Julia Collection Band 228

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Drei Freunde fürs Leben

Gio, Marios und Rafael kennen sich seit der Schulzeit. Damals schworen sie sich ewige Freundschaft. Doch das Schicksal stellt die Männer, deren Lebensgeschichten unterschiedlicher nicht sein könnten, und vor allem ihre Gefühle auf eine harte Probe …

Miniserie von PENNY ROBERTS

DAS SINNLICHE SPIEL DES ITALIENISCHEN MILLIONÄRS

Gio Giordanos dreißigster Geburtstag steht bevor und seine Freunde wollen, dass der Selfmade-Millionär angemessen feiert! Da kommt die Event-Planerin Luna Vecchioni wie gerufen. Der stolze Italiener beauftragt die aparte Schönheit mit der Organisation der Party …

STÜRMISCHES BEGEHREN, MÄCHTIGER ALS RACHE

Einst hat Chryssa Marios abserviert, weil er aus armen Verhältnissen stammt. Jetzt bittet sie ihn um finanzielle Hilfe? Der Moment der Rache scheint gekommen: Nur wenn sie ihn auf seine griechische Privatinsel begleitet, will er ihr helfen. Doch dann zieht ein Sturm auf …

SO LEIDENSCHAFTLICH … UND SO GEHEIMNISVOLL

Verwirrt erwacht Rafael. Wo ist er? Wer ist er? Alana Aguilar findet ihn auf ihrem einsamen Grundstück in Andalusien. Ihm fehlt jede Erinnerung. Er weiß nur, dass die Polizei auf keinen Fall verständigt werden darf. Und dass die geheimnisvolle Schönheit tabu ist. Oder?


  • Erscheinungstag 12.09.2026
  • Bandnummer 228
  • ISBN / Artikelnummer 8007260228
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

PENNY ROBERTS

JULIA COLLECTION BAND 228

PENNY ROBERTS

1. KAPITEL

„Was soll das heißen, er ist an keinem Treffen interessiert?“ Gio kniff die Augen zusammen, während er mit der rechten Hand sein Handy so fest umklammerte, dass es drohte, ernsthaften Schaden zu nehmen. „Dannazione a tutto, ich bin nicht irgendwer! Ich bin …“

„Ich weiß, wer Sie sind, Signor“, erklang zum wiederholten Mal die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Bemüht ruhig und sachlich konnte Adriano Vecchionis Sekretärin doch nicht verbergen, dass sie inzwischen genervt von ihm war. „Sie sind Giovanni Giordano und …“

„Signor Vecchionis Geschäftspartner“, fiel Gio ihr ins Wort. „Sein enger Geschäftspartner“, fügte er mit deutlich schärferer Stimme hinzu.

„Es tut mir leid, Signor, aber ich kann da nichts machen. Mein Boss ist derzeit … nicht zu sprechen für Sie. Soll ich vielleicht eine Nachricht …“

Doch ehe sie die Frage zu Ende stellen konnte, beendete Gio mit einem lauten italienischen Fluch das Gespräch und kehrte auf die Terrasse zurück, wo sein alter Freund Marios auf ihn wartete.

Seufzend stützte er sich mit beiden Händen an die Balustrade und ließ den Blick über den Hafen von Sorrent schweifen. Das grünblaue Meer blitzte uns spiegelte die strahlende Sonne. Exklusive Jachten schaukelten zwischen einfachen Fischerbooten im Wasser. Der Hafenrand war gebettet in hübsche pastellfarbene Häuser vor üppig begrünten Hängen und schroffen Felsen.

Auf einem dieser Felsen thronte Gios Villa. Ein Ort der Ruhe, zweifellos. Und damit der genaue Gegensatz zu seinem Geburtsort, wo er noch immer seinen Hauptwohnsitz hatte, genau wie seine Eltern.

Neapel.

Gio gäbe einiges darum, nie wieder dorthin zurückkehren zu müssen. Allein schon die Nähe zu seinen Eltern war ihm ein Dorn im Auge. Dummerweise blieb ihm keine Wahl, denn nicht nur seine Eltern lebten nach wie vor in Neapel, auch die Firma, deren Geschäftsführer er seit Kurzem war, hatte dort ihren Sitz.

Er hatte seine Ferienvilla in Sorrent gekauft, um hier zumindest ab und zu herzukommen und sich zu entspannen. Immerhin lag der Ort nur knapp eine Stunde von Neapel entfernt und war damit eigentlich ideal als Refugium geeignet. Doch er hätte wissen müssen, dass es für so etwas wie Ruhe und Erholung in seinem Leben keinen Platz gab. Die wenigen Male, die er hier gewesen war, hatte er seine Aufenthalte mit geschäftlichen Meetings verbunden. Mit Erholung hatte das nichts zu tun. An diesem Wochenende war allerdings kein Geschäftspartner, sondern sein alter Freund Marios zu Besuch.

Die Nummer zwei des früheren Dreiergespanns war erst vor einigen Wochen nach langer Funkstille wieder in sein Leben geplatzt. Leider konnte von einem entspannen Treffen unter alten Freunden aber nicht die Rede sein. Dazu hatte Gio im Moment einfach zu viele Probleme.

Probleme, für die einzig und allein ein Mann verantwortlich war.

Adriano Vecchioni …

Sobald der erste Zorn verraucht war, tat Gio sein aufbrausendes Verhalten am Handy auch schon wieder leid. Vecchionis Sekretärin war nun wirklich die Letzte, die etwas für ihren unfähigen Boss konnte. Das wusste Gio natürlich, doch was sollte er machen? Er war nun mal Italiener durch und durch – und es brauchte allgemein nicht allzu viel, bis sein Temperament mit ihm durchging. Und bei Vecchionis Unverfrorenheit war das absolut kein Wunder. Was bildete dieser Kerl sich ein? Der Deal war schon so gut wie in trockenen Tüchern gewesen, und nun …

„Ärger?“, erklang Marios’ Stimme hinter ihm.

Gio seufzte. „Ein Geschäftspartner, der plötzlich Probleme macht und nicht mehr für mich zu sprechen ist – obwohl der Deal, den ich mit seinem Vorgänger vorbereitet habe, praktisch schon unterschriftsreif war.“ Mit einem weiteren Seufzen fuhr er sich mit einer Hand durchs kurze schwarze Haar, atmete tief durch und drehte sich schließlich um. „Tut mir leid“, erklärte er, während er zu Marios an den Tisch trat und sich ihm gegenüber hinsetzte. „Ich weiß, ich bin gerade kein guter Gastgeber. Sicher hast du dir unser erstes Treffen nach all den Jahren anders vorgestellt.“

Marios machte eine abwinkende Handbewegung. „Nicht doch“, sagte er und deutete mit demselben verschmitzten Grinsen, das schon früher so typisch für ihn gewesen war, auf den gedeckten Tisch. „Der Wein ist exzellent, die Antipasti sind vorzüglich, die Aussicht könnte nicht atemberaubender sein. Was will ich mehr? Gut, ein bisschen weibliche Gesellschaft … nur zum kurzen Vergnügen, natürlich. Du weißt ja, an mehr bin ich nicht interessiert. Das hat sich bis heute nicht geändert.“

„Damit haben wir etwas gemeinsam“, erwiderte Gio. „Wie sich Menschen auf so etwas wie Beziehungen einlassen können, werde ich nie verstehen.“

Unwillkürlich wanderten seine Gedanken wieder zu seinen Eltern. Sie waren der wichtigste Grund für seine Einstellung zur Ehe.

„Aber ein bisschen Spaß ist schließlich nie verkehrt. Und wo könnte man den besser haben als auf einer Party.“

„Party?“ Gio griff zu seinem Glas und trank einen Schluck Wein. „Was für eine Party?“

„Na, deine Geburtstagsparty!“

„Meine … was?“ Gio verschluckte sich fast.

