Sinnliches Spiel mit dem Tycoon

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„Endlich habe ich dich gefunden!“ In Paris spürt der mächtige griechische Tycoon Konstantinos Ariti seine Noch-Ehefrau Poppy auf. Vor einem Jahr hat sie ihn bei Nacht und Nebel verlassen und ihn damit zum Gespött der Medien gemacht. Dass sie jetzt von ihm die Scheidung will, überrascht ihn nicht. Aber dafür verlangt er von ihr, dass sie seinen Ruf wiederherstellt: Ein Jahr muss Poppy vor den Augen der Welt so tun, als seien sie erneut ein glückliches Paar. Zwischen Hass und Begehren beginnt ein sinnliches Spiel mit ungewissem Ausgang …


  • Erscheinungstag 15.09.2026
  • Bandnummer 2771
  • ISBN / Artikelnummer 0800262771
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Lela May Wight

Sinnliches Spiel mit dem Tycoon

PROLOG

Poppy Ariti schob die grünen Stiele mit den rosaviolett, orangerot und himmelblau leuchtenden Blüten einzeln durch die Löcher der feststehenden Vase. Wildblumen. Die ganze Insel war voll davon, aber die hier hatte sie für ihn gepflückt. Dabei sang sie Dors, mon petit, so wie bei jedem ihrer Besuche. Das Schlaflied, das ihre Mutter ihr immer vorgesungen hatte und ihre Großmutter ihrer Mutter. Und jetzt …

Jetzt sang sie es für ihren Sohn. Für Isaak.

„Schlaf schön, mein Kleiner“, sagte sie rau aufschluchzend, während ihr die Tränen unablässig über die Wangen strömten. Aber heute weinte sie nicht nur um ihn. Heute weinte sie auch um sich selbst.

„Wir müssen los, Mrs. Ariti.“

Poppy wandte sich der Gestalt zu, die ihre kleine Reisetasche aus braunem Leder hielt. „Ja, ich weiß.“

Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Wangen. Vor sechs Monaten noch hätte sie sich nicht vorstellen können, die griechische Insel Sotiría zu verlassen. Ihr Zuhause. Der einzige Ort, an dem sie mit ihm zusammen sein konnte. Mit Isaak. Aber jetzt musste sie weg. Noch heute Nacht. Du schaffst das, redete sie sich gut zu. Immerhin ging es ihr inzwischen besser.

„Au revoir, bébé.“ Sie beugte sich vor, drückte die Lippen auf den weißen Grabstein und erhob sich.

Serena ergriff ihren Arm. „Wir müssen uns beeilen.“

Der raue Küstenwind peitschte Poppy das Haar ins Gesicht, in die Augen, presste ihr den dicken schwarzen Wollmantel an die Brust, wie um sie zurückzuhalten. Eilig hasteten sie den Weg hinunter zu dem Motorboot, das am Steg wartete. Serena, ebenfalls ganz in Schwarz und seit Poppys Verlobung mit Konstantinos vor drei Jahren ihre Personenschützerin, stieg zuerst ein. Sie stellte die Reisetasche ab, dann drehte sie sich um und streckte Poppy die behandschuhte Hand hin.

„Geben Sie acht, wo Sie hintreten, Mrs. Ariti.“

Poppy ergriff die Hand und kletterte in das Boot. Sie korrigierte Serena nicht, obwohl sie sie immer wieder gebeten hatte, sie beim Vornamen zu nennen. Eigentlich waren Förmlichkeiten überflüssig zwischen ihnen. Besonders jetzt, wo Poppy sich anschickte, ihren Mann zu verlassen und Serena gleich nach der Trauerfeier gekündigt hatte. In einem anderen Leben wären sie wahrscheinlich Freundinnen gewesen.

Isaaks Tod hatte alle tief getroffen. Alle, nur ihn nicht. Er hatte nie eine Beziehung zu ihrem gemeinsamen Sohn entwickelt, hatte sich ihm nie nah gefühlt. Während sie selbst … Sie konnte Isaak immer noch in sich spüren, als hätte sie ihn auch jetzt, auf ihrem Weg in ein neues Leben, bei sich. In ein Leben weit weg von dem Mann, der sie verraten hatte.

