Ein skandalöser Kuss mit Folgen

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Es war der perfekte Kuss: erregend, verboten – und unvergesslich. Simon Ashford kann sich nicht erklären, wie es zu dem sinnlichen Aufeinandertreffen mit Georgiana, der hübschen Schwester seines Freundes, gekommen ist. Eines aber weiß er: Er will diese Frau. Georgie jedoch glaubt, er handele allein aus Pflichtgefühl. Sie verlässt London und geht auf Reisen. Als sie sich Jahre später in Indien wiederbegegnen, will Simon ihr endlich beweisen, dass er sie wirklich liebt. Georgie aber ist nicht mehr die unschuldige Debütantin. Sie trotzt Krokodilen, dem Monsun und Simons Liebesschwüren, und nicht einmal seine heißen Küsse scheinen sie zu überzeugen …


  • Erscheinungstag 14.03.2026
  • Bandnummer 425
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540254
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Caroline Kimberly

Ein skandalöser Kuss mit Folgen

Caroline Kimberly

Caroline Kimberly hat sich schon immer Geschichten ausgedacht, um ihren Alltag zu verschönern. Erst während des Studiums wurde ihr klar, dass sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen wollte. Seitdem hat sie als Zeitungsreporterin und Lektorin für einen Kinderbuchverlag gearbeitet. Historische Liebesromane waren jedoch schon immer ihr Lieblingsgenre.

1. KAPITEL

London, 1814

Blind vor Wut rannte Georgiana Phillips durch die labyrinthartigen Gänge von Mason House. Eine lose Haarsträhne flog ihr in den Mund, und sie wischte sie leise fluchend weg. Dieser dämliche Trottel Lord Rowling! Wie konnte er es wagen, sie zu begrapschen, als wäre sie eine gewöhnliche Milchmagd?

Es war teilweise ihre eigene Schuld, räumte sie für sich ein und bog, schneller werdend, um eine weitere Ecke. Irgendwie hatte der blasse Baronet sie dazu gebracht, mit ihm spazieren zu gehen, um der Hitze des Ballsaals zu entfliehen. Da sie Harold Rowling schon mehrmals getroffen hatte, hielt sie ihn für unfähig zu komplexeren Hintergedanken und nahm ihn daher beim Wort. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass er sie in einen Schrank zerren würde, um sie … um sie … um dort über sie herzufallen. Dieser Mann war ein Schwein! Wer weiß, wie weit er noch gegangen wäre, wenn sie ihm nicht im richtigen Moment mit ihrem juwelenbesetzten Absatz einen Tritt versetzt hätte? Ihre Frisur war zerstört und sie sah bestimmt vollkommen zerzaust aus, aber zumindest war ihre Ehre unversehrt geblieben.

Zitternd probierte Georgiana eine weitere Tür aus, wobei sie einen hektischen Blick über ihre Schulter warf. Doch auch diese blieb ihr verschlossen. Heute Abend sind definitiv mehr Leute hinter verschlossenen Türen zugange als auf der Tanzfläche, dachte sie düster.

Zu ihrer Rechten waren plötzlich Schritte zu hören. Verzweifelt umklammerte Georgiana den nächsten Türknauf. Sie sprach ein stilles Gebet, drehte den Knauf und hielt den Atem an. Das unverwechselbare Klicken ließ eine Welle der Dankbarkeit durch sie hindurchströmen, und sie schlüpfte in den Raum, zog leise die Tür hinter sich zu und lehnte sich flach atmend gegen das massive Holz.

Mit gespitzten Ohren lauschte sie nach Anzeichen von ihrem Verfolger. Tatsächlich dauerte es kaum länger als ein paar Herzschläge, bis sich Schritte näherten. „Komm heraus, komm heraus, Süße“, hörte sie eine Stimme sagen, die durch die schwere Tür gedämpft klang.

Beim Klang seiner Stimme sträubten sich ihre Nackenhaare, und sie war sich vage bewusst, dass sie inzwischen ganz aufgehört hatte zu atmen. Der Knauf rasselte leise, und sie senkte gerade noch rechtzeitig den Blick, um festzustellen, dass kein Schlüssel im Schloss steckte. Hastig griff sie nach dem Riegel, hielt ihn fest, stemmte ihre Füße fest auf den Boden und drückte mit aller Kraft gegen die Tür.

Einen Augenblick später drehte sich der Knauf ohne ihr Zutun in ihren Händen. Georgiana Phillips – die offizielle Sensation der vergangenen zweieinhalb Saisons, eine junge Dame, die ebenso für ihre Selbstbeherrschung wie für ihre atemberaubende Schönheit bekannt war – unterdrückte ein Schluchzen. Erneut bewegte sich der Türgriff, nur ein kleines Stück, und für einen Moment befürchtete sie, er könnte ihr aus der Hand gleiten. Von der anderen Seite der Tür waren ein grunzendes Ächzen und ein gezischter Fluch zu vernehmen. Einen Moment später hörte sie Schritte, die sich entfernten.

