Rosas kleines Familiencafé

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Glück steht auf der Tageskarte
Rosa Ennbergs kleines Lokal ist der Geheimtipp für ein leckeres Mittagessen abseits des Großstadttrubels. Die besondere Zutat? Liebe natürlich - und harte Arbeit. Denn seit Rosa vor Jahren ihren Ehemann verloren hat, schmeißt sie den ganzen Laden und die Kindererziehung in Eigenregie. Da ist es auch kein Wunder, dass sie mit den Avancen des charmanten Geschäftsmanns Richard nichts anfangen kann. Männer wie er bevorzugen den Typ Supermodel, da ist sie sich sicher.
Als jedoch ein unvorhergesehenes Ereignis Rosas heile Welt erschüttert, ist es Richard, der ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Aber soll sie sich wirklich auf ihn verlassen? Bisher hat doch auch alles ohne Mann geklappt …
  • Erscheinungstag 15.04.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783745750676
  • Seitenanzahl 240
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Mit raschen Bewegungen vollendete Rosa die Beschriftung der schwarzen Menütafel neben der Eingangstür ihres kleinen Restaurants. Nachdenklich rieb sie die Kreidereste von ihren Fingern und überschlug im Kopf noch einmal den Preis für das Angebot. „Ja, das geht sich aus“, murmelte sie. Pro Tag gab es im Mittagstisch immer nur zwei Gerichte: eines mit Fleisch und das andere vegetarisch oder, wenn sie die richtigen Zutaten fand, auch vegan.

Rosa warf einen Blick über die Schulter, um in der belebten Geschäftsstraße keinen Zusammenstoß zu riskieren. Als die Luft rein war, trat sie zurück und kontrollierte, ob die ewig präsenten Tauben wieder Spuren auf dem Schild über der Tür hinterlassen hatten. Sie suchte die Lettern Mittagstisch sorgfältig nach den verhassten weißen Patzern ab und nahm sich vor, dem Hausverwalter wegen der längst geplanten Taubenabwehr auf den Zahn zu fühlen. „Diese überflüssigen Vögel können ihre Frühlingsgefühle gerne woanders ausleben. Ich kriege ja sonst wieder Ärger mit den Hygienefuzzis!“, grummelte sie gereizt und zog die Tür mit dem hübschen Glaseinsatz energisch auf. Das Bimmeln der Glocke schreckte Evelyn von ihrer Arbeit hoch. Das Kleingeld, das sie zählen wollte, klimperte in die Kassenlade zurück. „Himmel, hast du mich erschreckt, Rosa.“

„Ich gebe sie gleich in den Offline-Modus.“ Rosa brachte Evelyn zum Lachen, denn der moderne Ausdruck war für die kleine Glocke aus der Zeit, als die Räumlichkeiten noch einen Krämerladen beherbergt hatten, wohl kaum passend. Die beiden Freundinnen hatten die Klingel gelassen, damit sie die Lieferanten am Vormittag kommen hörten. Es war leichter, die Tür aufgesperrt zu lassen, denn in der Küche war ein Klopfen leicht zu überhören. „Es ist ja bald Öffnungszeit, da brauchen wir sie nicht.“ Rosa griff nach oben und drehte den schrillen Klangkörper um 90 Grad. Dann sah sie sich um, ob alles am richtigen Platz war. Sie rückte einen der Sessel zurecht, der wie jedes Möbelstück ein echtes Unikat war. Es gab im Mittagstisch keine Sitzgelegenheit, die zur anderen passte. Genauso wie die schmalen Tische waren sie Fundstücke von verschiedenen Wochenendflohmärkten am Stadtrand. Rosa und Evelyn hatten bei der Eröffnung vor fünfzehn Jahren nur wenige Geldmittel gehabt, die sie fast zur Gänze in eine professionelle Gastroküche investieren mussten. Sonst hätten Rosas heißgeliebte Hygienefuzzis vom Marktamt die dringend benötigte Genehmigung nie erteilt.

Rosa riss das Kalenderblatt ab und ließ den neuen Spruch auf sich wirken: Auch die kostbarste Uhr zählt nicht mehr als 60 Minuten in der Stunde.

Wie wahr, wie wahr. Wieder einmal eine Bestätigung, dass die Verpackung nur zweitrangig ist, dachte sie. Dann fiel ihr Blick auf das Datum – sechzehnter März. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. „Bald sind es fünfzehn Jahre.“

„Wie meinst du?“, Evelyn hatte den Kopf gehoben und sah ihre Freundin an. Rosa zeigte stumm auf das Kalenderblatt und schloss die Augen. Die Worte klangen in ihren Ohren, als hätte sie sie eben erst gehört:

„Es tut uns leid, aber Herr Guido Ennberg hatte einen Autounfall. Vermutlich Sekundenschlaf. Es tut uns leid (noch einmal), aber der Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Er ist noch an der Unglücksstelle verstorben …“