„Deine Geburtstagsparty.“ Marios sah ihn ungläubig an. „Du wirst doch wohl deinen Dreißigsten gebührend feiern wollen!“

„Ich hasse Geburtstage, besonders meine eigenen, und feiere sie grundsätzlich nie. Auch diesen nicht. Dreißig hin oder her. Außerdem …“

Marios kniff die Augen zusammen. „Außerdem?“ Ein wissender Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. „Du denkst an Rafael.“

Gio nickte. Rafael, der Dritte in ihrem Bunde, war seit einigen Monaten spurlos verschwunden und galt offiziell als vermisst. Das hatte Gio jedoch erst erfahren, als er vor Kurzem zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit Marios telefonierte.

Kaum zu glauben, dass sie früher einmal praktisch unzertrennlich gewesen waren. Die besten Freunde, die sich immer bedingungslos aufeinander verlassen konnten. Dabei stammten sie aus Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Gio selbst, dessen Familie schon immer von der Hand in den Mund gelebt hatte, Marios, der eigentlich aus gutem Hause stammte, dessen Eltern aber alles verloren hatten, und Rafael, dessen Vater einer der größten Gönner der Kingsbrook Academy war.

Als Stipendiaten hatten Gio und Marios es nicht immer leicht gehabt, gab es doch eine Gruppe von Mitschülern, die sie und alle anderen, deren Familien das teure Schulgeld nicht aus eigener Kraft aufbringen konnten, als Schmarotzer betrachteten. Ihre Freundschaft mit Rafael hatte sie mehr als nur einmal vor gemeinen Attacken geschützt. Denn niemand – nicht einmal Marios’ verhasster Cousin Stavros – hatte sich mit ihm anlegen wollen.

Doch nicht jeder hatte so viel Glück gehabt.

Ein Junge – Steve – war aus irgendeinem Grund ganz besonders zur Zielscheibe für Spott und kleine Grausamkeiten geworden. Vielleicht lag es daran, dass er nicht nur einer der Stipendiaten war, sondern außerdem ein wenig schüchtern, unsportlich und linkisch. Anfangs waren es nur kleine Dinge gewesen. Papierbällchen, die während des Unterrichts in seine Richtung geschossen wurden, Kaugummis unter seinem Tisch. Doch es wurde immer schlimmer und schlimmer, und die Lehrer unternahmen nichts und taten einfach so, als würden sie nichts mitbekommen.

Steve hatte einmal versucht, sich an den Vertrauenslehrer zu wenden, doch der hatte das Ganze als dumme Jungenstreiche abgetan und Steve geraten, sich ein dickeres Fell zuzulegen.

Gio, Marios und Rafael hatten ihr Möglichstes getan, um ihm zu helfen, doch sie konnten nicht immer auf ihn aufpassen. Und Stavros und seine Spießgesellen waren unerbittlich gewesen und hatten jede sich bietende Gelegenheit genutzt.

Am Ende war es so schlimm gewesen, dass sich Steve kaum noch aus seinem Zimmer getraut hatte. Und dann, eines Tages, war er einfach fort gewesen. Spurlos verschwunden.

Die eilig zusammengetrommelte Suchmannschaft hatte ihn ebenso wenig finden können wie die Polizei. Es wurden Vermutungen angestellt, dass er dem Leistungsdruck einfach nicht mehr länger hatte standhalten können. Doch daran hatten Gio und seine Freunde nicht eine Sekunde geglaubt.

„Erinnerst du dich noch an unseren Schwur?“, riss Marios ihn aus seinen trüben Gedanken.

„Du denn?“

Erneut wanderten seine Gedanken fast fünfzehn Jahre zurück. Zu jenem heißen Sommertag in Massachusetts, an dem Steve verschwand und sie sich am Ufer des kleinen Sees, der zum Internat gehörte, das Versprechen gaben, immer füreinander da zu sein und sich von nichts und niemandem davon abhalten zu lassen, ihr Leben in vollen Zügen zu genießen.

„Wie es aussieht, musste erst etwas passieren, damit wir uns wieder daran erinnern“, murmelte Gio.

„Glaubst du, Rafael ist etwas zugestoßen? Er ist nicht der Typ, der einfach so abtaucht. Und laut meiner Quellen hätte er dazu auch gar keinen Grund gehabt. Er war sehr erfolgreich, hatte keine dunklen Flecken auf seiner Weste … Stell dir vor, er hat wohl sogar einen Privatermittler engagiert, weil er unbedingt herausfinden wollte, was aus Steve geworden ist. Ich werde das Gefühl nicht los, dass er da in irgendetwas hineingeraten ist. Und ich frage mich, ob er unsere Hilfe gebraucht hätte.“ Marios schüttelte frustriert den Kopf. „Denkst du, wir hätten es verhindern können?“

Auf die erste Frage hatte Gio keine Antwort. Und auf die zweite … „Wir haben uns versprochen, füreinander da zu sein. Immer.“

Marios hob die Hände und lehnte sich zurück. „Du weißt doch, wie das mit solchen Versprechen ist. Wenn man sie gibt, ist man fest entschlossen, sie zu halten, komme, was da wolle. Dann vergeht die Zeit, die Wege trennen sich, man wird älter, verändert sich, jeder lebt sein Leben.“ Er sah Gio ernst an. „Versteh mich nicht falsch, ich mache mir große Sorgen um Rafael, und ich wünschte wirklich, wir könnten irgendetwas unternehmen. Ich spiele mit dem Gedanken, ebenfalls Ermittler zu beauftragen – allerdings nicht, um nach Steve zu suchen, sondern nach Rafael.“

„Glaubst du denn, das bringt etwas?“ Gio war skeptisch. „Wenn er nicht gefunden werden will, dann wird man ihn nicht finden, davon bin ich überzeugt.“

„Aber was, wenn er in Schwierigkeiten steckt. Wenn er … wenn er nicht tot ist, wie gemunkelt wird.“ Marios zuckte mit den Schultern. „Ich fühle mich schlecht, so, als hätte ich ihn im Stich gelassen. Dabei weiß ich, wie unsinnig das ist.“ Er griff zu seinem Glas, trank einen Schluck und fuhr fort: „Wie auch immer … es gibt einen anderen Teil unseres Versprechens, den solltest du endlich mal in Angriff nehmen.“

Gio kniff die Augen zusammen. „Mein Leben genießen? Das tue ich, keine Sorge.“

„Na, komm, das nimmst du dir doch nicht einmal selbst ab. Es sei denn, du bezeichnest Arbeit allen Ernstes als das reinste Vergnügen, und das glaube ich dir nicht, bei dem Ärger, den du zu haben scheinst.“

„Vielleicht solltest du dir das mit der Geburtstagsparty noch einmal überlegen.“

„Kommt nicht infrage“, stellte Gio klar.

„Wirklich nicht?“, fragte Marios mit einem bedeutungsvollen Lächeln. „Also, ich an deiner Stelle …“

„Worauf willst du hinaus? Sag schon!“

„Habe ich es eben richtig verstanden, dass dein Geschäftspartner Vecchioni heißt?“

Gio horchte auf. „Du hast mein Telefonat belauscht?“

„So laut, wie du gesprochen hast, blieb mir gar nichts anderes übrig“, erwiderte Marios gelassen. „Es geht nicht zufällig um Adriano Vecchioni?“

„Doch, genau um den.“

„Wusstest du, dass er eine Tochter hat?“

„Eine Tochter? Kann sein. Das Privatleben meiner Geschäftspartner interessiert mich ehrlich gesagt nicht.“

„Sollte es aber. Zumindest in diesem Fall.“

„Tatsächlich?“

„Allerdings. Sie ist hübsch.“

„Und?“ Gio lachte. „Was das angeht, mangelt es mir nicht an Auswahl.“

„Das mag sein. Aber in diesem Fall …“

„Ja?“

„Nun, wie der Zufall will, habe ich erst vor ein paar Tagen in den sozialen Netzwerken mitbekommen, dass Luna Vecchioni kürzlich eine Party-Agentur gegründet hat. Die läuft, wie es scheint, schlecht, sodass sie jetzt auf allen Kanälen kräftig die Werbetrommel rührt.“ Marios trank seinen Wein aus und stellte das leere Glas auf dem Tisch ab. „Ich kenne zwar keine Details, aber womöglich könnte dir diese Information von Nutzen sein.“

Mit einem Mal begriff Gio. Er beugte sich vor, nahm die Weinflasche aus dem Kühler und schenkte Marios nach. „Du ahnst gar nicht, wie sehr, alter Freund“, sagte er dabei, während in seinem Kopf ein Plan Gestalt annahm. „Und es wird dich sicher freuen zu hören, dass ich mich gerade entschlossen habe, meinen Dreißigsten mit einer rauschenden Party zu feiern …“

Luna hasste Autofahren. Sie hatte die Fahrprüfung mit Ach und Krach beim dritten Anlauf bestanden, und das auch nur, weil sie die Sticheleien ihres Vaters über ihre angebliche Unfähigkeit leid gewesen war. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie sich gern hinters Steuer setzte.

