Sprung ins Glück

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Noch nie hat Maria ein so großes Abenteuer gewagt! Wie konnte sie nur zustimmen, einen Fallschirmsprung aus einem Flugzeug zu machen? Alles nur, um den Mann, der sie schon vor Jahren so stark faszinierte, zu beeindrucken! Denn Eddie Weston, attraktiv und unglaublich mutig, ist in die Stadt zurückgekehrt. Und während er sie früher kaum beachtete, scheint er sie heute hinreißend zu finden. Jeder Blick von ihm spricht Bände. Maria möchte ihn für immer, aber wie denkt Eddie darüber?
  • Erscheinungstag 08.04.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733777128
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Der Salmon River rauschte schäumend an ihr vorbei.

Maria Bennet saß auf einem Felsen und schlenzte graue, glatt geschliffene Kiesel in den Fluss. Sie verschwanden spurlos im tosenden Wildwasser.

Schließlich fand sie keine Steine mehr in Reichweite und begann, Gras abzureißen. Gedankenverloren flocht sie ein Gebilde, das einem Kajak ähnelte, und warf es in den Fluss, wo es schnell von den Wellen überrollt wurde und schließlich in der vergleichsweise ruhigen Strömung am Ufer versank. Der Salmon River war wie ein wildes Tier. Was fanden ihre Eltern nur daran, sich mit ihm zu messen?

In einigen Stunden würde sie vielleicht selbst in den Stromschnellen untergehen, nicht mehr rechtzeitig Luft holen können und nicht mehr wissen, wo oben und unten war.

Sie erschauderte bei dem Gedanken. Leider begann die High School erst in zwei Wochen. Bis dahin würde sie sich noch einer endlosen Reihe Furcht einflößender Abenteuer stellen müssen.

„Hi.“

Maria drehte sich um und blinzelte in die Sonne, vor der sich Eddie Weston als großer Schatten abzeichnete. Er hatte die Hände in den Hosentaschen und blickte auf sie hinunter. „Hallo Eddie“, antwortete sie und hoffte, dass er ihr nicht ansah, wie toll sie ihn fand.

Leider passten sie überhaupt nicht zusammen. Bis sie so alt war wie er jetzt, wäre er bereits im biblischen Alter von vierundzwanzig. Was für eine Schande, seufzte Maria insgeheim, er gäbe einen echt coolen Freund ab.

„Deine Mom und dein Dad suchen dich.“

„Oh.“ Maria senkte den Blick und rieb sich die Hände im Gras ab. Sie trug keine Uhr und hatte völlig die Zeit vergessen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie Hunger hatte. Doch so kurz vor einem wilden Ritt auf dem Salmon River etwas zu essen war vielleicht keine gute Idee. Wenn sie sich jetzt noch stärkte, ging sie das Risiko ein, sich auf dem Fluss übergeben zu müssen.

„Ich komme schon, danke“, erwiderte sie und stand auf.

Bevor sie sich umdrehte und Eddie folgte, warf sie noch einmal einen Blick auf den Strom und sein wildes, dunkles Wasser. Wieder spürte sie Angst in sich aufsteigen, eine lähmende Furcht, die sie nicht mehr losließ. Es gab jedoch keine Möglichkeit, die Kajaktour abzusagen. Sie würde in das Boot steigen und sich in das Abenteuer stürzen müssen.

Was ist bloß los mit mir, dachte sie. Eigentlich sollte ich mich freuen – jeder andere hätte Riesenspaß daran, sich im Kajak den Salmon River hinunterzustürzen.

Schweigend schlenderten sie zurück. Plötzlich bemerkte Maria, dass Eddie sie ansah. Unwillkürlich drehte sie den Kopf zur Seite, denn er sollte nicht sehen, dass sich Tränen auf ihre Wangen gestohlen hatten. Sie ging etwas langsamer, doch Eddie passte sich ihrem Tempo an und blieb schließlich stehen. Er verschränkte die Arme und blickte Maria prüfend an. „Was ist mit dir los?“

„Nichts. Mir geht’s gut“, wich sie aus.

