Winterwunder in den Highlands

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Schottland, 1192: Duncan MacLallan glaubt, unter Heiden geraten zu sein, als er aus Fieberträumen erwacht. Doch die schöne Kara lehrt ihn, ihren Highland-Clan zu schätzen – und sie innig zu lieben. Trotzdem muss er sie noch vor Weihnachten verlassen. Wegen einer anderen …


  • Erscheinungstag 30.11.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783745753875
  • Seitenanzahl 109
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Schottische Küste, Oktober 1192

E iskalter Regen fiel in dichten Kaskaden aus dem bleigrauen Himmel.

Duncan MacLellan hätte nicht gedacht, jemals wieder etwas so Wundervolles auf seiner Haut zu spüren. Er stand am Bug des kleinen Ruderbootes, das Gesicht gen Himmel gereckt, und seufzte. „Ah, es geht doch nichts über guten, ehrlichen schottischen Regen, um einen Mann die Jahre in der heidnischen Wüste vergessen zu lassen.“

„Bei Gottes Fußnägeln, bei dieser Hundskälte friert mir der Hintern noch am Sitz fest“, brummte Angus MacDougal.

„Angus!“, wies Duncan ihn mit einem einzigen Wort zurecht.

Sein Waffenbruder schnaubte nur. „Ich bin mir sicher, dass der Herr Verständnis dafür hat, wenn ich unter diesen Umständen seinen Namen missbrauche. Verdammt, ich kenne wirklich keinen anderen Mann, der seinen Glauben so ernst nimmt wie du.“

„Das hat mir das Leben gerettet während der letzten drei Jahre unter den Ungläubigen.“ Das und die Aussicht, Janet Leslie endlich als seine Braut in Anspruch zu nehmen, fügte er im Stillen hinzu.

Mit Gottes Wunsch und seinem eigenen Willen würde er seinem Ziel nun endlich näher kommen … nach so langer Zeit.

„Es ist eine Schande, dass viele, die sich in den Dienst des Kreuzes stellten, nicht so ehrenhaft und unerschütterlich in ihrer Treue zu Gott waren wie Duncan“, ertönte Vater Simons Stimme aus dem anderen Ende des Bootes. Im Gegensatz zu den beiden muskulösen Rittern war er spindeldünn, und auf seinem kahlen Schädel schälte sich noch der letzte Rest der Haut, die die sengende Wüstensonne verbrannt hatte. „Wäre es anders gewesen, wäre unser Unternehmen nicht ein so jämmerlicher Fehlschlag gewesen.“

„Es war kein Fehlschlag“, erwiderte Angus. „König Richard hat mit diesem elenden Saladin einen Handel geschlossen, der Christen eine sichere Reise zu den Küstenhäfen sichert.“

„Doch der Preis dafür war auf beiden Seiten zu hoch“, murmelte Duncan. Vor seinem inneren Auge sah er wieder die Bilder des Massakers von Acre vor sich. Ungläubige Geiseln wurden von Englands gutem König Richard einfach niedergemetzelt – allein der Gedanke daran reichte, um neue Wut in Duncan aufsteigen zu lassen. Für dieses barbarische Verhalten gab es keine Entschuldigung. Männer von Ehre richteten ihre Schwerter nicht gegen unbewaffnete Menschen.

„Du siehst aus, als sei dir was über die Leber gelaufen, Duncan“, murmelte Angus. Dann fiel sein Blick auf den dicken Verband unter Duncans Kettenhemd, und er runzelte die Stirn. „Schmerzt dich deine Wunde wieder?“

„Es juckt nur ein wenig, nicht mehr.“ Fast hätte ihn der Hieb des scharfen Scimitars das Leben gekostet. Doch dank der rechtzeitigen Hilfe der Brüder des Ritterordens des heiligen Johannes von Jerusalem hatte Duncan von dem Schlag nur eine Wunde in der Schulter davongetragen und nicht mit seinem Leben bezahlt.

