Julia Best of Band 311

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MEIN FRANZÖSISCHER GELIEBTER

Es ist ein Spiel mit dem Feuer! Alicia soll für den Bankier Jean-Marc Brissac eine Feier auf seinem Schloss ausrichten. Der französische Charmeur weckt ihre lodernde Leidenschaft. Dabei ist sie bereits mit einem anderen verlobt!

VERFÜHRERISCHES SPIEL IN MONTE CARLO

In der sternenklaren Nacht nach dem Ball in Monte Carlo wird sich zeigen: Spielt der attraktive Millionär nur mit Isabelle oder liebt er sie wirklich? Ihr ist längst klar: Jean-Luc ist mehr als bloß ihr Mitbewohner in dem luxuriösen Penthouse …

ENTSCHEIDUNG IN DEN FLITTERWOCHEN

Tausend Sterne leuchten über Hongkong, als Rachel dem mächtigen Manager Damian Flint ihr Jawort gibt. Seine erotische Anziehungskraft fasziniert sie seit ihrer ersten Begegnung. Doch die exklusive Hochzeit in der Glitzermetropole ist anders als erträumt …


  • Erscheinungstag 21.11.2026
  • Bandnummer 311
  • ISBN / Artikelnummer 0812260311
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Sarah Holland

JULIA BEST OF BAND 311

Sarah Holland

1. KAPITEL

Die stahlblaue Limousine glitt im Sonnenlicht über die Auffahrt. Köpfe drehten sich. Eine Traube von Reportern bewegte sich ruhig auf den Wagen zu – höflich, aber entschlossen, einen Schnappschuss zu machen. Die Unterhaltung auf der Gartenparty steigerte sich zu einem aufgeregten Summen, und als die Limousine zum Halten kam, schwiegen alle, hielten reglos ihre Champagnergläser und schauten über den kunstvoll gestalteten Garten dorthin.

Jean-Marc Brissac, der Letzte der Großen Französischen Liebhaber, war eingetroffen.

Er stieg aus der Limousine. Sein schwarzes Haar wehte leicht in der warmen Brise. Die Lider seiner stahlgrauen Augen waren gesenkt und sein sinnlicher Mund eine schmale, kompromisslose Linie, als die Reporter sich auf ihn zu bewegten. Er schritt mit einem kühlen Nicken an ihnen vorbei, während die Blitzlichter zuckten.

Alicia hob ihren Kopf. Sie konnte diese Art von Mann nicht ertragen. Er war Multimillionär, Tycoon und Playboy. Sein Gang strahlte Arroganz aus, und sein blaugrauer Anzug saß perfekt an seinem kräftigen, muskulösen Körper.

Er schaute sie an, als ob er ihren Blick spürte, und eine Sekunde später fuhr er sich mit starker Hand durch sein schwarzes Haar, wobei er sie abschätzend musterte.

Alicia wandte sich mit kühlem Gesicht ab. Sie war sich ihres Aussehens bewusst. Ihr rotes Seidenkleid betonte ihre schlanken Kurven sinnlich, unterstrich ihre südländische, glutvolle Schönheit. Innerlich aber empfand Alicia Verachtung gegenüber denjenigen, die auf äußere Schönheit achteten. Erfolg war das einzig Erstrebenswerte in ihrem Leben.

„Ich kann ihn nicht ansehen“, flüsterte Lindy neben ihr und wich stolpernd zurück.

Alicia runzelte die Stirn. Sorge um ihre junge Nichte füllte ihre großen dunklen Augen. Alicia setzte ihren Drink ab und folgte ihr durch die geöffnete zweiflügelige Tür in den geräumigen Salon mit den blassgelben Wänden und dem eleganten Kronleuchter.

„Lindy?“ Alicia musterte den gesenkten Kopf des Mädchens.

„Ist alles in Ordnung?“

Lindy hielt den Atem an und drehte sich überrascht zu Alicia um. Tränen brannten in ihren dunklen Augen. Sie sah so jung aus, und ihr pinkfarbenes Kleid unterstrich ihre Verwundbarkeit. Alicias Herz ging vor Liebe über.

„Lindy“, sagte sie zärtlich, „sag mir, was los ist.“

Lindys Mund zitterte. „Wozu? Du würdest es nie verstehen.“

„Wirklich nicht?“, sagte Alicia. „Ich bin zwar zehn Jahre älter als du, aber ich kann mich nur zu gut daran erinnern, wie es ist, ein Teenager zu sein.“

„Ich … ich sollte nicht darüber reden!“ Lindy wischte mit zitternder Hand eine Träne fort und strich sich ihr weiches dunkles Haar aus den Augen. „Ich fühle mich ihm gegenüber so treulos.“

„Wem?“, fragte Alicia besorgt.

Lindy biss sich auf die Lippe. Ihr Blick wanderte zur Tür. Dann zurück zu Alicia. Eine Pause entstand. Dann sagte sie heiser: „Jean-Marc Brissac.“

Alicias Augen weiteten sich überrascht. Unwillkürlich blickte sie über ihre Schulter, um zu sehen, ob Brissac in Hörweite war. Wie mochte Lindy die Bekanntschaft eines so wohlhabenden und mächtigen Mannes gemacht haben? Dies war eine sehr exklusive Party. Ein Modeereignis ersten Ranges, an dem Berühmtheiten teilnahmen, superreiche Prominente. Doch das war Alicias Welt, nicht die von Lindy. Lindy war nur durch Alicias Einladung hier, und Alicia wusste, dass ihre junge Nichte sonst nicht mit solchen Leuten verkehrte. Ganz gewiss nicht mit französischen Multimillionären wie Brissac.

„Ich wusste gar nicht, dass du ihn kennst, Lindy“, sagte sie.

Lindy seufzte. „Du weißt doch, dass ich im Mai in Paris war.“

„Zu einem Italienischkurs“, nickte Alicia stirnrunzelnd.

„Also, ich habe mich mit Dominique Dussort angefreundet“, sagte Lindy rasch. „Das ist sein Patenkind. Nach dem Sprachkurs wurden wir beide nach Château Brissac eingeladen.“

„Und Brissac war auch da?“, fragte Alicia vorsichtig.

„Zuerst nicht“, fuhr Lindy fort. „Da war nur das Personal. Dominique und ich hatten das ganze Anwesen für uns allein. Dann kam Jean-Marc …“ Ihre Lippen zitterten, als sie seinen Namen mit einem schmachtenden Seufzer aussprach. „Und er hatte seine Freundin dabei.“

Seine Geliebte, meinst du, dachte Alicia grimmig.

„Isabelle Janvier“, sagte Lindy. Ihre Augen verdunkelten sich eifersüchtig, als sie den Namen des berühmten französischen Filmstars nannte. „Sie war wunderschön und so kultiviert. Aber sie hatten einen Streit, und dann reiste Isabelle einfach ab. Am nächsten Morgen fiel Dominique vom Pferd. Sie erlitt eine Kopfverletzung und musste für ein paar Tage ins Krankenhaus.“

„Und du warst mit Jean-Marc Brissac allein“, sagte Alicia.

„Ja.“ Lindy errötete leicht. „Oh, Alicia, er sagte, ich könnte so lange auf dem Château bleiben, wie ich wolle, und ich ging zu Bett und freute mich darüber. Aber ich konnte nicht schlafen, und als ich um zwei Uhr morgens nach unten ging, war er auch noch wach.“

„Er hat mit dir geflirtet“, sagte Alicia knapp.

„Oh nein, zuerst nicht“, sagte Lindy rasch. „Weißt du, er hatte getrunken. Er saß allein da und hörte ganz laut Wagner, und er sah so toll aus!“, fuhr Lindy fort. „Er schaute so traurig, und er hatte seine Krawatte gelockert. Und in der Hand hielt er ein Whiskyglas … Und ich wusste, dass ich seinen Schmerz lindern konnte. Ich wusste, ich könnte ihm helfen. Deshalb ging ich zu ihm und hab’ mich auf die Lehne seines Sessels gesetzt …“

„Was hattest du an?“, fragte Alicia scharf.

