Julia Saison Band 93

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WIEDERSEHEN UNTERM MISTELZWEIG von CARA COLTER

Schweren Herzens fährt Hanna ins verschneite Christmas Valley, um die Tannenbaumschule ihrer Eltern zu verkaufen. Dort erwartet sie eine Überraschung: Der Käufer ist ihre erste Liebe Sam Chisholm! Ist der Bad Boy nun erwachsen und bereit für mehr?

VERFÜHRT VON SO VIEL ZÄRTLICHKEIT von CAROLE MORTIMER

Das Fest der Liebe steht bevor – und der umwerfende Gabriel Vaughan überschüttet Jane schon jetzt mit seinen sinnlichen Küssen. Denn er ahnt nicht, wer sie wirklich ist. Und Jane fürchtet sehr, was passiert, wenn er es erfährt!

VERLIEBT HOCH FÜNF von KAREN TEMPLETON

Oh nein! Ihre Schauspielschülerin will Claire mit ihrem Vater, dem sexy Witwer Ethan Noble, verkuppeln. Die beiden Hauptdarsteller dieser romantischen Komödie wollen davon allerdings nichts wissen. Doch zu Weihnachten liegt ein besonderer Zauber in der Luft …


  • Erscheinungstag 24.10.2026
  • Bandnummer 93
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539692
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cara Colter, Carole Mortimer, Karen Templeton

JULIA SAISON BAND 93

Cara Colter

1. KAPITEL

„Ich kündige!“

Hanna Merrifield legte die Hand über den Hörer, um zu verhindern, dass ihre Arbeitskollegen das Gebrüll mithörten.

„Bitte beruhigen Sie sich, Mr. Dewey“, versuchte sie, den Anrufer zu beschwichtigen. „Sie können doch nicht einfach kündigen.“

„Was?!“, schrie Mr. Dewey aufgebracht. „Ich kann nicht?“

„Sie würden mich damit in große Schwierigkeiten bringen.“ Hanna warf einen Blick auf den Kalender. „Heute ist der dreizehnte November. Weihnachten steht vor der Tür.“

„Ich pfeife auf Weihnachten.“

Damit brachte der aufgebrachte Mann allerdings ihre eigenen Gefühle zum Ausdruck. Hanna kniff die Augen zusammen, um den unerledigten Aktenstapel auf ihrem Schreibtisch nicht sehen zu müssen.

Bitte nicht jetzt, wollte sie den Verwalter der Farm anflehen, die sich seit Generationen im Besitz ihrer Familie befand. Doch seit dem Tod ihrer Mutter vor sechs Monaten war sie als einzige Erbin dafür verantwortlich.

Christmas Valley Farm, der Ort, an den sie nie wieder zurückkehren wollte.

Und bis zu diesem Telefonat hatte es so ausgesehen, als bliebe ihr das erspart.

„Wollte nicht morgen jemand zur Besichtigung vorbeikommen?“, fragte sie Mr. Dewey. „Ein potenzieller Käufer?“ Sie verkniff sich das Wort endlich. „Könnten Sie bitte den Termin abwarten und mir die Chance geben, einen neuen Verwalter zu finden? Dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar …“

„Hören Sie sich das an!“ Durch die Telefonleitung war grässlicher Lärm zu hören: Quietschende Reifen, wütendes Hupkonzert.

„Um Himmels willen, was ist passiert?“

„Das gottverdammte Pony ist wieder mal auf der Landstraße. Ich hab es satt. Ich habe dieses störrische Biest satt, ich habe die Leute satt, die jeden Tag hier aufkreuzen und Bäume oder Kränze und Schlittenfahrten wollen. Ich habe diesen ganzen Weihnachtsrummel satt. Ich hasse alles, und am meisten hasse ich dieses bockige Pony, diese verfluchte Molly.“

Ehrlich gestanden, fasste er mit seiner Schimpftirade sämtlichen Widerwillen zusammen, den Hanna in ihrer Kindheit und Jugend auf der Farm aufgestaut hatte.

Ihr Unmut über die Arbeit, die Hektik, das Wichtelkostüm und die neuen Ideen ihres Vaters, um den Verkauf von Christbäumen und Weihnachtsschmuck anzukurbeln, hatte sich damals in den letzten Wochen vor Weihnachten gesteigert.

„Mr. Dewey“, fragte Hanna vorsichtig, „haben Sie getrunken?“

„Ja, habe ich, aber noch längst nicht genug.“

Und dann wurde es stumm in der Leitung. Sie rief ihn augenblicklich zurück – er konnte doch Molly nicht alleine auf der Landstraße herumirren lassen – aber Mr. Dewey hob den Hörer nicht ab.

Sie saß wie gelähmt an ihrem Schreibtisch. Ein freilaufendes Pony auf der Landstraße. Und kein Verwalter während der besten – der einzigen – Saison im Jahr, die Geld einbrachte.

Die Gewinne der Farm waren in den letzten zehn Jahren stetig gesunken. Der Gedanke, sich selbst um den Betrieb kümmern zu müssen, schnürte Hanna die Kehle zu.

Die Farm musste verkauft werden, dringender denn je. Sie musste persönlich mit dem Interessenten sprechen. Mr. Dewey wäre in seinem momentanen Gemütszustand ohnehin nicht fähig, ein vernünftiges Verkaufsgespräch zu führen.

Und dann? fragte Hanna sich bang. Die Wochen bis Weihnachten konnte sie sich unmöglich freinehmen. Sie zwang sich, ruhig zu atmen.

Eins nach dem anderen. Die Fahrt von New York zur Farm dauerte zwei Stunden. Bis zu ihrer Ankunft könnte die bissige Molly schon totgefahren worden sein, deren Ableben allerdings ein Segen wäre.

Dieser herzlose Gedanke schoss Hanna durch den Sinn – den sie gewiss mit Mr. Dewey teilte. Wenn es das Pony nicht mehr gäbe, könnte sie ihn vielleicht überreden, noch eine Weile zu bleiben.

Ein sicheres Zeichen ihrer tiefen Verzweiflung, diesen unzuverlässigen Mann zum Bleiben überreden zu wollen.

Sie bemühte sich, einen klaren Gedanken zu fassen. Was war das Wichtigste in einer renommierten Steuerkanzlei?

Zuverlässigkeit, Zuverlässigkeit, Zuverlässigkeit.

„Es tut mir schrecklich leid“, stammelte Hanna ein paar Minuten später und wagte kaum, Mr. Banks ins Gesicht zu sehen. „Ich muss ein paar Tage freinehmen. Dringende Familienangelegenheiten.“ Das stimmte nicht wirklich, da sie keine Familie mehr hatte.

Es gab auch keine Hoffnung auf eine Familie, wie sie sich wehmütig gestand. Ihr Verlobter Darren hatte sie einen Monat nach dem Tod ihrer Mutter verlassen.

Aber daran wollte sie im Moment nicht denken. Ihr größtes Problem war ein freilaufendes Pony, das Verwüstungen anrichtete, die ihr Anzeigen und Schadensersatzforderungen ins Haus flattern ließen.

Mr. Banks zeigte nicht das geringste Verständnis, musterte sie nur missbilligend über den Rand seiner Brille.

Seit dem Ende ihrer Verlobung hatte Hanna sich in die Arbeit gestürzt, Vierzehn-Stunden-Arbeitstage waren keine Seltenheit, mit denen sie ihren Kummer bewältigte und ihren Seelenfrieden wiederfand.

Sehr zu Mr. Banks Wohlgefallen, der ihre baldige Beförderung ins Auge gefasst hatte.

„Wie lange?“, fragte er scharf.

„Zwei Tage“, antwortete Hanna eilig.

Nach eingehender Überlegung seufzte er tief, als sei sie die bitterste Enttäuschung seines Lebens. „Keine Stunde länger“, erklärte er streng.

Damit schien ihre Beförderung in ähnlich großer Gefahr zu schweben wie Molly auf der Landstraße.

