Liebesboten auf vier Pfoten – 5 tierisch süße Liebesromane

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

HEIRATSANTRAG MIT HUND von RACHEL DOVE

Susannahs erste Begegnung mit Tierarzt Chris Jennings endet dank ihres Hundes im Chaos und mit einem handfesten Streit! Und doch fragt sich die fröhliche Krankenschwester, warum Chris so düster ist. Kann sie die Sonne zurück in sein Leben bringen – oder gar die Liebe?

VIER PFOTEN, ZWEI HERZEN UND EIN NEUANFANG von CARRIE NICHOLS

Gabe will seine schöne Nachbarin Addie davon überzeugen, dass sein Hund nicht beißt! Und Addie ihn davon, einen Neuanfang zu wagen …

HABE HUND – SUCHE MANN! von HELEN R. MYERS

Oh nein, Humphrey ist ausgebüxt! Der freche Basset-Hund ihrer Tante bringt Brooke noch um den Verstand. Los geht die nächtliche Suche - doch zum Glück ist Brooke nicht allein. Hundeflüsterer und Tierarzt Gage ist an ihrer Seite. Und ist es noch, als der Morgen graut …

ACHT PFOTEN UND EIN HAPPY END von KATIE MEYER

Die wilden Tiere Floridas zu schützen ist Samanthas Traumjob. Doch leider bringen ihr die Leute in Paradise Misstrauen entgegen. Kann eine Scheinverlobung mit Dylan Thomas, dem sexy Leiter des Tierreservats, das ändern? Oder macht er mit seinem Kuss etwa Jagd auf ihr Herz?

SCHICKSALSBOTE AUF SÜSSEN PFOTEN von MELISSA SENATE

Als Matt in einem Tierheim zufällig seiner Jugendliebe Claire begegnet, prickelt es zwischen ihnen so heiß wie damals … Schon bald ist er nicht nur in den kleinen Spaniel verliebt, den sie ihm aussucht, sondern auch in Claire – obwohl er eine Frau wie sie gar nicht verdient hat …


  • Erscheinungstag 22.10.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751547963
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Rachel Dove

Heiratsantrag mit Hund

1. KAPITEL

„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll, Doktor – er ist gar nicht mehr er selbst. Er ist so antriebslos und frisst schlecht.“

Traurig betrachtete Mrs. Chan ihre geliebte bessere Hälfte, die sie aus glasigen Augen ansah. Dies war der schwierigste Teil des Jobs. Man brauchte viel Mitgefühl, Herz und Takt. Das fehlte ihm momentan allerdings. Chris unterdrückte seinen Ärger. Er hatte geglaubt, der Umzug würde seine Stimmung verbessern. Sicher, Puddle Lake war ein sehr hübscher kleiner Ort, aber Chris war immer noch traurig und frustriert. Vergeblich versuchte er, sich ein Lächeln abzuringen.

„Mrs. Chan, das Problem ist, dass Gustav ziemlich … dick ist, nicht?“ Entgeistert blickte Mrs. Chan ihn an, doch er musste ihr sein Anliegen klarmachen. „Ich weiß, Sie lieben Ihren Kater. Leider liebt er sein Fressen auch, aber eine Katze kann nicht Nein sagen. Sie kennt kein Sättigungsgefühl. Wenn er in der Nachbarschaft rumläuft und etwas bekommt, wird er auch das fressen.“

Sie wirkte immer noch verstimmt, doch ihre Miene war sanfter geworden.

„Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass es Liebe ist, wenn man seinen Haustieren Leckerchen gibt. Alle Halter müssen für eine ausgewogene Ernährung sorgen. Was ich damit sagen will, ist, dass er nur sein Diätfutter bekommen darf. So zeigen Sie ihm Ihre Liebe, Mrs. Chan. Er ist eigentlich ein aktiver Kater, aber er ist traurig, weil er sich nicht bewegen kann.“ Gustav sah ihn an und miaute kläglich.

Schon gut, Kumpel, dachte Chris. Ich stehe hinter dir.

„Also, was heißt das, Dr. Jennings?“

„Das heißt, wenn Sie Gustav Ihre Liebe weiter mit Leckerchen zeigen, wird er seine neun Leben viel schneller verbrauchen.“

Ihr erzürnter Blick bewies ihm, dass er zu weit gegangen war. Allerdings wäre er noch weiter gegangen, um diese Frau davon abzuhalten, ihren armen Kater zu Tode zu füttern. Seine Patienten lagen ihm am Herzen, auch wenn ihm alles andere egal war.

„Ich glaube, wir sollten lieber mit Dr. Ingham sprechen.“ Mrs. Chan musterte ihn von Kopf bis Fuß und ließ keinen Zweifel daran, dass seine Worte bei ihr auf taube Ohren stießen. „Hat Cheryl seine Nummer?“

Chris widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. Dies war seine zweite Arbeitswoche, und bis auf einen Halter hatten alle dieselbe Frage gestellt. Plötzlich vermisste er seine alte Praxis, das gute Verhältnis zu den Familien seiner Patienten, die er jahrelang betreut hatte. Dort war ihm alles vertraut gewesen. Doch hier hatte er keine Zeit dafür. Er seufzte innerlich.

„Ich bin sicher, dass Dr. Ingham meine Diagnose bestätigen würde, denn er hatte Gustav das Diätfutter verordnet. Aber Sie können sich natürlich eine zweite Meinung einholen. Ich fürchte nur …“ Er musste schließlich höflich bleiben. „Dr. Ingham ist momentan im Urlaub und nimmt keine Anrufe entgegen. Cheryl macht sich natürlich Notizen.“ Dr. Ezekiel Ingham, der ihm die Praxis verkauft hatte, befand sich gerade mit seiner Familie auf einem Kreuzfahrtschiff und würde sich nicht um Mrs. Chan oder Gustav scheren.

Vielleicht hätte ich das tun sollen, überlegte Chris unwirsch. Alles verkaufen und auf Reisen gehen, statt … „Ich bringe Sie beide raus, Mrs. Chan. Sie können dann am Empfang bezahlen.“

Gustav saß bereits in seinem Tragekorb und warf ihm einen ebenso finsteren Blick zu wie sein Frauchen, bevor dieses den Raum verließ. Die arme Cheryl. Chris konnte schon hören, wie Mrs. Chan sich über sein mangelndes Mitgefühl beschwerte und Cheryl ihre Standardantwort gab. Er fühlte sich ein wenig schuldig, konnte allerdings nichts gegen seine Stimmung tun. Er war immer für seine Patienten da. Bei seiner Arbeit hatte er sich stets selbst übertroffen. Und nun, da diese sein einziger Lebensinhalt war, funktionierte er wie ein Automat. Er stand morgens auf, aß etwas, zahlte seine Rechnungen und erschien in seiner neuen Praxis. Das musste vorerst reichen, oder?

Als im nächsten Moment die Eingangstür zugeknallt wurde, argwöhnte Chris, dass es vielleicht doch nicht genügte. Seufzend wusch er sich die Hände. Als er anschließend die Tür öffnen wollte, um den nächsten Patienten hereinzurufen, wurde diese schon von einer schmutzigen Schnauze aufgestoßen. Dann stürmte ein Dobermann herein, der gerade in Schlamm gebadet zu haben schien. Sobald er merkte, wo er war, wollte er wieder hinauslaufen. Dabei traf seine Leine Chris schmerzhaft am Bein. Im Wartebereich hörte er eine Frau panisch rufen.

„Hendrix, du verrückter Kerl! Ruhig!“ Nun kam sie herein und versperrte ihm den Weg, während Chris sich den schmerzenden Knöchel rieb. „Oh, das tut mir so leid, er ist ein bisschen … lebhaft.“

„Allerdings.“ Er schnappte sich die Leine, woraufhin der große braune Hund stehen blieb. „Hendrix, ja?“

„Ja.“ Die Frau, erhitzt vom Ringen mit dem Hund, strahlte ihn an. „Allerdings spielt er schrecklich Gitarre. Zu viele Pfoten.“

Während sie ihn weiter anstrahlte, verschwendete Hendrix keine Zeit, indem er ihn beschnupperte – und zwar im Schritt. Nachdem Chris ihn sanft weggeschoben hatte, ging er hinter den Untersuchungstisch, um auf Abstand zu bleiben. Dabei betrachtete er die Frau, die in allen Regenbogenfarben gekleidet war.