„Du hättest noch eine Woche auf deinem Lager bleiben sollen, wie die Heiler es dir geraten haben“, sagte Angus. „Du bist so bleich wie die Segel dieser Kogge, auf der wir schippern. Und ganz sicher auf den Beinen bist du auch nicht.“

„Mir geht es gut.“ Im Geiste bekreuzigte Duncan sich und versprach, diese Lüge zu beichten, sobald sie Threave Castle erreicht hatten. „Ich schwanke nur so wegen des Schiffs. Nicht wegen meines Fiebers – das liegt längst hinter mir. Der Gedanke daran, meine Janet wiederzusehen und sie endlich heiraten zu dürfen … der verleiht mir mehr Stärke als alle Heiltränke der Brüder zusammen. Um ehrlich zu sein, wollte ich auch nicht allein unter lauter Fremden bleiben, während ihr beide weiter gen Heimat zieht.“ Gedankenverloren legte er seine Hand auf die Stelle, an der sich eine kleine Tasche mit eingenähten Rubinen unter dem Stoff seiner wadenlangen Tunika verbarg. Die Templer hatten die Beute aus seinen Raubzügen für die Steine angekauft – auf diese Weise konnte Duncan seinen Reichtum viel leichter und sicherer transportieren.

Angus brummte verächtlich. „Ich hoffe, deine Liebste weiß es zu schätzen, dass du all diese Mühen auf dich genommen hast, um als reicher Mann zu ihr zurückzukehren.“

„Das wird sie.“ Duncan sah auf das immer näher kommende Land. Feiner Nebel verschleierte den Hafen von Carlisle. Nur noch vage erinnerte sich Duncan an die düsteren Docks und verwahrlosten Gebäude, so wie er sie vor drei Jahren am Tag seiner Abfahrt gesehen hatte. Doch an die Straße, die vom Hafen zu Threave Castle führte, an die achtzig Meilen, erinnerte er sich nur zu gut. An Threave Castle und an Janet.

„Viel wichtiger ist, dass ihr Vater uns seinen Segen für die Hochzeit gibt.“

„Drei Jahre sind eine verdammt lange Zeit für eine Frau, um treu zu bleiben. Woher willst du wissen, dass sie nicht längst einen anderen hat?“

„Weil wir uns einander versprochen haben. Janet würde ihr Wort nicht brechen, ebenso wenig wie ich. Ihr Vater muss unser Gelübde anerkennen, denn es wurde auf eine heilige Reliquie gegeben.“

„Nicht alle Männer sind so ehrenvoll“, sagte Angus.

„Niall Leslie ist es.“ Niall, Gutsherr von Threave und der dritte Cousin von Duncans Vater, war bekannt dafür, dass er sein Wort hielt. „Auch wenn er mich für wertlos halten mag, so ist Janet seine vierte und jüngste Tochter. Er versprach seiner Frau am Totenbett, dass Janet sich ihren Gatten selbst auswählen dürfe. Und sie wählte mich.“ Der Gedanke, dass jemand wie Janet, ein perfektes Wesen, einen Mann wie ihn wollen könnte, erfüllte Duncan noch immer mit Stolz und Ehrfurcht.

„Dann hoffe ich für dich, dass du richtig liegst“, sagte Angus, „ansonsten waren die drei Jahre Enthaltsamkeit wohl umsonst.“

„Sie sagte, sie würde auf mich warten. Es war selbstverständlich, dass auch ich ihr treu sein würde.“

Aye , aber das ist für Männer doch etwas anderes als für die Weiber. Männer haben Bedürfnisse. Oder hast du diese schwarzäugigen Schönheiten etwa übersehen?“

„Heidnische Frauen.“ Duncan verzog das Gesicht. Dunkle exotische Kreaturen mit lüsternen Augen und wiegenden Hüften. Viele der Kreuzritter hatten ihren sinnlichen Verführungskünsten nachgegeben. Duncan hatte durchaus körperliches Verlangen nach diesen Frauen verspürt, es jedoch unterdrückt. Er war aus anderem Holz geschnitzt als die Männer, die ihren Begierden willenlos nachgaben; seine Selbstbeherrschung war wie Stahl, dank der harten Lektionen, die sein Cousin Niall in ihn hineingeprügelt hatte. Sosehr Duncan sich auch darauf freute, Janet wiederzusehen, so freute er sich doch fast noch mehr auf das Gesicht von Cousin Niall, wenn der das Vermögen, das Duncan gemacht hatte, erblicken würde.