Kein bisschen.

Aber sie konnte sich diese Chance, ihre kleine, gerade einmal etwas mehr als ein halbes Jahr alte Party-Agentur doch noch auf den richtigen Weg zu bringen, einfach nicht entgehen lassen. Weswegen sie sich jetzt nach über einer Stunde Fahrt in dem winzigen Fiat Uno ihrer Freundin Sabrina durch die Straßen von Sorrent kämpfte.

Wobei von Straßen im Grunde gar nicht die Rede sein konnte. Selbst das Wort Gassen erschien ihr beinahe übertrieben, so eng und gewunden, wie die schmalen Sträßchen waren. Mehr als einmal fürchtete sie, jeden Moment den Seitenspiegel an einer Häuserwand abzufahren.

Aber bisher hatte sie Glück gehabt. Doch sie glaubte nicht, dass es noch lange anhielt. Nicht bei der Pechsträhne, die sie nun schon eine Weile durchmachte.

Und wie der Teufel es wollte, hatte sie den Gedanken kaum zu Ende gebracht, als sie auch schon das kreischende Geräusch von Metall über Stein hörte, bei dem ihr unwillkürlich ein Schauer über den Rücken lief.

Maledizione!

Sie biss die Zähne zusammen und fuhr weiter zwischen den Häusern mit den farbenfrohen Fassaden entlang. Als die Gasse endlich etwas breiter wurde, atmete sie erleichtert auf. Jetzt konnte es nicht mehr allzu weit sein. Das Haus ihres potenziellen Kunden lag auf einem der Felsen oberhalb des Hafens.

Langsam kroch der Fiat die steil ansteigende Straße hinauf, vorbei an Olivenbäumen und Kastanien, bis sie eine asphaltierte Zufahrt erreichte, die vor einem schmiedeeisernen Tor endete.

Luna stieg aus und sah sich um, konnte aber nirgends eine Klingel entdecken. Dafür gab es eine Kamera, in die sie jetzt hinaufblickte und verhalten grüßte. Kurz darauf öffneten sich die beiden Türflügel mit einem elektrischen Summen, und sie beeilte sich, wieder hinter dem Steuer Platz zu nehmen.

Sie brauchte zwei Anläufe, um den Motor anzulassen, dann fuhr sie los und atmete scharf ein, als sie hinter der ersten Wegbiegung das Haus erblickte.

Luna konnte sich nicht erinnern, jemals etwas Schöneres gesehen zu haben. Es war tatsächlich direkt in den Hang gebaut und erstreckte sich über drei Stockwerke. In der ersten Etage zog sich eine Terrasse um das gesamte Gebäude, im Erdgeschoss glitzerte ein Pool im Sonnenschein. Die Fassade erstrahlte in einem leuchtenden Kanariengelb, das Geländer der Terrasse, die Fensterrahmen und Türen dagegen waren weiß abgesetzt.

Ein bezaubernder Garten umgab das Haus, in dem es in allen Farben des Regenbogens grünte und blühte. Pinkfarbene Bougainvilleen ergossen sich wie ein Wasserfall über eine Natursteinmauer, und im Schatten eines Zitronenbaums plätscherte ein kleiner Springbrunnen.

Obwohl sie in einer ähnlich luxuriösen Umgebung aufgewachsen war, fühlte sie sich beeindruckt, beinahe ein wenig eingeschüchtert. Wer hier wohnte, hatte Geld. Viel Geld.

Natürlich hat er Geld! Das ist doch der Sinn der Sache, oder nicht? Du brauchst einen lukrativen Auftrag, und den kann dir jemand vom Kaliber eines Giovanni Giordano bieten. Also sei nicht albern, reiß dich zusammen und bring die Sache hinter dich.

Sie stellte ihren Wagen am Ende der Zufahrt neben einem protzigen roten Ferrari ab, atmete tief durch, zog den Schlüssel des Fiats ab und stieg aus. Nervös strich sie ihren hellgrauen Bleistiftrock glatt und überzeugte sich davon, dass ihre Bluse korrekt saß, bevor sie die drei Stufen zur Haustür hinaufstieg.

Sie war froh, dass sie ihr dunkles Haar am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengefasst hatte, denn es war selbst für das hiesige Klima ein brütend heißer Tag, und ihre Stirn und ihr Nacken bedeckte eine dünne Schweißschicht. Was, wie sie sich eingestehen musste, nicht allein an der Hitze lag.

Sie war aufgeregt.

Sehr aufgeregt!

Alles hing davon ab, dass sie diesen Auftrag bekam.

Angefangen hatte es damit, dass sich ein gewisser Marios Samaras mit der Frage an sie gewandt hatte, ob sie noch Kapazitäten für einen größeren Auftrag frei habe. Ein Freund von ihm müsse eine Party in Sorrent ausrichten.

Und ob sie Kapazitäten hatte. Mehr als genug sogar! Das hatte sie natürlich nicht so deutlich gesagt. Ganz gleich, wie schlecht ihr noch junges Unternehmen derzeit lief – unter Wert verkaufen würde sie sich nicht.

Also hatte der Mann ihr die Nummer seines Freundes gegeben. Luna hatte ihn noch am selben Tage angerufen.

Bisher hatte sie lediglich mit Signor Giordanos Assistentin Kontakt gehabt. Sie war sehr freundlich gewesen und hatte diesen Termin mit ihrem Chef zu einem ersten Vorgespräch vereinbart. Was Luna freute, aber leider noch längst nichts heißen musste. Es gab in der Region mehr als ein Dutzend kleiner bis mittelgroßer Event-Agenturen. Vermutlich holte Giovanni Giordano sich nicht nur von ihr ein Angebot ein. Sicher war sie für ihn nur eine von vielen. Was bedeutete, dass ihr Konzept ihn absolut begeistern musste. Sosehr, dass er gar nicht anders konnte, als ihr den Zuschlag zu geben.

Sie straffte die Schultern, hob die Hand und klopfte. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis geöffnet wurde, und dann starrte Luna einen Moment lang einfach nur stumm den Mann an, der vor ihr stand.

Oh, dio mio!

Er war groß, überragte sie um gut anderthalb Köpfe, trug sein dunkles Haar in einem ordentlichen Kurzhaarschnitt und war äußerst gut gebaut. Was sich so genau sagen ließ, weil er lediglich in eine knappe Badehose bekleidet vor ihr stand. Dunkle glatte Haut, die sich über stahlharte Muskeln spannte … Ein Bizeps, für den vermutlich nicht wenige Männer morden würden. Ein Oberkörper, der dazu einlud, den Kopf an ihn zu lehnen und … Himmel, was sich unter der Badehose verbarg, war trotz des Stoffes unzweifelhaft zu erkennen.

Luna spürte, wie eine Hitzewelle durch ihren Körper toste. Ihre Wangen brannten, ihr Herz flatterte.