„Also, was kann ich für Hendrix tun?“

„Ach, das Übliche. Er muss geimpft und entwurmt werden. Im Tierheim haben sie nach einem Mikrochip gesucht, aber nichts gefunden. Wahrscheinlich war er ein Weihnachtsgeschenk. Diese Hunde werden so … Das ist den Leuten anscheinend nicht klar.“ Als sie Hendrix den Kopf tätschelte, blickte Chris sie bewundernd an.

„Sie wollen ihn also behalten?“

Die Frau lachte. „Tut mir leid, ich glaube, man hat uns noch nicht richtig vorgestellt. Ich bin Susannah Harkin. Ich bin ehrenamtlich für die Tierheime hier in der Gegend tätig. Vor einigen Jahren habe ich meinen Labrador verloren, und ich bin noch nicht bereit für einen anderen Hund. An einem traurigen Nachmittag habe ich mich im Tierheim umgesehen …“ Ihr versagte die Stimme, und er fragte sich, was sie hatte sagen wollen. Dann schien sie sich jedoch zusammenzureißen und lächelte, was den ganzen Raum zu erhellen schien. „Jedenfalls bin ich jetzt hier. Ich habe einige Hunde in Pflege und erziehe sie, um sie auf ihr zukünftiges dauerhaftes Zuhause vorzubereiten.“

„Gibt es so was denn noch?“

„Was?“

„Ein dauerhaftes Zuhause“, konterte Chris. „Unsere Wegwerfgesellschaft scheint anders zu empfinden.“

Jetzt wirkte Susannah nachdenklich. Schließlich kraulte sie Hendrix hinter den Ohren und sah Chris dabei an.

„Vielleicht, aber man schüttet das Kind nicht mit dem Bade aus. Jedenfalls nicht in Puddle Lake. Hier sind die Menschen einander nicht gleichgültig. Und ich sehe es so: Wenn ich einigen Hunden dabei helfen kann, es besser zu treffen, ist es das mehr als wert. Außerdem habe ich ein bisschen Gesellschaft im Haus.“

Unwillkürlich nickte er. Das konnte er nachvollziehen. Ihm wurde schon bei der Vorstellung eiskalt, nach Hause zu fahren. Er saß dort und wartete darauf, dass er zur Arbeit gehen konnte, aber auch wenn die Arbeit begann, besserte sich seine Stimmung nicht.

„Also, Hendrix braucht nur das Übliche. Ein bisschen Ausbildung und Erziehung, einen Gesundheitsscheck, und dann kann er gehen.“

Hendrix blickte ihn an, als würde er alles verstehen, was sie beide sagten. Typisch Hund – sie liebten alle die Tierärzte, bis sie zum ersten Mal behandelt wurden. Nun sah Hendrix zur Tür, und Chris folgte seinem Blick. Susannah betrachtete ihn nach wie vor starr, als ihm bewusst wurde, dass er noch nicht geantwortet hatte. Schnell verdrängte er seine chaotischen Gedanken.

„Okay, stellen wir ihn auf den Tisch und sehen ihn uns an.“

Plötzlich riss der verängstigte Dobermann an der Leine und warf sich laut jaulend mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür.

„Hendrix … Hier …“ Susannah verlor das Gleichgewicht und stürzte, wobei sie sich in der Leine verfing und halb unter dem Hund landete, die farbenfrohe Kleidung auf dem Boden ausgebreitet. Daraufhin lief dieser um sie herum. „Hendrix, bitte! Mach mal halblang! Ich hatte dir doch gesagt, was dich erwartet. Wir haben eine Abmachung, Kumpel. Ich habe dir eine Trinkflasche für unterwegs gekauft, verdammt!“

Nun hielt der Hund inne, sah ihr in die Augen und leckte ihr die Wange, bevor er wieder laut heulend zu fliehen versuchte. Chris betrachtete die beiden und seufzte.

„Hendrix, stopp“, sagte er ebenso ruhig wie beherrscht, woraufhin der Hund ihn ansah und sich langsam von der Tür abwandte. Dann setzte er sich ruhig vor ihn. „Guter Junge.“ Nachdem Chris seinen Kopf getätschelt hatte, streckte er Susannah die Hand entgegen.

Einen Moment lang betrachtete sie sie argwöhnisch, während Hendrix gehorsam auf den nächsten Befehl zu warten schien. Schließlich legte sie die Hand langsam in seine. Diese fühlte sich warm und erstaunlich weich an. Chris war schockiert, denn seit einer Ewigkeit, wie es ihm schien, hatte er nicht mehr die Hand einer Frau gehalten. Langsam zog er Susannah hoch, wobei er auch ihre andere Hand ergriff.

Sie ist sehr hübsch. Schöne grüne Augen und rotes Haar. Meerglas und Feuer.

Langsam entzog sie ihm ihre Hände. „Danke. Tut mir leid mit ihm.“

Chris nahm sein Stethoskop vom Behandlungstisch und kniete sich neben den erschrockenen Hund. „Keine Sorge. Ich glaube, wir sind uns jetzt einig. Hendrix, bringen wir es hinter uns.“

Dr. Jennings untersuchte Hendrix und tippte zwischendurch etwas in den Computer. Susannah beobachtete, wie er wahre Wunder bei dem ungepflegten Hund bewirkte, der sich nun gehorsam von ihm untersuchen ließ.

„Sie sind also der neue Tierarzt? Kein Spinner, der unter seinem Namen arbeitet?“ Er wirkte ganz anders, als sein Vorgänger ihn beschrieben hatte.

„Sie sagen das Offensichtliche, denn ich habe das Thermometer gerade an einer prekären Stelle.“

Hendrix’ Miene war ein Bild für die Götter, die von Dr. Jennings säuerlich. Dennoch fuhr Susannah unerschrocken fort.

„Leben Sie sich hier denn gut ein? Es muss ein ziemlicher Kontrast für Sie sein, aus einer riesigen Praxis in der Großstadt hier aufs Land zu kommen.“

„Die Praxis war nicht riesig. Wir waren zu sechst.“

„Na, hier haben wir nur einen Tierarzt. Für uns ist das riesig. Als wir Starbucks an der Autobahnabfahrt bekamen, sind alle wochenlang durchgedreht. Vorher hatten wir nur einen Teeladen. Also, ist Ihr Eindruck positiv?“

„Ich bin schon seit einer Weile im Beruf“, verkündete Dr. Jennings mit versteinerter Miene. „Hendrix macht einen gesunden Eindruck und ist jetzt mit den Impfungen auf dem neuesten Stand.“

„Ich weiß“, ignorierte sie seinen Versuch, das Thema zu wechseln. „Ich meinte, ob Sie hier gern leben und arbeiten.“

Was hatte der Typ für ein Problem? Sie wollte doch nur nett sein. Es war so, wie wenn sie zu Hause mit den Hunden redete. Mit Hendrix konnte sie besser kommunizieren als mit diesem griesgrämigen Kerl. Allerdings war er ziemlich süß, wie sie feststellte, als er aufstand und wieder zum Computer ging. Er war groß, dunkelhaarig und wäre auch attraktiv gewesen, wenn er nicht so ein finsteres Gesicht gemacht hätte. Dr. Ingham hatte wirklich eine seltsame Wahl getroffen. Im Vergleich zu diesem verkrampften Mann mutete Ezekiel Ingham wie der Weihnachtsmann an.

Sie wusste, dass er eine Weile gesucht hatte, und als sie das letzte Mal hier gewesen war, um mit ihm über ihren Traum von einer Vermittlungsaktion zu sprechen, hatte er ihr aufgeregt erzählt, dass sein Nachfolger bald eintreffen würde und er dann die dringend benötigte Auszeit nehmen könnte. Jahrelang war er ein unentbehrliches Gemeindemitglied gewesen, doch nun, da seine Kinder ihr eigenes Leben lebten und selbst schon Kinder bekamen, wollte er kürzertreten. Und seinen Schilderungen zufolge würde Dr. Jennings der perfekte Nachfolger für ihn sein. Als sie nun jedoch beobachtete, wie dieser etwas zu kräftig in die Tasten haute und dabei spöttisch auf den Monitor blickte, konnte sie es nicht richtig nachvollziehen.

„Haben Sie heute einen schlechten Tag?“

Er ignorierte sie.

„Hallo? Erde an Dr. Jennings.“

„Was?“, fragte er fast scharf, woraufhin sie zum ersten Mal an diesem Tag die Stirn krauste. Schließlich wandte er sich zu ihr um, und sie glaubte, einen bedauernden Ausdruck über sein Gesicht huschen zu sehen. „Entschuldigung, haben Sie etwas gesagt?“

Selbst Hendrix hatte sie nicht annähernd so aufgebracht wie dieser Mann. „Ich habe Sie gefragt, ob Sie heute einen schlechten Tag haben.“

Nun runzelte Dr. Jennings die Stirn. „Nicht schlechter als alle anderen Tage.“

„Und?“

„Und was?“

„Und ist das gut oder schlecht?“

„Es ist einfach nur ein Tag. Es ist ein langweiliger Mittwochnachmittag, die Praxis ist voll, und ich wurde von einem Dobermann attackiert.“ Griesgrämig sah er sie an.

