Julia Extra Band 532

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EIN BLICK, DER DIE GROSSE LIEBE VERSPRICHT von Joss Wood
Diese Frechheiten lässt sie sich nicht gefallen: Erbost kündigt Event-Planerin Ella! Doch dann bittet ihr mächtiger Ex-Boss Micah Le Roux sie um Hilfe bei der Hochzeit seiner Schwester in Johannesburg. Und sein Blick ist so verheißungsvoll, dass Ella spontan Ja sagt …

HEIRATEN SIE MICH, HOHEIT! von Kali Anthony
Rafe De Villiers ist Milliardär, umwerfend attraktiv – und der Mann, der Prinzessin Annalise das Herz gebrochen hat. Nie wieder wollte sie etwas mit ihm zu tun haben! Doch jetzt muss sie ausgerechnet ihren Feind heiraten, um offiziell zur Königin von Lauritanien gekrönt zu werden …

VERBOTENE SEHNSUCHT NACH DEM SEXY BOSS von Hana Sheik
„Darf ich Sie küssen?” Atemlos wartet die aparte Lin auf Karl Farmers Antwort. Hat sie sich die erotische Magie zwischen ihr und ihrem neuen Boss nur eingebildet? Nein! Aber selbst ein heißer Kuss schenkt ihr nicht das, was sie wirklich ersehnt: Karls Liebeserklärung …

ROYALER SKANDAL AM MITTELMEER von Michelle Smart
Aus einer tröstenden Umarmung wird mehr: Milliardär Gabriel Serres lässt sich zu einer sinnlichen Liebesnacht mit der schönen Prinzessin Alessia hinreißen. Und plötzlich findet er, der die Schlagzeilen so scheut, sich mittendrin – als werdender Vater des royalen Nachwuchses!


  • Erscheinungstag 28.03.2023
  • Bandnummer 532
  • ISBN / Artikelnummer 0820230532
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Joss Wood, Kali Anthony, Hana Sheik, Michelle Smart

JULIA EXTRA BAND 532

1. KAPITEL

Katzen-Meme … Linsen-Limetten-Salat-Rezept … Sonnenuntergangsfoto … Motivationsspruch … noch ein Katzen-Meme …

Zu Tränen gelangweilt klickte sich Ella Yeung durch ihre sozialen Medien. Gott sei Dank musste sie nur noch drei Wochen bei Le Roux Events durchhalten. Dieser letzte Monat war der längste ihres Lebens gewesen!

Natürlich hätte sie die letzten Wochen auch einfach zu Hause bleiben können, so wie ihr Chef es ihr nahegelegt hatte, aber schon aus Stolz ging Ella weiterhin jeden Tag zur Arbeit. Solange sie hier noch angestellt war, ließ sie sich schon allein deshalb täglich blicken, um Winters und Siba von der Personalabteilung ein schlechtes Gewissen zu machen. Die beiden sollten sich bei ihrem Anblick daran zu erinnern, wie schändlich sie nicht nur Ella, sondern auch mehrere andere weibliche Angestellte im Stich gelassen hatten.

Die beiden Feiglinge verließen jetzt immer sofort den Raum, wenn sie ihn betrat. Aber schon bald würden sie Ella endgültig los sein und sie und ihre Beschwerde wieder vergessen.

Bis Neville Pillay, der wichtigste Auftraggeber der Agentur und ein extrem beliebter Entertainer, die nächste Angestellte sexuell belästigte …

Wie lange wollten sie ihn noch schützen und seine Missetaten unter den ohnehin schon schmutzigen Teppich kehren? Wie konnten Winters, Siba und die beiden Eigentümer der Firma, die Le-Roux-Zwillinge, sich selbst eigentlich noch im Spiegel angucken?

Ella hatte versucht, Pillays zahlreiche Übergriffe aufzudecken, aber niemand schien sich dafür zu interessieren. Sie konnte nur hoffen, dass ihn das nicht noch mehr ermunterte. Er musste sich inzwischen unbesiegbar vorkommen. Wie weit würde er wohl nächstes Mal gehen, wenn eine Eventmanagerin, Sekretärin, Make-up-Artistin oder Assistentin seine Aufmerksamkeit erregte?

Erst nachdem ihre Anschuldigungen durchgesickert waren – zumindest in der Firma –, hatte sie erfahren, dass er dort mindestens drei weitere Frauen sexuell belästigt hatte, und unter Garantie waren sie nicht die Einzigen. Aber wie sollte sie ihm das Handwerk legen, wenn die Geschäftsführung ihre Beschwerden nicht ernst nahm und einfach ignorierte? Ella hatte das alles so satt! Sie war es leid, allein kämpfen zu müssen und sich vergeblich darum zu bemühen, dass man ihr glaubte!

Sie hatte sich erst an ihren Chef gewandt, Winters, und dann an Siba, den Personalreferenten. Beide waren der Meinung gewesen, dass das, was ihr passiert war, doch gar nicht so schlimm war; schließlich sei es nicht zum Äußersten gekommen.

Nicht schlimm?! Der Kerl hatte ihr unter den Rock gefasst!

Daraufhin hatte sie dem Personalchef von Le Roux International, dem internationalen Firmenkonglomerat, zu der die Eventagentur gehörte, eine Mail geschickt. Der reizende Mensch hatte von ihr verlangt, den Mund zu halten und keinen Ärger zu machen, und ihr im Gegenzug eine Gehaltserhöhung angeboten. Als Ella das Angebot abgelehnt hatte, hatte er ihr nahegelegt, ihren Job im Austausch gegen eine Abfindung zu kündigen.

Natürlich hatte sie abermals Nein gesagt – und war von ihrem lichtdurchfluteten Eckbüro in einen kleinen, mit staubigen Kartons und aussortierten Möbeln vollgestopften Raum weit ab von den Kollegen versetzt worden. Sie bekam nur noch die anspruchslosesten Events zugeteilt, Aufträge, die man normalerweise den Praktikanten gab, damit sie Erfahrung sammeln konnten. Ihren Firmenwagen hatte man ihr auch weggenommen.

Es war offensichtlich, dass man sie rausekeln wollte. Nach sechs Wochen hatte sie die Nase voll gehabt und ihre Kündigung eingereicht. Ella wusste nicht, welche Emotion überwog – Wut oder Erleichterung. Sie wusste nur, dass sie sich besiegt fühlte.

Machtlos.

Wertlos …

Sich in ihrem Sessel zurücklehnend sah Ella aus dem Fenster mit der nicht ganz so tollen Aussicht auf den Parkplatz. Wie hatte es mit ihrer Karriere nur so schnell bergab gehen können?

Noch vor einem Jahr war sie eine gefragte Eventmanagerin bei einer kleinen Start-up-Agentur in Durban gewesen – bekannt dafür, Budgets einzuhalten und Aufträge pünktlich und mit Pepp zu erledigen. Nachdem sie erfolgreich ein paar Promi-Events organisiert hatte, hatte Le Roux Events, eine der größten Eventagenturen des Landes, ihr das Angebot gemacht, nach Johannesburg zu ziehen – mit dem dreifachen Gehalt und diversen Extras. Die Gelegenheit hatte sie sich natürlich nicht entgehen lassen wollen und hatte das Angebot angenommen.

Und jetzt, nachdem sie gerade zur Senior Eventmanagerin befördert worden war, war alles schon wieder vorbei. Die Firmenleitung stand geschlossen gegen sie, und ihre Kollegen gingen ihr aus dem Weg. Natürlich tat sie ihnen leid, und eigentlich standen sie auf ihrer Seite, aber die Zeiten waren hart, und niemand wollte sich mit dem Chef anlegen. Er gehörte zu jener Sorte Mensch, die jeden als Gegner betrachteten, der anderer Meinung war, und niemand wollte riskieren, ihretwegen seinen Job zu verlieren.

Ella konnte das verstehen, wirklich – viele Kollegen hatten Hypotheken abzubezahlen und Familien zu ernähren, aber trotzdem tat es weh, ganz allein dazustehen. Ihr schon lange gehegter Verdacht, dass Menschen nur das glaubten, was sie glauben wollten, hatte sich in den letzten Wochen bestätigt. Sie brauchte nicht mehr darauf zu hoffen, dass man ihr zuhören oder ihr Glauben schenken würde. Der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte, war sie selbst.

Ihr Vater hatte ihr seinerzeit auch nicht zuhören wollen! Vielleicht wäre ihre Mutter jetzt noch am Leben, wenn er Ellas Sorge damals ernst genommen hätte …

Und jetzt weigerte sich ihr Chef, ihre Vorwürfe ernst zu nehmen, und den hohen Tieren bei Le Roux International war der Profit offenbar wichtiger als das Wohlergehen ihrer Angestellten.

Ihre Mutter war tot, und dieser schreckliche Pillay machte Frauen gegenüber weiterhin ungestraft anzügliche Bemerkungen. Drückte sie in leeren Konferenzzimmern gegen die Wand, um eine Hand zwischen ihre Schenkel zu schieben …

Bei der Erinnerung daran schnürte sich ihr der Hals zu, und ihre Hände begannen so heftig zu zittern, dass ihr die Unterlagen aus der Hand rutschten. Wenigstens würde sie nie wieder etwas mit Pillay zu tun haben müssen! Sie war inzwischen sicher vor ihm, und ehrlich gesagt hatte sie noch Glück gehabt. Wer weiß, wie weit er noch gegangen wäre, wenn nicht irgendwo im Flur eine Tür geknallt hätte und jemand vom Reinigungspersonal gekommen wäre.

