Julia Weihnachtsband Band 39

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ZWEITE CHANCE UNTER DEM MISTELZWEIG von KANDY SHEPHERD

Weihnachten mit ihrem Ex? Natalie ist fassungslos. Schließlich hat sie mit Jon seit über zwanzig Jahren keinen Kontakt mehr. Doch ihre gemeinsame Tochter hat ihn heimlich eingeladen. Und beim Wiedersehen knistert es so heftig, dass Natalie sich fragt: Verdient ihre Liebe eine zweite Chance?

GLAUBST DU AN EIN WEIHNACHTSWUNDER? von ANNIE O’NEIL

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DIE EISKÖNIGIN UND DER GRIECHISCHE MILLIARDÄR von JACKIE ASHENDEN

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MAGISCHER WINTERZAUBER IN DEN BERGEN von DEANNE ANDERS

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  • Erscheinungstag 02.10.2026
  • Bandnummer 39
  • ISBN / Artikelnummer 0830260039
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Kandy Shepherd, Annie O’Neil, Jackie Ashenden, Deanne Anders

JULIA WEIHNACHTEN BAND 39

Kandy Shepherd

1. KAPITEL

Im ganzen Universum gab es keinen Menschen, den Natalie Gibbs mehr liebte als ihre Tochter Clementine. Sie hatte sie mit gerade mal neunzehn Jahren zur Welt gebracht, und selbst heute drehte sich Natalies Leben noch in vielerlei Hinsicht um Clem. Was nicht hieß, dass ihre Tochter sie nicht manchmal dazu brachte, sich die Haare zu raufen. So wie jetzt zum Beispiel.

Sie saßen sich an einem Tisch in einem Bistro in Guildford gegenüber. Die mittlerweile vierundzwanzig Jahre alte Clem hatte ihre Mutter zum Mittagessen eingeladen – eine freudige Überraschung für Natalie, lebte ihre Tochter doch mittlerweile in London und kam nur noch selten nach Surrey. Gerade eben schlich Clem noch um den heißen Brei herum, was den Grund für dieses unerwartete Treffen anging, aber sie würde schon mit ihrem Anliegen herausrücken.

Erst im Juli hatte sie die Bombe platzen lassen, dass sie ein Baby erwartete. Was immer Clem heute zu sagen hatte, es würde mit dieser Neuigkeit nicht mithalten können.

Bis Weihnachten waren es nur noch drei Wochen, und die ganze Stadt war festlich geschmückt. Mutter und Tochter schwärmten von der weihnachtlichen Beleuchtung der historischen Altstadt mit ihren Kopfsteinpflasterstraßen und dem eindrucksvollen Weihnachtsbaum in der zentralen Shoppingmall. Clem bedauerte, dass sie es dieses Jahr nicht zum Weihnachtsmarkt schaffen würde, während Natalie sich darüber freute, all ihre Weihnachtseinkäufe erledigen zu können, ohne die Stadt verlassen zu müssen.

Irgendwann ging ihnen der Gesprächsstoff über die Festtage aus, und sie verfielen in ein leicht angespanntes Schweigen. Natalie nahm einen Schluck Tee und setzte die Tasse ab. Nach einer gefühlten Ewigkeit beugte Clem sich über den Tisch zu ihr.

„Mum, ich wünsche mir, dass Dad Weihnachten bei uns ist.“

Natalie wurde von Trauer erfasst. Ihr Mann, Hugo Gibbs, war vor fast zwei Jahren gestorben. Er war Clem ein liebevoller Stiefvater gewesen, ihre Tochter hatte ihn angebetet.

Sie nahm Clems Hand. „Natürlich wünschst du dir das, mein Schatz. Mir fehlt er auch. Es ist erst das zweite Weihnachten ohne ihn, und …“

„Nein Mum, das meine ich nicht. Ich möchte meinen leiblichen Vater zu Weihnachten einladen.“

Natalie zog ihre Hand zurück. „Wie … meinst du das?“

„Ich habe Jonathan Grayson zum Essen am Ersten Weihnachtsfeiertag eingeladen. Meinen leiblichen Vater.“ Sie machte eine kurze Pause. „Du weißt schon, deinen ersten Ehemann.“

„Wie bitte?“

Natalie hatte Jonathan Grayson, der ein Jahr älter gewesen war als sie, während ihres ersten Semesters an der Uni kennengelernt – genau gesagt während der Einführungswoche. Bei ihrem ersten Date hatte sie mit ihm geschlafen und war sofort von einem Sturm leidenschaftlicher Liebe fortgerissen worden, und ihm war es umgekehrt genauso ergangen. Sie hatten nicht weiter gedacht als bis zu dem Moment, in dem sie einander wieder in den Armen halten konnten, bis Natalie im zweiten Semester schwanger geworden war. Jonathan hatte geschworen, ihr zur Seite zu stehen, aber sowohl seine als auch Natalies Eltern hatten es ihnen schwer gemacht. Beide Seiten hatten ihnen vorgeworfen, ihre Ausbildung und Zukunft zu ruinieren. Von der beschädigten Familienehre einmal ganz abgesehen.

Noch Teenager waren sie von Natalies konservativen Eltern zu einer eilig arrangierten Trauung im Standesamt gezwungen worden und anschließend zusammen mit dem neugeborenen Baby im Haus ebenjener ablehnenden Eltern gelandet. Es war nicht leicht gewesen für Natalie, und für Jonathan noch weniger. Ihre Eltern waren ihm mit unverhohlener Feindseligkeit begegnet, nur weil er in ihren Augen die Pläne durchkreuzt hatte, die sie für ihre Tochter geschmiedet hatten.

Dann war ihrem frisch angetrauten Ehemann ein gut bezahlter Job in einer Bergbaumine in Western Australia angeboten worden, und das junge Paar war sich einig gewesen, dass er ihn annehmen sollte. Es war eine gemeinsame Entscheidung gewesen, doch rückblickend war Natalie klar, dass sie sie in ihrem damaligen Gesundheitszustand niemals hätte treffen dürfen. Der Plan war gewesen, dass er genug Geld verdienen würde, um nach England zurückzukehren, und sie sich endlich eine eigene Wohnung leisten konnten.

Aber er war nie zurückgekommen.

Es dauerte, bis Natalie ihre Stimme wiederfand. „Was meinst du damit, du hättest deinen Vater zu Weihnachten eingeladen?“

„Ich habe noch nie Weihnachten mit ihm gefeiert. Dieses Jahr würde ich es gerne tun. Er würde mich auch sehr gerne sehen und …“

Natalie hob eine Hand. „Moment. Ihr seht euch nie. Du hast die jährlichen Besuche abgebrochen, als du dreizehn warst.“

„Ich weiß. Damals war er ein Fremder für mich, ich hatte ihn in meinem ganzen Leben nur einige wenige Male gesehen. Als du Hugo geheiratet hast, erschien mir die Vorstellung, meinen Vater einen Teil meines Lebens bleiben zu lassen, illoyal gegenüber dem Mann, der mich wie ein echter Vater geliebt hat. Und Hugo hat es nicht gepasst, wenn ich mich mit Dad getroffen habe.“

Hugo hatte Natalie einen sicheren Hafen geboten, nachdem Jon sie und Clementine hatte sitzen lassen. Wie sich herausstellte, hatte Jon sie in Australien betrogen. Anscheinend hatte er gedacht, so weit weg von England würde er unbemerkt damit durchkommen. Doch selbst im australischen Outback hatte es jemanden gegeben, der ihn kannte und Natalie wissen ließ, was da wirklich vor sich ging.

Zum Zeitpunkt der Scheidung war Natalie so verletzt und wütend gewesen, dass sie Jon gesagt – nein, entgegengeschrien – hatte, sie wolle ihn nie wiedersehen. Sie war Hugo so dankbar gewesen für die Sicherheit, die er ihr bot, dass sie seinem Wunsch, keinen Kontakt mehr zu Clemetines Vater zu haben, nachgegeben hatte. Sie hatten ausschließlich über ihre Anwälte kommuniziert. Natalie hatte Jon seit über zwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Und sie wollte ihn auch jetzt nicht sehen. Allein der Gedanke daran ließ ihr Herz vor Panik flattern.