„Na ja, ein Tag ist das, was Sie daraus machen. Man muss die Dinge nur positiv sehen.“

Seinem Gesichtsausdruck zufolge hielt er sie für einen Hippie, der immer nett war und das auch von anderen erwartete. Obwohl sie das in vieler Hinsicht auch war, ärgerte es sie.

„Nicht immer. Wollen Sie Hendrix kastrieren lassen?“

Na großartig. Er will nicht, dass man ihn anspricht, oder?

„Ja, bitte. Ich möchte ihn so schnell wie möglich vermitteln, wenn ich ihn erzogen habe.“

Schweigend blickte er wieder auf den Monitor. „Ich kann den Eingriff nächste Woche durchführen“, meinte er schließlich. „Montagmorgen?“

Stirnrunzelnd rief Susannah ihren Terminkalender in ihrem Smartphone auf. „Da habe ich Dienst. Dienstag oder Mittwoch würde es gehen.“

Seufzend richtete er seine Aufmerksamkeit auf den Monitor, bevor er wieder kräftiger als nötig in die Tasten hieb. „Dienstag kann ich ihn gleich als Erstes einschieben. Passt das?“

Sie nickte und trug den Termin ein. „Perfekt. Da bin ich zu Hause und kann mich danach um ihn kümmern. Also, wie lautet das Urteil?“

„Er ist leicht untergewichtig, aber das sollte er bald aufholen. Für einen streunenden Hund ist er ziemlich gesund.“

„Oh, er war kein Streuner. Jemand hatte ihn vor dem Tierheim ausgesetzt.“

„Ah, jetzt verstehe ich sein Verhalten.“ Flüchtig presste Dr. Jennings die Lippen zusammen. „Schrecklich, dass manche Menschen glauben, Tiere wären Wegwerfware.“ Nachdem er eine Einverständniserklärung ausgedruckt hatte, kam er um den Schreibtisch herum, um sie ihr überreichen. Dabei kniete er sich hin, um Hendrix hinter den Ohren zu kraulen. Als dieser ihm daraufhin die Hand leckte, lachte er und entspannte sich. Er war tatsächlich attraktiv. Sein Stimmungswandel überraschte sie.

Was war bloß mit ihm los? Es schien mehr dahinterzustecken, und nun, da sie ihn beobachtete, konnte sie den Mann von eben nicht mit diesem in Einklang bringen.

„Haben Sie auch Haustiere?“ Plötzlich wollte sie mehr über ihn erfahren.

„Nein, leider nicht. Vor meinem Umzug hatte ich nie Zeit dafür.“

„Und jetzt?“, hakte Susannah nach.

Nun blickte er zu ihr auf. Hendrix genoss die Streicheleinheiten sichtlich. Eben hatte er noch zu fliehen versucht, und nun schmiegte er sich schamlos gegen seine Hand. Und seinem Gesichtsausdruck zufolge hatte Dr. Jennings noch nie mit dem Gedanken gespielt, sich ein Haustier anzuschaffen.

„Ich schätze, jetzt habe ich mehr Zeit. So habe ich das noch nie betrachtet.“ Nachdem er Hendrix ein letztes Mal gestreichelt hatte, stand er auf.

Unwillkürlich betrachtete sie seinen Körper, doch dann riss sie sich zusammen. Sie war wegen der Hunde hier. Und dabei fiel ihr die Vermittlungsaktion ein, die sie unbedingt auf die Beine stellen wollte.

„Dann suchen Sie womöglich bald einen Hund? Vielleicht können Sie einen bei der Vermittlungsaktion finden.“

„Vermittlungsaktion?“

Sofort war sie entmutigt. Anscheinend hörte er zum ersten Mal davon.

„Ja, ich hatte eine Abmachung mit Ihrem Vorgänger. Wir hatten hier viele gerettete Hunde, und ich bin ein bisschen überlastet. Eine solche Aktion wäre eine tolle Möglichkeit, einige Hunde zu vermitteln und außerdem Spenden zu beschaffen.“ Sie hatte zu Hause acht Hunde und fühlte sich allmählich etwas überfordert. Ihr Job war körperlich und seelisch anstrengend, und obwohl sie nur in Teilzeit arbeitete, war es ein enormes Pensum. Außerdem hatte sie selbst kaum noch Platz in ihrem eigenen Haus, und es wurde ziemlich teuer, zumal sie sich an den Kosten beteiligte.

„Okay, und Dr. Ingham hat sich in meinem Namen einverstanden erklärt, ja? Er hat es nie erwähnt, und da er jetzt unterwegs ist …“

Offenbar betrachtete Dr. Jennings das Gespräch als beendet. Zorn stieg in ihr auf.

„Ja. Er ist verreist, aber er sagte, die Praxis würde mich dabei unterstützen. Eigentlich hatte ich gehofft, es heute anzuleiern.“

Noch während sie sprach, warf er einen Blick auf die Uhr. „Heute habe ich leider keine Zeit. Der nächste Patient wartet schon.“

„Es geht ganz schnell. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie dabei sind. Vielleicht können wir einen Termin vereinbaren, um die Einzelheiten zu besprechen. Es würde eine Menge ausmachen, wenn wir Unterstützung durch einen Tierarzt hätten.“

Nun stieß er einen gequälten Laut aus. „Ich bin neu hier und habe sehr viel um die Ohren. Ich glaube wirklich nicht …“

„Dann besprechen wir es am Dienstag.“ Sie würde das Thema nicht fallen lassen. Er wirkte verstimmt, doch Susannah lächelte ihn an, bevor sie sich an Hendrix wandte. „So, ab nach Hause!“ Dann wandte sie sich zum Gehen.

Das mit der Aktion wird schwieriger, als ich dachte. Ich wünschte, ich wäre jetzt auf einer Kreuzfahrt. Dann könnte ich den netten Tierarzt bitten, zurückzukommen und diesen Griesgram wegzuschicken.

Dr. Jennings würde ablehnen, aber sie würde nicht kampflos aufgeben. In ihrem Haus war kaum noch Platz, und die Tierheime waren überfüllt. Sie mussten schon Hunde abweisen und woanders unterbringen. Es brach ihr das Herz, doch dieser Kerl würde ihr keinen Strich durch die Rechnung machen!

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und Susannah ging zum Empfang. Als Hendrix an der Leine zog, warf sie ihm nur einen Blick zu, und er setzte sich. Der Wartebereich war ziemlich voll. Vielleicht war Dr. Jennings einfach nur überarbeitet.

„Alles in Ordnung, Suze?“, fragte Cheryl, die am Empfang saß. „Du siehst aus, als hättest du heute einen schlechten Tag.“

Nun musste Susannah lachen. „Kann man so sagen. Er hatte allerdings gut angefangen.“ Mit einem Nicken deutete sie zur Tür. „Ich brauche noch einen Termin für Hendrix.“ Mit den Fingern deutete sie eine Schneidebewegung an. Vor den Hunden sprach sie nicht gern über derartige Eingriffe. Natürlich taten sie ihr ein wenig leid, aber es war das Beste für sie. „Gleich am Dienstagmorgen, bitte.“

Cheryl nickte, bevor sie zu tippen begann. „Geht in Ordnung. Und fünfundsechzig Pfund für heute auf die Rechnung, ja?“

„Für das Elvedon Shelter, bitte.“ Susannah hatte verschiedene Patientenakten für die jeweiligen Tierheime, mit denen sie zusammenarbeitete. In dieser Ecke der Welt war sie die Hundeflüsterin, und so war es einfacher, als die Kosten auszulegen und später einzufordern. Sie hatte ein eigenes Haus mit einem Grundstück und liebte ihren Job, doch sie musste aufpassen, dass sie nicht ihr ganzes Geld für die geretteten Hunde ausgab. „Dann bis Dienstag.“

Susannah wollte Hendrix gerade in den Wagen heben, als Cheryl sie rief und auf sie zukam.