Hatte sie vielleicht irgendwelche Warnsignale übersehen – irgendetwas, das darauf schließen ließ, dass Pillay sich in ein wildes Tier verwandelte, wenn kein anderer da war? Ella fiel beim besten Willen nichts ein.

Wie sollte sie nur je wieder mit einem Mann allein sein? Nächstes Mal würde sie bestimmt alles hinterfragen und sich vor lauter Angst nicht entspannen können. Wie sollte sie je wieder unbefangen mit einem Mann ausgehen, geschweige denn, ihn mit nach Hause nehmen und mit ihm schlafen? Nach allem, was in den letzten Wochen passiert war, war ihr sowieso nicht besonders stark ausgeprägtes Vertrauen in andere Menschen erst recht ruiniert.

Und ihr Selbstvertrauen gleich mit.

Aber das Schlimmste war die Gewissheit, dass Pillay es wieder tun würde. Was war, wenn nächstes Mal niemand dazwischenkam und er tatsächlich eine Frau vergewaltigte? Würde sie damit leben können?

Andererseits hatte sie getan, was sie tun konnte. Sie hatte die Geschäftsführung informiert, sie war bei der Polizei gewesen. Sie hatte ihr Bestes gegeben, das musste reichen.

Nur reichte es ihr leider nicht.

Ihre Ohnmacht erinnerte sie wieder an das, was vor vierzehn Jahren passiert war. Sie hatte ihren Vater angeschrien, damit er ihr zuhörte, hatte ihn angefleht, ihre Mutter ins Krankenhaus zu bringen. Sie hatte gebettelt, geweint und gebrüllt, aber da ihre Mutter kurz vorher ihren geliebten Gin Tonic zum Mittagessen getrunken hatte, war ihr Vater davon ausgegangen, dass ihre verwaschene Sprache und ihre Schläfrigkeit vom Alkohol kamen. Er hatte darauf bestanden, dass alles in Ordnung war und sie sich nur ausschlafen musste. Kurz darauf war Ellas Mutter an einer Gehirnblutung gestorben.

Wie damals fragte Ella sich auch jetzt, nachdem sie sexuell belästigt worden war, ob sie vielleicht die falschen Worte gewählt, sich nicht klar und deutlich genug ausgedrückt hatte. War sie vielleicht zu emotional gewesen, nicht präzise genug?

Eine knallende Tür im Flur riss Ella aus ihren trüben Gedanken. Die Schultern straffend befahl sie sich, die Vergangenheit abzuhaken und nach vorn zu blicken. Hier in Südafrika hatte sie sowieso keine Zukunft mehr. In der Eventszene kannte jeder jeden, und Winters hatte bereits dafür gesorgt, dass Ella in der Branche inzwischen als schwierig galt. Was ihre Chance, in Johannesburg einen neuen Job mit dem gleichen Gehalt und Renommee zu bekommen, gen null gehen ließ.

Sie könnte natürlich auch nach Durban zurückkehren – ihr Vater lebte noch dort –, aber wozu, wenn er sowieso kein Interesse an einem Kontakt mehr hatte? In ihrer alten Firma würde sie auch nicht mehr so große Projekte leiten wie hier und weniger verdienen. Es wäre ein Rückschritt.

Nein, sie würde direkt nach Ablauf ihres Arbeitsverhältnisses nach England auswandern! In einem Monat würde sie in London leben und hoffentlich einen neuen Job haben. Dann lagen sechstausend Meilen zwischen ihr und ihrem Vater, sodass sie sich nicht mehr dazu verpflichtet fühlen würde, ihn zu besuchen, obwohl er sie sowieso nicht sehen wollte. Sie würde wieder von vorn anfangen – endlich wieder durchatmen und sie selbst sein können. Und in hundert Jahren oder so würde sie vielleicht sogar einen Mann finden, der sie unterstützte und ihr glaubte.

Quatsch, eher hatte sie sechs Richtige im Lotto!

Durch das geschlossene Fenster hörte sie das Grollen eines starken Motors näher kommen. Ella stand neugierig auf und ging zum Fenster. Beim Anblick des silbernen Bentley Bentayga, der gerade auf den Parkplatz bog, keuchte sie verzückt auf.

Als ihr Vater und sie sich noch gut verstanden hatten, waren sie oft zusammen bei Automobilmessen gewesen. Der Bentayga war ein außergewöhnlicher SUV und so unfassbar teuer, dass es davon nur sehr wenige gab. Nur zu gern würde sie ihn sich mal ansehen und noch viel lieber fahren. Fasziniert beobachtete sie, wie der Wagen in eine enge Parklücke gesteuert wurde.

Kurz darauf ging die Fahrertür auf, und ein Mann stieg aus. Ella war überrascht, wie groß er war – mindestens eins neunzig. Er hatte breite Schultern und einen wirklich tollen Po. Die Ärmel seines weißen Hemds waren hochgekrempelt, sodass man sehnige, gebräunte Unterarme sah. Das Hemd steckte in einer dunkelblauen Hose mit einem Ledergürtel, der perfekt zu seinen Schuhen passte. Sein kurzes, lockiges Haar war gut geschnitten, die Farbe eine Mischung aus Hellbraun und Dunkelblond.

Von hinten sah er schon mal absolut umwerfend aus. Wenn sein Gesicht zu seinem Körper passte, könnte er problemlos das Titelblatt von Men’s Health zieren. Als er sich umdrehte, um auf den Eingang des Firmengebäudes zuzugehen – war er etwa ein potenzieller Kunde? –, sah sie ein markantes Gesicht mit Dreitagebart und sexy Mund. Oh ja, der Typ hatte das Gesicht eines gefallenen Engels!

Als spürte er ihren Blick, blieb der Mann plötzlich stehen und ließ den Blick über die Fenster gleiten. Da es Ella nicht rechtzeitig genug gelang, sich zurückzuziehen, fing sie seinen Blick prompt auf. Der Mann war zu weit weg, um seine Augenfarbe zu erkennen, aber sein Blick traf sie trotzdem mit voller Wucht. Ihre Haut begann zu prickeln.

Erwischt …

Errötend hob sie eine Hand und winkte ihm halbherzig zu. Seinem selbstgefälligen Schmunzeln nach zu urteilen war ihm nur allzu bewusst, wie attraktiv er war. Er hob zwei Finger zur Schläfe und salutierte spöttisch.

Genervt öffnete Ella das Fenster. Sie hatte die Nase gestrichen voll von Männern, die sich für Halbgötter hielten! „Kriegen Sie sich wieder ein, ich habe nur Ihren Wagen bewundert!“

Belustigt hob er die Augenbrauen und lächelte. Oh Gott, war das etwa ein Grübchen in seiner linken Wange? Das wurde ja immer schlimmer!

„Ach, wirklich? Sie wissen doch bestimmt noch nicht mal, was für ein Modell das ist.“

Was für eine Stimme, so warm und tief und kultiviert! Eine richtige Schlafzimmerstimme …

Reiß dich zusammen, Ella!

Sie würde Mr. Selbstgefällig jetzt nämlich zeigen, wo der Hammer hing! Höchste Zeit, ihm mal einen kleinen Dämpfer zu verpassen.

„Das ist ein Bentley Bentayga S-Modell mit 626 PS und Zwölfzylindermotor und Sechsgangautomatik. Er gilt als schnellster SUV der Welt, obwohl Lamborghini das abstreiten würde, da der Urus auch ziemlich toll ist.“

Wie zu erwarten, blickte der heiße Typ sie überrascht an.

„Und nur, falls Sie es noch nicht wussten, Sie Schlaumeier – auch Frauen interessieren sich für Autos“, fügte Ella hinzu, bevor sie das Fenster wieder schloss. Himmel, hatte sie sie es satt, ständig unterschätzt und nicht für voll genommen zu werden! Vor allem von Männern, die sich für die Krone der Schöpfung hielten!

Es klopfte an ihre Tür, und ihre Kollegin und Freundin Janie betrat das Zimmer. „Rate mal, was gleich passiert“, sagte sie aufgeregt.

Da Ella sowieso nicht mehr lange hier sein würde, hielt ihr Interesse sich in Grenzen. „Kriegt Paul in der Buchhaltung eine Haartransplantation, oder hat wieder jemand Evas Parkplatz besetzt?“

Janie schüttelte den Kopf. „Weder noch. Aber anscheinend ist der Big Boss gerade aufgetaucht!“

„Big Boss?“

„Micah Le Roux, einer der Eigentümer von Le Roux International!“

Ella runzelte die Stirn. Sie wusste, dass diese Eventagentur den Le-Roux-Zwillingen gehörte, hatte die beiden bisher jedoch nie zu Gesicht bekommen. Wenn sie etwas zu klären hatten, was die Firma betraf, beorderten sie Winters zum Hauptsitz der Firma und nicht umgekehrt.

Janie ging zum Fenster und zeigte auf den Parkplatz. Als Ella über ihre linke Schulter spähte, sah sie eine Gruppe von fünf Männern um den Bentayga herumstehen und fachsimpeln.