„… reinkommen, oder planen Sie, vor meiner Haustür Wurzeln zu schlagen?“

Sie blinzelte irritiert – und begriff, dass sie ihn vermutlich schon seit einer ganzen Weile unverwandt angaffte.

Hastig senkte sie den Blick. „Ich … Mein Name ist Luna Vecchioni. Ich … Entschuldigung, aber ich dachte … Haben wir nicht einen Termin?“

„Allerdings“, entgegnete er und trat zur Seite. „Und ich habe meine Zeit nicht gestohlen. Also kommen Sie jetzt herein, oder soll ich mir eine andere Agentur für die Organisation meiner Geburtstagsfeier suchen?“

„Nein, nein, natürlich nicht“, beeilte sie sich zu sagen. „Es ist nur, ich …“

„Ja?“

„Na ja, ich wollte Sie natürlich nicht beim Schwimmen stören …“

Er winkte ab. „Mein Fehler. Ich hatte eine anstrengende Telefonkonferenz und glaubte, anschließend noch ausreichend Zeit für ein paar Bahnen zu haben. Darüber habe ich wohl die Zeit vergessen.“ Er reichte ihr die Hand. „Gio Giordano.“

Sie zögerte kurz, dann ergriff sie die ihr dargebotene, noch leicht nasse Hand. Die Berührung sandte eine weitere Hitzewelle durch ihren Körper. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Signor G…“

„Bitte, Luna …“, unterbrach er sie mit einem auffordernden Nicken. „Sagen Sie Gio zu mir.“

„Gern“, erwiderte sie und bemühte sich, den Blick auf sein Gesicht zu richten und ihn nicht noch einmal tiefer wandern zu lassen. Wobei die Wirkung, die ein Blick in seine Augen hatte, nicht minder verheerend war.

„Folgen Sie mir bitte, Luna.“ Er trat ein Stück zur Seite und gab somit die Tür frei. Luna ging an ihm vorbei und blieb stehen, um auf ihn zu warten, damit er vorgehen konnte.

Der Anblick seines sexy Hinterns in dieser unverschämt knappen Badehose ließ sie um ein Haar verzückt aufstöhnen. Gerade noch rechtzeitig riss sie sich zusammen und ermahnte sich zur Professionalität.

In der Empfangshalle war es angenehm kühl. Der Marmorfußboden glänzte, die Bilder an den hellen Wänden zeigten Landschaftsszenen aus der Umgebung. Zeit, sich näher umzusehen, blieb Luna jedoch nicht, denn Gio legte ein ordentliches Tempo vor, sodass sie die Halle kurz darauf schon wieder durch einen Hinterausgang verließen und auf einer weiträumigen Terrasse standen. Unter einem großen Sonnenschirm stand eine stylishe, aber bequem aussehende Sitzecke.

„Nehmen Sie Platz“, forderte Gio sie auf. Er deutete auf einen Beistelltisch, auf dem eine mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllte Karaffe sowie mehrere Gläser standen. „Eistee?“

„Sehr gern, vielen Dank“, sagte sie leicht befangen. Als sie sich hinsetzte, merkte sie, dass sie sich ein wenig zittrig fühlte. Was sich noch verstärkte, als ihr Blick auf den Pool fiel. Die Vorstellung, dass Gio dort gerade noch seine Bahnen gezogen hatte, erfüllte sie einmal mehr mit einem aufgeregten Kribbeln.

Nimm dich zusammen, Luna, ermahnte sie sich. Was war bloß mit ihr los? Gio Giordano war nun wirklich nicht der erste attraktive Mann, dem sie begegnete, und sie hatte auch zuvor schon Männer in Badehose gesehen. Sie durfte sich jetzt wirklich nicht von ein bisschen nackter Haut und ein paar Muskeln aus dem Konzept bringen lassen!

Zum Glück reichte er ihr in diesem Moment ein Glas Eistee. Dankbar nahm sie es entgegen, setzte es sofort an die Lippen und trank es – wie eine Verdurstende – in einem Zug leer. Gott, wie gut das tat!

Als sie das leere Glas auf dem Tisch abstellte, fiel ihr auf, dass Gio inzwischen auf dem Platz ihr gegenüber saß und sie amüsiert anlächelte.

„Da hatte aber jemand Durst“, kommentierte er leicht spöttisch und deutete auf die Karaffe. „Schenken Sie sich gern nach.“

Sie schüttelte den Kopf. „Danke, nein. Es war nur die Hitze, wissen Sie?“

„Woher stammen Sie?“, erkundigte er sich. „Ich hätte eigentlich gedacht, dass Sie Hitze gewohnt sind.“

„Ich komme aus Neapel und lebe dort auch heute noch.“ Sie lächelte. „Und ja, natürlich, ich bin Hitze gewohnt.“ Nur deine nicht. „Es ist nur …“

„Ja?“

„Die Fahrt war etwas anstrengend. Ich bin nicht unbedingt eine geübte Autofahrerin, und die Straßen hier sind sehr eng. Das hat für den ein oder anderen kleinen Schweißausbruch gesorgt.“

„Das tut mir leid. Ich hoffe, die Schwierigkeiten waren nicht zu groß?“

Sie winkte ab. „Nicht der Rede wert.“

„Ich lebe übrigens auch hauptsächlich in Neapel.“

„Tatsächlich? Welch ein Zufall. Die Party soll aber hier stattfinden?“ Sie war froh, dass sie nun auf das eigentliche Thema zu sprechen kommen konnten. Das würde sie sicherlich auch von diesem komischen Kribbeln in ihrem Körper und von Gios unwiderstehlichem Körper ablenken. Himmel, konnte er sich nicht wenigstens einen Bademantel überziehen? Das grenzte ja fast schon an sexuelle Belästigung!

Er trank selbst einen Schluck Eistee und nickte anschließend. „Ja, ich halte mich gelegentlich geschäftlich hier auf und halte die Villa auch darum für den idealen Ort, um die Party auszurichten, da ich vorhabe, überwiegend Geschäftspartner einzuladen.“

„Und sicher Ihre Frau?“ Luna stockte. Habe ich das eben wirklich gefragt? Das hatte sie doch gar nicht zu interessieren. Doch die Wahrheit war, dass sie bei dem Gedanken daran, Gio könnte verheiratet sein, einen merkwürdigen Stich in der Brust verspürte. War das … Eifersucht?

Unsinn! Du kennst den Mann nicht, und nichts aus seinem Privatleben geht dich etwas an! Konzentrier dich endlich auf deinen Job!

„Wenn ich verheiratet wäre, müsste ich meine Frau kaum einladen“, erwiderte er mit zusammengekniffenen Augen.

„Natürlich nicht.“ Sie zwang sich, ihre viel zu schnelle Atmung unter Kontrolle zu bringen. „Vielleicht Ihre Freundin?“

Schon wieder so eine indiskrete Frage! Himmel, was tat sie hier? Sie war auf diesen Auftrag angewiesen. Ihre Agentur war noch jung und bisher alles andere als gut angelaufen – was sie sicher nicht zuletzt ihrem Vater zu verdanken hatte, der sie um jeden Preis scheitern sehen wollte. Dies hier war ihre Chance, daran etwas zu ändern.

Und ihrem Vater zu beweisen, dass sie nicht auf ihn angewiesen war.

Aber das würde nur funktionieren, wenn sie sich zusammennahm. Nur Fleiß und absolute Professionalität führten ans Ziel. Wenn sie etwas von ihrem Vater gelernt hatte, dann das.

„Ich wüsste zwar nicht, was es Sie anginge, aber da es Sie so brennend zu interessieren scheint: Ich bin Single – und gedenke auch nicht, daran etwas zu ändern.“

Die letzten Worte sprach er mit einer solchen Bestimmtheit aus, dass ihr trotz der Sommerhitze ein kalter Schauer den Rücken hinabrann.