„Wieso habt ihr jetzt auf einmal Kontakt?“, fragte sie.

„Er hat mir nach Hugos Tod kondoliert. Seitdem stehen wir wieder miteinander in Verbindung.“

Auch Natalie hatte nach Hugos Tod eine Beileidskarte von Jon bekommen, sie aber ungelesen weggeworfen. Nicht, dass sie nicht neugierig gewesen wäre, aber sie wollte an dem Entschluss, ihn aus ihrem Leben auszuklammern, festhalten.

„Was meinst du mit Verbindung? Er lebt doch immer noch in Australien, oder?“

„Er hat auch ein Apartment in London, in der Nähe der Waterloo Station. Genau jetzt hält er sich dort übrigens auf. Das Apartment liegt in einer umgebauten Fabrik und ist echt cool. Und überall in der Nähe gibt es Theater, Restaurants und Bars. Du weißt doch, dass er mittlerweile äußerst wohlhabend ist, oder? Multimillionär, wie es heißt. Vielleicht sogar Milliardär.“

Hatte ihr Ex-Mann vor, ihre Tochter zu kaufen? Sie mit seinen Millionen zu bestechen? Natalie sah auf den Zitronenstreuselkuchen vor sich und kämpfte gegen die Übelkeit an, die sie zu überwältigen drohte. Sie schob den Teller von sich.

„Heißt das, du warst bei ihm zu Hause?“

„Ja.“

„Und hast mir nichts davon erzählt?“

Dass Clem sich mit Jon getroffen hatte, ohne Natalie etwas zu sagen, war, als drehte ihr jemand ein Messer im Herz um. Sie war immer so stolz auf das vertrauensvolle Verhältnis mit ihrer Tochter gewesen.

„Ich wusste, du würdest es nicht gutheißen.“

„Nicht gutheißen? Schatz, ich würde dich nie davon abhalten, deinen leiblichen Vater zu sehen. Das ist dein gutes Recht. Aber warum ausgerechnet dieses Jahr, nach all der Zeit? Und warum Weihnachten?“

Clem lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. Ihr Babybauch war größer geworden, seit sie sich vor ein paar Wochen das letzte Mal gesehen hatten. Clem tätschelte ihn. „Deshalb. Die Gene. Erbliche Merkmale. Ich kenne die Familie des Kindsvaters und wollte mehr über den Großvater meines Babys erfahren. Ich hatte so viele Fragen an Dad.“

„Du wusstest doch schon, dass du deine grünen Augen von ihm hast.“

Clem lächelte. „Und die roten Haare von dir.“

Das Beste von jedem von uns. Das waren Jons Worte damals gewesen.

Als Clem ihr von der Schwangerschaft erzählt hatte, war Natalie schockiert gewesen. Und wütend auf ihre Tochter, die es zuließ, dass die Geschichte sich wiederholte. Auch wenn sie versucht hatte, es nicht zu zeigen. Hatte sie ihr nicht wieder und wieder geraten, sorgfältig zu verhüten? Ihr eigenes Leben auszukosten, bevor sie die Verantwortung für ein Kind übernahm?

Gleichzeitig aber hatte sie ihrer Tochter versichert, dass Clem das Beste war, was ihr je passiert war. Natalie hatte es nie bereut, das Baby behalten zu haben, nicht einmal während der furchtbaren Zeit, als sie bei ihren Eltern gewohnt hatte. Clem sollte nie glauben, dass sie nicht gewollt war oder nicht geliebt wurde.

Natalies Wut war schnell der Vorfreude auf ihr Enkelkind gewichen. Zum Glück hatte Clem, schwanger und vierundzwanzig Jahre alt, einen hervorragenden Uniabschluss und einen guten Job bei einer internationalen Bank. Jeder freute sich auf das Baby. Es war etwas ganz anderes als die Situation, in der Natalie sich damals befunden hatte.

Sie hatte nie die Chance gehabt, ihr Studium zu beenden und sich eine eigene Karriere aufzubauen. Stattdessen war sie irgendwie in Hugos Steuerberaterbüro gelandet, das sie für ihn geleitet hatte. Erst nach Hugos Tod war ihr aufgegangen, wie eng ihr Leben mit seinem verflochten gewesen war – mit seinen Wünschen und Bedürfnissen. Und wie viel mehr sie sich jetzt mit ihren dreiundvierzig Jahren für sich selbst wünschte.

„Ich verstehe vollkommen, dass du deinen Vater besser kennenlernen möchtest – immerhin ist er der Großvater deines Kindes“, sagte sie. Aber warum ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag?

Der Vater des Kindes war tragischerweise verstorben. Clem hatte mit ihrem besten Freund Tyler sechs Jahre lang eine lose Beziehung geführt. So nett sie Tyler gefunden hatte, hatte Natalie sich doch gefragt, ob er wirklich der Richtige für ihre Tochter war. Sie war wenig überrascht gewesen, als Clem ihr nach einem Rhodos-Urlaub mit Tyler offenbart hatte, dass sie ihre Beziehung ein für alle Male beenden würde. Clem liebte Tyler nicht auf diese eine Weise, und beide waren sich einig gewesen, dass es an der Zeit wäre, sich nach etwas Ernsthaftem umzusehen.

Doch traurigerweise sollte Tyler seine große Liebe nie finden. Kurz nachdem sie von Rhodos zurückgekehrt waren, war er bei einem Unfall ums Leben gekommen. Die Beerdigung war unerträglich deprimierend gewesen – ein Leben, das viel zu früh geendet hatte. Tylers Eltern waren so dankbar gewesen, dass die junge Frau, die sie wie ihre eigene Tochter liebten, für sie da war, und Clem hatte es nicht übers Herz gebracht, ihnen zu sagen, dass sie die Beziehung beendet hatten. Auch Tyler hatte offensichtlich darauf verzichtet. Und dann hatte Clem Natalie angerufen und die Bombe platzen lassen, dass sie von Tyler schwanger war.

Ende Januar sollte das Kind zur Welt kommen. Natalies Enkel. Nach dem ersten Schock war sie einfach nur begeistert. Sie wollte sowohl vor der Geburt als auch danach alles für Clem tun, was in ihrer Macht stand. Ihre Unabhängigkeit bedeutete Clem sehr viel, doch vor Kurzem war ihr neuer Boss bei ihr eingezogen, sodass sie vermutlich ein bisschen Hilfe hatte – fürs Erste jedenfalls. Natalie wusste, dass die beiden sich mochten, aber sie hatte keine Ahnung, wie ernst es ihnen war, da Clem in dieser Hinsicht recht verschlossen war.

„Muss dein Treffen mit Jon unbedingt am ersten Feiertag stattfinden?“, fragte Natalie. „Du könntest Heiligabend oder den zweiten Weihnachtsfeiertag mit ihm verbringen.“

„Ich will aber, dass es der fünfundzwanzigste ist. Es ist hier in England nun einmal der wichtigste Feiertag. Und ich will ihn mit meiner Familie begehen.“

„Warum?“

„Weil es mir wichtig ist. Und Dad auch. Außerdem möchte ich, dass ihr beiden Leo kennenlernt.“

Natalie hätte ihre Tochter gerne gefragt, warum Jon wichtiger war als sie selbst, doch das tat sie natürlich nicht. Sie hatte Jon Clem gegenüber nie schlecht gemacht und würde jetzt nicht damit anfangen.

„Verstehe.“

„Wirklich? Mum, eure Ehe war nicht besonders toll, aber …“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Musstest du auch nicht. Oma und Opa haben kein gutes Haar an Dad gelassen.“

„Was einer der Gründe ist, warum wir sie so selten sehen“, entgegnete Natalie schmallippig.

Clems Gesichtszüge wurden weich. „Mum, ich weiß, wie schwierig sie sein können. Und du weißt, dass ich ihnen nie besonders nahegestanden habe.“

Zum Glück – oder leider, je nachdem, welches Familienbild man pflegte – wohnten Natalies Eltern mittlerweile in Spanien. Sie hatten beschlossen, dieses Jahr über Weihnachten in Marbella zu bleiben, um es mit ihren ebenfalls englischen Nachbarn zu feiern.