„Das da ist sein Wagen, und Naomi hat gerade bestätigt, dass er gekommen ist, um mit Ben zu sprechen. Ich frage mich, warum. Glaubst du, es hat mit deiner Beschwerde zu tun?“

Dann war der heiße Typ in dem coolen Wagen also einer der beiden Eigentümer der Firma. Hm, interessant …

Ella dachte kurz über Janies Frage nach und schüttelte den Kopf. „Das bezweifle ich. Würde er sich wirklich dafür interessieren, hätte er längst ein Meeting in seinem Büro anberaumt, statt Wochen später persönlich vorbeizukommen.“

„Was glaubst du, warum er dann hier ist?“

„Interessiert mich nicht die Bohne“, sagte Ella achselzuckend. Warum sollte es auch? Sie hatte hier zwölf Stunden am Tag geschuftet und hervorragende Arbeit geleistet. Die Agentur hatte dank ihrer harten Arbeit viel Geld verdient, aber kaum hatte sie mal Unterstützung gebraucht, hatte man ihr einfach die kalte Schulter gezeigt. Das war einfach nicht fair. Mehr als das, es war falsch.

Vielleicht sollte sie das Micah Le Roux direkt ins Gesicht sagen, wenn er schon mal hier war! Das würde zwar nichts an ihrer Situation ändern, aber wenigstens würde er dann wissen, was sie von seiner Firma und ihrem skandalösen Umgang mit sexueller Belästigung hielt. Und vielleicht, nur vielleicht, würde er daraufhin mal die Firmenpolitik überdenken und das Thema etwas ernster nehmen.

Entschlossen drehte sie sich zu Janie um. „Drück mir die Daumen.“

„Was hast du vor?“

„Ich gehe zu Micah Le Roux und sage ihm gründlich die Meinung.“

Wenn sich danach immer noch nichts änderte – wovon sie ausging –, würde sie zumindest mit der Gewissheit auswandern können, absolut alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben, um andere Frauen vor Pillay zu schützen!

Micah musste grinsen, als er außer Sichtweite der hübschen, braunäugigen Frau war. Dass sie sich so gut mit Autos auskannte, erhöhte ihren Sexyness-Faktor locker um zehn Prozent. Ihm gefiel auch ihre scharfe Zunge. Sie hatte ihn deutlich in die Schranken gewiesen, was ihm als einer der mächtigsten Geschäftsmänner des Kontinents nicht gerade oft passierte. Oder vielmehr nie.

Er hatte ihren Blick schon beim Aussteigen gespürt – am Prickeln im Nacken und den kribbelnden Handflächen. Er hatte nicht lange gebraucht, um sie an einem der Fenster im ersten Stock zu entdecken.

Er hatte sich absolut nichts dabei gedacht, sie anzulächeln und zu salutieren. Eigentlich hatte er ihr damit nur signalisieren wollen, dass er sie bemerkt hatte, aber anscheinend hatte sie das als Flirtversuch aufgefasst … Na ja, wer weiß, vielleicht war es sogar einer gewesen. Flirten gehörte einfach zu seiner Natur – war ein Baustein seiner charmanten Fassade. Er galt als der lockere, zugängliche Zwilling, während sein Bruder Jago den Ruf hatte, distanziert und aufbrausend zu sein.

Dabei war es in Wirklichkeit genau anders herum. Er war derjenige, der dringend seinen Jähzorn zügeln musste, genauso seine Impulsivität und seine flinke Zunge. Sein Charme und seine lockere Art waren nichts weiter als eine Maske, die er jederzeit auf- und wieder absetzen konnte.

Aber die Frau am Fenster hatte er offensichtlich nicht beeindruckt. Micah war sich vorgekommen wie der letzte Volltrottel, als er reglos dagestanden war und zu ihr hochgestarrt hatte, wie geblendet von ihrer Schönheit.

Sie war eine faszinierende Mischung verschiedener Kulturen – hatte anscheinend chinesische, europäische und möglicherweise indische Vorfahren. Ihr glattes Haar schimmerte so warm und braun wie Tropenholz. Sie hatte hohe Wangenknochen, einen sinnlichen Mund und ein energisches Kinn und einen schmalen, aber kurvigen Körper, soweit er das hatte erkennen können. Sie wirkte noch jung – vielleicht Mitte zwanzig, aber ihre Selbstsicherheit und ihr Witz ließen eher auf ein höheres Alter schließen, Ende zwanzig vielleicht oder Anfang dreißig.

Wer mag sie wohl sein?, fragte er sich, als er auf den Eingang zuging. Sie musste hier arbeiten, sonst wäre sie nicht im Gebäude. Und wahrscheinlich wusste sie nicht, wer er war; nur sehr wenige seiner Angestellten kannten ihn. War sie Sachbearbeiterin, Eventmanagerin, Buchhalterin, oder arbeitete sie in der Verwaltung? Gefiel ihr die Arbeit bei Le Roux Events? Wie lange war sie schon bei der Firma?

Die Versuchung stehen zu bleiben, sich in den Server von Le Roux International einzuloggen und ihre Personalakte aufzurufen, war fast überwältigend groß. Diese kleine Niederlassung beschäftigte nur dreißig oder vierzig Menschen, da würde er die Unbekannte schnell finden. In nur fünf Minuten würde er ihr Alter, ihren Werdegang, ihre Kreditwürdigkeit, ihr Gehalt und ihre Beurteilungen herausfinden.

Kopfschüttelnd rieb er sich das Kinn. Bisher hatte er seine Macht als Geschäftsführer noch nie dazu missbraucht, Angestellte auszuspionieren, und er hatte auch jetzt nicht die Absicht. Das wäre ein Riesenvertrauensbruch. Jago und er waren übereingekommen, sich Personalakten nur dann anzusehen, wenn sie einen wirklich triftigen Grund hatten, und bisher hatten sie nie einen gehabt. Unter anderem, weil sie nichts mit den laufenden Geschäften der Firmen zu tun hatten, die ihnen gehörten. Dazu waren es einfach zu viele.

Sein heutiges Kommen war eine Ausnahme. Er war nur hier, weil er dringend eine neue Hochzeitslocation für die Promi-Hochzeit seiner Schwester in zwei Monaten brauchte, und hatte weder die Zeit noch die Neigung, Nachforschungen über eine Angestellte anzustellen, nur weil er sich wie aus heiterem Himmel hingezogen zu ihr fühlte.

Micah musste eine Firma leiten, Geschäfte abschließen, Geld verdienen. Er hatte zwar keine Ahnung, wie er zusätzlich zu seinen Sechzehnstundentagen auch noch eine Hochzeitslocation ausfindig machen sollte, trotzdem übernahm er – mal wieder – die Verantwortung für ein Problem, das nicht seins war …

Aber so war er nun mal gestrickt. Wenn in seiner Familie etwas schiefging, stürzte er sich sofort auf die Problemlösung. Wenn er schon nicht wieder in Ordnung bringen konnte, was Brianna vor zwanzig Jahren zugestoßen war, dann …

Micah schnürte sich der Hals zu bei der Erinnerung an Brianna. Spontan änderte er seinen Kurs und ging statt durch den Eingang seitlich um das Gebäude herum in eine schmale Hintergasse, wo er sich gegen die rote Ziegelmauer lehnte und das Gesicht in die Sonne hielt. Diesen Monat jährte sich Briannas Einweisung in die Klinik zum zwanzigsten Mal. Fast siebentausendfünfhundert Tage verbrachte sie jetzt künstlich ernährt in einem Krankenhausbett.

Und das nur seinetwegen. Er hatte sie dorthin gebracht.

Warum um alles in der Welt hatte er sie damals nur angerufen, nachdem er mit blutender Nase aus Hadleigh House gestürmt war? Warum hatte er ihr seine Wut und seinen Schmerz mitgeteilt?

Aber er wusste die Antwort auf diese Frage schon: Weil Brianna abgesehen von Jago der einzige Mensch gewesen war, der die gestörte Familiendynamik der Le Roux’ kannte. Und Jago war an jenem schicksalhaften Abend nicht da gewesen.

Briannas Eltern und seine waren schon so lange befreundet gewesen, dass Brianna praktisch mit Jago und ihm zusammen aufgewachsen war. Sie hatte Theos Wutausbrüche und seine tyrannische Art oft genug mitbekommen, um Micah zu prophezeien, dass seine häufigen Auseinandersetzungen mit seinem Vater eines Tages in einer Tragödie enden würden.

Sie hatte recht gehabt damit, aber nicht er, sondern sie war diejenige gewesen, die den Preis für Micahs Unbeherrschtheit und Impulsivität hatte zahlen müssen. Weil sie ihn geliebt hatte und voller Sorge um ihn war, hatte sich Brianna damals auf die Suche nach ihm gemacht – und war auf einer vielbefahrenen Straße in Johannesburg ihrem Schicksal begegnet.

Die Ereignisse jener Nacht hatten alles verändert. Von ihrem Autounfall hatte Brianna eine so schwere Hirnverletzung davongetragen, dass sie seitdem im Koma lag, ohne Aussicht, je wieder ihr Bewusstsein zu erlangen. Nichts war mehr, wie es gewesen war. Für die Pearsons, die Le Roux’, Micahs Geschwister und natürlich für ihn selbst.

