Julia Weekend Band 148

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WEIHNACHTEN MIT EINEM ENGEL? von CAROL MARINELLI

Tiefblaue Augen, die sie verzweifelt anschauen, und auf dem Arm ein weinendes Kind: Dieser Mann ist überfordert, denkt die junge Nanny Ashley besorgt. Wie ein rettender Engel bietet sie dem attraktiven Millionär ihre Hilfe an – pünktlich zum Fest der Liebe, das vor der Tür steht …

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  • Erscheinungstag 31.10.2026
  • Bandnummer 148
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539630
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carol Marinelli, Yvonne Lindsay, Carole Mortimer

JULIA WEEKEND BAND 148

Carol Marinelli

1. KAPITEL

Wohin nur? Wohin?

Eingezwängt zwischen den vielen Pendlern, die gerade nach Hause fuhren, stand Ashley in der Londoner U-Bahn. Sie brauchte sich nicht einmal mehr festzuhalten, so voll war der Zug. Inständig hoffte sie, dass ihr Rucksack, den sie neben der Tür an die Wand gelehnt hatte, noch da war. Aber das war noch ihre geringste Sorge. Weitaus mehr beschäftigte sie die Frage, wohin sie jetzt gehen sollte.

Natürlich konnte sie ins „Earl’s Court“ fahren, das Hostel, in dem alle australischen Rucksacktouristen abstiegen.

Das Problem war nur: Sie war keine Touristin, sondern nach London gekommen, um sich Arbeit zu suchen. Und das war ihr auch gelungen. Doch nach drei Monaten hatte sie die Stelle verloren.

Sie strich sich eine feuchte Strähne ihres dichten blonden Haares aus dem Gesicht – auf dem Weg zur U-Bahn war sie in einen Regenschauer geraten – und bemerkte dabei, dass ihr förmlich der Angstschweiß auf der Stirn stand.

Mein Gott, was soll ich jetzt nur tun?, überlegte sie fieberhaft.

Natürlich hatte sie ein paar Freundinnen. Genauer gesagt, andere Kindermädchen, die sie auf dem Spielplatz oder in Kinderspielgruppen kennengelernt hatte, und mit denen sie manchmal ausgegangen war.

Kolleginnen, die nun ganz sicher zusammen in einem Pub saßen und sich die Münder darüber zerrissen, dass sie, Ashley, gefeuert worden war, weil sie ihre Arbeitgeber bestohlen haben sollte. Ob sie das nun glaubten oder nicht, war völlig unerheblich. Keine von ihnen konnte sich erlauben, eine angebliche Diebin bei sich aufzunehmen. Schließlich verkehrten ihre Arbeitgeber in denselben Kreisen wie die von Ashley.

„Scusi“, murmelte jemand mit sonorer Stimme hinter ihr, als die U-Bahn unerwartet bremste und dieser Mann mitsamt einem schlafenden Baby auf dem Arm gegen Ashley gedrückt wurde.

„Kein Problem“, antwortete Ashley, ohne aufzublicken. Instinktiv versuchte sie, ihm ein wenig Platz zu machen, damit das Kind nicht aufwachte, aber die Menschen standen viel zu dicht. Plötzlich hielt die Bahn mitten im Tunnel zwischen zwei Haltestellen.

Meine Güte, ist das heiß!, stöhnte Ashley innerlich.

Draußen herrschte zwar eisige Dezemberkälte, aber hier drinnen war die Wärme fast unerträglich. Hunderte von Menschen waren auf engstem Raum zusammengepfercht. Ihre vom Regen feuchten Mäntel und Schals verwandelten den Waggon in eine Art Sauna. Dankbar holte Ashley tief Luft, als jemand eine Belüftungsklappe öffnete.

Aus den Augenwinkeln warf sie einen Blick auf das Baby. So eingepackt, mit seinem warmen Mäntelchen, den Handschuhen und einer Mütze mit Ohrenklappen musste das Kind schwitzen. Das schien ihm aber nichts auszumachen, denn es schlief seelenruhig.

Wie süß, dachte sie kurz, aber sofort kamen ihr die Tränen, weil die Erinnerung an Jack und Sophie, ihre beiden Schützlinge, in ihr aufstieg. Man hatte ihr nicht einmal gestattet, sich von den beiden zu verabschieden.

„Verzeihung!“, murmelte sie nun ihrerseits, als sie im Gedränge gegen das Kind stieß, dessen Gesicht sich verzog, als ob es gleich weinen wolle. Hilflos versuchte sie erneut, etwas zurückzuweichen, aber es war unmöglich. Entschuldigend sah sie den Mann an, der das Baby auf dem Arm hielt. Nur kurz begegneten sich ihre Blicke, aber sie war auf der Stelle verloren.

Noch nie hatte sie so markante Gesichtszüge gesehen, noch nie in so tiefblaue Augen geschaut. Er hatte dieselben langen dunklen Wimpern wie sein Sohn, und ein paar Strähnen seines dichten schwarzen Haares hingen ihm verwegen in die Stirn. Besorgt sah er das Kind an, das sich jetzt unruhig in seinen Armen wand. Er redete ihm beruhigend zu, aber es half alles nichts. Das Kind starrte ihn mit seinen blauen Augen an, als sähe es einen Fremden, und sein leises Wimmern steigerte sich zu lautem Protestgeschrei. Einige Reisende drehten sich bereits neugierig nach ihnen um.

„Psst, Guido, alles wird gut.“ Der Mann sprach Englisch mit dem Kleinen, allerdings mit starkem italienischen Akzent. Nun, da er sich mit dem Kind beschäftigte, hatte Ashley Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Er wirkte völlig erschöpft, war sehr bleich und hatte tiefe Augenringe.

„Guido, bitte, es ist doch alles in Ordnung“, versuchte er erneut, das Kind zu beruhigen – diesmal mit lauterer Stimme, um die Fahrgeräusche der anfahrenden Bahn zu übertönen. Jedoch vergeblich. Das Kind schrie nur umso heftiger. Es strampelte mit Armen und Beinen, sodass der Vater es kaum festhalten konnte. Erneut wurde es gegen Ashley gepresst.

„Macht nichts“, murmelte sie automatisch, als der Mann sich bei ihr entschuldigte und das Baby fest an seine Brust drückte. Aber Ashley bemerkte die Panik im Gesicht des Kindes. Instinktiv streckte sie die Hand aus und legte sie auf die Stirn des Kleinen.

„Mein Gott, der Junge glüht ja!“ Erschrocken blickte sie den Mann an. „Er hat Fieber!“

„Ja. Er ist krank …“, setzte dieser an. Im selben Moment hielt die U-Bahn, und durch die einsteigenden Fahrgäste wurden Ashley und der Mann getrennt.

Damit hätte die Angelegenheit eigentlich für sie erledigt sein können. Sie hatte weiß Gott genügend Sorgen, zum Beispiel die, wohin sie jetzt gehen und wie sie ohne Referenzen einen neuen Job finden sollte. Wie sie die gegen sie erhobenen Anschuldigungen aus der Welt schaffen und vor allem das Ganze ihrer Mutter erklären sollte. Trotzdem klang ihr das Schreien des Kindes noch immer in den Ohren, und das erschöpfte Gesicht des Vaters ging ihr nicht aus dem Sinn. Unter dem schweren grauen Mantel, den er trug, waren Anzug und Krawatte zu sehen gewesen. Vielleicht hat er das Kind aus der Krippe abgeholt, überlegte sie, oder die beiden kamen gerade vom Arzt?

Das kann mir ja eigentlich völlig egal sein, sagte sich Ashley, als der Zug in die Station Earl’s Court einfuhr.

Ihrem Reiseführer zufolge war das die Haltestelle für Australier in London. Jetzt musste sie nur noch das gleichnamige Hostel finden. Nachdem sie sich langsam durch die Menschenmenge im Wagen geschoben hatte, griff sie erleichtert nach ihrem Rucksack, der noch an seinem Platz stand, und trat auf den Bahnsteig hinaus.

