Das schönste Geschenk ist deine Liebe

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In den Armen des glutäugigen Stavros über die Tanzfläche zu schweben, ist genau das, was Holly braucht, um ihr gebrochenes Herz für eine Weile zu vergessen. Dieser sinnliche Tanz auf dem Winterball ist allerdings nur das Vorspiel für eine leidenschaftliche Nacht mit dem griechischen Milliardär. Als Holly am Morgen in seinem luxuriösen Penthouse erwacht, ahnt sie nicht, warum Stavros wirklich ihre Nähe gesucht hat.
  • Erscheinungstag 29.12.2020
  • Bandnummer 2472
  • ISBN / Artikelnummer 9783733714611
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Was könnte schrecklicher sein als eine Hochzeit am Heiligen Abend? Wenn frisch gefallener Schnee das Glitzern von Lichterketten zurückwarf, Weihnachtsschmuck Hallen und Räume erstrahlen ließ und der Duft von Winterrosen in der Luft lag?

Holly Marlowe konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen“, verkündete der Geistliche dem frisch vermählten Paar salbungsvoll.

Ihr brach das Herz, als Oliver – ihr Chef, den Holly schon drei Jahre heimlich liebte – sich strahlend vorbeugte … und die Braut küsste.

Ihre jüngere Schwester Nicole.

Gerührt verfolgten die Hochzeitsgäste in den Kirchenbänken die romantische Szene. Während Holly im viel zu engen Brautjungfernkleid mit Tränen in den Augen zu den Buntglasfenstern des alten New Yorker Kuppelbaus aufblickte und dann den Blick wieder ins Innere des mit weißen Kerzen und roten Rosen geschmückten Kirchenschiffs lenkte.

Endlich löste das frisch vermählte Paar sich aus der zärtlichen Umarmung, Nicole nahm Holly den Brautstrauß aus den tauben Fingern und hielt für alle sichtbar ihre Hand mit dem nagelneuen Ehering hoch.

„Das schönste Weihnachtsfest meines Lebens!“, ließ sie die Hochzeitsgesellschaft glücklich wissen.

Tosender Beifall und gerührtes Gelächter der Kirchengäste folgten. Und obwohl Holly bisher Weihnachten immer gemocht hatte, es nach dem frühen Tod ihrer Eltern stets zu etwas Feierlichem für ihre kleine Schwester gemacht hatte, würde sie es für den Rest ihres Lebens hassen.

Holly fühlte sich elend, doch sie durfte nicht egoistisch denken. Nicole und Oliver waren verliebt. Sie müsste sich für sie freuen.

Tapfer rang sie sich ein Lächeln ab.

„Halleluja!“, toste der Kirchenchor von der Empore, untermalt vom Brausen der Orgel.

Lächelnd traten Braut und Bräutigam den Rückzug aus der Kirche an – und Holly sah sich unerwartet Olivers Trauzeugen gegenüber, seinem Cousin und Boss.

Stavros Minos … ihrem neuen Vorgesetzten.

Mit seiner hünenhaften Gestalt wirkte der mächtige Grieche in der alten Steinkirche eher fehl am Platz. Die Atmosphäre um ihn her schien zu vibrieren, man machte ihm unwillkürlich Platz. Ihm hatte man keine lächerliche Hochzeitskostümierung aufgezwungen. Das hätte niemand gewagt. Fast neidisch betrachtete Holly seinen eleganten Smoking.

In dem Moment traf sie ein Blick aus Stavros Minos’ dunklen Augen, der ihr durch und durch ging.

Amüsiert blickte er zu dem strahlenden Brautpaar, das seinen Weg aus der Kirche unter dem Jubel der Hochzeitsgäste fortsetzte … und lächelte ironisch, fast grausam – als wüsste er, dass ihr das Herz brach.

Hollys Mund wurde trocken. Nein, das war nicht möglich. Niemand konnte wissen, wie sehr sie Oliver geliebt hatte. Der jetzt nicht mehr ihr Chef, sondern der Mann ihrer Schwester war. Sie musste so tun, als wäre nie etwas anderes gewesen.