Noch vor wenigen Monaten war Hannas Leben in ruhigen und sicheren Bahnen verlaufen, ihre Zukunft schien auf Stein gebaut. Sie hatte Erfolg in ihrem Beruf, hatte Hochzeitsvorbereitungen getroffen … und dann war das Entsetzliche eingetreten: Alles war zerplatzt und hatte sich in Luft aufgelöst.

Sam Chisholm schaltete die Scheibenwischer schneller. Dicke Schneeflocken klatschten gegen die Windschutzscheibe und schmolzen. Der frühe Wintersturm wurde heftiger. Die Äste der Bäume bogen sich unter der Schneelast, am Straßenrand bildeten sich hohe Schneewehen.

Hier oben im Staat New York glich die Landschaft einem Weihnachtsidyll, und der Schneesturm erhöhte den Zauber des winterlichen Bildes.

Weiß überzuckerte, sanfte Hügelketten. Aus den Fenstern der verstreuten Farmhäuser ergoss sich goldener Lichtschein. Kühe und Pferde waren dunkle Silhouetten gegen den verschneiten Hintergrund. Sam fuhr auf schmalen Brücken über plätschernde Bäche, die wie Silberlametta glitzerten.

Er kannte sich in der Gegend aus, allerdings hatte sich im Lauf der Zeit manches verändert, und er fragte sich, ob er die Abzweigung finden würde.

Da war sie.

Christmas Valley Farm.

In letzter Sekunde bemerkte er das verblichene, unbeleuchtete Schild. Nicht eben geschäftsfördernd, dachte er bei sich, denn Kunden suchten sich ihre Weihnachtsbäume gern nach Feierabend aus.

Sam schlug das Lenkrad scharf ein, die Reifen drehten durch. Es gab auch ein Schild „Zu verkaufen“, noch verblichener als das erste Schild. Frische Reifenspuren im Schnee wiesen darauf hin, dass kürzlich ein Fahrzeug schlingernd die schmale Zufahrtsstraße entlanggefahren war.

Seltsam. Er hatte einen Besichtigungstermin vereinbart. Um einen positiven Eindruck zu erwecken, sollte die Zufahrt geräumt sein, ganz zu schweigen davon, dass man Kunden ihre Weihnachtseinkäufe erleichtern müsste.

Unvermutet tauchte rechts vor ihm am Straßenrand eine Erscheinung auf. Eine zwergenhafte Gestalt im Kapuzenmantel stapfte gebeugt durch den Schnee und zog ein behäbiges Pony hinter sich her.

Doch plötzlich scheute das Tier, vom Scheinwerferlicht geblendet, schlug aus und sprang direkt vor Sams Auto. Statt loszulassen, umklammerte der Zwerg verbissen die Leine, fiel auf die Knie und wurde durch den Schnee geschleift.

Sam trat scharf auf die Bremse, die Reifen fanden keinen Halt, und dann gab es einen dumpfen Knall.

Der Wagen kam zum Stehen, Sam rannte nach vorne. Der Zwerg lag auf den Knien vor der Kühlerhaube und spuckte Schnee. Ein rundliches braunes Pony mit zerzauster schwarzer Mähne lag halb unter der Stoßstange, strampelte mit pelzigen schneeverkrusteten Läufen durch die Luft, wieherte verärgert und rappelte sich hoch. Wutschnaubend beäugte es Sam, bevor es zum Straßenrand stelzte und aus sicherer Entfernung hasserfüllt die Augen rollte. Sam näherte sich ihm vorsichtig, aber mit jedem seiner Schritte machte das störrische Vieh einen Schritt rückwärts.

„Versuchen Sie nicht, sie zu fangen … Molly ist bissig“, warnte der kniende Zwerg mit erstaunlich weiblicher Stimme.

Wenn er stehen blieb, blieb auch das Pony stehen. Außerdem musste er sich um Wichtigeres kümmern.

„Sind Sie in Ordnung?“ Sam kauerte sich in den Schnee. „Wieso haben Sie nicht losgelassen, als das Pony scheute? Sie wurden direkt vor das Auto gezerrt!“

„Wenn ich nicht eine Stunde hinter ihr hergelaufen wäre, um sie einzufangen, hätte ich sie losgelassen.“

Etwas in ihrem gereizten und dennoch weichen Tonfall ließ Sam aufhorchen. Er schob ihr die Kapuze in den Nacken und vergaß zu atmen. Er blickte in die schönsten Augen, die er je gesehen hatte: haselnussbraun, grüngolden gesprenkelt. Unter der Kapuze quollen Locken hervor, im Scheinwerferlicht honigfarben schimmernd.

Das Wiedererkennen traf ihn wie ein Keulenschlag.

Hanna Merrifield war eine erwachsene Frau geworden, und sie hatte nichts von einem Zwerg an sich.

Unter der unförmigen Windjacke, die sie sich hastig übergeworfen hatte, trug sie einen eleganten schwarzen Hosenanzug, der die Rundungen ihrer schlanken Figur erahnen ließ.

Gereizt schüttelte sie sich den Schnee aus dem Haar und warf dem störrischen Pony wütende Blicke zu. Zartgrüner Lidschatten betonte die ungewöhnliche Farbe ihrer großen Augen. Sams Blick heftete sich auf ihre vollen rosigen Lippen. Und in quälender Deutlichkeit stieg die Erinnerung an die Wärme, Weichheit und den Geschmack dieser Lippen in ihm auf, die er einmal geküsst hatte.

Erst jetzt bemerkte er, dass seine Hand immer noch auf ihrer Schulter lag. Er zog sie hastig zurück. Gleichzeitig bemerkte er den rosigen Hauch an ihren hohen Wangenknochen, vielleicht vom kalten Nachtwind oder der Jagd nach dem Pony oder einem zarten Rougepinsel.

Wie auch immer, der rosige Hauch auf ihrem porzellanhellen Teint betonte die Makellosigkeit ihres Gesichts. Er erinnerte sich an sie als hübschen Teenager. Nun war sie zur Schönheit erblüht.

„Hanna. Hanna Merrifield“, sagte er und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, aus dem Schneeflocken rieselten. „Mr. Dewey sagte, du lebst nicht mehr hier. Schon seit Jahren nicht.“

„Das stimmt. Ich lebe nicht mehr hier“, entgegnete sie. Ihre leicht bebende Stimme verriet ihren inneren Aufruhr.

„Wieso bist du dann hier?“

„Mr. Dewey hat vor ein paar Stunden gekündigt, aber ich hatte gehofft, er besinnt sich bis morgen wieder. Er hatte mir am Telefon erzählt, das Pony wäre ausgebüxt und irrt auf der Landstraße herum.“

Sam sah sie als Teenager im Kostüm eines Weihnachtswichtels vor sich, als sie auf der Farm ihrer Eltern beim Verkauf von Tannen, den Besuchen von Santa Claus und Schlittenfahrten mit dem Pony ausgeholfen hatte. Vielleicht lag es an dem unförmigen Parka über ihrem eleganten Anzug, der ihn dazu brachte, sich an sie als Wichtel zu erinnern. Auch die viel zu großen Stiefel passten zum Bild eines Kindes, das erwachsen spielte.

Und er erinnerte sich so deutlich, als sei es gestern gewesen, an den Tag, als er sie in ihrem grünen Wichtelkostüm zwischen den Christbäumen ihres Vaters gesehen hatte. Damals war sie nicht älter als fünfzehn gewesen.

Es war das erste Mal, dass er von dem Mädchen Notiz genommen hatte, das seine Highschool besuchte, allerdings zwei Klassen unter ihm und daher unsichtbar für ihn war.

Aber in diesem Wichtelkostüm? Keineswegs unsichtbar. Niedlich und komisch, und ihre langen Beinen unter der kurzen grünen Tunika ließen etwas erahnen …

Sie hatte sich schrecklich geschämt, dass er und seine Freunde sie in dieser Verkleidung gesehen hatten. Wäre er damals der Mann gewesen, der er heute war, hätte er Taktgefühl besessen und vorgegeben, sie nicht bemerkt zu haben.