Rosa hatte den Telefonhörer minutenlang angestarrt. Ihre damals fünfjährige Tochter Tina war verschlafen zu ihr gekommen und wollte von Mama wissen, was los war. Ihre beiden Brüder waren vom Läuten nicht wach geworden. „Nichts, mein Schatz, nichts“, hatte Rosa geflüstert. „Komm, ich bringe dich wieder ins Bett.“ Evelyn hatte damals wie heute im selben Haus direkt nebenan gewohnt. Rosa war im Nachtgewand zu ihr gehastet, um sie zu bitten, nach den Kindern zu schauen, während sie zu irgendeiner Polizeistation kommen sollte. Die beste aller Freundinnen hatte keinen Wimpernschlag gezögert und sofort ihr Bett mit dem Sofa der Ennbergs getauscht. Stumm hatte sie Rosa dabei zugesehen, wie sie sich notdürftig ein paar Kleider übergeworfen, die Handtasche nicht gefunden und dann den Autoschlüssel gesucht hatte, bis ihr einfiel, dass es ja nun kein Auto mehr gab. Kein Auto, keinen Mann, kein eigenes Einkommen, keine Zukunft mehr und drei Kinder, wobei das älteste gerade mal elf Jahre alt gewesen war. Guido hatte einen guten Job gehabt, hatte gewollt, dass seine Frau daheim bei den Kindern blieb und hatte nie etwas von dem dicken Minus auf seinem Konto erwähnt. Rosa war ohne Geld zurückgeblieben.

Rosa schüttelte die Erinnerung von sich und kehrte in die Gegenwart zurück. Nun gut.

Evelyn sah sie besorgt an. „Tut es immer noch weh?“, fragte sie leise.

Rosa hob die Schultern. „Es ist ja dann alles gut gegangen.“ Stürmisch umarmte sie ihre mittlerweile weißhaarige Freundin. „Dank deiner, meine Liebe. Wenn du mir das Geld nicht geborgt hättest …“, Rosa holte Luft. „Was wäre ohne dich bloß aus uns geworden?“

„Na, na.“ Evelyn tätschelte Rosa den Arm. „Ich hatte ja bis zu meiner Pensionierung vor fünf Jahren eine fixe Stelle mit einem guten Gehalt. Es war deine Idee mit dem schnellen, aber gesunden Mittagessen für die Büroleute. Und das mit Kindern im Schlepptau, die nebenbei Hausaufgaben gemacht haben. Du warst immer für sie da. Und das bist du immer noch, obwohl die Herzchen schon längst flügge geworden sind.“ Sie blickte Rosa herausfordernd an. „Was ist mit deinem Leben?“

Rosa hob ihre Arme und zeigte auf ihre geschwollenen Hände mit den kurz geschnittenen Fingernägeln. „Wundersame Verwandlungen gibt es nur im Märchen.“ Sie schnalzte mit der Zunge. „Du weißt doch selbst, dass ich jeden Abend halbtot ins Bett falle. Es geht sich mit dem Mittagstisch nur aus, wenn ich so viel wie möglich selbst vor- und einkoche.“

„Unsere wandelnde Rechenmaschine. Ja, ich weiß. Und ich weiß auch, dass ich endlich etwas von dir lernen sollte.“ Anschließend klimperte sie mit den Wimpern und lächelte engelsgleich. „Aber irgendwie geht es sich dann doch immer aus.“

„Dann ist das Wort Mahnung aber schon in Dunkelrot gedruckt worden“, gab Rosa tadelnd zurück.

Evelyn blieb die Ausrede erspart, denn die Restauranttür ging auf.

„Ah, Herr Müllner“, begrüßte Rosa ihren Stammgast erfreut. „Wie geht es Ihnen?“

Der ältere Herr winkte ab. „Es ist Frühjahr, Frau Ennberg. Sie wissen ja. Das ist die schlimmste Zeit für uns Steuerberater. Der Termindruck, fehlende Rechnungen, unverlässliche Klienten …“ er brach ab und schenkte Evelyn einen bösen Blick.

Das engelsgleiche Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück. „Morgen, fest versprochen“, flötete sie.

Mit einem Brummen ließ sich Herr Müllner auf einen Sessel mit Polsterung sinken.

„Das Hühnchen in Weißweinsoße?“, fragte Rosa, obwohl sie die Vorlieben ihres Gastes bereits kannte.

„Ja, gerne. Aber Sie wissen schon, dass Sie für meinen Geschmack viel von dem Gemüse, das Sie da immer reintun, auch weglassen könnten.“

„Wer hat mir letztens so stolz von seinen gesunkenen Cholesterinwerten erzählt?“ Sie schaute nach oben, als würde sie in ihrem Gedächtnis kramen. „Ach, ich erinnere mich nicht.“ Sie gab Herrn Müllner einen liebevollen Klaps auf die Schulter und stellte dann eine Karaffe mit Wasser auf den Tisch.

Ihr Gast stöhnte auf. „Heute arbeiten Sie aber mit ganz harten Bandagen.“

„Sie haben doch gerade von dem Berg an Arbeit, den Sie bewältigen müssen, erzählt. Da kann ich Ihnen auf keinen Fall ein Bier anbieten. Dafür gibt es nachher einen Obstkuchen“, rief sie über die Schulter, während sie bereits in die Küche eilte.

Kurze Zeit später kehrte Rosa mit einem duftenden Eintopf aus der Küche zurück. „Heute mit selbstgemachten Spätzle.“ Sie stutzte, als sie Evelyns Gesichtsausdruck sah. „Was ist denn hier los?“

Herr Müllner blickte sie unschuldig an. „Ich übe mich gerade in ersten Erpressungsversuchen.“

Sie riss die Augen auf. „Sie? Die Ehrlichkeit und Korrektheit in Person?“

Evelyn hatte ihre Sprache wiedergefunden. „Ha, von der übelsten Sorte ist er, unser feiner Herr Müllner. Er will, dass ich mit ihm tanzen gehe, wenn ich meine Versicherungsbestätigungen nicht rechtzeitig einreiche!“ Doch sie konnte nicht verhindern, dass ihre Augen dabei fröhlich aufblitzten.

