Komm, lass uns lieben

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Als ob leuchtend blaue Augen, Charme und breite Schultern nicht schon genug wären - dazu hat der smarte Duke Jenkins auch noch zwei süße kleine Söhne, und Kinder liebt Dani nun mal über alles! Aber sie weiß, dass Beziehungen mit allein erziehenden Vätern ganz schön kompliziert werden können …
  • Erscheinungstag 17.01.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733755133
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Der Tag dehnte sich bereits endlos, und dabei war es noch nicht einmal Mittag.

Dani Adams sank auf den Sessel hinter ihrem Schreibtisch und nahm sich fest vor, ein Schläfchen zu halten, ehe sie die Nachmittagstermine wahrnahm. Sie war seit drei Uhr früh wegen eines Notfalls auf den Beinen. Ein betrunkener Autofahrer hatte kurz hinter der Stadt auf dem Texas-Highway einen Hund überfahren.

Der Sheriff hatte Dani von unterwegs angerufen. Minuten später trug er das blutüberströmte, schwer verletzte Tier in die Praxis, und sie hatte mehrere Stunden konzentriert gearbeitet. Das Leben des armen Geschöpfs hing an einem seidenen Faden.

Vielleicht hätte sie das Tier einschläfern sollen, aber wenn sie an seine Besitzerin dachte, die achtzigjährige Betty Lou Parks, sträubte sich alles in Dani dagegen. Betty Lou hing an ihrem Hund. Er war ihr ständiger Begleiter, er saß in dem verrosteten alten Auto neben ihr, wenn sie in die Stadt fuhr, um ihren wöchentlichen Einkauf zu tätigen. Dani hatte die Angst und die unterdrückten Tränen aus Betty Lous zitteriger Stimme herausgehört, als diese sich nach ihrem Hund erkundigte. Das hatte den Ausschlag gegeben. Dani versprach, alles zu tun, um den geliebten „Goldjungen“ der alten Dame zu retten.

Goldjunge, dachte sie und lächelte. Vermutlich schämte sich das arme Tier jedesmal, wenn sein Frauchen es beim Namen rief. Es war zu großen Teilen ein stolzer Schäferhund, hatte aber genug andere Erbmasse, um eine recht seltsame Persönlichkeit darzustellen. Dani ließ sich jedoch von seinem komischen Äußeren nicht täuschen. Goldjunge verteidigte Betty Lou bis zum Letzten. Und wahrscheinlich hatten ihre Kinder deshalb nicht länger darauf bestanden, dass die alte Dame aus ihrem abgelegenen Haus, wo sie einen üppigen Garten bestellte, in die Stadt zog.

Dani vermutete, dass der größte Teil ihres Honorars aus jenem Garten kommen würde. Tomaten, Kartoffeln, Bohnen, Kürbisse, Kräuter. Betty Lou züchtete alle diese Gemüse und Kräuter, kam damit gut über den Winter und tauschte sie gegen andere Güter. Sie war noch immer so unabhängig wie vor fünfzig Jahren, als ihr Mann starb und sie mit drei Kindern zurückließ. Dani bewunderte Betty Lous Zähigkeit. Sie wünschte, sie hätte etwas davon, um diesen Tag zu überstehen.

Doch ihr ging so viel im Kopf herum, dass sie sich nicht entspannen konnte. Seufzend langte sie nach den Briefstapeln, die ihre Assistentin säuberlich getrennt hatte. Einer mit Rechnungen, einer mit nutzloser Werbung für den Papierkorb, einer mit Fachzeitschriften. Als Dani auf ein billiges Kuvert mit kindlicher Aufschrift stieß, verspürte sie einen Stich. Automatisch traten ihr Tränen in die Augen.

Sie ahnte, was das Kuvert enthielt. Eine Buntstiftzeichnung und sorgfältig gemalte Buchstaben. Sie besaß eine ganze Schublade davon, alle von Rob Hilliards Töchtern, zwei Kinder, die sie wie ihre eigenen betrachtet hatte.