Aber er war ein frecher Bengel, dem es einen Heidenspaß machte, sie nach dieser Begegnung ständig zu hänseln, wenn sie ihm über den Weg lief. Sie sah entzückend aus, wenn sie ihn wütend anfauchte wie eine in die Enge getriebene Katze.

Doch eines Tages hatte Hanna Merrifield ihm ihre Krallen gezeigt, und das war eine Lektion, die Sam nicht vergessen hatte.

Nun wandte sie ihm ihre Aufmerksamkeit zu, musterte ihn fragend, wieso er ihren Namen kannte, und dann dämmerte ihr die Erkenntnis.

„Sam?“, fragte sie verblüfft. „Sam Chisholm?“

„Genau der.“

Hanna senkte den Blick auf ihre klobigen Stiefel und murmelte: „So ein Mist!“

Sam zog eine Braue hoch, und sie errötete.

„Man möchte ja einen guten Eindruck machen, wenn man einen alten Bekannten trifft.“ Sie reckte das Kinn und benagte ihre Unterlippe. „Ich bin Steuerprüferin bei Banks & Banks.“

Sam spürte, dass sie das Bild auslöschen wollte, das ihm in den Sinn gekommen war: Hanna als entzückender Weihnachtswichtel. Aber Hanna in einer Steuerkanzlei? Er verdrängte den Gedanken.

„Wieso um Himmels willen hast du das verdammte Pony nicht losgelassen?“

„Du hast gut reden“, entgegnete sie und schien ihre Hand mit der anderen zu stützen. „Ich hatte sie gerade eingefangen.“

„Hast du dir die Hand verletzt?“

„Nicht der Rede wert.“

„Wenn ich mich recht erinnere, hattest du auch früher Probleme mit einem Pony“, sagte er und handelte sich einen giftigen Blick ein.

„Es ist dasselbe Pony“, erklärte sie keineswegs freundlich. „Und sie hat sich wieder losgerissen.“

Allein seine Schuld, gab ihm ihr Tonfall zu verstehen.

„Na ja, anscheinend will sie nicht abhauen. Kann ich mir deine Hand mal ansehen?“

„Nein. Molly hält nichts von unnötiger Kraftanstrengung. Sie setzt sich erst in Bewegung, wenn ich versuche, sie zu fangen.“

Sam hielt Hanna die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Zögernd griff sie danach.

Und dann standen sie einander gegenüber. Sam glaubte, in ihren großen braunen Augen eine Spur von Trauer zu entdecken.

„Es tut mir leid wegen deiner Mutter“, murmelte er und drückte ihr mitfühlend die Hand, ehe er losließ. „Es müsste vor sechs Monaten gewesen sein, nicht wahr?“

Hanna nickte und mied seinen Blick.

Sam schob die Hände tief in die Taschen seines Ledermantels.

„Es tut mir auch leid, dass ich dich beinahe überfahren hätte. Du bist mit dem Pony plötzlich aus der Dunkelheit aufgetaucht. Denkst du, Molly ist in Ordnung?“

„Ich fürchte, ja“, antwortete sie düster, und er musste unwillkürlich schmunzeln. „Deshalb bin ich hier. Wegen dem bockigen Biest hat mein Verwalter gekündigt. Ich hoffe nur, ich kann ihm das ausreden.“

Sam sah zwar keinen Sinn darin, einen Angestellten zum Bleiben zu überreden, der sie offenbar schmählich im Stich gelassen hatte, behielt seine Meinung jedoch für sich.

„Schlechter Zeitpunkt, wie? So kurz vor Weihnachten. Das erklärt auch, wieso die Zufahrt nicht geräumt ist.“

„Abends ist der Weihnachtsmarkt nicht geöffnet, denke ich.“

Sein Geschäftssinn veranlasste ihn zu einem Einwand. „Aber nach Feierabend kommen doch die meisten Kunden, oder?“

„Die Saison hat eben erst begonnen“, erklärte Hanna, als müsse sie sich verteidigen, und dann seufzte sie. „Du hast ja keine Ahnung.“ Ihre Stimmung verdüsterte sich.

„Willst du darüber reden?“ Er stellte ihr die Frage aus geschäftlichem Interesse an der Farm, nicht weil er sich für ihre Person interessierte, ermahnte er sich.

Sie zögerte, dann meinte sie achselzuckend: „Es hat sich viel verändert. Seit die Farm von Verwaltern geleitet wird, geht es bergab.“

Dann schien sie sich zu besinnen, straffte die Schultern und setzte ein höfliches Lächeln auf. „Und du, Sam? Was hast du hier draußen verloren in diesem Schneegestöber, statt gemütlich vor dem Kamin zu sitzen und Kakao zu trinken? Willst du einen Weihnachtsbaum kaufen?“

„Ich bin nicht der Typ, der vor dem Kamin Kakao trinkt, schon gar nicht einer, der einen Weihnachtsbaum kauft.“

Er glaubte, etwas in ihren braunen Augen aufblitzen zu sehen. Es war verrückt zu denken, sie erinnere sich an den einzigen Kuss, den sie vor Jahren getauscht hatten. „Ich hörte, die Farm soll verkauft werden“, fuhr er fort. „Ich interessiere mich als potenzieller Käufer dafür.“

„Du?“, fragte sie entgeistert.

Sam Chisholm wollte die Christmas Valley Farm kaufen? Der Schock ließ sie den dumpfen Schmerz in ihrer Hand vergessen, weil sie die Leine nicht losgelassen hatte, wie es die Vernunft geboten hätte.

Erst jetzt registrierte sie die Veränderungen an Sam, den sie jahrelang nicht gesehen hatte.

Auf seinen breiten Schultern sammelte sich Schnee. Er trug einen langen Ledermantel mit hochgeschlagenem Kragen. Darunter wurde ein lässig geschlungener Kaschmirschal sichtbar.

Hätte sie diesen Mann erkannt, wenn sie ihm zufällig auf der Straße begegnet wäre? In ihrem Aufzug wäre sie allerdings lieber unerkannt an ihm vorübergegangen.

In ihrer Hast, loszufahren, um die streunende Molly einzufangen, ehe ein Unglück geschah, hatte sie keine Winterkleidung eingepackt.

Nun stand sie vor diesem umwerfend attraktiven Mann in der viel zu großen Windjacke ihres Vaters. Vermutlich waren es auch seine Stiefel, die sie an der Hintertür des Farmhauses entdeckt hatte, obwohl er seit Jahren nicht mehr lebte.

War es ihre Schuld, dass er viel zu jung plötzlich zusammengebrochen war, die Hände um sein Herz gekrallt, das ihm in der Brust explodiert war? Sein Herz, das sie ihm gebrochen hatte.

Dieser qualvolle Gedanke schoss ihr ungebeten durch den Sinn. Ihr Leben in New York war mit Arbeit ausgefüllt. Die Hochzeitspläne hatten noch mehr Hektik gebracht. Für solche Gedanken hatte sie nie Zeit gehabt. Und sie war froh gewesen, dass sie zu beschäftigt war, um an die Vergangenheit zu denken.

Die Schuldgefühle, die sie so lange verdrängt hatte, schienen sich wie eine schwarze Wolke aufzutürmen, als sie das lange unbewohnte, alte Farmhaus betreten hatte, aus dem ihr stickiger Modergeruch entgegenschlug.

Sie wollte ihre Aufmerksamkeit lieber auf die unerwartete Begegnung mit Sam Chisholm lenken, als sich von Schuldgefühlen quälen zu lassen, die seit der Rückkehr nach sechsjähriger Abwesenheit in ihrem Elternhaus auf sie einstürmten.

Sam wirkte ausgesprochen weltgewandt, strahlte Selbstvertrauen und Wohlstand aus. Sein schwarzes Haar war kurz geschnitten, das markant geschnittene Gesicht glatt rasiert. Weit auseinanderliegende Augen, gerade Nase, hohe Wangenknochen, ausgeprägte Kinnpartie mit dem Anflug eines Grübchens in der Mitte. Volle sinnliche Lippen.

