Liebesstern über Christmas Bay

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Baseball-Profi Owen ist sexy, aber will keine Familie. Weshalb Marley ihm nach ihrer Liebesnacht verschweigt, dass ein neuer kleiner Spieler auf dem Weg ist …


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548137
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Leseprobe

Kaylie Newell

Liebesstern über Christmas Bay

1. KAPITEL

Marley Carmichael war wieder zu Hause.

Während sie sich in der kleinen Pizzeria umsah, in der sie als Teenager so oft gegessen hatte, konnte sie es immer noch nicht so ganz glauben. Sie kam sich vor wie der Held in dieser alten Zigarettenwerbung: Bis hierher war’s ein weiter Weg, Baby.

Ja, sie hatte es weit gebracht. Sie war jetzt erwachsen – in ein paar Wochen wurde sie neunundzwanzig. Und sie stand kurz davor, ihren Traumjob anzutreten, auf den sie ihr ganzes Leben lang hingearbeitet hatte. Dass sie ihn ausgerechnet in ihrer alten Heimatstadt Christmas Bay finden würde, damit hatte sie zwar nicht gerechnet. Aber sie würde auch damit klarkommen. Schließlich hatte sie schon ganz andere Herausforderungen gemeistert.

„Wir haben ganz vergessen, vor dem Essen anzustoßen“, sagte Stella. „Auf die neue Stimme der Tiger Sharks.“

Marley spürte, wie ein Teil der Anspannung von ihr abfiel, als sie die drei Frauen, die mit ihr am Tisch saßen, anblickte. Die einzige wirkliche Familie, die sie je gehabt hatte: ihre zwei Pflegeschwestern Kyla und Stella, mit denen zusammen sie hier in Christmas Bay bei ihrer Pflegemutter Frances aufgewachsen war.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du dir für unsere kleine Feier ausgerechnet das Mario’s aussuchst“, bemerkte Kyla. „Ich glaube, das ist immer noch derselbe Teppichboden, der hier schon zu unseren Highschoolzeiten lag.“

Stella lachte. „Oh ja, das ist er.“

„Ist doch ganz nett“, sagte Frances. „Hat was von den Sechzigern.“

„Fetzig.“ Stella lächelte und hob ihr Weinglas. „Auf Marley. Willkommen zu Hause, Liebes.“

Sie hoben die Gläser und stießen an. Aus der Ecke, wo der Flipper stand, erklangen die vertrauten Klingelgeräusche. Der Duft nach warmem Brot und Käse, der Blick aus den nicht sehr sauberen Fenstern aufs Meer, der abgetretene, bunte Teppich, der Frances so gefiel – all das erinnerte Marley an die Zeit vor und nach dem großen Einschnitt in ihrem Leben, der heute immer noch Auswirkungen auf sie hatte.

„Und, wie fühlt es sich so an, wieder hier zu sein?“, fragte Kyla.

„Ich kann es ehrlich gesagt noch gar nicht so ganz glauben. Ich hätte nie gedacht, dass …“

„Ja, damit hat wohl keiner von uns gerechnet“, unterbrach sie Stella und legte einen Arm um sie. „Aber hier sind wir.“

Frances lächelte. Ihre Pflegemutter war zweiundsechzig und hatte sich gut gehalten – sei trug das Haar platinblond gefärbt und hatte einen beneidenswert makellosen Teint. Sie lächelte gern und häufig, was ihre Augen zum Strahlen brachte. Vor Kurzem waren bei ihr die ersten Anzeichen von Alzheimer festgestellt worden – der Hauptgrund dafür, dass Marley und ihre Schwestern nach Christmas Bay zurückgekehrt waren.

„Ich freue mich so sehr, dass ihr hier seid“, sagte Frances. „Vielleicht muss ich gleich ein bisschen weinen.“

„Oh nein, tu das nicht“, sagte Stella. „Sonst muss ich auch weinen, und meine Wimperntusche ist nicht wasserfest.“

„Meine auch nicht“, sagte Kyla.

Marley nahm noch einen Schluck Wein. „Ich freue mich auch sehr, Frances. Und ich trage immer wasserfeste Wimperntusche, also wein ruhig, wenn dir danach ist.“

Am anderen Ende des Restaurants wurde die Tür aufgestoßen und eine Gruppe neuer Gäste betrat die Gaststube: Fünf oder sechs Frauen, die sich um zwei Männer scharten, die an diese Art von Aufmerksamkeit gewöhnt zu sein schienen.