Selbst nach diesen zwei Jahren riss es Dani jedesmal mitten entzwei, wenn sie einen solchen Brief bekam. Es war ihr unsäglich schwer gefallen, Robin und Amy zu verlassen, als die Beziehung zu ihrem Vater Rob zerbrach. Ungeöffnete Briefe hatten sich gestapelt, denn die Liebe der Mädchen und die Aussichtslosigkeit ihrer Sehnsucht brachen Dani das Herz. Die Telefonanrufe lähmten sie für Stunden, manchmal für Tage.

Hätte sie Rob geheiratet, hätte sie nach der Scheidung Vormundschaft für die Mädchen fordern können. Zumindest hätte sie die beiden zu sich nehmen können.

Aber so hatte Dani keinerlei Recht auf die Kinder, es bestand nur die starke Bindung, die sich in der vier Jahre währenden Beziehung mit ihrem Vater mehr und mehr gefestigt hatte. Vier Jahre, in denen Hoffnungen auf Dauerhaftigkeit genährt wurden. Es kam zur Verlobung, Hochzeitspläne hielten Dani und die Mädchen in Atem.

Und dann brach alles in sich zusammen. Rob hatte eine andere kennen gelernt und die Hochzeit kurzerhand abgesagt. Dani war am Ende. Die Mädchen begriffen rein gar nichts und waren völlig aufgelöst, als Dani das Haus und die Stadt verließ.

Seitdem verboten die Entfernungen und die Einstellung von Robs junger Freundin zwanglose Besuche. Tiffany dachte, die Mädchen würden sich leichter anpassen, wenn klare Verhältnisse herrschten. Tiffany dachte … Dani hatte den Verdacht, dass Tiffany gar nicht in der Lage war, von hier bis da zu denken.

Doch sofort schalt Dani sich für ihre harsche Kritik. Das arme Ding konnte schließlich nichts dafür, dass Rob kein Rückgrat besaß.

Jedenfalls beschränkten sich die Kontakte auf gelegentliche Anrufe und die Zeichnungen, die die fünf- und siebenjährigen Kinder allein bewerkstelligen konnten. Und die beiden hatten sich einiges dafür einfallen lassen.

Aber allmählich akzeptierten sie wohl die neuen Verhältnisse. Die Bekenntnisse von ewigem Hass auf Tiffany wurden seltener, ebenso die Anrufe und Briefe an Dani. Die Wunden begannen zu heilen, doch ein Brief wie dieser riss alles wieder auf. Wie sollte man einen solchen Verlust verwinden? Wie konnte die Liebe einfach aufhören, womit füllte man diese plötzliche Leere im Herzen?

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie das Kuvert ungeöffnet lassen sollte. Unsinn, irgendwann würde sie es ohnehin aufmachen, also lieber gleich, wie ein Pflaster, das man sich kurz entschlossen abriss.

Das Blatt trug den aufwändigen Prägedruck von Robs Geschäftspapieren. Danis Augen wurden feucht, als sie den Bogen betrachtete. Amy hatte mit bunten Farben eine zitterige amerikanische Flagge gezeichnet, darunter zwei streichholzförmige Mädchen – Amy und Robin, wie die von der älteren Robin sorgfältig gemalten Buchstaben anzeigten. Beide Kinder hielten etwas in der Hand, das Dani als Wunderkerzen identifizierte.

„Einen schönen 4. Juli“, stand in roten und blauen Buchstaben darüber. „Du fehlst uns“, sagte eine Zeile in Rosa und Lila am Fuß der Seite. „Deine liebe Robin.“ Amys Unterschrift nahm den doppelten Raum ein und war weit unbeholfener.

„O ihr lieben Kleinen“, murmelte Dani. „Ihr fehlt mir auch so sehr.“ Sie betrachtete das Bild, bis sie es nicht mehr aushielt, und legte es dann in die Schublade zu den anderen. Sie würde den Brief noch heute beantworten, obwohl sie nicht wusste, ob diese unbedarfte Tiffany den Mädchen Danis Postkarten und Briefe überhaupt zeigte. Immerhin, Dani wollte den beiden sagen, dass sie an sie dachte, sie nach wie vor lieb hatte und sie nicht einfach in einem unbedachten Moment verlassen hatte.

Es klopfte an ihrer Bürotür, und sie wischte hastig die peinlichen Tränen weg.