Doch da war etwas! Von der unerwiderten Liebe seiner Sekretärin durfte niemand je erfahren – schon gar nicht Oliver. Niemand ahnte etwas … außer offenbar Stavros Minos.

Doch wen sollte es überraschen, dass der griechische Playboymilliardär Dinge durchschaute, die den meisten entgingen. Mit fast zwanzig hatte er sein Techno-Unternehmen praktisch aus dem Nichts gestampft, das die halbe Welt beherrschte. Unermüdlich berichteten die Medien über seine milliardenschweren Geschäftsabschlüsse, es fehlte nicht an Glamourfotos und pikanten Berichten über seine Eroberungen der schönsten Frauen der Welt.

Während die Töne der Orgel nochmals anschwollen, warf er Holly einen wissenden Blick zu.

Und bot ihr wortlos den Arm.

Widerstrebend nahm sie ihn und versuchte, nicht zu registrieren, wie kraftvoll er sich unter dem schwarzen Smoking anfühlte. Sein Bizeps dürfte praller sein als ihr Schenkel! Unglaublich, dass dieser schwerreiche, mächtige Mann auch noch fabelhaft aussah!

Schon deshalb hatte Holly es vermieden, ihn anzusehen, wenn sie es bei der Arbeit mit seinen Assistenten zu tun hatte.

Tapfer blickte sie geradeaus, während sie dem Brautpaar folgten. Andere Hochzeitsgäste schlossen sich ihnen an.

Vor der alte Kirche auf dem historischen Gelände des Finanzbezirks von New Yorks warteten weitere Hochzeitsgäste, um das frisch vermählte Paar hochleben zu lassen und mit roten und weißen Rosenblättern zu überschütten, die auf die dünne weiße Schneedecke rieselten.

Im schwachen grauen Licht der bewölkten Nachmittagssonne atmete Holly auf, als sie die bereitstehende Hochzeitslimousine erreichten. Hier konnte sie sich endlich von Stavros’ Arm lösen, sich auf den weichen Rücksitz sinken lassen, aus dem Fenster blicken und die Tränen fortblinzeln, die niemand sehen durfte.

Jetzt bloß nicht traurig sein. Nicht heute! In den nächsten Stunden musste sie mit ihrer Schwester und Oliver glücklich sein, die später in die große weite Welt aufbrachen, um ein neues Leben zu beginnen.

„Wow!“ In weiße Tüllwolken gehüllt, ließ Nicole sich auf die geräumige Rückbank der Hochzeitslimousine gleiten und lächelte ihren frischgebackenen Ehemann glücklich an. „Geschafft! Wir sind verheiratet!“

„Endlich!“, spielte Oliver mit und betrachtete seine junge Ehefrau. „Die reinste Kraftprobe. Nie hätte ich gedacht, dass jemand es schafft, mir die Eheschlinge überzustreifen.“

„Bis ich kam!“ Triumphierend bot Nicole ihm die Lippen.

Die er pflichtgetreu küsste. „Richtig.“

Der Sitz neben Holly gab nach, als Stavros Minos sich zu ihr setzte.

Dann wurde die Wagentür zugeschlagen, eine würzige Duftnote erreichte Holly, und die Limousine glitt davon.

Herausfordernd wandte Oliver sich seinem Cousin zu. „Na, mein lieber Stavros … hast du nicht Appetit bekommen?“

Die Miene des markigen Industriellen wurde kälter als die Winterluft. „Und wie! Ich sterbe vor Hunger.“

Holly war fassungslos. Wie konnte man so taktlos sein?

Aber nun … der bekanntermaßen ehescheue milliardenschwere Playboy dürfte genug Anspielungen dieser Art eingesteckt haben und war nur notgedrungen zur Hochzeit seines Cousins erschienen. Und im Gegensatz zu ihr musste er seinen Gefühlen keinen Zwang auferlegen.

Gut, dass das glückliche Brautpaar mit sich beschäftigt war!