Sie schluckte. „Entschuldigung, ich wollte nicht … Also … Aber Ihre Eltern werden sicher kommen. Und Ihre Geschwister … Haben Sie Geschwister?“

„Das reicht jetzt.“ Gio stellte sein Glas auf dem Tisch ab und stand auf. „Ich danke Ihnen für Ihr Kommen, Luna. Allerdings muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie nicht als Partyplanerin für meine Feier infrage kommen. Ich wünsche Ihnen einen guten Heimweg – fahren Sie vorsichtig.“

Damit drehte er sich um, ging hinüber zum Pool und sprang mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser.

Luna saß wie erstarrt da.

Sie hatte es vergeigt.

2. KAPITEL

Das kühle Nass, in das Gio eintauchte, war nicht imstande, die Hitze aus seinem Körper zu vertreiben.

Eine sengende Hitze, an der nicht allein die Mittagssonne über Sorrent schuld war, sondern vor allem sie.

Luna Vecchioni.

Im Grunde hatte er von Anfang an geahnt, dass die ganze Sache mit der Geburtstagsparty keine gute Idee war. Sicher, was Marios sagte, stimmte: Nachdem Steve damals verschwunden war, hatten die drei Freunde sich geschworen, ihr Leben zu genießen. Und zu dem Zeitpunkt war Gio auch noch fest entschlossen gewesen, seinen Schwur nicht zu brechen.

Ebenso wie er sein Versprechen einhalten wollte, immer für Marios und Rafael da zu sein.

Doch seit damals waren mehr als zehn Jahre vergangen, und es hatte sich schnell gezeigt, dass es nicht so einfach war. Statt an seinem Schwur festzuhalten, hatte er das Gegenteil getan, sein Leben der Arbeit verschrieben und sich so ziemlich jede erdenkliche Lebensfreude untersagt.

Insbesondere seine eigenen Geburtstage waren im ein Greul. Und sein dreißigster bildete da keine Ausnahme.

Doch die verlockende Aussicht, die Partyplanerin zu benutzen, um über sie an ihren Vater zu gelangen, hatte ihn kurzzeitig seine Zweifel und Bedenken vergessen lassen. Es wäre die Gelegenheit, an Adriano Vecchioni heranzukommen, auch wenn es ihm nicht gefiel, zu solch abstrusen und wenig ruhmreichen Mitteln zu greifen.

Doch sosehr er sich auch in den letzten Tagen bemüht hatte – der Mann war einfach nicht zu greifen. Und sein Partner Luigi Morelli nahm schon seit Jahren nicht mehr am Tagesgeschäft teil und hielt sich zudem nur noch selten in Italien auf. Der Versuch, ihn zu erreichen, war ebenfalls gescheitert. So langsam fing Gio wirklich an, sich Sorgen zu machen.

Wenn der Deal – seinetwegen – scheiterte, würde das ein verdammt schlechtes Licht auf ihn als CEO eines global operierenden Unternehmens werfen. Vor allem, da er diese Position erst seit so kurzer Zeit innehatte.

Nein, er musste um jeden Preis mit Vecchioni reden und ihn dazu bringen, Vernunft anzunehmen. Und seine Tochter schien im Augenblick wirklich der einzige Weg zu sein, dieses Ziel zu erreichen.

Doch als Luna vorhin vor ihm gestanden hatte, hatte er gleich geahnt, dass es so einfach nicht werden würde. Die Reaktion seines Körpers auf diese Frau hatte sofort sämtliche Alarmglocken losschrillen lassen.

Keine Frage, sie war sexy. Ausgesprochen sexy. Eher klein, schlank, aber wohlgeformt, soweit sich das unter dem nüchternen Businesskostüm erkennen ließ. Die gebräunten Beine und die schmalen Fesseln waren jedenfalls eine Augenweide. Das dunkle Haar hatte sie am Hinterkopf zusammengefasst, und Gio stellte sich unwillkürlich vor, wie er die Spange löste und mit den Händen durch die üppige weiche Fülle strich. Jedoch nur eine Sekunde lang, ehe er den Gedanken rasch beiseiteschob.

Gio war tagtäglich von attraktiven Frauen umgeben und es gewohnt, sich niemals von weiblichen Reizen ablenken zu lassen. Wenn er eine Frau wollte, nahm er sie sich, und damit war die Sache für ihn erledigt. Keine Emotionen, kein Stress.

Doch genau das war in diesem Fall irgendwie anders. Luna löste Gefühle in ihm aus – und Stress.

Und beides konnte er nicht gebrauchen.

Warum hatte sie unbedingt wissen wollen, ob er gebunden war? Wollte sie etwas von ihm? Wenn ja, dann ganz sicher sein Geld. Wunderte ihn das? Wohl kaum. Er hätte sich von Anfang an denken können, dass sie nicht besser war als ihr Vater.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm …

Die Reaktion seines Körpers auf diese Frau hatte ihm von Anfang an Unbehagen bereitet. Als er sich dann auch noch darüber geärgert hatte, dass sie seine Familie erwähnte, hatte er die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und Luna Vecchioni klargemacht, dass eine Zusammenarbeit mit ihr für ihn nicht infrage käme.

Vor die Tür gesetzt hatte er sie, und während er weiter seine Bahnen zog, erkannte er, dass das ein Fehler gewesen war. Er hatte impulsiv reagiert, ohne nachzudenken. Sein altes Problem, das er in den Griff bekommen wollte. Dass es ihm nicht gelungen war, deutete er als weiteren Beweis dafür, dass diese Frau ihn durcheinanderbrachte.

Aber das müsste er umgehend ändern, denn eins war auch klar: Er brauchte sie. Er brauchte Luna Vecchioni, um mit ihrer Hilfe an ihren Vater heranzukommen.

Und deshalb würde er sie später anrufen und ihr mitteilen, dass er es sich anders überlegt hatte und doch mit ihr zusammenarbeiten wollte.

Aber erst einmal würde er ins Haus gehen, duschen und zusehen, dass er auf andere Gedanken kam. Auf Gedanken, die nichts mit ihr zu tun hatten.

Doch als er aus dem Becken stieg, erkannte er, dass aus diesem Plan nichts wurde.

Denn Luna war noch da.

Der Anblick, wie Gio tropfnass aus dem Pool stieg, war atemberaubend. Dieser unglaublich trainierte und gestählte Körper … die Wassertropfen, die von der glatten, bronzefarbenen Haut perlten … Für einen Moment vergaß Luna alles andere, es war schlicht nicht mehr existent.

Jetzt sah er sie, und nur für den Bruchteil einer Sekunde zeichnete sich Überraschung auf seinem Gesicht ab. Überraschung darüber, dass sie noch hier saß. Doch er hatte sich schnell wieder im Griff. Jetzt hob er die Arme und fuhr sich mit beiden Händen durch das dichte dunkle Haar, präsentierte sich ihr so noch deutlicher. Luna konnte nicht verhindern, dass ihr Blick erneut auf die knappe Badehose fiel. Der Wunsch, das zu sehen, was sich unter dem Stoff verbarg, war beinahe übermächtig, und das irritierte sie über alle Maße. So war sie überhaupt nicht.

Gio griff nach einem Handtuch, das auf einem Liegestuhl am Rand des Pools bereitlag, trocknete sich Haare und Gesicht ab, den Oberkörper und anschließend …

Luna blickte zur Seite. Sie durfte sich auf keinen Fall weiter von diesem Mann und seinem unverschämt guten Aussehen provozieren lassen! Dass sie hier noch saß, lag daran, dass sie den Auftrag unbedingt brauchte. Ihre Existenz hing davon ab! Ihre kleine Agentur, die sie erst vor einigen Monaten zusammen mit einer Freundin gegründet hatte, war von Anfang an nicht gut angelaufen. Immer hatte es Schwierigkeiten gegeben. Das verdankte sie natürlich vor allem ihrem Vater. Adriano Vecchioni wehrte sich vehement dagegen, dass Luna plötzlich auf eigenen Beinen stehen wollte, nachdem sie vierundzwanzig Jahre lang die brave Tochter gewesen war und stets getan hatte, was er von ihr erwartete. Wobei sie sich fragte, wie ihn das überhaupt wundern konnte.

