eingehend und deutete auf einen bestimmten Bereich. „Das hier gefällt mir ganz und gar nicht. Er muss in den OP.“ Sie kehrte zu Declan und seinen Eltern zurück.

„War das CT in Ordnung?“, fragte Mr. Foster.

„Ich fürchte, nein“, antwortete sie behutsam. „Das Blutgerinnsel verursacht eine Schwellung, sodass das Gehirn nicht genug Sauerstoff bekommt. Deshalb hat Declan Probleme mit dem Sehen und wirkt ein bisschen verwirrt. Aber ich kann ihn operieren. Er bekommt eine Vollnarkose, und ich werde eine winzige Öffnung in seinen Schädel schneiden, um das Blutgerinnsel zu entfernen. Danach muss er noch etwa eine Woche zur Beobachtung hierbleiben.“

„Er wird doch nicht sterben, oder?“, fragte Mrs. Foster mit gesenkter Stimme und wandte den Kopf ab, damit Declan es nicht mitbekam.

„Es gibt gewisse Risiken, ja“, erwiderte Vicky leise. „Aber es ist wesentlich sicherer zu operieren, als es so zu lassen. Er wird danach Kopfschmerzen haben, aber keine schlimmeren Beschwerden.“

„Ich bringe diese Kerle um für das, was sie unserem Jungen angetan haben“, stieß Mr. Foster, völlig außer sich, zwischen den Zähnen hervor. „Wenn ich die mit meinem Kricket-Schläger erwische …“

„Nein, Neil“, widersprach seine Frau. „Das kannst du nicht machen.“

„Aber ich werde sie nicht einfach so davonkommen lassen“, erklärte Mr. Foster entschieden.

„Sie können einiges tun“, meinte Vicky. „Aber im Augenblick sollten wir uns darauf konzentrieren, dass Declan wieder gesund wird.“

Während der Junge für den OP vorbereitet wurde, rief Vicky oben auf der Station an. „Ich bin gleich in OP 5.“ Und dann kam der schwierige Teil. „Könnten Sie bitte Dr. Lewis herunterschicken?“ Es war egal, ob sie die Operation leitete oder nur assistierte. Jetzt konnte sie sehen, was der Mann zu bieten hatte und ob er mit Patienten besser umging als mit seinen Kollegen.

Sie hatte sich gerade die Hände gewaschen, als er hereinkam. „Worum geht’s?“

„Eine Kraniotomie zur Entfernung eines subduralen Hämatoms. Die Patientenakte liegt da drüben, falls Sie mal reinschauen wollen.“

Rasch überflog er die Unterlagen. „Gute Arbeit. Haben Sie schon einmal eine Kraniotomie durchgeführt?“

Vicky nickte.

„Gut. Ich leite die OP, Sie assistieren.“

„Was halten Sie davon, wenn ich leite, und falls Ihnen meine Arbeitsweise nicht zusagt, übernehmen Sie?“, meinte sie.

„Einverstanden. Aber Sie erklären mir genau, was Sie tun und warum“, antwortete er.

Hinter der OP-Maske presste sie die Lippen zusammen. „Wie ein Assistenzarzt?“

„Wie jeder Stationsarzt bei seiner ersten OP mit einem neuen Oberarzt. Auf diese Weise lässt sich schnell feststellen, wie der andere arbeitet.“

Okay. Er war zwar noch immer etwas schroff für ihren Geschmack, aber dies war ihre Chance, ihm zu beweisen, dass sie ihre Arbeit ernst nahm.

Declans Kopf war für die OP komplett kahlgeschoren worden, wodurch er wie ein hilfloser kleiner Junge aussah. Und genau das war er ja auch. Der Gedanke schmerzte Vicky.

Doch hier im Operationssaal war kein Platz für Gefühle, sondern sie musste sich auf ihren Job konzentrieren.

„Ich werde hier schneiden“, sagte sie und wies auf den entsprechenden Schädelbereich.

„Okay“, erwiderte Jake.

Geschickt durchschnitt sie Haut, Muskeln und Membran. „Jetzt die Bohrlöcher.“ Vicky bohrte eine Reihe winziger Löcher, öffnete dann mithilfe einer Säge die Schädeldecke und hob das Knochenstück an, um zur inneren Membran vorzudringen.

„Hier ist das Gerinnsel. Absaugen und spülen“, ordnete sie an. Sorgfältig entfernte sie das Blut und klemmte das gerissene Blutgefäß ab. Dann schloss sie die Wunde wieder.

„Soll ich nähen?“, fragte Jake.

Sie nickte und trat zurück.

Er war gut – schnell, gründlich und äußerst geschickt.

„Ich habe noch nie eine so saubere Naht gesehen“, gestand Vicky gegen ihren Willen bewundernd.