Erleichtert atmete Georgiana auf, lockerte ihren Griff um den Knauf und ließ sich an der Tür zusammensinken, wobei sie die Augen fest zukniff, um sich zu sammeln. So blieb sie einen langen Moment stehen und rang mit der Entscheidung, ob sie der Versuchung nachgeben sollte, zusammenzubrechen und sich in Tränen aufzulösen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit beruhigte sich ihr wild hämmerndes Herz, und ihr Atem wurde langsamer. Als sie ihre Gedanken unter Kontrolle hatte, öffnete sie die Augen und runzelte die Stirn. Die meisten jungen Damen in dieser Situation würden wohl direkt nach Hause gehen und sich mit „Migräne“ ins Bett legen. Da Georgiana jedoch nie eine fügsame junge Dame gewesen war, fühlte sie sich eher wütend als weinerlich. Sie wollte, dass Rowling seine Strafe bekam.

Tief durchatmend ließ sie den Türgriff los und drehte sich um, um ihren Zufluchtsort genauer in Augenschein zu nehmen. Im flackernden Kerzenlicht wirkte der Raum wie ein opulent eingerichtetes Wohnzimmer – wahrscheinlich ein privater Rückzugsort für die Dame des Hauses. Ein kleiner Nebenraum zu ihrer Rechten war durch einen Brokatvorhang teilweise verdeckt. Der schwere Stoff verdeckte jedoch nicht vollständig den Spiegel, der an der Wand hing, und Georgiana richtete sich zu ihrer vollen Größe auf.

Sie würde sich einen Moment Zeit nehmen, um ihre Haare und ihr Kleid zu richten und sich zu sammeln. Dann würde sie wie eine Königin, eine Eiskönigin, in den Ballsaal zurückkehren und Rowling für den Rest der Saison ignorieren. Georgiana verzog das Gesicht. Tatsächlich würde sie dafür sorgen, dass Rowling am Ende der Saison als verpönt galt.

Sie durchquerte den Raum und schob den Vorhang beiseite. Was sie dann sah, vertrieb Lord Rowling restlos aus ihren Gedanken. „Simon!“, platzte sie dummerweise heraus.

„Georgiana?“

Simon Ashford starrte sie an, mit einem Ausdruck von Schock und Verlegenheit in seinen dunkelgrünen Augen. Er lag ausgestreckt auf einem dick gepolsterten Sessel, und sie war so verblüfft, ihn hier zu sehen, dass sie einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass er nicht allein war. Ein zweites Paar Augen, eisblau, starrte sie an. Zunächst war Georgiana verwirrt, denn Simons Begleiterin hatte ihren Kopf praktisch in seinem Schoß. Warum um alles in der Welt kniete sie vor ihm auf dem Boden? Vor allem, da Simon teilweise entkleidet war …

Blitzartig wurde ihr alles klar, und sie spürte, wie eine glühende Röte sich von ihren Zehenspitzen bis zu ihrem Scheitel ausbreitete.

„Was machen Sie hier, Lady Georgiana?“, murmelte Simon, während er hektisch an seiner Hose herumfummelte. Auf seinen hohen Wangenknochen zeichneten sich rote Flecken ab.

Georgiana konnte sich nicht verkneifen, einen Blick auf die üppig gebaute Frau zu werfen, die immer noch vor Simon kauerte. Es handelte sich um eine gewisse Mrs. Octavia Fenimere, die sich nun empört schnaubend aufrichtete. Ihr dichtes blondes Haar war zerzaust, ihr Kleid vorn so tief heruntergezogen, dass ihre sehr großen Brüste hervorquollen. Georgiana spürte, wie sie noch tiefer errötete.

Simons Hemd war offen und gab den Blick auf seine schöne, muskulöse Brust frei. Bei diesem Anblick spannten sich Georgianas Bauchmuskeln auf merkwürdige Art an. Da ihr dieses Gefühl ausgesprochen unangenehm war, zwang sie sich, den Blick auf sein Gesicht zu richten. Während er seine Stiefel anzog, schaute Simon sie unverwandt an. Er verengte die Augen, als ihm Georgianas zerzaustes Haar und ihr ruiniertes Kleid auffielen, sprang auf und packte sie fest am Ellbogen.

„Was in Luzifers Namen ist mit Ihnen passiert?“ Als sie nicht sofort antwortete, schüttelte Simon ihren Ellbogen auf beinahe schmerzhafte Weise. „Was haben Sie getan, Georgiana?“

Plötzlich und unerklärlich verletzt, starrte sie ihn finster an. „Sicher nichts so … so … Vulgäres wie Sie!“, stieß sie aufgebracht hervor und entzog sich seinem Griff. „Noch dazu mit einer verheirateten Frau. Sie sollten sich schämen!“

Er wollte protestieren, aber Mrs. Fenimere kam zu ihnen herübergeschlendert und umschlang seinen linken Arm, wobei ihre Brüste kaum bedeckt waren. Sie klimperte mit den Wimpern, was Simon aber nicht zu bemerken schien. Als ihr klar wurde, dass ihre Reize nicht wirkten, wandte sie sich Georgiana zu und funkelte sie gereizt an.