Unter der lässigen Eleganz seiner gepflegten Erscheinung spürte sie eine Art verwegenen Charme – den Charme eines Piraten oder Bankräubers. Diese Verwegenheit blitzte in seinen braunen Augen, die beinahe schwarz funkelten in der verschneiten Nacht.

„Hast du Einwände gegen mich als Käufer?“, fragte er. Seine Stimme klang amüsiert und herausfordernd.

Eine Stimme, die sie an das Schnurren einer großen Katze erinnerte, weich und sinnlich, aber auch bedrohlich. Ein Klang, der sich anfühlte wie ein zartes Streicheln im Nacken.

Zu spät registrierte sie, dass sie es in ihrer Verwirrung geschafft hatte, den einzigen Kaufinteressenten, seit das Objekt vor sechs Monaten auf den Markt gebracht worden war, vor den Kopf zu stoßen. Noch dazu hatte sie ihm den stetigen Niedergang der Farm vor Augen geführt.

„Tut mir leid“, sagte sie hastig. „Ich wollte dich nicht beleidigen.“

„Habe ich auch nicht so aufgefasst“, entgegnete er im seidigen Tonfall eines Revolverhelden, der im nächsten Moment abdrückte.

„Wie ich sehe, hast du dich verändert“, fuhr sie in erzwungener Heiterkeit fort. „Nichts mehr von dem einstigen Rebellen. Allerdings wirkst du auf mich auch nicht wie ein Farmer.“

Sie war sich seiner Nähe beklemmend gewusst, und als er vorhin ihre Hand nahm, hatte sie ein Prickeln durchrieselt.

Lediglich statische Aufladung, redete sie sich ein.

Die Scheinwerfer seines Wagens tauchten beide in goldenes Licht. Sein Atem bildete Wölkchen in der kalten Luft.

Hanna hatte das seltsam berauschende Gefühl, ihn einzuatmen.

2. KAPITEL

Sam hatte die Hände tief in den Taschen seines Ledermantels vergraben. Darunter trug er keine Freizeitkleidung, wie sie hier in der Gegend nördlich von New York üblich war, kariertes Flanellhemd und verwaschene Jeans.

Sams Freizeitkleidung wies ihn als Großstädter aus, der nach Büroschluss einen Drink in einer schicken Bar nahm oder zum Essen in einem teuren New Yorker Restaurant verabredet war.

Er trug ein feines, blau gestreiftes Hemd ohne Krawatte, dunkelblaue Hosen, Ledergürtel, nichts, was man von der Stange kauft.

„Rebell?“ Er zog eine dunkle Augenbraue hoch.

Gab es eine unverfängliche Art auszudrücken, wie seriös er aussah? Damals wäre Seriosität die letzte Bezeichnung, die sie – oder jeder andere – für sein Aussehen verwendet hätte.

An der Smithtown Highschool gab es einen albernen Brauch: Im Abschlussbericht wurde das Foto jedes Schulabgängers mit einer Bemerkung versehen, wird wahrscheinlich …, gelegentlich war die Prognose schmeichelhaft, meist allerdings das Gegenteil.

Sams Bemerkung hatte gelautet: Wird wahrscheinlich Weltumsegler.

Eigentlich eine Kinderei, aber die Worte hatten etwas von seinem Wesen erfasst: Seine Rastlosigkeit, seine Verwegenheit.

Die Bemerkung unter ihrem Foto, bevor sie Smithtown für immer den Rücken kehrte, hatte gelautet: Wird wahrscheinlich Nonne. Was für ein Irrtum!

Sam, zwei Jahre älter als sie, der Schwarm aller Mädchen, hatte die Schule bereits verlassen, bevor ihr Bild im Jahresbericht erschienen war.

„Das kannst du doch nicht abstreiten? Dass du … ähm … so was wie Bad Boy, ein Rebell warst?“ Vermutlich wäre es klüger gewesen, vorzugeben, sich kaum an ihn zu erinnern, aber Hanna war eine ziemlich schlechte Schauspielerin.

Sam hatte stets nach seinen eigenen Regeln gelebt. Ihn als Bad Boy zu bezeichnen, war eine starke Untertreibung. Sam Chisholm war der Inbegriff eines Rebellen gewesen, was seinen Charme nur erhöht hatte.

Hanna bezweifelte, dass ein Mensch sich grundsätzlich verändern konnte. Und sie spürte seinen Zauber, von dem sie angezogen wurde wie eine Biene vom Blütennektar, dabei sollte gerade sie sich entschieden gegen unbotmäßige Erinnerungen wehren.

In der Highschool fiel Sam Chisholm durch sein verwegenes Aussehen auf. Seine verwaschenen Jeans waren bis zu den weißen Querfäden über seinen muskulösen Schenkeln verschlissen.

Dazu trug er die coolste Lederjacke der Welt, völlig abgewetzt und zerknautscht. Diese Jacke trug er zu allen Jahreszeiten, auch im Winter bei Eiseskälte. Zur Schule kam er auf einem alten Motorrad angebraust, unter ohrenbetäubendem Geknatter, in blaue Rauchwolken gehüllt.

Einen Helm hatte er nie getragen, sein langes dunkelbraunes Haar war ständig zerzaust, sein Gesicht von Sonne und Wetter gebräunt.

„Ein Rebell?“, wiederholte er mit hochgezogener Braue. Hanna wusste nicht, ob er amüsiert oder verärgert war.

„Ein Rebell“, bestätigte sie mit spitzer Stimme, die zu einer Nonne gepasst hätte. Eine Stimme, die verbarg, wie sexy sie diese wilde Version von Sam Chisholm damals gefunden hatte.

Die flüchtige Berührung seiner Hand vor wenigen Minuten bewies ihr, dass er noch immer dieses gewisse Etwas ausstrahlte, das manche Männer so atemberaubend sexy machte.

Dieser Mann war eine Bedrohung für sie. Eine tödliche Gefahr. Er war der Typ Mann, der in einer Frau, die nichts von der Liebe wissen wollte – nach der bitteren Enttäuschung mit ihrem Verlobten – Sehnsüchte weckte, die sie sich geschworen hatte, nie wieder zuzulassen.

Hanna war eine vernünftige Frau, die sich gegen die schmerzhaften Pfeile der Liebe gewappnet und sich völlig in Arbeit vergraben hatte. Doch plötzlich befielen sie unerwünschte Gedanken an glühende Blicke, an verbotene Küsse …

Nur weil sie die Süße seines Kusses einmal verspürt hatte, ermahnte sie sich beschämt, durfte sie der Gefahr seiner Ausstrahlung nicht erliegen.

„Was bringt dich zu der Überzeugung?“, fragte er.

„Welche denn?“, stammelte Hanna und befürchtete, die Gedanken an seinen Kuss stünden ihr ins Gesicht geschrieben.

„Dass ich ein Rebell war.“

„Ach das!“, erwiderte sie erleichtert. „Einer, der mit dem Motorrad durch die Gegend rast statt auf einem Traktor, gilt bei uns als rebellischer Bad Boy, der auf die schiefe Bahn gerät.“

Sam lachte laut, und Hanna ärgerte sich, weil ihr sein Lachen gefiel.