Spätestens dann würde Cousin Niall ihn nicht mehr als wertlosen Abschaum oder Sohn einer Hure beschimpfen können. Nicht, wenn er Duncan mit dem Zeichen der Kreuzritter auf der Brust und den Juwelen in der Hand sah.

Der Bug des Schiffes stieß knirschend ans Ufer der felsigen Küste. Die Seeleute sprangen heraus und beeilten sich, das Schiff zu vertäuen. Als Duncan von Bord ging, hätten seine Beine beinah unter ihm nachgegeben.

„Hey, nur die Ruhe …“ Angus griff nach seinem Arm, um ihn zu stützen. „Du nimmst dir am besten ein Zimmer im Gasthaus und ruhst dich ein bisschen aus, damit du wieder zu Kräften kommst.“

Vater Simon beeilte sich, Duncan von der anderen Seite zu stützen. „Ich könnte meine Reise zum Kloster auch noch verschieben, wenn du das wünschst.“

„Nay.“ Duncan richtete sich auf und befreite sich von den stützenden Händen. Er hasste es, schwach zu sein, und noch mehr hasste er es, andere um Hilfe zu bitten. Er war auf sich allein gestellt gewesen, seit seine Mutter sich zu Tode gesoffen hatte, als er zehn Jahre alt war und Cousin Niall ihn unter Murren bei sich aufgenommen hatte.

„Es ist meine christliche Pflicht“, hatte Cousin Niall damals gesagt, jedoch niemals einen Hehl daraus gemacht, dass Duncan eine unwillkommene Last war. Und eine beschmutzte noch dazu. Dass seine liebste Tochter sich nun Duncan als Ehemann auserkoren hatte, machte Niall nur umso abweisender und gehässiger gegenüber seinem Mündel – natürlich nur solange seine Tochter außer Sicht- und Hörweite war.

„Mir geht es gut, Angus“, sagte Duncan. „Ich habe genug Geld, um mir ein schnelles Pferd leisten zu können und endlich einen vernünftigen Mantel anstelle dieses Lumpenumhangs zu tragen.“

„Du weißt, wo du mich finden kannst“, sagte Vater Simon. „Solltest du Hilfe brauchen, lass einfach nach mir schicken.“

„Oder nach mir“, fügte Angus hinzu.

Duncan nickte, auch wenn er wusste, dass er keinen der beiden Männer jemals rufen würde. Auch wenn sie gemeinsam drei Jahre Hölle durchstanden hatten, konnte er sich nicht einmal ihnen ganz öffnen.

Er hatte es selbst gehasst, während seiner Erholung auf die Hilfe der Mönche angewiesen zu sein.

Die drei Männer verabschiedeten sich am Stadtrand. Duncan schätzte, dass er etwa eine Woche brauchen würde, bis er Threave erreichte, wo er endlich Janets Liebe genießen und ihren Vater an seinen bitteren Worten ersticken sehen konnte.

Das Fieber übermannte ihn nur zwei Tage später, so leise und gerissen wie ein Krieger der Ungläubigen. Anfangs glaubte er, dass das Wetter langsam wärmer würde. So warm, dass er seinen Mantel auszog und die feuchte Luft seinen erhitzten Körper kühlen ließ. Seine Gedanken wanderten zurück zu Janet, zu dem Tag, da er Threave Castle verlassen hatte. Wie schön sie damals gewesen war, so heiter und rein wie eine Madonna. Sie trug ein blaues Gewand, das die Farbe ihrer Augen unterstrich. Diese Augen, die vom Weinen ganz rot und geschwollen waren, doch keine Träne war darin zu sehen gewesen – Janet hatte ihrem Kummer in aller Abgeschiedenheit Luft gemacht.