„Ich … ja, ich hatte mein Nachthemd an.“

Alicias Augen funkelten wütend. Sie versuchte ihre Erregung nicht zu zeigen, als sie leise sagte: „Sprich weiter.“

„Ich saß da auf der Lehne, und er schaute mich einfach stumm an. Ich sagte ihm, er solle wegen Isabelle nicht so traurig sein und dass ich ihn für den attraktivsten Mann überhaupt hielte, den ich je gesehen hätte. Und dass ich ihn auf der Stelle geheiratet hätte, wenn Isabelle nicht gewesen wäre.“ Sie errötete und fügte heiser hinzu: „Dann habe ich sein Haar gestreichelt, und er fing an mich zu küssen …“

Hatte er das wirklich? dachte Alicia, weiß vor Wut.

„Ich bin auf seinen Schoß gerutscht“, sagte Lindy leise, „und dann hat er mich plötzlich bei den Schultern gefasst und sagte: Geh sofort wieder ins Bett! Ich war verletzt und wollte protestieren, aber er fuhr mich auf einmal an und stieß mich von seinem Schoß und schrie, ich sollte sofort den Raum verlassen.“

Alicia atmete ein wenig ruhiger. „Und das war alles …?“

„Nein.“ Lindy schüttelte ihren hübschen Kopf. „Am nächsten Morgen muss er wohl ein schlechtes Gewissen deswegen gehabt haben. Er sagte mir, er würde mich wegschicken, wenn das wieder passierte. Ich brach in Tränen aus. Und da hat er wohl Mitleid mit mir gehabt, weil er mich umarmte und mich tröstete und mich fragte, ob ich mit ihm zu Abend essen wolle.“

„Und du hast Ja gesagt“, murmelte Alicia verkniffen lächelnd.

„Natürlich habe ich Ja gesagt!“, antwortete Lindy hitzig. „Ich war inzwischen doch so in ihn verliebt! Alicia, du weißt ja gar nicht, wie er ist! Ihn nur so Tag für Tag zu beobachten, seine vielen Stimmungen …“

„Und was geschah nach dem Abendessen?“, fragte Alicia.

„Ja, da fing alles an.“ Lindy hob überrascht die Brauen. „In den folgenden Tagen haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Wir haben jeden Abend in einem teuren Restaurant diniert, sind nach dem Frühstück weggefahren und haben lange Spaziergänge auf seinem Anwesen gemacht. Wir haben Händchen gehalten, haben geredet und uns geküsst …“ Schmerz leuchtete in ihren Augen. „Wir waren wie ein Liebespaar, nur dass wir das in Wirklichkeit nicht waren, glaube ich.“

„Glaubst du?“, fragte Alicia scharf.

„Ich weiß es“, räumte Lindy schnell ein. „Ich weiß, dass wir kein Liebespaar waren. Aber, Alicia, ich war so sehr in ihn verliebt!“

„Und das hat er ausgenutzt!“

„Nein! So etwas würde er nie tun! Ich glaube noch immer, dass er für mich etwas empfunden hat! Nur … er hat nicht genug empfunden!“

„Wie endete es, Lindy?“, fragte Alicia behutsam. Sie litt mit ihrer Nichte, in deren Augen sie den Schmerz der Ablehnung sah.

„Furchtbar. Weißt du, Isabelle Janvier kam zurück, um alles wiedergutzumachen. Jean-Marc ließ mich fallen und ging mit ihr aus. Ich war so verletzt und wütend, dass ich ihm eine große Szene und Vorwürfe gemacht habe …“

„Er hat natürlich alles abgestritten!“, sagte Alicia mit kalter Verachtung.

„Ja.“ Lindy nickte kläglich. „Er sagte mir auch, ich müsse sofort gehen. Er hat sogar meine Eltern angerufen, um ihnen zu sagen, dass ich heimkäme. Ich bin wie eine Leiche nach Hause geflogen und dachte nur: Wie konnte er mir das antun?“ Also rücksichtslos, dachte Alicia. Diesen Typ kannte sie. Sie hatte mit jemandem, der so ähnlich war, zu tun gehabt, als sie in Lindys Alter war. Und sie erinnerte sich an den Schmerz, den sie selbst damals erlitten hatte.

Sich mit siebzehn in einen kultivierten, wichtigen und sexuell attraktiven Mann zu verlieben, war, als liefe man in einen langen stählernen Dorn und würde sich selbst pfählen.

Der Satz „Wie konnte er mir das antun?“, war ihr nur zu vertraut. Genauso hatte Alicia auf die brutale Handlung eines Mannes reagiert, der sich ähnlich verhalten hatte. Sie erinnerte sich voller Wut dabei an Tony Ratchet.

Alicia strich ihrer Nichte das Haar aus dem Gesicht und sagte: „Gräme dich nicht zu sehr darüber, Kleine. Männer wie Brissac sind alle gleich. Sie nehmen sich, was sie wollen, und sind schrecklich charmant dabei. Aber wenn du erst einmal deinen Zweck erfüllt hast …“, ihre Augen wurden ganz dunkel vor Zorn, „… werden sie immer rücksichtslos.“

„Ja.“ Lindy schaute zu ihr auf, ihr Mund bebte. „Genauso empfand ich es! Als ob er mich aufgespießt und hinaus-geworfen hätte. Er war rücksichtslos. Und so brutal …“

Alicias Herz verkrampfte sich vor Mitgefühl und Zorn. Sie hatte das Bedürfnis, ihre junge Nichte zu beschützen. Lindy war Susannahs Tochter – und Susannah war die Einzige, die Alicia von ihrer Familie geblieben war.

Alicia hatte kein leichtes Leben gehabt. Ihre Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie siebzehn gewesen war. Und zu jener Zeit hatte sie ihre Erfahrung mit Tony gemacht, der genau der gleiche Typ wie Jean-Marc Brissac war.

Natürlich hatte ihre Schwester Susannah ihr helfen wollen, doch Alicia war immer unabhängig und stolz gewesen. Während sie sich von dem doppelten Schock erholte, hatte sie sich eine weitere Charaktereigenschaft angeeignet: Ehrgeiz.

Liebe war etwas für Narren, und Alicia war entschlossen, nie wieder eine Närrin zu sein.

„Armes Baby“, sagte sie und streichelte Lindys Haar.

„Bitte nenn mich nicht so!“, sagte Lindy hitzig und entzog sich ihr.

Alicia ließ ihre Hand fallen. „Entschuldige …“

Lindy senkte schuldbewusst ihren Kopf. „Ich fühle mich eben nicht mehr wie ein Baby, Tante Alicia. Ich bin fast achtzehn. Und ich bin in den Letzten der Großen Französischen Liebhaber verliebt!“ Sie hob ihren Kopf mit einem Stolz, der Alicia zusammenzucken ließ. „Er liebt mich vielleicht nicht, aber ich liebe ihn wie eine Frau, und das macht mich zur Frau. Auch wenn er brutal zu mir war – er hat mich das erste Mal Liebe kosten lassen, und ich bin stolz darauf, dass er es war.“

Alicia war entsetzt, und sie sagte: „Lindy, mach es dir nicht noch schwerer! Du solltest Verachtung für ihn empfinden, nicht Liebe!“

„Tja, wenn ich so reagierte“, sagte Lindy leidenschaftlich, „dann würde ich wie du enden, oder? Zu schön zum Anfassen und zu kalt zum Heiraten, weil dir deine Karriere wichtiger ist als Liebe, Ehe und Kinder.“

Ein betroffenes Schweigen setzte ein. Alicia starrte zutiefst verletzt ihre Nichte an. Nicht, dass sie die Wahrheit ihrer Worte geleugnet hätte: Sie hatte ihr Leben bewusst so geplant und hatte nicht die Absicht, sich dafür zu entschuldigen.