Und der unverhohlene, beinahe zärtliche Besitzerstolz, der über sein Gesicht flog, gefiel ihr ebenfalls. „Ach ja, meine Maschine, die alte Harley-Davidson Panhead. Wusstest du, dass ich sie vom Schrottplatz geholt und selbst repariert habe? Jedenfalls so gut ich konnte. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mit dem alten Ding eine Panne hatte und auf der Straße stand. Und kein Traktorfahrer hat je angehalten, um mir zu helfen.“

„Du mit deiner verwegenen Lederjacke hast gefährliche Signale ausgesandt. Offenbar warst du eine Bedrohung für die heile Welt von Smithtown, dem Inbegriff einer amerikanischen Kleinstadt aus dem Bilderbuch.“

Wieder flog ein zärtlicher Zug über Sams Gesicht. „Ich weiß noch, wie ich diese Jacke im Schaufenster eines Second-Hand-Ladens sah und Geld gespart habe, bis ich sie endlich kaufen konnte …“

Seine Miene verhärtete sich. „Das siehst du falsch, ich war nicht der Rebell, den du in mir gesehen hast.“

„Doch, der warst du. Sam Chisholm, du warst Smithtowns Antwort auf James Dean.“

„Das hast du dir nur eingebildet“, entgegnete er trocken, „Smithtowns Antwort auf das brave und behütete amerikanische Mädchen.“

Er kannte mit Sicherheit das Jahrbuch nicht, in dem ihr ein Leben als Nonne vorhergesagt worden war, aber sie als behütetes, braves Mädchen von nebenan zu bezeichnen, war genauso langweilig.

Allerdings wusste er nichts über sie. Alle Welt hatte sie für unschuldig und sittsam gehalten, ein Mädchen, das nie auf Abwege geriet. Und sie hatte alle Welt enttäuscht.

Die Leute waren der Meinung, sie sei nach Abschluss der Schule fortgegangen, angezogen von den Verlockungen und dem Lichterglanz der Großstadt, wie so viele junge Leute in der Provinz. Die Wahrheit aber war eines ihrer bestgehüteten dunklen Geheimnisse.

Die Wahrheit, warum ihr Vater auf dem Weg in seine geliebte Weihnachtswerkstatt zusammengebrochen war.

„Es gab genügend Beweise, dass du ein wilder Rockerrebell warst“, erklärte Hanna, die sich lieber mit Sams Vergangenheit befasste als mit ihrer eigenen. „Das habe ich mir nicht eingebildet, obwohl ich ein unschuldiges junges Ding war.“

Ihre Unschuld hatte sie bald darauf verloren durch ein Ereignis, das ihre Familie zerrüttet und Hanna daran gehindert hatte, je wieder in ihr Elternhaus zurückzukehren.

„Beweise?“, fragte er spöttisch. „Es gehört etwas mehr zu einem Rebellen als eine alte Harley und eine Lederjacke.“

„Ständig wurdest du vom Unterricht suspendiert, wegen Rauchen …“

„Das hätte ich beinahe vergessen“, sagte er mit einem dünnen Lächeln. „Gelegentlich rauche ich auch heute noch, aber nur, wenn ich gestresst bin.“

Was ging sie das an? Ungebeten kam die Erinnerung, als sie, die Unschuld vom Lande, etwas völlig Unerwartetes getan hatte. Sie hatte dreist von seinen Lippen gekostet, und etwas köstlich Verbotenes hatte sie dabei durchrieselt.

„Und deine Prügeleien“, fuhr sie im prüden Tonfall fort, um die Erinnerung an den Taumel zu verdrängen, der sie bei der Berührung seiner Lippen ergriffen hatte, als schwebe sie in einem Universum des Glücks, dabei war es das Schlimmste, was ihr passieren konnte.

Und wenn sie sich recht erinnerte, hatte er ihr das sehr deutlich vor Augen geführt. Was hatte er gesagt?

Spiel nicht mit dem Feuer, das du nicht löschen kannst.

Hanna spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg, aber Sams Gedanken befassten sich gottlob nicht mit verbotenen Küssen.

„Ach ja“, sagte er beinahe verträumt, „eine ordentliche Schlägerei machte mir Spaß. Aber nur, wenn ich gewonnen habe.“

„Du hast immer gewonnen.“

Er bedachte sie mit einem sinnenden Blick, dem sie entnahm, dass sie zu viel von ihrer Mädchenschwärmerei für ihn preisgegeben hatte.

„Und du hast getrunken“, setzte sie tadelnd hinzu.

„Da irrst du dich. Ich habe damals nicht getrunken und trinke heute nicht“, widersprach er schroff.

„Aha.“ Hanna bemühte sich um einen heiteren Tonfall. „Dann hast du also das Pony und mich stocknüchtern beinahe über den Haufen gefahren?“

Er zuckte die Achseln.

„Und du hast die Schule geschwänzt“, fügte sie triumphierend hinzu.

Er lachte. „Ja, das stimmt. Das habe ich oft getan.“

„Warum?“, fragte sie eigentlich nur aus Verlegenheit, aber Sam hatte sie damals schon in Verlegenheit gebracht.

Er sah sie einen Moment forschend an, und dann wurde sein Blick undurchdringlich. „Das ist bedeutungslos.“

Und das stimmte natürlich. Es war bedeutungslos. Hanna war längst nicht mehr das Mädchen von damals.

Er wäre schockiert, wenn er wüsste, wie ihr Leben verlaufen war, nachdem er Smithtown verlassen hatte. Das Mädchen, das er einmal Streberin genannt hatte, hatte sich als bittere Enttäuschung erwiesen.

„Bist du sicher, dass dir nichts fehlt?“ Er trat einen Schritt näher und sah sie besorgt an. „Deine Hand tut weh, stimmt’s?“

„Ja“, sagte sie leise. „Ein bisschen.“

Er nahm sie beim Ellbogen, streifte ihren Handschuh ab und drehte ihre Hand nach außen.

„Sieht nicht gut aus“, stellte er fest. Hannas Handgelenk war geschwollen und verfärbt. Der Lederriemen hatte blutige Striemen zwischen Daumen und Handgelenk hinterlassen.

Sein Daumen strich warm über ihre Handfläche und vertrieb den pochenden Schmerz.

Ihr war, als würden Gegenwart und Vergangenheit verschmelzen, und wieder verspürte sie dieses befremdliche Sehnen, das Sam damals in ihr ausgelöst hatte.

In ihrem ersten Jahr auf der Highschool hatte er keinerlei Notiz von ihr genommen. Und sie wäre zufrieden gewesen, wenn es so geblieben wäre, hätte sich damit begnügt, ihn von Ferne anzuhimmeln, seine selbstsichere Art, sich zu bewegen, seine lebhaften dunklen Augen, seinen geschwungenen Mund.

Aber zu ihrem Leidwesen war es nicht so geblieben. Er hatte Notiz von ihr genommen unter den denkbar widrigsten Umständen, und von da an war alles schiefgegangen.

In der Pubertät, wenn alle Jungs Pickel bekamen und verklemmt wurden, war Sam wie ein König dahergekommen.

Es geschah an jenem Weihnachten, als er mit ein paar Freunden auf der Farm auftauchte. Wie jedes Jahr hatte Hannas Vater keine Mühen gescheut, um seine Kunden zu überzeugen, echte Christbäume zu kaufen statt der scheußlichen Plastikbäume. Er hatte den Schnee vom kleinen zugefrorenen Weiher geräumt, damit Kinder und Erwachsene Schlittschuh laufen konnten, dazu gab es kostenlos heiße Schokolade.

Und wie jedes Jahr hatte sich bei der Endabrechnung herausgestellt, dass all die Mühen kaum die Unkosten gedeckt hatten. Immerhin hatte die Endabrechnung nach Weihnachten Hannas Sinn für Buchhaltung und Bilanzen geweckt.

Jedenfalls waren Sam und seine Freunde mit Schlittschuhen über den Schultern in Christmas Valley aufgetaucht.

Und Hanna hatte zähneknirschend das grüne Weihnachtswichtel-Kostüm angezogen, wie jedes Jahr, seit sie zwölf war, um im Geschäft mitzuhelfen. Mit zwölf hatte sie gerne geholfen, es gehörte zu den aufregenden Vorbereitungen zum Fest. Sie war begeistert, als ihr Vater ihr ein niedliches Pony schenkte, das sie Molly taufte, mit dem sie Kinder zu einer Schlittenfahrt einlud.