Nach dem, was er von ihr verlangt hatte …

Energisch schüttelte sie den Gedanken ab. Dies war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken. Fakt war, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben ihrem Vater widersetzt hatte. Woraufhin der sie vor die Tür gesetzt und ihr sämtliche Bezüge gestrichen hatte.

Zum Glück verfügte Luna zu dem Zeitpunkt noch über ein paar Ersparnisse und konnte bei ihrer besten Freundin Sabrina unterkommen, mit der sie auch die Agentur gründete. Doch natürlich ließ ihr Vater es sich nicht nehmen, ihr, wo immer es ging, Steine in den Weg zu legen. Mit dem niederschmetternden Ergebnis, dass das Projekt Selbstständigkeit zu scheitern drohte, ehe es richtig angefangen hatte.

Die Party für Gio Giordano war ihre allerletzte Chance. Sie musste diesen Auftrag haben, dann war La Dolce Vita Events für die nächste Zeit gerettet.

Genau aus diesem Grund war sie eben einfach auf ihrem Platz geblieben, als Gio in den Pool gesprungen war. Und genau aus diesem Grund durfte sie sich jetzt auch nicht länger von seinem Körper ablenken lassen.

„Nun?“

Seine Stimme riss sie aus ihren Grübeleien.

Sie blickte auf. „Was nun?“

„Wollten Sie nicht gehen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, eigentlich nicht. Und wenn Sie nicht dumm sind, sollten Sie Ihren Rausschmiss von eben noch einmal in Ruhe überdenken.“

„Dumm?“, wiederholte er und sah sie an, als wäre ihr plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen. „Ich habe mich wohl verhört.“

Luna schluckte. Okay, die Wortwahl war vielleicht nicht ganz optimal gewesen, aber zumindest hatte sie nun sein Interesse geweckt. Die Frage war nur, was sie damit anfangen sollte. Das Gewicht seiner geballten Aufmerksamkeit machte sie ganz kribbelig.

„Nein“, erwiderte sie trotzdem, und zu ihrer eigenen Überraschung klang ihre Stimme fest und entschlossen. „Sie haben sich nicht verhört. Es wäre dumm, mich fortzuschicken, denn ich kann Ihnen genau die Party organisieren, von der Sie bisher noch nicht einmal wussten, dass Sie sie sich wünschen.“

Einen Moment lang sah er sie einfach nur an, dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte schallend. „Ganz schön forsch, das muss ich Ihnen lassen“, sagte er. Als er dann auch noch seinen Blick auf sie richtete, kam sie sich mit einem Mal richtig klein vor. Wie die graue Maus, als die ihr Vater sie immer bezeichnete. „Aber würden Sie mich kennen, dann wüssten Sie, dass ich meine Geburtstage grundsätzlich nie feiere.“

Sie runzelte die Stirn. „Und warum wollen Sie es dann dieses Mal tun?“

Kurz dachte sie, dass sie den Bogen mit dieser Frage endgültig überspannt hatte, doch er neigte lediglich den Kopf zur Seite und sagte: „Interessant, dass Sie das fragen. Um ganz ehrlich zu sein – ich weiß es nicht. Ein guter Freund von mir besteht darauf, dass ein dreißigster Geburtstag etwas Besonders sein sollte.“

„Womit er vollkommen recht hat“, bekräftigte Luna. „Ich verstehe nicht, warum man den Tag seiner Geburt nicht feiern sollte. Und der dreißigste ist schon etwas Besonderes …“

„Finden Sie?“ Er hob eine Braue, nahm ein Handtuch von einer der Sonnenliegen und fing an, sich damit das Haar trocken zu rubbeln.

Sie nickte. „Allerdings. Und es ist eine vernünftige Entscheidung, einen Profi mit der Organisation zu betrauen. Ich meine, Sie sind beruflich sicher stark eingespannt.“

„Und dieser Profi sind Sie?“ Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Lippen.

Himmel, er war so arrogant! Eine Eigenschaft, die sie an Männern normalerweise alles andere als attraktiv fand. Warum nur überlief es sie dann bei ihm immerzu heiß und kalt?

Sie holte tief Luft. „Ich besitze immerhin eine Eventagentur. Sie können also davon ausgehen, dass ich eine Expertin auf dem Gebiet der Planung bin.“

„Soweit ich informiert bin, haben Sie Ihre Agentur erst vor Kurzem gegründet, und sie ist eher schleppend angelaufen. Nicht wirklich das perfekte Aushängeschild, wenn ich das mal so anmerken darf.“

Luna verschränkte die Arme vor der Brust. Es war sowohl ein Schutzmechanismus als auch der Versuch, selbstsicherer zu wirken, als sie es tatsächlich war. „Wenn Sie so gut informiert und von der Qualität meiner Leistungen so wenig überzeugt sind, dann frage ich mich, warum Sie einem Treffen überhaupt zugestimmt haben.“

„Das frage ich mich inzwischen auch“, gab er kühl zurück und ließ das Handtuch achtlos zu Boden fallen. „Aber ich will nicht so sein und Ihnen noch eine Chance geben.“

Luna blinzelte überrascht. „Sie wollen … wirklich?“

„Sie klingen überrascht. Warum wundert mich das nicht besonders? Egal, das ist jetzt auch nicht mehr wichtig. Ich werde meinen dreißigsten Geburtstag feiern, und ich werde Sie mit der Organisation betrauen. Aber da wir ja bereits festgestellt haben, dass ich nicht sicher bin, ob ich Ihnen diese Aufgabe zutraue, erwarte ich, in die Vorbereitungen und Planungen einbezogen zu werden.“

Das verblüffte sie sichtlich. „Wie meinen Sie das jetzt genau?“

Er zuckte mit den Schultern. „So, wie ich es gesagt habe. Ich will wissen, was Sie planen, wo und mit wem. Und wenn es wichtige Entscheidungen zu treffen gilt, dann werde auch ich mit dabei sein. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich mit Ihnen im stillen Kämmerlein die Häppchen kosten will, die Sie auf der Party zu servieren gedenken. Nein, ich will hautnah mit dabei sein. Ich will die Menschen treffen, die Sie beauftragen, und mich persönlich von ihrem Können und der Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen überzeugen.“

„Nein.“ Sie schüttelte vehement den Kopf. „Ich meine, natürlich werde ich Sie über alles, was ich tue, auf dem Laufenden halten, wenn Sie das wünschen. Aber Sie können kaum erwarten, dass ich Sie jedem meiner Zulieferer vorstelle. Ich habe auch noch andere Verpflichtungen und …“

„Ach ja? So wie ich es verstehe, haben Sie genau die eben nicht. Seien wir doch mal ehrlich, Signorina Vecchioni. Sie brauchen mich weitaus mehr als ich Sie brauche. Eventagenturen gibt es wie Sand am Meer. Das Gleiche kann man allerdings nicht von Kunden behaupten, die in der Lage sind, Ihnen Zugang zu einem komplett neuen und sehr lukrativen Klientel zu eröffnen. Oder sehen Sie das etwa anders?“

Was sollte sie sagen – er hatte recht. Sie brauchte ihn. Nicht nur, weil der Auftrag das dringend benötigte Geld in ihre leeren Kassen spülen würde, nein. Viel wichtiger war, dass sich die Qualität ihrer Dienstleistung herumsprach. Hörensagen konnte in ihrer Branche den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg bedeuten.

Und ihre Agentur stand schon jetzt kurz vor dem Aus.

Sie brauchte ihn, und er wusste es.