Sie schloss die Augen. Versuchte, den ziehenden Schmerz in ihrem Magen zu ignorieren. Konstantinos hatte nie um Isaak getrauert. Sie hatten beide keine Kinder gewollt. Aber als Poppy dann doch schwanger geworden war, hatte er versprochen, seine Verantwortung gegenüber dem Kind wahrzunehmen. Mehr aber auch nicht.

An ihrer Beziehung – einer privilegierten Freundschaft – sollte sich nichts ändern. Ihre Ehe war eine Vernunftehe, in der er ihr im Gegenzug für ihre Loyalität Schutz – Sicherheit – versprochen hatte.

Sie selbst hatte sich auch nicht nach Veränderung gesehnt, aber durchaus nach Solidarität und Unterstützung für das, was auf sie zukam. Ein Baby, ihr gemeinsames Kind. Da hätte sie ihn als Freund gebraucht. Doch statt Freunde zu bleiben und für ihr Kind einen sicheren Ort zu schaffen, hatten sie sich immer weiter voneinander entfernt.

Heute waren sie keine Freunde mehr. Sie öffnete die Augen.

„Es tut mir sehr leid, dass ich Sie da mit Leerschritt hineinziehe, Serena. Sie riskieren Ihre Reputation, indem Sie mir helfen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich …“

„Machen Sie sich keine Gedanken.“ Serena wirkte sichtlich angespannt. „Zu viele Frauen bitten zu spät um Hilfe. Meine Mutter …“ Serena hielt ihren Blick fest. „Ich konnte ihr nicht helfen, meinem Vater zu entkommen.“

Waren es immer die Väter, die ihre Töchter in der Kindheit brachen? Die ihnen die viel zu schwere Last aufbürdeten, ihre Mütter zu beschützen?

Du hast sie nicht beschützt. Poppy stockte der Atem. Sie hatte es versucht. Zu spät.

„Mein Vater … er hat meiner Mutter auch sehr wehgetan. Er hat sie auf die schlimmstmögliche Art hintergangen.“ Sie verzog angewidert den Mund. „Männer … man kann ihnen nicht trauen. Sie sind alle Verräter.“

Bei Konstantinos hatte sie ihre Meinung jedoch geändert. Ihm hatte sie vertraut. Sie hatte geglaubt, er sei etwas Besonderes. Aber er hatte alle getäuscht. Er hatte ihr keine Zeit gelassen, sich an die veränderten Umstände anzupassen – weder in der Schwangerschaft noch nach Isaaks Tod. Er hatte ihr keine Zeit gelassen, sich von ihrer Trauer, ihrem Schmerz zu erholen. Wieder gesund zu werden.

Er hatte sie betrogen.

Der Privatdetektiv, den Serena ihr empfohlen hatte, hatte ihren Verdacht bestätigt. Konstantinos hatte eine Affäre begonnen, als sie am verletzlichsten war. Der Mann, für den sie ihn gehalten hatte, existierte nicht.

Ihr Blick schweifte zu dem umgebauten Kloster auf dem Hügel. Hätte sie ihn auf dieser ersten Auslandsreise bloß nie geküsst. In London hatte sie den Kampf mit sich selbst aufgegeben und sich eingestanden, dass sie mehr als nur Bewunderung für ihn empfand. Dass sie ihn begehrte.

Er war ihr nahegekommen und doch auf Abstand geblieben. Sie hatte sich lange nach seinem Mund gesehnt, nach der Aufrichtigkeit, die aus seinen Worten sprach. Er wirkte wie jemand, der andere beschützen wollte. Seine Mitarbeiter. Seine Leute, wie er sie nannte. Er sprach von Verantwortung, von mentaler Gesundheit, von Schutz vor Monstern, die an Haustüren lauerten.

Sie war es gewesen, die ihn zuerst geküsst hatte. Er hatte sie gewarnt: Er könne sie enttäuschen. Er verlange nie mehr, als er selbst zu geben bereit sei, und das wäre in seinem Fall Bewunderung, Begehren, Schutz. Aber keine Liebe.

Liebe hatte sie ohnehin nicht gesucht. Nach allem, was sie mit ihrem Vater erlebt hatte, hielt sie Gefühle für gefährlich. Bei Konstantinos hatte sie sich sicher gefühlt. Sie hatte geglaubt, ihm vertrauen zu können. Seine schonungslose Ehrlichkeit war das Fundament ihrer Beziehung gewesen … oder das, was sie dafür gehalten hatte.