Aber mit fünfzehn war Hanna kein Weihnachtswichtel mehr, sondern ein linkischer Teenager. Sie wagte zwar nicht, offen gegen ihren Vater zu rebellieren, um seine Zuneigung nicht zu verlieren, fand aber das Wichtelkostüm beschämend lächerlich und verabscheute den ganzen Weihnachtsrummel aus tiefstem Herzen.

Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen, dass Weihnachten nichts mit Wunder und Zauber zu tun hatte, sondern nur hektisches Treiben, Arbeit und Chaos bedeutete, und schließlich, wenn Einnahmen und Ausgaben zusammengerechnet wurden, blieb nichts als Enttäuschung.

Und Molly, die sie abgöttisch geliebt hatte, entpuppte sich als bösartiges Biest, das Hanna keine Sekunde aus den Augen lassen konnte, da sie die abscheuliche Angewohnheit hatte, nach kleinen Kindern zu schnappen.

Jedenfalls nützte kein Protest, kein Schmollen und Betteln, keine Tränen, um ihren Vater davon zu überzeugen, dass sie ihrem Job als Weihnachtswichtel entwachsen war.

Und wie jeder Weihnachtswichtel wurde sie überall auf der Farm gebraucht. Wenn sie nicht auf der Eislaufbahn Schnee schippte, band sie in der Werkstatt Kränze und Mistelzweige. Oder sie verkaufte im Laden kitschigen Weihnachtsschmuck. Oder sie schüttelte Schnee von den Christbäumen. Oder sie führte Kunden durch die Baumpflanzung. Oder sie führte die bissige Molly am Halfter, die den kleinen Schlitten voll plärrender Kinder hinter sich herzog.

Das Wichtelkostüm war das Schlimmste: schlimmer als die ewige Schufterei, der Tannengeruch, die bissige Molly oder die neuesten verrückten Ideen ihres Vaters, um Kunden anzulocken.

Für die fünfzehnjährige Hanna Merrifield hatte Weihnachten jeglichen Reiz verloren.

Und dann hatte Sam sie in dem Wichtelkostüm gesehen. Sie hatte augenblicklich das Pony im Stich gelassen, dem sie im Begriff war, das Geschirr anzulegen, um mit einem unartigen Kind eine Schlittenfahrt zu machen.

Sobald Sam und seine Freunde von Tom Brentons Pick-up-Truck sprangen, hatte Hanna die Flucht ergriffen. Zu spät. Das höhnische Gejohle und Pfeifen der Jungs war ihr auf ihrer panischen Flucht ins Haus gefolgt.

Sams Stimme hatte das Geschrei seiner Freunde übertönt. Nicht höhnisch.

„Haltet den Mund, Blödiane!“ Energisch, kraftvoll, erwachsen. „Ihr bringt die Kleine in Verlegenheit!“

Und das war weit schlimmer als der Spott. Hanna hatte die Haustür hinter sich zugeschlagen und sich keuchend dagegen gelehnt. Ihr heimlicher Schwarm sah sie nun als bedauernswertes, armseliges Geschöpf. Ein unerträglicher Gedanke.

Hätte die Geschichte mit dieser peinlichen Bloßstellung geendet, die jeder bald vergessen hätte, wäre alles gut gewesen.

Aber nein, nachdem er sie im Wichtelkostüm ertappt hatte, war Hanna nicht mehr unsichtbar für Sam. Als er ihr beim nächsten Mal in der Schule begegnete, grinste er breit und sagte: „Hey, Wichtel, was läuft?“

Nachdem er sie vor seinen Freunden verteidigt hatte, fand er es angebracht, sie in Verlegenheit zu bringen.

Deshalb lauteten die ersten Worte, die sie an ihren heimlichen Schwarm richtete: „Nenn mich nicht so.“

Aber er grinste nur, und als er ihr wieder begegnete, sagte er wieder: „Hey, Wichtel, was läuft?“

Er machte sich lustig über sie. Und über die Farm ihrer Familie. Kurz vor Beginn der Weihnachtsferien war sie völlig genervt. Sie hasste das Wichtelkostüm, hatte es satt, Kränze zu binden, wollte nichts mehr von Einnahmen wissen, die wie gewöhnlich wesentlich magerer ausfielen als die optimistischen Schätzungen ihres Vaters zu Beginn der Saison.

Zu all dem kamen Sams Sticheleien. Vor Beginn der Weihnachtsferien nannte er sie kleine Streberin und fragte sie, ob sie seine Hausaufgaben machen würde.

Ihre Freundinnen waren völlig aus dem Häuschen wegen der Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte, die Hanna so verhasst war. Sie war empört darüber, dass Sam sie als Kind behandelte und nicht als erwachsenes Mädchen.

Sie hatte nie den Schauder vergessen, der sie durchrieselt hatte, wenn der Blick seiner dunklen Augen sie traf, nie ihren verzweifelten Wunsch, nicht als Wichtel und Streberin gesehen zu werden.

In einem Moment völliger Verzweiflung hatte sie beschlossen, ihm zu beweisen, dass sie kein Kind mehr war. Die sonst so scheue und gehemmte Hanna hatte etwas völlig Waghalsiges getan.

Mit zerzausten Haaren, lässig gegen sein Motorrad gelehnt, war Sam vor der Schule gestanden. Wer fuhr schon im Dezember Motorrad? Auch noch ohne Helm? Nach dem Unterricht verließ Hanna das Gebäude verspätet.

„Nachsitzen, mein kleiner Wichtel?“, fragte er mit hochgezogenen Brauen. Seltsamerweise klang er nicht spöttelnd. Er hatte die Augen zusammengekniffen, als wolle er jeden angreifen, der sie ungerecht behandelte, auch einen Lehrer.

Es waren keine Schüler mehr in der Nähe, der Parkplatz war leer, auch die Schulbusse waren längst abgefahren. Vielleicht war das der Grund, warum Hanna ihn nicht ignorierte oder den Kopf senkte, ihre Schulbücher fester an sich drückte und das Weite suchte. Vielleicht lag es aber auch an seinem eindringlichen Blick, der ihr Mut machte, stehen zu bleiben.

Ihr rasendes Herzklopfen ignorierend, hatte sie mit großer Würde geantwortet: „Ich bin nicht dein kleiner Wichtel.“ Und um ihm zu beweisen, wie erwachsen und weltklug sie war, hatte sie hochmütig hinzugesetzt: „Wenn du es wissen musst, ich habe mit Miss James über jambische Pentameter diskutiert.“

Sams Miene blieb einen Moment ausdruckslos, er schwieg lange, und Hanna war sich ihres Erfolgs bereits sicher.

Doch dann biss er sich auf die Unterlippe. Seine Schultern begannen zu zucken. Er konnte nicht mehr an sich halten, legte den Kopf in den Nacken und lachte schallend.

Abgesehen davon, dass Sams Lachen zum Schönsten gehörte, was sie je vernommen hatte, war die Tatsache, dass er sie auslachte, unerträglich.

Sie hatte ihre Schulbücher zu Boden geworfen und sich ihm genähert. Sehr nahe. So nahe, dass sie seine Lederjacke riechen konnte, Seife und den schwachen Geruch nach Schmieröl.

Er hörte auf zu lachen, seine Augen funkelten wieder heiter, als er darauf wartete, was sie tun würde.

Natürlich hätte sie ihn ohrfeigen müssen.

Aber sie tat es nicht. Sie war kläglich gescheitert, ihn mit ihrem Wissen über jambische Pentameter von ihrer Reife zu überzeugen.

Seine Nähe machte sie benommen. Sie war beseelt von dem Wunsch, ihm zu beweisen, dass sie keine langweilige Streberin war, über die er sich lustig machen durfte, nur weil er sie in einem Wichtelkostüm erwischt hatte, oder weil sie ihn mit einer Diskussion über Poesie beeindrucken wollte.

Also blickte sie ihm unverwandt in seine erstaunten Augen und näherte ihm ihr Gesicht. Und dann hatte sie ihn am Kragen seiner Lederjacke gepackt und an sich gezogen.