„Lindy“, sagte Alicia langsam, bemüht, sich nicht verletzt zu fühlen, „vergiss nicht, dass ich mit David Balham verlobt bin. Ich will ihn heiraten.“

„Aber du liebst ihn nicht!“, sagte Lindy hitzig. „Das sieht doch jeder!“

„Ich liebe David“, erwiderte Alicia, durch Lindys Attacke aus dem Konzept gebracht. „Er ist nett, einfühlsam und lässt mich so leben, wie ich es will. Wir werden sehr glücklich sein, wenn wir heiraten. Wir brauchen nicht die große Leidenschaft füreinander – uns verbindet Freundschaft.“

„Aber sehnst du dich nicht danach, verliebt zu sein?“, fragte Lindy heiser. „Den Kopf zu verlieren? So viel zu empfinden, dass du nachts nicht schlafen kannst? Krank vor Liebe zu sein? Dass dein Herz dauernd schnell schlägt …“

„Nein“, sagte Alicia, entsetzt von dem bloßen Gedanken. „Lieber würde ich sterben, als die Kontrolle zu verlieren.“

Lindys Blick wanderte an ihr vorbei. Sie hielt den Atem an und schaute durch die Doppeltür über ihre Schulter.

Stirnrunzelnd drehte Alicia sich um und sah dort den widerlichen Jean-Marc Brissac stehen, der sie unter halb gesenkten Lidern mit stahlgrauen Augen beobachtete. Er stand sehr selbstsicher in der Tür, die Hände tief in den Taschen seines blaugrauen Anzuges vergraben.

Ein sardonisches Lächeln spielte um seinen Mund. Abschätzend glitt sein Blick über ihren Körper und ließ ihren Puls schneller schlagen.

„Hallo, Lindy.“ Seine Stimme war tief, rauchig und kehlig. „Willst du mich deiner Freundin nicht vorstellen? Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.“ Er trat einen Schritt vor. „Mademoiselle …?“ Alicia ignorierte ihn, wandte sich wieder ihrer Nichte zu und sagte: „Hilfst du mir, David zu suchen? Ich glaube, ich sollte gehen.“

„Ich …“, stammelte Lindy und starrte den französischen Multimillionär an. „Ich sollte dich Monsieur Brissac vorstellen.“ Errötend trat sie einen Schritt vor. „Jean-Marc, das ist meine Tante – Alicia Holt.“

„Enchanté, Mademoiselle Holt“, sagte Jean-Marc langsam. Seine grauen Augen wurden schmal, und er runzelte die Stirn. „Verzeihen Sie, aber kennen wir uns nicht?“

„Nein“, sagte Alicia eisig. „Komm, Lindy.“ Sie fasste Lindy am Arm, entschlossen, sie nicht diesem rücksichtslosen Kerl zu überlassen.

Lindy schüttelte ihre Hand ab. „Ich muss mit Jean-Marc allein sprechen!“, sagte sie.

Jean-Marc Brissac runzelte die Stirn. Sein Blick wurde hart, während er sie musterte, doch er versuchte nicht, sie aufzuhalten, obwohl er wissen musste, dass sie sich nur zum Narren machen würde, wenn sie blieb.

Alicia blickte ihn voller Abneigung an. „Also gut“, sagte sie. „Ich werde draußen auf dich warten.“

Als sie auf Jean-Marc Brissac zuging und seinen Blick abschätzend bemerkte, spürte Alicia wieder diese unerklärliche Wut in sich aufsteigen. Angewidert verzog sie ihren roten Mund.

Der heiße Sommersonnenschein wärmte ihre nackten Schultern, als sie in den Garten hinaustrat. Männer warfen ihr im Vorbeigehen bewundernde Blicke zu, doch sie ignorierte sie. Ihre einzige Sorge war, wie sie Lindy vor dem Wolf retten konnte.

Sie sah David, der Champagner trank und ein Lachssandwich aß. Er lehnte, mit grauem Anzug bekleidet, an einer Wand, genoss den Sonnenschein und den Anblick all dieser reichen, gut aussehenden Gäste, schaute sich mit einem Lächeln um und freute sich offensichtlich über diese exklusive Gesellschaft.

„Liebling!“ Seine blauen Augen leuchteten, als er sie sah. „Wie läuft es? Hast du viele Geschäfte gemacht? Millionen-Dollar-Verträge geschlossen?“

Alicia ergriff seine Hand. „David, ich muss dich um einen Gefallen bitten. Ich möchte, dass du Lindy von Jean-Marc Brissac wegholst. Er ist allein mit ihr im Salon, und ich glaube …“

„Möchtest du geschäftlich mit ihm reden?“ David biss in sein Sandwich.

„Nein“, sagte Alicia grimmig. „Das ist persönlich. Lindy ist in ihn hoffnungslos verknallt, und ich habe Angst, sie mit ihm allein zu lassen.“

„Du verhätschelst dieses Mädchen“, sagte David. „Das ist mir schon mehrfach aufgefallen. Du küsst sie und nennst sie Baby – das ist mehr, als du mir gibst!“ Er lächelte, und seine blauen Augen wirkten belustigt. „Siehst du in ihr ein Ersatzkind, Alicia?“

Alicia erbleichte und sagte heiser: „Wenn du mir nicht hilfst, dann werde ich mich eben selbst darum kümmern müssen!“ Sie wandte sich ab und ging.

David folgte ihr. „Es gibt doch keinen Anlass dafür, dass du dich wie eine Löwin auf sie stürzt, die ihr Junges beschützen will!“

„Glaubst du, ich würde zulassen, dass er sie wieder verführt?“

„Wieder!“ Davids Augen wurden groß. „Liebling, heißt das, dass er sie bereits …“

„Nein“, funkelte Alicia. „Aber …“ Sie erzählte kurz, was Lindy ihr berichtet hatte.

„Ach, Alicia!“ David runzelte die Stirn. „Es ist doch klar, was da passiert ist! Er war nett zu ihr, und sie hat eine Riesenliebesaffäre daraus gemacht! Das gibt’s doch ständig.“

„Aber nicht mit meiner Nichte!“, erwiderte sie. „Und ganz sicher nicht mit dem Letzten der Großen Französischen Liebhaber.“

David schüttelte den Kopf. „Schau mal – der Mann hat doch so viele Frauen, dass er gar nicht weiß, was er damit anfangen soll. Ihm gehört die halbe Finanzwelt. Er lädt Staatsoberhäupter auf sein Château ein. Letztes Jahr hätte er fast eine arabische Prinzessin geheiratet. Was, in Gottes Namen, soll er denn an einem Kind wie Lindy finden?“

„Er hatte Langeweile“, sagte Alicia ängstlich. „Und sie war gerade da. Das fand er an ihr, David. Und ich möchte verhindern, dass das wieder geschieht.“ Für weitere Erklärungen blieb keine Zeit, und so ging sie mit pochendem Herzen wieder in den Salon.

Doch Lindy war allein dort, in Tränen aufgelöst.

„Ist alles …?“ David kam zu Alicia geeilt, blieb neben ihr im Türrahmen stehen, schaute sich um und schnalzte mit der Zunge. „Ach … arme kleine Lindy!“ Er ging zu ihr, nahm sie in die Arme und zog sie an sich.

Alicia drehte sich um und hielt im Garten nach Jean-Marc Ausschau. Sie brauchte nicht lange zu suchen.

Er überragte alle anderen Männer, und seine selbstbewusste und arrogante Haltung vermittelte eine maskuline Autorität von gewaltiger Kraft.

Seine Macht über Frauen war legendär. Sein Einfluss in der Finanzwelt war ungeheuer. Seine Macht als Mann spiegelte sich in jeder Furche seines hart geschnittenen, schönen Gesichts und seinen stahlgrauen Augen wider.

Alicia spürte plötzlich einen so heftigen Drang, diese Macht zu brechen, dieses gewaltige Ego zu beugen und etwas von dieser Selbstsicherheit zu zerschlagen, dass sie sichtlich zu zittern begann.

Er spürte das und warf ihr einen scharfen Blick zu. Alicia erwiderte diesen Blick und sah, dass sich seine Augenbrauen hoben.