„Entschuldige, habe ich etwas vergessen?“

„Nein, nein. Ich wollte dich nur etwas fragen. Was hältst du von dem neuen Tierarzt?“

Normalerweise machte sie Menschen, die sie gerade kennengelernt hatte, nicht nieder, doch es fiel Susannah schwer, mit ihrer Meinung zurückzuhalten. „Na ja, ich finde, schlechte Tage sind ansteckend“, erwiderte sie diplomatisch, bevor sie Hendrix in den Kofferraum hob und diesen schloss. „Warum fragst du?“

Cheryl blickte über die Schulter. „Es ist nur … Er ist ein bisschen …“

„Launisch? Griesgrämig?“

Erleichtert nickte Cheryl, den Blick immer noch auf den Eingang gerichtet. „Dann ist es dir also aufgefallen. Er ist ein netter Kerl, aber … Der Übergang ist ein bisschen schwierig. Ich glaube, die Einheimischen tun sich schwer damit.“

„Die Vermittlungsaktion ist jetzt auch geplatzt“, sagte Susannah mehr zu sich selbst. „Was ist eigentlich sein Problem?“

Cheryl, die auch keine Tratschtante war, wirkte wieder verlegen. „Es steht mir vielleicht nicht zu, das zu sagen, aber …“

„Aber?“ Interessiert beugte Susannah sich vor. „Du weißt ja, dass ich nichts weitererzähle.“

„Es ist seine Frau …“, gab Cheryl nach. „Ich glaube, sie hat ihn verlassen oder so. Als er vor ein paar Monaten mit Ezekiel über den Job sprach, sagte er, er wäre verheiratet. Keine Frau, kein Ring.“ Schuldbewusst biss sie sich auf die Lippe. „Ich glaube, es ist ihretwegen. Er bekommt nie Anrufe, weißt du? Jedenfalls keine privaten. Ich schätze, er ist vielleicht ein bisschen einsam. Ich hoffe nur, er lebt sich bald ein. Und …“

Als sie ihr einen seltsamen Blick zuwarf, begriff Susannah. Cheryl wollte ihre Hilfe.

Ihr lautes Stöhnen ließ Cheryl zusammenzucken. „Ach komm schon!“ rief sie. „Du machst hier alle glücklich! Und …“

„Da kann ich aber nicht helfen.“ Susannah betrachtete Hendrix, der sich in den Kofferraum gelegt hatte. „Ich habe den Typen gerade erst kennengelernt, und er hat mir nicht gerade den roten Teppich ausgerollt. Er hat meine Vermittlungsaktion abgeschmettert und …“

„Die Aktion, das ist es!“ Cheryl klatschte in die Hände.

„Das ist was? Er war förmlich angewidert, als ich sie erwähnt habe. Er ist nicht an Bord.“

„Nein, ich weiß, er ist vielleicht ein bisschen abgeneigt …“

„Abgeneigt? Die Aktion interessiert ihn nicht die Bohne, und warum sollte sie auch?“

„Er liebt Tiere!“

Nun verdrehte Susannah die Augen. „Das sollte bei seinem Job wohl selbstverständlich sein.“

„Nein, ich meine, er liebt sie wirklich. Er ist schon mit einigen Haltern ins Gericht gegangen, die sich nicht richtig um ihre Tiere kümmern. Er ist da ziemlich pingelig und sehr leidenschaftlich.“

Susannah runzelte die Stirn. Der Typ, den Cheryl beschrieb, schien nicht derselbe zu sein wie der mürrische Tierarzt, mit dem sie gerade das Vergnügen gehabt hatte. Allerdings hatte er sich eingehend nach Hendrix’ Herkunft erkundigt. Vielleicht lagen seine Patienten ihm doch ein wenig am Herzen. „Ich weiß nicht, ich habe eigentlich keine Zeit.“

„Darum ging es bei der Aktion doch. Mehr Hunde zu vermitteln, stimmt’s?“

Plötzlich fühlte Susannah sich richtig ausgelaugt. Als sie den Kopf an die Heckscheibe lehnte, sprang Hendrix auf und versuchte, ihr durch die Glasscheibe die Stirn abzulecken.

„Ich weiß nicht, ob ich die geeignete Person dafür bin, Cheryl. Ich und Männer …“

Cheryl tätschelte ihr die Schulter. „Ich weiß, aber hier geht es ja nur um den Job. Außerdem schadet es dir nicht, wenn du ein bisschen mehr unter Leute kommst.“

Susannah wollte sie gerade unterbrechen, musste dann allerdings an ihr letztes freies Wochenende denken. Abgesehen von den Gassirunden hatte sie das Haus nicht verlassen. Die einzigen Höhepunkte in ihrem Leben waren inzwischen die Lieferungen der Bücher, die sie im Internet bestellte. Trotzdem ärgerte sie sich, was Cheryl ihr offenbar ansah.

„Bitte tu es für mich“, fügte sie hinzu.

Susannah schnaufte. „Als du mich das letzte Mal angerufen und mir das gesagt hast, stand ich mit einem dreibeinigen Hund da.“

„Komm schon, nach Beau brauchtest du auch etwas Gesellschaft.“

Und nicht nur das.

Als ihr alter Labrador Beau gestorben war, war sie verzweifelt gewesen. Cheryl hatte ihr einen Rettungsring zugeworfen, indem sie sie bat, einen Hund für die Praxis in Pflege zu nehmen – und das war ihr erster gewesen. Allerdings wusste Susannah immer noch nicht genau, wie sie sich mit Dr. Jennings verstehen würde.

„Richtig, aber du erinnerst dich sicher auch, dass ich besser mit Rüden als mit Männern klarkomme. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir diesmal helfen kann.“ Langsam ging sie zur Fahrertür.

„Lass es dir einfach durch den Kopf gehen, okay? Nur ein kleiner Plausch. Vielleicht kannst du ihn auf einen Kaffee einladen.“

„Ich denke darüber nach“, erwiderte Susannah und beobachtete dann, wie Cheryl die Schultern sinken ließ. „Komm schon, Chez, du weißt doch, wie es sich mit mir und den Männern verhält.“

„Ich weiß, wie es sich mit dir und einem Mann verhalten hat“, erwiderte diese leise. „Du kannst nicht alle über einen Kamm scheren.“

„Na ja, ich habe meinen Ex schon andere Sachen sagen hören, aber das nie.“

Als Cheryl lachte, lächelte Susannah. Sie liebte es, andere Menschen glücklich zu machen, auch wenn sie sich dafür über ihre Ehe und die ziemlich schmutzige Scheidung lustig machen musste. Das gehörte allerdings der Vergangenheit an. Es betraf sie nicht mehr, und doch brachten Cheryls Worte sie zum Nachdenken. Glaubten die Menschen in ihrem Leben das tatsächlich? Sicher, Duncan hatte sie betrogen und praktisch von der überstürzten Hochzeit an schlecht behandelt.

Sie war eine frisch ausgebildete junge Krankenschwester gewesen und er der einflussreiche, autoritäre Arzt. Er hatte sie umworben, geheiratet und dann schnell wieder vergessen. Sie war so naiv, auf ihn hereinzufallen, doch er war ihre erste große Liebe gewesen. Sie war vorher noch nie jemandem begegnet, der ihr so viel bedeutet hatte. Er hatte ihren Freigeist gezähmt und war dann selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie mit dem Leben an seiner Seite und seinen Eskapaden klarkam. Dass sie es nicht tat, war ein großer Schock für sie beide gewesen.

„Ich bin froh, dass ich ihn los bin.“

2. KAPITEL

Als sie von der Tierarztpraxis wegfuhr und Hendrix aufgeregt aus dem Fenster blickte, dachte Susannah über ihre Begegnung mit Dr. Jennnigs nach. Sie wusste jetzt, warum er sie so verärgert hatte. Sicher, er war missmutig gewesen, und sie kam nicht gut mit solchen Menschen klar, doch es war mehr als das. Er erinnerte sie an ihren Arzt. Autoritär, bei der Arbeit ein wenig stur, ja, herablassend. Attraktiv. Dieses Attribut strich sie im Geiste von ihrer Liste.

Duncan war attraktiv gewesen, und wohin hatte es sie geführt? Die anderen Krankenschwestern hatten ihn ebenfalls attraktiv gefunden. Die Vorstellung, mit einem Mann zu tun zu haben, der derartige Gefühle in ihr weckte, erinnerte sie an ihn und raubte ihr jegliche Energie. Selbst Hendrix wirkte nicht ganz so lebhaft wie sonst. Schließlich öffnete sie das elektronische Tor und fuhr dann die lange Auffahrt zu ihrem Haus entlang.

Sie liebte das Solitary Cottage, das eigentlich kein Cottage war. Es war ein großes Haus, doch nach ihrer unerfreulichen Scheidung hatte sie das Krankenhaus in der Stadt verlassen wollen, in dem Duncan uneingeschränkt herrschte. Zu der Zeit hatte das Hospiz in dem kleinen Ort in Yorkshire, in dem sie aufgewachsen war, eine Krankenschwester gesucht. Und als sie sich an einen Makler wandte, war das abgeschiedene Solitary Cottage ihr sofort ins Auge gefallen.