„Eigentlich hatte ich Onkel Aristides auch einladen wollen, da er zur Familie gehört“, ließ Oliver ironisch einfließen, „aber ich wusste, dass dir das nicht gefallen würde, Stavros.“

„Sehr großherzig von dir“, bemerkte der trocken.

Holly brach das Herz, sie beneidete ihn um seine Gleichmut. Seit ihre Schwester sie gebeten hatte, nach den Flitterwochen mit ihnen nach Hongkong zu ziehen, war sie hin- und hergerissen. Oliver hatte Minos International bereits verlassen. In New York würde sie zukünftig in der Abteilung des nicht sehr beliebten Vizepräsidenten arbeiten, und auch ein früherer Arbeitgeber hätte sie gern wieder eingestellt.

Sollte sie New York verlassen und wieder für Oliver arbeiten, der in Hongkong einen neuen Job angenommen hatte? Ihre kleine Schwester weiter bemuttern …?

„Hochzeiten sind dir verhasst, stimmt’s?“, zog Oliver seinen Cousin auf. „Jetzt muss ich mir im Büro nicht mehr täglich deine Predigten gefallen lassen, mein Lieber. Dein Verlust ist Sinitechs Gewinn.“

„Genau.“ Stavros zuckte die Schultern. „Soll eine andere Firma deine dreistündigen Martini-Essen finanzieren.“

„Ach ja …“ Oliver befeuchtete sich wollüstig die Lippen. „Ich kann es kaum erwarten, den Sinnenfreuden Hongkongs auf den Grund zu gehen.“

„Ich auch nicht“, pflichtete Nicole ihm bei.

Oliver zuckte zusammen, als hätte er seine Braut vergessen. „Natürlich.“ Er blickte Holly an. „Hat Nicole dich überredet? Kommst du als Sekretärin mit, liebe Schwägerin?“

Aller Augen richteten sich auf Holly. „Wohl nicht …“, brachte sie verlegen hervor.

„Du darfst nicht nur an dich denken“, beharrte Oliver. „Ich komme ohne dich nicht aus. Wer soll jetzt alles für mich organisieren?“

„Außerdem könnte ich bald schwanger sein“, gab Nicole zu bedenken. „Wer kümmert sich um das Baby, wenn du nicht da bist, Holly?“

Der Schmerz in Hollys Kehle wurde stechend. Zusehen zu müssen, wie ihre Schwester ihr den Mann wegnahm, und auch noch auf die andere Seite des Globus umzuziehen war schon hart. Nicoles Vorschlag, bei ihnen zu leben und ihre Kinder aufzuziehen, war grausam.

Holly schwieg.

Gestern war sie siebenundzwanzig geworden … und immer noch Jungfrau. Für die anderen war sie eine tüchtige Sekretärin, die fürsorgliche Schwester – und möglichweise bald Tante. War das alles? Sollte da nicht mehr sein?

Sehnte sie sich nicht danach, Ehefrau eines Mannes zu sein, den sie liebte – der ebenso für sie empfand? Für den sie das Wichtigste auf der Welt war?

Mit siebenundzwanzig durfte sie wohl nicht zu viel erwarten. Seit dem Tod der Eltern hatte sie fast zehn Jahre lang Mutterersatz für ihre Schwester gespielt. Und die letzten drei Jahre Olivers unersetzliche Sekretärin – ohne die er angeblich nicht auskam. Sollte sie für den Rest ihres Lebens nur zusehen, wie andere glücklich waren?

Die Vorstellung war schmerzlich – geradezu brutal.

„Du kommst bestens ohne mich aus“, brachte sie mühsam hervor.

„Bestens?“ Entrüstet schüttelte Nicole den Kopf. „Es wäre eine Katastrophe! Ich brauche dich, Holly! Du musst mit nach Hongkong kommen! Bitte!

Diesen weinerlichen Ton schlug ihre kleine Schwester immer an, wenn sie etwas erreichen wollte. Wie seit Wochen – um Holly zu überreden, die Blitzhochzeit zu organisieren – mit allem Weihnachtsdrumherum, das sie sich für die eigene Heirat erträumt hatte.