„Gehen Sie zurück zu den anderen braven kleinen Mädchen“, sagte sie hochmütig und warf Simon einen beredten Seitenblick zu. „Hier spielen die Erwachsenen.“

Empört schnappte Georgiana nach Luft. Ihre Wangen brannten jetzt wie Feuer. Simon blickte finster.

Mrs. Fenimere lächelte wie eine Katze, die gerade Sahne genossen hatte, ohne die Gewitterwolken zu bemerken, die sich in den Augen des jungen Mannes zusammenbrauten. „Simon, ich glaube, wir haben Miss Perfekt bis in ihre perfekten kleinen Zehen erschüttert.“

„Octavia“, sagte Simon scharf. „Lass uns einen Moment allein.“

Nachdem sie Georgiana mit einem letzten bösen Blick bedacht hatte, schniefte Mrs. Fenimere und stolzierte davon, um sich vor einem Seitenspiegel mit ihrem Konterfei zu beschäftigen. Simon wandte sich wieder Georgiana zu, nahm sie erneut beim Arm und führte sie außer Hörweite von Octavia. „Nun?“, fragte er.

Georgiana schüttelte ihn ab und blinzelte die Tränen weg, die ihr in die Augen stiegen. Sie straffte die Schultern und setzte ihre hochmütigste Miene auf. „Wenn Sie es unbedingt wissen müssen“, erklärte sie steif, „ich habe einen kleinen Spaziergang gemacht.“

„Mit wem?“, fuhr er sie an.

Sie presste die Kiefer aufeinander und starrte ihn trotzig an. Simon verschränkte die Arme und erwiderte ihren Blick so lange ungerührt, bis sie schließlich nachgab. „Lord Rowling.“ Sie schnaubte abfällig.

„Hat er sich Freiheiten mit Ihnen erlaubt?“, erkundigte Simon sich in beinahe knurrendem Ton.

„Nun, so bin ich jedenfalls nicht auf dem Ball angekommen, oder?“, fauchte Georgiana.

„Hat er … Sind Sie …?“, begann er, sichtlich aufgebracht darüber, diese Frage stellen zu müssen. Tatsächlich sah er aus, als würde er gleich explodieren.

„Wenn Sie wissen wollen, ob er mich kompromittiert hat, Mr. Ashford, dann lautet die Antwort Nein. Was allerdings nicht daran liegt, dass er es nicht versucht hätte“, fügte sie bitter hinzu.

Simon atmete tief aus und wirkte seltsam erleichtert. Er musterte sie aufmerksam, und Georgiana spürte, wie ihre Knie unter seinem forschenden Blick unerklärlich weich wurden. Sein Hemd war immer noch aufgeknöpft, und sie zwang sich, auf sein Kinn zu starren. Als er eine Hand ausstreckte, um ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn zu streichen, wurde ihr ein wenig schwindelig. Noch nie zuvor hatte er sie berührt. Ihr Atem stockte ein wenig, und sie hob den Blick ein wenig, um ihm in die Augen zu schauen.

Simon schüttelte den Kopf, als müsse er sich aus einer Benommenheit befreien, und räusperte sich. Dann nahm er ihre linke Hand und schob sie in seine Armbeuge. Georgiana schluckte schwer. Simon, der nicht ahnte, wie sehr ihr Herz raste, führte sie sanft zur Tür. „Am anderen Ende dieses Flurs, zweite Tür rechts, ist ein kleiner Salon. Gehen Sie dorthin, schließen Sie die Tür ab und bringen Sie Ihre Haare und Ihr Kleid so gut es geht in Ordnung. Ich werde Nathaniel suchen, damit er Sie nach Hause bringt.“

„Und dann?“, fragte Georgiana gereizt, weil er sie wie eine kleine Schwester herumkommandierte. Sie blieb stehen und sah ihn an. „Finden Sie wirklich, ich solle meinem Bruder erzählen, dass Rowling mir zu nahegetreten ist? Sie kennen doch Nath. Er wird einen Aufstand machen, und morgen früh weiß dann jeder davon, und ich werde gezwungen sein, diesen … Mistkerl zu heiraten!“

Simons Lippen zuckten. „Nein“, erwiderte er. „Ich schlage keineswegs vor, dass Sie es Ihrem Bruder erzählen. Ich rate Ihnen sogar ganz unverhohlen, Nathaniel nichts von Rowling zu erzählen.“

Georgiana schnaubte. „Also belästigt Rowling mich und kommt damit durch?“

„Im Gegenteil. Ich werde ihn kräftig verprügeln.“ Die Vorstellung schien Simon sichtlich zu behagen.