Seufzend fuhr sie sich mit den Händen durch ihr schweres dunkles Haar. „Also schön, Sie haben gewonnen. Aber ich werde meinen Zeitplan nicht dem Ihren anpassen. Entweder Sie sind dabei, wenn ich es sage – oder eben nicht.“ Sie blickte zu ihm auf, die Schultern gestrafft und das Kinn gereckt. „Sind wir uns einig?“

Er schmunzelte.

Der Mistkerl wusste ganz genau, dass sie nichts tun konnte, um ihren Worten Gewicht zu verleihen. Er hielt alle Fäden in der Hand, und sie musste wie eine Marionette nach seiner Pfeife tanzen. Und das war etwas, dass Luna mehr als alles andere auf der Welt hasste.

„Natürlich“, sagte er. „Und jetzt würde ich gern weiterschwimmen, wenn Sie nichts dagegen haben.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab, trat an den Rand des Pools und tauchte erneut mit einem perfekten Kopfsprung in das türkisblau glitzernde Wasser.

Am nächsten Tag saß Luna in ihrem Büro und starrte auf den Laptop, der aufgeklappt vor ihr stand. Sie hatte die Website von Green Energy International aufgerufen, um sich weitere Informationen über ihren Auftraggeber zu beschaffen. Doch wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie nichts weiter getan, als sein Bild anzusehen.

Gios Bild.

Sie zwang sich, den Blick abzuwenden, und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. Was war nur mit ihr los? Wieso konnte sie nicht aufhören, immerzu an diesen Mann zu denken?

Er war kein besonders netter Mensch, so viel konnte sie bereits über ihn sagen. Es machte ihm Spaß, Katz und Maus mit ihr zu spielen. Er genoss es, am längeren Hebel zu sitzen, sie vollkommen in der Hand zu haben. Und sosehr sie selbst das Gefühl auch verabscheute, ihm derart ausgeliefert zu sein, so hatte es auch etwas … Aufregendes.

Mit einem unterdrückten Fluch schüttelte sie den Kopf. Das passte alles so überhaupt nicht zu ihr. Sie war vierundzwanzig Jahre lang die brave Tochter gewesen, hatte nie über die Stränge geschlagen, keine Skandale verursacht oder ihrem Vater sonst irgendeinen Anlass gegeben, sich über sie zu beklagen. Nicht, dass er es ihr je gedankt hätte, aber das war ein anderes Thema.

Luna mochte nette Männer. Solche, die ihr die Türe aufhielten, ihr den Stuhl zurechtrückten und sich auch ansonsten zu benehmen wussten. Natürlich war sie durchaus in der Lage, sich selbst zu helfen – schließlich war sie eine erwachsene Frau. Aber es gefiel ihr, wenn ein Mann solche Dinge für die Frau tat, die er liebte. Weil er es wollte, nicht weil sie es von ihm verlangte.

Giovanni Giordano war ganz gewiss kein solcher Mann, daran bestand für sie absolut kein Zweifel. Warum also konnte sie nicht aufhören, sein Foto anzustarren, so, als wäre er das siebte Weltwunder?

Frustriert über sich selbst klappte sie den Laptopdeckel mit einem Knall zu, der von den nackten Wänden des halb leeren Büroraums widerhallte, den sie in der Hoffnung gemietet hatte, schon bald mindestens einen, vielleicht sogar zwei Mitarbeiter einstellen zu können.

Ihr Büro lag in einer halbwegs respektablen Gegend von Neapel in einem Hinterhof, der laut Vermieter erst vor ein paar Jahren renoviert worden war, was man dem Objekt aber nicht ansah. Die einzigen Möbel, die bislang zu ihrer Einrichtung gehörten, waren ihr Schreibtisch, zwei Stühle und ein Aktenschrank. Für mehr hatte ihr knappes Budget nicht gereicht. Alles Weitere wollte sie im Laufe der Zeit anschaffen, wenn die Agentur richtig angelaufen war.

Insgeheim hatte Luna davon geträumt, dass sie schon in ein paar Monaten ein oder zwei Angestellte brauchen würde, um die Flut an Aufträgen bewältigen zu können. Doch davon war sie heute weiter entfernt als je zuvor.

Und sie würde es auch bleiben, wenn sie die Geburtstagsfeier von Giovanni Giordano nicht zu einem vollen Erfolg machte.

Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren trüben Gedanken. Sie hatte es mit dem Display nach unten auf den Tisch gelegt, sodass sie nicht sehen konnte, wer anrief. Als sie es jetzt umdrehte, erfassten sie sofort Abwehr und Ernüchterung.

Kein neuer Kunde, der auf wundersame Weise von ihrer Agentur gehört und sie unbedingt engagieren wollte. Natürlich nicht.

„Sì“, meldete sie sich und unterdrückte mit Mühe ein Seufzen. „Was willst du, papà? Ich habe gerade wirklich keine Zeit, um mir eine deiner Predigten anzuhören.“

„Ach nein?“ Adriano Vecchioni schaffte es, zugleich höhnisch und mitleidig zu klingen. „Da sind mir allerdings andere Dinge zu Ohren gekommen. Ich hörte, dass deine Agentur zurzeit keinen einzigen Auftrag hat, mia figlia. Findest du nicht, dass es allmählich an der Zeit ist, wieder vernünftig zu werden?“

Luna nahm einen Bleistift aus dem Stifthalter und fing an, ihn nervös zwischen ihren Fingern kreisen zu lassen. „Wenn du mit vernünftig werden meinst, dass ich einen Mann heiraten soll, den du für mich ausgesucht hast, dann verzichte ich dankend. Ich werde nichts dergleichen tun. Und zu deiner Information: Ich habe sehr wohl einen Auftrag. Einen richtig dicken Fisch, wie du vermutlich sagen würdest.“ Sie tippte mit der Spitze des Stifts auf die Tischplatte. „Sagt dir der Name Giordano zufällig etwas?“

Schweigen.

Luna wusste nicht, womit sie gerechnet hatte. Wahrscheinlich mit einer verletzenden Bemerkung ihres Vaters. Obwohl sie es nicht gern zugab, war er nämlich sehr gut darin, sie genau dort zu treffen, wo es wehtat.

Nicht erwartet jedoch hatte sie das vollständige Ausbleiben einer Reaktion.

„Papà?“ Sie schaute aufs Display ihres Smartphones, um zu checken, ob die Verbindung vielleicht unterbrochen worden war. „Bist du noch dran?“

Am anderen Ende der Leitung war ein Räuspern zu hören. „Sagtest du gerade Giordano? Doch nicht etwa Giovanni Giordano, oder?“

Luna hob eine Braue. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie angenommen, dass sie ihren Vater auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Aber das war völlig unmöglich. Denn Adriano Vecchioni war stets auf alle Eventualitäten vorbereitet. Nichts brachte ihn je wirklich aus dem Konzept.

Umso merkwürdiger war es, wie angespannt er plötzlich klang.

„Doch, genau der“, entgegnete sie vorsichtig. „Du kennst ihn?“

„Wir sind uns nie persönlich begegnet.“

Das war eindeutig ein Ablenkungsversuch. Und das machte sie neugierig. Was hatte ihr Vater mit Giovanni Giordano zu schaffen, das ihn so untypisch reagieren ließ? Doch sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er ihr diese Informationen nicht einfach so auf dem Silbertablett servieren würde.

Sie musste clever vorgehen.

„Ich habe ihn gestern zum ersten Mal getroffen“, erklärte sie. „Und ich war … beeindruckt.“

Prompt schnaubte ihr Vater abfällig. „Du warst schon immer leicht zu blenden. Giordano ist nichts weiter als ein Emporkömmling mit mehr Glück als Verstand. Er mag ein gewisses Gespür fürs Geschäft haben, ansonsten hätte man ihn wohl kaum zum CEO von Green Energy gemacht. Doch der einzige Unterschied zwischen ihm und einer Million anderer Möchtegern-Aufsteiger ist, dass er kein Gewissen besitzt.“

„Damit dürfte er ja ein Mann ganz nach deinem Geschmack sein“, konterte Luna trocken. „Wenn ich mich recht erinnere, sind das doch genau die Eigenschaften, die du besonders schätzt, oder täusche ich mich?“

Statt zu antworten sagte ihr Vater: „Ich kann gerade nicht länger mit dir sprechen, aber diese Unterhaltung ist noch nicht zu Ende. Ich rufe wieder an.“

Mit diesen Worten unterbrach er die Verbindung. Verblüfft starrte Luna ihr Handy an.