Bis ihr bewusst wurde, wie sinnlos es war, von der eigenen Hochzeit zu träumen – die nie stattfinden würde. Wenn ein Mann sich wirklich für sie interessiert hätte, wäre er längst da. Doch da gab es niemanden. Ihre Schwester war die Einzige, die es geschafft hatte. Die bildhübsche zierliche Blondine hatte schon immer eine unwiderstehliche Wirkung auf Männer gehabt und mit zweiundzwanzig verstanden, sie erfolgreich einzusetzen.

Doch nie hätte Holly gedacht, dass es so enden würde, als sie Nicole im Sommer bei einem Firmenpicknick mit Oliver bekannt gemacht hatte.

„Wo ist Moms Goldsternhalsband, Nicole?“

Ihre Schwester griff sich an den Hals. „Sie muss irgendwo im Haus sein. In einer von den Schachteln. Beim Auspacken in Hongkong finde ich sie bestimmt.“

Holly war entsetzt. „Du hast Moms Halskette verloren?“ Traurig genug, dass die Eltern die Hochzeit ihrer Jüngsten nicht miterleben konnten. Nicht auszudenken, wenn Nicole das kostbare goldene Halsband verloren hatte, das ihre Mutter stets getragen hatte!

„Ich habe es nicht verloren“, wehrte Holly gereizt ab. „Es muss irgendwo sein.“

„Wechsle bitte nicht das Thema, Holly“, mischte Oliver sich ein. „Es wäre egoistisch von dir, in New York zu bleiben, obwohl ich dich dringend in Hongkong brauche.“

Egoistisch … Das musste sie sich nicht anhören! Kleine Schwester oder nicht … Holly wollte endlich ein eigenes Leben führen, statt nur auf das Glück anderer bedacht zu sein!

„Ich … Egoistisch möchte ich natürlich nicht sein“, flüsterte sie.

Während die Limousine in Richtung Midtown einbog, blickte Holly aus dem Fenster auf die prächtige Weihnachtsbeleuchtung, die glitzernden Schaufenster in der Sixth Avenue. Auf den Gehwegen tummelten sich Menschen mit Päckchen und bunten Geschenktüten, die rechtzeitig unter den Christbäumen landen sollten, prall gefüllten Weihnachtsstrümpfen – und überall Kinder mit strahlenden Gesichtern …

Unwillkürlich dachte Holly an Nicole in dem Alter, die ihr trotz fehlender Vorderzähne lachend versichert hatte: „Ich hab dich lieb …!“

Ihre Kehle fühlte sich trocken an. „Nicole war ihre Familie, die einzige nahe Verwandte, die ihr geblieben war, und brauchte sie. Sie durfte nicht egoistisch sein. Vieleicht sollte sie einfach …“

„Lasst uns eins klarstellen.“ Stavros Minos beugte sich vor. „Soll das heißen, ihr wollt Miss Marlowe überreden, den Job bei Minos International hinzuwerfen, um tagsüber Vollzeit bei dir im Büro zu arbeiten, Oliver – und abends und nachts Kindermädchen bei euren Babys zu spielen?“

Der Bräutigam wirkte nicht sehr glücklich über den Einwand. „Das geht dich nichts an, Stavros.“

„Ihre Fürsorge ehrt Sie, Mr. Minos.“ Nicole schenkte ihm ein charmantes Lächeln. „Aber Holly kann wunderbar mit Menschen umgehen. Seit ich zwölf war, kümmert sie sich um mich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, ohne sie zu sein.“

„Ohne uns“, betonte Oliver.

Stavros lächelte ironisch. „Denken Sie auch so, Holly?“

Wie seltsam er sie ansah …

„Nach dem Tod unserer Eltern fand ich es selbstverständlich, mich um meine kleine Schwester zu kümmern“, rechtfertigte sie sich vorsichtig. „Wer täte das nicht?“

„Ich nicht“, behauptete Stavros.