Georgiana verdrehte die Augen. „Oh bravo, Mr. Ashford. Auf diese Weise kompromittiert nicht Rowling mich, sondern Sie tun es! Wirklich genial!“

Doch Simon schüttelte den Kopf. „Ich werde Sie nicht kompromittieren, Lady Georgiana. Ich werde mich einfach mit Rowling an den Kartentisch setzen, ein paar Drinks nehmen und ihn zu einem Kampf provozieren. Ich werde ihn bewusstlos schlagen, und Ihr Ruf bleibt makellos.“

Georgiana dachte einen Moment darüber nach. Am liebsten würde sie Rowling selbst eine Tracht Prügel versetzen, aber das war leider unmöglich. Und wenn ihr Bruder das übernehmen würde, hätte das höchstwahrscheinlich zur Folge, dass sie für den Rest ihres Lebens an Rowling gefesselt war, in guten wie in schlechten Tagen. Eine erschreckende Aussicht, denn eine Ehe mit dem Baronet bestünde definitiv nur aus schlechten Tagen.

Simons Angebot war wirklich die beste Lösung. Außerdem musste sie, wenn sie ganz ehrlich war, zugeben, dass ein alarmierend großer Teil von ihr begeistert wäre, wenn Simon Ashford ihre Ehre verteidigen würde, auch wenn es heimlich geschehen musste. „Einverstanden“, erwiderte sie fröhlich. „Aber ich erwarte, dass Sie ihm die Nase blutig schlagen.“

Simon lächelte, was er nur selten tat und schon gar nicht für sie. Hinter seinen vollen Lippen waren seine Zähne genauso perfekt wie der Rest von ihm. Die Wirkung dieses Lächelns war so brillant wie die Sonne, die an einem bedeckten Tag plötzlich durch die Wolken bricht.

Es raubte ihr regelrecht den Atem, und Georgiana machte sich hastig an ihrem Kleid zu schaffen, um ihn nicht entrückt anzustarren. Sie trat einen Schritt zurück, als würde seine Nähe ihr buchstäblich die Luft aus der Lunge saugen. Nach einem unbehaglichen Moment der Stille zwischen ihnen blinzelte Georgiana und wagte einen Blick in sein Gesicht. Er schaute mit undeutbarer Miene auf sie herab.

Mrs. Fenimere wählte genau diesen Moment, um sich zwischen sie zu drängen und sich besitzergreifend an Simons nackte Brust zu lehnen. Sie streichelte seine Schulter, als wolle sie ihr Revier markieren, und musterte Georgiana herablassend.

„Dann können Sie sich jetzt zurückziehen, Miss Perfekt“, flötete sie. „Simon und ich haben noch etwas zu erledigen.“ Nach allem, was sie heute Abend durchgemacht hatte, war die Verachtung der älteren Frau einfach zu viel für Georgiana. Etwas Heißes brannte in ihren Augen, und sie wandte sich eilig zum Gehen, um die Bilder besagter „Erledigung“ aus ihrem Kopf zu verbannen. Verzweifelt tastete sie nach der Türklinke, in der Hoffnung, fliehen zu können, bevor eine unbeherrschte Tränenflut sie für immer demütigen würde.

Simon wollte etwas sagen, aber sie unterbrach ihn. „Ich entschuldige mich für die Störung, Mr. Ashford.“ Ihre Stimme klang gepresst, zitterte aber zum Glück nicht. Sie deutete einen Knicks an. „Vielen Dank für Ihre Hilfe.“ Sie öffnete die Tür, erpicht darauf, der Situation zu entkommen, änderte aber ihre Meinung, als sie eine stämmige Gestalt im Flur entdeckte. Schnell schlüpfte sie zurück ins Zimmer, schloss die Tür so leise wie möglich und lehnte sich dagegen, genau wie zuvor. Sie starrte Simon fassungslos an.

„Du liebe Zeit, was ist denn jetzt schon wieder?“, fuhr Mrs. Fenimere sie an, offensichtlich verärgert darüber, dass ihr abendliches Unterhaltungsprogramm unwiederbringlich ruiniert war.

„Ihr Mann“, stieß Georgiana erstickt hervor.

Simon fluchte. Mrs. Fenimere schrie tatsächlich vor Überraschung auf und hielt sich eine Hand vor den Mund, um den Laut zu unterdrücken. „Angus ist da draußen? Sind Sie sicher?“

Georgiana konnte nur nicken. Simon löste sich aus der Umschlingung seiner Begleiterin und gesellte sich zu Georgiana an die Tür.

„Simon“, sagte Octavia panisch. „Was sollen wir tun?“ Sie war ganz blass geworden und schien zu zittern.

„Reiß dich zusammen“, zischte er.

Octavia schluckte schwer, bevor sie zum Spiegel eilte, um ihre Frisur und ihr Kleid zu richten.

„Simon, die Tür lässt sich nicht abschließen“, flüsterte Georgiana.

Simon seufzte und sah ihr direkt in die Augen. „Wie schwer würden Sie Fenimere schätzen?“, fragte er leise.