Sie hatte sein Widerstreben gespürt und nicht beachtet.

Und in einem Moment der Tollkühnheit hatte sie das getan, was sie schon tausendmal in ihren Träumen getan hatte.

Sie hatte Sam Chisholm geküsst.

Sie, die noch nie einen Jungen geküsst hatte, hatte seinen Mund mit ihren Lippen bedeckt. Einen kurzen Augenblick stand er vor Schreck reglos.

Dann legte er seine Hand ganz leicht, als streichle er einen Vogel, um ihren Nacken und zog sie sanft an sich. Ihre Vorstellung, ein Kuss sei lediglich eine Berührung der Lippen, erwies sich als großer Irrtum.

Die anfängliche Kühle seiner Lippen schmolz in der Wärme, die sich zur Hitze steigerte und die Hitze in glühendes Feuer.

Sam erkundete ihren Mund mit bedächtiger Sorgfalt. Hanna fühlte sich berauscht, ihr war, als hauche ihr sein Kuss neues Leben ein.

Und dann, viel zu früh, war er zurückgewichen. Hannas feuchte Lippen erkalteten. Er sah sie aus zornig verengten Augen an.

„Hör zu, Mistelzweigmädchen …“

Mistelzweigmädchen? Hanna erschrak. Wieder ein Seitenhieb gegen sie und die Weihnachtsfarm ihrer Eltern. Und sie kam sich vor, als stünde sie in dem verhassten Wichtelkostüm vor ihm.

„… spiel nicht mit einem Feuer, das du nicht löschen kannst“, warnte er grimmig. „Damit bringst du dich in Schwierigkeiten, von denen du keine Ahnung hast.“

Seine Worte, die sie als Zurückweisung auffasste, vertrieben ihre Benommenheit. Flammender Zorn stieg in ihr auf.

Und er machte alles nur schlimmer, sammelte ihre Schulbücher auf und hielt sie ihr beiläufig hin, als sei nichts zwischen ihnen geschehen.

Er, der Junge mit dem schlechtesten Ruf in der Stadt, benahm sich wie ein Gentleman und verschmähte ihren Kuss.

„Als würde ich je etwas mit einem wie dir anfangen“, hatte sie ihn angefaucht, ihm ihre Bücher aus den Händen gerissen und sie wie ein Schutzschild vor ihre wogende Brust gehalten.

Damit hätte sie es bewenden lassen müssen, aber er hatte sie mit seitlich geneigtem Kopf angesehen, völlig unbeeindruckt von ihrem Zorn, und sie hatte hasserfüllt gefaucht: „Ich weiß, wo du wohnst, Sam Chisholm, und ich weiß, was dein Vater macht.“

Eine absolut kindische Beleidigung und der Beweis ihrer Ahnungslosigkeit, wie es in der Welt der Erwachsenen zuging, von der ihr dieser Kuss einen Vorgeschmack gegeben hatte.

Sie hatte seinen betroffenen Gesichtsausdruck nie vergessen, der nichts mehr mit dem Mann zu tun hatte, der jetzt vor ihr stand. Heute strahlte er Selbstvertrauen und Gelassenheit aus, ein Mann, der sich völlig unter Kontrolle hatte.

Doch damals hatten ihn ihre Worte schwer getroffen, seinen Stolz zutiefst erschüttert. Einen Augenblick war er fassungslos gewesen. Und dann hatte er sich wieder gegen seine Maschine gelehnt und sie mit eisigem Blick fixiert.

Sam Chisholms Vater war ein Trunkenbold, der gelegentlich als Hilfsarbeiter von Farmern angeheuert wurde, wenn kein besserer Mann aufzutreiben war.

Der Schwarm aller Mädchen lebte in einem heruntergekommenen Wohnmobil am Rande der Stadt neben Eisenbahnschienen auf dem Gelände einer stillgelegten Getreidemühle.

Er hatte sie mit kalter Miene und noch kälterem Blick lange fixiert. Sie wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken, brachte es jedoch nicht über sich, ihre gehässige Bemerkung zurückzunehmen.

Und nun war er wieder in Smithtown und zog in Erwägung, die Farm ihrer Familie zu kaufen.

Genoss er diesen Moment der Genugtuung?

„Und wieso willst du meine Farm kaufen?“, fragte Hanna.

Meine Farm? Woher kam dieser Gedanke? Hanna hatte sich nie mit der Farm verbunden gefühlt, sie nicht einmal als Elternhaus gesehen, seit sie fortgegangen war – in Schande, wohlgemerkt – wie Sam an jenem Nachmittag vor vielen Jahren vorhergesagt zu haben schien, als er sie davor gewarnt hatte, mit dem Feuer zu spielen.

„Mir gehört Old Apple Crate. Vielleicht hast du davon gehört?“

Dieser Moment dürfte Sam mit großer Genugtuung erfüllt haben, denn Hanna hatte große Mühe, ihr Erstaunen zu verbergen. Old Apple Crate war ein Erfolgsmodell, das allgemeine Bewunderung hervorrief.

Das Unternehmen spezialisierte sich auf biologisch und nachhaltig angebaute landwirtschaftliche Produkte, die im Eigenvertrieb vermarktet wurden. Die Firma hatte die Wünsche der Verbraucher erkannt, regionale Produkte zu kaufen und zu erfahren, was sie wirklich für ihr Geld bekamen, wie und wo ihr Gemüse angebaut wurde.

„Natürlich habe ich davon gehört.“

Er freute sich darüber, ohne selbstgefällig zu wirken.

Es war ja auch nicht verwunderlich, dass sie von seinem Unternehmen gehört hatte. Erfolgsgeschichten sprachen sich rasch herum.

„Und Christmas Valley Farm wäre eine gute Investition für dich?“

„Die Farm gefällt mir aus zwei Gründen: erstens durch die Anbindung zum Highway und zweitens, weil wir Böden brauchen, die nicht durch chemischen Dünger verseucht sind, um landwirtschaftliche Produkte als ökologisch einwandfrei zu deklarieren.“

„Du würdest also keine Weihnachtsbäume verkaufen?“

„Bist du enttäuscht?“, fragte er.

Hanna wollte verneinen, schaffte es jedoch nicht. Er hatte ihre Gefühle erschreckend genau durchschaut.

„Der Verkauf von Weihnachtsbäumen“, fuhr er sinnend fort, als wolle er sie beschwichtigen, „könnte sich lohnen, wobei ich kein großer Freund von Weihnachten bin.“

Geh nicht darauf ein, das Thema ist zu persönlich, befahl sie sich. Aber er hatte schließlich damit angefangen.

„Wieso bist du kein Freund von Weihnachten?“ Vorhin hatte er erwähnt, dass er keinen Christbaum kaufte und auch nichts davon hielt, heiße Schokolade zu trinken. Er war also, auch wenn er es leugnete, immer noch so etwas wie ein Rebell, der alles ablehnte, was mit dem Bild einer heilen Familie zusammenhing.

Sam zögerte. Als er antwortete, klang seine Stimme schroff. „In der Weihnachtszeit fühlte ich mich immer als Außenseiter. Wir hatten nie einen Christbaum.“

Er schien zu bedauern, diese Bemerkung gemacht zu haben.

Der Gedanke an einen kleinen Jungen, der sich zu Weihnachten einsam und verlassen fühlte, stimmte Hanna wehmütig. „Ach Sam, wir hatten immer schön geschmückte Bäume zu verschenken. Es gab jedes Jahr einen Wettbewerb. Du hättest einen Weihnachtsbaum haben können.“

Mit einem verärgerten Blick wies er ihr Mitgefühl zurück. Aber Hanna wollte ihm zeigen, dass er nicht allein war mit seinen Gefühlen. „Glaub mir, ich hatte diesen Weihnachtsrummel in meiner Kindheit ziemlich satt und nie wieder einen Weihnachtsbaum, nachdem ich fortgegangen bin.“

„Wirklich?“

„Künstliche Bäume waren in meiner Familie verpönt, und ich sträubte mich dagegen, in New York viel Geld für einen echten Baum auszugeben.“

Die Geschichte war natürlich komplizierter.