Rosa nickte und stellte Herrn Müllner das Essen hin. „Haben Sie Evelyn endlich gefragt?“ Sie sah zwischen den beiden hin und her.

Herr Müllner räusperte sich. „Mmh, mehr oder weniger.“ Evelyn verdrehte die Augen und wurde wieder von der aufgehenden Tür gerettet.

Eine Gruppe von Angestellten aus einem Immobilienbüro ein paar Häuser weiter nahm geräuschvoll Platz. Zwei von ihnen hingen noch am Telefon, beendeten ihre Gespräche jedoch rasch. Im Mittagstisch waren Mobiltelefone nicht erwünscht. Das Essen wurde so flott serviert, dass nach Rosas Meinung jedes Gespräch warten konnte. Sie bezeichnete die Maßnahme gerne als das beste Mittel gegen Magengeschwüre. Essen und dabei telefonieren, wo käme man dabei hin?

Da Rosa die Gäste noch nicht gut genug kannte, um ihnen alle Wünsche von den Augen ablesen zu können, stellte sie freundlich die beiden Tagesgerichte vor. Eine junge Dame mit sehr blassem Gesicht meldete sich: „Mir geht es heute nicht besonders gut. Ich glaube, ich kann weder das Huhn noch den Reisauflauf vertragen. Haben Sie vielleicht eine Suppe für mich?“

„Jederzeit. Kartoffelcremesuppe mit Petersilie oder klare Bouillon mit Bio-Nudeln.“

Die Frau nickte erleichtert. „Oh, wie schön, die Nudelsuppe bitte.“

Rosa nahm noch die Getränkebestellung auf, legte Evelyn den Zettel hin und verschwand in der Küche. Sie warf den Gasherd an, schöpfte eine Portion Rindsuppe aus dem großen Topf, in dem während der Geschäftszeit immer auf kleinster Stufe eine selbstgemachte Brühe vor sich hin köchelte, und wählte eine ganz feine Nudelsorte aus. Dann nahm sie die Schalen aus dem Warmhalter und richtete rasch die gewünschten Tagesgerichte an. Das Besteck – es gab bei ihnen nur Löffel – stand schon in Metallbechern am Tisch. Rosa prüfte kurz die Nudeln und goss die Suppe vorsichtig ein.

Sie arbeitete so konzentriert, dass sie ihren ältesten Sohn erst bemerkte, als er ihr plötzlich die Tür versperrte. „Jonki!“ Sie drückte ihm einen erfreuten Kuss auf, wobei er sich ergeben zu ihr runterbeugte. „Was macht der wunderbare Besitzer von Jodamatik hier im Banken- und Geschäftsviertel? Keine Arbeit mehr auf Tatooine?“

Ihr Sohn und unbeirrbarer Star Wars-Fan lachte leise. „He, ich mache nicht nur Computerspiele. Die Gamer brauchen dafür die besten Geräte, so wie die Finanzmenschen auch.“

Rosa sammelte ihr Tablett auf. „Ich komme gleich wieder. Möchtest du etwas essen?“

Jonki grinste. „Wann nicht?“

Kurze Zeit später war Rosa wieder zurück und entdeckte Jonki beim Topf mit dem Hühnchen. Ohne weiter zu fragen, nahm sie eine Schale und füllte sie reichlich mit Spätzle. Sie sparte auch nicht beim Eintopf und drückte ihrem Sohn ein Tablett in die Hand. „Bist du wegen unseres neuen Druckers für die Kassenbons da?“

Jonki schüttelte den Kopf. „Die Lieferung ist noch nicht gekommen. Ich habe im Moment einen Auftrag ganz in der Nähe und wollte sehen, wie es der besten Mutter der Welt geht.“

Rosa lachte. „So ein Charmeur. Wie praktisch, wenn die beste Mutter auch noch ein Mittagessen hat.“ Sie stupste ihn aus der Küche. „Komm, setz dich. Gleich geht es hier richtig los.“ Wie aufs Stichwort strömten neue Gäste ins Lokal, und Jonki teilte sich kurze Zeit später mit zwei anderen jungen Herren den Tisch. Die Immobilienleute waren schon wieder beim Zahlen und hatten kaum die Türschnalle in der Hand, als sie wieder ihre Mobiltelefone zückten. Rosa räumte den Tisch in Lichtgeschwindigkeit ab und ließ neue Gäste Platz nehmen. Wieder eine blasse Dame, wieder eine Suppe. „Gibt es gerade irgendeine Krankheitswelle?“, raunte Rosa Evelyn im Vorbeigehen zu. Ihre Freundin brühte gerade einen Pfefferminztee auf und hob nur die Schultern.

In der Küche arbeitete Rosa die Bestellungen ab und legte auch ein Stück Obstkuchen auf einen Teller, den sie im Vorbeigehen ihrem Sohn hinstellte – eine Strategie, die erfolgreich funktionierte. Sofort wollten auch Jonkis Tischgesellen den leckeren Nachtisch.