Bei ihm war der Absturz am heftigsten gewesen. Nach dem Unfall hatte er sich in Alkohol und Drogen geflüchtet, bis Jago – seine Eltern hatten sich nicht um ihn gekümmert – ihm professionelle Hilfe besorgt und Micah sich wieder gefangen hatte.

Er hatte gelernt, seinen Jähzorn und Leichtsinn zu zügeln, und sich geschworen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um seinen Geschwistern das Leben so gut es ging zu erleichtern. Nie würde er jemanden von ihnen im Stich lassen. Und nie wieder würde er einer Frau Schaden zufügen, in keiner Hinsicht. Auch wenn das Ergebnis war, dass er sich nur noch auf unverbindliche Affären und One-Night-Stands einließ.

Brianna hatte sich immer eine große Familie gewünscht – Ehemann, Kinderschar, Gartenzaun, das volle Programm. Früher einmal war das auch sein Traum gewesen, aber nun sah die Sache anders aus. Micah hatte das Gefühl, dass er sich alles versagen musste, was Brianna verwehrt blieb. Was er ihr genommen hatte. Seit ihrem Unfall waren Reue und Schuldgefühle seine ständigen Begleiter – düstere Freunde, die ihn nie im Stich ließen.

Micah kniff sich in die Nasenwurzel. Hier herumzustehen und über die Vergangenheit nachzugrübeln half ihm jetzt auch nicht weiter. Seine Schwester wollte in zwei Monaten heiraten, aber vor ein paar Tagen hatte irgendeine Drecksau in dem Hotel angerufen, in dem die Hochzeitsfeier stattfinden sollte, und glaubhaft versichert, dass er im Auftrag von Thadies Hochzeitsplanerin anrief und die Feier absagte.

Die Hotelleitung hatte die Räumlichkeiten sofort weitervermietet, sodass Thadie, Clyde und ihre Tausend Gäste jetzt keinen Platz mehr zum Feiern hatten. Und bisher hatten Thadie und ihre sehr teure und sehr renommierte Hochzeitsplanerin Anna de Palmer-Whyte keinen passenden Ersatz gefunden, obwohl sie in den letzten beiden Tagen hektisch überall in der Stadt herumtelefoniert hatten.

Beim Anblick von Thadies wachsender Panik hatte Micah sofort seine Unterstützung angeboten, obwohl er gerade in Arbeit erstickte, aber für Thadie war er bereit, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen. Sie, ihre Zwillinge und sein eigener Zwillingsbruder Jago waren die wichtigsten Menschen in seinem Leben, und für seine Familie würde Micah alles tun.

Micah schob die Hände in die Hosentaschen und ging zum Eingang zurück. Bisher hatte er diese Agentur nie weiter beachtet, er wusste nur, dass sie einen anständigen Gewinn abwarf und ab und zu auch für Le Roux International Events organisierte. Er hätte den Geschäftsführer auch in sein Penthousebüro in Sandton bitten können, aber ein persönlicher Besuch unterstrich die Dringlichkeit seiner Situation. Hoffentlich konnte man ihm hier weiterhelfen!

Als er die Eingangstür öffnete und die Treppe zum ersten Stock hochsah, verspürte er einen Anflug von Bedauern, weil er keine Zeit hatte, die tolle Dunkelhaarige aufzusuchen. Er konnte sich nämlich weiß Gott keine Ablenkung erlauben.

2. KAPITEL

Wie Micah kurz darauf erfuhr, hatte Ben Winters gerade keine Eventmanager, die er entbehren konnte. Anscheinend jonglierten sie gerade fünf Projekte gleichzeitig, sodass sie alle Hände voll zu tun hatten. Micah verschwendete hier nur seine Zeit.

Er stand auf und schüttelte Winters die Hand. „Danke für das Gespräch.“

„Ich bringe Sie noch nach draußen.“ Winters fluchte, als sein Telefon klingelte.

Da er den Anruf offensichtlich annehmen wollte, verließ Micah allein das Büro und fuhr sich frustriert mit einer Hand durchs Haar. Er wusste beim besten Willen nicht, was er jetzt noch machen sollte.

Auf dem Rückweg zu seinem Wagen checkte er rasch seine Mails. Die Mittagssonne brannte so heiß, dass er es kaum erwarten konnte, einzusteigen und die Klimaanlage einzuschalten. Als er von seinem Handy hochblickte, um per Fernbedienung seine Autotür zu öffnen, sah er die aufregende Dunkelhaarige von vorhin gegen seinen Wagen lehnen. Sie trug ein ärmelloses blassrosa Top und einen schmalen schwarzen Rock, der kurz über den Knien endete. Ihre hübschen Beine steckten in hochhackigen Schuhen, und das lange Haar hatte sie inzwischen mit einem Clip hochgesteckt.

Ihre Blicke begegneten sich. Sie wirkte so nervös, dass er innerlich seufzte. Ja, sie sah toll aus, aber er hatte gerade keine Zeit für eine Tändelei. Ehrlich gesagt wunderte es ihn, sie hier zu sehen. Vorhin hatte er noch den Eindruck gehabt, dass er sie nervte, aber es wäre nicht das erste Mal, dass ihn sein berühmter Nachname plötzlich viel attraktiver machte. Traurig, aber wahr.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er betont kühl.

„Das bezweifle ich“, antwortete sie schnippisch.

Erst beim näheren Hinsehen stellte er fest, dass sie nicht begehrlich, sondern verärgert wirkte. Okay, dann hatte er die Situation also falsch gedeutet. Was die Frage aufwarf – was hatte er verbrochen?

„Ich bin Ella Yeung“, fügte sie hinzu und sah ihn an, als müsse ihm der Name etwas sagen.

Ratlos zuckte er die Achseln. „Sind wir uns schon mal begegnet?“

„Nein, aber ich dachte, mein Name wäre Ihnen in letzter Zeit untergekommen.“

Er wusste beim besten Willen nicht, was sie meinte. „Hören Sie, ich habe keine Zeit für Ratespielchen, Miss Yeung. Wenn Sie mir etwas mitzuteilen haben, dann sagen Sie es mir bitte jetzt. Ich stehe nämlich etwas unter Zeitdruck.“

Eine Mischung aus Verwirrung und Frustration verdrängte den Ärger in ihrem Blick. Sie wurde sogar etwas blass. „Dann wissen Sie also gar nicht, was mir passiert ist?“

Was auch immer es war, es schien etwas Ernstes zu sein. Er beschloss, sich anzuhören, was sie zu sagen hatte, und nickte Richtung Firmengebäude. „Lassen Sie uns einen kühlen Raum aufsuchen, wo wir ungestört sind, und dann können Sie mir erzählen, was Sie auf dem Herzen haben.“

Ella schüttelte abwehrend den Kopf. „Nein.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber wir können ja in Ihrem Wagen reden.“

Micah brachte sie zur Beifahrerseite, öffnete die Tür und wartete, bis sie Platz genommen hatte, bevor er sich hinters Steuer setzte. Er drehte den Schlüssel im Zündschloss und schaltete die Klimaanlage ein. Der Duft neuen Leders breitete sich im Wagen aus. Ihm entging nicht, dass Ella sich bewundernd umsah. Sie passt zum Wagen, dachte er – sie hat Klasse und Eleganz. Und aus der Nähe sogar noch mehr Sex-Appeal als anfangs gedacht.

Verstohlen betrachtete er ihre helle, rosig überhauchte Haut. Er hatte recht mit ihrer Abstammung gehabt – sie hatte auf jeden Fall einen asiatischen Elternteil. Sie war wirklich bildhübsch mit den braunen, goldgrün gesprenkelten Augen und der langen, geraden Nase. Die vollen Lippen hatte sie blassrosa geschminkt, aber sogar dieser Hauch Make-up war überflüssig.

Micah war an sehr attraktive Frauen gewöhnt und daher eigentlich nicht leicht zu beeindrucken, aber bei ihrem Anblick musste er schlucken. Noch nie, niemals hatte ihn eine Frau so aus der Fassung gebracht wie sie. Dabei hatte er schon mit Topmodels, Schauspielerinnen und Aristokratinnen geschlafen.

Jetzt reiß dich mal zusammen, Le Roux!

Ella beugte sich vor, um die Temperatur zu regulieren, und ließ eine Hand dabei ehrfürchtig über das Armaturenbrett gleiten, bevor sie zu reden begann. Da er mit einem Kompliment zu seinem Wagen gerechnet hatte, waren ihre Worte ein echter Schock für ihn.

„Ich habe kürzlich meinen Job als Eventmanagerin für Le Roux Events gekündigt, und zwar, weil unser wichtigster Kunde, Neville Pillay, mich sexuell belästigt hat.“

Pillay?!

Micah war dem beliebten Entertainer und Philanthropen ein paarmal begegnet und hatte ihn ziemlich sympathisch gefunden. Er musterte Ella aufmerksam. Ihr Gesichtsausdruck war neutral, aber ihre innere Anspannung war nicht zu übersehen. Da er fast sein ganzes Leben lang mit einem vollendeten Lügner unter einem Dach gewohnt hatte, erkannte er Lügner auf den ersten Blick. Und Ella sagte die Wahrheit.