David trat zu ihr in den Türeingang. „Liebling, die arme Lindy ist …“

„Lass das!“, sagte Alicia heiser und entzog sich seiner Umarmung. „Hol den Wagen! Ich will hier weg!“

„Liebling, ich weiß, dass du erregt bist.“ David berührte ihre blasse Wange. „Aber Lindy wird sich bestimmt wieder fangen. Wie wir alle.“

„Ich will gehen“, sagte Alicia, denn natürlich wusste sie, dass das nicht wahr war. Wir werden uns nicht wieder fangen, dachte sie, während sie Jean-Marc Brissac anschaute.

Manche Menschen fangen sich nie wieder. Manche sind einfach zu verwundbar.

2. KAPITEL

In der folgenden Woche fühlte sie sich zerschlagen. Alicia, die normalerweise kühl und effektiv arbeitete, stellte fest, dass sie wütend die Entwürfe auf dem Schreibtisch anstarrte und an das rücksichtslose Gesicht von Jean-Marc Brissac dachte, an die kalte Art, wie er die arme Lindy fallen gelassen hatte, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatte. Die Tage zogen sich hin, und sie versuchte vergeblich, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren und ihren üblichen Rhythmus wiederzufinden. Am Freitag war sie mit ihren Terminen weit im Rückstand.

Ihr Büro lag in Kensington. Mit siebzehn hatte sie das Haus von ihrem Vater geerbt und sofort gewusst, dass aus der kleinen Maßschneiderei für Männerhemden eine weitaus profitablere Damenmoden-Boutique zu machen sei.

Alicia war schon immer künstlerisch veranlagt gewesen. Als sie ihre Familie und den Glauben, lieben zu können, verloren hatte, machte sie ihre Neigung zu ihrem Beruf und wurde Modedesignerin. Es gelang ihr schnell, von einer Boutique-Besitzerin zu einer führenden Modemacherin zu avancieren. Im vergangenen Jahr, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, hatte sie den begehrten Preis des Vielversprechendsten Nachwuchstalentes für Europäische Mode gewonnen.

Der Preis stand in ihrem Büro auf dem schwarzen Art-déco-Kaminsims. Darüber hing ein Foto, auf dem sie bei der Preisverleihung zu sehen war, den ihr Allie Makrett, die europäische Topdesignerin überreichte.

Am Freitagnachmittag starrte sie auf den Preis und das Foto und erinnerte sich an Lindys Worte: „Zu schön zum Anfassen, zu kalt zum Heiraten, weil du Karriere statt Liebe, Ehe und Kinder willst.“

Alicia erschauerte. Das schwarz-weiß gewürfelte Nicole-Farhi-Minikleid, das sie trug, war in der neuen Vogue vorgestellt worden, und sie sah umwerfend schön darin aus. Zu schön zum Anfassen …?

Als David um sechs kam, um sie abzuholen, sagte er: „Alles in Ordnung, Liebling? Du wirkst ziemlich beschäftigt.“

„Ein schwerer Tag.“ Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und runzelte die Stirn. „David – findest du, ich sei zu schön zum Anfassen?“

Er lachte und ließ den Motor an. „Sicher nicht! Warum fragst du?“

Ihre Lider flatterten. „Es ist etwas, was Lindy zu mir sagte.“ Sie konnte plötzlich das unbefriedigende Gefühl nicht mehr unterdrücken, das sie die ganze Woche verfolgt hatte. „Liebling – ich muss raus aus dieser Stadt.“

Er grinste. „Ist das eine Einladung für ein unschickliches Wochenende?“

„Sei nicht albern“, sagte sie und hob die Brauen.

„Warum ist das albern?“ Er seufzte schwer. „Wir sind schließlich verlobt und wollen heiraten, Alicia.“

„Und wir werden bis zur Hochzeit platonisch leben“, erwiderte Alicia heftig. „Ich dachte, das sei so abgemacht. Ich glaubte, du würdest das verstehen.“

„Das tue ich ja, aber …“ Er seufzte. „Ich bin manchmal einfach frustriert, Liebling. Ich habe das Gefühl, als könnte ich deine Zurückhaltung nicht brechen, ganz gleich, was ich tue.“

„Meine Zurückhaltung …?“, forschte sie.

Er nahm ihre Hand und küsste sie. „Deine kühle Schönheit, Liebling, ist wirklich beeindruckend.“

Sie starrte ihn an. „Aber du hast mich gefragt, ob ich dich heirate, und ich habe Ja gesagt. Wieso sagst du so etwas?“

Er zuckte die Schultern, während er fortfuhr: „Ich glaube, ich verstehe dich. Ich glaube zu wissen, warum du so unnahbar bist. Du bist sehr ehrgeizig, und du kannst dir nichts leisten, was dich an deinen Plänen hindert. Liebe ganz gewiss nicht.“

Entsetzt wechselte Alicia das Thema, weil sie die Unterhaltung aus Angst davor nicht fortsetzen wollte, dass er noch Schlimmeres sagen würde.

„Nun, Liebling“, sagte sie mit leichtem Lächeln, „in dem Fall ist ein kleiner Urlaub wohl nicht verkehrt.“

Er lachte. „Das ist nun wirklich eine Einladung für ein unanständiges Wochenende.“

„Nein, David, keineswegs“, sagte sie voller Zuneigung, wobei sie seine Hand tätschelte. „Aber es ist eine Einladung für Romantik.“

„Klingt gut!“, lachte David. „Wohin sollen wir fahren?“

„Nach Paris“, sagte Alicia sofort und erkannte plötzlich, dass sie die ganze Zeit dort gewesen sein wollte. Sie fragte sich, warum, fand aber keine Antwort. Es war einfach ein tiefes Sehnen nach der Stadt der Liebenden …

Am nächsten Tag flogen sie nach Paris. Sie trafen am Nachmittag ein und zogen in das Paris Ritz, diesem eleganten Palast am Place Vendôme, an dem die Legende Cartier ebenso weiterlebte wie die Geister von Hemingway, Fitzgerald und Coco Chanel. Sie hatten getrennte Zimmer, und Alicia blieb ungerührt, als sie an der Rezeption ihre Amex-Goldcard vorlegte und beide Schlüssel in Empfang nahm.

„Wir treffen uns in einer Stunde auf einen Drink in der Bar“, sagte sie zu David. „Ich möchte erst auspacken und ein Bad nehmen.“

David folgte ihr zum Lift. „Ich würde lieber in meiner Suite einen Drink mit dir nehmen. Das ist doch sicher der Sinn dieser Reise? Viel Luxus und ein bisschen Romantik …“

Alicia drückte auf den Fahrstuhlknopf. „Liebling, du weißt genau, dass es gefährlich wäre, wenn wir uns zusammen in einer Suite aufhielten, und es wäre unschicklich.“

„Romantische Wochenenden“, sagte David stirnrunzelnd, „sollten gefährlich und unschicklich sein.“

„Aber nicht bei mir!“ Alicia schaute ihn düster an und stieg in den Lift.

David hielt sie am Handgelenk fest und zog sie zurück. „Alicia, um Himmels willen! Du kannst doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich dich unter diesen Umständen nicht anrühre.“

Alicia erschauerte von Kopf bis Fuß, hatte Angst davor, dass er in dem luxuriösen Foyer eine Szene machen würde. „David, bitte!“

„Nein!“, sagte er leise, aber entschlossen. „Ich lasse dich nicht gehen! Nur wenn ich in deine Suite kommen darf!“

Alicia atmete ruhig ein. Ihr Gesicht war gerötet. Sie war sich wohl bewusst, dass die Leute schauten und lauschten. David wusste genau, dass sie Szenen in der Öffentlichkeit hasste.

„Also gut“, sagte sie seufzend, „komm in einer Stunde auf mein Zimmer.“ Sie nannte ihm ihre Zimmernummer.

Sie machte auf ihren makellosen Charles-Jourdan-Absätzen kehrt, trat wieder in den Lift und fuhr, verärgert über sein Verhalten, in die siebte Etage. Wer hätte gedacht, dass David im Stande war, eine Szene zu machen? Er war sonst immer so sensibel und verständnisvoll gewesen.

Als sie in den kühlen, ruhigen Luxus ihrer Suite trat, warf sie ihren Schlüssel auf die Chaiselongue und ging ins Bad, um die Wasserhähne aufzudrehen. Die Toilettenartikel waren wie in einer exklusiven Parfümerie in einem Korb arrangiert. Alicia goss Designerschaumbad in das rauschende Wasser und musterte gleichgültig die teure Seife.