Also wären an Weihnachten nur sie, Clem, Leo und Jon zusammen. Das konnte Natalie einfach nicht. Im Geiste ging sie hastig ihre Alternativen durch.

„Es wäre wohl kaum passend, Jon zu uns nach Hause einzuladen, oder?“

Clem nickte. „Ich wollte euch eigentlich zu mir nach Hause einladen.“

„Oh.“

„Vielleicht kannst du mir ja beim Kochen helfen, auch wenn ich das meiste wahrscheinlich fertig kaufen werde. Ich finde, Kensington ist neutraler Boden“, erklärte Clem.

Da hatte sie recht. Nach Tylers Tod war Clem wegen eines neuen Jobs nach London gezogen, dort lebte sie in einem wunderschönen Stadthaus, das ihrer reichen Patentante Audrey gehörte, die es jedoch kaum nutzte. Es war tatsächlich ein idealer Ort für eine Weihnachtsfeier.

Vorausgesetzt, Natalie würde wirklich an dem Fest teilnehmen. Sie würde sich bestimmt nicht zu einem Zusammentreffen mit ihrem Ex-Mann zwingen lassen, auch nicht von ihrer geliebten Tochter. Vielleicht könnte sie ja nach Toronto zu ihrem Bruder und seiner kanadischen Familie fliegen? Oder irgendwo hin, wo es warm war: Afrika, Indien. Hauptsache, sie war nicht in London – in der unfreiwilligen Gesellschaft ihres Ex-Mannes.

„Mum? Erde an Mum!“

„Oh, entschuldige bitte, mein Schatz. Ich habe, äh, darüber nachgedacht, wie ich dir beim Kochen helfen könnte.“

„Weißt du, warum ich angefangen habe, mich mit Dad zu treffen? Warum ich ihn öfter sehen möchte?“

„Du hast es bereits erwähnt: Gene. Gemeinsame DNA und so weiter. Das verstehe ich vollkommen.“

„Das auch. Aber, Mum, ich mag ihn einfach. Ich habe sofort gespürt, dass wir eine Familie sind. Vielleicht sind es diese Blutsbande. Oder weil ich ihn jetzt als Erwachsene besser kennenlerne. Aber er hat etwas an sich. Wie nennt man das noch mal? Charisma? Anziehungskraft? Was auch immer, er hat jedenfalls reichlich davon. Weißt du, was ich meine?“

Natalie nickte, sie brachte kein Wort hervor. Sie wusste genau, was Clem meinte. Mit niemand anderem hatte sie sich je auch nur ansatzweise so gefühlt wie mit Jon. Und die letzten zwanzig Jahre hatte sie mit dem Versuch zugebracht, diesen Umstand zu vergessen. Um ihres eigenen Seelenheils willen.

Nachdem seine Tochter ihm heute Morgen erzählt hatte, dass sie sich zum Mittagessen mit ihrer Mutter in Guildford treffen würde, war Jon sofort in das Auto gestiegen, das in London für ihn bereitstand – ein teurer deutscher Sportwagen mit Elektroantrieb –, und nach Guildford gefahren.

Während der einstündigen Fahrt hatte er die Weisheit dieser spontanen Entscheidung infrage gestellt. Clem hatte nicht gesagt, wo sie sich mit Natalie treffen würde. Was also sollte er tun, wenn er sein Ziel erreicht hatte? Die zahlreichen Cafés und Bistros nach Mutter und Tochter absuchen und Hallo sagen? Fragen, ob er sich zu ihnen setzen dürfte? Ihnen auf der Straße begegnen und vorgeben, es wäre reiner Zufall, dass auch er sich heute in der Stadt aufhielt?

Natürlich käme nichts davon wirklich infrage. Aber er musste seine Gefühle schützen. Ihm grauste davor, seine frühere Ehefrau nach mehr als zwanzig Jahren wiederzusehen, mit den unvorhersehbaren Gefühlen aus der Vergangenheit umzugehen und so zu tun, als würde ihm das Weihnachtsessen richtig viel Spaß machen. Nicht vor den Augen seiner Tochter, die er gerade erst kennenlernte, und deren neuen Freundes – wenn Leo das denn war.

Jon musste Natalie vorher zumindest gesehen haben.

Clementine hatte angedeutet, dass Natalie womöglich nicht besonders positiv auf ihre Idee mit der Familienzusammenführung reagieren würde. Sie wollte ihrer Mutter den Vorschlag vorsichtig beim Mittagessen unterbreiten. Clem hatte ihr noch nichts davon gesagt, dass sie sich mit Jon getroffen hatte, seit er nach London gekommen war, denn sie hatte sich Sorgen gemacht, wie ihre Mutter reagieren würde. Clems Loyalität galt zuallererst Natalie, genau wie es sein sollte, aber er wusste auch, wie wichtig es seiner Tochter war, dass sie alle drei – die leibliche Familie – am ersten Weihnachtsfeiertag zusammen waren.

„Genau genommen dreieinhalb“, hatte sie lächelnd präzisiert und eine Hand auf ihren Babybauch gelegt. „Plus Leo, der auch dabei sein wird.“

Jon hatte gesagt, dass für ihn auch Heiligabend oder der zweite Feiertag in Ordnung wären, aber Clem hatte auf dem fünfundzwanzigsten Dezember bestanden. Er fragte sich, wie Natalie das wohl fand. Aber er musste sich zurückhalten und die beiden die Angelegenheit selbst regeln lassen. Noch immer war er für seine Tochter fast ein Fremder.

Er war nicht gut darin, einfach herumzusitzen und abzuwarten. Und er schaffte es nicht, seine Neugier auf die Frau zu bekämpfen, die er zwanzig Jahre lang nicht hatte vergessen können. Egal, wie sehr sie ihn damit verletzt hatte, nicht auf ihn zu warten, während er sich in den entlegenen Minen in Western Australia für ihre gemeinsame Zukunft abschuftete. Oder wie fassungslos er gewesen war, als sie so schnell und bereitwillig die intriganten falschen Behauptungen über seine angebliche Untreue geglaubt hatte. Sein Wegzug nach Australien war ein Opfer gewesen, das zu bringen sie beide bereit gewesen waren – eine freiwillige gemeinsame Entscheidung. Dass sie dann die Scheidung gefordert hatte, weil er sie angeblich betrogen hätte, hatte ihn kalt erwischt. Und schon kurz danach hatte sie sich mit einem deutlich älteren, wohlhabenden Mann verlobt, der die Rolle von Clementines Vater übernommen hatte.

Wie es schien, hatte Natalie sich mehr Geld und Status gewünscht, als Jon ihr hatte geben können. Bereitwillig hatte sie Hugo Gibbs geheiratet. Manchmal dachte Jon, dass ihre grausame Zurückweisung der Grund für seine nachfolgende unablässige Jagd nach Reichtum war. Nie hörte er auf, und nie war es genug. Doch alles, was es damals für ihn gegeben hatte, war ein vernichtendes Verlustgefühl gewesen. Denn ihm war nicht nur die Frau genommen worden, mit der er den Rest seines Lebens hatte verbringen wollen, sondern auch seine geliebte Tochter.

Er fand einen Parkplatz in der Innenstadt und stieg aus.

Der Scheidungsrichter hatte Natalie das alleinige Sorgerecht für Clementine zugesprochen. Alles andere wäre unmöglich gewesen, da Jon auf einem anderen Kontinent lebte. Doch immerhin erhielt er ein Besuchsrecht. In der Praxis jedoch hatten sich diese Besuche als schwierig erwiesen, denn Natalie hatte mit Vehemenz darauf bestanden, dass ihre Tochter nicht nach Australien fliegen durfte, weder alleine noch in Begleitung von Jons Mutter. In den ersten Jahren hatte Jon es sich nicht leisten können, mehr als einmal im Jahr nach England zu kommen. Und als er schließlich genug Geld verdiente, um öfter zu fliegen, ließ ihm seine Arbeit, die ihn in entlegene Bergwerke auf der ganzen Welt führte, keine Zeit dafür.