Das Haus war in einem guten Zustand gewesen. Es hatte nur drei Jahre leer gestanden, nachdem die früheren Eigentümer aus Altersgründen weggezogen waren und es zum Verkauf angeboten hatten. In diesem Zeitraum war das eingezäunte Grundstück verwildert.

Nachdem Susannah Hendrix aus dem Wagen gelassen hatte, schloss sie die Haustür auf und verspürte einen Anflug von Wehmut. Bei ihrem ersten Besuch hier war ihr Widerstand entgegengeschlagen. Nicht von den Nachbarn, denn die waren ihr von Anfang an freundlich begegnet, sondern von dem Haus selbst. Durch einen Sprung in der Scheibe war Efeu gewachsen und hatte sich im Flur ausgebreitet. Sie hatte zwanzig Minuten gebraucht, um die Tür aufzubekommen und sich hindurchzuquetschen. Nichtsdestotrotz hatte sie es sofort gekauft.

Susannah legte die Schlüssel in die Schale auf dem Flurtisch und atmete tief durch, bevor sie, gefolgt von Hendrix, nach hinten in die Küche ging. Dort öffnete sie die zweigeteilte Hintertür und betrat den Garten, wobei sie die untere Hälfte hinter sich schloss. Hier fühlte sie sich sicher, und sie fand es schön, dass das Anwesen ein wenig abgelegen war.

Das große Grundstück hatte sie in zwei Bereiche unterteilt. In ihrem hatte sie einen kleinen Gemüsegarten angelegt und sich eine Sitzecke zum Lesen und Sonnenbaden eingerichtet. Im anderen Bereich befanden sich die beheizten Zwinger, eine Außendusche für die Hunde, eine Outdoorküche und sogar ein Raum zum Frisieren der Hunde. Finanziert hatte sie das Ganze mit Unterstützung der Gemeinde und Einnahmen aus Spendenaktionen.

Selbst jetzt staunte sie manchmal noch darüber, wie viel sie erreicht hatte, seit sie dieses Haus zum ersten Mal betreten hatte, damals noch in Begleitung ihres alten Labradors. Es war ein Neuanfang gewesen. Und das brachte sie auf den Gedanken, ob Dr. Jennings aus demselben Grund nach Puddle Lake gekommen war. Wollte er hier auch ein beschauliches Leben führen? Jedenfalls schien er nicht glücklich zu sein. Womöglich vermisste er sein früheres Leben in der Großstadt.

Das mit seiner Ehefrau war auch merkwürdig, doch sie wusste aus eigener Erfahrung, dass die Worte „Ja, ich will“ keine Garantie für dauerhaftes Glück waren. Nach ihrer gescheiterten Beziehung hatte sie sich in Schwester Dolittle verwandelt. Und hätte sie ihre Hunde nicht gehabt, hätte sie vielleicht nicht so ein sonniges Gemüt.

Kaum hatte Susannah die Tür zu dem Auslauf geöffnet, der sich an die Zwinger anschloss, war sie von ihren Schützlingen umgeben, die sie stürmisch begrüßten. Sie strahlte, denn zumindest hier war sie nicht zweite Wahl. Die Hunde hatten sie ins Herz geschlossen, und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Allerdings wünschte sie, sie könnte sich in einen Mann verlieben, der sie genauso voller Liebe und Vertrauen ansah und für den sie an erster Stelle stand. Sie seufzte. Dass dieser Mann in ihren Tagträumen kein Gesicht hatte, deprimierte sie noch mehr als die Vorstellung, dass dies niemals eintreffen würde. Das war auch kein Wunder, denn sie verabredete sich nicht einmal.

„Cheryl, ich weiß Ihre Worte zu schätzen, aber als der neue Inhaber …“

„Da Sie der neue Inhaber sind, haben Sie natürlich das Sagen. Aber die Patienten sind nicht glücklich.“

„Die Tiere sind die Patienten. Wie viele haben sich bei Ihnen beschwert?“

Entgeistert sah Cheryl ihn an. „Keiner natürlich. Sie gehen toll mit den Tieren um.“

„Dann ist dieses Gespräch also beendet. Ja?“

„Ja. Nein!“

Als sie die Hände in die Hüften stemmte, musste Chris ein Lächeln unterdrücken. Dann tauchte jedoch Susannahs Gesicht vor seinem geistigen Auge auf. Ihre Bemerkungen waren ihm nicht aus dem Kopf gegangen, und nun hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er seine Assistentin verärgerte. Es war nicht seine Art, so mit seinen Mitarbeitern umzugehen.

„Das Problem ist Folgendes, Dr. Jennings. Die Patienten sind glücklich, aber sie bezahlen Ihre Rechnungen nicht. Das machen die Halter, und die Beschwerden nehmen ein wenig überhand. Ich wollte das nur ansprechen, und ich hatte eine Idee. Die Vermittlungsaktion mit Susannah.“

Sein Magen krampfte sich zusammen. „Oh nein.“

„Susannah braucht die Unterstützung. Sie hat in letzter Zeit viele neue Hunde aufgenommen, und die Tierheime sind überfüllt. Sie ist überarbeitet, und was sie macht, ist nicht billig.“

„Ist das ihr Job?“ Er hätte sich ohrfeigen mögen. Warum musste er das wissen? Auf keinen Fall würde er diese Aktion durchführen. Sicher würden sie beide sich wahnsinnig auf die Nerven gehen. Susannah war viel zu … glücklich.

„Nein. Sie arbeitet im Hospiz. Sie ist Krankenschwester.“

Plötzlich fühlte Chris sich ganz schwach. „Im Hospiz? Ach so.“ Unzählige Bilder tauchten vor seinem geistigen Auge auf, doch er verdrängte sie. „Na, wenn sie so viel um die Ohren hat, muss sie doch von irgendwo Unterstützung bekommen.“

„Das ist aber nicht der Fall. Susannah ist ganz allein. Sie tut alles für die Hunde und für ihre Patienten. Sie braucht unbedingt eine Auszeit. Eigentlich bräuchte sie eine Teilzeitkraft, aber das ist Zukunftsmusik.“

„Sie scheinen eine Menge über sie zu wissen – sind Sie beide befreundet?“

„Ja, mittlerweile schon. Als sie zu uns kam, hat sie eine schwierige Phase durchgemacht, denn sie hatte gerade ihren alten Hund verloren. Aber dann hat sie einen für uns in Pflege genommen.“ Ihrem Gesichtsausdruck zufolge hatte Cheryl dabei auch eine Rolle gespielt. Er musste aufpassen. „Und dann kamen immer mehr dazu. Aber jetzt braucht sie diese Veranstaltung. Und Sie müssen bei den Einwohnern etwas beliebter werden. Es gibt auch andere Tierarztpraxen in der Umgebung, und es wäre schlimm, wenn wir Patienten verlieren würden.“

Chris runzelte die Stirn. „Bin ich wirklich so schlimm?“

„Einige haben sich über Sie beschwert, und ich habe auch in der Post ein Gespräch aufgeschnappt, in dem Ihr Name gefallen ist. Es klang nicht sonderlich schmeichelhaft.“

Er zuckte zusammen, und sie schwieg einen Moment.

„Die Vermittlungsaktion wäre die perfekte Gelegenheit, den Dorfbewohnern Ihre andere Seite zu zeigen“, fuhr sie schließlich fort, den Kopf zur Seite geneigt. „Sie haben doch eine, oder?“

„Eine was?“, fragte er ungewollt unwirsch. Offenbar war er zu weit gegangen.

„Eine gute Seite.“

Chris nickte. „Ja, die habe ich. Irgendwo da hinten.“ Als er auf seinen Kopf deutete, lachte Cheryl.

„Das dachte ich mir. Überlegen Sie es sich?“

„Das mache ich. Ich bespreche es mit ihr, wenn sie wieder mit Hendrix kommt.“

Sichtlich zufrieden verließ Cheryl den Raum. Sie war seine Verbündete, und er wollte es sich mit ihr nicht verderben oder ihr die Arbeit unnötig schwer machen. Die Nachricht, dass Susannah als Krankenschwester im Hospiz arbeitete, hatte ihn gewissermaßen versöhnt. Nun konnte er es verstehen. Sie war so glücklich, so schillernd. Vielleicht konnte sie ihren Job deshalb ausüben. Offenbar hatte sie ein großes Herz.