Der Gepäckträger brachte ihren Louis-Vuitton-Koffer. Alicia öffnete ihn, packte ihn aus, legte dann ihre Kleidung ab und begab sich nackt ins Badezimmer.

David würde frühestens in vierzig Minuten kommen. Sie ließ sich in das duftende Wasser sinken, schloss die Augen und dachte darüber nach, warum sie hierhergekommen war.

Diese Unterhaltung mit Lindy über Jean-Marc Brissac hatte sie aufgeregt. Daran gab es keinen Zweifel mehr. Das hatte sie die ganze Woche beschäftigt, und die Worte ihrer jungen Nichte verfolgten sie. Verrückterweise hatte sie David gebeten, mit nach Paris zu fahren, um zu beweisen, dass Lindy sich irrte …

Jedoch wurde ihr schnell klar, dass sie keine Romanze mit David wollte. Doch warum heiratete sie ihn dann überhaupt? Um Kinder zu haben? Ihr war nie zuvor der Gedanke gekommen, dass sie vielleicht gerne Kinder haben würde. Und wenn das so war – wie konnte sie auch nur daran denken, sie mit einem Mann zu haben, mit dem sie nicht zusammen sein wollte?

Sie hatte nie Leidenschaft geheuchelt. Ganz gewiss nicht David gegenüber. Sie hatte in diesem Jahr, das sie zusammen waren, völlig klargestellt, dass sie vor allem Geschäftsfrau in der weiblichsten aller Branchen war – in der Modebranche. David hatte sich dennoch unsterblich in sie verliebt, und seine Herzlichkeit und sein Charme hatten sie schließlich davon überzeugt, dass eine Ehe gut gehen könnte.

Aber ohne Romantik? Ohne körperliche Zuneigung? Alicia runzelte die Stirn, und in diesem Moment läutete die Klingel der Suite. Das konnte doch nicht David sein!

Verärgert stieg Alicia aus der Wanne, tappte nackt zur Tür, nahm den Bademantel und streifte ihn über. Er war viel zu groß für sie.

Als sie die Tür aufriss, blitzten ihre Augen. „David, wenn du glaubst …“ Sie brach beim Anblick des stahlgrauen Augenpaares abrupt ab. Ihr stockte der Atem.

„Ja, ja“, sagte Jean-Marc Brissac lässig, und ein spöttisches Lächeln spielte um seinen Mund, während er sie geradezu unanständig musterte. „Die Schneekönigin ist doch menschlich.“

Er war groß. Mindestens eins neunzig, und die Breite seiner Schultern war beachtlich. Er trug einen makellos geschnittenen schwarzen Anzug. Sein Blick ließ ihr Herz schneller schlagen, und sie errötete.

„Sie sehen déshabillée aus, chérie!“ Er lächelte träge. „Erwarten Sie jemanden?“

Alicia versuchte, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen, doch er hinderte sie erfolgreich daran, indem er eine starke Hand dagegenstemmte.

„Ihren jungenhaften Verlobten vielleicht?“, sagte er gedehnt. „Ich hörte, wie Sie ihm im Foyer Anweisungen gaben. Er wirkte sehr zuvorkommend. Tut er immer, was ihm gesagt wird?“ Sein Blick wanderte frech zum Kragen ihres Bademantels, als er spöttisch hinzufügte: „Oder ist er vielleicht Ihr Angestellter – und nicht Ihr Liebhaber?“

Sie konnte kaum atmen, war sich ihres ungepflegten Aussehens bewusst und ihrer Verwundbarkeit. Vor allem aber merkte sie, dass dieser Mann eine so große Feindseligkeit in ihr weckte, wie sie sie nie zuvor empfunden hatte.

„Lassen Sie die Tür los!“, fauchte sie. „Oder ich rufe den Sicherheitsdienst!“

„Das ist nicht nötig“, sagte er leise. „Ich wollte wissen, wie Sie ohne Ihre Rüstung aussehen.“

Er trat in dem Augenblick von der Tür zurück, als Alicia sie zuschlug. Sie stand mit pochendem Herzen da und zitterte.

Seine Beleidigungen hallten in ihren Ohren. Sie bemühte sich, zusammenhängend zu denken, erinnerte sich daran, dass er rücksichtslos und berechnend war und keinen Trick auslassen würde, um zu bekommen, was er wollte.

Heftig atmend ging Alicia in ihr Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Offensichtlich hatte sich Jean-Marc Brissac durch ihr Verhalten auf der Gartenparty gekränkt gefühlt.

Sie starrte auf ihre Hände. Sie zitterten noch immer.

Alicia zog ein schlichtes schwarzes Kostüm an, um absichtlich so kühl-elegant wie möglich zu wirken. Wenn David in der Absicht zu ihr kam, sie zu verführen, war ein reserviertes aristokratisches Äußeres ihre beste Abwehrmöglichkeit. Sie steckte ihr glänzendes Haar zu einem strengen Chignon zusammen, legte roten Lippenstift auf, zog die Ränder ihrer großen, dunklen Augen mit Schwarz nach und steckte Perlenohrringe an.

Als es um zehn nach drei klingelte, war sie fertig und schritt makellos gekleidet auf hohen Absätzen zur Tür.

Jean-Marc Brissac.

Ihre Augen weiteten sich entsetzt, und sie versuchte, die Tür zuzuschlagen. Doch er stieß sie auf, trat mit einem spöttischen Lächeln ein und lehnte sich an die Tür.

Wellen wütender Panik stiegen in ihr auf. Sie starrte ihn an und konnte kaum atmen.

„Ihr Verlobter ist unten in der Bar“, sagte Jean-Marc Brissac leise, während er sie unter gesenkten Lidern anschaute. „Ich habe ihm Ihre Nachricht überbracht.“

„Welche Nachricht?“, fragte sie beunruhigt.

„Dass es ein geschäftliches Problem gegeben hat“, erwiderte er mit vor Ironie triefender Stimme. „Und Sie deshalb bis vier verhindert sind.“

Ihre Augen blitzten. „Das haben Sie ihm gesagt?“

„Natürlich war er überrascht“, murmelte er, ohne zu lächeln, „aber er verstand es und führte ein höfliches Gespräch über Finanzen mit mir. Ich hab’ ihm einen Drink spendiert und ihn an der Bar gelassen.“

„Ich glaube Ihnen nicht!“, sagte sie mit schmalen Lippen.

„Aber gewiss doch“, sagte er und hob arrogant die Brauen. „Darum sind Sie so wütend.“ Er lächelte, richtete sich plötzlich auf und trat näher zu ihr. „Und so ängstlich.“

„Ich habe keine Angst“, leugnete sie hitzig. Sie wich vor ihm zurück. Ihre Panik ließ ihren Atem unregelmäßig gehen. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

„Er ist ein bezaubernder Junge“, bemerkte Jean-Marc Brissac, während sein Blick kühl über ihren Körper wanderte. „Aber Ihnen ist er nicht gewachsen, nicht wahr, Alicia?“

Sie hob den Kopf. „Meine Beziehung zu David geht Sie nichts an.“

„Ihn offensichtlich auch nicht“, erwiderte er gelassen. Er steckte eine Hand in die Tasche seiner wundervoll geschnittenen schwarzen Hose. Sein Jackett öffnete sich, und Alicias Blick wanderte hilflos zu seiner mächtigen Männerbrust unter der eng sitzenden schwarzen Weste. „Noch nie zuvor hat mich ein Paar so amüsiert. Sie schritten mit diesem Jungen ins Hotel, bezahlten die Zimmer, gaben ihm seine Anweisungen und entließen ihn dann.“

„Wie können Sie es wagen?“, platzte sie heraus und wusste plötzlich, dass sie ihm in sein hartes, arrogantes Gesicht schlagen wollte, weil das, was er gesagt hatte, für sie unannehmbar und doch gleichzeitig so schrecklich wahr war.

„Wie lange sind Sie mit ihm verlobt?“, fragte er.