„Das wird einer von diesen Supermontagen.“ Evelyn deutete mit dem Kopf zur Tür, die auf- und zuging. „Hast du noch genug?“

Rosa nickte und rechnete rasch hintereinander drei Tische ab. „Wenn nicht, dann habe ich noch meine eiserne Reserve.“

Sie wollte gerade wieder in die Küche wuseln, als Jonki sie einfing. „Danke, es war wieder super.“

„Musst du schon wieder gehen? Willst du nicht warten, bis Tina aus der Uni zurückkommt?“

„Leider keine Zeit. Wie geht es meinem Schwesterchen?“

„Sie ist schwer an ihrem Klingonisch dran.“

„Mama!“ Jonki schüttelte entsetzt den Kopf. „Das sind doch die Bösen bei Star Trek. Das darfst du nicht vermischen. Niemals!“

Rosa lachte auf und hob verschmitzt die Augenbrauen. „Also gut. Sie hat irgendwelche Simultanübersetzungsübungen in Koreanisch.“ Sie blies die Luft aus. „Wie ist sie bloß darauf gekommen? Wieso nicht irgendwas aus Europa?“

„Das kann unsere Streberin doch schon alles“, brummte Jonki.

Rosa verengte die Augen, beließ es aber dabei. Sie küsste ihn auf die Wange und raffte einige ausgedruckte Bons zusammen.

Johannes sah die schlechte Qualität des Ausdrucks und verzog das Gesicht. „Ich trete meinem Lieferanten noch einmal auf die Zehen, Mama.“

„Nicht nötig“, beschwichtige Rosa ihn, doch Jonki hatte seine entschlossene Miene aufgesetzt und war aus dem Restaurant verschwunden, bevor sie ihm noch einen Keks auf die Hand geben konnte.

„Meine Güte, die haben es auch jede Woche eiliger. Wann kommt Grisu?“, fragte Evelyn, die Jonki nachwinkte. Rosas jüngster Spross Christian ging das letzte Jahr zur Schule und steckte schon mitten in den Abiturvorbereitungen. Er wurde von allen wegen seiner Vorliebe für Chemie und für rauchende Experimente im Besonderen liebevoll nach dem kleinen Drachen, der schon Rosas Kindheit begleitet hatte, genannt. Dieser wollte unbedingt Feuerwehrmann werden, doch setzte er bei seinen Aktionen ständig alles in Brand. Christian hatte schon im zarten Volksschulalter ähnliche Tendenzen gezeigt.

„Jeden Moment, glaube ich“, gab Rosa zurück. „Nachdem wegen der vielen Vorbereitungsstunden in den Spezialfächern der Stundenplan überhaupt nicht mehr beachtet wird, bin ich nicht mehr auf dem Laufenden. Aber der Hunger wird ihn schon zu uns treiben.“ Sie seufzte. Die Kinder waren nun endgültig erwachsen. Und man selbst? Der fünfzigste Geburtstag kam mit Riesenschritten auf sie zu, und sie wusste nicht, wie sie ihn begrüßen sollte.

2. KAPITEL

Zwei Tage später hatte Rosa ihre schweren Gedanken längst wieder vergessen und schöpfte toskanischen Eintopf in ausgehöhlte Brotlaibe, die nach Wunsch mitgegessen werden konnten. Sie brachte die fertigen Gerichte zu ihren Gästen und wies auf die Essbarkeit des „Geschirrs“ hin. Eine junge Dame aus einer großen Agentur, die Unternehmen bei der Erlangung eines bestimmten ÖKO-Zertifikats unterstützte, wollte es gleich genau wissen – falls sie ihr Brot nicht aufessen konnte. Rosa nickte anerkennend und antwortete prompt: „Wir haben eine enge Kooperation mit einem Bauernhof. Allfällige Essensreste werden abgeholt und an die Schweine verfüttert. Wir werden im Gegenzug mit fantastischem Fleisch beliefert.“ Spontan klopften die anderen Angestellten auf den Tisch, wie Studenten nach einer Vorlesung, um ihren Beifall zu signalisieren. Rosa lächelte ehrlich erfreut und wandte sich ihren nächsten Gästen zu. Da an diesem Mittwoch nur der toskanische Eintopf auf dem Menü stand, musste Rosa nur herausfinden, ob ihre Kunden mit oder ohne Fleisch wünschten. Das Gericht hatte ihr zwar in den letzten beiden Tagen – der Eintopf schmeckte umso besser, je länger er auf kleinster Stufe gekocht wurde – viel Arbeit abverlangt, es war aber beim Servieren weitaus weniger anstrengend.

Gegen zwei Uhr war der größte Andrang schon wieder vorbei. Rosa wunderte sich jeden Tag aufs Neue, dass ihre knappen Öffnungszeiten von ungefähr drei Stunden an fünf Tagen die Woche ausreichten, um alle laufenden Kosten zu decken und die ganze Familie durchzubringen. Natürlich half es auch, dass die Miete für das Lokal fast unglaubwürdig niedrig war. Es war einfach Glück gewesen, dass der Sohn des Krämers keine Zeit für die Verlassenschaft gehabt hatte. Er war heilfroh gewesen, dass Rosa bereit gewesen war, den Laden aufzulösen, auszuräumen und nach ihren Bedürfnissen zu renovieren. Er wusste wahrscheinlich bis heute nicht, welche Schatzhöhle Aladdins er für seine Mieterin geöffnet hatte. Sie hatte wochenlang ihren Bedarf an Trockenwaren aus den noch bestehenden Vorräten decken können. Der Kühlraum war völlig intakt gewesen, und ein Teil der ehemaligen Theke mit dem Spuckschutz war immer noch im Mittagstisch in Verwendung.