Plötzlich klingelte ihr Handy, und als sie sah, dass es Angus war, ihr ehemaliger Arbeitgeber, setzte sie sich mit zitternden Knien auf eine Bank. Einem Gespräch mit ihm fühlte sie sich jetzt nicht gewachsen und wartete deshalb, bis ihr das Display anzeigte, dass er auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte.

Angus Maitlin war nicht nur ein berühmter Chirurg für die Reichen und Schönen, der regelmäßig in Zeitschriften und im Fernsehen zu sehen war, er war auch ein engagierter und gefragter Mann in der Notaufnahme. Nicht zuletzt war er ein äußerst kluger und scharfsinniger Mensch. In den drei Monaten, die sie für ihn gearbeitet hatte, war Ashley das mehr als deutlich geworden. Und immer hatte er sie zum Lachen bringen können.

Aber jetzt war ihr alles andere als zum Lachen zumute. Wie sollte sie es nur übers Herz bringen, diesen klugen und liebenswürdigen Mann zu belügen?

Entschlossen hörte sie den Anrufbeantworter ab.

„Ashley, ich bin es, Angus. Gemma hat mir gerade erzählt, was vorgefallen ist. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Aber ich mache mir Sorgen um dich. Du hast doch gar kein Geld … Ich hoffe, du bist bei Freunden untergekommen. Wenn du dich doch nur an mich gewandt hättest, wir hätten bestimmt eine Lösung gefunden. Heute werde ich bis spät in die Nacht arbeiten, aber ich rufe dich morgen noch mal an …“

Offensichtlich war Angus der Anruf schwergefallen, das hörte Ashley seiner Stimme an. Plötzlich stiegen ihr die Tränen in die Augen und liefen die Wangen hinunter. Zum ersten Mal seit dem schrecklichen Ereignis. Das Herz wurde ihr schwer, als ihr klar wurde, dass Angus sie für schuldig hielt. Die Enttäuschung in seiner Stimme war mehr, als sie ertragen konnte.

Aber selbstverständlich glaubte er Gemma, seiner Frau. Einer Frau, die ihrem Mann erzählte, seit Ashley bei ihnen arbeitete, sei ein Teil ihres Schmucks verschwunden. Einer Frau, die behauptete, sie hätte Ashley auf frischer Tat ertappt und ihren Schmuck im Nachtkästchen des Kindermädchens gefunden. Und die das aus gutem Grund tat …, sonst hätte sie nämlich zugeben müssen, dass Ashley sie auf frischer Tat ertappt hatte.

Und zwar in flagranti – im Bett mit ihrem Liebhaber, als Ashley unerwartet früh mit den Kindern zurückgekommen war.

Bei der Erinnerung daran flossen Ashleys Tränen erst recht. Schwere Schluchzer erschütterten ihren Körper. Sie hatte so sehr mit dem Weihnachtsgeld gerechnet. Sie brauchte es so dringend, und das nur, weil Nick sie zu Hause in eine verzweifelte Situation gebracht hatte. Zum ersten Mal erlaubte Ashley sich den Luxus, über den Brief zu weinen, den sie vor zwei Wochen von ihrer Bank erhalten hatte. Darin informierte man sie, dass ihr Exfreund einen Kredit auf ihrer beider Namen aufgenommen hatte. Und das ganz ohne ihr Wissen! Dieser Betrug schmerzte noch mehr als die finanziellen Folgen. Immer heftiger flossen die Tränen. Bald war Weihnachten … welch eine Ironie des Schicksals! Mitten in der Menschenmenge fühlte sich Ashley, als sei sie ganz allein auf der Welt.

Aus der Entfernung hörte sie wieder das Schreien des Kindes.

Guido!

Aus ihren trüben Gedanken gerissen, hob Ashley den Kopf und hielt nach dem Baby Ausschau, bis sie es entdeckte.

Eigentlich war es gar kein Baby mehr, eher ein kleiner Junge. Achtzehn Monate, schätzte sie. Und er stand – nein lag … auf dem Bahnsteig. Sein Weinen hatte sich zu einem wütenden Geheul verstärkt, und er hatte sich auf den Boden geworfen und schrie und schrie. Ein äußerst eindrucksvoller Wutanfall, dachte Ashley und musste schmunzeln. Der Vater hingegen tat ihr leid. Der hatte sein Notebook und seine Aktentasche auf den Boden gelegt und versuchte jetzt verzweifelt, einen Kinderwagen auseinanderzuklappen. Ein Unterfangen, dem er offensichtlich in keiner Weise gewachsen war …, erschwerend kam ja noch hinzu, dass er dabei ein schreiendes Kind festhalten musste.

Keiner der Vorübergehenden würdigte ihn auch nur eines Blickes. Die Menschen hasteten vorbei und bemerkten seine Schwierigkeiten gar nicht … oder taten zumindest so.

Entschlossen wischte sich Ashley die Tränen ab und ging auf den Mann zu. „Kann ich Ihnen helfen?“

Unschlüssig sah er sie an, dann schüttelte er den Kopf. Offenbar war er kein Mensch, der sich gerne helfen ließ. Plötzlich schien er es sich jedoch anders zu überlegen. Er seufzte, schnappte sich das Kind und richtete sich zu seiner eindrucksvollen Länge auf.

„Könnten Sie diesen Kinderwagen aufstellen?“

„Natürlich.“

„Bitte“, schob er etwas verspätet nach, während Ashley mit einem geschickten Handgriff den Wunsch erfüllte.

„Vielen Dank.“ Damit wandte er sich ab, und eigentlich hätte Ashley das auch tun sollen. Leider wusste sie nur zu gut, dass das Auseinanderklappen des Kinderwagens noch das Einfachste war. Jetzt war sie gespannt, wie der Mann es schaffen wollte, das schreiende und sich windende Kind hineinzubekommen.

Und in der Tat erwies sich das als nicht so einfach. Nach ein paar vergeblichen Versuchen knöpfte er seinen Mantel auf, und Ashley konnte nun einen genaueren Blick auf den teuren Anzug werfen. Dieser eine Blick genügte auch, um sich davon zu überzeugen, dass es sich bei diesem Daddy bestimmt nicht um einen Hausmann handelte. Nicht bei einem so hochwertigen Outfit.

Dieser Daddy, überlegte Ashley, ist anscheinend so wenig zu Hause, dass sein eigener Sohn ihn kaum erkennt. Außerdem stellte er sich so ungeschickt an, dass selbst ein Laie erkannt hätte, wie wenig er den Umgang mit Kindern gewohnt war.

„Ich schaffe das schon“, sprach er über die Schulter, als er bemerkte, dass Ashley immer noch hinter ihm stand.

Aber das war nicht der Fall. Der wutentbrannte kleine Kerl hörte nicht auf zu schreien und zu toben.

Gerade als Ashley sich abwenden wollte, um die beiden ihrem Geschick zu überlassen, nahm das Ganze eine überraschende Wendung. Guido hörte nämlich auf zu schreien und spuckte seinem Vater – mit großer Treffsicherheit und offensichtlich in voller Absicht – mitten ins Gesicht.

Entsetzt starrte Ashley in das Gesicht des Vaters, eines Mannes, der nicht gerade so wirkte, als ließe er sich so etwas gefallen. Nach dem ersten Schreck tat dieser jedoch etwas völlig Unerwartetes: Er brach in lautes Gelächter aus. Und diese Reaktion bewirkte, dass das Kind sich entspannte … ein Moment, der ausreichte, um ihn in den Kinderwagen zu bugsieren und anzuschnallen.

Immer noch lächelnd richtete der Mann sich auf, nahm ein dunkelblaues Seidentaschentuch aus der Jackentasche und wischte sich das Gesicht ab.

„Dieser kleine Teufel – ganz der Vater!“

Ashleys Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

Das Lächeln des Mannes war inzwischen wie weggewischt. Er wickelte das Kind sorgsam in eine Decke, zog dann seinen Mantel aus und legte ihn auch noch darüber. Nach Ashleys Einschätzung war das viel zu warm.

„Das Kind hat Fieber“, sagte sie.