Er wählte seine nächsten Worte daher mit Bedacht. „Das tut mir sehr leid, Ella. Waren Sie bei der Polizei? Haben Sie Ben Winters und die Personalabteilung eingeschaltet?“

Sie lachte hoch und künstlich. „Ja, habe ich. Die Polizei hat gesagt, es stünde Aussage gegen Aussage, weil es keine Zeugen gibt, und Ben und Siba haben mir unterstellt, Pillay die falschen Signale gesendet zu haben. Sie wollten, dass ich den Vorfall vergesse.“

Micah spürte eine so heftige Wut in sich aufsteigen, dass er die Augen schloss, um sich zu beherrschen. „Erzählen Sie mir alles von Anfang an, und lassen Sie kein Detail aus, Ella, ganz egal, wie klein.“

Als sie fertig war, wusste Micah erstens, dass die Agentur Pillays Missetaten schon seit Jahren deckte und dass zweitens jeder Mensch, an den Ella sich mit ihrem Problem gewandt hatte, sie enttäuscht hatte. Er war immer stolz auf das gewesen, was sein Bruder und er leisteten – auf die Firma, die sie gemeinsam aufgebaut hatten. Bis jetzt. Ihm war speiübel, er fühlte sich beschämt, und er kochte innerlich vor Wut.

„Ich erwarte von Ihnen nicht, mir zu glauben – Sie haben absolut keinen Grund dazu –, aber weder mein Bruder noch ich hatten eine Ahnung davon. Wir wurden schlicht und ergreifend nicht informiert“, sagte Micah, wobei ihm bewusst war, wie unglaubwürdig das klang.

„Na ja, jetzt wissen Sie ja Bescheid. Vielleicht wollen Sie ja etwas unternehmen, damit es nicht wieder vorkommt.“ Ella öffnete die Tür, zögerte dann jedoch kurz. „Ich habe gekündigt und bin daher nicht mehr in Gefahr, aber er wird vielleicht einer anderen Angestellten etwas antun, und dann geht er womöglich noch weiter.“

Micah schüttelte entschlossen den Kopf. „Das werden wir nicht zulassen. Ich werde mich um das Problem kümmern, versprochen.“

Zweifelnd blickte Ella in seine tiefen, unergründlichen Augen. „Ich würde Ihnen ja gern glauben, Mr. Le Roux, aber ich habe schon zu viele leere Versprechungen von Ihren Mitarbeitern und auch sonst gehört, um auch nur irgendjemandem zu vertrauen.“ Sie stieg aus dem Wagen und schlug die Tür zu.

Micah sah ihr hinterher, als sie kerzengerade und hocherhobenen Hauptes zum Gebäude zurückmarschierte. Er hatte zwar keine Ahnung, wie er auch noch dieses Problem bewältigen sollte, aber er würde es tun. Dieser stolzen, jungen Frau zuliebe und den anderen Frauen, die wegen Pillay in Gefahr waren.

Micah beauftragte seinen Computer, Jago anzurufen, und kurz darauf erschien das Gesicht seines Bruders auf dem Bildschirm. „Weißt du etwas von einer Beschwerde wegen sexueller Belästigung seitens einer Angestellten namens Ella Yeung?“

Jago runzelte nachdenklich die Stirn, bevor er den Kopf schüttelte. „Nein. Hätte ich davon wissen sollen?“

„Unser Personalchef weiß Bescheid.“

Jago zuckte die Achseln. „Hat man sich ans Protokoll gehalten und der Angestellten psychologischen Beistand besorgt? Geht es ihr gut?“

Micah rieb sich die Schläfen. „Nein. Man hat ihr nicht geglaubt, Jago. Der Täter ist total populär, also hat niemand in der Agentur oder in der Zentrale sie ernst genommen.“

„Wer hat sie denn belästigt?“ Als Micah den Namen nannte, riss sein Bruder schockiert die Augen auf. „Was, Pillay?! Dem hätte ich das nie zugetraut!“

„Ich auch nicht, aber ich glaube ihr, Jay. Ich will, dass Pillay zur Rechenschaft gezogen wird, doch so etwas erfordert Fingerspitzengefühl. Zuerst muss ich rausfinden, was genau schiefgelaufen ist. Man hat Ella hier als Unruhestifterin abgestempelt und sie mehr oder weniger dazu genötigt zu kündigen.“

Jagos Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Was ist da bloß nur los, Micah? Wir haben klare Richtlinien und ein Protokoll. Das Wohlergehen unserer Angestellten steht an erster Stelle!“

„In diesem Fall offensichtlich nicht. Vielleicht solltest du den Vorstand einschalten. Es müssen ein paar Köpfe rollen.“

Jago lächelte grimmig. „Uns gehört diese Firma, und wir bestimmen die Richtlinien. Scheiß auf den Vorstand, wir machen das allein.“

Ella ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen, stützte die Ellenbogen auf die Tischplatte und schob stöhnend die Finger ins Haar. Was zum Teufel war das denn gerade gewesen?! Statt Micah Le Roux die Leviten zu lesen und ihn lebendig zu häuten, war sie eingeknickt und hatte sich sogar von ihm dazu bewegen lassen, die ganze Geschichte noch mal zu erzählen, was ihr total peinlich gewesen war.

Natürlich nicht wegen dem, was Pillay getan hatte. Nichts davon war ihre Schuld, und sie weigerte sich, auch nur ansatzweise die Verantwortung für sein widerliches Verhalten zu übernehmen. Aber es war ihr total unangenehm gewesen, bei ihrem ersten Gespräch mit Micah Le Roux ausgerechnet über sexuelle Belästigung zu reden. Und das auch noch stockend und halb unter Tränen.

Das Gespräch mit dem Big Boss wäre ihr erheblich leichter gefallen, wenn er achtzig Jahre alt und korpulent gewesen wäre, nicht jung, durchtrainiert und unglaublich attraktiv. Mit einem Mann wie Micah le Roux sollte man bei einer ersten Begegnung in einer Bar sitzen, mit einem Glas Champagner vor sich, oder in einem Restaurant. Oder in einem Club mit sexy Musik im Hintergrund.

Fragte sich nur, wie sie auf so einen Schwachsinn kam! Jemand wie sie traf sich nicht mit Männern wie Micah Le Roux! Sie war nur eine kleine Angestellte, während er quasi zum südafrikanischen Adel gehörte. Ihre Wege hätten sich normalerweise nie gekreuzt, warum malte sie sich dann also heiße Blickwechsel über Champagnergläsern aus oder stellte sich vor, mit ihm in einem Nachtclub zu tanzen? Warum fantasierte sie von seinen schönen blauen Augen, seinem markanten Gesicht und tollen Körper?

Wahrscheinlich, weil sie in letzter Zeit nicht gerade viel Stoff für erotische Fantasien gehabt hatte …

Also wirklich! Sie sollte lieber über seine Reaktion nachdenken, die sie ehrlich gesagt ziemlich überrascht hatte. Ella hatte mit Herumgedruckse gerechnet – damit, dass er herunterspielen würde, was passiert war –, aber er hatte richtig wütend gewirkt, schockiert sogar. Anscheinend hatte er wirklich nichts von dem Vorfall gewusst.

Sie bezweifelte jedoch, dass er tatsächlich etwas gegen Pillay unternehmen würde. Ella war schon zu oft enttäuscht worden, um einem Fremden zu vertrauen, auch wenn er reich und sexy war und heftiges Herzflattern bei ihr auslöste.

Abgesehen davon – was konnte er schon groß unternehmen? Jemanden wie Pillay öffentlich bloßzustellen war ein einziger PR-Albtraum. Der Mann war ein äußerst beliebter Entertainer und galt noch dazu als vorbildlicher Familienvater und Ehemann. Kein Mensch würde glauben, dass hinter seiner perfekten Fassade dunkle Abgründe lauerten.

Mit dem Vorwurf sexueller Belästigung würde Micah dem Ruf seiner Firma schaden, und so ein Risiko ging kein erfolgreicher, milliardenschwerer Geschäftsmann freiwillig ein, schon gar nicht auf der Grundlage der Behauptung irgendeiner unbedeutenden Angestellten. Sie sollte das Thema daher endgültig abhaken und die letzten Tage in ihrem alten Job noch irgendwie durchhalten. Ella hatte schon so viel überstanden, da würde sie auch das noch hinkriegen!

Als Micah zwei Tage später zu Le Roux Events zurückkehrte, vergewisserte er sich zunächst, dass Winters’ Büro leer war, bevor er die Treppe zum ersten Stock hochstieg und die Ziffern an den Türen zählte.

Zehn, acht …

Anscheinend ging er in die falsche Richtung, denn Ella Yeung saß in Zimmer sechzehn. Er kehrte um, wobei er die neugierigen Blicke der Angestellten hinter ihren halbhohen Glaswänden ignorierte.

Zwölf, vierzehn …

Sechzehn!