„Ja, was ist, Maggie?“

Die neunzehnjährige Praktikantin steckte den Kopf herein, wobei sie ihr Lachen kaum unterdrücken konnte. „Tut mir leid, dass ich Sie stören muss. Ich weiß, Sie brauchen eine Pause nach dieser Nacht, aber wir haben einen Notfall.“

„Doch nicht etwa Goldjunge?“, fragte Dani, indem sie ihren weißen Kittel über die Hose und die kurzärmelige Bluse zog.

„Nein, nein“, meinte Maggie beruhigend. „Aber ich glaube, Sie sollten es lieber selbst in die Hand nehmen.“

Dani folgte ihrer Assistentin zum Empfang. Schon von weitem vernahm sie streitende Stimmen. Kinderstimmen.

„Ich hab dir doch gesagt, du sollst ihn nicht aus dem Glas nehmen“, sagte die eine.

„Habe ich ja auch nicht“, erwiderte die andere. „Jedenfalls nicht für lange.“

Dani warf Maggie einen fragenden Blick zu. Die Lippen des jungen Mädchens zuckten vor unterdrücktem Lachen.

„Ich kann da nicht rausgehen“, erklärte Maggie und blieb vor den Behandlungsräumen stehen. „Ich würde laut loslachen, dabei haben die beiden eine ernste Krise.“

„Lass mich raten“, sagte Dani. „Es geht nicht um Hunde oder Katzen, richtig?“

„Richtig.“

„Um einen Goldfisch?“, riet Dani.

„Genau.“

„Ist er tot?“

„Und wie.“

Dani schloss die Augen und seufzte. „Damit hättest du doch allein fertig werden können.“

„Nein, nein. Ich habe nicht einmal mein Vorexamen“, widersprach Maggie. „Außerdem verlangten sie nach der Ärztin. Sie meinten, sie könnten durchaus zahlen. Fünfzig Cents.“

„Na, großartig.“

Mit einem professionellen Lächeln betrat Dani den Empfangsraum und sah sich zwei etwa achtjährigen Jungen gegenüber, eineiige Zwillinge offenbar. Beide hatten borstiges blondes Haar, Sommersprossen und einen fehlenden Vorderzahn. Wenn sie nicht beschlossen hätte, sich nie wieder emotional auf fremde Kinder einzulassen, hätten diese beiden ihr Herz im Sturm erobert. Doch wie die Dinge lagen, zog sie sich auf kühles ärztliches Verhalten zurück.

„Ich bin Dr. Dani Adams“, erklärte sie. „Was ist euer Problem?“

„Sie sind ein Mädchen“, sagte einer der beiden mit aufgerissenen Augen.

„Ja, wir wollen einen richtigen Doktor“, stellte der andere entschieden fest. „Keine Schwester.“

So jung und schon Macho, dachte Dani und versuchte, nicht aufzufahren. „Ich bin Ärztin. Mein Diplom hängt in meinem Büro, falls ihr es überprüfen wollt.“

Die Jungen tauschten Blicke, kamen zu einem stillen gemeinsamen Entschluss und nickten.

„Ich denke, das geht in Ordnung“, sagte der eine mit sichtlichem Vorbehalt. „Zeig ihn ihr, Zachary.“

Eine schmutzige kleine Hand kam aus einer Hosentasche. Zachary öffnete die Faust und wies einen kräftigen, allerdings mausetoten Goldfisch vor.

„Wir glauben, er ist hinüber.“ Zachary war den Tränen nah. „Können Sie ihn noch retten?“

Dani ging vor den beiden in die Knie und übernahm den Patienten. „Ich will ehrlich sein. Das sieht ernst aus. Ich nehme ihn mit nach hinten und sehe zu, was ich für ihn tun kann, ja?“

Der andere Zwilling warf ihr einen misstrauischen Blick zu. „Dürfen wir mitkommen?“

„Nein, ihr wartet besser hier“, entschied sie. „Es wird nicht lange dauern.“

Dani hatte genügend Erfahrung mit solchen Vorfällen. So besaß sie einen Vorrat an passenden „Särgen“ für Haustiere. In ihrem Büro bettete sie den toten Goldfisch auf einen Wattebausch in ein ausrangiertes Schmucketui, wartete eine Weile und ging mit ernster Miene zurück zum Empfang. Maggie hatte sich noch nicht wieder gefangen, und Dani warf ihr einen drohenden Blick zu.