Nun wusste sie es besser. Sie waren nie Freunde gewesen. Er hatte sie benutzt. Er hatte eine Ehefrau gebraucht, die sein Image als werte- und familienorientierter Unternehmer stärkte. Am Ende war alles nur Fassade gewesen.

Sie schloss die Augen, wünschte, sie wäre ihm nie begegnet. Weil sie dann nie schwanger geworden wäre. Weil sie dann nie den kleinen Jungen im Arm gehalten hätte, der noch im Tod so vollkommen gewesen war.

Ihr entfuhr erneut ein raues Aufschluchzen. Sie wusste, dass sein Tod nicht ihre Schuld war. Niemand war schuld. Das hatte sie jedoch erst nach monatelanger Therapie verstanden. Ihre Plazenta hatte sich abgelöst. Anfangs nur leicht, woraufhin die Ärzte ihr strenge Bettruhe verordnet hatten, dann unumkehrbar. Am Ende war Isaak tot zur Welt gekommen.

Sie wusste, dass eine zukünftige Schwangerschaft nie mehr dasselbe sein würde. Ihr schnürte sich der Hals zu. Selbst die rationalste Erklärung konnte ihren Schmerz nicht lindern.

Serena hielt ihr eine Schwimmweste hin. „Ich helfe Ihnen.“

Poppy nickte. Die letzte Schnalle zog sie selbst fest.

„Und denken Sie auch an meinen Rat?“, fragte Serena.

„Nur Bargeld benutzen, keine Kreditkarten. Obwohl …“ Mit ihren Bargeldreserven würde sie nicht weit kommen.

Serena nickte. „Setzen Sie sich jetzt und halten Sie sich gut fest.“

Poppy tat wie geheißen. Serena betätigte den Anlasser. Das Motorengeräusch wurde sofort vom Rauschen der Wellen verschluckt. Der Bug des Motorboots, das sie zur Spitze der Insel bringen sollte, zerschnitt das im Scheinwerferlicht glitzernde Wasser. Dort befand sich der einzige Zugang. Und die einzige Möglichkeit, die Insel zu verlassen.

„Werfen Sie jetzt Ihr Handy ins Wasser“, sagte Serena, die Hände auf dem silberfarbenen Lenkrad, den Blick fest auf den Horizont gerichtet. „Sonst kann er Sie orten.“

Und dann würde er sie zurückholen. Scheidung kam für ihn nicht infrage. Das wäre ein gebrochenes Versprechen, und er war bekannt dafür, dass er sein Wort immer hielt. Er war zu allem bereit, nur um nicht wie sein Vater zu wirken: kalt, rücksichtslos, egomanisch.

Eine Fassade, dachte sie bitter. Er hatte das Versprechen gebrochen, das ihr am wichtigsten war. Immer ehrlich zu sein. Treu. Loyal. Er hatte versprochen, niemals … Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ihr Hals brannte. Ihr Blick fiel auf die Ringe an ihrer Hand. Auch sie gehörten ins Meer.

Sie zog sie ab, steckte sie ein. In Frankreich würde sie den Schmuck verkaufen. In ihrer Heimat. Dort erwartete sie niemand mehr. Ihre Eltern waren tot … Sie dachte an den Autounfall und schluckte.

Léon, ihr früherer Chef, würde verstehen, dass sie untertauchen musste. Nur für eine Weile. Bis sie stark genug war, die Scheidung einzureichen. Der Gedanke an eine direkte Konfrontation jetzt … Sie schüttelte den Kopf. Unmöglich.

„Okay.“ Poppy zog ihr Telefon aus ihrer Tasche. Sie hatte es nur behalten, um mit Serena zu kommunizieren. Die hatte ihr vor zwei Wochen geraten, eine Verschlüsselungs-App zu installieren, nachdem Poppy sie gebeten hatte, diskret einen Privatdetektiv für sie zu engagieren. Seitdem hatten sie ihren Plan vorbereitet. Und dann war plötzlich alles so schnell gegangen. Zu schnell …

Sie atmete zitternd tief durch. Entsperrte das Handy, das Display leuchtete auf. Die App war noch nicht geschlossen, Nachricht und Anhang waren noch da.