Marley beobachtete sie. Die Frauen waren aufgebrezelt, während die Männer aussahen, als kämen sie gerade aus dem Fitnessstudio. Sie trugen Baseballkappen und Trikots der Tiger Sharks und wirkten unglaublich durchtrainiert.

Marley sah auf den ersten Blick, dass es sich um professionelle Spieler handelte – schließlich hatte sie jahrelang mit Männern wie diesen zu tun gehabt. Und die Frauen waren Groupies, das erkannte man gleich an ihrem Gekicher und daran, wie sie die Männer anschmachteten.

„Ach du liebe Güte“, sagte Stella. „Wisst ihr, wer das ist?“

Kyla machte große Augen. „Allerdings. Marley, das ist einer deiner neuen Kollegen.“

Richtig, der größere der beiden Männer kam ihr bekannt vor, stellte Marley leicht beklommen fest. Oh nein … Er hatte sich definitiv verändert, seit sie ihn vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen hatte – seine Gesichtszüge wirkten erwachsener, und er hatte an Schultern und Oberkörper an Muskelmasse zugelegt.

Obwohl sie ein großer Baseballfan war, hatte sie seine Karriere nicht verfolgt. Er war damals ein arroganter Idiot gewesen, warum also sollte es sie interessieren, wie viele Rekorde er brach?

„Owen Taylor“, brachte sie heraus, während sie zusah, wie eine der Frauen die Arme um seine Taille schlang.

„Höchstpersönlich“, flüsterte Stella.

Frances runzelte die Stirn. „Wer ist Owen Taylor?“

Die Schwestern wechselten einen Blick – dies war ein weiteres Beispiel für Frances’ zunehmende Gedächtnislücken. Jeder in Christmas Bay hatte irgendwann schon einmal von Owen Taylor gehört. Schon auf der Highschool war er ein Superstar gewesen. Er war mit Marley in eine Klasse gegangen, und sie erinnerte sich noch gut an den Abend, an dem er den Schulrekord an Strikeouts in einem Spiel gebrochen hatte. Danach hatten ihn die Talentscouts der besten Colleges belagert und er konnte sich aussuchen, wo er mit einem Vollstipendium studieren wollte. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte er sich irgendeine Uni an der Westküste ausgesucht – Los Angeles vielleicht. Genau wusste sie es aber nicht, weil sie ihn und sein großspuriges Getue aus ihren Gedanken verbannt hatte. Sie liebte Baseball. Aber nicht unbedingt alle Baseballspieler.

„Owen Taylor ist ein bekannter Pitcher, Frances“, erklärte Kyla.

Die Teenager am Flipperautomaten hatten ihn offenbar erkannt, denn sie ließen ihr Spiel sausen und gesellten sich zu ihm. Das junge Mädchen hinter dem Tresen hatte gerötete Wangen und klimperte mit den Wimpern, als er sie angrinste. Er genoss das hier. Jeden Moment davon. Manches änderte sich eben nie.

Marley lehnte sich im Stuhl zurück und kniff die Augen zusammen. „Jetzt sag bitte nicht, dass er für die Sharks spielt.“

„Er spielt für die Sharks“, erwiderte Stella sachlich.

„Aber er ist in meinem Alter!“

„Willst du damit sagen, dass du alt bist?“

„Nein. Aber er ist es. Jedenfalls für einen Pitcher, der in der B-Liga spielt.“

„Er hat in der letzten Saison für zwei Jahre unterschrieben. Es stand was in der Zeitung darüber. Frances, du hast es ausgeschnitten und wir wollten es Marley schicken, bevor sie hergezogen ist, aber Beauregard hat sich darauf übergeben, weißt du noch?“

Frances schüttelte den Kopf. „Katzen. Zum Glück habe ich das vergessen.“

„Sein Stern ist am College gesunken“, sagte Stella, „weil er die Sache nicht ernst genug genommen hat oder so, und seitdem versucht er, wieder auf die Beine zu kommen. Er konnte bei den Sharks unterkommen, und natürlich ist er richtig gut. Bricht alle möglichen B-Liga-Rekorde, lässt die Damenwelt ausflippen … Und das, obwohl er alt ist.“

Marley ignorierte ihre Witzeleien und trank einen Schluck Wein. Am liebsten hätte sie sich jetzt in ihr kleines Stadthaus am Pier verkrochen, ins Bett gelegt und vergessen, dass sie Owen Taylor gerade wiedergesehen hatte. Mit ihm im selben Raum zu sein, ließ eine Menge Erinnerungen auferstehen. Erinnerungen an ihre Kindheit. Daran, eine Außenseiterin gewesen zu sein. Erinnerungen daran, wie traurig und einsam sie gewesen war, als sie neu in ihre Pflegefamilie kam.