Die Knaben waren immer noch dabei, sich gegenseitig die Schuld zu geben. Besorgte Blicke empfingen Dani. Als sie die Schachtel erblickten, zitterten ihre Unterlippen und Tränen drohten zu fließen.

„Er ist hinüber, oder?“, fragte Zachary betrübt.

„Tut mir ehrlich leid“, sagte sie und reichte ihm die Schachtel. Er nahm sie furchtsam entgegen. „Da war leider nichts mehr zu machen. Goldfische überleben nun einmal nicht lange an der Luft.“

Der betroffene Fischbesitzer stupste seinen Bruder an. „Habe ich’s nicht gesagt, Blödmann?“

„Hör mal, Joshua Michael Jenkins, du weißt auch nicht immer alles“, sagte Zachary, schubste seinen Bruder zurück und ließ dabei den Goldfisch auf den Boden fallen.

Dani ging dazwischen und legte den Jungen die Hände auf die Schultern. „Streitet euch nicht. Das Ganze war sicher ein Versehen.“

„Es war kein Versehen“, erklärte Joshua mit gerunzelter Stirn. „Er war neidisch, weil mein Goldfisch am Leben war und seiner nicht, und er hat ihn absichtlich umgebracht.“

„Habe ich nicht“, widersprach Zachary und versuchte, seinen Bruder zu boxen.

Dabei wäre er fast auf die Schachtel am Boden getreten. Das hätte ihm noch mehr Negativpunkte eingetragen.

Dani hockte sich nieder und schlang die Arme um die Jungen, um sie zu beruhigen. „Sind dies eure einzigen Haustiere?“, fragte sie.

„Ja“, entgegnete Joshua. „Dad sagt, solange wir uns nicht ordentlich um die Goldfische kümmern, kriegen wir keinen Hund.“

Ernsthaft erwiderte Dani: „Da hat er sicher recht. Man ist für seine Haustiere verantwortlich.“

„Jetzt können wir den Hund abschreiben“, grummelte Joshua. „Und nur wegen dir, du Idiot. Mein Fisch war ganz okay, bis du ihn gekillt hast.“

„Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, euren Vater umzustimmen“, sagte Dani.

Die Jungen beäugten sie skeptisch.

„Ich wüsste nicht, wie“, sagte Zachary. „Dad ist ziemlich streng. Er gibt selten nach.“

„Was meinen Sie?“, fragte Joshua dagegen hoffnungsvoll.

„Nun, ich habe eine Menge Kätzchen hier. Die Leute bringen mir ständig die Würfe vorbei, und ich versuche, die Katzenkinder gut unterzubringen.“

Joshua gab sich halb interessiert. „Kätzchen? Ist das wirklich etwas für uns?“

„Vielleicht lässt euer Dad euch eins für eine Weile hüten, bis ich eine echte Bleibe dafür gefunden habe. Natürlich wäre das kein Ersatz für einen Hund, aber ihr würdet mir aushelfen und eurem Dad etwas beweisen.“

„Können wir die Kätzchen sehen?“, fragte Zachary.

„Klar.“

Dani ging voran durch die Praxis zu ihren Privaträumen. Francie III, ein Nachkömmling ihrer eigenen Katze, ruhte unter dem Küchentisch, wo ein Sonnenstrahl das Linoleum erwärmte.

„Ist sie das?“, fragte Joshua mit großen Augen. „Die ist aber dick.“

„Sie bekommt bald Babys“, erklärte Dani.

Beim Klang ihrer Stimme strömten weitere Kätzchen herein, rutschten über den gebohnerten Boden, strichen um ihre Füße und miauten nach Futter. Sie schienen die Knaben geradezu anzulachen. Drei Kätzchen schritten zierlich auf die zwei Paar nagelneuen Turnschuhe zu und beschnüffelten sie gründlich.