Gesegnet sei Janet, seine freundliche, süße Janet, die niemals ein böses oder zorniges Wort gesagt hatte. Sie passten gut zueinander. Sie würden nicht streiten und schreien, wie seine Eltern es getan hatten. Sie würde ihm auch keine Schande durch andere Männer bereiten, so wie seine Mutter es nach dem Tod seines Vaters getan hatte.

Die Erde unter ihm begann sich zu bewegen und zu schwanken. Er hatte Mühe, sich aufrecht im Sattel zu halten. Und es war so unglaublich heiß; so heiß, dass er schon glaubte, er befände sich wieder in seinem Zelt vor den Toren Jerusalems.

Vielleicht war das alles hier nur ein Traum, und in Wirklichkeit war er gar nicht nach Schottland zurückgekehrt.

Diese Vorstellung versetzte ihn in höchste Alarmbereitschaft; er setzte sich auf und sah sich aufmerksam um. Um ihn herum war das Land so zerklüftet wie die Highlands, in denen seine Mutter aufgewachsen war, mit bedrohlichen Bergspitzen, die zwischen den sanften Hügeln wie gewaltige Biester gen Himmel aufragten. Verdammt, aber sie waren grün. Er musste sich in Schottland befinden, denn kein anderes Land der Welt war von einer solch intensiven Farbe. Dann sah er wenige Fuß entfernt von der Straße einen Fluss. Wenn er sich das Gesicht mit dem feuchten Nass kühlte, würde er sich sicherlich besser fühlen.

Duncan schwang sich aus dem Sattel. Als seine Füße den Boden berührten, wurden ihm die Knie weich. Diesmal waren da keine hilfsbereiten Arme, die ihn auffangen und stützen könnten. Seine Hände fanden Halt an der struppigen Mähne seines Pferdes, doch die Bewegung sandte gleißenden Schmerz durch seine kaum verheilten Muskeln, und er stöhnte auf. Nur langsam hörte die Welt auf, sich wie verrückt zu drehen, und er kroch mühsam zum Ufer des Flusses, um sein heißes Gesicht mit Wasser zu benetzen.

Kühl. So kühl wie der verschämte Kuss, den Janet ihm zum Abschied gegeben hatte, als er seine Heimat verließ, um sich dem Kreuzzug anzuschließen. Der Fluss rauschte, doch das Geräusch wurde von einem tiefen, kehligen Knurren übertönt.

Hunde, dachte er.

Er hob den Kopf und sah etwa ein Dutzend schwarzer Schemen aus dem Wald hervorhetzen, nur etwa hundert Yards entfernt. Die Hunde von Cousin Niall kamen, um ihn zu begrüßen. Er streckte seine Hand aus und wartete.

Doch als die Tiere langsam näher kamen, bemerkte er, dass es keine Hunde waren.

Wölfe!

Duncan versuchte aufzustehen, doch seine Füße fanden keinen Halt, und er rutschte aus und schlug sich im Fall den Kopf an. Dunkelheit bemächtigte sich seiner.

Wölfe!

Kara Gleanedin blieb stehen und drehte sich um.

Die Sonne war gerade eben hinter dem Ring aus Bergen verschwunden, der das Edintal auf allen Seiten umschloss. Nach außen hin waren die Steilwände schroff und abweisend, doch zum Talkessel hin lagen üppige, weich abfallende Hügel, die ihr Clan seit Generationen seine Heimat nannte. Von ihrem Standpunkt über dem Pass aus, der zur Schlucht führte, konnte sie das gesamte Tal überblicken.

Lange Schatten krochen unter den Bäumen hervor, die die Berghänge bedeckten. Doch die einzigen Bewegungen auf den grünen Hügeln waren die Leute des Clans Gleanedin, die, lachend und miteinander scherzend, das Holz für die Samhuinnfeuer aufschichteten, die in drei Nächten angezündet werden wollten.

„Was ist da?“ Eoin zog sein langes Messer aus der Scheide.