Und so waren die Begegnungen mit seiner Tochter nie mehr als unbehagliche Treffen eines Fremden mit einem kleinen Kind gewesen, das in seiner Gegenwart nervös wurde. Natalie hatte er nie zu Gesicht bekommen, aber als ihr Verlobter hielt Hugo sich stets in der Nähe von Vater und Tochter auf. Auf dem Papier hatte Natalie dem Kontakt ihrer Tochter mit deren Vater zugestimmt, weil dieser Kontakt im Interesse des Kindes lag. Aber Jon wusste, dass es ihr nie recht gewesen war, wenn er sich mit Clementine traf, und sie den erschwerten Umgang als Strafe für ihn benutzt hatte. Wut stieg in ihm auf, als er daran zurückdachte.

Sollte er wieder ins Auto steigen?

Doch dann kam er zufällig an dem Café vorbei, in dem Clem und Natalie zu Mittag aßen. Geschockt blieb er stehen – so abrupt, dass er auf dem nassen Bürgersteig beinahe ausrutschte. Die Symbolik der Szene – Mutter und Tochter warm im Inneren, der Vater allein in der Kälte – setzte ihm zu.

Natalie. Wie viel war ihm entgangen durch das schmerzhafte Ende, das sie ihrer Ehe gesetzt hatte. Auch zwanzig Jahre später wusste er nicht genau, warum alles dermaßen schiefgegangen war. Der Schmerz war noch immer da, tief in ihm begraben, aber deutlich spürbar. Ihr wart fast noch Kinder, hatten die anderen gesagt – als ob Liebe, Leidenschaft und Betrug weniger intensiv gewesen wären, nur weil sie damals so jung waren.

Jon wusste, dass er weitergehen sollte. Aber in seiner Steppjacke und mit der Kapuze auf dem Kopf gegen den eisigen Wind bezweifelte er, dass die beiden Frauen ihn erkennen würden – selbst wenn sie den großen, breitschultrigen Mann auf der anderen Straßenseite entdeckten, der wegen der Kälte von einem Fuß auf den anderen trat. Und vorausgesetzt, Natalie erkannte ihn nach mehr als zwanzig Jahren überhaupt noch.

Er jedenfalls erkannte sie sofort, selbst aus dieser Entfernung. Mit dreiundvierzig Jahren war sie noch genauso atemberaubend schön wie bei ihrer ersten Begegnung in der Einführungswoche an der Durham University. Jon, Maschinenbaustudent im dritten Semester, hatte in einem Studentenwohnheim auf einer Party Gitarre gespielt und gesungen. Er hatte bemerkt, dass sie, groß, schlank, mit prachtvollen langen roten Haaren, ihn beobachtete. Sie hatte mit dem Fuß gewippt und stumm das Lied mitgesungen, das er gerade spielte.

Als er sie anlächelte, hatte sie zurückgelächelt und war zu ihm gekommen. Er hatte ihr einen Akkord vorgegeben, und gemeinsam hatten sie zu singen begonnen. Von der ersten Note an hatte vollkommene Harmonie zwischen ihnen geherrscht, als wären sie schon viele Male zusammen aufgetreten. Nach drei Liedern, deren Text sie beide beherrschten, hatte Jon ihr gesagt, wie unglaublich sie sei, und sie spontan auf den Mund geküsst. Nach kurzem Zögern hatte Natalie den Kuss erwidert und ihn dann so fragend angeschaut, dass er sie wieder hatte küssen wollen. Und das hatte er auch getan.

Es war ein langer, tiefer Kuss gewesen, von dem Jon sich gewünscht hatte, er würde niemals enden. Doch als er zu leidenschaftlich wurde – nicht nur von seiner Seite aus und vor Publikum –, zog Natalie sich zurück. Die Partygäste hatten applaudiert und gejubelt – ob wegen der Musik oder der Küsse, wusste Jon nicht. Als Natalie ertappt lachte und ihre blauen Augen vor Schalk leuchteten, hatte er gewusst, dass er sehr viel mehr von ihr wollte als einen gemeinsamen Auftritt.

Er hatte sie um ein Date für den nächsten Tag gebeten, auch wenn er deshalb einem anderen Mädchen absagen musste. Wie sich herausstellte, hatte auch Natalie einem anderen eine bereits getroffene Verabredung absagen müssen, aber das hatte Jon erst später herausgefunden.

Jetzt standen seine Ex-Frau und seine Tochter vom Tisch auf. Er bemerkte, wie fürsorglich Natalie Clem behandelte.

Er liebte seine erwachsene Tochter. Sie war so klug und so lebhaft, so entschlossen, für andere das Richtige zu tun. Aber er hatte auch das Baby Clementine und das Kleinkind Clementine geliebt, selbst wenn er sie nur wenige Male gesehen hatte, und den Teenager Clementine, als sie aus Rücksicht auf die Gefühle ihres Stiefvaters beschlossen hatte, sich nicht mehr mit Jon zu treffen.

Damals hatte er das Gefühl gehabt, ihm würde das Herz herausgerissen. Aber er hatte nie aufgehört, sie zu lieben, finanziell für sie aufzukommen oder sie anzurufen. Er hatte für die Momente gelebt, in denen sie ans Telefon gegangen war, und nie aufgehört zu hoffen, dass sie ihn wieder zu einem Teil ihres Lebens machen würde. Und ganz tief in seinem Inneren hatte er nie aufgehört, Natalie zu verübeln, dass sie das Schlimmste über ihn gedacht und die Ehe beendet hatte. Er hatte so viel verloren, während sie den Jackpot gewonnen hatte – ihre gemeinsame Tochter.

Jon wollte, dass seine neue Beziehung zu Clementine von Dauer war. Um das zu erreichen, musste er Natalie auf seiner Seite haben. Aber würde sie ihm auch nur einen kurzen Blick auf ihr jetziges Leben gewähren? Immerhin hatte sie die Tür über zwanzig Jahre lang fest verschlossen gehalten. Er bekam gerade die zweite Chance, Clem ein Vater zu sein, und war entschlossen, sie mit beiden Händen zu ergreifen. Er konnte nur hoffen, dass das Gespräch über Weihnachten gut gelaufen war – aber natürlich war es auch möglich, dass es ein Desaster geworden war.

Auf alle Fälle wäre es ein Desaster, wenn er hier als Stalker erwischt würde. Er wollte nichts riskieren und wandte sich ab, um zu gehen. Im selben Moment öffnete sich die Tür des Cafés – und da stand Natalie.

Reglos blieb Jon stehen. Er hielt den Atem an, während sein Herz wild schlug. Auch nach dieser langen Zeit hätte er sie überall erkannt. Das letzte Mal hatte er sie am Tag vor ihrer Verlobung mit Hugo gesehen. Jon hatte sie angefleht, es nicht zu tun. Sie hatte sich geweigert, auf ihn zu hören, und seine Bitte um Versöhnung mit Verachtung gestraft. Was ihn jedoch am meisten erschüttert hatte, war der Hass in ihrem Blick.

Und jetzt konnte er nicht anders, als sie anzustarren und zwanzig Jahre der Veränderung in sich aufzunehmen. Sie war noch immer Natalie, aber auf eine reife und elegante Weise noch hinreißender. Die prachtvollen Haare waren deutlich kürzer als früher und berührten gerade noch ihre Schultern. Sie trug einen gut geschnittenen blauen Mantel und hohe Stiefel. Er wusste noch, wie gerne sie Blau mochte. Auch bei ihrer ersten Begegnung hatte sie eine blaue Jeans und einen hellblauen Rollkragenpullover getragen.

Natalie drehte sich um, um Clem durch die Tür zu helfen. Dann sah sie wieder auf die Straße, als spürte sie Jons Blick auf sich. Eilig wandte er sich ab und ging davon. Die Trauer über den Verlust dessen, was hätte sein können – nein, was hätte sein sollen! –, brannte in ihm.