Die Jungen starrten sprachlos auf das quirlige Knäuel. Zwei Katzen waren weiß-grau, eine war orange mit weißen Pfoten.

„Ich mag die Gelbe“, sagte Zachary.“

„Ich auch“, meinte Joshua. „Sie sieht aus wie ein Tiger. Hat sie schon einen Namen?“

„Noch nicht. Aber sie hätte sicher gern einen. Es ist ein Mädchen“, erwiderte Dani.

„Schneeflocke“, schlug Zachary vor.

„So was Blödes“, meinte Joshua.

„Wieso? Sie hat weiße Pfoten, oder?“ Zachary wollte das Tier aufnehmen, doch Joshua stieß ihn in die Seite.

„Fass sie nicht an, du zerdrückst sie noch.“

„Tu ich nicht.“

„Tust du doch.“

„Hey“, schaltete Dani sich ein. „Wenn ihr euch nicht einig werden könnt, kann ich euren Dad auch nicht bitten, dass ihr die Katze für eine Weile übernehmt.“

„Sie würden wirklich mit unserem Dad reden?“, fragte Zachary verblüfft.

„Selbstverständlich. Ohne seine Erlaubnis kann ich euch die Katze nicht mitgeben. Ich könnte ihn sofort anrufen.“

„Auf der Arbeit?“ Joshua schüttelte den Kopf. „Da ist er nicht bei Laune.“

„Und er wird sauer sein, dass Paolina uns in die Stadt gefahren hat“, fügte Zachary hinzu.

„Paolina?“

„Unsere Haushälterin“, erklärte Joshua.

„Ja, und sie hat schon zwei Wochen ausgehalten, länger als die anderen.“

„Verstehe.“ Dani verkniff sich ein Lächeln. „Lasst mich das mit eurem Vater regeln. Er versteht sicher, dass dies ein Sonderfall war. Habt ihr seine Nummer?“ Sie griff nach dem schnurlosen Telefon auf einem Tisch.

„Klar.“ Zachary sagte sie ihr.

Die Nummer klang vertraut. „Arbeitet euer Vater in der Ölbranche?“

„Woher wissen Sie das?“, fragte Joshua.

„Ich kenne da jemanden“, erwiderte Dani vorsichtig und hütete sich zu erklären, dass dieser Jemand ihr Stiefvater war und dass ihm das Unternehmen gehörte. „Wie heißt euer Vater?“

„Duke Jenkins.“

Aha, dachte Dani, das sind also die Söhne des geheimnisvollen Duke Jenkins, der in der Branche einen geradezu legendären Ruf genoss. Sie hatte Jordan davon sprechen hören, wie ungern er den Mann an die Felderkundung verlieren würde, und was für ein enormer Gewinn er für jede Abteilung der Firma wäre.

Sie hatte ebenfalls mitbekommen, dass Jenkins Schreibtischjobs verabscheute. Vermutlich hatten diese beiden Knaben damit zu tun, dass ihr Vater sich für einen ruhigeren Posten entschieden hatte. Oder seine Frau hatte es von ihm gefordert. Aber hatte Dani nicht gehört, er sei Witwer? Oder geschieden? Sicher, sonst hätte die Mutter der Jungen anstelle einer Haushälterin das Goldfischproblem in die Hand genommen.

Dani drückte die Kurzwahltaste der Verwaltungszentrale, die wenige Blocks entfernt lag. Ursprünglich war das Unternehmen in Houston ansässig gewesen, aber Danis Mutter hatte Jordan schon vor Jahren zum Umzug überredet. Die Telefonistin meldete sich, Dani begrüßte sie und fragte nach Duke Jenkins.

„Sagen Sie bloß nicht, Sie hätten auch schon ein Auge auf ihn geworfen“, meinte die junge Frau und seufzte vernehmlich.

„Nein, dies ist etwas Geschäftliches“, beruhigte Dani sie.