„Ich finde es ziemlich romantisch“, sagte Kyla. „Dass er seine Träume nie aufgeben hat.“

Stella dagegen blickte Marley wissend an. „Du magst ihn immer noch nicht, oder?“

„Da gibt’s nichts zu mögen.“

Gerade als sie das sagte, drehte er sich um und scannte den Raum, als wäre der sein ganz privater Thronsaal. Marley erstarrte, als sein Blick sie streifte. Er sah immer noch umwerfend aus, das musste man ihm lassen. Und er hatte auch immer noch diesen Zug um den Mund, als wisse er genau, wie viel Aufmerksamkeit er gerade erregte – und bei wem.

„Nanu“, sagte Kyla. „Also von meinem Platz aus muss ich da energisch widersprechen.“

„Pssst“, sagte Stella. „Du bist vergeben.“

„Ja, aber nicht tot. Gucken darf man doch wohl.“

„Du kennst ihn nicht“, bemerkte Marley. „Ich war in seiner Klasse, weißt du noch? Er ist ein Idiot.“

„Owen Taylor“, sagte Frances und verschränkte die Arme vor dem mit Pailletten bestickten Sweatshirt. Frances bestickte alles mit Pailletten. „Jetzt weiß ich’s wieder. Marley, hat er dir auf der Highschool nicht das Leben schwer gemacht?“

Das hatte auf der Highschool leider so ziemlich jeder getan. Marley war das einzige Mädchen gewesen, dass für die Schulzeitung Sportartikel schrieb – und noch dazu schrecklich schüchtern und unbeholfen. Kein Wunder also, dass jemand wie Owen nicht besonders nett zu ihr war. Doch wenn sie daran dachte, machte es sie immer noch wütend.

Vor allem, wenn sie an diesen einen besonders schlimmen Tag dachte, an dem sie auf dem Schulparkplatz gestolpert war und ihre Bücher vor einer großen Gruppe von Sportlern und Oberschülern hatte fallen lassen. Owen hatte am lautesten gelacht und die anderen mit seiner tiefen, männlichen Stimme noch weiter angestachelt. Die aufgeschürften Knie und die kleinen Kiesel, die noch eine Woche später in ihren Handflächen steckten, waren ihre kleinste Sorge gewesen. Doch ihr Stolz und ihr Herz hatten unendlich gelitten.

„Ja“, sagte sie. „Ein Riesenidiot.“

Stella zwinkerte ihr zu. „Wow. Du magst ihn wirklich nicht.“

„So kann man das nicht sagen …“ Das war gelogen. Sie konnte ihn nicht ausstehen. „Er ist mir einfach nur völlig egal.“

„Aber ihr werdet fürs selbe Team arbeiten“, bemerkte Kyla. „Wie soll das denn dann funktionieren?“

„Einfach fantastisch, denn Marley ist durch und durch Profi. Nicht wahr, Liebes?“

Das kam von Frances, die ihr immer den Rücken stärkte.

Marley lächelte. „Danke, Frances. Und ganz ehrlich, ich kenne mich aus mit Männern, die sich für ein Gottesgeschenk halten. Er ist nichts Besonderes.“

Schon wieder gelogen. Owen Taylor hatte immer schon was Besonderes an sich gehabt. Das hatte sie schon gespürt, wenn er ihr im Schulflur begegnete oder an ihr vorbeiging, wenn sie an ihrem Schließfach stand. Das war deutlich zu sehen gewesen, wenn er unter den Flutlichtern das Spielfeld betrat. Sie hatte es gewusst, und jeder andere auch.

„Meinst du, er schafft es noch in die Oberliga?“, fragte Stella.

Marley zuckte die Achseln. „Wer weiß. Er hat Talent, aber dafür braucht es noch ein bisschen mehr. Und wenn er es im College so vergeigt hat, wird es schwer sein, diesen Ruf wieder loszuwerden. Außerdem hat er jetzt die besten Jahre hinter sich …“

„Wenn Ende zwanzig die besten Jahre sind, was soll ich denn da sagen?“, warf Frances ein.