„Wölfe.“

„Hier in Edin?“ So etwas hatte es noch nie gegeben. Doch auch wenn die Außenseiten der Berge zu steil waren, als dass ein Mensch sie besteigen könnte, so ließ sich doch manchmal ein Wolf dazu verführen, den beschwerlichen Weg ins Talinnere auf sich zu nehmen, um Jagd auf die schmackhaften Schafe zu machen, die auf den Hängen grasten.

„Ich bin nicht sicher.“ Kara sah nachdenklich in das kleine Feuer neben der Hütte, das die Wächter entzündet hatten, um sich bei diesem nasskalten Wetter ein wenig aufzuwärmen. Ihre Gabe – es waren Vorahnungen, die sie manchmal überfielen – ließ sich nicht willentlich und nach Wunsch herbeirufen. Doch diesmal waren die Zeichen unglaublich stark.

Dort, in den züngelnden Flammen, sah sie es wieder: ein Rudel vierbeiniger Kreaturen mit schwarzem zottigem Fell, das durch die Felder in Richtung des Flusses schlich. Zu ihrer Beute …

Karas Augen weiteten sich, als sie die Figur in den Flammen besser sehen konnte. Ein Mann lag am Ufer des Flusses, der sich quer durch das Tal zog. Die Sonne brach sich auf den Gliedern seines Kettenhemdes, und es sah aus, als würde er von innen heraus leuchten. Sein langes schwarzes Haar war offen und klebte nass an seinem Kopf. Sie konnte ihn dabei beobachten, wie er mühsam versuchte, sich aufzurichten, nur um erneut zusammenzubrechen, die Finger im dicken Schlamm des Ufers vergraben.

Die Wölfe heulten vor Vorfreude, auf ihren Gesichtern …

Gesichter?

„Das sind keine Wölfe“, rief Kara. „Das sind die MacGorys in Wolfsfellen.“ Sie lief fort von dem Feuer und den Visionen, die sie darin gesehen hatte. Ihr aus grober Wolle gefertigter Rock schwang um ihre nackten Beine, als sie zu den Pferden lief.

Eoin lief neben ihr her. „Hattest du eine Vision?“

Aye. Ein Mann liegt im Flachland am Fluss. Er ist krank oder verletzt.“ Noch während sie sprach, schwang sie sich auf ihr struppiges Pferd. „Eine Gruppe der MacGorys hat ihn eingekreist.“

Eoin griff nach ihren Zügeln und hielt sie fest. „Es könnte eine Falle sein.“

„Vielleicht.“ Die MacGorys hatten nahezu alles schon versucht, um die Vormacht in Edin an sich zu reißen, doch das Tal war gut geschützt durch die starken Naturgegebenheiten. „ Nay. Er ist keiner von ihnen.“

„Was macht dich so sicher?“

„Ich weiß es einfach.“ Es gab keine logische Erklärung für ihre Gabe; sie wusste nur, dass alle Frauen in ihrer Familie diese besondere Fähigkeit besessen hatten. „Schnell, ruf die Männer zusammen.“

„Warte!“, rief Eoin ihr nach.

„Keine Zeit zu verlieren.“ Kara wendete ihr Pferd in Richtung des Passes. Hinter ihr versammelten sich die anderen, um ihr nachzureiten.

Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, während Kara durch den natürlichen Tunnel innerhalb der Berge ritt, der den einzigen Weg ins Edin Valley darstellte. Dahinter erreichte sie eine hohe Klippe oberhalb des Flusses. Kara ließ den Blick nach unten und den Fluss entlangschweifen.

Ein kurzes Aufblitzen erregte ihre Aufmerksamkeit.

„Da! Da ist er!“ Sie schlug der Stute die nackten Hacken in die Flanken, um sie anzutreiben, und jagte hinab in Richtung Fluss. Das Flussbett lag direkt vor ihr. Sie ritt hindurch, genau in dem Augenblick, als die MacGorys zu rennen begannen. Ihre Umhänge, die sie bisher getarnt hatten, flatterten wie schwarze Flügel hinter ihren Körpern, während die Männer auf den einzelnen Mann zuliefen, der ausgestreckt am Flussufer lag.