Als er an Ellas offen stehende Tür klopfte und sie sich zu ihm umdrehte, fielen ihm als Erstes ihre langen hübschen Beine ins Auge. Die Versuchung, sie ausgiebiger zu betrachten, war groß – so wie die, ihren weißen Rock und ihr smaragdgrünes, ärmelloses Top zu bewundern, als sie jetzt auf ihn zukam. Aber er musste seine Bewunderung zügeln und professionell bleiben, auch wenn Ella Yeung etwas an sich hatte, das ihm den Kopf verdrehte. In Anbetracht dessen, was sie in letzter Zeit durchgemacht hatte, musste er sogar ultraprofessionell sein!

Als er den Blick zu ihrem Gesicht hob, sah sie ihn nicht nur kühl, sondern auch neugierig an. Wahrscheinlich hatte sie schon mitbekommen, dass Winters und der Personaltyp weg waren, und fragte sich jetzt, wie es dazu gekommen war. Und sie war der einzige Mensch hier, der das Recht auf Antworten hatte.

„Darf ich reinkommen?“, fragte Micah, nachdem er ihr die Hand geschüttelt hatte.

„Klar.“ Sie winkte ihn ins Büro und setzte sich auf die Schreibtischkante, ohne ihn dazu aufzufordern, Platz zu nehmen.

Er ließ den Blick über einen Stapel staubiger Kartons in einer Ecke, ein paar alte Stühle und zwei kaputte Aktenschränke gleiten. Auf einem abgeschabten Holztisch stand ein Laptop.

In den letzten achtundvierzig Stunden hatte er eine Menge über Ella Yeung herausgefunden. Die Vorstellung, dass man sie in diesen schrecklichen Raum verbannt hatte und sie hier nur ihr bemerkenswertes Talent verschwendete, machte ihn stinkwütend. Winters konnte von Glück sagen, dass er schon weg war, sonst würde Micah ihn schon allein deswegen feuern!

„Ich wollte Sie persönlich über die neuesten Entwicklungen informieren.“ Er schob vorsichtshalber die Hände in die Hosentaschen, weil er Ella am liebsten berührt hätte, und zwar überall. Warum musste er sich ausgerechnet zu der einzigen Frau auf der Welt hingezogen fühlen, die absolut und komplett tabu für ihn war?

„Die Gerüchteküche brodelt gewaltig“, antwortete Ella. „Man sagt, Ben sei in den Vorruhestand gegangen, aber ich nehme an, Sie haben ihn entlassen?“

„Ja, habe ich.“

Und er würde es jederzeit wieder tun. Winters hatte sich nämlich im Gespräch mit Micah als ausgewachsener Frauenfeind entpuppt. Micah wäre fast explodiert, als Winters Ella unterstellt hatte, Pillay schöne Augen gemacht zu haben. Er hatte sich geweigert, diesen Widerling auch noch mit einer Frühpensionierung zu belohnen, und hatte den Mann kurzerhand gefeuert – und die Versager aus der Personalabteilung gleich mit.

Ella verschränkte nickend die Arme vor der Brust. „Danke.“

Er schüttelte den Kopf. „Es war das einzig Richtige. Es tut mir nur leid, dass es so lange gedauert hat. Sollten Sie Ihre alte Position zurückhaben wollen, würden wir Sie mit Kusshand nehmen. Ich habe mich nämlich umgehört, und Sie sind verdammt gut in Ihrem Job. Sie würden natürlich erheblich mehr Gehalt bekommen als vorher. Ich muss Ihnen nämlich leider mitteilen, dass Winters sich auch nicht an die Richtlinie gehalten hat, gleiche Gehälter für gleiche Leistung zu bezahlen.“

Ella presste die Lippen zusammen. „Das überrascht mich nicht.“

„Wir werden diese Firma komplett umstrukturieren, und wir möchten, dass Sie dabei mitmachen.“

„Haben Sie Pillay auch schon rausgeworfen?“

Schuldbewusst verzog Micah das Gesicht. „Das würde ich ja gern, und mein Bruder genauso, aber unsere Anwälte haben uns geraten zu warten, bis wir mehr gegen ihn in der Hand haben. Ich habe daher einen Privatdetektiv angeheuert, um weitere Frauen zu kontaktieren, die er …“

„Ich kann Ihnen sofort ein paar Namen von Frauen nennen, die seinetwegen die Firma verlassen haben“, fiel Ella ihm ins Wort.

Micah nickte. „Das wäre hilfreich, danke. Wenn meine Assistentin diese Frauen zu einer Aussage bewegen kann, macht das Ihren Vorwurf glaubhafter.“

Ella holte tief Luft. „Rational kann ich das nachvollziehen, aber eigentlich sollte meine Aussage reichen“, sagte sie mit vor Wut zitternder Stimme.

Micah unterdrückte den Impuls, sie in die Arme zu nehmen und sie zu trösten, denn das wäre völlig unangebracht. Er konnte jedoch nicht widerstehen, ihre Linke zu nehmen und sie sanft zu drücken. „Das sollte sie allerdings, aber die Realität sieht leider anders aus. Ich will den Kerl fertigmachen, Ella, aber ich fürchte, wir müssen uns noch etwas gedulden.“

Frustriert sah sie ihn aus ihren ungewöhnlichen braunen Augen an. Micah merkte ihr an, dass sie drauf und dran war zu protestieren, doch zu seiner Erleichterung holte sie nur tief Luft und nickte dann. „Ich habe vor, nach England auszuwandern, wenn mein Vertrag ausläuft. Wenn Pillay bis dahin nicht rausgeworfen wurde, kehre ich auf keinen Fall zurück.“

Dann setzte sie ihm also eine Frist. Nur gut, dass er unter Druck immer zur Höchstform auflief, denn er hatte nicht die Absicht, diese Frau zu verlieren. Ihre berufliche Kompetenz, korrigierte er sich selbst … Gute Angestellte waren nun mal nicht leicht zu finden.

Ihm fiel auf, dass sie den Blick zu seinen Händen senkte. Sehnte sie sich etwa danach, dass er sie wieder berührte? Bei der Vorstellung breitete sich ein lustvolles Prickeln von seiner Hand über seinen Arm aus und rieselte ihm die Wirbelsäule entlang. Es fiel ihm verdammt schwer, sich nichts anmerken zu lassen, aber am liebsten hätte er Ella in seine Arme gezogen und ausgiebig ihre sexy Lippen geküsst! Dabei fragte sie sich wahrscheinlich gerade, und das zu Recht, wie er dazu kam, einer Angestellten die Hand zu drücken! Und noch dazu einer, die erst kürzlich sexuell belästigt worden war.

Hatte er denn komplett den Verstand verloren?! Was hatte er sich nur gedacht?

Er ballte die Hände zu Fäusten. „Sorry, ich hätte Sie nicht berühren dürfen.“

Ella schüttelte den Kopf. „Ist schon gut, ich … äh … vermute, Sie wollten mich nur beruhigen.“

Beruhigen … klar doch.

Sollte sie das ruhig glauben. Sie brauchte nicht zu wissen, dass er so scharf auf sie war, dass er kaum noch geradeaus denken konnte.

So, und jetzt kam der schwierige Teil des Gesprächs …

Micah beschloss, direkt zur Sache zu kommen: „Hören Sie, Ella, wir wissen beide, dass Sie meine Firma verklagen könnten, wenn Sie wollen, und dass wir Ihnen dann eine große Entschädigung zahlen müssten. Haben Sie so etwas vor?“

Sie zögerte kurz. „Ich habe darüber nachgedacht, aber noch keine Entscheidung getroffen.“ Sie wich seinem Blick aus. „Ihr Angebot, mir meinen alten Job zurückzugeben, ist verlockend – die Arbeit hier hat mir großen Spaß gemacht –, aber ich kann natürlich nicht für eine Firma arbeiten, die ich verklage. Das wäre etwas … na ja, unangenehm. Und sollte ich wirklich auswandern, will ich das alles hinter mir lassen.“

Micah beschloss, die Gelegenheit zu nutzen, ihr ein alternatives Angebot zu machen. Eins, das ihr eine Menge Geld bot, ohne dass sie sich vor Gericht streiten mussten, und das ihm vielleicht die Hilfe bot, die er so dringend brauchte. 

Nervös fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar. „Was halten Sie von der Idee, die nächsten drei Wochen nicht nur mit Däumchendrehen zu verbringen?“

Ihre Augen blitzten interessiert auf, doch ihr Blick blieb wachsam. „Und was würde ich stattdessen tun?“

Jetzt kam der schwierige Part. Wie viel durfte er ihr verraten? Thadie war der Traum eines jeden Paparazzo – wunderschön, reich und berühmt. Bisher war es ihnen gelungen, das Fiasko mit der abgesagten Hochzeitslocation geheim zu halten, und das sollte auch so bleiben. Die Story wäre für die Presse der perfekte Aufhänger für wilde Spekulationen, und da Clyde, Thadies Verlobter, als ehemaliger Rugby-Star und gegenwärtig als Sportmoderator eine Art Nationalheld war, war das öffentliche Interesse an den beiden groß.