Er widerstand der Versuchung, einen letzten Blick auf seine Ex-Frau zu werfen, seine erste große Liebe, die Frau, von der er naiverweise geglaubt hatte, er würde alt mit ihr werden. So, wie sie ihn behandelt hatte, hatte er nie geplant, sie noch einmal wiederzusehen. Er hatte sich ein erfolgreiches Leben ohne sie aufgebaut, auch wenn er mit einer glücklichen Beziehung weiterhin nicht viel Erfolg gehabt hatte. Natalie gehörte zu seiner Vergangenheit. Aber Clementine war seine Zukunft. Um ihretwillen hatte er sich bereit erklärt, wieder Kontakt mit Natalie aufzunehmen. Es ging nicht anders.

Während der harten Jahre, in denen er sich sein Vermögen aufgebaut hatte, hatte er gelernt, sich auf seine Intuition zu verlassen. Im Moment hatte er das Gefühl, dass Natalie die Idee, den Ersten Weihnachtstag mit ihm zu verbringen, ablehnte. Das hatte er anfangs auch getan. Aber jetzt, nachdem er sie gesehen hatte, wünschte er sich nichts mehr, als dass Clems Plan aufging.

2. KAPITEL

Auch eine Woche nach dem Mittagessen mit Clementine hatte Natalie noch nicht entschieden, wo sie Weihnachten verbringen würde. Sie hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, den letzten freien Platz einer Gruppenreise nach Sri Lanka zu buchen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto bewusster wurde ihr, wie sehr sie ihre Tochter damit verletzen würde. Und das wollte sie nicht, schon gar nicht in einer so speziellen Phase in Clems Leben.

Diesen Vormittag verbrachte sie an ihrem Lieblingsplatz – in dem luftigen, nach Süden hin gelegenen Wintergarten in dem großen Guildforder Vorstadthaus. Nach Hugos Tod hatte sie ihn in ihr Atelier verwandelt. Hier malte sie nicht nur am liebsten, sondern verbrachte auch viel Zeit mit Nachdenken. Auf der Staffelei stand ein fast fertiges Ölbild von einem schwarz-weißen Cockerspaniel, das ihre Nachbarin in Auftrag gegeben hatte. Es war ein liebenswerter kleiner Hund, und Natalie freute sich, dass es ihr gelungen war, sein fröhliches Wesen einzufangen. Ihrer Nachbarin würde das Porträt gefallen.

Freddie, ihr eigener Hund, war ein kleiner Mischling mit grauer Schnauze, dessen genaues Alter unbekannt war. Er kam aus dem Tierschutz und döste jetzt in seinem Körbchen neben der Heizung. Als sich das Haus nach Hugos Tod plötzlich so leer angefühlt hatte, hatte Natalie beschlossen, Pflegehunde aufzunehmen, allerdings war Freddie ihr erster und einziger Pflegling geblieben. Er hatte einer alten Frau gehört, die gestorben war und deren Familie den Hund ins Tierheim geben wollte. Natalie hatte es nicht übers Herz gebracht, den kleinen alten Kerl einer unsicheren Zukunft auszuliefern.

Sie legte den Pinsel zur Seite. Sie konnte sich nicht aufs Malen konzentrieren, wenn ihre Gedanken nur darum kreisten, dass Jon vollkommen unerwartet wieder Einzug in ihr Leben erhielt. Und wenn sie ehrlich war: Ihre Neugier, wie er sich mittlerweile gemacht hatte, war größer als ihre Abneigung, ihn wiederzusehen.

Ihre Tochter hatte bereits eine herzliche Verbindung zu ihrem leiblichen Vater aufgebaut, die ihr wichtig zu sein schien. Für Clem freute Natalie sich natürlich. In den vergangenen zwei Jahren hatte Clem zwei große Verluste erlitten. Erst hatte sie ihren Stiefvater Hugo verloren, den sie aufrichtig geliebt hatte. Und dann Tyler, ihren besten Freund, mit dem sie unbeabsichtigt ein Baby gezeugt hatte. Jetzt hatte Clem den Vater wiedergefunden, den sie so viele Jahre lang mehr oder weniger vermisst hatte.

Wie könnte sie es ihrer Tochter noch schwerer machen, als sich zu Weihnachten aus dem Land zu stehlen? Natalie würde nicht nach Sri Lanka fliegen, und auch sonst nirgendwohin. Wenn es darauf ankam, stand Clem immer an erster Stelle. Sie würde den Ersten Weihnachtsfeiertag so verbringen, wie ihre Tochter es sich wünschte.

Aber sie durfte nicht zulassen, dass ein unbehagliches erstes Wiedersehen mit ihrem ersten Ehemann das Fest ruinierte. Sie musste Jon vor Weihnachten treffen und die Bedingungen dieser „Wiedervereinigung“ selbst bestimmen.

Clem hatte ihr Jons Handynummer gegeben. Natalie wischte sich die Hände an einem Lappen ab und griff nach ihrem Telefon. Sollte sie ihn anrufen? Nein. Auf gar keinen Fall. Das wäre nach all den Jahren doch zu unangenehm. Sie würde ihm schreiben.

Sie tippte einen Text und löschte ihn wieder. Schrieb und löschte. Um Clems willen musste sie das hier richtig machen. Schließlich formulierte sie einige Zeilen, die sie akzeptabel fand. Ihr Daumen schwebte über dem grünen Symbol zum Senden, und Natalie musste feststellen, dass ihre Hand leicht zitterte. Sie krümmte und streckte die Finger, holte tief Luft und schickte die Nachricht ab.

Hi Jon, hier ist Natalie. Clementine hat mir von ihrem Plan für Weihnachten erzählt. Ich finde, es wäre gut, wenn wir uns vorher schon einmal treffen und reden könnten. Ich freue mich darauf, von dir zu hören.

Sie konnte sehen, dass die Nachricht sofort gelesen wurde. Die Antwort kam umgehend.

Eine sehr gute Idee. Ich kann heute Nachmittag. Würde dir das passen?

Natalie schnappte nach Luft. Dass er so schnell reagierte und ein so baldiges Treffen vorschlug, traf sie unvorbereitet. Sie war davon ausgegangen, Zeit dafür zu haben, sich auf ein Wiedersehen mit ihm vorzubereiten.

Ihr erster Gedanke war, ihm zu antworten, dass es heute nicht ging und die nächste Woche besser wäre. Aber würde sie sich dann nicht die ganze Zeit wegen des bevorstehenden Treffens Sorgen machen? Sie brauchte keinen unnötigen Stress. Sie würde sich für den Nachmittag mit ihm verabreden und es hinter sich bringen.

Aber wo? Nicht hier im Haus und ganz sicher nicht in seinem Apartment. Und ein Café oder Pub würden zu sehr nach einem Date aussehen. Sie hatte vorgehabt, später am Tag mit Freddie spazieren zu gehen, also schickte sie Jon die Adresse eines beliebten Stadtparks am Fluss und schlug zwei Uhr nachmittags vor. Um vier wurde es bereits dunkel, das begrenzte die verfügbare Zeit, sollte das Treffen sich als schwierig erweisen.

Jon antwortete mit einem lachenden Emoji, was sie überraschte. War er wegen des Wiedersehens gar nicht so angespannt wie sie?

Natalie sah auf ihre farbverschmierten Hände. Sie würde sie mit Öl reinigen müssen. Panik erfasste sie. Was sollte sie anziehen? Und sie musste sich noch die Haare machen! Dabei sollte ihr eigentlich egal sein, wie sie aussah. Doch das war es nicht.

Jon. Nach all den Jahren.

Sie durfte nicht vergessen, dass sie sich nur wegen Clem mit ihm traf.

Jon wartete am verabredeten Treffpunkt auf dem Parkplatz, wo Freddies Lieblingsweg am Fluss Wey entlangführte. Der hochgewachsene, gut gebaute Mann sah in die andere Richtung, aber selbst von hinten erkannte Natalie ihn sofort. Ihr Herz machte einen Satz, ihr Atem stockte. Sie holte tief Luft und gönnte sich einen Moment, um seinen Anblick in sich aufzunehmen, bevor sie ihn auf sich aufmerksam machte.

Er trug eine schwarze Jacke, die seine breiten Schultern, und schwarze Jeans, die die langen Beine betonten. Sie fragte sich, wie er sich als Millionär so fit hielt, und schob die Erinnerungen daran, wie gut er ohne Kleidung aussah, beiseite.