„Ich weiß. Deshalb will ich es ja warm halten.“

Ashley schüttelte den Kopf. „Ich kenne mich mit Kindern aus, Sie müssen dafür sorgen, dass seine Temperatur sinkt.“ Ashley bemerkte, dass der Mann keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. „Er ist viel zu heiß.“ Sie hatte den Eindruck, sich immer noch nicht verständlich gemacht zu haben, deshalb fügte sie langsam und deutlich hinzu: „Wenn … wir seine Temperatur … nicht herunterbekommen, kann er krampfen … einen Krampfanfall bekommen.“

„Ich bin weder taub noch debil. Sie brauchen mit mir nicht zu reden wie mit einem Kleinkind.“

„Entschuldigung.“ Ashley errötete bis zu den Haarwurzeln.

„Ich war gerade mit ihm beim Arzt, und der hat ein Medikament verschrieben.“ Wie zum Beweis zog er eine zerknitterte Tüte aus der Tasche – zusammen mit seiner zusammengerollten Krawatte. „Wenn wir zu Hause sind, werde ich ihm die Medizin geben.“

„Aber das sind Antibiotika. Was er jetzt als Erstes braucht …“ Ashley brach ab. Sie zuckte mit den Schultern und schickte sich an zu gehen. Je eher dieser arrogante Kerl zu seiner Frau nach Hause kam, desto eher konnte er diesem kleinen Racker Paracetamol geben, damit er hoffentlich schnell kühler würde.

„Er braucht was?“, erklang es hinter ihr.

Eine Hand packte sie am Arm, und Ashley spürte, wie sie erstarrte. Wie kann er es wagen!, dachte sie erzürnt. Trotz ihrer dicken Jacke spürte sie die Wärme seiner Hand … einer Hand, die sie auch jetzt nicht freigab. Leises Unbehagen stieg in ihr auf. Ach was, wir sind in einer belebten U-Bahn-Station, redete sie sich gut zu. Langsam drehte sie sich um.

„Was braucht das Kind jetzt zuerst?“

„Würden Sie bitte Ihre Hand von meinem Arm nehmen?“ Ashleys grüne Augen sprühten vor unterdrücktem Zorn.

Verwirrt sah der Mann auf seine Hand, als gehöre sie überhaupt nicht zu ihm. Dann zog er sie zurück. „Entschuldigen Sie bitte.“ Seine Entschuldigung klang absolut aufrichtig. „Ich mache mir nur so große Sorgen … und weiß absolut nicht, was ich tun soll.“

„Bringen Sie ihn nach Hause“, sagte Ashley etwas milder. „Er braucht Fiebersaft. Dann wird es ihm bald besser gehen.“

„Fiebersaft?“, wiederholte der Mann fragend.

Ashley nickte. „Und er braucht seine Mutter“, fügte sie noch abschließend hinzu, während sie sich umwandte.

Jetzt würde sie aber wirklich gehen! Der Klang seiner Stimme und seine Worte ließen sie jedoch erstarren.

„Seine Mutter ist heute Nachmittag gestorben.“

2. KAPITEL

Schockiert drehte sie sich um und sah Vater und Sohn fassungslos an.

Wie absolut grauenhaft!

Und das Tragischste daran schien ihr: Niemand, der in der U-Bahn gestanden hatte und niemand, der hier schnell vorbeilief, ahnte, in welch schrecklicher Situation die beiden waren. Keiner der vorbeihastenden Menschen …

Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten.

Nicht, dass es zu einem anderen Zeitpunkt weniger schlimm gewesen wäre, aber irgendwie machte es das Ganze doch noch trauriger. Dieses süße Kind würde das Fest der Liebe ohne seine Mutter erleben. Im Vergleich zu dieser Tragik schienen Ashley ihre eigenen Probleme plötzlich völlig belanglos.

„Können Sie mir helfen?“ Der Mann sprach leise, aber es lag eine verzweifelte Dringlichkeit in seinem Ton.

„Ich?“

„Sie haben gesagt, Sie arbeiten mit Kindern.“

„Ja, schon. Aber …“

„Dann wissen Sie doch bestimmt, was jetzt zu tun ist. Wie man sich um ein krankes Kind kümmert.“ Seine Stimme hatte einen flehenden Klang angenommen. Sogar eine Spur von Panik schwang darin mit. „Ich weiß überhaupt nicht, was ich tun soll. Ich kenne mich mit Kindern nicht im Geringsten aus. Ich habe keine Ahnung, was so ein kleiner Junge braucht …“ Plötzlich bemerkte er Ashleys Verwirrung und fügte erklärend hinzu: „Er ist nicht mein Sohn – er ist mein Neffe. Es gab einen Autounfall …, ich bin erst heute früh angekommen. Aus Italien.“

Aufmerksam betrachtete Ashley den Mann. Was sie da eben gehört hatte, erklärte seine offensichtliche Erschöpfung. Nach seiner Kleidung, dem Notebook und der Aktentasche zu schließen, schien er direkt von der Arbeit zum Flughafen geeilt zu sein.

„Und wo ist der Vater des Kindes?“, fragte sie schließlich. Durch das Gewimmel auf dem Bahnsteig wurden sie wieder aneinandergedrängt, aber jetzt waren sie sich ja tatsächlich näher gekommen. Durch diese schreckliche Geschichte.

„Er saß auch mit im Wagen. Er war sofort tot.“

Einen Moment lang schloss Ashley die Augen, als könne sie so die Bilder vertreiben, die sich ihr aufdrängten.

Als sie sie wieder öffnete, begegnete sie seinem Blick.

„Würden Sie mir helfen?“

In einer solchen Ausnahmesituation war kein Raum für Fragen. Einem Ertrinkenden hielt man die rettende Hand hin, ohne Worte zu machen.

„Ja“, sagte sie. Es wäre Ashley nie in den Sinn gekommen, jemanden im Stich zu lassen, der in einer solch verzweifelten Lage war.

„Die Wohnung ist hier ganz in der Nähe. Wir kommen auch an einer Apotheke vorbei.“

Der Bahnsteig hatte sich inzwischen erneut gefüllt. Ein Zug war eingefahren, und durch die ein- und aussteigenden Fahrgäste entstand dichtes Gedränge. Die Menschen eilten dem Ausgang entgegen, kauften sich Zeitungen, telefonierten mit Freunden und Verwandten – kurz, das Leben ging weiter.

Das Leben musste weitergehen.

Der eisige Dezemberwind traf sie mit voller Wucht, als sie aus der U-Bahnstation heraustraten. Ashley hatte das Gefühl, sich wie in einem Traum zu bewegen. Der Mann trug ihren Rucksack, und sie schob den Kinderwagen. Überall um sie herum blinkten Weihnachtsdekorationen, und es herrschte Feiertagsstimmung. Die Schaufenster waren hell erleuchtet, die Menschen kamen gut gelaunt aus den Pubs oder von einer Weihnachtsfeier. Sogar die Apotheke, in der sie einkauften, hatte die Auslagen weihnachtlich geschmückt, aber all das schien die Trauer des Mannes verständlicherweise nur noch zu verstärken.

„Müssen wir noch Windeln besorgen, oder sind genug da?“

„Ich habe keine Ahnung. Am besten kaufen wir alles, was Sie so brauchen.“

Also machte sich Ashley daran, alles in den Einkaufswagen zu packen, was ein kleines Kind benötigte.

„Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen“, sagte sie, als sie wieder auf der Straße standen.

„Dario … Dario Vantani“, antwortete er mit einem angestrengten Lächeln. „Und Sie?“

„Ashley Farrell.“

Das war auch schon alles, was sie an Informationen austauschten. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie in eine etwas ruhigere Seitenstraße einbogen und vor einem imposanten vierstöckigen Gebäude stehen blieben.