Ein Foto von Konstantinos. Wie er eine andere Frau küsste.

Auch wenn sie ihr Telefon nicht mehr hatte, würde nichts verloren gehen, weil alles in die Cloud hochgeladen wurde.

„Wann sind wir beim Flugzeug?“, fragte sie angespannt.

Serena warf einen Blick auf ihre Uhr. „In zwanzig Minuten.“

Poppy schaute zurück zu dem ehemaligen Kloster auf der Klippe. Vor langer Zeit hatten hier Mönche gelebt. In den vergangenen drei Jahren war es ihr Zuhause gewesen. Der Ort, den Konstantinos für sie hatte umbauen lassen. Von dem sie geglaubt hatte, er würde für immer ihr Zuhause sein.

„Keine Sorge“, sagte Serena, als sie Poppys Blick auffing. „Ihre Ankunft in Frankreich wird nicht offiziell registriert. Er wird Sie nicht finden. Für ihn werden Sie einfach … verschwunden sein.“

Verschwunden. Das war es doch, was er wollte, oder?

Er hatte sich in eine Affäre geflüchtet, um der Tragödie zu entkommen, zu der ihre Ehe geworden war. Indem er so tat, als hätten seine Frau und sein toter Sohn nie existiert.

Eine Träne lief ihr über die Wange. Sie wusste nicht, ob sie jemals bereit sein würde, ihm gegenüberzutreten. Oder sich dem Schmerz vollständig zu stellen. Vielleicht musste sie es ja auch nicht. Vielleicht war dies das Ende.

Langsam beugte sie sich über die Reling, schaute in das schwarze Wasser. Sie streckte die Hand mit dem Telefon aus, hielt einen Moment inne. Ihre Finger zitterten.

„Adieu, Konstantinos.“

Als sie die Hand öffnete, verschwand das Telefon in den dunklen Tiefen des Meeres.

Und Poppy verschwand auch.

1. KAPITEL

Zwölf Monate später …

Poppy öffnete das Schiebefenster. Die Luft war stickig. Es war eine Warnung, dass ein Sturm aufzog. Die schwarze Wolkendecke würde von grellen Blitzen zerrissen werden. Donnerschläge würden krachen, dann würde der Himmel seine Schleusen öffnen.

Doch draußen war nichts zu sehen. Alles war wie im letzten Jahr. Malerisch. Ein wolkenloser Himmel. Die Sonne hüllte Paris in eine warme orangefarbene Decke. Der Champ de Mars unter dem Eiffelturm leuchtete grün. Eine Postkartenansicht, die Poppy nur von innen sah. Versteckt hinter Glas. Sicher aufgehoben in ihrem zeitweiligen Zuhause.

Dass es nur zeitweilig sein würde, hatte sie immer gewusst. Aber noch war sie nicht bereit zu gehen. Noch fehlte ihr die Kraft, sich der Welt außerhalb ihres Zufluchtsorts zu stellen. Ein Ort, um wieder gesund zu werden. Sie atmete tief durch.

Aber sie wusste, dass es kein aufziehender Sturm war, der bewirkt hatte, dass ihre Handflächen feucht geworden waren. Es war die Telefonkonferenz ein paar Zimmer weiter gewesen.

„Es tut mir so leid, meine Liebe.“

Léon Durand, ihr ehemaliger Chef, hatte sie bei sich aufgenommen, bedingungslos, voller Empathie. Sie hatten beide so viel verloren. Sie hatten geredet, stundenlang. Über ihre Verluste. Über ihren, Poppys Verlust.

Léon war ein Segen. Das wusste sie, seit sie ihn kannte. Er war gleich nach dem Studium ihr erster Arbeitgeber gewesen. Dass sie die Stelle bei Durand Cruise Liners bekommen würde, war nicht abzusehen gewesen. Trotz ihrer zwei Diplome und ihrer Sprachbegabung war sie zu unerfahren gewesen, um als persönliche Assistentin eines Konzernchefs zu arbeiten. Aber es war eine ungewöhnliche Arbeitsplatzbeschreibung, für die keine erfahrene Kraft benötigt wurde.