„Aber ihr hattet einen Baum, wenn du Weihnachten bei deinen Eltern verbracht hast.“

Es wäre einfacher, ihn im Glauben zu lassen, ihre Familie sei so gewesen wie früher, aber die Worte sprudelten aus ihr heraus.

„Mein Dad starb kurz nach meinem Schulabschluss. Meine Mutter heiratete wieder und zog fort, deshalb wurde die Farm von Verwaltern geführt. Das ist seit langer Zeit nicht mehr mein Zuhause. Und Weihnachten … na ja …“ Ihre Stimme verlor sich.

Er sah sie eindringlich an. „Tut mir leid.“

„Nicht der Rede wert“, entgegnete sie knapp.

„Eine echte Tanne bringt also in der Stadt einen guten Preis?“ Er wechselte das Thema.

Hanna nickte. „Ein Vermögen. Mistelzweige sind noch teurer.“

Verflixt! Musste sie ausgerechnet ihm gegenüber Mistelzweige erwähnen? Mistelzweigmädchen schien plötzlich zwischen ihnen zu stehen.

„Ja, ich weiß, Mistelzweige sind teuer“, sagte er. „Ich habe mal einen Bund gekauft.“

Er erinnerte sich offenbar nicht an Mistelzweigmädchen, aber an etwas anderes.

„Du hast nie einen Baum gekauft, aber Mistelzweige?“ Ihre Neugier war nicht zu bremsen. „Wieso?“

„Ich glaube, ich hatte die dämliche Idee, wenn ich den Mistelzweig bei mir habe, könnte ich ihn hervorholen, über meinem Kopf halten und eine Menge Weihnachtsküsse einheimsen.“

„Hattest du Erfolg damit?“ Ein Schauer rieselte ihr über den Rücken bei dem Gedanken, mit Sam unter einem Mistelzweig zu stehen.

„Hab die Geduld verloren“, antwortete er, aber Hanna hatte das Gefühl, nicht die ganze Geschichte zu hören. „Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren Mistelzweige sehr beliebt, weil Küsse in der Öffentlichkeit nur unter einem Mistelzweig erlaubt waren. Daran hält sich heute natürlich niemand mehr.“

Am allerwenigsten ein Kerl wie Sam. Aber sein Interesse an Mistelzweigen war ohnehin lediglich geschäftlicher Natur.

„Ich erinnere mich, dass ihr früher welche verkauft habt“, fuhr er fort. „Waren sie aus der Gegend?“

„Nein, sie kamen von einem Lieferanten aus Texas“, antwortete sie.

„Aha. Mistelzweige. Tannen.“

„Und Kränze“, fügte sie hinzu, um einen sachlichen Ton bemüht.

„Der Verkauf regionaler Erzeugnisse kann in den Wintermonaten problematisch werden. Ich lasse die Wirtschaftlichkeit weihnachtlicher Produkte prüfen; es könnte sich eine Marktlücke für mein Unternehmen auftun.“

Hanna erschrak. Seine Untersuchungen drohten, das Schicksal der Farm endgültig zu besiegeln.

Solange sie sich erinnern konnte, hatte der Betrieb ums Überleben gekämpft und kaum Gewinn abgeworfen.

Und wieso befielen sie bei der Vorstellung, dass es mit der Farm zu Ende ging, Gefühle der Trauer? Wie absurd. Sie sollte erleichtert sein. Aber Erleichterung empfand sie keineswegs. Nur Wehmut.

3. KAPITEL

Hanna hatte Mühe, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen.

„Entbehrt nicht der Ironie“, sagte Sam trocken, „dass ich vielleicht ins Weihnachtsbaumgeschäft einsteige.“

„Und ich es aufgebe“, fügte sie leise hinzu. Die Farm aufzugeben, ihre letzte Bindung an ihre Familie. Grundgütiger! Sie hatte das grässliche Gefühl, gleich loszuheulen.

Sie wandte rasch das Gesicht zur Seite. „Du kommst einen Tag zu früh“, sagte sie. „Wenn du morgen nochmal vorbeischaust, kann ich dir alles zeigen.“

Sie war nur kurz im Haus gewesen, um Jacke und Stiefel anzuziehen, hatte kaum einen Blick in den Stall geworfen, als sie sich hastig Halfter und Leine gegriffen hatte. Aber selbst diese flüchtigen Blicke hatten genügt, um den schäbigen Zustand zu erkennen. Wenn ihr Zeit bis morgen Mittag blieb, könnte sie ein wenig Ordnung schaffen.

Und mit Mr. Dewey reden und anschließend nach New York zurückfahren.

„Mein Termin ist heute Abend“, sagte Sam.

„Ich muss das Pony einfangen“, erklärte Hanna und kramte in ihrer Jackentasche nach verschrumpelten Karotten, die sie im Stall gefunden hatte. „Heute Abend ist leider ein sehr schlechter Zeitpunkt für Geschäftsgespräche, Sam. Könntest du morgen gegen Mittag wiederkommen?“

Sie war nicht sicher, ob sie wünschte, er würde wiederkommen, was ausgesprochen dämlich war, da es nichts Dringenderes gab als den Verkauf der Farm.

Obwohl die störrische Molly sie wütend machte, war seit ihrer Ankunft etwas in ihr erwacht, das sie längst überwunden geglaubt hatte.

Sehnsucht nach all den Dingen, die sie vor langer Zeit verloren hatte. Sehnsucht nach einer heilen Familie. Eine gemütlich warme Küche, frisch gebackene Kekse. Gesellschaftsspiele. Gelächter.

Sie sehnte sich auch nach einem Weihnachtsfest im Kreis der Familie wie früher.

Am Weihnachtstag war alle Hektik überstanden, Ruhe war eingekehrt und die Familie freute sich über den geschmückten Baum, das knisternde Kaminfeuer im Wohnzimmer, Truthahnbraten am festlich gedeckten Tisch. Dieses friedliche Zusammensein hatte Hanna nie wieder erlebt, seit sie die Farm verlassen hatte.

Aber hatte sie nicht gehofft, gemeinsam mit Darren all die schönen Momente wieder aufleben lassen zu können? Mit ihm eine neue Familie zu gründen, sich mit ihm geborgen und beschützt zu fühlen?

Sam hatte solche Momente nicht einmal in der Kindheit erlebt.

Und jedes Jahr waren Hannas Weihnachtswünsche erfüllt worden. Auch wenn die Verkäufe schleppend verliefen, lagen Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. Neue Schlittschuhe, ein wattierter Parka oder eine Seidenbluse. Und ihr Dad hatte gelächelt, was nicht oft geschah, ein scheues glückliches Lächeln.

Ach Dad, es tut mir so leid.

Am schmerzlichsten waren der Verlust seiner Liebe und sein Tod nach dem Zerwürfnis mit der Familie.

Und Sam hatte alle Erinnerungen wieder aufgewühlt.

Er war eine doppelte Gefahr wegen seiner Wirkung auf sie und der Bedrohung, ihr den letzten Rest Bindung an ihre Kindheit zu nehmen, wenn er die Farm kaufte.

„Komm morgen wieder“, wiederholte sie, schärfer als beabsichtigt. „Wenn es dir keine Umstände macht.“

Sie wandte sich Molly zu und hielt ihr die Karotten hin.

Sam ging nicht darauf ein, nahm ihr lediglich eine Rübe aus der Hand.

„Ich schaffe das schon“, erklärte sie gereizt und näherte sich Molly, die wiehernd zurückwich.

„Ich bleibe, bis du sie eingefangen hast. Ich möchte nicht, dass du deine Hand noch mehr verletzt.“

Und wieder keimte diese verbotene Sehnsucht in ihr auf. Der Wunsch nach einer Schulter zum Anlehnen, nach einem Menschen, mit dem sie ihre Sorgen teilen, mit dem sie lachen, den sie lieben konnte …

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