Die ganze Situation kam Ashley fast surreal vor. Sie stand mit einem völlig fremden Menschen vor dem Zuhause anderer Fremder – und es wurde ihr ein Kind anvertraut, das Kostbarste, was es im Leben gab. Als sie das luxuriöse Haus betrat, ließ sie ihren Blick über den matt schimmernden Parkettboden schweifen, die hohen Decken, die riesigen Panoramafenster und teuren Möbel, aber das Einzige, was sie wirklich anrührte, waren die Mäntel und Schuhe im Flur und die halb volle Tasse Tee auf dem Tisch in der Küche. Eine tiefe Trauer machte sich in ihr breit, als sie die Einkaufsliste an der Kühlschranktür und das in der Spüle gestapelte Frühstücksgeschirr betrachtete.

Dario zog dem müden Kind den Mantel aus.

„Hat er etwas gegessen?“

„Ein paar Plätzchen. Er scheint keinen Hunger zu haben.“

Dario fühlte Guidos Stirn. „Er ist immer noch ganz heiß. Soll ich ihn baden?“

„Besser nicht. Wir sollten ihn lieber ins Bett packen und ihm die Medizin geben.“ Ashley ging die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, um einen Schlafanzug für Guido zu suchen. Wieder berührte sie die Atmosphäre des Hauses zutiefst. Gleich auf den ersten Blick wurde deutlich, dass es sich um ein liebevoll gestaltetes Heim handelte. Ashley warf einen Blick auf ein ungemachtes Bett und ein Buch auf dem Nachtschränkchen. Im Bad lag ein Fön, der Stecker noch in der Steckdose. Der Wasserhahn am Waschbecken tropfte, und auf dem Boden lagen feuchte Handtücher. Kurz, es war ein Zuhause, das auf die Rückkehr seiner Bewohner wartete.

„Letzte Woche hat sie mich angerufen und erwähnt, dass sie jetzt doch endlich eine Haushälterin einstellen würde …“, erklang plötzlich eine Stimme hinter Ashley.

Erschreckt fuhr sie zusammen. Sie schluckte die Tränen hinunter, die in ihr aufgestiegen waren, und ging zum Wasserhahn, um ihn zuzudrehen.

„Sie war nie gut im Aufräumen.“

„Ein bisschen Unordnung schadet doch nichts.“

„Sie würde sich zu Tode schämen, wenn sie wüsste, dass wir das Haus in diesem Zustand sehen …“ Erschreckt hielt Dario inne, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte. „Man musste Maria immer vorher anrufen, wenn man vorbeikommen wollte. Sie hasste unerwarteten Besuch, weil sie immer eine Vorlaufzeit brauchte, um schnell noch aufräumen zu können. Es wäre ihr total peinlich, dass wir diese Unordnung sehen.“

„Sie dachte eben, sie würde wieder heimkommen.“

„Er hat eine Mittelohrentzündung, meint der Arzt. Deshalb sei er auch so quengelig. Aber meine Schwester war der Meinung, er sei immer etwas schwierig“, erklärte Dario, während er Ashley dabei zusah, wie sie Guido die Medizin gab.

„Außerdem hat er Pseudokrupp“, antwortete Ashley. Wie auf ein Zeichen fing das Kind an zu husten. „Der arme Kleine. Das Mittel hilft aber schnell gegen die Schmerzen, und die Antibiotika wirken bestimmt auch bald.“

„Hoffentlich“, sagte Dario seufzend. „Ich glaube, ich mache ihm erst mal etwas zu essen, und dann kann er ins Bett.“ Er zog ein Stück Papier aus der Jackentasche und blickte kurz darauf.

Es gibt tatsächlich Leute, die absolut keine Ahnung von Kindern haben, dachte Ashley lächelnd, als sie sah, wie Dario eine Banane nahm und sie Guido hinhielt, der ihn nur verwirrt ansah.

„Maria hat gesagt, er mag Bananen.“

„Er ist doch kein Affe … Lassen sie nur, ich kümmere mich um ihn“, sagte sie und ging in die Küche. Im Gefrierschrank fand sie einige Scheiben Weißbrot. Sie steckte zwei davon in den Toaster, schnitt dann die Kanten ab, pürierte die Banane, gab alles auf einen Teller und kam zurück. Sie setzte sich zu Guido und begann ihn zu füttern.

Später, als das Kind erschöpft eingeschlafen war, trug Dario ihn ins Schlafzimmer und legte ihn dort in sein Bettchen. Ashley, die den beiden gefolgt war, deckte das Kind zu.

„Irgendwo gibt es ein Nachtlicht.“ Wieder blickte Dario auf das Stück Papier. „Er wacht manchmal auf, aber dann muss man ihn nur wieder zudecken, und er schläft wieder ein.“

Dario zupfte die Bettdecke noch einmal zurecht, und Ashley kämpfte wieder mit den Tränen, während sie ihm zusah. Sie wandte sich schnell ab und ging die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Kurz darauf erschien Dario mit zwei Tassen Kaffee.

Eine davon gab er Ashley. „Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen bedanken“, sagte er, während er sich setzte. Er trank einen Schluck. „Ich … ich bin eigentlich ansonsten nicht so … hilflos …“

„Selbstverständlich nicht“, entgegnete Ashley schnell. „Es tut mir leid wegen der Bemerkung vorhin. Das mit der Banane …“ Sie lächelte Dario entschuldigend an, und auch dieser versuchte ein etwas schiefes Lächeln.

„Ich muss zugeben, ich habe absolut keine Ahnung von Kindern. Gar keine. Aber meine Schwester wollte unbedingt, dass ich mich um ihn kümmere. Dass er bei mir aufwächst.“

„Was ist eigentlich passiert?“

Erst jetzt schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, dies zu fragen.

„Der Wagen ist von der Straße abgekommen und sofort explodiert.“ Hilflos zuckte Dario mit den Schultern. „Ich war in einem Meeting, als das Krankenhaus anrief. Normalerweise darf man mich da nicht stören, aber meine Assistentin kam rein und bestand darauf, dass ich ans Telefon ging. Da war mir klar, es musste etwas Schlimmes passiert sein. Am anderen Ende war ein Arzt, der mir sagte, Rico, der Mann meiner Schwester, sei auf der Stelle tot gewesen. Aber meine Schwester sei am Leben und wolle mich sofort sehen. Ich habe alles stehen und liegen lassen und bin nach London geflogen. Guido war zurzeit des Unfalls im Kindergarten. Jemand hat ihn abgeholt und ins Krankenhaus gebracht.“

„Es tut mir so leid.“

„Meine Schwester wusste, sie würde sterben. Sie hatte Verbrennungen dritten Grades, aber sie konnte noch sprechen. Sie wollte durchhalten, bis ich da war, damit sie mir sagen konnte, was Guido gern mag …“

„Ist das die Liste, auf die Sie geschaut haben?“

Er nickte, aber es war ein tieftrauriges Nicken. „Ich liebe meine Schwester, und ich liebe meinen Neffen, aber ich weiß so gut wie nichts von ihrem Leben. Ich habe sie zwar oft besucht, aber von ihrem Alltag habe ich keine Ahnung. Ich selbst habe nie erwogen, eigene Kinder zu haben …“

„Gibt es denn keine anderen Verwandten?“ Sie konnte sich vorstellen, wie schwer es sein musste, zum einen mit der Trauer umzugehen und dann noch so plötzlich die Vaterrolle einnehmen zu sollen.

„Nein. Nur meine Schwester und mich. Unsere Eltern sind auch schon tot.“

„Aber was ist mit der Familie Ihres Schwagers?“ Es war Ashley durchaus bewusst, dass dieses Gespräch heikel war, aber mit der heftigen Reaktion, die nun folgte, hätte sie niemals gerechnet.

„Niemals!“, stieß Dario mit unverhohlener Wut hervor.

Erschreckt zuckte Ashley zurück.

„Sie werden bald wie die Hyänen hier einfallen. Und sie haben schon angekündigt, Guido haben zu wollen. Aber nur über meine Leiche. Es geht ihnen überhaupt nicht um das Kind.“

„Aber wenn sie doch sagen, sie würden ihn aufnehmen …?“ Den Rest des Satzes schluckte Ashley hinunter, denn die Geste, die Dario mit Daumen und Zeigefinger machte, sagte mehr als tausend Worte. Ricos Verwandten ging es offensichtlich nur darum, sich den Besitz unter den Nagel zu reißen.