Rosa räumte die letzten Tische im leeren Lokal ab und wollte mit dem Tablett gerade zur Spüle gehen, als die Tür noch einmal aufging. Zwei Männer in fantastisch sitzenden grauen Anzügen kamen herein. Der jüngere der beiden hing noch am Telefon und wurde nach einem kurzen Blick ins Lokal des riesigen „No phones“-Schildes gewahr. Er hob entschuldigend die Hand und signalisierte, dass er gleich fertig war. Der Ältere dagegen grüßte freundlich, und einen Moment lang konnte Rosa nicht anders, als ihn wie versteinert anzustarren. So würde Adonis wohl als Mann im besten Alter aussehen: mittelgroß, schlank, gut gepflegtes und dichtes graues Haar, glattrasiertes Kinn mit herrlichen Kanten. Maßgeschneidertes Hemd?

Sie riss sich zusammen, stellte das Tablett auf die Theke und ging einen Schritt auf die Neuankömmlinge zu. „Guten Tag. Sie sind hier bei mir in einem Schnellimbiss mit Slow-Food. Wenn Sie lieber gehobene Küche möchten, dann kann ich Ihnen das Rondo gegenüber empfehlen“, grüßte sie mit freundlicher, aber, so hoffte sie, fester Stimme.

Der adrette Grauhaarige schüttelte den Kopf. „Nein, nein, es passt hier wunderbar. Viele meiner Mitarbeiter schwärmen von Ihrem Restaurant.“ Sein voller Bass schien den ganzen Raum zu füllen.

„Okay“, quiekte Rosa und zeigte auf einen Tisch, den sie gerade in Ordnung gebracht hatte. „Es gibt toskanischen Eintopf in Brotschale mit Fleisch für sechs Euro oder ohne Fleisch für fünf. Wasser gibt es bei uns immer dazu. Oder möchten Sie vielleicht einen selbstgemachten Saft, Weinschorle oder ein leichtes Bier? Mein Name ist Rosa.“

Der schicke Herr lächelte breit. „Mein Name ist Richard. Ich nehme gerne mit Fleisch und ein Mineralwasser. Und du, Gerhard?“

„Hallo, Rosa. Bitte verzeihen Sie das Telefon. Ich nehme bitte das Gleiche.“

Um weiteren Momenten der Versteinerung zu entgehen – Richard hatte Rosa mit einer Intensität angesehen, dass sie schon geglaubt hatte, in den Bann von zwei magischen Saphiren geraten zu sein – rauschte sie in die Küche und rang nach Luft. „Ach, herrjemine, ich bin ja doch noch lebendig“, seufzte sie. „Der ist wohl aus einem Katalog für Männermode rausgefallen.“ Sie suchte nach zwei besonders gut gelungenen Broten und legte sie kurz in den Ofen. Dann wärmte sie die gedünsteten Fleischstücke auf und füllte die heißen Brötchen mit dem duftenden Eintopf. Mit geübter Hand fügte sie das Fleisch hinzu und stellte die fertigen Speisen auf ein Tablett. Gerade als sie in den Gastraum zurückkehrte, ging die Tür wieder auf.

„Sonnenkäfer!“ Rosa strahlte ihre Tochter an.

Tina lächelte müde zurück und strich sich mit der freien Hand ihre langen Haare, die aussahen wie flüssige Bronze, aus dem Gesicht. Sie grüßte zuerst die beiden Gäste, warf Evelyn einen Kuss zu und sah dann zu ihrer Mutter. „Hallo, Mama. Der Wind hat mich hergeweht.“ Sie ließ ihre schwere Handtasche auf einen freien Sessel plumpsen. Rosa servierte das Essen und wünschte einen guten Appetit. Sie schmunzelte, weil Gerhard fast die Augen aus dem Kopf fielen und er auf Balzmodus umschaltete.

Wenn der wüsste, dachte Rosa. Ihre süße Tina war wie eine Dampfwalze auf ihrem Karrierepfad unterwegs und fand alle Männer eigentlich nur hässlich. Obwohl dieser Gerhard ein sehr fescher Kerl war. Rosa umarmte ihr Mädchen und drückte sie fest. „Wie geht es den Südostasiaten?“, fragte sie.

Tina schnaufte. „Ich hasse sie alle. Jeden einzelnen von ihnen. Und allen voran Herrn Professor Pak.“

„Hast du die Lehrveranstaltung nicht bestanden?“, fragte Rosa mitfühlend.

„Mama! Nein, natürlich nicht. Ich habe eine Eins bekommen, aber er quetscht mich immer mehr aus als alle anderen.“ Tina verdrehte die Augen. „Und jetzt will er, dass ich schon mein Spezialgebiet wähle, damit ich etwas für die Abschlussarbeit vorbereiten kann. Es gibt doch so viele Möglichkeiten. Wie soll ich mich da bereits entscheiden?“

„Hast du schon gegessen?“, lenkte Rosa vom drohenden Mienenfeld ab.

„Nein, ich bin so aufgebracht, dass ich keinen Bissen runterkriege.“

„Na, na. Hände waschen, hinsetzen, Mamas Eintopf essen, Evelyn macht Tee für uns und wir stecken den Aktionsradius ab.“

Tina stöhnte auf. „Ausschlussverfahren, Machbarkeitsüberprüfung, Zukunftsorientierung?“

„Bist nun dafür zu deiner liebenden Mutter gekommen oder darf ich nur als Kratzbaum dienen?“ Tina musste auf der Hut sein, denn niemand lud seinen Müll ungefragt bei Rosa Ennberg ab und ging munter seiner Wege, ohne die Situation zu ändern. Oder seine Einstellung dazu, wenn die Sachen eben nicht zu ändern waren.