Nachdem Léons Sohn Caleb das Familienunternehmen übernommen hatte, war Léons Position überflüssig geworden. Sein Mitarbeiterstab war abgefunden oder versetzt worden, aber er weigerte sich, in den Ruhestand zu gehen. Weil er nach dem Tod seiner Frau nicht allein in seiner fünfstöckigen Villa herumsitzen wollte, wie Caleb Poppy anvertraut hatte. Poppy war damals eingestellt worden, um Léon Gesellschaft zu leisten. Und jetzt waren sie füreinander da.

„Ich kann es nicht verhindern“, sagte Léon von der Türschwelle aus.

Ihr Mund wurde trocken.

„Die Anwälte haben versucht, es so lange wie möglich hinauszuschieben, aber jetzt gibt es keine Schlupflöcher mehr.“ Er schluckte. „Die Übernahme steht kurz bevor.“

Poppy nickte und wandte den Blick von dem Rollstuhl ab, in dem er saß. Schuldgefühle stiegen in ihr auf. Eigentlich hätte sie Léon nie in diese Lage bringen dürfen, aber sie hatte von dem Darlehen nichts gewusst. Ihr war nicht klar gewesen, wie groß die Gefahr für Léon war.

Sie griff nach der Gartenschere. Sie hatte das vergangene Jahr damit verbracht, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die ihr Freude machten. Auf Blumen, die sie zu großen, fantasievollen Bouquets arrangierte. Inzwischen fühlte man sich in Léons Haus wie in einem Blumenladen. Aber sie liebten beide den Duft, von dem sie hofften, dass er die in der Luft liegende Tristesse überlagerte.

„Du solltest die Gelegenheit nutzen, Poppy“, sagte Léon hinter ihr. „Tritt ihm gegenüber.“

Die Gartenschere landete mit einem dumpfen Poltern auf dem mit einer Matte bedeckten großen Tisch. Dabei fielen von den langstieligen Rosen, die sie gerade in einer Vase neu arrangierte, weiße Blütenblätter ab.

Sie schüttelte den Kopf. „Unmöglich.“

„Wenigstens reden solltest du mit …“

„Ich kann nicht“, fiel sie Léon scharf ins Wort. Zu scharf.

„Nur, um es zu beenden“, drängte er. „Lass dich scheiden.“

Sie schloss die Augen, um die Aussicht auf Paris auszublenden. Um die Stimme der Vernunft auszublenden.

„Du kannst dich nicht ewig verstecken.“

Sie seufzte. „Ich bin noch nicht bereit.“

„Für manche Dinge sind wir nie bereit.“

Poppy öffnete die Augen. Seit einem Jahr wartete sie darauf, dass sie die Kraft fand, Konstantinos gegenüberzutreten. Aber noch war es nicht so weit. Sie drehte einen Stiel zwischen zwei Fingern. Selbst nach all der Zeit fühlte sich ihre Hand ohne die Ringe immer noch irgendwie falsch an. Nicht im Gleichgewicht.

„Wir wissen beide, dass du so nicht weitermachen kannst“, sagte Léon, während er in seinem Rollstuhl auf sie zukam. „So isoliert mit mir hier zu leben, als gäbe es die Welt da draußen nicht. Aber es gibt sie, Poppy. Und sie kommt hierher. Er kommt hierher.“

Sie erschauerte. „Wie viel Zeit bleibt mir?“

„Eine Woche, bestenfalls. Léon griff nach ihrer Hand. Umschloss sie mit seinen Händen. Eine kameradschaftliche Geste, um ihr zu versichern, dass er für sie da war. Als Freund. „Ich kann es nicht verhindern.“

Sie schaute ihm in sein wettergegerbtes Gesicht. Er wirkte so viel älter als vor einem knappen Jahrzehnt, als sie ihn kennengelernt hatte. Sie sah die tiefer gewordenen Falten. Inzwischen hatte sie auch welche. Kummerfalten. Seine machten ihn zehn Jahre älter, als er mit seinen siebzig Jahren war. Und was sie selbst betraf … Sie fühlte sich nicht wie dreißig. Ihr Körper schmerzte an Stellen, die in ihrem Alter nicht schmerzen sollten.