„Natürlich nicht.“ Selbstgefällig lehnte Oliver sich auf dem Sitz zurück. „Wir Minos-Männer sind egoistisch und rücksichtslos. Wir tun, was uns passt – zum Teufel mit anderen.“

„Was willst du damit sagen?“, schaltete seine frischgebackene Ehefrau sich ein.

Er zwinkerte ihr zu. „Das macht doch erst unseren Charme aus, Liebling.“

Nicole schien das nicht lustig zu finden. Entschlossen wandte sie sich an Holly. „Ich kann dich nicht einfach in New York zurücklassen. Du wüsstest doch gar nicht, was du mit dir anfangen sollst, Liebes.“

„Ich habe Freunde“, gab Holly steif zu bedenken.

„Aber keine Familie“, trumpfte Nicole auf. „Und wie es aussieht, wirst du auch keine haben …“

„Was werde ich nicht haben?“

„Einen Mann und eigene Kinder. Ach komm schon, Holly“, fuhr Nicole nachsichtig fort. „Du hattest nie einen festen Freund. Willst du als einsame alte Jungfer sterben? Mutterseelenallein?“

Unschlüssig blickte Holly ihre Schwester an.

Nicole hatte ja recht. Morgen würde sie den ersten Weihnachtstag zum ersten Mal allein begehen. Weihnachten und den Rest ihres Lebens …

Sie fing Stavros’ Blick auf. Seine Züge wirkten so kalt und hart wie die einer Marmorstatue in dunkler Winternacht.

Dann ging eine Veränderung mit ihm vor. „Miss Marlowe kann leider nicht mit euch nach Hongkong gehen“, bestimmte er. „Da ich eine neue Vorstandsassistentin brauche, befördere ich sie und erhöhe ihr Gehalt.“

„Wie bitte?“, fuhr Oliver auf.

„Was …?“ Auch Nicole traute ihren Ohren nicht.

Stavros lächelte sie siegessicher an. „Wären Sie bereit, für mich persönlich tätig zu sein, Miss Marlowe? Das bedeutet längere Arbeitszeiten, dafür verdopple ich Ihr Gehalt.“

„Aber …“ Holly wusste nicht, was sie sagen sollte. „Warum ich …?“

„Weil Sie die Beste sind“, beharrte er. „Und weil ich es mir leisten kann.“

Eigentlich hatte Stavros gar nicht beabsichtigt, sich einzumischen. Oliver hatte recht. Das ging ihn nichts an.

Sein Cousin bedeutete ihm nichts. Der Mann war nutzloser Ballast. Längst bereute Stavros, ihn eingestellt zu haben. Als Vizepräsident der Marketingabteilung hatte der Junge jämmerlich versagt. Als er bereits erwogen hatte, seinen Vetter zu feuern, war Oliver ihm mit dem „Überraschungsangebot“ aus Hongkong gekommen. Stavros war froh, ihn loszuwerden. Der gute Oliver dürfte schockiert erkennen, bei dem neuen Arbeitgeber für sein Gehalt arbeiten zu müssen.

Auch auf dessen Braut gab Stavros nicht viel. Obwohl er genug eigene Probleme hatte, hatte er am gestrigen Polterabend eigentlich vorgehabt, Nicole vor den Seitensprüngen des Frauenhelden zu warnen, doch die Blondine hatte ihn nicht zu Wort kommen lassen. Hoffentlich wusste sie, auf was sie sich einließ …

Doch letztlich waren ihm die beiden egal.

Nicht so Holly Marlowe …

Sie war aus anderem Holz geschnitzt.

Wenn er sie richtig einschätzte, hatte Olivers tüchtige, bescheidende Assistentin seit drei Jahren entscheidend dazu beigetragen, dass der Drückeberger sich in dem Job halten konnte. Vermutlich hatte Holly auch zahllose Abende und Arbeitsstunden zu Hause investiert, um ihn „über Wasser“ zu halten. Alle im New Yorker Büro hatten nur Bestes über die zuverlässige, aufopfernde Miss Marlowe zu berichten – von der Hausverwaltung bis zur Unternehmensspitze. Holly Marlowe dürfte die wertvollste Person in der New Yorker Niederlassung sein.