Spürte er die Intensität ihres Blickes? Langsam drehte er sich um und sah sie an. Fast schien es, als würde die Zeit stehen bleiben, als ihre Blicke sich trafen. Da war er – noch immer er selbst, wenn auch mit den Veränderungen, die zwanzig Jahre nun mal mit sich brachten. Das Haar trug er mittlerweile kurz geschnitten, aber es war noch immer dunkel, und seine Haut von den Jahren in Australien sonnengebräunt. Damals war er glatt rasiert gewesen, heute trug er einen gepflegten Dreitagebart. Er stand ihm. Sein Gesicht verriet, dass er einiges gesehen hatte, seit sie sich getrennt hatten.

Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden, als wäre sie in einen Bann geschlagen, und stellte fest, dass auch er sie musterte, mit Augen, die so grün waren wie die ihrer Tochter. Welche Veränderungen nahm er an ihr wahr? Sie hatte sich einigermaßen in Form gehalten, kleidete sich bewusst und wurde oft für jünger als 43 gehalten.

Aber warum sollte es sie interessieren, was er über sie dachte? Er hatte sie betrogen, und das in der schwierigsten Zeit ihres Lebens. Er war in Australien gewesen und hatte geglaubt, tun und lassen zu können, was er wollte, dass niemand herausfinden würde, ob er etwas mit einer anderen Frau hatte. Natalie schluckte den Klumpen herunter, der sich bei der schmerzhaften Erinnerung in ihrem Hals gebildet hatte. Das Foto von ihm und der Frau in dem roten Kleid ließ sie noch immer nicht los.

Ihre Familie hatte gesagt, sie wäre dumm zu glauben, dass ihre Beziehung von Dauer wäre – sie wären viel zu jung gewesen, und alles hätte gegen sie gesprochen. Aber sie hatte an Jon geglaubt. Daran, dass ihre Liebe stark genug wäre, um sie jede Schwierigkeit meistern zu lassen. Jon hatte geschworen, immer zu ihr zu halten. Und es dann nicht getan.

Er trat an sie heran. Machte keinerlei Anstalten, ihr die Hand zu schütteln oder sie zur Begrüßung auf die Wange zu küssen, wie es andere Erwachsene mit einer gemeinsamen Geschichte vielleicht getan hätten.

„Jay Jay“, brachte sie schließlich hervor, ohne zu bemerken, wie sie ihn gerade genannt hatte.

Überrascht zog er die Augenbrauen hoch. Ihr kam es vor, als würde er sehr lange nichts sagen, obwohl es sich nur um Sekunden handeln konnte.

„So hat mich außer dir nie jemand genannt.“

Jonathan James Grayson. Jay Jay. Ihr Name für den Mann, der ihr vom ersten Moment an das Herz gestohlen hatte. Um es dann in tausend Teile zu brechen.

„Entschuldige bitte“, sagte sie und bereute es sofort.

„Es gibt nichts zu entschuldigen. Es versetzt mich nur zurück in die Vergangenheit.“

„Ich will aber nicht zurück“, entgegnete Natalie, wobei sie sich zwang, ruhig zu klingen. Seine tiefe Stimme riss sie in einen Strudel aus Erinnerungen an den Mann, den sie vergöttert hatte. Erinnerungen an das, was gewesen war, bevor alles den Bach runterging.

„Verstanden“, sagte er.

Unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Natalie hatte keine Ahnung, wie sie es beenden sollte. Das Wasser im Fluss trieb träge dahin, sie hörte es leise plätschern, als ein Fisch in die Luft sprang. Aus der Ferne war das Rauschen des Verkehrs auf der Autobahn zu vernehmen.

„Wie ich sehe, hast du dir einen Schutzhund mitgebracht“, bemerkte Jon. Er sprach mit einem leichten australischen Akzent, der vor zwanzig Jahren ganz sicher noch nicht da gewesen war.

Natalie sah hinab auf Freddie, der im Unterholz herumschnupperte. Die Vorstellung, dass dieses kleine alte Kerlchen, das eine Mischung aus Foxterrier, Corgi und was auch immer sein musste, sich wie ein respekteinflößender Schutzhund verhielt, brachte sie zum Lächeln.

Was verheerend war, denn Jon erwiderte das Lächeln. Und wenn Jon lächelte, sah er tödlich gut aus. In seinen Augen tanzten dann Wärme und Humor, es zauberte auf vollkommen entwaffnende Weise Lachfältchen um seine Augenwinkel, und sein Mund war dann eine einzige Einladung, das Leben zu genießen. Natalies Herz schlug wie verrückt. Wie konnte ein Mann mit Mitte vierzig so gut aussehen? Andere Männer in dem Alter verloren die Haare oder wurden grau. Aus der Nähe sah sie, dass auch Jons Schläfen grau meliert waren, aber damit sah er nur noch besser aus. Sie selber hatte noch kein einziges graues Haar. Es lag daran, dass sie rothaarig war, hatte ihre Friseurin erklärt, und ihre Pigmente sich deshalb anders veränderten.

„Wachsamer Schutzhund, ganz genau. Er heißt Freddie.“

„Er ist niedlich.“

Jon beugte sich nach unten und ließ Freddie an seiner Hand schnuppern. Er hatte die Hände eines Musikers, mit langen, sensiblen Fingern. Hände, die ihren Körper so zärtlich liebkost hatten. Natalie wandte den Blick ab. Sie wollte nicht daran denken.

„Hallo Freddie.“

Freddie überprüfte den großen fremden Mann gründlich und schien zu dem Schluss zu kommen, dass von ihm keine Gefahr ausging. Jon kraulte ihn hinter den Ohren, und der Hund wedelte freudig mit dem Schwanz.

„Ich weiß noch, dass du dir immer einen Hund gewünscht hast“, sagte Jon. „Aber dann haben wir stattdessen ein Baby bekommen.“

Auf gar keinen Fall konnte Natalie sich auf gemeinsame Erinnerungen einlassen. Sie schüttelte den Kopf und fuhr ihre Schutzschilde hoch. „Ich möchte nicht über die Vergangenheit sprechen. Das ist vorbei.“

„Verstanden“, sagte er erneut.

„Ich bin nur wegen Clem hier. Das solltest du wissen.“

„Ich auch. Ich war froh, als du dich gemeldet hast. Es wäre schwierig gewesen, wenn wir uns Weihnachten quasi als Fremde begegnet wären. Und vielleicht unangenehm für Clem.“

Freddie zog an seiner Leine. Natalie begann den Pfad entlangzugehen, Jon setzte sich neben ihr in Bewegung. Ihr wurde bewusst, dass er nicht einfach nur groß war, sondern imposant, mit diesen breiten Schultern und den langen Schritten. Früher hatte er jeden Raum beherrscht. Er war nie ein normaler Maschinenbaustudent gewesen.

„Der Zweck dieses Treffens ist nicht, in alten Erinnerungen zu schwelgen. Das funktioniert für mich nicht“, erklärte sie. „Ich möchte nur, dass Clem Weihnachten so feiert, wie sie es sich wünscht, bevor das Baby kommt.“

„Ich verstehe. Aber wir können ja nicht so tun, als hätten wir keine gemeinsame Vergangenheit. Clem beweist das Gegenteil.“

„Das stimmt. Und ich weiß auch, wie wichtig es ihr ist, wieder mit dir in Kontakt zu kommen. Deshalb bin ich hier, um die Fremdheit zu überwinden, bevor wir alle zusammenkommen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Hast du dafür gesorgt, dass sich die Familie am Ersten Feiertag wiedertrifft?“ Sie versuchte, nicht vorwurfsvoll zu klingen, doch es gelang ihr nicht ganz.

„Ich habe Heiligabend oder den zweiten Weihnachtstag vorgeschlagen.“

„Ja? Ich auch.“

„Sie wollte nichts davon wissen.“

„Das überrascht mich nicht. Den Advent hat sie immer schon geliebt, aber der wichtigste Tag ist ihr immer noch der fünfundzwanzigste Dezember.“

„Da hat sie ja nicht ganz unrecht.“

„Ich weiß. Übrigens habe ich dieses Jahr schon im September Weihnachtsartikel im Supermarkt gesehen.“

„Dann scheint dieses Verfrühte hier ja genauso schlimm zu sein wie in Australien.“

Natalie fragte sich, ob sie das Treffen wegen dieses höflichen Geplauders arrangiert hatte.