„Sie haben trotzdem Pech, meine Liebe. Er ist bei Jordan, und sie scheinen einen harten Kampf miteinander auszufechten. Momentan würde ich nicht einmal wagen, den Präsidenten der USA durchzustellen.“

Donna Kelson ließ sich selten einschüchtern. Also konnte Dani sich gut vorstellen, wie explosiv die Besprechung im Büro ihres Stiefvaters ablief. Wenn Duke Jenkins närrisch genug war, es mit Jordan aufzunehmen, war er entweder ungeheuer mutig oder ungeheuer überheblich. Falls Jordan ihn nicht nach den ersten fünf Minuten feuerte, konnte Duke Jenkins sich als hoch geschätztes Mitglied der Führungsriege betrachten. Um nichts in der Welt würde Dani da hineinplatzen wollen.

„Schon gut, Donna“, sagte sie hastig. „Ich erreiche ihn später. Danke.“ Sie legte auf und sah in zwei sehr enttäuschte Gesichter.

„Wir kriegen also kein Kätzchen?“, fragte Zachary.

„Nicht sofort“, meinte Dani. „Aber ich spreche mit eurem Vater, das verspreche ich.“

„Wann?“, fragte Joshua. „Heute noch? Er ist zum Abendessen immer zu Haus. Sie könnten uns besuchen. Das wäre überhaupt das Beste. Er würde nie eine Lady anschreien. Er sagt immer, man darf keine Mädchen hauen und anbrüllen oder so.“

Dani war sich nicht sicher, ob sie dem sagenhaften Duke Jenkins in einem Heimspiel begegnen wollte, vor allem, wenn er schlechter Laune war. Doch sie musste Pflegeeltern für ihre Kätzchen finden. Vielleicht würde ein persönliches Gespräch mit Mr. Jenkins das Problem lösen. Außerdem wäre es interessant zu sehen, was für Wunden Duke Jenkins aus der Schlacht mit Jordan davongetragen hätte. Dani kannte kaum jemanden, der diese Höllentour überlebt hatte, ausgenommen natürlich ihre Onkel und ihren Großvater.

„Ich komme vorbei, sobald die Praxis geschlossen ist“, versprach sie.

„Bringen Sie die Katzenkinder dann mit?“, erkundigte sich Joshua hoffnungsvoll.

Dani schüttelte den Kopf. „Das wäre unklug, meine Lieben. Ich sollte erst mit eurem Vater darüber reden.“

„Er würde Schneeflocke sofort mögen, wenn er sie sieht“, widersprach Zachary.

„Vertrau mir.“ Auch sie hatte als Kind so gedacht, aber jetzt sah sie die Dinge als Erwachsene. „Wir müssen erst seine Erlaubnis bekommen.“

Ein Mann musste das Gefühl haben, dass er bestimmte. Das hatte Dani immer wieder erfahren. Es hieß nicht, dass er tatsächlich bestimmte, er musste es nur glauben. Der langjährige Umgang mit einem ganzen Clan von meisterhaften Taktikern, größtenteils starrsinnige Männer, hatte ihr ein gewisses Verständnis für männliche Denkprozesse vermittelt. Sie stellte sich vor, dass Duke Jenkins nach demselben Muster funktionierte. Zudem hatte Donnas Bericht das weitgehend bestätigt.

„Dr. Adams?“, fragte Joshua verdächtig unterwürfig.

„Ja?“ Sie bemerkte, dass er den Blick nicht von den Kätzchen wenden konnte.

In seinen blauen Augen stand Hoffnung. „Wenn Sie schon mit Dad reden, könnten Sie dann nicht dafür sorgen, dass wir alle drei Katzen behalten dürfen? Eine für mich, eine für Zack und eine für Dad.“

„Ich weiß nicht“, sagte Dani. „Vielleicht sollten wir erst mal mit einer anfangen. Vielleicht möchte euer Dad gar keine Katze für sich haben.“

„Ich wette, er möchte“, erklärte Zachary. „Er ist ziemlich einsam, seit Mom weg ist.“

Der Junge hat wahrlich auch das Zeug zum Taktiker, dachte Dani, und drängte das salzige Stechen der Tränen zurück, das sein dringlicher Ton in ihr auslöste. Vermutlich hatte er das bei seinem Vater gelernt. Die Erwähnung seiner Mutter sollte garantiert Mitgefühl wecken.