„Mehr als hundert Kilo, würde ich sagen.“

Simon schnitt eine Grimasse.

„Vielleicht sollten Sie bei der Auswahl ihrer Liebschaften in Zukunft besser auf das Kampfgewicht des Ehemanns einer Dame achten als auf die Größe ihres Busens“, fügte sie eisig hinzu.

Erneut verzog Simon das Gesicht, während er sich mit den Händen gegen die Tür stemmte. „Können Sie den Türgriff festhalten?“

„Ja.“ Sie drückte sich seitlich gegen die Tür und umfasste den Knauf mit beiden Händen. Als ihr einfiel, wie Rowling ihn ihr beinahe entrissen hatte, schwand ihre Zuversicht. „Ich glaube schon“, fügte sie zweifelnd hinzu.

„Wenn Sie den Knauf verlieren“, wies er sie ruhig an, „werfen Sie ihr ganzes Gewicht gegen die Tür. Solange er nicht hereinkommt, ist alles in Ordnung.“

Viel zu früh hörten sie Fenimere brüllen. „Octavia!“ Georgiana zuckte zusammen und umklammerte den Knauf noch fester.

„Ganz ruhig, Prinzessin“, flüsterte Simon verlockend nah an ihrem Ohr. Sein warmer Atem streichelte ihre Schläfe, und plötzlich wurde ihr die Hitze seines Körpers bewusst. Georgiana musste dem Drang widerstehen, sich an ihn zu schmiegen. Innerlich alle Männer verfluchend, zwang sie sich dazu, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren.

Einem lauten Klopfen folgte heftiges Ruckeln am Türgriff. Mr. Fenimere war viel stärker als Rowling, stellte Georgiana fest. Und viel hartnäckiger. Tatsächlich begann sie sich zu fragen, ob er jemals aufgeben würde. Ihre Hände und Handgelenke schmerzten von den Anstrengungen, und zu ihrem Entsetzen keuchte sie tatsächlich ein wenig vor Anstrengung und Angst.

Georgiana wusste, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. Sie wollte gerade loslassen, als zwei starke, warme Arme sie umfassten. Große Hände umschlossen ihre eigenen, und plötzlich fühlte ihre Beine sich seltsam wackelig an. Georgiana wusste nicht recht, wie ihr geschah, als sie Simon so intim an sich gedrückt spürte; sein Hemd war immer noch aufgeknöpft, und der Kontakt seiner nackten Haut mit ihren nackten Schulterblättern raubte ihr buchstäblich den Atem.

Bevor sie jedoch das Gefühl richtig genießen konnte, wurde die Türklinke erneut geschüttelt, noch heftiger als zuvor. Georgiana biss die Zähne zusammen und hielt sich fest. Sie hörte einen gedämpften Fluch, einen wütenden Schlag gegen die Tür und einen weiteren weiter unten, der ein Tritt gewesen sein musste. Schließlich gab Fenimere auf und marschierte den Flur entlang, um sich an einer anderen Zimmertür zu vergehen.

Georgiana atmete aus und entspannte sich. Dadurch wurde sie sich des halbnackten Mannes, der sie immer noch fest umschlungen hielt und genauso schwer atmete wie sie, umso mehr bewusst. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite und erschrak, als sie seine Lippen auf ihrer Haut spürte.

„Das war ziemlich knapp, nicht wahr?“, murmelte er.

Sie konnte kaum denken, geschweige denn antworten. Stattdessen nickte sie stumpfsinnig, woraufhin seine Lippen ihre Schläfe liebkosten. Georgiana konnte das leichte Zittern nicht unterdrücken, das ihr den Rücken hinunterlief.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie so groß sind“, flüsterte er im Plauderton, offensichtlich gewahr, welche Wirkung er auf sie hatte. „Wir würden ein gutes Paar auf der Tanzfläche abgeben.“

Georgiana sammelte ihre wabernden Gedanken zusammen und versuchte, ihre Hände unter seinen hervorzuziehen. „Sie können mich jetzt loslassen.“

„Das sollte ich wohl“, stimmte er zu, machte jedoch keine Anstalten, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Nach einem Moment des Schweigens seufzte er. „Ihr Haar duftet wunderbar. Nach Lavendel“, hauchte er ihr ins Ohr. Sie konnte tatsächlich spüren, wie sein Lächeln sich auf ihre Haut abzeichnete.

Tatsächlich spürte sie seine Stimme in ihrem ganzen Körper, ein sanftes, tiefes Timbre, das sowohl kultiviert als auch rau klang, und sie roch die berauschende Mischung aus Brandy und Minze und Hitze und, nun ja, männlicher Essenz, die Simon auszumachen schien. Ihr Herz schlug wie wild. In diesem Moment konnte Georgiana Phillips absolut nachvollziehen, warum Frauen wie Mrs. Octavia Fenimere sich allein in einem Raum mit Simon Ashford wiederfanden. Wenn er sprach, klang seine Stimme tief und voll, ganz anders als das gekünstelte Lispeln so vieler junger Dandys. Keine noch so große Menge Haarpuder oder Rüschen könnten jemals verschleiern, wie durch und durch maskulin er war – nicht, dass er sich mit derlei Firlefanz abgegeben hätte. Nahm man sein seltenes, aber umwerfendes Lächeln dazu und das mutwillige Funkeln in seinen Augen, war es wirklich kein Wunder, dass die Frauen ihm scharenweise verfielen.