Je weniger Ella daher erfuhr, desto besser. Andererseits würde sie sich dann vielleicht nicht die nötige Mühe geben …

Er beschloss, sich langsam vorzutasten. „Wenn Sie sich bereit erklären, uns nicht zu verklagen, zahle ich Ihnen hunderttausend Pfund dafür, einen privaten Auftrag für mich zu erledigen.“

Verblüfft starrte sie ihn an. „Was für einen Auftrag?“

„Ich brauche eine Location für einen ganz bestimmten Termin in zwei Monaten. Wenn es Ihnen gelingt, eine an Land zu ziehen, zahle ich Ihnen weitere hunderttausend – unter der Voraussetzung, dass die Öffentlichkeit nichts von der Suche, der Location selbst und unserer Zusammenarbeit erfährt. Falls Sie den Auftrag nicht übernehmen wollen, bekommen Sie trotzdem hunderttausend – als Entschädigung für die Art, wie man hier mit Ihnen umgegangen ist. Ich weiß, kein Geld der Welt kann das wiedergutmachen, aber …“ Er zuckte die Achseln. „Leider ist das alles, was ich Ihnen bieten kann.“

Ella legte den Kopf schief. „Ich glaube, wir wissen beide, dass jeder Anwalt, den ich einschalten würde, mehr verlangen würde.“

Da hatte sie recht. „Nennen Sie mir eine Summe“, schlug er vor.

Sie überlegte ein paar Sekunden. Zu seiner Überraschung verlangte sie nur weitere hunderttausend. Viel zu wenig, fand er. Sie verdiente mehr. Viel mehr.

„Wie wär’s mit zweihundertfünfzigtausend sofort und das Gleiche noch mal, wenn Sie fündig werden?“

Ella sah ihn fassungslos an. „Fünfhundertausend Pfund?! Mit dem Geld könnte ich eine eigene Eventagentur eröffnen und vielleicht sogar eine Location für Luxusevents kaufen. Ich würde mich nämlich gern auf Familienfeiern spezialisieren – Hochzeiten, Geburtstage und so. Darin bin ich gut.“

„Wie ich gehört habe, sind Sie in allem gut, was Sie machen.“

Errötend wandte sie den Blick ab. Sie versuchte, sich cool und unbeteiligt zu geben, aber Micah merkte ihr an, dass er sie nicht kaltließ. Er kannte sich mit Frauen aus und erkannte die nonverbalen Signale, wenn die Anziehung gegenseitig war.

Er gefiel Ella. Sie zeigte das nicht offen, indem sie sich über die Lippen leckte oder das Haar zurückwarf. Im Gegenteil, sie schien sich eher gegen ihre Reaktion auf ihn zu wehren, doch der rasche Puls an ihrem Hals, ihre kleinen, harten Nippel unter ihrem Top und ihre rosigen Wangen verrieten sie.

Innerlich fluchend rieb er sich das Kinn. Es war ihm tatsächlich gelungen, eine Eventmanagerin zu finden, aber die heftige gegenseitige Anziehung zwischen ihnen machte die Angelegenheit unnötig kompliziert.

Ella war seine Angestellte, und noch dazu die Letzte, mit der er etwas anfangen sollte. Selbst wenn sie nicht belästigt worden wäre – er und Jago hatten vereinbart, dass sie Beruf und Privatleben immer strikt getrennt halten würden. Die Eskapaden ihres Vaters hatten die Firma im Laufe der Jahre viele gute weibliche Angestellte gekostet.

Normalerweise hatte Micah kein Problem damit, sich zu beherrschen – nach zwanzig Jahren Übung war er sogar ein wahrer Meister darin –, aber in diesem Moment brauchte er seine ganze Willenskraft, um Ella nicht zu küssen. Er sehnte sich danach, herauszufinden, wie sie schmeckte, wie sich ihre Haut anfühlte, wie es war, in ihre warme Hitze einzudringen …

Abrupt stand er auf und ging zum Fenster, um es weit aufzureißen. Bisher hatte er nie ein Problem damit gehabt, Arbeit und Sex zu trennen. Aber mit dieser Frau zu verhandeln, zu der er sich so extrem stark hingezogen fühlte, war die reinste Hölle für ihn.

Diese Woche schien immer komplizierter zu werden!

3. KAPITEL

Eine halbe Million Pfund?! Halluzinierte sie etwa?

Nein, Micah sah nicht aus, als scherzte er. Sein Blick war todernst, genauso sein Gesichtsausdruck.

Ella öffnete schon den Mund, um Ja zu sagen, klappte ihn dann jedoch wieder kopfschüttelnd zu. Was war er, ein Schlangenbeschwörer etwa? Lächerlich!

Ihr Blick fiel auf sein sehniges Handgelenk, an dem eine Vintage-Rolex aus den Sechzigern prangte. Die Uhr passte zu seiner coolen, maskulinen, fast etwas wilden Ausstrahlung.

Es gab weitere Anzeichen jugendlicher Rebellion. Am anderen Handgelenk trug er zwei Armbänder – eins aus geflochtenem Leder und eins mit schwarzen, blauen und silbernen Perlen. Sein Dreitagebart war etwas zu lang, um gestutzt zu sein, und seine Nase sah aus, als sei sie ihm mehr als nur einmal gebrochen worden. Die winzigen Löcher in seinen Ohrläppchen ließen auf frühere Ohrringe schließen, und durch sein Hemd erkannte sie den Umriss eines Tattoos auf seiner Brust.

Kein Zweifel, hinter den Designersachen und der CEO-Rolle steckte ein Rebell, und irgendwie fand sie das heiß – genauso wie den Mann an sich.

Sie sah ihm hinterher, als er zum Fenster ging. Seit er ihr Büro betreten hatte, wurde die Atmosphäre im Zimmer immer spannungsgeladener, so wie die Luft vor einem Gewitter, wenn in der Ferne Blitze zuckten und der Donner grollte. Sie fühlte sich primitiv, fast elementar – wie Eva im Paradies, kurz davor, zum ersten Mal Regen zu schmecken.

Himmel, was war nur los mit ihr?! Sie brauchte Zeit zum Nachdenken, denn sie musste sich gut überlegen, was sie ihm antwortete. Ihr Blick fiel auf die Tür.

Sie war geschlossen.

Die Tür war zu, und ihr war das noch nicht mal aufgefallen! Erschrocken fasste sie sich an den Hals. Panik stieg in ihr auf. Die Tür musste wieder auf, und zwar sofort! Hinter geschlossenen Türen konnten schreckliche Dinge passieren, vor allem, wenn man allein mit einem Unbekannten war!

Abrupt stand sie auf und eilte zur Tür. Sie spürte Micahs Blick im Rücken, als sie sie weit aufriss und einen Karton holte, um ihn auf die Schwelle zu stellen, damit die Tür nicht wieder zufiel.

Sich mit einer Hand durchs Haar fahrend sah er zwischen der offenen Tür und Ella hin und her, bevor er zu ihrer Überraschung ihre Wasserflasche vom Schreibtisch nahm, sie aufschraubte und ihr reichte.

Wer war dieser Mann?!

Während Ella trank, wartete sie darauf, dass ihr Herzschlag sich wieder beruhigte. Ihre Panik ließ nach, und ihre Atemzüge wurden langsamer, aber ihr Herz schlug immer noch so heftig, als hätte sie vor ihm noch nie einen attraktiven Mann gesehen.

Aber ehrlich gesagt war ihr bisher auch noch kein Mann begegnet, der so schonungslos direkt und zugleich einfühlsam war wie Micah Le Roux. Hatte sie sexy schon erwähnt?

Konzentrier dich, Ella!

Wider Willen war sie beeindruckt von seinem Angebot. Sie hatte gerade etwas geflunkert. In Wirklichkeit hatte sie nämlich nie ernsthaft darüber nachgedacht, Le Roux International zu verklagen – zum einen wegen der Kosten und zum anderen, weil sie die letzten Monate wirklich vergessen wollte. Aber wenn Micah sie von sich aus im Austausch gegen ein bisschen Hilfe großzügig entschädigen wollte, wäre es dumm von ihr, das auszuschlagen. Vor allem, wenn das Geld ihr ermöglichen würde, eine eigene Firma zu gründen …

„Okay, ich soll also für Sie eine Location finden, und dafür würden Sie mir eine Menge Geld zahlen. Wo ist der Haken?“

Micahs Gesichtszüge verhärteten sich. „Wie schon gesagt, es ist zwingend erforderlich, dass keine Informationen über den Ort, den Anlass oder irgendetwas, was wir besprechen, nach außen dringen.“

Ella verzog das Gesicht. Sie legte großen Wert auf Diskretion und würde nie, niemals irgendwelche geschäftlichen Informationen weiterleiten. Schon gar nicht, seit sie aus eigener Erfahrung wusste, wie es war, im Mittelpunkt von Büroklatsch und Spekulationen zu stehen.

„Ob Sie es glauben oder nicht, ich bin absolut diskret, Mr. Le Roux!“ Mehr würde sie nicht dazu sagen. Sie hatte nicht die Absicht, ihn zu überzeugen. Von ihr aus konnte er glauben, was er wollte.

Micah nickte nach kurzem Zögern, und erzählte wie seine Schwester ihre Hochzeitslocation verloren hatte und dass sie und ihre Hochzeitsplanerin Anna de Palmer-Whyte noch keinen Ersatz gefunden haben. Ella war entsetzt. Das Hotel gehörte zu den Lieblings-Hochzeitslocations der gesellschaftlichen Elite des Landes! Und das aus gutem Grund. Es war ein märchenhaftes Gebäude mit einem herrlich prunkvollen Ballsaal und wunderschönen Gärten. Das zu verlieren war eine Katastrophe!