Kyla lachte und streichelte Frances über den Rücken. „Du bist wie ein guter Wein, Frances. Du wirst mit jedem Jahr besser.“

„Meine Falten erzählen mir da aber was anderes.“

„Falten? Ich sehe keine Falten“, sagte Stella, dann blickte sie auf ihre Armbanduhr. „Tut mir leid, wenn ich ungemütlich bin, aber wir müssen morgen in aller Frühe im Laden sein, Frances. Es ist schon ziemlich spät.“

Frances seufzte. „Ach ja, die Inventur. Die hatte ich ganz vergessen.“

„Das schaffen wir schon. Und wir sind ja zu zweit, da macht es vielleicht sogar Spaß.“

Frances blickte skeptisch drein, stand aber auf und griff nach ihrer Handtasche. Auch Stella erhob sich und blickte auf Marley und Kyla hinunter. „Bereit?“

Aus irgendeinem ihr verborgenen Grund wollte Marley noch nicht gehen. Nicht gerade jetzt. Sie räusperte sich und lächelte.

„Ich habe noch einen Schluck Wein übrig …“

„Ich auch“, sagte Kyla. „Wäre schade, ihn nicht auszutrinken.“

„Okay, dann bis später. Fahrt vorsichtig. Hab euch lieb!“

„Wir dich auch.“

Frances beugte sich zu ihnen hinunter und umarmte sie beide, dann verließ sie mit Stella das Lokal. Marley sah durchs Fenster, wie sie im Nieselregen zum Auto hasteten.

Als sie den Blick wieder zur Bar wandern ließ, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Owen lehnte jetzt am Tresen, und die Frauen, die ihn umringt hatten, hatten sich etwas entfernt. Er grinste über etwas, das jemand gesagt hatte, und dabei erschienen zwei lange Grübchen auf seinen Wangen. Er trug einen Dreitagebart, der etwas dunkler war als sein zerzaustes blondes Haar, und er hatte immer noch diesen sonnenverwöhnten goldbraunen Teint wie früher.

Lieber Himmel, er war einfach umwerfend. Er hatte schon immer gut ausgesehen, aber älter zu werden hatte ihm besonders gutgetan, und jetzt war er umwerfend.

Als sie bemerkte, dass Kyla sie beobachtete, wurde sie rot. „Was ist denn?“

„Einkaufsbummel?“

„Äh …“

„Ich hatte gerade einen vorgeschlagen. Ich wollte schon lange mal in diese neue Boutique in der Second Avenue reinschauen. Die haben wirklich tolle Stücke im Schaufenster. Willst du also nächste Woche mitkommen oder nicht?“

„Oh. Ja. Klar. Das klingt toll.“

Kyla blickte sich über die Schulter um und lächelte dann Marley zu. „Du wirkst ein wenig abgelenkt.“

„Ich bin nicht abgelenkt.“

„Aha. Und was habe ich davor gesagt?“

„Vor was?“

„Bevor ich den Einkaufsbummel vorgeschlagen habe?“

Ertappt strich sich Marley die langen Ponysträhnen hinter die Ohren. Kyla hatte immer schon ihre Gedanken lesen können. Vor ihr konnte man nie etwas verheimlichen.

„Nur, dass du … dass …“

„Siehst du? Abgelenkt.“

„Bin ich nicht.“

„Hör zu, ich kann’s dir nicht verdenken. Der Mann ist ein Prachtstück. Da kann man wirklich kaum wegschauen.“

„Habe ich ihn angestarrt?“

„Na ja, du hast definitiv hingeguckt. Wie die meisten hier.“

„Es ist einfach nur ein bisschen schräg“, erklärte Marley. „Dass ich nach all den Jahren wieder hier bin – und er auch. Und jetzt werden wir uns jeden Tag sehen, und nach dem, wie es auf der Highschool lief …“

„Du solltest einfach hingehen und Hallo sagen“, erwiderte Kyla achselzuckend. „Bring es gleich hinter dich.“

„Was? Auf keinen Fall“, sagte Marley. „Außerdem erinnert er sich bestimmt nicht mal mehr an mich, und ich steh nicht auf Peinlichkeiten.“

„Aber vielleicht ja doch, und dann könntet ihr einfach neu anfangen.“

Kyla hatte diese unglaublich praktische Art, und meist lag sie damit richtig. So auch hier. Hinzugehen und Hallo zu sagen war das, was Erwachsene taten. Immerhin arbeiteten sie beide beim selben Verein arbeiten. Allein beim Gedanken daran zog sich Marleys Magen zusammen. Was für ein unmöglicher, unvorhergesehener Zufall war das nun wieder?

Kyla richtete sich auf und warf ihr einen Blick zu. „Er kommt rüber.“

Marley folgte ihrem Blick und … Tatsache: Er war auf dem Weg zu ihnen.

Unwillkürlich verkrampften sich ihre Zehen. Nein. Er konnte nicht auf dem Weg zu ihnen sein.