Und nachdem sie seinen nackten Oberkörper gesehen hatte, kam Georgiana zu dem Schluss, dass der Rest von ihm wahrscheinlich auch nicht schlecht war.

Alarmglocken schrillten in ihrem Kopf. Simon Ashford war gefährlich. Er war die Art von Mann, der eine junge Dame dazu bringen konnte, sich selbst zu vergessen. Sie musste dringend Abstand zwischen sich und ihn bringen. „Hören Sie bitte auf, mich zu necken“, sagte sie leise und zog ihre Hände zurück.

Diesmal gab er sie frei. Überrascht, wie sehr sie seine Wärme vermisste, lenkte Georgiana sich ab, indem sie glättend über ihren Rock fuhr. Mrs. Fenimere rief ihn zu sich, damit er ihr beim Richten ihres Kleides half, und Georgiana tat ihr Bestes, Simon zu ignorieren, als er vor ihr vorbeiging. Er brachte ihre Gedanken zu sehr durcheinander.

Als sie aufblickte, sah sie, dass Simons Begleiterin sie beobachtete. „Die kleine Miss Perfekt ist vielleicht doch nicht ganz so makellos“, bemerkte Octavia mit einem wissenden Lächeln. „Machen Sie sich keine Sorgen, meine Liebe. Das könnte Sie sogar interessant machen. Perfektion kann furchtbar langweilig sein, findest du nicht, Simon?“

„Octavia, meine Liebe“, erwiderte Simon, der sich hinter ihr an ihrem Gewand zu schaffen machte, „sie hat uns beide gerade vor einer zweifellos unangenehmen Situation mit deinem Ehemann bewahrt. Halt also bitte den Mund.“

Er war mit den Knöpfen fertig, und Mrs. Fenimere bauschte ihre Röcke auf. Sie warf Simon einen schmollenden Blick zu. „Wie sehe ich aus, Liebling?“

„Wunderschön wie immer“, er lächelte sie an. „Ich bedaure zutiefst, dass wir uns schon so bald trennen müssen.“

Georgiana konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, mit den Augen zu rollen.

Mrs. Fenimere lachte kehlig und tippte ihm mit ihrem Fächer an die Brust. „Wir könnten doch zu Ende bringen, was wir angefangen haben.“

„Ein anderes Mal.“ Simon nahm sie beim Arm und führte sie hinaus.

An der Tür verabschiedete er Mrs. Fenimere sehr höflich und angemessen. Sie jedoch warf sich ihm um den Hals und küsste ihn direkt auf den Mund. Georgiana schnaubte angewidert und vielleicht auch ein bisschen eifersüchtig und stapfte zum Kamin. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schalt sich erneut dafür, dass sie sich überhaupt darum scherte, was er tat. Dass ihr eine Träne über die Wange lief, war ziemlich lächerlich, ganz zu schweigen davon, dass es sie wütend machte. Ungehalten wischte sie sich übers Gesicht. Endlich hörte sie das Klicken des Türriegels und dann eine leise spöttische Stimme. „Genießen Sie Ihren Abend, Miss Perfekt.“

Georgiana fuhr herum, Galle stieg ihr in die Kehle und eine scharfe Erwiderung lag ihr auf der Zunge, aber Simon schloss bereits die Tür.

Dann lehnte er sich zurück und fuhr mit den Händen durch sein dunkelbraunes Haar. „Verdammt noch mal“, murmelte er. „Was für ein Abend.“ Er ging zu ihr hinüber, nahm ihre Hand, führte sie taktvoll um den großen Sessel herum – Schauplatz seines früheren Vergehens – zu dem Sofa rechts davon.

Mrs. Fenimeres Retikül lag darauf. „Oh, sehen Sie nur“, rief Georgiana unschuldig. „Die liebe Octavia hat ihre Handtasche vergessen. Ich sollte mich wirklich darum kümmern.“

Georgiana hatte große Freude daran, das Retikül der anderen Frau aufzuheben, es auf den Boden fallen zu lassen und so kräftig dagegenzutreten, dass es quer durch den Raum flog.

„Viel besser“, sagte sie und riss gespielt arglos die Augen auf, um Simon zu einer Reaktion herauszufordern.

Doch er lachte nur leise, während er ihr bedeutete, Platz zu nehmen. „Wir müssen reden.“

Es ist wirklich absurd, dachte Georgiana. Sie schwärmte für den sündhaft gut aussehenden Simon Ashford, seit ihr Bruder Nathaniel sie einander vor zwei Jahren auf dem Londoner Ball des Marquis von Deverill vorgestellt hatte. Wann immer er in der Nähe war, achtete Georgiana darauf, dass sie besonders witzig, besonders charmant und besonders unwiderstehlich war. Simon jedoch nahm sie kaum wahr.