„Das tut mir leid“, sagte sie mit aufrichtigem Mitgefühl für Thadie Le Roux. „Haben Sie eine Ahnung, wer so etwas Schreckliches getan haben könnte?“

Micah schüttelte grimmig den Kopf. „Derjenige wird sich jedenfalls noch umsehen, wenn ich ihn finde!“ Er fuhr sich mit einer Hand durch die Locken. „Aber jetzt müssen wir erst mal eine Alternative finden.“

Ella runzelte verwirrt die Stirn. „Sollte Anna diese Aufgabe nicht übernehmen?“

Seine Augen wurden noch blauer, falls das überhaupt möglich war. „Anna hat bisher nichts gefunden, also habe ich ihr vorgeschlagen, den Radius zu erweitern. Wenn Sie zusagen, sehen wir uns gemeinsam ein paar Optionen außerhalb von Johannesburg an. Ich dachte zuerst an Clarens.“

O je, dachte Ella. Er erwartete anscheinend von ihr, viele Stunden auf engstem Raum mit ihm zu verbringen. Das schaffte sie nicht, noch nicht mal für eine halbe Million Pfund. Himmel, sie konnte noch nicht mal in einem Zimmer mit ihm sein, wenn die Tür zu war!

„Ich dachte, wir fahren mit dem brandneuen Bentayga und wechseln uns am Steuer ab …“

„Was, ich soll auch fahren?“, unterbrach Ella ihn überrascht.

„Da ich zwischendurch arbeiten muss, erwarte ich das sogar von Ihnen.“

Wow! Das war natürlich ein großer Anreiz, und Micahs Lächeln nach zu urteilen wusste er das ganz genau.

„Wir werden in erstklassigen Hotels übernachten und gut essen und trinken, und Sie kommen endlich aus diesem schäbigen Büro hier raus und sehen einige der schönsten Gegenden des Landes“, fügte er hinzu.

Großer Gott, war die Versuchung groß! Eigentlich war sie sich zu fünfundneunzig Prozent sicher, dass ihr von ihm keine Gefahr drohte und er nichts machen würde, was sie nicht wollte – ach was, es würde gar nichts zwischen ihnen passieren! –, aber die restlichen fünf Prozent Unsicherheit ließen ihr trotzdem keine Ruhe.

Doch ehrlich gesagt war das nicht der einzige Grund für ihr Zögern. Der andere Grund war, dass sie sich insgeheim sogar danach sehnte, dass etwas zwischen ihnen passierte.

Sie fand Micah Le Roux nämlich erschreckend anziehend. Sie wollte ihn umarmen, die Nase an seinem Hals reiben und ihm das Hemd aus der dunklen Designerhose ziehen. Seit Pillay sie betatscht hatte, hatte sie sich nicht vorstellen können, je wieder Lust auf einen Mann zu haben, aber hier war sie und fragte sich, ob Micahs Lippen so gut schmeckten, wie sie aussahen, wie gut er bestückt war und ob er jene sexy Hüftmuskeln hatte, auf die sie bei Männern so stand.

Sie wollte ihn – heftiger und intensiver, als sie je einen anderen Menschen gewollt hatte, und das verunsicherte sie total. Denn was war, wenn tatsächlich etwas zwischen ihnen passierte – etwas, das sie sogar gewollt hatte –, und dann bekam sie plötzlich doch Angst? Was würde er von ihr halten? Könnten sie dann überhaupt noch zusammenarbeiten? Nein, es war sicherer, Nein zu sagen! Sie würde dann immer noch zweihundertfünfzigtausend Pfund Entschädigung bekommen, das musste reichen.

Sie zwang sich, seinen Blick zu erwidern. „Sorry, aber ich fürchte, ich bin nicht die Richtige für den Auftrag.“

Ella sah Frustration in seinem Blick und dann einen Anflug von Panik. Es war ihm anscheinend sehr wichtig, eine passende Location für seine Schwester zu finden, was Ella irgendwie rührend fand, aber davon sollte sie sich in ihrer Entscheidung nicht beirren lassen. Micah war groß, kräftig und sehr sportlich. Körperlich hätte sie keine Chance gegen ihn. Ihr Bauchgefühl sagte ihr zwar, dass er zu den Guten gehörte, aber ganz sicher konnte man sich da nie sein.

Sie zwang sich aufzustehen und ihm zum Abschied die Hand zu schütteln. „Ich nehme die Zweihundertfünfzigtausend, passe aber, was das andere Angebot angeht. Anna de Palmer-Whyte ist eine ganz hervorragende Hochzeitsplanerin. Ich bin überzeugt, dass sie auch ohne meine Hilfe fündig wird.“ Rasch drehte sie sich um und verließ das Zimmer, bevor sie es sich womöglich noch anders überlegte.

Als Ella am Ende ihres langen, interessanten und seltsamen Arbeitstages zu ihrem Wagen zurückkehrte, hatte sie eine weitere Entscheidung getroffen: Auf keinen Fall würde sie zu ihrem alten Job bei Le Roux Events zurückkehren.

Vorerst war sie sowieso nicht auf einen Job angewiesen. Das Geld, das Micah ihr als Entschädigung versprochen hatte, gab ihr Zeit, sich erst mal zu orientieren, aber auswandern würde sie trotzdem. Wenn sie schon neu anfangen musste, konnte sie das genauso gut gleich im Ausland machen. In England könnte sie sich praktisch völlig neu erfinden und …

„Siebenhundertfünfzigtausend, und nichts wird passieren.“

Erschrocken hob sie den Kopf und sah Micah Le Roux gegen die Tür ihres kirschroten Wagens lehnen. Eine Designer-Sonnenbrille schützte seine Augen vor der noch immer starken Spätnachmittagssonne, die goldene Strähnen in sein hellbraunes Haar zauberte.

Vorhin war sie erst nach dreißig Minuten in ihr Büro zurückgekehrt, um ganz sicherzugehen, dass er bei ihrer Rückkehr verschwunden sein würde, und hatte dann den Rest des Nachmittags damit verbracht, ihn zu googeln. Seitdem wusste sie, dass er möglichst viel Freizeit im Freien verbrachte, wo er unter anderem für Triathlons trainierte und segelte. Und dass er seine Familie liebte, die aus seinem Zwillingsbruder Jago, seiner erheblich jüngeren Halbschwester Thadie, einer prominenten Social-Media-Influencerin, und deren Zwillingssöhnen bestand.

Dem allwissenden Internet zufolge war er gerade Single und anscheinend sowieso nicht der Beziehungstyp. Micah Le Roux mochte die Abwechslung und trug seinen Junggesellenstatus wie ein Ehrenabzeichen. Er mochte Rotwein, wohnte auf dem historischen Landsitz seiner Familie in Sandhurst und zählte zu Afrikas einflussreichsten Männern unter vierzig.

Und genau dieser Mann stand gerade neben ihrem Wagen und wartete auf sie.

Ellas Herz machte einen Satz, ihr stockte der Atem, und ihr lief ein Schauer über den Rücken. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass sich ihr Gehirn schon bei seinem bloßen Anblick ausschaltete und ihre Glieder schwer wurden? Sie hatte beruflich schon mit vielen reichen und gut aussehenden Männern zu tun gehabt, aber keiner hatte sie je so aus dem Gleichgewicht gebracht und ihr ihre Weiblichkeit so bewusst gemacht wie Micah.

„Was sagen Sie jetzt, Ella?“, fragte er, während sie ihr Auto per Fernbedienung aufschloss. Sie ging an ihm vorbei und verstaute ihre Tasche im Kofferraum. „Kein Interesse.“

Das war glatt gelogen. Natürlich hatte sie Interesse. Aber eben auch Angst.

„Das nehme ich Ihnen nicht ab.“ Er hob abwehrend eine Hand, als sie Anstalten machte zu widersprechen. „Das sehe ich an Ihrem Blick. Sie wollen mir helfen. Und das zusätzliche Geld reizt Sie auch.“

Ella rümpfte die Nase. Natürlich interessierte das Geld sie. Sie war schließlich keine Heilige.

Micah lehnte sich wieder gegen ihren Wagen und sah sie intensiv aus tiefblauen Augen an. „Sie haben einfach nur Angst, mit mir allein zu sein. Sorry, dass ich so lange gebraucht habe, das zu kapieren, aber besser spät als nie, oder?“

Ella musterte ihn verwirrt, um herauszufinden, ob er sie nur aufzog, aber er sah aus und klang, als meine er es ernst.

„Ich bin auf Ihre Hilfe wirklich dringend angewiesen, Ella, kann aber nachvollziehen, dass Sie mir nicht trauen. Sie haben jeden Grund dafür.“ Tief Luft holend fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar. „Ich weiß nicht, wie ich Sie beruhigen soll, aber ich kann Ihnen ...

Autor

Joss Wood
Schon mit acht Jahren schrieb Joss Wood ihr erstes Buch und hat danach eigentlich nie mehr damit aufgehört. Der Leidenschaft, die sie verspürt, wenn sie ihre Geschichten schwarz auf weiß entstehen lässt, kommt nur ihre Liebe zum Lesen gleich. Und ihre Freude an Reisen, auf denen sie, mit dem Rucksack...
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