Er zögerte unschlüssig. Obwohl Maria den Blick gesenkt hatte, merkte sie, dass ihm die Situation unangenehm war. Locker ließ er trotzdem nicht. „Blödsinn. Du weinst doch. Soll ich vorauslaufen und deine Mutter holen?“

Maria wischte sich die Tränen vom Gesicht und schüttelte den Kopf. „Nein, erzähl meinen Eltern bloß nichts davon. Du darfst kein Wort darüber verlieren.“

„Oh Mann, steckst du vielleicht in irgendwelchen Schwierigkeiten?“, fragte er alarmiert.

„Wirklich, es ist alles in Ordnung. Mir geht’s gut.“

„Bist du sicher?“, argwöhnte er. „Jetzt weiß ich, was los ist. Du hast Liebeskummer.“

„Nein, das ist nicht wahr!“, protestierte Maria.

„Ach komm, Mädchen in deinem Alter heulen doch ständig wegen Jungs.“

„Ich weine ja gar nicht. Mir … mir tränen nur die Augen.“

Eddie lächelte spöttisch und meinte dann: „Dann sorg besser dafür, dass es aufhört, Kindchen.“

„Nenn mich nicht so!“, brauste Maria auf.

„Wieso, du bist doch ein Kind. Sieh dich an, du heulst wie ein Baby!“

„Halt die Klappe.“

„Ich wette, du bist unglücklich verliebt“, neckte er sie weiter.

„Es hat überhaupt nichts mit Jungs zu tun“, fuhr sie ihn an. „Es ist nur dieser grässliche Fluss …“

Eddie blickte kurz zum Salmon River hinüber. „Was meinst du damit?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Ich habe Angst“, gestand sie. Es tat so gut, endlich jemandem von ihrer Furcht zu erzählen, dass die Worte plötzlich wie ein Wasserfall aus ihr hervorbrachen. „Ich hasse Abenteuer und jede Art von Extremsituationen. Sogar Achterbahnen kann ich nicht ausstehen. Ich mag es nicht, an meine Grenzen zu gehen, so wie ihr. Und vor diesem Fluss habe ich wirklich eine Heidenangst. Für mich ist nichts schlimmer, als unter Wasser zu sein und keine Luft zu bekommen …“ Sie ließ sich wieder ins Gras sinken und zupfte erneut Halme aus. „Ich bin eben ein Feigling“, murmelte sie. Jetzt war es heraus. Er kannte ihr großes Geheimnis.

„So gefährlich ist es doch gar nicht“, meinte Eddie leicht gelangweilt. „Deine Eltern würden dich schließlich nicht in Gefahr bringen.“

„Ich weiß.“

„Du wirst sehen, das wird ein Riesenspaß. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass du mit dem Kajak unterwegs bist. Ein paar einfachere Flüsse bist du schon runtergefahren, du hast außerdem trainiert. Wir wären sofort zur Stelle, falls du Probleme bekommst.“

„Schon klar. Trotzdem fürchte ich mich so sehr, dass mir fast die Luft wegbleibt.“

Eddie setzte sich neben sie und fing ebenfalls an, Grashalme zu zerpflücken. „Na ja, wenn du wirklich nicht mit willst, dann erzähl deinen Eltern, dass du dich nicht traust. Keiner kann dich schließlich dazu zwingen.“

„Nein, bloß nicht!“ Bei dem Gedanken, den Eltern ihre Angst zu beichten, blieb ihr fast das Herz stehen. „Sie dürfen es nicht erfahren, niemals! Schwör mir, dass du ihnen kein Sterbenswort verrätst!“

„Aber, was zum Teufel, willst du dann machen?“

„Nichts.“ Sie presste die Lippen zusammen und riss noch heftiger Grashalme aus. Ihr blieb keine andere Wahl: Sie musste da durch.

„Teenager“, murmelte er kopfschüttelnd. Maria fand ihn schrecklich ungerecht. Schließlich war er auch einmal so alt wie sie gewesen – und so lange war das noch gar nicht her.