Ob die massive Reaktion auf Giovanni Giordano womöglich erblich war? Wie sonst ließ sich erklären, dass sich sowohl sie selbst als auch ihr Vater wegen dieses Mannes absolut uncharakteristisch verhielten?

Sie klappte den Laptop wieder auf. Sofort wurde ihr Blick von dem Porträt angezogen, das in der oberen rechten Ecke des Bildschirms prangte.

„Was hast du nur an dir, dass du eine solche Wirkung auf andere Menschen ausübst?“, fragte sie die Fotografie stirnrunzelnd.

Fest stand, dass sie es vermutlich schneller herausfinden würde, als ihr lieb war.

Gios Assistentin hatte ihr per E-Mail eine Liste seiner Forderungen zukommen lassen. Und es waren Forderungen und keine Wünsche, das wurde aus dem Wortlaut der E-Mail mehr als deutlich. Dafür, dass er eigentlich nicht hatte feiern wollen, wusste Giovanni Giordano sehr genau, wie die Party zu seinem dreißigsten Geburtstag aussehen sollte. Und von ihr erwartete er, dass sie all seine Vorstellungen erfüllte – und zwar bis ins kleinste Detail.

Das war im Grunde kein Problem. Als Kunde hatte er das gute Recht, hohe Erwartungen an sie zu stellen, und sie war zuversichtlich, all seine Wünsche erfüllen zu können. Nein, es war etwas ganz anderes, das ihr Kopfzerbrechen bereitete: seine völlig überraschende Forderung, bei verschiedenen Entscheidungen persönlich involviert zu werden.

Was wiederum bedeutete, dass sie unweigerlich Zeit mit ihm verbringen müsste. Was sich angesichts der Tatsache, dass sie nicht einmal sein Firmenporträt ansehen konnte, ohne alles um sich herum zu vergessen, durchaus als kompliziert erweisen könnte. Als sehr kompliziert sogar.

Aber es half alles nichts. Wenn sie auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, mit ihrer Agentur finanziell auf die Füße zu kommen, musste sie sich zusammenreißen und sich absolut professionell verhalten. Und am besten fing sie gleich auf der Stelle damit an.

Zur Motivation warf sie einen Blick auf den Stapel mit Mahnungen und unbezahlten Rechnungen, holte tief Luft, nahm ihr Smartphone wieder zur Hand und wählte die Nummer, die sie von seiner Sekretärin bekommen hatte.

Giovanni Giordanos Privatnummer.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, während es am anderen Ende der Leitung klingelte. Ein kleiner Teil von ihr hoffte beinahe, dass er nicht rangehen würde. Doch sie wusste auch, dass das keines ihrer Probleme lösen würde. Ganz im Gegenteil. Ihre Gläubiger würden sich nicht auf Dauer vertrösten lassen. Schon jetzt war sie mit der Miete für ihre Büroräume zwei Monate im Rückstand.

Nein, sich zu verkriechen würde ihr nicht helfen. Es war nur ihr angeborener Fluchtinstinkt, der dafür sorgte, dass sie sich am liebsten in ihrem Bett versteckt und sich die Decke über den Kopf gezogen hätte.

Aber sie war stärker als ihre Instinkte. Ihr Vater mochte glauben, dass sie beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten klein beigeben würde. Er hatte ihr sogar prophezeit, dass ihre Agentur gar nicht erst aus den Startlöchern kommen würde, weil sie nicht in der Lage sei, eine eigene Firma zu leiten. Dass sie zu schwach sei, zu naiv und zu weichherzig. Dass der einzige Beruf, in dem sie irgendwelche brauchbare Erfahrungen besaß, der der Tochter war.

Unbewusst straffte sie die Schultern. Nun, sie würde ihm schon beweisen, wozu sie fähig war.

„Sì, pronto?“

Sie zuckte zusammen, als Giovanni Giordanos Stimme am anderen Ende der Leitung erklang. Dio mio, was ist bloß mit mir los?

„Ähm … Signor Giordano, ich bin es … Luna Vecchioni.“

„Ja, Luna. Ist es wichtig? Ich bin gerade ziemlich beschäftigt.“

Luna …

Es war weiß Gott nicht das erste Mal, dass ein Mann sie ungebeten beim Vornamen nannte, und normalerweise fand sie das eher ärgerlich. Doch bei ihm …

Seine Stimme war so tief und weich, mit einer leichten Rauheit, die ihr den Atem stocken ließ. Sie mochte ihren Namen, fand, dass er einen schönen Klang hatte, doch aus seinem Mund klang er wie … Musik.

„Hallo? Sind Sie noch dran?“

Luna unterdrückte einen Fluch. „Ja, ich bin noch dran.“ Sie räusperte sich angestrengt, ärgerlich darüber, wie schwach ihre Stimme klang. „Sie wollten, dass ich mich bei Ihnen melde, wenn … also …“

„Sie sollten sich melden, wenn gewisse Entscheidungen anstehen, ja. Ich nehme an, dass es so weit ist?“

Luna nickte – eine sinnlose Geste angesichts der Tatsache, dass er sie nicht sehen konnte. Sie beeilte sich, das zu korrigieren, indem sie rasch sagte: „Ja, der Winzer hat wegen der Weinprobe zurückgerufen. Der Termin ist morgen Abend um sechs. Soll …“ Sie zögerte kurz. „Soll ich Sie abholen?“

„Nein, ich hole Sie ab.“ Sie wollte protestieren, doch er kam ihr zuvor, indem er meinte: „Sie sagten selbst, dass Sie keine geübte Autofahrerin sind, daher ist es mir lieber, wenn ich fahre. Ich würde den morgigen Tag nämlich gern überleben.“

Sie atmete scharf ein. „Also, das ist doch …“

„Um fünf bei Ihnen zu Hause?“ Zum Abgleich nannte er ihre Adresse.

Sie stimmte.

Woher, zum Teufel, hatte er ihre Privatadresse? Sie wollte ihn gerade danach fragen, als ein leises Klicken in der Leitung ihr sagte, dass er das Gespräch beendet hatte.

3. KAPITEL

„Ja, mir ist durchaus bewusst, dass die Vertragsverhandlungen eigentlich bereits abgeschlossen waren.“ Gio runzelte die Stirn. „Es ist mir ebenfalls ein Rätsel, warum Signor Vecchioni sich plötzlich entschlossen hat, sein Veto einzulegen. Ich …“

Sein Gesprächspartner fiel ihm ins Wort, ehe er weitersprechen konnte. „Vielleicht war es doch nicht die richtige Entscheidung, Sie mit einer so verantwortungsvollen Position wie der des CEO zu betrauen“, sagte Salvatore Alesi, der im Vorstand von Green Energy International saß und von Anfang an einen anderen Kandidaten als Gio im Auge gehabt hatte. „Wenn Sie nicht einmal in der Lage sind, einen Deal erfolgreich zum Abschluss zu bringen, den Ihr Vorgänger eingefädelt hat, sind Sie möglicherweise der falsche Mann für den Job.“

„Das bin ich ganz sicher nicht, Sal…“ Gio fluchte, als er merkte, dass die Leitung bereits tot war. Frustriert schlug er mit einer Hand aufs Lenkrad seines silbernen Lamborghini. Der Vorstand fing an, ihm wirklich Druck zu machen. Und es war keineswegs so, als hätte er dafür kein Verständnis. Ihm war sehr wohl bewusst, wie das aussehen musste.

Man hatte ihm mit...

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