Aber kein Problem. Sie war eine Adams, vom Namen und von der Erziehung her, wenngleich nicht von Geburt. Taktik hatte sie von den fähigsten Könnern gelernt, den besten im Staat Texas, wenn nicht in der Welt. Duke Jenkins und seinen Söhnen zu widerstehen, wäre ihr ein Leichtes.

Doch dann erinnerte sich Dani an Donnas erschütterte Reaktion auf die Erwähnung von Dukes Namen. Vielleicht sollte sie anfangen zu überlegen, auf welches Abenteuer sie sich da einließ.

Duke Jenkins war so wütend, dass er einen Eisensparren hätte verbiegen können, am liebsten um Jordans Hals. Der Mann war eigensinnig, überheblich und ohne Frage der Beste im Ölgeschäft im Staat Texas. Oder in der Welt. Duke wusste, dass er selbst auch nicht schlecht war, und fand, Jordan sollte einmal auf ihn hören, ein einziges Mal.

Diese neuen Bohrungen waren reine Zeit- und Geldverschwendung. Das sagte ihm sein Instinkt. Er gab keinen Pfifferling auf die geologischen Gutachten, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten. Wenn man ihm nur erlauben würde, vor Ort zu sein und die Lage selbst zu überprüfen, die Erde durch seine Finger rieseln zu lassen, ihren Geruch einzuatmen, könnte er seine Argumente besser untermauern.

Aber so konnte er nur Vermutungen anstellen. Jordan jedoch verließ sich auf harte Tatsachen. Wissenschaftliche Daten, die im Interesse von wer weiß wem erstellt worden waren.

Wenn er nur jemanden hätte, der sich um die Jungen kümmerte, würde Duke Jordan alle nötigen Daten liefern. Er würde im nächsten Moment im Flugzeug sitzen und das tun, was ihm am meisten lag: Ölvorkommen finden und sie ausschöpfen, zum Wohl aller Beteiligten.

Dabei ging es ihm nicht um Geld. Er hatte nie viel gehabt, nie viel gebraucht. Jetzt wollte er nur für seine Söhne vorsorgen, für ihr Studium, falls sie es wünschten. Wenn es nach ihm ginge, würde er jeden Profit gegen den starken Adrenalinstoß eintauschen, den die Entdeckung einer neuen Ölquelle bedeutete.

Stattdessen sah er sich umgeben von Aktenbergen, die ihn überhaupt nicht interessierten. Er hasste seinen Schreibtischjob von Herzen. Ungelesene Akten starrten ihn an.

Nein, für heute war es genug. Er griff nach seiner Jacke und strebte zur Tür. Wenn er nur ein paar Minuten länger blieb, würde er womöglich in Jordans Büro stürmen und seine Kündigung einreichen. Doch das konnte er sich nicht leisten, mit seinen zwei unmündigen Knaben. Die Zwillinge waren der Grund, weshalb er nach Los Pinos umgesiedelt war. Er musste sich an diesen neuen Lebensstil zum Wohl der Jungen gewöhnen, ob es ihm gefiel oder nicht.

Zwanzig Minuten später bog Duke mit offenem Verdeck und lauter Radiomusik in die gewundene Zufahrt zu dem weißen Haus im Ranchstil ein, das er in einem Vorort von Los Pinos erworben hatte. Es schmiegte sich in ein kleines Tal und war von Pinien umgeben, denen die Stadt ihren Namen verdankte. Ein schmaler Bach begrenzte das Grundstück nach Norden. Ein Anwesen wie aus einem Bilderbuch von einer heilen Welt. Duke hatte es auf den ersten Blick gemocht, es hatte eine unbestimmte Sehnsucht in ihm geweckt.

Er hatte keinerlei Erfahrung mit glücklichem Familienleben. Als Kind war er bei verschiedenen Pflegeeltern herumgeschoben worden, er galt für die Behörden aufgrund seiner Aufsässigkeit als Problemfall. Als Erwachsener hatte er das bindungslose Leben fortgesetzt, indem er von einem Ölfeld zum anderen zog und nur sein Bankkonto nährte.