Eddie seufzte und stand auf. „Na gut. Auf jeden Fall sollten wir jetzt langsam zurückgehen, sonst machen sich deine Eltern Sorgen.“

Zwei Stunden später standen Eddie, Maria und ihre Eltern Harlan und Kara Bennet an der Anlegestelle. Marias Eltern und Eddie luden die Kajaks vom Pick-up und trugen sie zum Fluss. Maria ging mit den Paddeln hinterher. Je näher sie dem Salmon River kam, desto schwerer fiel ihr jeder Schritt. Sie hatte das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben, ihr Herz raste. Insgeheim verwünschte sie sich für ihre Feigheit.

„Er führt viel Wasser“, stellte ihr Vater mit einem zufriedenen Lächeln fest, als er auf den wilden Fluss sah. „Klasse. Das wird eine tolle Fahrt.“

Maria warf die Paddel zu Boden und machte sich an ihren Schnürsenkeln zu schaffen. Sie fing an zu zittern. Hör auf damit, schalt sie sich in Gedanken. Dir passiert nichts. Das hier macht Spaß.

Ein unterdrückter Fluch und ein Schrei ließen plötzlich alle aufhorchen. Maria drehte sich um und sah Eddie an einem Felsen lehnen. Er schimpfte wie ein Rohrspatz und schlug mit einer Hand gegen den Stein, während er mit der anderen Hand seinen Knöchel umfasste.

„Was ist los?“, fragte ihre Mutter.

„Ich glaube, ich habe mir den Fuß verstaucht“, stieß Eddie mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor. „So ein Mist, ich glaube, er schwillt schon an.“

„Wie kann man sich denn hier den Fuß vertreten?“, fragte Marias Vater erstaunt. „Sonst kletterst du ohne Probleme in den Bergen herum, und auf einem einfachen Kiesweg verletzt du dir das Sprunggelenk?“

Eddie lächelte schief. „Tja, ich gehe eben immer aufs Ganze.“

„Lass mich mal sehen“, sagte Marias Mutter, aber Eddie winkte ab.

„Ist schon gut, danke. Mir geht’s prima, wirklich. Das passiert mir häufiger, ich weiß schon, was zu tun ist. Ich kehre zum Cottage zurück und kühle den Knöchel mit Eis. Zieht einfach ohne mich los.“

„Kannst du denn Auto fahren?“

„Na klar, dafür brauche ich ja nur einen Fuß.“ Eddie ließ den Blick zu Maria hinübergleiten. „Aber ein bisschen Hilfe wäre vielleicht nicht schlecht …“

Erleichtert ergriff Maria die Chance, doch noch um das Kajak-Abenteuer herumzukommen. „Ich bleibe bei dir, Eddie, kein Problem.“

„Ich weiß nicht so recht.“ Kara Bennet zögerte. „Irgendwie ist es unfair, dass du die Tour verpasst, Maria. Es ist besser, ich leiste Eddie Gesellschaft.“

„Nein“, protestierte Maria. „Du kannst das nicht sausen lassen. Wir sind doch extra nach Idaho gekommen, weil ihr den Salmon River für dieses Jahr auf eurem Plan hattet. Geh du ruhig, ich versorge Eddie.“

Harlan und Kara Bennet sahen sich bei der Vorstellung, dass sich ihre vierzehnjährige Tochter um einen Neunzehnjährigen kümmern sollte, zweifelnd an, willigten dann aber ein. Nachdem Marias Eltern die überflüssigen Kajaks zum Pick-up zurückgebracht hatten, machten sie sich auf den Weg.

Eddie stützte sich leicht bei Maria ab und humpelte mit ihr zum Auto zurück.

Doch kaum waren ihre Eltern außer Sichtweite, nahm er den Arm von Marias Schultern und ging ohne Schwierigkeiten weiter. Maria blickte ihn überrascht an. „Was ist mit deinem Knöchel?!“

Er zwinkerte ihr zu. „Erzähl mir nicht, dass du auch darauf reingefallen bist.“

Maria verstand immer noch nicht, was vorging. „Was willst du damit sagen?“

„Na, dass ich meinen kleinen Unfall nur vorgetäuscht habe.“

Langsam dämmerte ihr, was er getan hatte. „Mit deinem Fuß ist alles in Ordnung?“

Eddie verdrehte die Augen und öffnete ihr die Beifahrertür. „Natürlich ist alles klar.“

„Aber … aber du liebst doch Wildwasserfahrten und kannst davon nicht genug bekommen.“

„Stimmt.“

„Hast du das für mich getan?“ Sie konnte es kaum glauben. Warum sollte er sich so für sie einsetzen?