Zu spät. Sie würde zu spät kommen!

Da pfiff ein Pfeil über Karas Kopf hinweg und bohrte sich in die Kehle des Anführers der MacGorys. Wie ein gefällter Baum fiel dieser zu Boden. Die übrigen MacGorys wurden nun auf Kara und ihre Clanleute aufmerksam; sie wechselten abrupt die Richtung und rannten nun direkt auf die Gleanedin zu. Ihr durchdringender Kampfschrei ließ die Vögel in den Baumkronen erschreckt auffliegen.

Eoin brach seinerseits in inbrünstiges Kampfgeheul aus. „Kümmere du dich um unseren Streuner dort, Kara“, rief er. „Wir kümmern uns um diese …“ Die Schimpfworte verloren sich in dem lauten Getrappel der Hufe und den aufgeregten Schreien zweier Gleanedins, die es kaum erwarten konnten, den MacGorys ihren letzten Beutezug von vor sechs Monaten und diverse andere Beutezüge auf ihrem Land heimzuzahlen.

Kara murmelte ein kurzes Gebet für ihre Clanleute, um für ihre Sicherheit zu bitten, und beeilte sich, zu dem Mann am Ufer zu gelangen. Er lag mit dem Gesicht nach unten, mit einer Hand umklammerte er einen Langdolch. Handelte es sich um eine Falle, oder hatte er sich aus Angst vor den Wölfen so eingerollt?

„Du kannst wieder aufstehen; es sind keine Wölfe, nur ein Rudel stinkender MacGorys, und Eoin kümmert sich gerade um sie“, rief sie ihm zu. Er antwortete nicht, und sie stieg vom Pferd und stieß ihn versuchsweise mit dem nackten Fuß vorsichtig in die Seite. Er zuckte nicht einmal zusammen. Offensichtlich war er bewusstlos.

„Verdammt, du bist ein ganz schön schwerer Brocken.“ Er musste mindestens sechs Fuß groß sein und an die sechzehn Stones wiegen.

Möglicherweise hatte er sich auch den Kopf gestoßen und damit selbst kampfunfähig gemacht.

Kara kauerte sich neben ihn und starrte auf die blauschwarzen Haarsträhnen, die an seinem Hals klebten. Vorsichtig tastete sie seinen Kiefer entlang, um zu sehen, ob er überhaupt noch lebte. Als sie seinen kräftigen Puls unter ihrem Finger spürte, schien ihr eigenes Herz ins Stocken zu geraten. Ihre Hand zuckte zurück, und in den Fingern spürte sie ein seltsames Kribbeln. „Was soll …?“

Der Mann lag noch immer stumm und reglos auf dem Boden. Hatte sie sich dieses seltsame Gefühl nur eingebildet? Kara schüttelte den Kopf. Das tat jetzt nichts zur Sache. Sie musste ihn von hier fortschaffen, und das konnte sie unmöglich allein tun.

„Hallo. Bist du wach?“ Sie stieß ihn mit dem Finger an. Die Metallglieder seines Hemdes fühlten sich kalt und glitschig an. Was für eine seltsame Art, sich zu kleiden. Sie stieß ihn noch einmal an, härter diesmal.

„Argh! Willst du mich umbringen?“ Er rollte sich herum, bis er auf dem Rücken lag, einen Arm über sein Gesicht gelegt.

Nay , ich wollte nur sichergehen, dass du unverletzt bist.“

„Indem du mich mit glühenden Zangen stichst und mich in der Wüste aussetzt, damit ich von Wölfen gefressen werde?“

„Wölfe.“ Kara drehte den Kopf zur Seite und sah die MacGorys, die laut schreiend und fluchend vor Eoin und den Clanleuten über die Wiese gejagt wurden. „Um die Wölfe musst du dir keine Sorgen machen, die sind schon so gut wie weg. Wie heißt du?“

„Duncan. Heiß … verdammt, es ist so heiß.“

Heiß? Es war ein frischer Oktobertag, und der Wind, der die Bergrücken entlangpfiff, ließ Karas Haut in ihrem Rock und der einfachen Tunika frösteln. „Bist du krank?“, fragte sie alarmiert.