„Ich hätte mich nicht dafür entschieden, mich mit dir zu treffen, wenn es nicht wegen Clem wäre“, sagte sie unbehaglich. „Aber es ist ihr so wichtig, wieder eine Beziehung zu dir aufzubauen. Es tut ihr gut. Sie hat Hugo sehr nahegestanden und vermisst ihn noch immer.“

„Sie hat mir erzählt, dass er ihr ein guter Stiefvater war. Ich bin froh, dass sie ihn hatte.“

Es musste Jon viel Überwindung kosten, das zu sagen. Er hatte Clementine vom ersten Augenblick an geliebt. Aber die Umstände – und ja, auch die Barrieren, die Natalie aufgebaut hatte – hatten es ihm nicht leicht gemacht, im Leben seiner heranwachsenden Tochter eine Rolle zu spielen. Widerstrebend musste Natalie die beharrliche Art, mit der Jon seine Tochter nie aufgegeben hatte, bewundern. Er hatte immer Unterhalt gezahlt, keinen Geburtstag vergessen. Aber es war seine Entscheidung gewesen, weit weg im entlegenen Australien zu leben.

„Ich weiß, dass du sie gerne öfter gesehen hättest. Das weiß auch Clem; sie hat dir nie etwas übel genommen.“

Anders als ich.

„Du hast als Mutter einen tollen Job gemacht. Sie ist eine großartige Frau geworden.“

Da waren sie einer Meinung. „Ich bin sehr stolz auf sie. Nicht nur, weil sie so intelligent ist, sondern weil sie Werte hat, gutherzig und loyal ist. Ich genieße ihre Gesellschaft jedes Mal und würde das wohl auch tun, wenn sie nicht meine Tochter wäre.“

„Ja, sie ist ziemlich beeindruckend.“

„Aber glaube mir, auch wir hatten unsere Momente. Pubertät, das Austesten von Grenzen, Liebesdramen. Aber wir haben es überstanden.“

Jons Antwort war ein langes Schweigen. Zu spät erkannte Natalie, dass das Wir – sie und Hugo – Jon ausschloss. Das hatte sie nicht gewollt.

„Keiner von uns möchte über die Vergangenheit reden“, sagte er schließlich. „Aber ich würde gerne mehr über die Jahre erfahren, die ich mit Clem verpasst habe. Hättest du Lust, mir davon zu erzählen?“

Natalie zögerte kurz, doch dann antwortete sie: „Ja, ich denke schon.“

Das hatte er verdient, genau wie Clem. Ganz unabhängig von ihren eigenen Gefühlen für Jon hatte sie nie daran gezweifelt, dass ihr Ex-Mann seine Tochter als Teil seines Lebens dabeihaben wollte, egal wie schwierig es war. Natalies und seine gemeinsame Vergangenheit allerdings waren tabu. Sie konnte und würde nicht darüber sprechen, warum er sie allein gelassen hatte und wie es mit ihnen geendet hatte, obwohl sie gedacht hatten, sie würden bis an ihr Lebensende zusammenbleiben. Diese Phase in ihrem Leben war ein Albtraum gewesen. Sie hatte die Schmerzen von damals tief in ihrem Inneren vergraben und wollte nie wieder mit ihnen zu tun haben.

„Wie kommt es, dass Clem einen Abschluss in Rechnungswesen und Cybersicherheit hat?“

„Sie konnte schon immer gut mit Zahlen umgehen. Und sie hat jedem erzählt, dass sie Bankkassiererin werden wollte, wenn sie groß wäre.“

„Wie süß. Sie hat mir erzählt, dass sie einen neuen Job bei einer italienischen Bank in London hat.“

„Ja, bei Artullo, als Projektmanagerin. Sie liebt es.“

„Ihr Traumjob?“

Natalie lächelte. „Ich denke, ja.“

„Und was passiert, wenn das Baby da ist?“

„Sie geht in Mutterschutz, aber ich weiß nicht, für wie lange. Clem hat mich schon gewarnt, dass ich sehr oft babysitten werde.“

„Mich auch.“

Sie runzelte die Stirn. „Aber du lebst am anderen Ende der Welt.“

„Mein Hauptwohnsitz ist in Western Australia, aber Clem hat dir vielleicht erzählt, dass ich auch ein Apartment in London habe. Ich kann kommen und gehen, wie ich will. Der Direktflug von Perth nach London dauert siebzehn Stunden. Wenn Clem mich braucht, werde ich da sein.“

Er wäre hier? In England? In ständigem Kontakt mit Clem? Und würde an den eisernen Barrieren rütteln, die Natalie zwischen sich und ihrem Ex-Mann aufgebaut hatte? Es würde schwer sein, ihn wieder sicher in der mentalen Kiste zu verstauen, wenn er nicht weit weg in Australien wäre. Natalie war zu verwirrt, um etwas zu erwidern. Sie blieb stehen und ließ Freddie einen Baum markieren. Sie konnte nicht weitergehen und gleichzeitig über dieses Thema reden.

„Ich wusste nicht, dass du für Clem auf Abruf bereitstehen kannst“, sagte sie schließlich. Für wie lange?

„Ich nehme an, du weißt generell nicht viel über mich oder das Leben, das ich jetzt führe. So wie ich nicht viel über dich weiß.“

„Stimmt.“

Sie wollte auch nichts über ihn wissen oder darüber, wie das Leben für ihn ohne sie weitergegangen war.

„Was wir allerdings wissen, ist, dass wir sehr bald Großeltern werden“, sagte Jon. „Was bedeutet, dass wir für sehr lange Zeit unweigerlich miteinander zu tun haben werden.“ Er hielt inne. „Ob es uns gefällt oder nicht“, fügte er dann hinzu.

„Ich … Ich habe nicht weiter als bis Weihnachten gedacht. Aber … wahrscheinlich hast du recht.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich freue mich wahnsinnig auf das Baby.“

„Ich mich auch.“

„Aber ich muss mich noch an den Gedanken gewöhnen, mit dreiundvierzig Jahren Großmutter zu werden.“

Jon lachte. Es war dasselbe Lachen wie damals, ein bisschen tiefer und voller vielleicht, aber noch genauso anziehend. Noch anziehender sogar, wenn Natalie ehrlich war.

„Und ich Großvater mit vierundvierzig. Aber wir waren ja auch junge Eltern.“

Sehr jung. Teenager, denen die Eltern in jeder Hinsicht das Leben schwer gemacht hatten, ganz besonders ihre.

„Du siehst nicht aus wie ein Großvater, falls dich das tröstet.“ Sie konnte von seinem Anblick nicht genug bekommen. Er würde der schönste Großvater aller Zeiten sein.

„Und du siehst ganz bestimmt nicht wie eine Großmutter aus. Du siehst noch immer aus wie das Mädchen, dem ich vor all den Jahren begegnet bin.“ Er blickte ihr in die Augen. „Noch genauso schön.“

Sie bemühte sich um eine feste Stimme. „Du willst nur nett sein.“

„Ich bin einfach ehrlich.“

Als Natalie seinen Blick erwiderte, versuchte sie, ihr Zittern zu unterdrücken. Er sah anders aus und doch so schmerzhaft vertraut. Sein Gesicht hatte sie verfolgt in ihren Träumen, all die Jahre lang, die sie mit dem beschützenden, sanften und gänzlich unspektakulären Hugo verbracht hatte.

3. KAPITEL

Jon sah auf Natalie hinab. Sie war schlank und sah jung aus in ihrer marineblauen wetterfesten Jacke, der Jeans und den modischen Wanderschuhen. Ihr Haar war noch immer rot. Ob sie es mittlerweile färbte? Aber der Farbton war genau derselbe wie damals, ohne auch nur ein graues Haar.

Er hatte nicht gelogen oder versucht, höflich zu sein. Die Jahre schienen spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Sicher, an den Augenwinkeln und um den Mund herum waren winzige Fältchen zu sehen, und ihre Wangenknochen wirkten deutlich ausgeprägter als früher. Ihre Haut war glatt und blass, geschont vom englischen Klima, das so ganz anders war als das australische. Sie war noch immer bildschön – und mit dieser gewissen Reife sogar schöner denn je.