„Danke.“ Er neigte leicht den Kopf, ließ sich jedoch nicht im Geringsten ablenken.

Das ist wirklich eindrucksvoll, dachte sie. Plötzlich freute sich Vicky auf die zukünftige Arbeit mit Jake Lewis, denn er war wie sie – konzentriert auf seinen Job. Der Patient kam an erster Stelle.

Nachdem die OP beendet war, kehrte er gemeinsam mit Vicky zur Station zurück. „Wollen Sie, dass ich mit seinen Eltern rede?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, das mache ich. Sie kennen mich schon aus der Notaufnahme.“

„In Ordnung. Falls Sie mich brauchen, wissen Sie ja, wo ich bin.“

Er vertraute ihr also. Weshalb ihr das allerdings ein solch warmes, wohliges Gefühl verursachte, war ihr ein Rätsel. Sie wusste schließlich, dass sie ihre Arbeit gut machte. Daher sollte es ihr im Grunde gleichgültig sein, was er von ihr hielt.

Vicky ging ins Angehörigenzimmer, wo die Fosters besorgt warteten. „Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die Operation erfolgreich verlaufen ist. Declan dürfte in wenigen Minuten aufwachen, und dann können Sie auch gleich zu ihm. In den nächsten ein bis zwei Tagen muss er absolut flach liegen, damit sein Gehirn sich wieder beruhigt. Mit der Zeit werden wir das Kopfende des Bettes ganz allmählich anheben. Wir werden ihn genauestens überwachen und auch noch weitere CTs machen, sodass wir jede Komplikation rechtzeitig bemerken.“

„Er wird also wieder gesund?“, fragte Mrs. Foster.

„Ich denke schon“, erwiderte Vicky lächelnd.

„Oh, ich danke Ihnen!“

„Und unserem Oberarzt. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, werden Dr. Lewis oder ich sie Ihnen gerne beantworten.“

„So, das wären dann alle … oh, außer Vicky, aber mit ihr waren Sie ja schon im OP“, meinte Gemma.

„Dr. Radley.“

Gemma lachte. „Seien Sie nicht so förmlich. Sie benutzt hier nicht mal ihren Titel.“

„Titel?“ Nun war Jake neugierig geworden.

„Sie ist eine Adelige … die Ehrenwerte Victoria Radley“, erklärte Gemma. „Obwohl sie immer sehr deutlich macht, dass sie vor allem Ärztin ist. Wahrscheinlich haben Sie schon mal von ihrem Bruder Charlie gehört. Baron Radley.“

Der Name kam ihm bekannt vor, doch Jake wusste nicht, woher. Die Boulevardpresse interessierte ihn nicht.

„Aber glauben Sie bloß nicht, dass Vicky ein Snob ist oder so. Sie geht zwar nicht mit uns zu unseren Team-Abenden, aber nicht, weil sie sich für was Besseres hält. Sondern weil sie entweder irgendeinen Aufsatz schreibt oder jede Gelegenheit nutzt, einem Kollegen bei einem besonders interessanten Fall über die Schulter zu schauen.“ Gemma seufzte. „Sie arbeitet viel zu viel.“

„Es ist nichts Schlimmes daran, wenn man sich für seine Arbeit engagiert“, entgegnete Jake. Auch er hatte diesen Vorwurf schon mehrfach gehört.

Aber eine Adelige …

Erst jetzt wurde Jake wirklich bewusst, dass er tatsächlich mit dem Gedanken gespielt hatte, sie zu einem Drink einzuladen. Als Aristokratin war sie jedoch gesellschaftlich meilenweit von ihm entfernt. Jemand, der es gewohnt war, sich im Kreise der Royals zu bewegen, würde sicher nicht mit einem Mann ausgehen, der in einer Sozialwohnung aufgewachsen war.

Gut, das vorher zu wissen, ehe ich mich zum Idioten mache, sagte er sich. Außerdem ist Vicky eine Kollegin und damit ein für alle Mal tabu.

2. KAPITEL

Nach zwei Wochen im Albert Memorial Hospital in Chelsea kam es Jake so vor, als sei er schon seit einer Ewigkeit hier. Die Kollegen hatten ihn akzeptiert, und er war auch zum Team-Abend im indischen Restaurant um die Ecke eingeladen worden. Er hatte sich großartig amüsiert, jedoch bemerkt, dass Vicky nicht dabei war. Offiziell hatte sie die Schicht für jemand anderen übernommen, aber nach zwei Gläsern Wein verriet Gemma ihm, dass Vicky an Team-Abenden immer ihre Schicht tauschte. Sie arbeitete an Feiertagen ebenso wie an Weihnachten und Ostern, sodass Kollegen diese Zeit mit ihrer Familie verbringen konnten. Und wenn sie mal freihatte, dann nahm sie an einer Fortbildung teil oder begleitete einen Kollegen, um Erfahrungen zu sammeln.