„Sechs Monate!“, schnappte sie hitzig. „Aber das …“

„Eine schöne Frau wie Sie?“, fiel er ihr ins Wort. „Was Besseres konnten Sie nicht bekommen?“

„Mein Gott“, keuchte sie vor Wut. „Sie unverschämter Kerl! Wie können Sie es wagen, herzukommen und mir Lektionen über mein Privatleben zu erteilen?“

„Vielleicht glaube ich, dass es höchste Zeit ist, dass das jemand tut“, sagte er leise, während sein Blick über ihre schlanken Hüften hinab zu den langen, schlanken Beinen wanderte. „Vielleicht glaube ich, dass es Zeit ist, dass jemand Sie lehrt, wie Liebe zwischen Mann und Frau sein soll.“

Hitze durchschoss sie wie eine Flutwelle und zerstörte ihre vornehme Zurückhaltung. Ihr Herz hämmerte, als sie ihn auf diese intensive weibliche Reaktion kühl lächeln sah.

„Sicher“, sagte er, während er sich auf sie zubewegte, „wird Ihr gehorsamer Freund Sie das nicht lehren.“

Sie machte einen Schritt zurück, stieß aber dabei gegen die blassgrüne Couch und war so gezwungen, stehen zu bleiben. Doch ihr Herz hämmerte, und sie war aufs Äußerste beunruhigt.

„Einen Schritt näher“, flüsterte sie, „und ich schreie!“

Er trat mit überheblichem Blick näher und lächelte. Spott glitzerte in seinen Augen, als er das Chaos beurteilte, das er in ihr angerichtet hatte. Er lachte sardonisch. „Machen Sie keine leeren Drohungen, Alicia.“ Seine starken Hände glitten langsam um ihre schmale Hüfte.

„Nehmen Sie Ihre Hände weg!“, keuchte sie.

„Männer und Frauen sind unterschiedliche Geschöpfe“, sagte er träge. „Der Mann ist der Jäger. Die Frau die Beute. Alles andere geht einfach nicht, chérie. Denken Sie um.“

„Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert“, sagte sie heiser, bemüht, etwas Würde zu wahren, „nicht unter den Neandertalern.“

„Manche Dinge“, sagte er spottend, „ändern sich nie.“ Er zog sie an seinen festen Körper, bis sie jeden Zoll von ihm spüren konnte. Ihr Puls schlug so schnell, dass es ihr die Sprache verschlug. Sie spürte, wie ihr Blut raste.

Er schaute sie unbarmherzig an. Sie begann sich endlich zu wehren. Die Furcht brachte sie dazu, ihre Zurückhaltung aufzugeben. Sie keuchte. Ihr Gesicht war scharlachrot, und ihre dunklen Augen waren vor Angst weit aufgerissen.

Er presste ihren sich wehrenden Körper auf die Couch, ließ sich nicht abschütteln. Sein Gesicht war hart, als er seinen kraftvollen Leib auf sie presste. Panik hämmerte in ihren Adern, während sie sich unter ihm wand. Ihr entrang sich ein heiseres Stöhnen. Doch er hielt sie fest, seinen Blick auf ihren zitternden Mund gerichtet.

„Bitte …“, flüsterte sie zitternd. Aus diesem Blickwinkel sah er anders aus. Schwarzes Haar fiel in seine gebräunte Stirn, und sein Gesicht strahlte eine so wilde Sexualität aus, dass ihr ganzer Leib darauf mit Beben reagierte.

Als er seinen festen Mund auf sie presste, wehrte Alicia sich wieder. Doch er behauptete seine Überlegenheit, indem er ihre Handgelenke fest neben sich drückte. Ihre Brüste hoben und senkten sich in wilder Panik, als die Gefühle sie durchdrangen, Gefühle, die sie nie zuvor erlebt hatte, als er sie zwang, seinen brutalen, wilden Kuss hinzunehmen.

„Wehr dich nicht mehr!“, sagte er heftig über ihren Mund gebeugt. „Oder ich verliere die Beherrschung.“

Bei dieser Drohung hielt sie den Atem an, spürte, dass ihr Kampfwille erlosch. Ihr Mund öffnete sich hilflos unter seinem Druck, und er beherrschte sie völlig.

Sie dachte an nichts mehr, war außerstande, ihn zu bremsen, und schloss die Augen. Ihr Mund brannte unter seinen Küssen, und ihr Herz hämmerte, als sie den Druck seiner festen Schenkel auf sich spürte und den der mächtigen Brust, die auf ihren Busen drückte.

Als er mit starker Hand langsam ihre Brust umfasste, stöhnte sie heiser, hilfloser denn je, spürte dann, wie sein Mund sich langsam von ihr löste. Für eine Sekunde musterte er sie mit zusammengekniffenen Augen, streichelte ihren Busen und schaute sie an, während sie hilflos in sein hartes Gesicht starrte. Unter den Berührungen seiner langen Finger pochte ihr Herz wie eine Trommel, und sie war in dem Wirbel der Erregung verloren, den er in ihr weckte.

Plötzlich glitt sein Mund über ihre Kehle. Sie spürte, wie er mit starken Händen langsam und geschickt das Oberteil ihres Kostüms aufknöpfte, das eng sitzende, elegante Jackett beiseite streifte. In unbewusster Ergebenheit bewegten sich ihre Hände zu seinen breiten Schultern, dann zu seinem Hals und in sein schwarzes Haar.

Er streichelte ihren entblößten Bauch leicht mit seinen Fingern. Alles begann sich um sie zu drehen, während sie hilflos unter ihm keuchte, spürte, wie diese Finger sich zu ihrem Busen bewegten, ihn durch den schwarzen Spitzen-BH liebkosten, der an ihr jetzt so erregend, so erotisch, so feminin wirkte …

Das Klopfen an der Tür erschreckte Alicia nicht. Sie hatte keinen Bezug zur Wirklichkeit mehr, war von einer Welle primitiver Reaktionen auf seine brutale männliche Kraft verschlungen, doch als er seinen dunklen Kopf hob, war sie schockiert, fühlte sich betrogen und riss ihre dunklen Augen weit auf.

In der darauf folgenden Stille musterte er ihr vor Leidenschaft glühendes Gesicht, den roten Mund und das Dunkel ihrer Augen. Natürlich begriff sie nicht, warum er aufgehört hatte, und starrte ihn nur hilflos an, erzitternd in ihrem Hunger.

Es klopfte wieder.

„Dein Verlobter, denke ich“, sagte Jean-Marc mit ironischem Lächeln. „Will sehen, ob du jetzt Zeit für ihn hast.“

Alicia starrte ihn entsetzt an, versuchte krampfhaft zu denken, als der Nebel des Verlangens schwand und die Wirklichkeit ein Loch in den Vorhang riss. Sie stieß einen heiseren Schrei aus, richtete sich auf und nestelte an ihrer Jacke, um sie zuzuknöpfen.

Jean-Marc beobachtete sie mit einem sardonischen Grinsen. „Anstand! Ein bisschen spät für meinen Geschmack, meinst du nicht?“

Sie warf ihm einen hasserfüllten Blick zu. „Das haben Sie absichtlich getan … Sie sind gekommen, um meine Verlobung mit David kaputtzumachen!“

„Ich denke, das hieße, die Dinge etwas zu weit zu treiben, Alicia“, sagte er gleichmütig. „Ich glaube auch, dass das eine Spur unangebrachter Feindseligkeiten zeigt. Du bist wütend, weil du den Kampf verloren hast. Mach dir deshalb keinen Vorwurf.“

„Wem denn sonst?“, zischte sie. Sie stand auf und versuchte mit zitternden Händen, ihren Chignon in Ordnung zu bringen. „Sie zerstören das wenige Vertrauen, das David in mich setzt!“

„Sie? Warum plötzlich so förmlich? Wenn deine Verlobung gefährdet ist, Alicia“, sagte er kühl, „dann deshalb, weil zwischen dir und diesem Jungen etwas nicht stimmt. Meine Anwesenheit hier wird sie weder retten noch zerstören.“

Es klopfte wieder. „Alicia?“, war Davids Stimme vom Korridor zu hören.