Er wusste, dass er es niemals gekonnt hätte. Nie wieder wollte er den Fuß in ein Hospiz setzen. Noch immer erinnerte er sich an die Gerüche, die Geräusche, die Mitarbeiter. Die Nächte, in denen er seine Frau im Schlaf betrachtet hatte, bis sie für immer eingeschlafen war. Es schien ihm, als wäre es in einem anderen Leben gewesen, doch er wusste noch jede Einzelheit, als hätten die Erinnerungen ihm sich für immer eingebrannt. Es genügte, wenn eine Frau dasselbe Parfüm benutzte, und sie überfluteten ihn und lähmten ihn förmlich.

Ihre Ehe war nicht perfekt gewesen, sie hatten daran arbeiten müssen, doch im Großen und Ganzen waren sie glücklich gewesen. Ihnen hatte nichts gefehlt. Sie hatten nicht über die Zukunft gesprochen. Sie hatten sich kennengelernt, und es hatte klick gemacht. Kurz danach hatten sie sich verlobt und dann im kleinen Kreis geheiratet. Zwischen ihnen war keine Leidenschaft aufgelodert, sie hatten nur festgestellt, dass sie gut zusammenpassten und gern zusammen waren. Ihr Liebesleben war schön gewesen. Sie hatten beide ihren Beruf geliebt, aber trotzdem Zeit füreinander gehabt. Mit ihrem großen Freundeskreis hatten sie viel unternommen.

Erst als Karen an Krebs erkrankt war, war ihm bewusst geworden, wie viel sie ihm bedeutete, und sie hatten zuletzt jeden Moment zusammen verbracht. Und er war von Tag zu Tag wütender geworden. Nicht auf sie, auch nicht auf den Krebs. Vermutlich auf sich selbst. Auf sie beide. Sie waren beide so beschäftigt gewesen, dass ihre Ehe zum Stillstand gekommen war, als sie nur noch einander hatten und endlose Behandlungen folgten.

Er war an ihrer Seite geblieben, doch ihm war überdeutlich klar geworden, dass sie sich nicht so gut gekannt hatten, wie er geglaubt hatte. Und erst als sie vergeblich auf Heilung gehofft hatten, hatten sie gewusst, dass sie sich auch nie richtig kennenlernen würden. Er hatte eine Frau begraben, die er nicht wirklich kannte, und das hatte ihn noch zorniger gemacht. Er hatte Zeit vergeudet, indem er seine Frau nicht richtig geliebt hatte, und nun war sie nur noch eine Erinnerung.

Sein Leben war auch vorbei. Natürlich trauerte er um Karen und vermisste sie schrecklich. Das Leben war grausam für die, die zurückblieben. Sein Leben war vorbei, weil er nicht mehr hineinpasste. Er war jetzt der Witwer unter lauter erfolgreichen und lebenslustigen Freunden, die entweder eine feste Beziehung hatten oder schon verheiratet waren. Sie verstanden ihn nicht mehr. Sein Haus war leer, ebenso wie sein Terminkalender. Und die Arbeit machte ihm nicht mehr so viel Spaß wie vorher.

Chris ertappte sich dabei, wie er sich fragte, warum er sich damals so viel aufgehalst hatte. Sie hatten keine Kinder gehabt, für die sie sorgen mussten, sie waren gut situiert gewesen. Und nun, da es für ihn keinen Grund mehr gab, nach Hause zu fahren, wurde ihm bewusst, wie sehr er sich danach sehnte. Er wollte früh Feierabend machen und zu seiner Frau zurückkehren. Er hätte sie mehr auf Händen getragen, mehr über sie erfahren und niemals die Arbeit an die erste Stelle stellen sollen.

Und diese Erkenntnis verfolgte ihn.

Als Chris an diesem Abend nach Hause kam, in das Haus, in dem seine Frau niemals hätte leben wollen, grübelte er weiter über seine verrückte Situation. Er hatte sein Leben geändert, einen Neuanfang in einem kleinen Dorf gemacht und für immer mit dem Leben auf der Überholspur abgeschlossen. Nun hatte er alle Zeit der Welt, aber nach wie vor nur seine Arbeit. Also arbeitete er und bildete sich zu Hause weiter, wusste allerdings, dass er sich damit nur ablenkte. Es schien ihm, als wäre er noch wütender geworden. Was hatte das alles für einen Sinn? Er war immer noch allein. Sicher, es ging ihm finanziell gut, aber das auch nur, weil er kaum etwas ausgab. Seine Stimmung verschlechterte sich zusehends, und nun war er auch noch ein schlechter Chef. Seine Patienten und Nachbarn hassten ihn, und er fühlte sich, als hätte man ihn in die Ecke gedrängt, damit er ausgerechnet der Frau im Dorf half, mit der er keine Zeit verbringen wollte.

Je mehr er über Susannah Harkin nachdachte, desto mehr verschlechterte sich seine Laune. Es durfte einfach nicht sein. Lieber würde er sich dem Zorn von Frauen wie Mrs. Chan aussetzen, bevor er sich bereit erklärte, mit dieser Frau zusammenzuarbeiten. Er konnte sie unterstützen, indem er Plakate in seiner Praxis aufhängte. Doch allein bei der Vorstellung schauderte er. Er musste einfach nur netter zu den Haltern sein und etwas finden, um seine Stimmung zu verbessern, wenn jener vertraute Frust und jene Hoffnungslosigkeit ihn wieder überkamen.

3. KAPITEL

„Ich gebe dir, was du willst, wenn du tust, was ich sage. Bitte. Ich flehe dich an.“ Susannah blickte in die großen dunklen Augen vor sich. „Du weißt, dass es passieren wird. Ich weiß, dass es passieren wird. Lass es uns einfach hinter uns bringen. Ich ertrage es nicht, wenn wir so umeinander herumschleichen.“

In den Augen lag ein unergründlicher Ausdruck. Susannah seufzte frustriert. Sie lag vor der Tierarztpraxis, halb im Busch, in den Hendrix sie gerade gezogen hatte. Er saß neben ihr und ließ den Kopf hängen.

„Du wirst überhaupt nichts spüren. Mein Onkel Alan hatte dieselbe Operation, und es ging ihm schnell besser. Es hat ein bisschen wehgetan, aber es ist besser so. Schließlich wollen wir nicht, dass viele kleine Hendrixe rumlaufen, stimmt’s?“

Daraufhin heulte Hendrix auf und verkroch sich noch weiter im Busch. Im nächsten Moment näherten sich Schritte.

„Alles in Ordnung?“

„Na toll, Mr. Sonnenschein“, sagte sie leise. Als sie hinter den Blättern hervorschaute, stellte sie jedoch fest, dass er sie offenbar gehört hatte.

„Meistens bevorzuge ich Chris . Ihnen ist klar, dass Sie zu spät kommen, ja?“

Susannah presste die Lippen zusammen. Wegen ihrer Position konnte sie nicht auf ihre Armbanduhr blicken, doch sie hatte sich allenfalls um wenige Minuten verspätet.

„Technisch gesehen bin ich auf dem Grundstück. Und ich bin pünktlich hier gewesen.“

„Ja, aber die Gemeinde hat normalerweise etwas dagegen, wenn ich Tiere auf dem Parkplatz kastriere. Brauchen Sie Hilfe?“

Natürlich nicht, nicht von Ihnen. Lieber würde ich mich hier im Busch niederlassen, als Sie um Hilfe zu bitten. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Leine sich um meine Füße gewickelt hat.

„Vielleicht. Ist Cheryl drinnen?“

Sie meinte, ihn lachen zu hören.

„Nein, Cheryl ist in die Frühstückspause gegangen, nachdem sie mich über Ihre Ankunft informiert hatte. Ich soll Sie holen.“

Cheryl, ich wünsche dir eine miese Pause. Ich hoffe, dein Keks fällt in den Tee, du kleine Hexe. Vielleicht hast du mehr als Earl Grey in deinen Teebeuteln. Wassermolchaugen?

„Dann Brenda.“

Da Brenda die Reinmachefrau war und erst nach Ende der Sprechstunde eintraf, erwartete Susannah keine Antwort.

„Bin ich wirklich so schlimm? Ich werde gleich Ihren Hund operieren. Und es ist mir lieber, wenn meine Kunden keine Angst vor mir haben, bevor ich zum Skalpell greife. Kommen Sie.“

Chris half ihr und Hendrix aus dem Busch und verhedderte sich auch in der Leine, als dieser merkte, dass er geliefert war. Sobald Susannah stand, versuchte er ein letztes Mal bellend, in die Freiheit zu entkommen, sodass die Leine sich straffte. Fluchend zog Chris daran, um sie beide zu befreien. Sofort blieb Hendrix stehen und setzte sich.