Ich habe mich immer noch nicht bei ihr entschuldigt, dachte Jake zerknirscht. Allerdings hatte sich auch keine Chance dazu ergeben. Denn sie hatte jedes Gespräch auf ein Minimum beschränkt und sich dabei ausschließlich auf die Patienten konzentriert.

Heute muss ich die Sache unbedingt klären, beschloss er und machte die letzten fünf Übungen an seinem Fitnessgerät, bevor er zum Swimmingpool ging. Zwanzig Bahnen, dann in die Dusche. Danach ein Bacon-Sandwich und einen Becher süßen, starken Kaffee in der Kantine, und der Tag auf der Station konnte beginnen.

Drei oder vier Leute waren bereits im Pool, aber nur eine Frau fiel Jake auf, die mit geübten Zügen durchs Wasser glitt. Mit einem Kopfsprung tauchte er ins Wasser und kam dicht neben ihr wieder hoch. Als sie ihm ihr Gesicht zuwandte, erkannte er sie sofort.

Victoria Radley.

Offenbar war sie beim Sport genauso konzentriert wie bei der Arbeit.

Ob sie in der Liebe wohl auch so intensiv bei der Sache ist?

Jetzt hör aber mal auf, schalt Jake sich. Sie ist eine Kollegin. Ich sollte nicht so über sie denken. Außerdem ist in meinem Leben sowieso kein Platz für eine Beziehung.

Doch der Gedanke ließ sich einfach nicht vertreiben.

Und als sie aus dem Pool stieg, schwamm Jake sofort an den Beckenrand, obwohl er seine zwanzig Bahnen noch längst nicht geschafft hatte.

Kurz vor den Umkleidekabinen holte er Vicky ein. „Hi.“

„Oh, hallo“, erwiderte sie kühl.

„Ich wusste gar nicht, dass Sie hier auch Mitglied sind.“

„Dieses Fitnessstudio liegt dem Krankenhaus am nächsten“, meinte sie achselzuckend.

Ihre Stimme klang höflich distanziert wie bei der Arbeit. Doch Jake wollte wissen, was sich hinter dieser ruhigen, professionellen Fassade verbarg. Was entlockte Victoria Radley ein Lächeln, wann leuchteten ihre Augen auf? Was machte sie wütend, und was brachte sie zum Lachen?

„Frühstücken Sie mit mir?“

Ihre schönen graublauen Augen weiteten sich. „Ich muss zur Arbeit“, erwiderte sie überrascht.

„Wir sind in derselben Schicht, und die fängt erst …“, er schaute auf die Uhr, „… in einer Dreiviertelstunde an. Wir haben also noch genug Zeit zum Duschen und Frühstücken.“

Eine fast unmerkliche Röte huschte über ihre Wangen.

„Ich habe gehört, dass es in der Kantine ein ausgezeichnetes Bacon-Sandwich gibt“, fügte er hinzu.

Vicky schwieg.

War sie immer noch gekränkt? „Das geht auf mich“, sagte Jake. „Weil ich etwas mit Ihnen besprechen möchte.“

„Was denn?“ Ihr Tonfall klang misstrauisch.

„Über die Arbeit.“

Sie entspannte sich. „Okay. In zehn Minuten vorne in der Lobby?“

Die meisten Frauen, die er kannte, hätten mindestens eine halbe Stunde gebraucht. Er nickte. „In zehn Minuten.“

Da tat sie etwas, das ihn völlig aus der Fassung brachte. Sie lächelte, woraufhin sich sein Herzschlag beschleunigte.

Neun Minuten später betrat Jake die Lobby, und genau eine Minute danach erschien Vicky.

„Ich hatte gestern einen Anruf vom Verwaltungsdirektor“, erzählte er auf dem Weg zum Krankenhaus.

„Ach ja?“

„Wegen Declan Foster. Seine Eltern haben geschrieben, wie gut Sie mit ihm umgegangen sind.“

Vicky hob die Schultern. „Ich habe bloß meinen Job getan.“

„Und noch einiges darüber hinaus. Ich habe gesehen, dass Ihre Unterlagen tadellos geführt sind und Sie immer darauf achten, dass sowohl die Patienten als auch ihre Angehörigen genauestens über alles informiert werden. Und ich nehme an, einem kleinen Jungen das Schachspielen beizubringen, gehört vermutlich nicht zu Ihrem Stellenprofil.“

„Das war eine gute Art, meine Mittagspause zu verbringen“, erwiderte sie leichthin.

„Mehrere Mittagspausen“, korrigierte Jake sie.