„Sie wollen das hier. Das Haus. Die Lebensversicherung und den Besitz, den Maria und Rico in Italien haben.“ Dario sah Ashley an. „Und falls Sie meine Motive hinterfragen sollten, ich brauche das alles nicht, ich habe selbst genug.“ In einem Zug leerte er seine Kaffeetasse. „Eigentlich genauso wenig, wie ich ein Kind brauche. Vor allem eins, das spuckt wie ein Lama.“ Bei der Erinnerung an die Szene auf dem Bahnsteig huschte ein Lächeln über seine Züge, verblasste aber ebenso schnell wieder, wie es gekommen war. „Ich hoffe nur, Rico wusste, wie sehr ich ihn als Schwager geschätzt habe.“

Ashley konnte sich zwar einiges zusammenreimen, aber so ganz verstand sie das alles nicht. Es schien ihr jedoch nicht der richtige Zeitpunkt, jetzt nach Details zu fragen. Dieser Mann hatte gerade seine Schwester verloren …

„Warum gehen Sie nicht zu Bett und versuchen, zu schlafen?“

„Warum sollte ich? Ich glaube nicht daran, dass morgen alles besser aussehen wird.“

„Aber vielleicht …“, begann Ashley, verstummte jedoch, als sie seinen Gesichtsausdruck sah.

„Ich danke Ihnen nochmals sehr“, sagte Dario. In seiner Stimme lag eine neue Entschlossenheit. Es schien, als sei er zu einer Entscheidung gekommen und hätte die Kontrolle zurückgewonnen. Er erhob sich. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, für die Medizin, und dass Sie den Kleinen gefüttert und ins Bett gebracht haben. Ich glaube, jetzt komme ich zurecht. Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?“

„Eigentlich …“, verwirrt fuhr Ashley sich durch die Haare. Sie war so mit Darios Problemen beschäftigt gewesen, dass sie darüber ihre eigenen völlig vergessen hatte.

„Haben Sie zufällig die Nummer im Kopf?“

„Wie bitte?“

„Die Nummer … für ein Taxi?“, fragte er erneut, den Hörer in der Hand.

„Ich kann zu Fuß gehen.“ Ashleys Stimme wollte ihr kaum gehorchen. Sie räusperte sich. Ob jetzt das Hostel noch offen hat? Hoffentlich.

„Das kommt überhaupt nicht infrage! Ich werde Sie fahren …“ Er brach ab, als ihm das schlafende Kind einfiel. „Ich bestehe darauf, Ihnen ein Taxi zu rufen.“ Das war allerdings leichter gesagt als getan. Er suchte nach einem Telefonbuch, und dann, als er es schließlich gefunden hatte und die Nummer wählte, fragte er Ashley, wohin sie wolle.

„Zum Hostel.“

„Zu einer Jugendherberge?“ Stirnrunzelnd betrachtete er sie von oben bis unten. Sein Blick glitt über ihren Rock bis hinunter zu den Stiefeln und zurück zu ihrem Gesicht. Dann sah er auf seine Armbanduhr.

Diese Gesten brachten unmissverständlich zum Ausdruck, was Ashley sich nicht eingestehen wollte: Sie wirkte nun einmal nicht wie eine Rucksacktouristin. Und jetzt, um neun Uhr abends, brauchte sie auch nicht mehr so zu tun, als wäre sie eine.

„Seit wann wohnen Sie denn da schon?“

„Hmm … eigentlich noch gar nicht. Als wir uns begegnet sind, war ich gerade auf dem Weg dorthin. Ich komme aus Australien …“

„Und ich bin gerade aus Italien angekommen. Aber obwohl ich erster Klasse gereist bin, war ich bei meiner Ankunft erschöpfter als Sie.“

Das bezweifelte Ashley zwar stark, aber sie verstand, was er damit sagen wollte.

„Ich glaube, das ist ein Missverständnis … ich bin schon seit drei Monaten hier. Ich habe einen Job … ähm, hatte einen …“

„Mit Kindern?“

„Genau.“

„Und jetzt nicht mehr?“ Ashley schüttelte den Kopf. Sie hatte keine Lust, genauere Erklärungen abzugeben. Dario schien das zu merken, denn er fragte nicht weiter.

„Dann bleiben Sie doch hier.“ Diesmal war es ein Angebot, keine Bitte. Den Telefonhörer hatte er bereits wieder aufgelegt. „Bleiben Sie heute Nacht erst einmal hier, morgen können wir dann weitersehen.“

Ashley hatte den Impuls, zu widersprechen, aber die Worte blieben ihr in der Kehle stecken.

Selbst wenn jetzt noch ein Hostel geöffnet sein sollte, selbst wenn sie noch einen Schlafplatz bekäme, so war die Aussicht, sich noch einmal auf den Weg machen und dann mit fünf anderen völlig Fremden ein Zimmer teilen zu müssen, nicht wirklich verlockend.

„Bleiben Sie!“, wiederholte Dario. „Da Guido krank ist, wäre es eigentlich sowieso das Sinnvollste.“

Warum eigentlich nicht, dachte sich Ashley.

3. KAPITEL

Obwohl er es nicht aussprach, wusste Ashley, dass Dario nicht allein sein wollte. Und das konnte sie nur zu gut verstehen, denn auch sie selbst war am Ende ihrer Kräfte. Erschöpft ließ sie sich auf das Sofa sinken. Sie zog die Beine an und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken. Dario schenkte ihnen inzwischen einen Brandy ein. Eigentlich mochte sie den Geschmack nicht, nahm aber trotzdem das Glas und trank mit Todesverachtung einen Schluck. Augenblicklich durchströmte sie eine angenehme Wärme. Jetzt wusste sie, warum manche Leute Alkohol als Medizin bezeichneten. Zum ersten Mal, seit sie Gemma mit ihrem Liebhaber ertappt hatte, begann sie sich zu entspannen … bis Dario ihr eine Frage stellte.

„Sie haben erzählt, Sie arbeiten mit Kindern?“

„Ich bin Erzieherin. Also, jedenfalls in Australien. Hier habe ich als Nanny gearbeitet. Eine, die auch bei der Familie lebt.“

„Warum?“

„Warum nicht?“, parierte Ashley automatisch, obwohl ihr die Frage nicht zum ersten Mal gestellt wurde. Niemand konnte verstehen, wie sie einen guten Job und ihren netten Freund aufgeben konnte, um ans andere Ende der Welt zu reisen. Und das für eine Arbeit, die weitaus schlechter bezahlt war.

„Wovor sind Sie davongelaufen?“

„Das bin ich gar nicht!“, brauste Ashley auf. Aber dann dachte sie, eigentlich stimmt es ja. Und irgendwie konnte sie mit diesem völlig fremden Menschen ehrlicher reden als mit ihrer eigenen Familie. „Na ja, irgendwie schon. Nur war mir das damals nicht so klar. Ich hatte nämlich einen guten Job, einen netten Freund … alles war eigentlich ganz schön. Aber …“

„Aber was?“

„Irgendetwas stimmte nicht.“ Ratlos zuckte Ashley die Schultern. „Ich hätte es damals nicht genau benennen können, aber rückblickend ist mir klar, dass mein Gefühl mich nicht getäuscht hat.“

„Was meinen Sie damit?“ Fragend blickte Dario Ashley an, aber als sie in ihr Glas starrte und keine Anstalten machte, ihre Worte weiter zu erläutern, ließ er das Thema fallen.