Leider schien sie von den beiden Egoisten besessen zu sein, die sie schamlos ausnutzten – und die sie jetzt unbedingt in die Sklaverei nach Hongkong verschleppen wollten.

Noch vor zwei Tagen hätte Stavros die Sache schulterzuckend abgetan. Jeder hatte das Recht auf eigene Entscheidungen … auch hirnverbrannte.

Doch nach der schockierenden Nachricht, die er gestern bekommen hatte, hatte er sich zum ersten Mal Gedanken um sein Vermächtnis gemacht. Und was er sich eingestehen musste, hatte ihm nicht gefallen.

„Du kannst Holly nicht haben!“, explodierte Oliver. „Ich brauche sie!“

Als Stavros seinem Cousin einen verächtlichen Blick zuwarf, versuchte Nicole, sich für ihren frischgebackenen Ehemann einzusetzen.

„Die Beförderung brauchst du doch gar nicht, Holly“, stimmte sie in sein Klagelied ein.

Auf einmal strahlte Holly – und sah Stavros dankbar an. „Meinen Sie das … ernst?“

„Was ich sage, meine ich ernst.“

Immer noch fuhren sie an festlich erleuchteten Häusern und Schaufenstern vorbei.

Zum ersten Mal betrachtete Stavros die junge Frau genauer: Holly Marlowe war nicht nur tüchtig und hatte ein hübsches Gesicht, sondern auch eine tolle Figur. Bis er ihr in der Kapelle im Schein der Hochzeitskerzen gegenübergestanden hatte, war ihm nie bewusst geworden, dass sie eine Schönheit war.

Und hatte es wohl auch nicht sehen wollen. Schöne Frauen gab es überall auf der Welt, während tüchtige, ehrgeizige Sekretärinnen rar gesät waren. Im Büro war Holly Marlowe unscheinbar, fast unsichtbar aufgetreten. Das feuerrote Haar im strengen Knoten versteckt, ohne Make-up, in formlosen Röcken und praktischen Laufschuhen, hatte sie stillschweigend hinter den Kulissen gewirkt.

War sie schon immer so sexy gewesen?

Mit ihren lebenssprühenden grünen Augen, die von langen dunklen Wimpern gerahmt wurden, blickte Holly ihn an. Sie hatte helle, klare Haut, auf der Nase kecke Sommersprossen. Mit ihren makellosen weißen Zähnen biss sie sich unschlüssig auf die vollen Lippen, das rotgoldene Haar fiel ihr seidig über die Schultern – und das Kleid …

Dieses Kleid …!

Stavros war wie vom Donner gerührt.

Er war noch lange nicht tot. Sein Puls tobte!

Wie eine zweite Haut umschloss die tief ausgeschnittene Korsage volle Brüste, die Stavros unter Holly Marlowes nichtssagender Erscheinung nie vermutet hätte. Bei jeder Bewegung modellierte der weiche Stoff ihre festen Rundungen. Und beim Verlassen der Kirche hatte er einen Blick auf ihren sexy Po erhascht …

Natürlich würde er das ignorieren, wenn Holly Marlowe für ihn arbeitete.

Stavros zwang sich, aus dem Fenster zu blicken. Mit Angestellten fing er nichts an. Warum auch? Die schönsten Frauen umschwirrten ihn und erfüllten ihm jeden Wunsch – während tüchtige Assistentinnen kostbarer waren als Diamanten.

Sex war ein flüchtiges Vergnügen – das Imperium sein Leben.

Machte Holly Marlow auf unscheinbar, um sich als tüchtig zu profilieren?

Und er? Seit der Kindheit hatte Stavros Großes erreichen, die Welt verändern wollen.

Eigentlich hatte er mit Holly noch mehr gemeinsam. Ihm war nicht entgangen, wie gequält sie Oliver angesehen hatte …

Hatten die beiden Geheimnisse, über sie nicht reden wollten …?