Sie zog die Brauen zusammen. „Haben Sie ein Problem damit?“

„Nein, solange Sie es nicht übertreiben. Wir alle brauchen Zeit, um uns zu erholen, Victoria.“ Als er ihren scharfen Blick sah, fügte er hinzu: „Ich darf Sie doch Victoria nennen? Ich ziehe es vor, meine Kollegen mit dem Vornamen anzureden.“

Sie zögerte kurz, nickte dann jedoch. „Ich bin Vicky.“

„Vicky, Sie müssen sich auch mal eine Pause gönnen.“

„Mir geht’s gut“, erwiderte sie abweisend.

Er seufzte. „Eigentlich wollte ich mich bei Ihnen entschuldigen. Bei unserer ersten Begegnung hatte ich nicht die Absicht, Sie als Faulpelz hinzustellen. Sie haben mich bei meinem Erkundungsgang erwischt, ich war verlegen und habe einfach irgendwas gesagt.“

„Verstehe.“

„Sie sind sehr engagiert. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so hart arbeitet.“

„Das ist die einzige Möglichkeit, um nach ganz oben zu kommen“, antwortete sie, während sie ihm in die Kantine folgte.

„Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Wie viele Chefärztinnen kennen Sie? Und wie viele Professorinnen?“

Jake überlegte. „Nicht viele.“

„Eben. Wenn sie Familie haben und eine berufliche Pause einlegen, wirft sie das um Jahre zurück, die ihre männlichen Kollegen ihnen voraushaben. Und wenn sie auf die Familienpause verzichten, gelten sie als harte Karrierefrauen, was ihnen auch wiederum zum Vorwurf gemacht wird.“

„Diskriminierung ist illegal“, erwiderte er stirnrunzelnd.

„Aber es gibt sie trotzdem.“

„Ich nehme also an, Sie haben keine Kinder?“

„Nein.“

Da sie inzwischen die Theke erreicht hatten, erkundigte er sich: „Was möchten Sie zum Frühstück?“

„Kaffee, Obstsalat und Joghurt.“

„Stört es Sie, wenn ich ein Bacon-Sandwich nehme?“

„Es sind ja Ihre Arterien“, entgegnete Vicky spöttisch.

Als sie an einem der Tische saßen, tat Jake Tomatenketchup auf sein Sandwich. „Lycopin“, meinte er grinsend.

„Das hilft nichts gegen das viele Cholesterin“, gab sie zurück.

„Ist mir egal.“ Herzhaft biss er in das Sandwich. „Oh ja, das tut gut. Sind Sie sicher, dass Sie nicht auch was davon abhaben wollen?“

„Ganz sicher, danke“, erwiderte Vicky, obwohl sie Bacon-Sandwiches liebte. Bei ihren Brüdern hätte sie keine Sekunde gezögert. Aber es war zu intim, sich mit Jake ein Sandwich zu teilen. Sie kannte ihn kaum, und das sollte auch so bleiben. Sie verteilte den Joghurt über ihrem Obstsalat. „Also worüber wollten Sie mit mir sprechen?“

„Die übrigen Kollegen habe ich bei den Team-Abenden ein wenig näher kennengelernt.“

Sie seufzte. „In meiner Personalakte finden Sie alles Wissenswerte über mich.“

„Dass Sie Stationsärztin sind, hervorragende Examina und immer ausgezeichnete Beurteilungen haben und für den nächsten Oberarztposten vorgemerkt sind. Aber ich weiß nichts über Sie. Ich habe gesehen, wie Sie mit Kollegen und Patienten umgehen, und ich bin beeindruckt.“

„Sie haben meine Akte gelesen und mich bei der Arbeit gesehen. Mehr müssen Sie nicht wissen“, erklärte sie steif.

„Falsch. Wenn ich die Team-Entwicklung fördern möchte, muss ich wissen, was sich jeder von seinem Job verspricht. Wo er in fünf Jahren sein will und was dafür nötig ist. Wo Schwächen vorhanden sind und wo derjenige mehr Erfahrung oder Weiterbildung braucht. Dinge, die nicht in der Personalakte stehen. – Also, was wollen Sie, Vicky? Oberärztin werden? Professorin?“

„Beides.“

Jake nickte. „Ich denke, Sie können es schaffen.“

„Danke.“

„Wie sehen Ihre Pläne aus?“

„Nächstes Jahr Oberärztin. Danach eine Stelle, wo ich zum Teil praktizieren, aber auch lehren kann. Ich will zwar in die Forschung gehen, aber ich arbeite gerne mit Patienten und möchte das nicht aufgeben. Außerdem ist jede Theorie wertlos, die in der Praxis nicht anwendbar ist.“

„Und welche Erfahrungen brauchen Sie jetzt noch?“

„In der Chirurgie.“

„Ist notiert“, sagte er. „Wenn Sie mit mir im OP sind, werde ich Ihnen so oft wie möglich die Leitung überlassen.“

„Danke.“

„Und geben Sie mir eine Liste der Fortbildungskurse, die Sie belegen wollen.“

„Unser Abteilungsbudget ist leider sehr begrenzt“, meinte Vicky.