„Na endlich!“ Susannah drehte sich zu Chris um. „Danke.“

„Das Training läuft also gut?“

„Wir arbeiten dran“, konterte sie gereizt. „Jeder normale Mann hätte Angst vor diesem Eingriff.“

Im OP-Raum streichelte sie Hendrix, bevor Chris ihn an die Arzthelferin Angie übergab. Nachdem die Tür sich hinter den beiden geschlossen hatte, standen sie schweigend da.

„Passen Sie auf ihn auf – er ist ein guter Junge“, sagte Susannah. „Er braucht nur noch ein bisschen Disziplin.“

„Keine Angst, er wird es gut überstehen. Ich lasse Sie anrufen, wenn er wach ist.“ Nach einer Pause fügte Chris hinzu: „Schön, dass Sie heute freihaben. Müssen Sie in den nächsten Tagen arbeiten?“

„Erst am Wochenende“, antwortete Susannah, ohne nachzudenken. „Ich muss mir noch einen Hund im Tierheim ansehen, den ich wahrscheinlich aufnehmen werde. Es ist ein Streuner, den sie gerade vom Tierschutz hereinbekommen haben.“

„Okay.“

„Also, sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie jemanden kennen, der einen Hund möchte. Ich schätze, ich muss ihn mit zu mir nehmen.“

„Hm. Traurig.“

Da er nicht mehr sagte, wusste sie nicht, wie sie das Thema Vermittlungsaktion anschneiden sollte. „Ja, das ist traurig. Es gibt so viele davon. Alle, die Hunde in Pflege haben, haben kaum noch Platz. Und die Tierheime brechen unter all diesen ungewollten, ungeliebten kleinen Hunden zusammen.“

„Ja, das ist ein Problem.“

„Aber ein Problem, das wir lösen könnten. Stimmt’s?“

„Nein. Man kann nicht jedem Hund ein neues Zuhause vermitteln, denn die Dinge ändern sich nicht. Das ganze System ist falsch.“

„Da haben Sie recht, aber es gibt etwas, das wir tun könnten. Wir könnten zum Beispiel die Vermittlungsaktion durchführen.“

„Ich hatte ja schon zugesagt, dass ich Plakate aufhänge. Hat Cheryl Ihnen das nicht ausgerichtet?“

„Doch. Aber wir brauchen mehr als das, und Dr. Ingham hatte mir schon seine Hilfe zugesagt.“

„Und daran halte ich mich.“

„Wir brauchen mehr als Plakate. Wir brauchen Unterstützung, freiwillige Helfer. Es würde uns sehr helfen, wenn Sie die Interessenten beraten und vielleicht Hunde vermitteln würden.“

„Hier ist immer Hochbetrieb.“

„Wir hatten die Aktion für einen Sonntag anberaumt. Dann ist die Praxis geschlossen.“

Chris zog die Brauen hoch. „Da habe ich Bereitschaft.“

„Es gibt doch Praxen, die Vertretung machen können. Es ist nur ein Tag.“

„Ein Tag unbezahlter Arbeit, ja. An meinem freien Tag. Vielleicht habe ich ja etwas vor.“

„Unbezahlt schon, aber die neuen Hundebesitzer werden ja einen Tierarzt brauchen. Und warum sollten sie dann nicht zu dem gehen, den sie gerade kennengelernt haben?“ Susannah hatte gehofft, die Aussicht auf neue Kunden wäre vielleicht genau der Anreiz, den er brauchte. „Und denken Sie an die Pluspunkte, die Sie damit bei den Einheimischen machen könnten. Die Leute hier in Puddle Lake sind alle sehr tierlieb.“

Cheryl hatte ihr von den Beschwerden berichtet. Mrs. Chan erzählte überall herum, dass er überheblich und belehrend wäre. Das ließ den einzigen Tierarzt im Dorf nicht gut dastehen, zumal es sich um ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis handelte.

„Da haben Sie recht“, räumte Chris gereizt ein.

„Genau, und es ist doch nur ein Tag! Sie können es verschieben. Was hatten Sie denn vor?“ Schweigen. „Na, Sie müssen es mir nicht erzählen, wenn Sie nicht wollen, aber …“

„Ich will es auch nicht, und jetzt muss ich operieren.“

Als sie seine überhebliche Miene sah, veränderte sich etwas in ihr. Er brachte sie jetzt wirklich auf die Palme. Susannah kniff die Augen zusammen und bedachte ihn mit einem eisigen Blick, den er ruhig erwiderte.

Er ist so nervig. Aber er sieht jetzt ziemlich sexy aus.

Sie konzentrierte sich darauf, ihn anzufunkeln.

„Ich schätze, es hat keinen Sinn, Ihre Zeit noch mehr zu beanspruchen, stimmt’s?“ Ein letztes Mal musterte sie ihn betont abfällig. „Dann widmen Sie sich jetzt Ihren Patienten. Sicher können sie es kaum erwarten, in den Genuss Ihrer liebevollen Art zu kommen.“

Susannah stürmte aus dem Raum, um von ihm wegzukommen. Erst im Empfangsbereich wurde ihr bewusst, dass alle Anwesenden ihren Schlagabtausch mitgehört hatten. Schuldbewusst zuckten sie zusammen, als sie in die Runde sah, und senkten schnell den Blick.

„Bye, Cheryl“, rief Susannah, bevor sie die Praxis verließ.

Dann hörte sie, wie die Tür hinter ihr geöffnet und wieder geschlossen wurde. Als sie sich umdrehte, sah sie sich allerdings nicht Cheryl gegenüber. Chris eilte auf sie zu, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Was ist eigentlich Ihr Problem?“, fuhr sie ihn an.

„Ich habe kein Problem. Ich kann Ihnen nur schlichtweg nicht helfen, und ich will hier auch keinen Ärger.“ Als er hinter sich deutete, sah sie, wie die Jalousien im Wartebereich sich bewegten. Eine Hundeschnauze tauchte auf, verschwand aber schnell wieder. „Ich bin neu hier und habe genug um die Ohren.“ Energisch verschränkte er die Arme.

Er war so arrogant! Sofort erlosch die Anziehungskraft wieder.

„Tut mir leid, dass ich Ihnen eine Szene gemacht habe, aber Sie bringen mich so auf die Palme! Sie wollen einfach nicht helfen. Sie verhalten sich mir gegenüber wie ein gereizter Bär, und ich weiß, dass ich nicht die einzige Dorfbewohnerin bin, die Sie verärgert haben!“

„Ha!“, spottete er. „Sie können meinen Charakter also schon nach wenigen kurzen Begegnungen einschätzen, ja? Und die Buschtrommeln im Dorf haben nur Schlechtes über mich verkündet? Gut gemacht, Agatha Christie!“

Mrs. Gallagher ging mit ihrem Schnauzer Herbert vorbei. Keiner von ihnen hatte sie kommen sehen oder die erneute Bewegung der Jalousien im Wartebereich bemerkt.

„Morgen“, grüßte Mrs. Gallagher sie beide fröhlich. „Schöner Tag, nicht?“

„Schön, ja“, brachte Chris hervor.

„Ja, schön.“ Susannah winkte ihr lächelnd zu, während er geistesabwesend nickte. Und sie glaubte aus den Augenwinkeln zu beobachten, wie Cheryl die beiden förmlich in die Praxis zog.

Chris hatte es offenbar nicht registriert, denn er war zu sehr damit beschäftigt, sie zur Schnecke zu machen. „Wissen Sie, das ist das Problem in diesen Dörfern. Die Menschen sind zu …“

„Nett? Freundlich?“, schleuderte Susannah ihm entgegen. „Fürsorglich?“

„Nein.“ Er verzog den Mund. „Neugierig. Fröhlich.“ Das letzte Wort war direkt an sie gerichtet. So, wie er es sagte, wie er ihr in die Augen sah … Es traf sie mitten ins Herz und machte sie zornig.

Für wen hielt dieser Miesepeter sich eigentlich, dass er ihr Dorf derart zerlegte?