Trotz seiner Zurückhaltung, oder vielleicht gerade deswegen, fand Georgiana ihn faszinierend. Sein Desinteresse verwirrte sie zutiefst, da die Vertreter der männlichen Spezies ihr ansonsten seit ihrem vierzehnten Lebensjahr unverhohlen den Hof machten. Sie konzedierte ohne falsche Bescheidenheit, dass sie eine auffallende Erscheinung war, auch wenn sie selbst ihr Gesicht mit den ungewöhnlichen violetten Augen, den vollen rosigen Lippen und der klaren olivfarbenen Haut aber eher als ungewöhnlich denn als schön bezeichnen würde. Wohingegen Ihr üppiger Busen und ihre schmale Taille vermutlich die landläufigen Kriterien für Schönheit erfüllten.

Ungeachtet ihrer eigenen Meinung fand sie es lächerlich, dass Männer sie umschwärmten, nur weil ihre Züge als besonders vorteilhaft wahrgenommen wurden. Dennoch taten sie es, daher hatte sie sich inzwischen daran gewöhnt.

So gesehen war es wirklich ärgerlich, dass ausgerechnet der einzige Mann, an dem sie ansatzweise Interesse hatte, ihr nicht zu Füßen lag.

Während der zwei Jahre – zwei Jahre – ihrer Bekanntschaft hatte Simon nie aus eigenem Antrieb einen vollständigen Satz mir ihr gewechselt. Offensichtlich war er zu wichtig, um sich mit einem unerfahrenen Mädchen abzugeben, und murmelte meist nur einsilbige Antworten auf die belanglosen Fragen, die sie ihm stellte, bevor er ohne ein weiteres Wort verschwand, um alle anderen Frauen im Raum zu bezaubern. Diese revanchierten sich, indem sie ihn umringten wie ein englischer Harem.

Ironischerweise hatte er ihr heute Abend endlich etwas zu sagen.

Sie musterte den hochgewachsenen, attraktiven Mann, der darauf wartete, dass sie etwas erwiderte. „Worauf wollen Sie hinaus, Mr. Ashford?“

„Sie haben mich vorhin Simon genannt“, sagte er und ignorierte ihre Frage. „Zweimal sogar.“

„Nur unter großer Anspannung, das versichere ich Ihnen“, antwortete sie.

Einige Sekunden beäugte er sie abschätzend. „Finden Sie nicht, wir könnten, nach allem, was wir heute Abend durchgemacht haben, auf die Formalitäten verzichten? Zumindest für den Moment?“, fragte er dann.

Sie erwiderte seinen forschenden Blick. Sie sollte jetzt gehen, sagte sie sich, hatte aber nicht wirklich die Absicht, dies zu tun. Der Gedanke, ihn bei seinem Vornamen zu nennen, ließ ein kleines Kribbeln der Freude durch ihren Magen tanzen, was exakt der Grund war, warum sie es dringend bleiben lassen sollte.

„Na schön“, hörte sie sich stattdessen sagen. „Simon.“

Er lächelte dieses umwerfende Lächeln, und Georgiana musste sich schwer beherrschen, um sich nicht näher zu ihm zu beugen. Ein kleiner Teil von ihr geriet in Panik. Simon hatte zwar die Kleidung und das Auftreten eines Gentlemans, war aber gleichzeitig ein wenig wild – rücksichtslos, schön und raubtierhaft. Die Tatsache, dass Georgiana das attraktiv fand, schockierte und verunsicherte sie zugleich.

Es war nicht ratsam, Simon Ashford zu nahe zu kommen. Sie musste die aufkeimende Verbindung zwischen ihnen kappen, daher konfrontierte sie ihn mit der beleidigendsten Bemerkung, die ihr einfiel. „Was um alles in der Welt haben Sie mit Octavia Fenimere gemacht?“

Doch die Frage schien ihn nicht vor den Kopf zu stoßen, zauberte vielmehr ein wolfsähnliches Lächeln auf seine Lippen. „Wonach sah es denn aus, was ich mit ihr gemacht habe?“

Und Georgiana Phillips, die es sich zur Regel gemacht hatte, niemals zu erröten, zumindest nicht im normalen Alltag, errötete erneut. „Ich weiß sehr wohl, was Sie getan haben“, gab sie spöttisch zurück. „Ich meinte, warum haben Sie das ausgerechnet mit Mrs. Fenimere getan? Sie ist verheiratet, um Himmels willen.“

„Was bedeutet, dass sie mich nicht heiraten will“, gab Simon zu bedenken.