„Deshalb verspreche ich Ihnen auch nicht, Sie auf jede Fortbildung zu schicken. Aber vielleicht kann ich einige Weiterbildungsmaßnahmen innerhalb des Krankenhauses organisieren. Begleitung, Mentorenbetreuung und so weiter.“

„Vorausgesetzt, unser Chefarzt stimmt zu.“

„Das wird er“, antwortete Jake sanft. „Ich kann nämlich sehr überzeugend sein.“

Das glaube ich gern, dachte Vicky, wobei sie seinen Mund betrachtete. Doch rasch schob sie diesen Gedanken beiseite. Nein, so wollte sie keinesfalls an Jake Lewis denken.

„Und ich habe festgestellt, dass eine Kosten-Nutzen-Analyse dabei sehr hilfreich ist“, fügte er hinzu. Während er Zucker in seinen Kaffee tat, fragte er: „Warum sind Sie Ärztin geworden?“

„Weil ich mich immer für Medizin interessiert habe.“

„Gibt es noch andere Ärzte in Ihrer Familie?“

„Meine Brüder“, sagte sie knapp.

„Welches Fachgebiet?“

„Nicht Neurologie.“

Sie war beinahe unhöflich kurz angebunden, aber Jake ließ sich davon keineswegs abschrecken.

In diesem Augenblick ertönte Vickys Pager.

Perfektes Timing. Sie schaute auf das Display. „Danke fürs Frühstück. Ich werde in der Notaufnahme gebraucht.“

„Ihr Dienst hat noch nicht angefangen.“ Stirnrunzelnd fragte er: „Lassen Sie Ihren Pager immer eingeschaltet?“

„Nein.“ Nur fast immer.

In seinen dunklen Augen lag ein belustigter Ausdruck. Fast so, als glaubte er nicht, dass sie tatsächlich gerufen worden war, sondern dass es sich nur um einen Trick handelte, um flüchten zu können.

„Wir sehen uns dann nachher auf Station“, meinte sie und eilte davon.

„Hallo“, begrüßte Hugh Francis sie lächelnd, als Vicky in die Notaufnahme kam. „Ich hatte gehofft, dass Sie es sind.“

„Was gibt es für ein Problem?“

„Mrs. Carter, siebzig Jahre alt, Verdacht auf zerebrale Durchblutungsstörung … Aber ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht doch schon ein sehr früher Schlaganfall sein könnte.“

„Okay, ich schaue sie mir mal an. Wenn sich Ihr Verdacht bestätigt, nehme ich sie auf unsere Station auf.“

„Danke.“ Hugh ging voraus zu der Kabine, wo Violet Carter auf dem Bett saß, und stellte ihr Vicky vor.

„Mit mir ist alles in Ordnung, wissen Sie. Um mich brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Gehen Sie lieber und kümmern sich um jemand, der auch wirklich krank ist“, sagte Mrs. Carter.

„Das ist sehr rücksichtsvoll von Ihnen, aber ich möchte Sie trotzdem untersuchen“, meinte Vicky lächelnd.

„Mir war bloß ein bisschen komisch.“

„Erzählen Sie mir davon.“

„Es war wie ein Vorhang vor einem Auge, aber das ist jetzt schon wieder vorbei.“

Ein typisches Symptom, dachte Vicky. „Sonst noch was?“

„Ich habe mir das Knie angeschlagen, als ich zur Haustür ging. Aber das war nur ungeschickt von mir. Das Alter …“

„Und was war mit dem Sprechen?“

„Völlig normal. Ich glaube, unser Briefträger ist taub. Er wollte ständig, dass ich wiederhole, was ich gesagt habe.“ Mrs. Carter seufzte. „Ich weiß nicht, warum er darauf bestanden hat, mich hierherzubringen.“

Vicky warf einen Blick auf die Patientenakte. „Er war einfach beunruhigt. Ich denke, Sie hatten möglicherweise eine Durchblutungsstörung im Gehirn, eine transitorische ischämische Attacke, kurz TIA. Dabei wird die Sauerstoffzufuhr zu einem Teil des Gehirns durch ein Blutgerinnsel unterbrochen. Unser Körper ist allerdings in der Lage, kleinere Blutgerinnsel von selbst aufzulösen. Deshalb fühlen Sie sich jetzt auch wieder ganz normal.“