„Meine Freunde haben mir damals gesagt, ich sei verrückt, alles aufzugeben, und ich würde es sicher bereuen, aber es war das Beste, was ich jemals getan habe. Jede einzelne Minute in London habe ich genossen.“

„Und warum standen Sie dann weinend auf dem Bahnsteig?“ Erstaunt blickte Ashley ihn an. Das hat er bemerkt? „Und warum wollten Sie zu so später Stunde in ein Hostel?“

„Ach … es gab da gewisse Differenzen mit meinem Arbeitgeber“, antwortete Ashley ausweichend. „Aber ich werde schon etwas anderes finden.“

„Das haben Sie bereits. Ich weiß zwar nicht, für wie lange, aber bis nach Weihnachten werde ich bestimmt hierbleiben.“

„Aber Sie kennen mich doch gar nicht.“

„Das Kindermädchen, das mir die Agentur schickt, wenn ich da morgen anrufe, kenne ich auch nicht. Wenn Sie den Job wollen, können Sie ihn haben.“

„Kann Ihnen denn die Familie von Guidos Vater nicht helfen?“

Dario war kurz davor, ihr zu sagen, sie solle sich endlich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, aber in ihren tiefgrünen Augen las er weder Neugier noch Wertung. Sie hatte einfach nur mitfühlend geklungen. Und wenn er ganz ehrlich war, wollte er Ashley nicht verärgern, er konnte jetzt nicht allein sein. Er brauchte jemanden zum Reden.

„Unsere Familien sind nie gut miteinander ausgekommen. Als Maria anfing, sich mit Rico zu treffen, habe ich zwei Jahre nicht mit ihr gesprochen.“

„Und vorher? Hatten Sie da ein gutes Verhältnis zu Ihrer Schwester?“

„Wissen Sie, wir hatten nur uns. Wir waren immer füreinander da. Ich war fünf, als unsere Mutter starb, Maria erst ein Jahr. Unser Vater fing damals an zu trinken. Er starb, als ich zwölf war.“

Das hatte er noch nie einem Menschen erzählt – es wunderte ihn selbst, dass er es jetzt einer Wildfremden gegenüber tat. Aber so aufmerksam, wie sie ihn mit ihren jadegrünen Augen anblickte … Ab und zu senkte sie den Kopf und blickte nachdenklich in ihr Glas, aber dann sah sie ihm wieder direkt in die Augen. Dario betrachtete sie: Ihr blondes Haar, das anfangs noch regenfeucht gewesen war, lag jetzt in lockeren Wellen auf ihrer Schulter. Zum ersten Mal erfüllte ihn die vage Hoffnung, dass vielleicht doch noch alles gut werden würde. Dass er die richtigen Entscheidungen traf, zu seinem und vor allem zu Guidos Wohl.

„Meine Schwester und ich haben uns sozusagen gegenseitig großgezogen. Auf manches, was wir so angestellt haben, bin ich rückblickend nicht gerade stolz, aber damals …“ Er zuckte die Achseln. „In unserem Dorf gab es eine Familie – die Castellas. Das war eine raue Sippe, und sie waren auf dasselbe aus wie wir: Geld. Geld, um zu überleben. Wir waren sozusagen Rivalen. Und eines Tages passierte etwas Schreckliches. Ricos älterer Bruder Marco belästigte Maria.“ Darios blaue Augen verdunkelten sich vor Zorn. „Maria war noch ein Kind, dreizehn Jahre alt, und sie war noch sehr unerfahren. Unschuldig. Das Stehlen und Betrügen hatte ich immer übernommen – Maria war ein gutes Mädchen, sie ging zur Schule und war eine fleißige Schülerin. Maria verabscheute Marco für das, was er ihr angetan hatte. Sie würde nicht wollen, dass Guido in seine Hände gerät.“

„Also geht es Ihnen nicht um Rache?“

„Rache hat nichts damit zu tun. Die habe ich genommen, als es damals passierte. Ich habe Marco verprügelt, bis er sich nicht mehr bewegen konnte. Eines Tages, als ich siebzehn war, saß ich in einem Café und beobachtete ein reiches Touristenpaar. Ich wartete darauf, dass es dunkel würde und sie so betrunken wären, dass sie nicht mehr auf ihre Taschen achten würden. Ich hörte, wie sie sich mit dem Kellner unterhielten. Ihr Italienisch war ziemlich gut. Sie erzählten, sie seien Rentner und suchten ein Haus, einen Alterswohnsitz. Ein Haus mit Ausblick, um genau zu sein.“ Dario lächelte bei der Erinnerung. „Damals gab es in unserem kleinen sizilianischen Dorf noch keine Immobilienmakler. Und plötzlich wusste ich, so konnte es nicht weitergehen. Ich wollte nicht mehr stehlen und betrügen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und plötzlich sah ich einen Ausweg.“

Er warf einen prüfenden Blick zu Ashley hinüber, aber diese sah ihn einfach aufmerksam an. Sie verurteilte ihn offenbar nicht, und das gab ihm den Mut, weiterzusprechen.

„Ich verkaufte ihnen das Haus meines Großvaters. Maria und ich hatten es von ihm geerbt, aber für uns war es nur eine alte Bruchbude, in der wir uns mit unseren Freunden trafen. Damit es für die Touristen attraktiv wurde, entrümpelten wir es, strichen die Wände und putzten es von oben bis unten. Maria pflückte sogar Blumen, um dem Ganzen ein freundliches Aussehen zu geben. Die Rechnung ging auf. Ich konnte dem Paar ansehen, dass es das war, was sie suchten, und sie kauften es.“

„Von Ihnen? Einem Siebzehnjährigen?“

„Natürlich lief das Ganze über einen Notar“, erklärte Dario. „Und nachdem das über die Bühne war, verkaufte ich unser Elternhaus. Mit dem Geld kaufte ich andere Grundstücke und Häuser. Wir zogen weg und verließen unser Dorf. Aber die Castellas blieben dort und schlugen sich weiter mit ihren Diebstählen und krummen Touren durch. Und je mehr Erfolg ich hatte, desto mehr hassten sie uns. Genau wie wir sie.“

„Dann sind Sie Immobilienmakler?“, fragte Ashley und wunderte sich, als ein Lächeln über sein Gesicht huschte.

„Eigentlich eher Bauunternehmer. Ich kaufe vielversprechende Objekte auf der ganzen Welt, wie zum Beispiel dieses Haus hier. Die Fassade bewahre ich, aber innen wird alles von Grund auf renoviert.“

„Oh!“ Ashley betrachtete das luxuriöse Haus jetzt mit völlig anderen Augen. Sie ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen, das wie ein Ballsaal wirkte. Sie hätte es wirklich schade gefunden, wenn dieser prachtvolle Kamin und die alten Stuckornamente an der Decke der Modernisierung zum Opfer gefallen wären.

„Natürlich bewahre ich von der alten Substanz so viel wie möglich. Ich reiße nicht alles heraus“, fügte Dario ironisch hinzu.

„Banause!“

„Na ja, vielleicht bin ich das wirklich. Auf jeden Fall war Maria in dieses Haus geradezu verliebt.“

„Und in Rico!“

Nach geraumer Zeit nickte Dario zögernd.

„Das war erst Jahre später. Ich war außer mir, wie übrigens auch Ricos Familie. Keiner von uns kam zur Hochzeit.“ Wieder hielt Dario inne. Tiefes Bedauern spiegelte sich auf seinen Zügen. „Sie arbeitete damals noch für mich … so unterstützte sie ihren Mann, was ich ihr auch dauernd vorhielt. Aber allmählich änderte ich meine Einstellung, denn es war offensichtlich, dass die beiden sich wirklich liebten. Es musste einfach Liebe sein – wie hätten sie sonst die ganzen Schwierigkeiten und den Ballast der Vergangenheit bewältigen können? Deshalb sprach ich nach einiger Zeit auch wieder mit ihr, und da wurde mir erst richtig klar, in was für einer schwierigen Situation sie sich befanden. Denn Ricos Familie gab natürlich Maria Schuld an dem, was passiert war. Sie behaupteten, sie hätte es gewollt, sie hätte Marco provoziert …“

„Sie war dreizehn!“, warf Ashley empört ein.