„Also!“ Sie verschränkte die Arme und ließ sie dann wieder sinken. „Man muss kein Genie sein, um einen Zugezogenen zu erkennen. Lord Voldemort hat mehr Charme als Sie!“

Chris ließ die Arme sinken und folgte ihr, als sie weiter auf ihren Wagen zuging, die Schlüssel in der Hand. „Oh, meine Stimmung ist nun auch Ihre Angelegenheit, genauso wie die Frage, was ich an meinem freien Tag mache? Was ist eigentlich Ihr Problem?“

„ Mein Problem!“ Susannah beugte sich vor und fuchtelte ihm mit dem Schlüsselbund vor der Nase herum. „Ich habe keins. Ich versuche nur, meinen Job zu machen!“

„Oh, Ihr Job, wie ehrenwert von Ihnen! Es ist nicht mal Ihr richtiger Job!“

Woher, zum Teufel, wusste er das? Verdammt, brachte er sie zur Weißglut! Abgesehen von ihrem Ex hatte sie noch nie jemanden ohrfeigen wollen, doch nun juckte es ihr in den Fingern.

„Und? Man hat immer zwei Berufungen im Leben, Sie etwa nicht? Tierarzt und griesgrämiger alter Sack? Wie alt sind Sie, vierzig? Meine Großmutter hat mehr Biss als Sie!“

„Wovon reden Sie eigentlich?“ Er knallte die Hände auf die Motorhaube, und sie tat ihm gegenüber dasselbe. „Ich habe keine zwei Berufungen. Es erfüllt mich, meine Arbeit zu machen und dann in Ruhe gelassen zu werden. Im Gegensatz zu Ihnen versuche ich nicht, Mary Poppins zu sein, die überall reinschneit und alle zu retten versucht. Verschonen Sie mich und stellen Sie sich der Realität!“

„Was wissen Sie denn schon von der Realität? Sie verstecken sich mit Ihrer miesen Stimmung und ihrem finsteren Bulldoggengesicht hinter Ihrem Tisch. Sie wissen schon, dass die Dorfbewohner Sie für verbohrt halten, nicht?“

„Mich interessiert nicht, was die Dorfbewohner denken!“

„Das wird es aber, wenn alle zu den Tierärzten in der Stadt fahren und niemand mehr kommt, den Sie anblaffen können. Die Vermittlungsaktion würde uns beiden zugutekommen.“ Nun schrien sie sich beinah an. „Sie sind einfach nur zu stur, um es zu begreifen. Kümmern Sie sich jetzt um Hendrix.“ Ein letztes Mal funkelte Susannah ihn an, um zu unterstreichen, dass sie ihm einen ihrer Hunde anvertraute und nicht glücklich darüber war. „Das ist schließlich Ihr Job. Selbst wenn Sie die ganze Welt hassen, lassen Sie das nicht an ihm aus. Kein Wunder, dass Sie allein sind, wenn Sie sich so verhalten!“

„Ach wirklich?“ Als sie einstieg, verschränkte Chris wieder die Arme und kam auf die Fahrerseite, und sie hasste sich dafür, dass sie ihn süß fand, wenn er wütend war. Er klopfte ans Fenster und redete auf sie ein.

Als sie das Fenster herunterließ und sich vorbeugte, spielte sie flüchtig mit dem Gedanken, es schnell zu schließen und seine Krawatte einzuklemmen, entschied sich dann jedoch dagegen. Den Tierarzt mitzuschleifen würde nicht so gut aussehen. Außerdem musste er Hendrix operieren. Sie konnte sein Ableben ein andermal planen.

„Was haben Sie gerade gesagt?“, fragte sie. „Tut mir leid, ich habe kein Wort verstanden.“

Seine Miene war wutverzerrt, und das war wiederum Balsam für ihre gestresste Seele. „Ich sagte, ich bin vielleicht allein, aber manche Menschen sind so glücklicher. Sie sind es offenbar auch. Obwohl Sie eine nervige Wichtigtuerin sind.“

„Ich bin keine Wichtigtuerin, und was das Nerven angeht, setzen Sie ganz neue Maßstäbe!“ Susannah ließ das Fenster wieder hoch und klemmte ihn dabei fast ein. Bevor es sich schloss, fügte sie hinzu: „Ich finde nur, dass die Dorfbewohner und ihre Tiere mehr als den Grinch in Gestalt eines Tierarztes verdient haben. Sie sind unmöglich!“

„Ja, Sie …“

Den Rest verstand sie nicht mehr, zumal sie sich die Ohren zuhielt. Chris konterte mit einer unmissverständlichen Geste, als sie wegfuhr, und sie atmete schockiert ein. Bevor sie sich aufs Fahren konzentrierte, sah sie ihn noch lachen.

„Schrecklicher Kerl!“, rief sie, als sie den Parkplatz verließ und dabei aufs Lenkrad hieb. „Was bildet er sich ein! Ich bin nicht Mary Poppins!“ Nachdem sie die halbe Strecke geflucht hatte, schwieg sie während der anderen Hälfte.

Es dauerte einige Stunden, bis Susannah sich wieder beruhigt hatte. Normalerweise ärgerte sie sich nicht so leicht, doch Christopher Jennings gehörte zu der Sorte Mann, die sie verachtete. Überheblich, unhöflich, egoistisch und ein Workaholic. Er verkörperte alles, was sie nicht ausstehen konnte. Und er war einmal verheiratet gewesen. Die Vermittlungsaktion musste eben ohne ihn stattfinden. Nach diesem Tag wollte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er konnte sich seine Hilfe und seine eindeutigen Gesten sonst wohin stecken. Sein lachendes Gesicht würde sie den Rest der Woche in ihren Albträumen verfolgen.

„Mistkerl!“, rief Susannah ins Leere. Nachdem sie sich um die Hunde gekümmert hatte, machte sie sich eine Tasse Tee und ging mit ihnen in den Garten, wo sie sich mit Unkrautjäten abreagieren wollte.

Chris überprüfte Hendrix’ Vitalfunktionen zum dritten Mal und verfluchte sich dann, weil er zuließ, dass die Auseinandersetzung mit Susannah und deren verbale Spitzen ihm so zusetzten. Der Mittelfinger war unter seiner Würde gewesen, doch er hatte einfach nicht widerstehen können. Nun schämte er sich dafür, zumal die ganze Praxis Zeuge der Gratisshow gewesen war. Während des restlichen Vormittags konzentrierte er sich auf seine Arbeit.

Die Kastration war komplikationslos verlaufen. Hendrix war nun wach und stabil, aber sichtlich genervt von der Halskrause. Und da momentan niemand wartete, setzte Chris sich auf einen Hocker neben dem geöffneten Käfig. Sofort rückte Hendrix etwas näher an ihn heran, sodass er seine Schnauze tätscheln konnte.

„Sie ist ziemlich gemein, deine Pflegemutter. Hast du gehört, was sie zu mir gesagt hat?“ Als Hendrix laut jaulte, nickte Chris. „Genau. Du weißt Be...

Autor

Rachel Dove
Mehr erfahren
Carrie Nichols
Mehr erfahren
Katie Meyer

Katie Meyer kommt aus Florida und glaubt felsenfest an Happy Ends. Sie hat Englisch und Religion studiert und einen Abschluss in Veterinärmedizin gemacht. Ihre Karriere als Veterinärtechnikerin und Hundetrainerin hat sie zugunsten ihrer Kinder und des Homeschoolings aufgegeben. Sie genießt ihre Tage gerne mit der Familie, ihren vielen Haustieren, Downton...

Mehr erfahren
Melissa Senate

Melissa Senate schreibt auch unter dem Pseudonym Meg Maxwell, und ihre Romane wurden bereits in mehr als 25 Ländern veröffentlicht. Melissa lebt mit ihrem Teenager-Sohn, ihrem süßen Schäfermischling Flash und der spitzbübischen Schmusekatze Cleo an der Küste von Maine im Norden der USA. Besuchen Sie ihre Webseite MelissaSenate.com.

Mehr erfahren
Helen R Myers
Mehr erfahren

Das Erscheinungsbild aller Textinhalte kann verändert werden

  • Die E-Publikation schränkt die Möglichkeiten der Benutzer nicht ein, die Darstellung von Textinhalten in dem vom Lesesystem erlaubten Umfang zu verändern (z. B. Ãnderung von Textgröße oder Schriftart, Zeilenhöhe und Wortabstand, Farben). Nur zur Verwendung in ONIX 3.0 oder höher. Vergleiche mit Code 10, der für eine breitere Palette von Inhaltstypen gilt.

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.

  • Der Inhalt dieses E-Books wurde in einer logischen Lesereihenfolge angeordnet. Wenn Hyperlinks im Text vorhanden sind, die zu Stellen an einer anderen Stelle führen, sollten Links zurück zum Ausgangspunkt bereitgestellt werden.

  • Alle Überschriftenebenen und andere strukturelle Elemente dieses E-Books sind markiert, um eine schnelle Navigation zu ermöglichen, ohne zum Inhaltsverzeichnis zurückkehren zu müssen.