„Dann kann ich also nach Hause gehen?“

„Bald“, antwortete Vicky. „Falls Sie tatsächlich eine TIA hatten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Sie in naher Zukunft einen Schlaganfall bekommen. Daher möchte ich Sie erst gründlich untersuchen, ehe ich Sie entlasse.“ Sie stellte Mrs. Carter mehrere Fragen zu ihrem Gesundheitszustand und erkundigte sich dann: „Haben Sie Angehörige in der Nähe?“

„Ja, meine Tochter. Aber sie macht immer gleich einen großen Aufstand. Also sagen Sie ihr bitte nichts davon. Ich bin einfach nur etwas zu schnell aufgestanden, als der Briefträger klingelte.“

„Hatten Sie Schmerzen?“

„Eigentlich nicht.“

„Also doch. Und wo?“

„Sie sind ja genauso schlimm wie meine Tochter“, murrte Mrs. Carter. „Bloß ein leichtes Ziehen in der Brust. Aber jetzt nicht mehr. Und bevor Sie mich fragen: Ich habe schon vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört, und ich koche mir richtiges Essen. Diese Mikrowellen-Fertiggerichte gibt’s bei mir nicht.“

Vicky lachte. Sie konnte sich gut vorstellen, dass sie in vierzig Jahren genauso sein würde wie Violet Carter. In Knallpink gekleidet und total selbstständig.

„Mrs. Carter, ich glaube Ihnen ja, dass Sie gut alleine zurechtkommen. Aber ich muss sichergehen, dass Sie hier nicht nur die Tapfere spielen. Wenn Sie irgendwelche Probleme haben, kann ich Ihnen Medikamente dafür geben, und alles ist in Ordnung. Aber wenn Sie mir etwas verschweigen, könnte es sein, dass Sie sehr krank werden.“ Als sie den widerspenstigen Gesichtsausdruck der alten Dame sah, zog Vicky ihre Trumpfkarte. „Das bedeutet, ich muss mit Ihrer Tochter reden. Und sie wird vermutlich wollen, dass Sie zu ihr ziehen, damit sie sich um Sie kümmern kann.“

„Gott bewahre!“, rief Mrs. Carter entsetzt. „Dann sitze ich innerhalb einer Woche wegen Mordes auf der Anklagebank. Ich kann dieses Getue absolut nicht ertragen. Ganz abgesehen von Teenagern, die mit den Türen knallen und sich diesen Krach anhören, den man heutzutage Musik nennt.“

„Ich auch nicht“, pflichtete Vicky ihr teilnahmsvoll bei. „Also, gibt es da irgendwas, was Sie mir nicht gesagt haben?“

„Ich hatte ein bisschen Atemnot. Aber ich bin eben einfach zu schnell aufgestanden.“

„Darf ich Sie untersuchen und ein paar Tests mit Ihnen machen?“

„Wenn Sie meiner Tochter nichts sagen, dann ja“, meinte Violet entnervt.

Die neurologische Untersuchung ergab keinerlei Probleme.

„Sind Sie jetzt zufrieden?“, fragte Mrs. Carter.

„Fast. Ich werde Sie noch zu einem CT schicken, damit ich besser einschätzen kann, was sich in Ihrem Kopf abspielt.“

Mrs. Carter schnaubte verächtlich. „Wenn Sie jetzt meine Gedanken lesen könnten, junge Dame, dann wären Sie bestimmt schockiert.“

Vicky lachte. „Nein. Ich wünschte, es gäbe mehr Leute, die so unabhängig und entschlossen sind wie Sie.“ Mara war es jedenfalls nicht und würde es auch niemals sein. Vicky hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie es allzu oft Charlie überließ, sich um ihre anstrengende Mutter zu kümmern.

„Abgesehen vom CT schicke ich Sie auch noch zum EKG.“

„Mit meinem Herzen ist alles okay.“

„Gut. Aber ich möchte die Untersuchungen trotzdem machen, um sicherzugehen, dass sich nicht irgendwo noch ein weiteres Blutgerinnsel gebildet hat, von dem Sie entweder einen richtigen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt kriegen.“ Als sie Mrs. Carters rebellischen Blick bemerkte, fügte sie hinzu: „Oder ich kann auch Ihre Tochter anrufen.“

Mrs. Carter verzog das Gesicht. „Sie haben gewonnen. Gegen Sie würde ich nie Poker spielen.“

„Ich spiele lieber Schach.“

„Habe ich nie gelernt.“

„Das bringe ich Ihnen bei, falls Sie aufgrund der Untersuchungsergebnisse zur Beobachtung hierbleiben müssen“, versprach Vicky. „Und dann können Sie Ihre Enkel erpressen. Wenn Sie sie beim Schachspielen schlagen, dürfen sie nur noch leise Musik hören und keine Türen knallen.“

Prüfend sah die alte Dame sie an, bevor sie lachte. „Einverstanden.“

„Okay, Mrs. Carter. Ich komme nachher wieder, sobald die Ergebnisse da sind.“

„Ich heiße Violet“, sagte Mrs. Carter.