Ihr kamen die Tränen. „Das erwarte ich auch nicht“, sagte sie und legte ihre freie Hand auf seine. „Ich hatte nie vor, so lange zu bleiben.“

Er verzog das Gesicht. „Es war egoistisch von mir, dich so lange bei mir zu behalten. Aber du … deine Erinnerungen an Caleb …“ Seine Stimme brach.

Ihr Hals schnürte sich zu. Als Léon damals nach zwölf Monaten beschlossen hatte, nun doch in den Ruhestand zu gehen, war sie Calebs dritte Assistentin in Folge geworden. Während ihrer Zeit dort bekam sie hautnah mit, dass die Geschäfte des Familienunternehmens immer schlechter liefen. Bis der Konzern in ihrem vierten Jahr trotz Calebs verzweifelter Bemühungen so ins Schlingern geriet, dass er gezwungen war, Mitarbeiter zu entlassen.

Sie hätte Konstantinos’ Angebot niemals annehmen dürfen. Aber sie hatte es getan. Er hatte sie nicht klammheimlich abgeworben, sondern angefragt, ob er sie übernehmen dürfe. Und Caleb hatte sie gehen lassen. So war sie die persönliche Assistentin des Eigentümers der weltweit größten Reederei geworden. Konstantinos hatte ihr eine einmalige Chance geboten. Er hatte sie gefördert, wo er nur konnte, hatte ihr die Möglichkeit eröffnet, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln.

Schließlich war er ihr Geliebter geworden. Und ihr bester Freund. Sie hatte ihm von ihrem Vater erzählt. Dass sie gezwungen gewesen war, ihre ganze Kindheit über wachsam zu sein. Konstantinos hatte ihr versprochen, dass sie bei ihm nie würde wachsam sein müssen. Als er ihr aus rein pragmatischen Gründen die Ehe vorgeschlagen hatte, war das genau das Happy End gewesen, das sie sich gewünscht hatte. Kein Wort von Liebe, der sie beide misstrauten, sondern von Freundschaft. Von Vertrauen.

„Caleb war ein guter Mensch“, sagte sie.

Anders als Konstantinos, der der Welt etwas vormachte. Der unaufrichtig war und nicht auf ihrer Seite. Er hatte sich in dem Moment, in dem der Schwangerschaftstest zwei deutliche rosa Streifen angezeigt hatte, innerlich von ihr abgewandt. Und als sie um ihren Sohn getrauert hatte, hatte Konstantinos sie komplett im Stich gelassen. Sie war krank geworden: Postnatale Depression lautete die Diagnose. Was für eine grausame Tortur ihr Körper ihr da angetan hatte. Sie erst mit all den Emotionen einer Frau zu überschütten, die ihr Kind bis zur achtundzwanzigsten Woche austrug, um die freudige Erwartung dann durch tiefe Trauer zu ersetzen.

„Aber leider ein katastrophal schlechter Geschäftsmann“, ergänzte Léon.

Sie ließ die angespannten Schultern sinken. Armer Léon, dachte sie. Er war wirklich schwer leidgeprüft.

„Niemand ist perfekt“, versuchte sie, ihn zu trösten.

Er verzog den Mund zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Ich hätte die Zügel noch etwas länger in der Hand behalten sollen“, sagte er. „Ich hätte …“

„Dich trifft keine Schuld, Léon.“

„Wenn ich manches anders gemacht hätte … wenn ich die Führung nicht abgegeben hätte …“ Er presste die Lippen zusammen. „Dann hätten wir deinen Mann nicht bitten müssen, uns aus der Patsche zu helfen, um das Unternehmen vor dem Bankrott zu retten. Und du wärst jetzt nicht in dieser schrecklichen Lage.“

„Mich hat ganz allein er in diese Lage gebracht.“ Sie wurde von Wut überschwemmt. „Er hat mich betrogen.“

Léons Gesicht verfinsterte sich. „Das tut mir sehr leid, Poppy. Aber jetzt musst du dir gut überlegen, was du tust. Sicher ist nur: Er wird Durand Cruise Liners übernehmen, und er wird hierherkommen.“

„Dann bin ich weg.“

„Ich habe ein Anwesen auf dem Land, tief in der Provinz. Wenn du möchtest, überlasse ich es dir. Denk darüber nach.“