„Steig ein, Maria. Wir fahren zurück zum Cottage. Dort kannst du mit deinen Wachsmalstiften spielen.“

„Künstlerkohle“, korrigierte sie ihn würdevoll und stieg ins Auto. „Wachsmalstifte sind was für Kinder.“

Eddie schloss die Tür und sah Maria durchs offene Fenster spöttisch an.

„Ach, bist du denn keins?“

Maria biss die Zähne zusammen und blickte starr zum Fenster hinaus, während er um den Wagen herumging und sich auf dem Fahrersitz niederließ. Eddie war schnell erwachsen geworden. Früher hatten sie zusammen gespielt, obwohl sie viel jünger gewesen war als er. Letztes Jahr war er aufs College gegangen, und als sie ihn wiedersah, gehörte er endgültig in die Welt der Erwachsenen.

Sie vermisste den alten Eddie.

Zurück im Cottage, setzte sich Eddie auf die Couch und sah an die Decke, Maria nahm mit ihren Kohlestiften und Zeichenpapier am Küchentisch Platz. Eine ganze Zeit lang herrschte ungemütliche Stille.

„He, überschlag dich nicht vor Dankbarkeit“, murmelte Eddie schließlich.

„Danke schön“, brachte sie widerwillig hervor.

Eddie seufzte. „Du musst es deinen Eltern sagen, Kleine. Sie glauben, dass du diese Extremsportarten magst. Sogar ich habe das angenommen. Du bist eine gute Schauspielerin. Sie werden dich weiter zu solchen Aktionen schleppen, wenn du die Karten nicht auf den Tisch legst.“

„Danke für den Tipp, aber ich halte meine Karten lieber auf der Hand.“

„Aber warum ziehst du diese Show ab? Was soll das?“

„Weil ich irgendwann mutig sein werde, so wie …“ Du, hätte sie beinahe gesagt. „Wie Mom und Dad. Ich bekomme das hin. Ich werde meine Angst besiegen, ich muss nur noch meine Abenteuerlust entdecken.“

Er lächelte amüsiert, und plötzlich fühlte sie sich kindisch und dumm. „Deine Abenteuerlust, soso?“

„Ja, genau.“

„Hast du das in einem Buch gelesen?“

„Nein, da bin ich ganz allein draufgekommen.“

Er lachte leise, setzte sich auf und fischte sein Handy aus der Hosentasche. „Gut, Kleine. Geh spielen, und entdecke deine Abenteuerlust. Ich muss meine Freundin anrufen.“ Er sah sie viel sagend an. „Wir wären gern unter uns.“

Maria machte sich verärgert davon, wütend auf die Welt und Eddie im Besonderen.

Sie hätte ihren rechten Arm darauf verwettet, dass seine Freundin jede Menge Lust auf Abenteuer hatte.

1. KAPITEL

Da war er also – der Mann, den ihre Mutter am liebsten als ihren Schwiegersohn sähe.

Eddie Weston saß auf dem Sofa im Wohnzimmer und hatte Maria noch nicht bemerkt. Sie blieb im Flur stehen und beobachtete ihn von dort aus.

Es war einige Zeit vergangen, seit sie Eddie das letzte Mal gesehen hatte.

Während sich Maria nur einige Blocks von ihrem Elternhaus entfernt eine Existenz aufgebaut hatte, war er durch die Welt gereist. Er war eisige Flüsse hinuntergefahren und mit dem Gleitschirm von Berggipfeln gesegelt. Maria hatte sich dagegen nach und nach vom Abenteuerleben ihrer Eltern verabschiedet und an ein ruhigeres Dasein gewöhnt: Sie nahm Zeichenstunden und verbrachte die Abende mit ihren beiden Katzen und bei einem guten Buch oder einem Film. Ihr Leben fand nicht auf der Überholspur statt, was seine Vorteile hatte.