Mit einem Seufzer ließ sich die Zwanzigjährige auf einen Sessel sinken und stütze ihren vom vielen Lernen schweren Kopf auf die Hände. „Mama will mich durch ihren Entscheidungsfleischwolf drehen“, jammerte sie, als Evelyn den Tee brachte und sich zu ihr setzte.

Die Frau, die bei Tina und ihren Geschwistern die Stellung einer heißgeliebten Großmutter innehatte, hob streng die Augenbrauen. „Wer hat denn gleich auf der Fußmatte mit Kakteen um sich geworfen?“

„Du auch noch!“ Doch ein kleines Lächeln schlich sich durch Tinas sauren Flunsch.

Rosa sammelte etwas zu essen, einen Block und einen Bleistift zusammen und ließ sich neben Tina nieder. „Was können wir ausschließen? Medizinische Fachsprache, altkoreanische Liedertexte, irgendwelche Teerituale in siebenhundert Schritten, Jägerlatein ...“ Rosa schrieb und sah dann auf. „Gibt es das überhaupt oder prahlt man in Korea nicht?“

Tina lachte. „Beginnen wir einmal damit, was zur Auswahl steht: Fachvokabular für Wirtschaft, Technik, Medizin“, an dieser Stelle hob Tina eine Augenbraue, „Tourismus, Kunst und Kultur.“

„Fünf Spezialgebiete?“ Evelyn machte ein anerkennendes Gesicht.

Tina hob den Löffel. „Asien ist total im Kommen. Jeder, der kann, lernt gerade Chinesisch. Das Institut für Sinologie ist total überrannt. Aber Koreanisch ist viel schwieriger, weil es eine agglutinierende Sprache ist – Person, Zeit, Fälle werden hinten angehängt – und die Zeichen sind noch komplexer.“

Rosa schnaufte missmutig. „Anhängen tun die Türken und Ungarn auch. Wenn es dir um das gegangen ist, dann hättest du auch Länder wählen können, die näher liegen.“

„Mama, das haben wir doch schon vor zwei Jahren durch deinen Fleischwolf gedrückt“, murrte Tina und fuhr fort: „Also, es gibt diese fünf Spezialgebiete. Professor Pak meint, dass ich schon jetzt einen Blick darauf werfen soll, damit ich auch den zweiten Abschnitt meines Studiums straff organisieren kann.“

„Gut. Was kommt auf keinen Fall für dich infrage, Tina?“

„Medizin ...“

„Ha, wusste ich es doch. Du kannst ja überhaupt kein Blut sehen.“

Tina verdrehte die Augen und überlegte. „Technik auch nicht, obwohl es da sicher die meisten Jobs gibt ... mmh, vielleicht sollte ich es dann doch nehmen?“

„Nein, auf keinen Fall, mein Schatz“, meldete sich Evelyn. „Abgesehen davon, dass dieses Genpaket deines Vaters völlig spurlos an dir vorübergegangen ist, musst du auch realistisch sein.“

Rosa nickte heftig. „Korea ist eine von Alphatieren dominierte Männergesellschaft“, rief sie und merkte dann, dass sie recht laut gesprochen hatte. Erschrocken blickte sie auf und entdeckte, dass das Alphatier in ihrem Lokal amüsiert grinste. Sie lächelte kurz entschuldigend, atmete rasch ein und klopfte mit dem Stift auf den Block. Dann sah sie ihre Tochter abwartend an. Tina kaute auf ihrer Unterlippe.

Evelyn führte den Gedanken weiter: „Wenn du dich auf diesem Gebiet behaupten möchtest, dann musst du noch brillanter sein, als du es schon bist. Du müsstest tatsächlich Technikerin sein.“

„Sind wir schon bei der Machbarkeit?“, gab sich Tina geschlagen.

„Nein ... und ja“, antwortete Rosa. „Hör zu, Sonnenkäfer. Ich finde, dass du mit der Wahl deines Studienfaches schon genug Markt- und Zukunftsorientierung bewiesen hast. Etwas Spaß sollte die ganze Sache ja auch noch machen! Betriebsanleitungen kann auch jemand anderes übersetzen.“

„Schließen wir noch etwas aus“, schlug Evelyn vor. „Kunst und Kultur klingt für mich doch etwas zu einschlägig. Das ist vielleicht etwas für Archäologen, die sich auf irgendwelche 5000 Jahre alte Keramiken aus der Ming-Dynastie fixiert haben.“ Tina machte den Mund auf, doch Evelyn winkte ab. „Ja, ja, ich weiß schon. Ich habe sicher alles durcheinandergebracht. Falsche Zeit, falsches Zeug, falsches Kaiserhaus ...“

„Und falsches Land“, mischte sich Gerhard vom Nebentisch ein, er wollte wohl Tina imponieren.

„Gerhard, die Damen brauchen unseren Input hier nicht“, wies Richard ihn zurecht und zwinkerte Rosa entschuldigend zu. Ihr Magen tat einen kleinen Hüpfer.