„Natürlich nicht. Bin nie krank gewesen.“

„Vielleicht eine Wunde? Wo wurdest du verletzt?“

„Antiochien.“

Das war wohl ein Ort, wenn auch keiner, von dem Kara jemals gehört hätte. „Ich meinte, wo an deinem Körper wurdest du verletzt?“

„Schulter.“

Mit geübten Händen strich sie über seinen Brustkorb und spürte schon bald den dicken Verband auf seiner linken Seite. Sanft drückte sie dagegen.

Er stöhnte; ein tiefer, knurrender Laut.

„Tut das weh?“

Nay . Mir geht es gut. Lass mich … lass mich einfach hier liegen.“

„Männer – nie wollt ihr zugeben, dass ihr Hilfe braucht!“, schimpfte Kara, nun endlich wieder auf vertrautem Terrain. Sie berührte seine Stirn. „Das hilft dir aber nichts, du glühst vor Fieber und wirst hier sterben, wenn du liegen bleibst. Du kannst ohne Hilfe ja nicht einmal allein aufstehen.“

Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht. In der einbrechenden Dämmerung schien es nur noch aus tiefen Schatten zwischen kantigen Zügen zu bestehen, einer breiten Stirn, eingesunkenen Augen, einer geraden Nase und einem breiten Kinn. „Brauch keine Hilfe. Will keine Hilfe.“

„Dein Pech, Duncan, man bekommt selten das, was man sich wünscht.“

Eine laute Stimme rief nach ihr. Aindreas, der Leiter der Nachtwache, begann gerade seinen Dienst. „Hob sagt, die Jungs jagen ein paar MacGorys und dass du ’nen Verletzten bei dir hast. Brauchst du Hilfe?“

Aye , bring mir ein paar Fackeln und Decken“, rief sie zurück. „Wir müssen eine Trage zusammenbauen, um ihn hier wegzuschaffen.“

„Nay.“ Ihr Patient versuchte mühsam, sich aufzusetzen. Sie stieß ihn mit dem Zeigefinger zurück und sorgte dafür, dass er liegen blieb, bis die Männer kamen. Das Licht der näher kommenden Fackeln tauchte die Umgebung in goldenen Schein, und zum ersten Mal konnte Kara einen wirklichen Blick auf Duncan erhaschen.

„Ihr Götter!“, entfuhr es ihr.

„Kennst du ihn?“ Aindreas zog sein langes Messer und deutete damit auf den Fremden.

Doch für sie war er kein Fremder. „Steck das wieder ein“, sagte sie scharf zu Aindreas. „Er ist keine Bedrohung für uns.“

„Wer ist das?“

„Der Mann, der uns retten wird.“

„Wirklich?“ Aindreas beugte sich zu ihm hinunter und musterte ihn. Was er sah, schien ihn nicht sonderlich zu beeindrucken. „Das ist der Mann, den du im Beltanefeuer im Mai gesehen hattest?“

„Ebender.“ Sie kniete sich neben Duncan. „Es tut mir leid, dass ich dich angestoßen habe.“

Er starrte zu ihnen herauf, und sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich weiter. „Heiden.“

Aindreas versteifte sich. „Hör dir das an, es gibt keinen Grund …“

„Heidnische Barbaren“, murmelte Duncan. „Muss hier weg.“ Er kam endlich auf die Füße, und für einen Mann, der halb bewusstlos war vor Fieber, bewies er eine erstaunliche Kraft.

„Duncan, lass mich dir helfen!“

Er stieß Karas Hand beiseite. „Keine Hilfe.“ Noch immer zitternd und unstet, wandte er sich um und blickte sich suchend nach seinem Pferd um. „Muss hier weg.“ Er schaffte es, zwei Schritte zu tun, ehe die Beine unter ihm nachgaben.

Aindreas fing ihn im Fall auf und ließ ihn zu Boden gleiten.

Autor

Suzanne Barclay
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