Da er in Beziehungen unerfahren war, hätte er gar nicht erst heiraten sollen. Aber Caroline hatte ihn überzeugt, dass es funktionieren würde. Wenn sie ihm spät nachts süße Nichtigkeiten ins Ohr flüsterte, wenn ihre magischen Hände ihn streichelten, glaubte er ihr jedes Wort.

Leider hatte sie nicht damit gerechnet, dass er seine Wanderlust beibehalten würde. Anfangs hatte sie ihn begleitet, aber sobald die Zwillinge auf der Welt waren, wollte sie sesshaft werden. Nach ein paar Jahren fühlte sie sich einsam und frustriert. Wenn Duke zu Haus war, stand viel Streit und wenig Liebe auf der Tagesordnung.

Vor einigen Monaten hatte Caroline ihn verlassen. Sie sagte, sie hätte die Jungen acht Jahre lang quasi allein erzogen, jetzt sollte er einmal sehen, wie lustig das war. Nach weiteren acht Jahren könne er sie anrufen, und vielleicht könnten sie dann etwas ausmachen.

Doch das zog Duke nicht ernsthaft in Erwägung. Die Scheidungspapiere, die ihm per Post zugestellt wurden, töteten jede Hoffnung auf eine Wende zu Guten in ihm ab.

Einen Monat lang hatte er so getan, als hätte sich nichts geändert. Er arbeitete weiter wie verrückt. Die Realität holte ihn ein, als die vierte Haushälterin in vier Wochen ihm den Krempel vor die Füße warf.

Und nicht genug damit, Zachary brach sich einen Arm, und Joshua brachte einen Elternbrief heim, der besagte, dass er seit dem Weggang seiner Mutter keine Hausaufgaben mehr gemacht hatte. Das hatte Duke zu der Erkenntnis gebracht, dass Kindererziehung keine Freizeitbeschäftigung war.

Natürlich liebte er seine Söhne. Fast abgöttisch. Sie waren intelligent, pfiffig und warmherzig. Nur hatte Duke nicht die geringste Ahnung, wie der Alltag mit Kindern zu bewältigen war. Aber er war ja lernfähig. Es gab genügend schlaue Bücher. Zur Not gab es Psychologen, die auf so etwas spezialisiert waren, obwohl er denen nicht über den Weg traute.

Er kaufte Bücher. Ein gutes Dutzend in der ersten Woche. Als er die Jungen über der neuen Lektüre erwischte, wurde ihm klar, dass seine Vaterschaft ein Vollzeitjob sein musste. Beklommen bestieg er den Firmenjet und führte ein langes Gespräch mit Jordan Adams. Jordan besaß viel Familiensinn. Spontan bot er Duke den Posten des stellvertretenden Direktors in Los Pinos an. Und das bedeutete Sicherheit.

Zwei Wochen später hatte Duke eine neue Stellung und ein neues Heim. Schnelle Ortsveränderungen lagen ihm. Jetzt blieb abzuwarten, ob sich alles andere reibungslos regeln ließ.

2. KAPITEL

Als Duke vor seinem gemütlichen neuen Haus aus dem Wagen stieg, stürzten ihm die Jungen aus der Tür entgegen. Es war wie eine Szene aus einer heimeligen Fernsehserie, und Duke überließ sich einen Augenblick lang diesem ungeheuer beruhigenden Wohlgefühl. Er wusste, es würde nicht lange vorhalten. Seine Söhne waren kleine Teufel, die keineswegs den engelgleichen Wesen aus dem Fernsehen glichen.

„Lasst die Fliegentür nicht so hart zuknallen“, rief Duke, während die Tür bereits in den Angeln bebte. Er zuckte zusammen. Die Tür war spätestens in einem Monat reparaturreif. Zum Glück konnte er mit Werkzeug umgehen.

Autor

Sherryl Woods

Über 110 Romane wurden seit 1982 von Sherryl Woods veröffentlicht. Ihre ersten Liebesromane kamen unter den Pseudonymen Alexandra Kirk und Suzanne Sherrill auf den Markt, erst seit 1985 schreibt sie unter ihrem richtigen Namen Sherryl Woods. Neben Liebesromanen gibt es auch zwei Krimiserien über die fiktiven Personen Molly DeWitt sowie...

Mehr erfahren