Holly Marlowes Fixierung auf Oliver musste ein Ende finden. Wenn sie davon kuriert war, würde sie erkennen, wie knapp sie ihrem Unglück entgangen war.

Und was sein eigenes Geheimnis betraf – das würden die Leute früh genug herausbekommen, wenn er tot war. In sechs bis neun Monaten.

Stavros straffte sich.

In ihm war noch so viel Leben …

Vor wenigen Tagen hatte er sich mindestens fünfzig weitere Jahre gegeben … eine Ewigkeit. Stattdessen war fraglich, ob er seinen siebenunddreißigsten Geburtstag im September noch erlebte …

Er würde einsam sterben. Umgeben von Anwälten und Aktionären, sein Imperium als einziges Vermächtnis hinterlassen. Niemand würde um ihn trauern.

Nicht einmal sein Vater, mit dem er zerstritten war. Und da Stavros nichts von Oliver hielt, würde er seine Aktienpakete der Wohlfahrt hinterlassen.

Armer Stavros, würden seine Exgespielinnen denken, sich im Bett herumrollen und ihrem neuesten Liebhaber zuwenden.

Während er unter der Erde zu Staub zerfiel. Niemand würde erfahren, was es bedeutete, nur für die Arbeit gelebt zu haben. Nicht einmal eine Tochter oder ein Sohn würde seinen Namen fortführen.

Rückblickend erkannte Stavros all das erschreckend klar. Aber war er dafür nicht selbst verantwortlich?

Nicoles grausame Bemerkung fiel ihm ein.

Willst du mutterseelenallein sterben?

In der einsetzenden Dämmerung flammten überall die Weihnachtsbeleuchtungen auf, gelbe Taxis brausten geschäftig an ihnen vorbei und brachten die Menschen an ihre jeweiligen Ziele.

Die Limousine bog ab und hielt vor dem Portal eines Luxushotels am Central Park.

„Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, tönte Oliver vollmundig. „Ich überzeuge dich noch, Holly.“

„Du kommst mit uns nach Hongkong, Liebes.“ Lächelnd zupfte Nicole sich den Schleier zurecht.

Der Chauffeur hielt ihnen den Schlag auf, und Oliver glitt von der Rückbank, um seiner frisch angetrauten Ehefrau galant beim Aussteigen zu helfen. Ein Windhauch erfasste Nicoles weißen Tülltraum, im abendlichen Lichterglanz funkelte ihr Glitzerdiadem prächtig. Touristen blieben stehen und zückten Handys, in der Hoffnung, Royals vor der Linse zu haben. Die Frischvermählten winkten ihnen königlich zu und rauschten in die pompöse Empfangshalle, um vor dem Ballsaal vor den Fotografen zu posieren, ehe die Gäste zum Galaempfang hereinströmten.

Holly und Stavros blieben schweigend in der Limousine zurück. Einen Moment lang rührte Holly sich nicht. Dann sprach Stavros sie an.

„Lassen Sie sich nicht einschüchtern, Holly“, sagte er und redete sie zum ersten Mal beim Vornamen an. „Setzen Sie sich durch. Sie sind so viel mehr wert als die beiden.“

Unwillkürlich kamen ihr die Tränen. „Wieso sagen Sie das?“

„Weil es stimmt“, erwiderte er rau, stieg aus und reichte ihr die Hand.

Sie zögerte – und ergriff sie.

Und dann geschah es.

Stavros hatte mit vielen Frauen geschlafen, mit schönen und mächtigen, Models und Starlets.

Doch als er Hollys Hand berührte, um ihr aus der Limousine zu helfen, spürte er etwas völlig Neues … einen Stromstoß, der ihm durch und durch ging.

Sein Herz begann zu jagen.

Plötzlich begann es zu schneien. Holly blickte zu überrascht zum grau verhangenen Winterhimmel auf, ließ seine Hand los und drehte sich dann lachend unter den leise fallenden Schneeflocken.