Doch nun war Eddie wieder da.

Außer ihm war niemand im Wohnzimmer. Maria vermutete, dass ihre Mutter in der Küche war, um ihrem Mann zu helfen.

Eddie blickte nachdenklich ins Feuer und sah unverändert gut aus. Ein paar Jahre älter vielleicht, aber sein Haar war noch immer dunkel und voll. Wie früher reichte es ihm fast auf die Schultern. Eigentlich mochte Maria es nicht, wenn Männer ihr Haar lang trugen. Sie fand, es ließ sie verweichlicht und angeberisch aussehen. Außer bei Eddie. Ihm stand einfach alles.

Maria war sich bewusst, dass Eddies Aussehen sie absolut nichts anging. Er sollte für sie wie ein großer Bruder sein – mehr nicht. Leider waren die Dinge schon lange nicht mehr so einfach.

Plötzlich fest entschlossen, die schalkhafte kleine Schwester zu spielen, schlich Maria zu Eddie, doch bevor sie ihm die Hände auf die Augen legen konnte, drehte Eddie sich um, umfasste ihre Handgelenke und wirbelte Maria durch die Luft.

Sie landete mit dem Rücken auf dem Sofa, Eddies rechten Arm in ihrem Nacken. Überrascht schnappte sie nach Luft und sah zu ihm auf. „Hallo, Eddie, lange nicht gesehen. Willkommen zu Hause.“

„Hi, Maria. Du hast doch wohl nicht geglaubt, dass du dich unbemerkt anpirschen kannst, oder?“

Seine Stimme klang so wie früher: wie rauer Samt oder wie in Seide gehülltes Sandpapier. Einfach sexy.

Oh Mist, dachte Maria unwillkürlich. Von wegen großer Bruder.

Sie versuchte, sich aufzusetzen, doch es gelang ihr nicht, da er ihr den linken Arm um die Taille gelegt hatte.

„Ich wollte sehen, ob deine angeblich so trainierten Reflexe noch funktionieren …“

„Ach so. Du wolltest also überprüfen, ob ich schon alt und schwach bin.“

Von weitem wirkten Eddies dunkle Augen braun. Doch von nahem konnte man erkennen, dass sie dunkelblau waren. An diesen irritierenden Effekt hatte sich Maria nie gewöhnt. „Ans Altern habe ich gar nicht gedacht“, neckte sie ihn. „Du hast deinen Zenit zwar schon überschritten, aber keine Sorge, der Weg ist lang.“

Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. „Denk daran, du hast denselben noch vor dir.“

„Alles Gute zum Geburtstag, Eddie.“

„Auch dir alles Gute, Maria.“

Zwar trennten sie fünf Jahre Altersunterschied, doch ihren Geburtstag feierten sie am selben Tag. Als Maria und Eddie noch klein gewesen waren, hatten die Bennets und die Westons immer eine gemeinsame Party für die Kinder veranstaltet. Doch irgendwann war Eddie zu alt dafür, sein Geburtstagsfest mit einem kleinen Mädchen zu begehen.

„Lass mich lieber los“, sagte Maria und versuchte, Eddies Arm wegzustoßen. „Meine Eltern hätten immer noch nichts dagegen, wenn wir heiraten würden. Wir sollten ihnen keine falschen Hoffnungen machen.“

Eddie lächelte und ließ die Finger spielerisch durch Marias lange Locken gleiten. Er schien es nicht eilig zu haben, sie loszulassen. Wahrscheinlich hätte sich Maria auch leicht selbst befreien können, aber eigentlich fühlte sie sich ganz wohl bei ihm. Eddie zog sanft an ihrem Haar. „Ich bin schon immer gern Risiken eingegangen.“

„Ich weiß“, erwiderte Maria nun. „Ich aber nicht, wie du weißt.“

„Hast du deine Abenteuerlust immer noch nicht entdeckt, Kleine?“

Kleine. Verdammt, sah er denn nicht, dass sie nicht mehr zwölf Jahre alt war? „Ich bin kein Kind mehr. Und nach Nervenkitzel suche ich schon lange nicht mehr.“