„Vicky“, erwiderte sie und gab ihr die Hand.

„Ich glaube, Sie und ich werden gut miteinander auskommen. Sie sagen mir die Wahrheit.“

„Wenn Sie es auch tun.“

„Und Sie lassen meine Tochter außen vor.“

„Ich verspreche gar nichts, ehe ich nicht Ihre Untersuchungsergebnisse kenne“, warnte Vicky. „Aber ich werde ihre Tochter nicht unnötig beunruhigen.“

„Gut. Das reicht mir.“

Jake ging gerade die Patientenunterlagen für seine Sprechstunde durch, als Vicky bei ihm anklopfte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte er erstaunt.

„Ich möchte gerne etwas mit Ihnen besprechen.“ Sie hatte die Bilder und alle Unterlagen dabei. „Meinen Fall aus der Notaufnahme.“

Rasch erklärte sie Violet Carters Fall. „Das EKG zeigt eine Gefäßverengung an der Halsschlagader. Wenn die Angiographie ergibt, dass die Stenose groß genug ist, würde ich eine Endarteriektomie vorschlagen.“ Eine Ausschälung der arteriellen Ablagerungen sowie der Gefäßinnenwand – eine äußerst heikle Operation.

„Haben Sie das schon mal gemacht?“, wollte Jake wissen.

„Ein paarmal.“

„Auch endoskopisch?“

„Nein.“

„Na schön. Ich schau mir die Angiographie an. Wenn wir endoskopisch operieren können, werde ich die OP leiten, und Sie assistieren. Wenn es eine offene OP ist, leiten Sie, und ich assistiere.“

Vicky nickte. „Sie ist nett, Jake. Ich mag sie. Resolut und eigenständig … Es wird ihr nicht gefallen, auf der Station zu liegen.“

Ja, Jake hatte auch so jemanden gekannt. Nur dass …

Nein, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, an Lily zu denken. Die Vergangenheit ließ sich nicht mehr ändern. Nur die Zukunft … für jemand anders.

„Sagen Sie mir Bescheid, sobald Sie die Ergebnisse haben. Ich bin in der Sprechstunde.“

„Okay.“ Sie warf ihm einen forschenden Blick zu, doch er achtete nicht darauf.

Als Vicky die Ergebnisse der Angiographie betrachtete, seufzte sie. Eine achtzigprozentige Stenose. Das hieß, die Arterien waren so stark verengt, dass viel zu wenig Blut hindurchströmte. Eine Operation war unumgänglich.

Sie machte sich auf den Weg zu Violet Carter. „Wie fühlen Sie sich?“, fragte sie, nachdem sie das Zimmer betreten hatte.

„Gut. Kann ich jetzt nach Hause gehen?“

„Nein. Ich habe herausgefunden, warum Ihnen heute Morgen so komisch zumute war. Ihre Halsschlagadern sind beide verengt. Dadurch wird das Gehirn mit zu wenig Blut und Sauerstoff versorgt. Sie haben die Wahl. Wir können operieren und die Ablagerungen zusammen mit der Gefäßinnenwand aus den Arterien entfernen. Die Gefäßwand wird sich innerhalb von zwei Wochen wieder neu bilden.“

„Und wenn ich mich nicht operieren lasse?“

„Könnten sie sich möglicherweise vollkommen verschließen, was bedeutet, dass Sie einen Schlaganfall bekommen.“

„Und wenn ich einen Schlaganfall habe, muss ich in ein Pflegeheim.“

Vicky nickte. „Sie wären dann nicht mehr in der Lage, sich selbst zu versorgen, und müssten gepflegt werden.“

„Aber wenn ich die Operation machen lasse, werde ich wieder gesund.“

„Es gibt zwar keine Garantien, aber die Zahlen sprechen eindeutig zu Ihren Gunsten.“

Violet dachte nach. „Geht das mit einer lokalen Betäubung?“

„Nein, Sie benötigen eine Vollnarkose.“

„Ich muss also hierbleiben.“

„Nur für ein paar Tage.“

„Dann muss ich es ja doch meiner Tochter erzählen.“

„Wenn Sie meine Mutter wären, würde ich gerne Bescheid wissen“, meinte Vicky.

„Ihre Mutter hat Glück“, brummte Violet. „Sie hat wenigstens eine vernünftige Tochter, die nicht gleich wie ein aufgescheuchtes Huhn herumflattert.“

Ihre Nüchternheit hatte Vicky jedoch mit Sicherheit nicht Mara zu verdanken.