Sie beugte sich vor, hauchte ihm einen leichten Kuss auf die Wange. „Danke.“

Vierundzwanzig Stunden später …

Konstantinos Ariti war kein Retter. Er war der Teufel. Und heute Abend war er gekommen, um seine Schuld einzutreiben. Er läutete die goldene Glocke, und innerhalb von Sekunden öffneten sich die schwarzen Eisentüren des fünfstöckigen französischen Herrenhauses im siebten Pariser Arrondissement. Es war ein beeindruckendes Anwesen, dessen Geschichte sich über Generationen hinweg in die hohen, mit Blattgold geschmückten Decken, die verzierten Gesimse der Haussmann-Architektur und die mit Fischgrätparkett belegten Fußböden eingeschrieben hatte.

„Hier entlang, sir.“

Er ging grußlos an dem mit gesenktem Kopf wartenden Butler vorbei. Er kannte den Weg und wusste, auf wen er in dem formellen Speisesaal treffen würde. Die Zeiten hatten sich ebenso geändert wie Léon. Es würde nicht so sein wie bei ihrem Treffen vor drei Jahren. Auf Gläserklingen und Lachen würde man vergeblich warten. Er schluckte schwer.

Die Porträts der Verstorbenen an der Wand streifte er nur mit einem flüchtigen Blick. Was nichts an der Totenstille änderte, die in der Luft lag wie eine Krankheit.

Auf weichen Sohlen bog er auf einen anderen Flur ab. Dort blieb sein Blick an den Vorrichtungen hängen, die nicht zu dem Dekor passten. An dem an der Wendeltreppe montierten Treppenlift. Der massiven Holzrampe, die über drei flache Stufen zu einer geschlossenen Tür führte.

Am Ende des Flurs erwartete ihn ein weiterer Butler mit gesenktem Kopf, um ihm mit einer weiß behandschuhten Hand eine nachträglich verbreiterte Tür zu öffnen.

Konstantinos trat ein. Goldgerahmte und durch Sprossen aus hellem Kiefernholz geteilte Fenster gaben den Blick auf die in goldenes Abendlicht getauchte Pariser Innenstadt frei. Vasen aus klarem Glas, bestückt mit langstieligen Blumen, schmückten jede blank polierte Oberfläche. Auf dem mit Silberbesteck und Kristallgläsern gedeckten Esstisch aus Rosenholz stand ein Leuchter mit brennenden Kerzen. Daneben eine weitere Vase mit noch langstieligeren Blumen.

Hier hatte der Geruch des Todes keinen Platz. Hier duftete es nach Blumen.

Es duftete nach Poppy. Seiner Frau.

Er biss die Zähne zusammen. Sie war überall und nirgends zugleich. Ein Jahr lang war sie in Gedanken neben ihm hergegangen, saß bei Meetings an seiner Seite. Sie begleitete ihn auf jedem Flug über den Ozean, den er antrat, um zu überprüfen, ob sein Team auf der Suche nach ihr auf der richtigen Spur war. Und jedes Mal war es eine Enttäuschung.

Sie war aus seinem Leben verschwunden. Und doch spürte er sie in jedem Atemzug. Seine Nase juckte.

Er hatte geglaubt, sie seien sich ähnlich: beherrscht, vernünftig, besonnen. Heiraten wollte er nie. Er war davon ausgegangen, durch seine Arbeit beweisen zu können, dass er nicht wie sein Vater war. Doch nach mehreren Auszeichnungen für familienfreundliche, werteorientierte Unternehmensführung war die Bewunderung in Skepsis umgeschlagen. Die Medien hatten gefragt, wie glaubwürdig sich ein überzeugter Junggeselle für Familienfreundlichkeit engagieren könne. Die Spekulationen wuchsen. 

Er hatte die Lösung … eine Ehe mit Poppy. Eine Zweckehe. Kinderlos, aber perfekt. Ein Paar, das sich auf Augenhöhe begegnete und gegenseitig seine Grenzen respektierte. Sie wollten beide keine Gefühle. Keine Liebe. Poppy wollte Sicherheit, Treue, Sex. Das konnte er ihr alles geben, während sie im Gegenzug sein Unternehmensimage als seine Ehefrau aufwertete.

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