Sie erstarrte, schaute Jean-Marc entsetzt an. „Was soll ich tun?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er ruhig und rekelte sich auf dem Sofa. Seine rote Seidenkrawatte war gelöst, sein schwarzes Haar durch ihre Liebkosung zerzaust. Lippenstift zierte seine gebräunte Wange. „Was willst du tun?“

„Seien Sie … sei nicht so gefühllos!“, sagte sie heiser. „Er ist mein Verlobter, und ich liebe ihn! Wie kann ich ihn reinlassen, wo du hier bist … und so daliegst?“ Ihr wurde bewusst, was geschehen war, und sie bedeckte mit zitternden Händen ihr Gesicht.

Das Geräusch sich entfernender Schritte nahm ihr die Entscheidung ab. Sie lauschte und nahm langsam die Hände vom Gesicht. Dann blickte sie bitter auf Jean-Marc Brissac hinab.

„Raus!“, sagte sie, und ihre Stimme war heiser vor Erregung. Ihre dunklen Augen funkelten, und ihre Beine zitterten. In nur wenigen Minuten hatte dieser Mann sie in jeder Hinsicht so aus dem Gleichgewicht gebracht, dass sie sich fast nackt fühlte.

Er lächelte, schwang seine langen Beine von der Chaiselongue und stand auf. Dabei spielten seine Muskeln derart, dass ihr Mund trocken wurde.

„Wie du willst“, sagte er langsam. Seine grauen Augen blickten spöttisch, während er aufgerichtet vor ihr stand. „Aber danke für diese interessante Enthüllung. Hinter diesem kalten, aristokratischen Äußeren steckt doch eine richtige Frau. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, um deine beachtliche Gegenwehr ganz zu brechen. Leider habe auch ich eine Verabredung.“ Er strich mit einem langen Finger über ihren zitternden Mund. „Vielleicht ein anderes Mal?“

„Raus!“, fauchte sie zitternd, worauf er kühl zur Tür schritt und sie mit leisem Klicken hinter sich schloss, was seine maskuline Überlegenheit noch betonte.

Erst als er gegangen war, merkte sie, dass ihre Beine so sehr zitterten, dass sie nicht mehr stehen konnte. Sie wankte in ihr Schlafzimmer, sank auf das Bett und starrte ihre Hände an, entsetzt über das scheinbar nicht zu stoppende Zittern.

David würde in der Bar auf sie warten. Sie konnte nicht ewig hier sitzen und Jean-Marc Brissac verfluchen. Er hatte ihren Schutzmantel aufgerissen, und sie erinnerte sich ihrer hilflosen Leidenschaft in seinen Armen mit bitterer Selbstverachtung.

Doch daran durfte sie jetzt nicht denken! Sie zwang sich aufzustehen, setzte sich an die Frisierkommode und richtete ihr Make-up.

Minuten später schritt sie in die Bar, ein Bild aristokratischer Eleganz. Ihr schwarzes Haar war wieder streng zusammengesteckt, und sie zog in ihrem schwarzen Kostüm die bewundernden Blicke der Männer auf sich, während sie nach David schaute.

„Liebling!“ Er sprang auf, als er sie sah, begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange und rückte ihren Sessel zurecht. „Was soll ich für dich bestellen? Der Barkeeper, Michael, sagte mir, sein Champagne fraise sei der Beste in Paris!“

Alicia lächelte, während sie sich in dem bequemen Sessel zurücklehnte. „Klingt gut. Unser erster Tag in Paris …“

„Ja, was machen wir heute Nachmittag?“ Er schaute auf seine Uhr. „Es ist fast vier. Ich denke, eine Kutschfahrt wäre sehr romantisch. Und es ist sehr sonnig.“

„Warum nicht?“ Sie war jetzt begierig darauf, ebenso romantisch wie David zu empfinden, sich als Verlobte und besonders als Frau zu fühlen. „Und dabei können wir miteinander reden, ja? Wir müssen mehr miteinander reden, David.“ Irgendwie fand ihre Hand den Weg zu seiner und drückte sie liebevoll. „Du hast recht. Unsere Romanze ist zu lange zu kurz gekommen.“

Er starrte sie erstaunt an, lächelte dann und sagte: „Liebling, ich kann dir gar nicht sagen, wie überglücklich ich bin, dass du das gesagt hast! Es war …“

„Guten Tag“, sagte eine schrecklich vertraute Stimme hinter ihnen. „Ich störe doch wohl nicht, oder?“

Als Alicia ihren Kopf drehte, starrte sie entsetzt in Jean-Marc Brissacs markantes Gesicht. Sie spürte ihr Herz sacken, als sei es in einem Liftschacht, und ihre Knie begannen augenblicklich zu zittern.

„Überhaupt nicht“, sagte David freundlich. „Wir nehmen nur einen Drink, bevor wir ausgehen. Möchten Sie auch etwas?“

„Danke.“ Ein sardonisches Lächeln spielte um seinen Mund, während er Alicia anschaute. „Einen Whisky on the Rocks.“

Als er sich neben Alicia setzte, lächelte er. Spott stand in seinen Augen, und sie mied seinen Blick, hasste ihn mit der übermächtigsten Wut, die sie je in ihrem Leben empfunden hatte. Wie konnte er es wagen, so zu stören? Er wusste sehr wohl, dass er sich in ein Privatgespräch einmischte.

„Interessant, dass wir uns so schnell wieder begegnen“, sagte Jean-Marc kühl.

„Ja, nicht wahr?“ David winkte den Barkeeper heran und bestellte. „Wann war diese Party doch noch, Alicia?“

„Letztes Wochenende“, sagte sie steif.

„Ich genieße meine Beteiligungen an der Modewelt.“ Brissac schaute Alicia kurz an und fügte leise hinzu: „Ich habe meinen Finger gern am Puls – besonders, wenn er schneller zu pochen beginnt.“

Sie schaute beiseite und errötete.

„Natürlich“, sagte Brissac, „ist es eine Branche wie andere auch. Da steckt eine Menge Geld drin. Aber für mich bedeutet sie Maßlosigkeit. Mehrere Millionen schwere Unternehmen und schöne Frauen.“ Er lächelte wieder, während er Alicia kühl musterte. „Und Ihre Verlobte ist zweifellos eine der schönsten. Ich habe ihre Arbeit gesehen. Leidenschaftlich und sehr feminin.“

Alicia starrte auf ihr Glas Champagne fraise.

„Das ist überraschend“, fügte er leise hinzu, „wenn man ihre kühle Fassade sieht.“

„Sie kennen Alicia eben nicht“, versicherte David ihm freundlich. „Sie konzentriert ihre ganze Energie auf ihre Arbeit – nicht wahr, Liebling?“

Sie hätte ihn dafür umbringen können, dass er das gesagt hatte, und ihre dunklen Augen blitzten ihn kurz warnend an. Doch bei seinem überraschten, verletzten Blick fühlte sie sich noch elender.

„Ach, wirklich?“ Jean-Marc Brissac musterte ihren gesenkten Kopf mit sardonischer Belustigung. „Sie haben nicht das Gefühl, das auf einem anderen Gebiet ausgleichen zu müssen, Mademoiselle Alicia?“

Sie schaute ihn voller Abscheu an. „Ich finde schon, dass ich etwas unternehmen sollte.“

„Ganz Ihrer Meinung“, sagte er ruhig, „und ich habe die perfekte Lösung dafür.“ Er zog eine Visitenkarte aus seiner mit schwarzer Seide gefütterten Jacke. „Ein Freund von mir gibt heute Abend eine Party. Es ist ein Privathaus am Bois de Boulogne. Hier ist die Adresse.“ Er legte die Karte auf den Marmortisch und schob sie ihr mit einem Finger zu. „Es würde mich freuen, wenn Sie beide kämen.“

Sie starrte die Karte an, als sei sie eine Giftschlange.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen!“ David griff nach der Karte. „Beeindruckende Adresse! Es wäre uns eine Ehre – nicht wahr, Liebling?“

Ihr entsetzter Gesichtsausdruck amüsierte Brissac. Sie versuchte, ihre aufgewühlten Gefühle nicht zu verraten, und sagte fast bettelnd: „David …“

„Also, dann um neun?“, unterbrach Brissac sie kühl.