Zum Glück sprach Evelyn weiter. „Was ist mit Tourismus? Passt das nicht auch mit deinem Traum von der UNO?“

Tina nahm einen Löffel Eintopf und überlegte.

„Was würdest du denn bei Tourismus lernen?“, fragte Rosa, die sich wieder vollständig auf dieses Gespräch konzentrierte.

„Sämtliches Vokabular aus Hotellerie und Restaurantwesen, alles rund um die diversen Fortbewegungsmittel, Höflichkeitsfloskeln, Umgangsformen, Landestraditionen.“ Tina war nicht überzeugt. „Ist das nicht auch zu einschlägig? Was ist mit Wirtschaft? Das ist sicher breiter gefächert.“

Rosa nickte. „Das ist in deinem Fall sicher die beste Wahl. Mache das zu deinem Spezialgebiet, aber da dir das sicher nicht genug ist, würde ich auch etwas von Tourismus mitnehmen, vor allem den Teil mit Umgang, Höflichkeit und Traditionen.“

Evelyn jauchzte auf. „Dann wird unser Sonnenkäfer hochrangige Delegationen als Dolmetscherin und Anstandsdame begleiten! Das klingt perfekt.“ Sie stupste ihre Freundin an. „Genug ausgeschlossen? Ausreichend machbar und zukunftsorientiert?“

„Frage meine Tochter. Ich muss ja dann nicht nach Qo’noS“, feixte Rosa und sah Tina auffordernd an.

„Mama! Den Jonki trifft der Schlag. Die Klingonen sind die Typen von Star Trek!“

„Na, gut, dann halt Naboo im Chommell-Sektor. Dort geht es ja auch recht konventionell zu“, seufzte die geplagte Mutter, die jahrelang sämtliche Gummi-Jedi-Ritter, auch die abtrünnigen, hatte abstauben müssen. „Ist genauso weit weg.“

Evelyn, die wusste, dass Rosa sehr unter dem Gedanken litt, dass sie eines ihrer Kinder in die große, weite Welt entlassen musste, tätschelte ihr den Arm. Dann fragte sie das Mädchen: „Möchtest du ein Stück Obstkuchen, Tina?“ Sie stand auf und sah zu den beiden Gästen. „Ich frage auch gleich Jeff Bridges und Christian Bale.“

„Wen?“, fragte Tina verwirrt, die wie zu erwarten, die beiden Testosteronreaktoren völlig vergessen hatte – anders als Rosa, deren Blick schon wieder dabei war zu desertieren.

Genug, tadelte sie sich. Wer hat denn Zeit für Männer, hier fliegen schon genug Meinungen durch den Raum.

3. KAPITEL

Rosa summte zur Musik im Morgenprogramm ihrer Lieblingsradiosendung mit und schnitt mit raschen Bewegungen Gemüse klein. Der geplante bretonische Fischtopf sollte den ganzen Vormittag vor sich hin köcheln. Dazu gab es duftig gebackenes Knoblauchbaguette. Als zweites Tagesgericht waren Nudeln mit Käse-Sahne-Soße vorgesehen, wofür Rosa gerade im Kopf die Zutatenliste durchging. Die Glocke meldete Besuch, und Rosa steckte den Kopf zur Tür hinaus. Sie hatte noch niemanden erwartet und war etwas erschrocken, als ein unbekannter Mann in Joggingkleidung das Lokal betrat. Da Rosa ihr Messer nicht aus der Hand gelegt hatte, gelang es ihr ruhig zu bleiben. „Guten Morgen, wir sperren erst zu Mittag auf. Die Tür ist offen, weil ich gleich meine Putzhilfe und dann einen Lieferanten erwarte.“ Ein brauchbarer Hinweis, dass sie nicht lange allein war.

„Entschuldigung, bitte. Ich wollte Sie nicht beunruhigen.“ Die vage bekannte tiefe Stimme klang tatsächlich reumütig. „Guten Morgen, Rosa. Mein Name ist Richard. Ich habe vorgestern Ihren fantastischen toskanischen Eintopf gegessen.“

Rosa versuchte Modekatalog-Jeff mit dem verschwitzten Sportler in Einklang zu bringen. Dann nickte sie und kehrte zu ihrem Gemüse zurück. Richard verstand das Zeichen, dass er bleiben durfte und lehnte sich an den Rahmen der Küchentür. „Was gibt es heute?“

„Bretonische Fischsuppe und Nudeln mit Käse.“

„Schade, heute Mittag bin ich schon fix bei einem Geschäftsessen.“

Rosa lächelte und sah nur kurz von ihrem Zerkleinerungswerk auf. „Was kann ich dann für Sie tun?“

„Ich wollte Sie gerne näher kennenlernen. Ich kam gerade vorbei und habe das Licht bei der Theke gesehen.“

Rosa schenkte ihm einen ungläubigen Blick. „Kennenlernen wollen Sie mich?“

„Korrekt.“

Warum nicht? „Rosa Ennberg, verwitwet, Betreiberin vom Mittagstisch, Mutter von drei fast erwachsenen Kindern, Gegnerin des Diätenwahns, chronisch müde und überarbeitet.“ Sie sah an die Wand vor sich und überlegte. „Ja, das war’s schon.“

Richard lachte. „Gestatten Sie bitte, aber ich durfte mir vor zwei Tagen schon ein etwas tiefergehendes Bild von Ihnen machen: Ordnungssinn, Zielstrebigkeit, Organisationstalent, Kommunikations- und Führungsqualitäten, um nur ein paar Dinge zu nennen.“