Warum sollte er auch? Sie hatte das vorhin ernst gemeint – sie rechnete wirklich nicht damit, dass er sich überhaupt an sie erinnerte. Sie waren damals nicht mal in derselben Clique gewesen. Er war beliebt gewesen und hatte einen großen Freundeskreis – sie das stille Mauerblümchen, das vor lauter Minderwertigkeitskomplexen einen Groll gegen alles und jeden hegte.

Also nein. Er würde einfach an ihnen vorbeimarschieren, und das passte ihr ausgezeichnet.

Sie blickte auf ihr jetzt leeres Weinglas hinunter und wünschte sich, sie hätte noch ein paar Schlucke. Um ihr plötzlich wankendes Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Wenn nur mit Owen in einem Raum zu sein schon solche Auswirkungen auf sie hatte, wie sollte das erst werden, wenn sie für dasselbe Team arbeiteten? Sie war so stolz darauf, als die erste weibliche Stadionsprecherin und Spielkommentatorin der Sharks Geschichte zu schreiben. Geradezu euphorisch darüber, dass sie es geschafft hatte, diesen Job, der zum größten Teil Männern vorbehalten war, zu bekommen.

Aber sie gab sich auch nicht der Illusion hin, dass es leicht werden würde. Sie würde sich immer und immer wieder beweisen müssen, um von Männern wie ihm ernst genommen zu werden. Deshalb durfte und würde sie sich von seinem guten Aussehen keinesfalls aus dem Konzept bringen lassen. Dafür hatte sie es zu weit gebracht.

Sie zwang sich, den Kopf zu heben, und so trafen sich ihre Blicke, als er vorbeiging. Und er ging tatsächlich vorbei, genau, wie sie es vermutet hatte.

Doch er zwinkerte ihr dabei auch zu und lächelte wissend.

Und das überraschte sie nun doch sehr.

Wieder in Christmas Bay zu sein, hatte seine Vorteile, das war Owen gleich klar. Hier war er ein großer Fisch in einem kleinen Teich, und das fühlte sich nicht gerade schlecht an. Wie er empfangen worden war, als er das Mario’s betrat, hatte sich auch nicht schlecht angefühlt. Im Gegenteil, es hatte seine Vermutung bestätigt, dass es in seiner Heimatstadt viel einfacher sein würde, beim Baseball wieder eine große Nummer zu werden.

Der Rest der Welt hielt seinen Stern für erloschen, und vielleicht war er das auch. Aber Christmas Bay würde ihm eine zweite Chance geben. Die Sharks waren ein Farmteam der Mariners – hier wurden junge Talente beobachtet, die Potenzial hatten, in die Oberliga aufzusteigen. Und auch ältere Talente wie er, die auf ein großes Comeback hoffen konnten. Wenn er diesmal bei der Sache blieb und keinen Mist baute.

Als er an dem Tisch zu seiner Linken vorbeiging, lächelte er den beiden Frauen aus reiner Gewohnheit zu – doch dann blieb sein Blick an der Blondine hängen. Sie blickte ihn ruhig an und zeigte dabei nicht einen Schimmer der Bewunderung, mit dem man ihm sonst begegnete.

Er zwinkerte ihr zu – und sie erstarrte. In dem Moment wurde ihm klar, dass er sie kannte, und es regte sich etwas in ihm. Schuldgefühle? Vielleicht. Bedauern? Auch. Seit er wieder zu Hause war, waren ihm viele Menschen aus seiner Vergangenheit über den Weg gelaufen. Die meisten kannte er aus der Highschool oder seinen früheren Nebenjobs. Und auf der Highschool war er ein Fiesling gewesen. Vor allem unbeholfenen und unzugänglichen Mädchen wie Marley Carmichael gegenüber. Darauf war er nicht stolz, aber es gab allgemein in seinem Leben nicht viel, worauf er stolz war. Es war nur ein weiterer Eintrag auf der Liste seiner Fehlschläge.

Als er nach der Klinke der Tür zur Männertoilette griff, wurde diese von innen aufgestoßen und traf ihn beinah am Kopf.

„Oh, sorry, Mann“, sagte Max. „Jetzt hätte ich dich fast k. o. geschlagen.“

„Schon gut, ich habe nicht aufgepasst.“

Sein Freund machte eine Kopfbewegung zum Gastraum. „Hast du schon gesehen, dass unsere neue Stadionsprecherin hier ist?“

„Wo?“

„Gleich da drüben, an dem Tisch am Fenster. Graues Oberteil.“

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