Eddie zog eine Augenbraue hoch. „Wirklich?“

„Ja. Ich habe es aufgegeben.“

„Du hast es deinen Eltern erzählt, und sie waren einverstanden?“

„Ganz genau.“

„Sehr mutig von dir.“

„Tja, im Alter wird man eben weise. Au, lass mein Haar in Ruhe!“

„Tut mir leid. Ich wollte nur sehen, ob sich da schon ein graues findet.“

„Oh, sag bloß, du hast das eine gefunden?“

Er lächelte amüsiert, und Maria fand die feinen Lachfältchen um seine Augen und seine sanft geschwungenen Lippen unwiderstehlich. Er machte es ihr wirklich nicht leicht.

Warum hatte er nicht einfach noch ein paar Jahre wegbleiben können? Sie hatte sich immer einen zuverlässigen, ruhigen, langweiligen Ehemann mit Briefmarkensammlung gewünscht, ihn aber leider noch nicht gefunden.

„Du hast ein graues Haar?“, hakte Eddie nach.

Maria nickte. „Ja, heute Morgen war es noch da. Ich wollte es zuerst herausziehen, aber dann fiel mir ein, was meine Mutter immer behauptet hat, dass nämlich für ein graues Haar, das man sich ausreißt, sieben neue nachwachsen. Da habe ich es lieber bleiben lassen.“

Maria spürte, wie Eddies Körper bebte, als er lauthals auflachte.

„Du könntest es einfärben.“

„Ach nein, ich behalte es lieber und altere in Würde.“

„Graues Haar hin oder her, warum bist du nicht mit einem Verehrer in der Stadt unterwegs? Immerhin hast du Geburtstag.“

„Du bist auch nicht verabredet“, konterte Maria.

„Natürlich bin ich das“, widersprach er ihr. „Deine Mutter hat mir gesagt, dass ich mit dem schönsten Mädchen der Stadt zu Abend essen werde.“

„Hat sie dir auch erzählt, dass diese Schönheit schon in festen Händen ist?“

Eddie sah Maria schockiert an. „Du bist verheiratet?“

Maria kicherte und nutzte die Gelegenheit, sich aus seinem Griff zu winden. Sie setzte sich auf die andere Seite des Sofas und lächelte ihn viel sagend an. „Nein, bin ich nicht. Noch nicht. Aber die Frau, die dich eingeladen hat – meine Mutter.“

Er blickte sie finster an. „Haha, sehr lustig. Für eine Sekunde war ich wirklich besorgt.“

„Oh, das brauchst du doch nicht zu sein. Du weißt doch, dass du mich für alle anderen Männer verdorben hast. Keiner hat mich je auf der Schulter einen Berg hinuntergetragen, weil ich wegen eines Sonnenstichs halb im Koma lag.“

Eddie zwinkerte ihr zu. Doch Maria sah zur Seite und verzog das Gesicht. Sie sollten sich lieber nur ganz gesittet unterhalten und diese Anspielungen sein lassen. Maria hatte nichts gegen Flirts, sie waren gut und schön – aber nicht mit Eddie. Nicht, solange sie bei ihm immer noch Schmetterlinge im Bauch bekam. Es wurde wirklich höchste Zeit, sich wie eine Erwachsene zu verhalten.

„Wir haben uns ja schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen“, sagte Maria. „Wie ist es dir ergangen? Und wo bist du überall gewesen?“

Er zuckte die Schultern.

„Ach, hier und da. Hauptsächlich da.“

„Wow, man stelle sich das nur vor“, antwortete Maria trocken. „Bist du schon lange wieder in Gardiner?“

„Seit fast einer Woche.“

Maria lächelte mitfühlend. „Für deine Verhältnisse also unendlich lange.“

„Diesmal bleibe ich eine Weile“, meinte Eddie. „Mein Neffe braucht mich. Du weißt ja, ich bin sein Pate.“

Maria nickte. Sie war überrascht – und gleichzeitig skeptisch. Eddies Schwester Jenny hatte einen Sohn, bei dem im letzten Jahr Autismus diagnostiziert worden war. Der kleine Samuel war eine echte Herausforderung. Er brauchte nicht viel Schlaf, war rund um die Uhr unterwegs und wurde mit jedem Tag größer und stärker. Jenny hatte eine ambulante Verhaltenstherapie begonnen, die viel Zeit und Kraft kostete.