Rosa hörte auf zu schneiden, denn sonst hätte sie vor Schreck einen ihrer Finger erwischt. „Zum Süßholzraspeln riechen Sie zu streng, Richard.“ Sie zeigte mit der freien Hand auf seinen verschwitzten Pullover, der keinen Zweifel darüber ließ, dass er unter Six-Pack keine Sechsertrage mit Bierflaschen verstand. „Und Sie verschwenden Ihre Zeit, denn ich habe selbige nicht.“

Doch Richard schien nicht abgeschreckt. „Würden Sie mir ein paar Fragen beantworten, während Sie weiterschnippeln? Ich verspreche, ich bin nicht zum Raspeln hier.“

Rosa wägte die Glaubwürdigkeit seiner Aussage ab. „Nun gut, das lässt sich einrichten. Möchten Sie einen Kaffee?“

„Ja, gerne, schwarz.“

Sie musterte ihn. „Diese Information war nicht nötig. Sie lassen doch sicher keinen Zucker oder unnötiges Fett an sich ran.“

Richard schien sich prächtig zu amüsieren. Er trat einen Schritt zurück, um Rosa vorbeizulassen und beobachtete sie dabei, wie sie einen neuen Filter faltete und die Maschine mit frisch gemahlenem Kaffee befüllte.

„Haben Sie denn keine richtige Espressomaschine?“

Rosa schüttelte den Kopf. „Diese großen Gastromaschinen sind wahnwitzig teuer. Häferlkaffee ist verträglicher für Leib und Geldbörse. Das freut auch meine Kunden.“ Sie gestikulierte in Richtung Ausgang, während sie mit der anderen Hand das Wasser aufdrehte. „Wer unbedingt einen italienischen Kaffee braucht, der kann da draußen zwischen siebentausend anderen Anbietern wählen. Wenn er durchgelaufen ist, nehmen Sie ihn sich gleich selbst.“ Sie holte eine Tasse vom Regal.

„Der Henkel ist ein Mäuseschwanz“, stellte Richard fest und betrachtete das modellierte Keramiktier, das munter über die Tasse zu hüpfen schien.

„Ah, die Tasse von meiner Tochter.“ Rosa stellte den Becher zurück und nahm eine Tasse mit Blümchenmuster. Sie kehrte in die Küche zurück und nahm wieder ihre Arbeit auf.

Richard klebte sich erneut an die Zarge. „Sie haben nur fünfzehn Stunden in der Woche offen. Wie geht sich das mit dem Umsatz aus?“

Rosa behielt ihre Karotten im Auge – mit dieser Unhöflichkeit mussten sie beide leben, denn er hatte diese Form des Gesprächs gewählt. Also bitte sehr. „Ich habe das so eingerichtet, damit ich viel für meine Kinder da sein kann. Mein Lokal hat dreißig Sitzplätze und jeder Sessel ist pro Mittag ungefähr zweieinhalbmal ausgelastet.“

Richard nickte anerkennend. „Davon kann das Rondo nur träumen.“ Er wackelte mit dem Kopf, während er die Zahlen überschlug. „Sagen wir, dass jeder Gast im Schnitt sieben Euro hierlässt. Haben Sie am Wochenende offen?“

Rosa schüttelte den Kopf.

„Also das Ganze mal zwanzig Tage. Mmh, das wären im Monat so 10.000 Euro.“

„Ja, das kommt hin. Sie sind gut im Kopfrechnen“, lobte sie anerkennend.

„Hilft dabei, auch unter Druck gute Entscheidungen zu treffen.“ Richard wechselte das Standbein. „Gut. Wie organisieren Sie die Ausgabenseite?“

„Na, Sie wollen es ja ganz genau wissen.“

„Ist das ein Problem? Es würde mir helfen, Ihre Arbeitsweise und damit Ihre Einstellung kennenzulernen.“

„Aha, kein Problem, aber worauf wollen Sie hinaus? Was ist sozusagen das Ziel Ihres Auftauchens um diese Uhrzeit?“ Das „in diesem Zustand“ schluckte sie runter, doch es hatte sich irgendwie in den Raum gedrängt.

Richard lächelte. „Wenn ich in der Stadt bin, laufe ich jeden Morgen eine Runde. Das ist der einzige Zeitpunkt, den ich mir fix einteilen kann. Es macht den Kopf frei für neue Ideen und in einer dieser Ideen kommen Sie vor.“

„Wollen Sie denn das Lokal kaufen?“, fragte Rosa ungläubig. „Das geht aber nur zusammen mit einem Bombenvertrag für mich.“ Sie hielt das Messer an und grinste breit.

„Nein, ich plane keine Expansion in den Ernährungssektor.“

Rosa hob die Augenbrauen. „Ich kann Sie ja gerne mit meinen Details bewerfen, aber wollen Sie mir vielleicht zugestehen, dass ich nun schon neugierig bin, wem ich das eigentlich alles erzähle?“

„Touché. Ich gebe gerne zu, dass ich diesen Teil nicht so recht hervorgekehrt habe.“

In Rosas Kopf tanzten Fragezeichen.

„Richard Felsinger, Mehrheitseigentümer und CEO von Communicate.“ Seine Pause sollte wohl dramatisch sein.

„Aha, sieht unser Drehbuch jetzt irgendeine Ohnmacht meinerseits vor?“, gab Rosa zurück.

Autor

Annmarie Wallandt
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