Ohne Hollys wärmende Hand fror er im Smoking. Die Welt war wieder ein düsterer Ort und erinnerte ihn daran, dass er eigentlich nichts fühlte. Sekundenlang stand er ganz still, beobachtete sie und richtete dann auch seinen Blick gen Himmel. Wann hatte er das letzte Mal Schneeflocken auf der Haut gespürt?

Könnte er wenigstens eine Tochter oder einen Sohn hinterlassen, wünschte er sich so verzweifelt, dass es schmerzte.

Doch die Frauen, die er kannte, waren ehrgeizig und egoistisch wie er. Ihnen konnte er kein unschuldiges Kind überantworten. Kinder brauchten eine Mutter, die ihre Bedürfnisse über die eigenen stellte. So eine Frau kannte er nicht. Keine einzige …

Dann hörte er wieder Holly Marlowes Lachen und blickte ihr in die leuchtenden Augen.

„Kaum zu glauben!“, freute sie sich und breitete kindlich ausgelassen die Arme aus und versuchte, mit der Zunge Schneeflocken einzufangen.

Wie ein Engel sah sie aus. Ihre Augen funkelten, übermütig rief sie: „Es schneit am Hochzeitstag meiner Schwester! Am Heiligen Abend!“

Auf einmal schienen die Touristen mit ihrem geschäftigen Treiben, die Pferdekutschen und hupenden Taxis, die dröhnende Weihnachtsmusik um Stavros herum zu verschwinden … und er sah nur noch sie.

2. KAPITEL

Der große Ballsaal des Grand Hotels war in ein Winterwunderland verwandelt worden. Prächtig geschmückte Christbäume beherrschten den Raum. Jeden der zwanzig runden, ganz in Weiß gedeckten Tische schmückte ein Gesteck aus dunkelroten und weißen Rosen. Alles war noch schöner, als Holly sich ausgemalt hatte. Bewegt blickte sie sich um.

Schon als einsame Neunzehnjährige hatte sie sich so eine Hochzeitsfeier erträumt, wenn sie abends Hochzeitsfotos aus Hochglanzmagazinen ausgeschnitten und in ein Album geklebt hatte, während ihre kleine Schwester nebenan schlief. Meist war Holly allein zu Hause gewesen, wenn Freunde im College oder in Clubs Spaß hatten.

Dennoch bereute sie nicht, das Collegestipendium aufgegeben zu haben, um zu Hause für ihre jüngere Schwester da zu sein. Nach dem schicksalhaften Unfalltod der Eltern an ihrem Hochzeitstag hatte sie es nicht über sich gebracht, Nicole ins Heim zu geben oder sie Pflegeeltern anzuvertrauen – weil sie sich für ihre kleine Schwester verantwortlich fühlte. Aber nicht nur einmal hatte sie abends weinend auf dem Sofa gesessen und mit ihrem Schicksal gehadert.

Als Trost hatte Holly sich eine Art Traumalbum geschaffen, in das sie sich geflüchtet hatte, bis Nicole vor drei Jahren aufs College gegangen war und Holly eine Stelle bei Oliver annehmen konnte.

In romantischen Fantasien hatte sie sich damals im weißen Prinzessinnenkleid an der Seite eines liebenden Bräutigams gesehen.

Jetzt sah sie zu, wie Nicole und Oliver, umringt von jubelnden Gästen, den ersten Tanz als Ehepaar vorführten.

Und redete sich ein, noch nie so glücklich gewesen zu sein.

„Ein ideales Paar“, bemerkte Stavros plötzlich neben ihr, doch seinem Ton fehlte die Wärme.

Autor

Jennie Lucas

Jennie Lucas wuchs umringt von Büchern auf! Ihre Eltern betrieben einen kleinen Buchladen und so war es nicht weiter verwunderlich, dass auch Jennie bald deren Leidenschaft zum Lesen teilte. Am liebsten studierte sie Reiseführer und träumte davon, ferne Länder zu erkunden: Mit 17 buchte sie ihre erste Europarundreise, beendete die...

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