Jenny und Samuel brauchten wirklich Hilfe, vor allem, da Jennys Mann die Familie verlassen hatte. Der Gedanke aber, dass Eddie sesshaft und ein richtiger Onkel würde, schien Maria geradezu absurd.

„Ich habe Jenny schon lange nicht mehr gesehen“, stellte sie fest. „Wir telefonieren manchmal, aber wir haben uns seit ihrer Hochzeit aus den Augen verloren. Ich werde sie demnächst mal anrufen.“

„Probiere es am besten nächste Woche. Jenny ist gerade mit Samuel auf einer Art Workshop, um sich auf die neue Therapie vorzubereiten.“

Maria nickte. „Und du bleibst tatsächlich den ganzen Sommer hier?“

Eddie zuckte die Schultern. „Wahrscheinlich noch länger. Vorerst haben mich deine Eltern als Berater für eure Firma Intrepid Adventurers eingestellt. Und wir werden uns langsam über verschiedene Dinge einig.“

Maria fragte sich, worum es dabei wohl ging. Doch sie konnte nicht genauer nachhaken, da Eddie das Gespräch nun auf sie selbst lenkte.

„Genug von mir, lass uns von dir reden. Wie geht es dir so?“

„Prima! Mein Leben ohne Abenteuer gefällt mir. Und was machen deine Eltern?“

Marias und Eddies Familien hatten viele Urlaube miteinander verbracht – und dabei immer möglichst waghalsige Dinge unternommen. Maria hatte diese Ferien mit Skifahren bis hin zu Bungeejumping gehasst.

Als Maria ihren Eltern gestanden hatte, wie sie diese Abenteuerreisen wirklich fand, musste sie nicht mehr mitfahren. Sie blieb im Wochenendhaus oder in der Skihütte zurück und genoss ihr neues Leben. Sie konnte es sich mit einem Buch und einer Tasse heißer Schokolade in einem Sessel gemütlich machen oder die Landschaft zeichnen. Manchmal raffte sie sich auf und baute draußen eine kleine Armee von Schneemännern oder machte einen Spaziergang und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

Maria mochte es, wenn sich der Nervenkitzel nur in ihrem Kopf abspielte. Es lag in ihrer Natur, und mittlerweile entschuldigte sie sich nicht mehr dafür.

Im Gegensatz zu ihr liebte Eddie jede Sekunde dieser gemeinsamen Ferien. Er war bei jeder Fahrt dabei, und es irritierte Maria zunehmend, wie die Blicke ihrer Eltern zwischen ihm und ihr hin und her gingen, als fragten sie sich, weshalb ihre Tochter nicht ein bisschen mehr wie Eddie sein konnte.

Unwillkürlich runzelte Maria die Stirn. Für ihre Eltern war Eddie immer wie der perfekte Sohn gewesen. Leider war er nicht wirklich ihr Kind, sondern nur der Junge von nebenan, immer mutig und zuversichtlich.

Mit ihren Gefühlen für Eddie ging es wie in einer Achterbahnfahrt auf und ab. Als Kind liebte sie ihn abgöttisch, solange sie zu Hause in Gardiner waren und alles ruhig blieb. Während der Sommerferien dagegen, wenn er für ihre Eltern der perfekte Ziehsohn war, hasste sie ihn. Mit vierzehn Jahren verknallte sie sich in Eddie, doch ihre Teenagerliebe gipfelte schließlich in einer peinlichen Situation, als sie achtzehn war.

Seitdem hatte sie Eddie kaum gesehen. Er war in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Ihren Eltern schickte er regelmäßig Postkarten mit einem PS, auf das Maria sich immer verlassen konnte: Grüßt Maria von mir.

Autor

Hannah Bernard
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