„Ja, wir werden da sein“, sagte David, wobei er Alicia stirnrunzelnd ansah. „Obwohl wir nicht lange bleiben werden. Wir sind schließlich hier, um ein romantisches Wochenende zu erleben.“

Daraufhin brannten ihre Wangen wie Feuer.

„Ein romantisches Wochenende?“, wiederholte Brissac. Er hob die Brauen. „Rosen, Mondschein und ein pochendes Herz!“

„Genau das!“, lachte David.

„Nun, wir in Frankreich billigen Liebe und Liebhaber“, sagte Brissac. Eine kaum merkliche Drohung zeigte sich in seinen Augen. „Und wenn Sie zu dieser Party kommen, Mademoiselle, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Ihr Herz sehr schnell schlägt!“

David, der an seinem Drink nippte, hörte das nicht, und Alicia starrte Brissac wutentbrannt an.

Brissac stand auf und ließ seinen Whisky unberührt stehen. „Dann bis heute Abend. Au revoir et à tout à l’heure.“ Mit trägen, arroganten Schritten verließ er die Bar.

„Warum hast du die Einladung angenommen?“, fragte Alicia erstickt. Ihre Gefühle waren ein Chaos. „Warum?“

3. KAPITEL

David war wirklich verletzt, und Alicia wurde von Schuldgefühlen verzehrt. Er wusste nichts von der Qual, die Jean-Marc Brissac ihr bereitet hatte, nichts von ihrem Hass auf ihn. Es war ein Hass, der außer Kontrolle zu geraten drohte, wenn sie nur an sein arrogantes, spöttisches Gesicht dachte.

Sie machten ihre Kutschfahrt an diesem sonnigen Nachmittag. Paris war idyllisch, voller schöner Frauen in luftigen Sommerkleidern. Die Seine war gesäumt von Bäumen, die sich in blau-golden Sprenkeln auf dem Wasser spiegelten. David hielt Alicias Hand, als sie im Wagen saßen, vor dem die Pferde schritten.

„Mir war wirklich nicht klar, dass du ihn so verabscheust“, sagte er. „Hätte ich das gewusst, hätte ich höflich abgelehnt.“

Alicia seufzte und schaute ihn besorgt an. „Ich weiß. Und es tut mir leid, dass ich so reagiert habe. Es war nur, dass ich einfach nicht sagen konnte … nicht vor ihm.“

Er lachte. „Aber du bist doch sonst so überlegen. Warum bist du höflich geblieben?“

„Weil er das Lindy angetan hat!“, erklärte Alicia hitzig, bemüht, ihre eigene Lüge zu glauben. „Ich glaubte es sofort, als sie es mir erzählte – und jetzt, wo ich ihn kennengelernt habe, glaube ich es noch mehr.“

„Nun hör aber auf!“, sagte David mit seiner gewohnten Direktheit. „Dieser Geschichte von Lindy zufolge war das ganz einfach eine Verliebtheit, die in Tränen endete.“

„Sie ist sehr verletzt worden“, protestierte Alicia.

„Sie wird’s überstehen.“ Er seufzte und schüttelte seinen blonden Kopf, während die Kutsche langsam auf den Hof des Louvre rollte. „Liebling, lass uns doch einfach Brissac vergessen und Paris genießen. Schau dir das nur an … es ist so wundervoll.“

„Müssen wir denn dann auf diese Party gehen?“

„Wir können nicht einfach wegbleiben.“ Er hob seine Brauen. „Das wäre eine Beleidigung. Ob Jean-Marc Brissac nun ein absoluter Fiesling ist oder nicht, was Frauen anbelangt, sicher ist er ein sehr mächtiger Mann. Du darfst ihn dir nicht zum Feind machen.“

„Das ist mir völlig egal!“, platzte Alicia wütend heraus.

„Aber keineswegs“, sagte David stirnrunzelnd. „Liebling, das ist so untypisch für dich. Du legst sonst Wert darauf, Privates und Geschäft nicht miteinander zu verbinden. Brissac könnte dir sehr schaden. Er braucht nur einen Finger zu heben. Kränke den Mann nicht. Riskiere es nicht, vernichtet zu werden, nur weil deine Nichte verletzt worden ist.“

Alicia war plötzlich beunruhigt, weil sie wusste, dass er recht hatte. Das war untypisch für sie. Jean-Marc Brissacs rücksichtsloses Geschick als Liebhaber hatte sie völlig aus dem Gleichgewicht geworfen. Selbstverständlich glaubte sie jetzt jedes Wort von Lindys Geschichte. Der bloße Gedanke daran, was er ihrer armen, unschuldigen Nichte angetan hatte, machte sie wütend. Und da sie wusste, was er gerade mit ihr gemacht hatte … am liebsten wäre sie geplatzt.

„Also gut“, sagte sie ruhig und bemühte sich um Beherrschung. „Wir gehen zu der Party.“

„So gefällst du mir!“, lächelte David, zog sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund. „Wir gehen hin, gehen nach einer Stunde und sehen ihn nie wieder.“

Den Rest des Nachmittags verbrachten sie mit Einkäufen. Alicia konnte ihre Wut auf Brissac und den erschütternden Zwischenfall in ihrem Hotelzimmer allmählich vergessen. Sie kaufte eine wunderschöne Porzellanpuppe für Lindy, achtete darauf, dass sie nicht zu kindlich war. Doch auf dem Rückweg zum Ritz wusste sie, dass sie das falsche Geschenk gekauft hatte.

„Ich werde das Lindy nicht geben“, sagte sie ruhig zu David, als sie Hand in Hand an Cartier vorbeischlenderten.

„Warum nicht?“ Er nahm das Päckchen und betrachtete die hübsche schwarzhaarige Porzellanpuppe. „Sie ist umwerfend. Und du bringst ihr immer Geschenke von deinen Reisen mit.“

„Ja …“ Schmerz spiegelte sich in Alicias Augen wider. „Aber sie hat mir gesagt, ich solle sie nicht mehr Baby nennen. Ich glaube nicht, dass eine Puppe …“

„Hat sie das gesagt?“ David nickte und küsste sie auf die Wange. „Sie ist jetzt siebzehn, Liebling. Und sie ist nicht deine Tochter. Nur deine Nichte.“

Alicia senkte ihre Lider und wechselte das Thema, spürte aber ein tiefes Gefühl von Verlust bei dem Gedanken, Lindy nicht mehr verwöhnen zu können. Eine Tür war geschlossen worden, die vielleicht nie wieder geöffnet werden konnte, und so erkannte sie, wie sehr sie Lindy gebraucht hatte.

Als sie das Hotel betraten, machte ihr Herz einen Satz beim Anblick von Jean-Marc Brissac, der im Foyer stand und sich mit einer bildschönen Blondine unterhielt. Sein Blick war auf ihre Lippen gerichtet, während sie einen Schmollmund machte und lachte und ihn anhimmelte.

Eifersucht durchfuhr Alicia. Als er sich zu ihr umdrehte und sie anschaute, warf sie ihm einen verächtlichen Blick zu und ging erhobenen Hauptes an ihm vorbei.

Im Lift drückte sie den Knopf und sagte kurz: „Er ist wirklich der Letzte der Großen Französischen Liebhaber, nicht wahr? Hast du gesehen, wie die Frau sich an ihn geworfen hat?“

David lachte. „Ja! Glückspilz! Entschuldige – aber er hat doch wirklich alles. Geld, Macht, gutes Aussehen und Sex-Appeal in tödlichen Dosen! Wer hat ihn eigentlich so genannt? War das nicht die Zeitschrift Life? Vor etwa zehn Jahren?“

„Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal!“, schnappte Alicia, deren Puls wieder wütend hämmerte. „Ich will nur diese Party hinter mich bringen und möchte dieses arrogante Gesicht nie wieder sehen.“

Später, als sie sich anzog, betete sie, dass es wirklich so einfach sein würde.

...

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