„Ich hoffe, sie weiß das zu schätzen“, fuhr Violet fort.

Vicky murmelte irgendetwas Unverbindliches. Mara hatte nicht das geringste Verständnis für sie und behauptete immer, Vicky hätte lieber als Junge geboren werden sollen. Vor allem, nachdem diese als Fünfjährige ihr Tutu und die Ballettschuhe zerschnitten und gedroht hatte, auch ihre Haare abzuschneiden, falls sie gezwungen würde, wieder zum Ballettunterricht zu gehen. Mara war auch keineswegs erfreut gewesen, als Vicky sich gleich in der ersten Woche aus dem Mädchenpensionat hatte rauswerfen lassen, um einen normalen Schulabschluss zu machen.

„Ich kann Ihre Tochter gleich verständigen“, bot Vicky an. „Wenn Sie die Zustimmungserklärung unterschreiben, können wir Sie noch auf den OP-Plan für heute Nachmittag setzen.“

„Und Sie werden mich operieren?“

„Gemeinsam mit unserem Oberarzt Jake Lewis. Ach, und bis dahin …“ Sie holte ein Heft aus der Kitteltasche. „Damit Sie sich nicht langweilen.“

Violet blätterte das Rätselheft durch. „Oh ja! Da sind diese Logikaufgaben drin, die ich so mag.“ Sie lächelte Vicky an. „Danke. Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“

„Gerne. Ich dachte mir schon, dass Ihnen so was gefällt.“

Vicky stellte Jake und Violet einander vor und bemerkte anerkennend, dass Jake die alte Dame nicht von oben herab, sondern respektvoll behandelte. Er erklärte ihr genau, wie sie vorgehen würden, dass es sich um eine Schlüsselloch-Operation handelte und wie lange Violet danach im Krankenhaus bleiben musste.

Beim Waschen vor der OP fiel Vicky der düstere Ausdruck in Jakes Augen auf.

„Alles okay?“, fragte sie.

„Klar“, gab er kurz zurück.

Vicky nahm an, dass er nervös war. Jeder Chirurg, den sie kannte, war vor einer Operation angespannt.

Jake entschied sich, zu der Musik von Corelli zu operieren. Das überraschte Vicky, doch gleichzeitig ärgerte sie sich auch über sich selbst. Zwar hatte Jake einen East-End-Akzent, aber seit wann bestimmte der Sprachakzent den Musikgeschmack?

Jake führte sie durch die zweistündige Operation. Die erste Arterie säuberte er selbst und überließ Vicky dann die zweite. Seine Arbeitsweise gefiel ihr, er war geschickt, ordentlich und präzise. Sobald die OP vorbei war, verfiel er jedoch wieder in dieselbe düstere Stimmung wie zuvor.

Nachdem Violet aus dem Aufwachraum auf die Station gebracht worden war, wo ihre Tochter bereits wartete, lief Vicky in ihrer Pause schnell in die Kantine. Dort besorgte sie ein Stück Möhrenkuchen und zwei Tassen Kaffee – Jake trank seinen schwarz und süß, wie sie sich erinnerte. Dann ging sie zu seinem Zimmer und klopfte.

„Herein.“

Er saß am Schreibtisch über einem Berg von Papieren und wirkte sichtlich angestrengt.

„Was ist das?“, fragte er, als Vicky die Tür hinter sich schloss und Kaffee und Kuchen vor ihn hinstellte.

„Möhrenkuchen.“

Kuchen. Die adelige Victoria Radley hatte ihm Kuchen mitgebracht. „Wieso?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Die Männer in meinem Leben sind alle kuchensüchtig.“

Bei diesen Worten verspürte Jake ein Gefühl von Eifersucht, dass er nur mühsam unterdrücken konnte. Aber er hatte kein Recht, eifersüchtig zu sein. Vicky war eine Kollegin, und er kannte sie ja kaum.

„Unsere Köchin hat die besten Kuchen der Welt gebacken“, erklärte sie. „Darum sind meine beiden Brüder Wachs in den Händen jeder Frau, die sie mit Kuchen versorgt.“ Sanft fuhr sie fort: „Sie sahen vorhin aus,...

Autor

Dianne Drake
Diane, eine relative neue Erscheinung im Liebesromanbetrieb, ist am meisten für ihre Sachliteratur unter dem Namen JJ Despain bekannt. Sie hat mehr als sieben Sachbücher geschrieben, und ihre Magazin Artikel erschienen in zahlreichen Zeitschriften. Zusätzlich zu ihrer Schreibtätigkeit, unterrichtet Dianne jedes Jahr in dutzenden von Schreibkursen. Dianne`s offizieller Bildungshintergrund besteht...
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Leah Martyn
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