Er unterdrückte das Verlangen, ihr über die Wange zu streichen, mit einem Finger der Kontur ihres Mundes zu folgen. Ihre Lippen waren noch genauso voll wie an dem Tag, als er sie zum ersten Mal geküsst hatte. Damals war er naiv genug gewesen zu glauben, dass er niemals eine andere Frau küssen würde.

Und trotzdem hatte sie ihm vorgeworfen, er wäre ihr untreu gewesen. Entschlossen behielt er die Hände in den Jackentaschen. Auch nach all den Jahren schwelte die Wut darüber, dass sie ihm nicht geglaubt hatte, noch in ihm.

Damals hatte Andrew, ein Freund von Natalies Bruder Steven, ihm von seinem Job in einer Mine in Western Australia erzählt, von dem hohen Lohn und den Möglichkeiten dort. Und so hatte auch Jon sich beworben und eine Zusage erhalten. Sie waren zusammen geflogen und in Kontakt geblieben.

Es war Andrew gewesen, der Steven das Foto geschickt hatte. Es war bei einem der seltenen geselligen Abende in dem entlegenen Tagebau aufgenommen worden und zeigte Jon, der sich mit einer Fahrerin unterhielt – einer attraktiven Blondine in einem roten Kleid. In den Minen arbeiteten nur wenige Frauen. Jon hatte die weibliche Gesellschaft genossen, doch für ihn war es rein platonisch gewesen. Anders als für die Frau. Sie hatte anscheinend Gefallen an ihm gefunden und Lust auf mehr gehabt. Die Aufnahme war in dem Moment entstanden, als sie nahe an Jon herangerückt war und versuchte, ihn zu verführen. Nicht festgehalten hatte die Kamera, wie er zurückgewichen war, sobald sich ihre Absicht deutlich gezeigt hatte, und so schnell verschwunden war, dass es einer Flucht glich.

Jon fragte sich noch immer, was Andrew dazu motiviert hatte, Steven das Bild zu schicken und ihn darüber zu informieren, was sein Schwager in Australien angeblich trieb. Natalies Familie hatte sofort das Schlechteste über ihn gedacht, und noch bevor Jon die Möglichkeit hatte, alles zu erklären, war er als Ehebrecher verteufelt worden.

Natalie hätte zu ihm gehören sollen, nicht nur damals, sondern die ganzen Jahre über!

Sie trug Handschuhe, aber er konnte die Konturen eines Ringes am dritten Finger ihrer linken Hand sehen. Was war wohl aus dem Ring geworden, den er ihr geschenkt hatte? Ein schmaler Goldring von einem Juwelier auf der High Street – der billigste, den es dort gab. Jon tat es leid, dass Natalie jetzt Witwe war, doch für Hugo hatte er keinen Funken Mitgefühl übrig.

Hugo, Sohn reicher Freunde der Familie Lewis, hatte nie einen Hehl aus seinem Interesse an Natalie gemacht. Selbst als sie mit Jon verheiratet war, war er um sie herumgeschlichen. Zu Jons Überraschung hatten Natalies Eltern Hugo und dessen Familie zu der kleinen, überstürzten Hochzeit eingeladen, die stattgefunden hatte, bevor Natalies Schwangerschaft sichtbar wurde. Hugo hatte der Trauung sichtbar neidisch beigewohnt.

Jon, damals neunzehn Jahre alt, arrogant in all seiner Jugend und überzeugt von Natalies Liebe, hatte ihn nicht als Bedrohung empfunden. Genau genommen hatten Natalie und er sogar heimlich über Hugos Verliebtheit gelacht. Dass Hugo im Gegensatz zu Natalies achtzehn Jahren schon sechsundzwanzig war, war ihnen fast obszön erschienen. Er war so alt und langweilig! Aber er genoss die Gunst von Natalies konservativen, überheblichen Eltern.

Jon war schockiert, aber nicht besonders überrascht gewesen, als Natalie sich mit Hugo verlobt hatte, sobald die Tinte auf den Scheidungsunterlagen trocken war – eine Scheidung, zu der Jon gezwungen worden war. Natalies Eltern war es offensichtlich gelungen, ihrer Tochter ihre eigene Sichtweise einzutrichtern – nämlich, dass Jon nicht gut genug für sie war. Sie hatten nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Jon nicht mochten. Er passte nicht zu den Plänen, die sie für ihre Tochter hatten. Sie hatten ihn nie in den Kreis der Familie aufgenommen, sondern alles getan, um ihm das Leben zur Hölle zu machen. In ihren Augen war Jon ein verantwortungsloser Bengel, der ihre Tochter verführt hatte, sodass sie die Uni abbrechen musste. Wie oft hatten sie ihm gesagt, er hätte das Leben ihrer Tochter ruiniert!

Tatsache aber war, dass auch er die Hochschule hatte verlassen müssen. Die Studienkredite reichten für die kleine Familie nicht aus – und das Zimmer im Haus von Natalies Eltern bekamen sie nicht umsonst. Jon musste arbeiten. Er war der Erste in der Familie, der studierte, und seine Eltern hatten große Hoffnungen in ihn gesetzt. Sie hatten Natalie die Schuld gegeben, auch wenn sie sie netter behandelt hatten als Natalies Eltern ihn.

Jon trat einen Schritt von Natalie weg. „Ernsthaft, niemand würde denken, dass du eine erwachsene Tochter hast.“

„Das muss an der magischen Hautcreme liegen, die mich jedes Mal ein Vermögen kostet.“

„Dann weiß ich jetzt etwas über dich, was ich vorher nicht wusste.“

„Und das ist?“, fragte sie vorsichtig.

„Dass du teure Hautcreme kaufst“, antwortete er.

Ihr Lächeln raubte ihm den Atem. Es ließ ihre Züge weicher werden und vertrieb die Anspannung, die seit ihrem Wiedersehen auf dem Parkplatz darin gelegen hatte. Wie oft hatte er früher ihr ansteckendes Lachen gehört!

Jetzt durchdrangen ihre Worte die schützenden Barrieren, hinter denen er seit Jahren sein Herz verbarg. Immerhin war sie es, die die Scheidung gefordert und ihn der Untreue und Flucht bezichtigt hatte. Er hatte sie nie betrogen – weder mit der Frau in dem roten Kleid noch mit sonst jemandem.

„Ich glaube, wir könnten mit der Situation besser umgehen, wenn wir mehr über das Leben des anderen wüssten“, sagte er. „Bis Weihnachten sind es nur noch zwei Wochen. Wollen wir nicht versuchen, uns in dieser Zeit besser kennenzulernen?“

„Freunde werden? Ist es das, was dir vorschwebt?“

Er antwortete nicht sofort. „Vielleicht nicht gerade Freunde, auch wenn wir es vor langer Zeit einmal waren.“

„Wir waren nie nur Freunde“, erklärte sie langsam.

Unbehagliches Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Dachte sie an die machtvolle Leidenschaft, die sofort zwischen ihnen aufgeflammt war, an die überwältigende Besessenheit voneinander? Die erste große Liebe. Er hatte sie nie vergessen. Obwohl er seitdem mehrere ernsthafte Beziehungen geführt und sogar noch einmal geheiratet hatte, war nichts der Intensität jener Gefühle nahegekommen. Niemand hatte ihn jemals wieder so sehr berührt wie Natalie.

„Du kannst gar nicht lieben“, hatte seine zweite Frau ihm sogar...

Autor

Annie Oneil
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Jackie Ashenden

Jackie Ashenden schreibt düstere, gefühlsgeladene Stories über Alphamänner, denen die Welt zu Füßen liegt, bevor sie von ihren umwerfenden Gegenspielerinnen in Stücke gerissen wird. Sie lebt mit ihrem Ehemann, dem unvergleichlichen Dr Jax, zwei Kindern und zwei Ratten in Auckland, New Zealand. Wenn sie nicht gerade Alphamänner und ihre kühnen...

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Deanne Anders
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