„Ich nehme an, es liegt in der Natur des Menschen, andere für die eigenen Fehler verantwortlich zu machen. Dann braucht man nicht an sich selbst zu zweifeln. Kurz und gut, so war es eben. Was es für Rico nicht leichter machte. Er war Automechaniker, und seine Familie betrieb die einzige Reparaturwerkstatt im Ort. Das hieß, er verlor seine Arbeit. Es war klar, dass Maria und er nicht im Dorf bleiben konnten. Es gab einfach immer wieder böses Blut und Anfeindungen. Ich schlug ihnen vor, hierher nach London zu kommen. Maria sprach etwas Englisch, und ich hatte gerade dieses Haus gekauft. Mit allem, was darin war. Maria sollte die Arbeit der Architekten und Handwerker koordinieren. Und das tat sie auch.“ Versonnen lächelte Dario in sich hinein. „Nur nicht so, wie es eigentlich gedacht war. Rico hatte nämlich auf Anhieb eine Arbeit gefunden, und er und Maria zogen in dieses Haus und renovierten es nach ihrem Geschmack. Ich war ziemlich oft hier …“

„Sie leben in London?“

„Nein, in Italien. Aber ich bin ein- oder zweimal im Monat in der Stadt. Jedes Mal, wenn ich hier übernachtete, bemerkte ich, dass sie sich ein Stück häuslicher eingerichtet hatten. Hier ein paar neue Kissen, dort ein neuer Teppich. Und als Maria schwanger war und sich für das Kinderzimmer eine Wandmalerei wünschte, habe ich ihnen das Haus geschenkt. Mir war inzwischen klar, dass die beiden wie geschaffen füreinander waren, und das Haus war sozusagen mein verspätetes Hochzeitsgeschenk.“

„Wow! Das nenne ich großzügig.“

„Na ja, es war gleichzeitig auch das Weihnachtsgeschenk“, versuchte Dario abzuwiegeln.

Ashley schmunzelte über den kleinen Scherz. Mit Immobilienpreisen kannte sie sich zwar nicht aus, wusste aber, dass sie in London astronomisch hoch waren. Schon Gemmas und Angus’ Lebensstil hatte sie für absolut luxuriös gehalten, aber im Vergleich zu diesem Haus hier … noch dazu mitten im Zentrum von London gelegen! Bei einer Stadtbesichtigung hätte man bereitwillig Eintritt gezahlt, um so ein Haus einmal von innen zu sehen. Sie seufzte tief auf und betrachtete den Mann, der da neben ihr auf der Couch saß, mit ganz neuen Augen. Normalerweise hätte sie auch ihn nicht so einfach und ungezwungen zu Gesicht bekommen – sondern ihn höchstens im Fernsehen oder auf dem Titelbild eines Hochglanzmagazins gesehen.

Er hatte nicht nur eine überaus starke Persönlichkeit und Ausstrahlung, sondern war auch mit Abstand der bestaussehende Mann, dem sie jemals begegnet war. Ashley konnte sich überhaupt nicht satt sehen.

Ihr Blick wanderte über sein tiefschwarzes Haar, die stahlblauen Augen und die edel geformte Nase. Was Ashley aber am meisten fesselte, war sein Mund mit den vollen Lippen, die so verführerisch lächeln konnten. Dann wurden seine ansonsten wie gemeißelt wirkenden Züge plötzlich weich und sinnlich.

Dario war wohl tief in seine Gedanken versunken gewesen, denn urplötzlich begann er wieder zu sprechen. „Es fühlte sich einfach richtig an, ihr dieses Haus zu schenken. Sie ist schließlich meine Schwester … war meine Schwester.“ Abrupt brach er ab.

„Das wird sie auch immer bleiben. In Ihrer Erinnerung wird sie weiterleben.“

„Dieses Haus war ihr Heim. Es ist nur richtig, dass es jetzt Guidos Zuhause wird.“

„Was haben Sie denn nun vor?“

„Ich weiß es nicht.“ Resigniert starrte Dario in sein Glas, als sei es eine Kristallkugel, die ihm die Zukunft vorhersagen könnte. „Marco und seine Frau Dina haben Guido noch nie gesehen. Aber plötzlich behaupten sie, sich für ihn verantwortlich zu fühlen.“

„Waren Sie denn jemals für ihn verantwortlich?“

„Na ja, ich habe nicht gerade seine Windeln gewechselt, aber ich habe fast täglich mit Maria telefoniert. Wie gesagt, ich war ja ein-, zweimal im Monat in London, und dann habe ich sie besucht. Natürlich bekam ich dabei einiges von Guido und seiner Entwicklung mit. Als sein Onkel bin ich Teil seines Lebens. Ich hätte mir nur nie träumen lassen, dass dieser Teil einmal solche Dimensionen annehmen würde.“

„Aber vielleicht ist es ja für Marco und Dina ähnlich? Vielleicht hat dieses schreckliche Ereignis ihnen ja vor Augen geführt, dass …“ Sie brach ab, als sie sah, wie vehement Dario den Kopf schüttelte.

„Ich traue ihnen nicht.“ Entschlossen trank er den Brandy in einem Zug aus. „Ich will diesen Mann nicht in Guidos Nähe haben. Marco ist der letzte Mensch auf der Welt, dem Maria ihr Kind anvertraut hätte. Ich weiß, Menschen können sich ändern, und all das Geschehene liegt ja auch schon lange zurück, aber manches kann und will man nicht vergessen und vergeben.“

„Gibt es denn sonst niemanden?“

„Nein. Niemanden. Nur noch einen Onkel, der den Ruf hat, das Leben eines Hasardeurs zu führen und ein Playboy zu sein.“

Ashleys Augen weiteten sich verblüfft. Irgendwie klang das ganz interessant.

„Und wo ist dieser Onkel?“

„Er sitzt vor Ihnen“, sagte Dario mit einem sarkastischen Lächeln, das jedoch sofort wieder erstarb. „Das Tragische an der ganzen Angelegenheit ist, sowenig ich Marco und Dina traue, sowenig traue ich mir selbst. Bei meinem Lebensstil ist einfach kein Raum für ein Kind. Natürlich habe ich die nötigen finanziellen Voraussetzungen, und Guido würde jederzeit das Beste vom Besten bekommen …“

Aber obwohl der Rest des Satzes ungesagt blieb, wussten beide, dass das nicht genügte, um ein Kind großzuziehen.

„Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, erwachsen zu werden.“ Er stellte sein Glas ab und erhob sich. „Entweder schaffe ich das jetzt, oder ich muss mich mit der Vergangenheit versöhnen. Hier geht es jetzt um Wichtigeres als Familienfehden.“

„Sie werden schon eine Lösung finden.“

„Ja. Aber nicht mehr heute …“

Auch Ashley stand jetzt auf, und zusammen gingen sie in die obere Etage.

Dario öffnete eine Tür. „Hier ist ein Gästezimmer.“ Er deutete auf eine andere Tür. „Dort drüben auch. Sie können sich eins aussuchen.“

Ashley zuckte die Achseln. „Das ist mir egal.“

Also entschied Dario für sie. Er stellte ihren Rucksack in einem der Zimmer ab, das in zartem Gelb mit Weiß gehalten war. Dies würde also für eine Nacht ihr Zuhause sein.

„Ich sehe nur noch einmal nach Guido“, kündigte Dario an.

Das taten sie dann gemeinsam.

Sie standen im Schlafzimmer von Guidos Eltern und blickten auf das schlafende Kind. Sein Fieber schien etwas zurückgegangen zu sein, und er schlief friedlich mit dem Daumen im Mund. Ashley stiegen die Tränen in die Augen. Dieses kleine unschuldige Wesen ist jetzt ganz allein auf der Welt. Ohne Vater und Mutter, die ihm Liebe und Geborgenheit geben.

„Ob er durchschläft?“, fragte Dario plötzlich als sie auf Zehenspitzen hinausschlichen. „Was ist, wenn er aufwacht?“

Eine durchaus berechtigte Frage. Dario Vantani war sicherlich noch nie in der Situation gewesen, sich nachts um ein weinendes Kind kümmern zu müssen. Wahrscheinlich würde er nicht einmal wach werden.

„Keine Sorge. Ich werde mich um ihn kümmern. Ich bin das gewohnt“, beruhigte Ashley ihn. „Sie sollten sich jetzt erst einmal ausruhen.“

Wach zu werden, war in dieser Nacht allerdings nicht ihr Problem. Sie konnte nämlich gar nicht erst einschlafen.

Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Ruhelos warf sie sich im Bett hin und her, während sie den unbekannten Geräuschen des Hauses lauschte. Und zum ersten Mal an diesem ereignisreichen Tag hatte sie Zeit, nachzudenken.

Nachzudenken darüber, was sie jetzt anfangen sollte.

Gemma hatte ihr mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht zögern würde, die Polizei einzuschalten, sollte Ashley behaupten, sie sei unschuldig. Und dann bekäme sie nie mehr einen Job. Wer würde schon ein Kindermädchen einstellen, das des Diebstahls bezichtigt wurde? Und selbst wenn sie ihre Unschuld beweisen konnte, ein Makel würde trotzdem an ihr hängen bleiben. Dario hatte ihr zwar eine Stellung angeboten, aber für wie lange? Einen Tag? Eine Woche? Er hatte nicht gesagt, wann er endgültig nach Italien zurückkehren wollte.

Verzweifelt starrte Ashley in die schwarze Nacht. Dario vertraute ihr – was würde er wohl sagen, wenn er wüsste, dass man ihr vorwarf, eine Diebin zu sein?

Lautes Weinen riss Dario aus dem Schlaf. Aus einem Albtraum …

Seine Schwester war tot, nein, sie lag im Sterben. Er sah ihren zerfetzten Körper vor sich, hörte ihren mühsamen Atem, ihre ersterbende Stimme, die ihn anflehte, sich um ihr Kind zu kümmern. Es nicht den Castellas zu überlassen, denen es gar nicht um das Kind ging, sondern nur um den Besitz, den es erbte. Er wollte die Hand seiner Schwester halten, wollte ihr sagen, dass alles wieder gut werden würde, dass er sich um alles kümmern würde. Wie früher. Aber ihre Hand … Panik stieg in ihm auf. Der Traum war so real gewesen … Marias Hand …

Es ist nur ein Traum, nur ein Traum, rief Dario sich selbst zur Ordnung. Schweißgebadet versuchte er, die grauenhaften Bilder abzuschütteln. Ich bin jetzt wach, sagte er sich. Es gibt keinen Grund mehr, in Panik zu geraten. Aber es wollte ihm nicht gelingen. Im Gegenteil. Sein Herz pochte wie wild. Erneut brach ihm der Schweiß aus, und er sprang aus dem Bett, griff nach einem Handtuch, wickelte es sich um die Hüften und stürzte aus dem Zimmer …

„Es ist alles in Ordnung!“

Dario hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu stürzen, aber da war sie … Ashley stand über Guidos Bettchen gebeugt. Sie legte einen Finger an die Lippen. Das Nachtlicht beleuchtete ihre schmale Gestalt. Dario sah, dass sie einen Schlafanzug mit einem undefinierbaren Muster trug, der ihr viel zu groß war. Der Schimmer der Lampe verlieh ihren blonden Haaren einen goldenen Glanz. Sie wirkte so beruhigend. Nicht nur auf das Kind, auch auf ihn selbst.

Aber der Schein trog. Ashley war ganz und gar nicht ruhig. Gewohnt, beim ersten Laut zu den Kindern zu eilen – Sophie und Jack waren auch immer nachts aufgewacht –, war sie schon beim ersten leisen Schluchzen an Guidos Bett geeilt. Aber bis sie dort angekommen war, hatte sich das Weinen schon zu einem lauten Gebrüll gesteigert gehabt. Trotzdem gelang es ihr, ihn schnell wieder zu beruhigen. Sie deckte ihn wieder zu und streichelte ihm sanft über den Kopf. Das Licht wollte sie nicht anmachen, damit er nicht merkte, dass es nicht seine Mutter war, die ihn tröstete. Aber da kam plötzlich Dario ins Zimmer gestürmt und wirkte aufgelöster als das Kind.

„Psst. Er schläft schon fast wieder“, flüsterte sie, als Dario an das Bettchen trat. Sie beugte sich wieder über das Kind. Plötzlich war sie froh, dass nur der schwache Schein des Nachtlichts den Raum erhellte, denn bei Darios Anblick war sie sofort rot geworden. Beim Anblick seines männlichen Körpers, der nur von einem Handtuch verhüllt war.

Es ist doch ganz natürlich, dass er keinen Schlafanzug anhat, schalt sie sich. Ein Mann wie Dario durchsucht nicht den Schrank seines Schwagers nach einem Schlafanzug. Und so Hals über Kopf, wie er abreisen musste, hatte er bestimmt keine Zeit, zu packen.

Das war jedoch nicht der eigentliche Punkt, gestand sie sich ein, während Dario und sie leise den Raum verließen. Sie hatte Angus, ihren Arbeitgeber, mehr als einmal nur in Boxershorts gesehen und sich nichts dabei gedacht. Aber jetzt, während sie hinter Dario den Flur entlangging, starrte sie fasziniert auf seinen muskulösen Rücken und die breiten Schultern, die gebräunte Haut. Sie nahm seinen maskulinen Duft wahr. Das hier … das ist etwas ganz anderes, dachte sie verträumt.

„Gute Nacht.“ Dario drehte sich zu ihr um. Seine vom Schlaf zerzausten Haare fielen ihm in die Stirn. In seinen Augen lag maßloser Schmerz. „Glauben Sie, er weiß es? Glauben Sie, er weiß, dass seine Eltern tot sind?“

„Vielleicht unbewusst …“ Ashley wusste nicht wie sie ihn trösten sollte. Sie hatte sich selbst schon diese Frage gestellt, während sie versuchte, das schreiende Kind zu beruhigen. „Sicher wird er spüren, dass etwas anders ist. Und er wird nach seiner Mutter verlangen. Und nach seinem Vater. Aber wenn er Geborgenheit und Zuwendung bekommt, wird sicher bald alles wieder gut.“

„Wird er sich an sie erinnern?“ Sobald die Worte seinen Mund verlassen hatten, setzte er jedoch sofort seufzend hinzu. „Nein, natürlich nicht. Wie könnte er?“

„Ich kann Ihnen da nicht ganz zustimmen“, widersprach Ashley behutsam. „Es gibt doch bestimmt Fotos oder Filme, die Sie zusammen mit ihm ansehen können. Ich weiß nicht viel über die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, aber ich glaube …“

„Ich kann mich ja selbst kaum an meine Mutter erinnern“, fiel Dario ihr ins Wort, „und ich war immerhin schon fünf, als sie starb. Guido ist gerade fünfzehn Monate alt.“

„Hat Ihr Vater Ihnen denn von Ihrer Mutter erzählt?“, fragte Ashley, obwohl sie glaubte, die Antwort bereits zu kennen. „Sie können doch bei Guido alles anders machen. Es muss nicht so sein, wie Sie es erlebt haben.“

„Nicht?“

Instinktiv legte Ashley ihre Hand auf Darios Arm. Sie wusste um die Macht der heilsamen Berührung. Allerdings löste die tröstend gemeinte Geste etwas völlig anderes bei ihr aus. Die Wärme seiner Haut durchströmte ihren gesamten Körper. Wie hypnotisiert wanderte ihr Blick zu seinen Augen.

Jetzt wäre der Augenblick gewesen, ihre Hand zurückzuziehen, ihm eine gute Nacht zu wünschen und sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Nur – sie vermochte es nicht. Die Atmo...

Autor

Yvonne Lindsay

Die in Neuseeland geborene Schriftstellerin hat sich schon immer für das geschriebene Wort begeistert. Schon als Dreizehnjährige war sie eine echte Leseratte und blätterte zum ersten Mal fasziniert die Seiten eines Liebesromans um, den ihr eine ältere Nachbarin ausgeliehen hatte. Romantische Geschichten inspirierten Yvonne so sehr, dass sie bereits mit...

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Carole Mortimer

Zu den produktivsten und bekanntesten Autoren von Romanzen zählt die Britin Carole Mortimer. Im Alter von 18 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Liebesroman, inzwischen gibt es über 150 Romane von der Autorin. Der Stil der Autorin ist unverkennbar, er zeichnet sich durch brillante Charaktere sowie romantisch verwobene Geschichten aus. Weltweit...

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