Abfällig verzog Georgiana das Gesicht. „Nun, sie hat offensichtlich die Moral einer Katze.“

„Ja“, stimmte er enthusiastisch zu. „Das hat sie.“

Das Bild von Octavia Fenimeres üppigen nackten Brüsten schoss ihr durch den Kopf, und Georgiana schüttelte es ab. „Vergessen Sie’s“, sagte sie angewidert.

„Ah. Ich sehe, Sie haben es begriffen.“ Simon lachte leise.

Georgiana schnaubte. „Ich fange an zu glauben, dass alle Männer zügellos sind.“

„Apropos zügellose Männer“, sagte Simon geschmeidig, „erzählen Sie mir, was mit Rowling passiert ist.“

„Hören Sie auf, das Thema zu wechseln“, schalt sie.

Simon seufzte. „Ich war mit Octavia zusammen, weil sie schöne Augen hat, große Brüste und mich wirklich gern beglückt. Wenn mich das zügellos macht, dann bin ich es wohl. Ich wette jedoch, dass unter diesem Gesichtspunkt die meisten Männer zügellos sind, da dies häufig die Kriterien sind, nach denen wir unsere Bettpartnerinnen auswählen. Befriedigt das Ihre Neugier, Georgiana?“ Niemand hatte es jemals gewagt, so unverblümt und ehrlich mit ihr zu reden. Fassungslos starrte sie ihn an. „Ich glaube, ich mag Sie lieber, wenn Sie mich ignorieren.“

Jetzt war Simon an der Reihe, sie perplex anzustarren. „Wann habe ich Sie jemals ignoriert?“

„Bei jeder Gelegenheit!“, stammelte sie. „Sie schauen mir fast nie in die Augen und sagen kaum ein Wort, wenn ich in Ihrer Nähe bin. Und wenn Sie sich doch mal dazu durchringen, mich zu beachten, sind Sie unglaublich unhöflich. Diese ganze Unterhaltung ist unangemessen, daher werde ich mich jetzt zurückziehen. Guten Abend, Mr. Ashford.“

Sie stand auf, um zu gehen, aber er fing ihre Handgelenke ein und umfasste sie mit eisernem Griff.

Sie funkelte ihn finster an. „Würden Sie mich bitte loslassen.“

Unbeeindruckt schüttelte Simon den Kopf. „Sobald wir fertig sind. Aber zuerst möchte ich klarstellen, dass ich Sie nie ignoriert habe. Ich habe Sie aus angemessener Entfernung bewundert, und wenn wir miteinander gesprochen haben, habe ich Ihnen stets den Respekt und die Ehrerbietung entgegengebracht, die einer jungen, unverheirateten Dame Ihres Standes und Ihrer Haltung gebühren.“

Georgiana blickte zuerst auf ihre Handgelenke und dann in sein Gesicht, die Augenbrauen hochgezogen.

„Mit Ausnahme von heute Abend“, gab Simon zu.

Sie sah ihn weiter mit steinerner Miene an. „Nur weil ich mich nicht den Horden von überpuderten, blassen Dummköpfen angeschlossen habe, die schamlos um Ihre Aufmerksamkeit buhlen, heißt das nicht, dass ich Sie ignoriert habe“, protestierte er.

„Nein, Sie behandeln mich, als hätte ich die Pocken“, murmelte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Nicht, dass es mich stört, nachdem ich Ihre Liste der wünschenswerten Eigenschaften gehört habe – große Brüste und niedrige Moral sind offenbar Ihre einzigen Maßstäbe für den Wert einer Frau. Ganz zu schweigen von der obszönen Art, wie Sie sich gegenüber jenen Begleiterinnen benehmen, die Sie Ihrer Zeit für würdig erachten.“

Seine Augen funkelten belustigt, und Georgiana kämpfte gegen den Drang an, ihn gegen das Schienbein zu treten. „Georgiana Phillips, ich glaube, Sie sind eifersüchtig“, sagte er. „Ich muss zugeben, ich fühle mich geschmeichelt.“

Georgiana tat empört. „Schockiert, ja. Aber eifersüchtig? Niemals.“

Zögernd strich Simon mit einem Finger über ihre Wange, und Georgiana unterdrückte das Zittern, das sie zu durchlaufen drohte. „Wissen Sie“, murmelte er, „ich kann jede einzelne Begegnung zwischen uns aufzählen. Und obwohl ich es nur ungern zugebe, kann ich wahrscheinlich sogar die Farbe des Kleides nennen, das Sie bei jeder dieser Gelegenheiten getragen haben, ebenso wie die Namen der Personen, mit denen Sie den größten Teil des Abends verbracht haben. Ich habe Sie nicht ignoriert. Wenn Sie in meiner Nähe sind, ist es mir geradezu unmöglich, Sie nicht zur Kenntnis zu nehmen.“

„Selbst wenn das wahr wäre“, Georgiana bemühte sich um einen skeptischen Unterton, „haben Sie in zwei Jahren kaum ein Wort mit mir gewechselt. Zwei Jahre, und wir haben nie über etwas Substanzielleres als das Wetter gesprochen. Ich bezweifle, dass Sie mich heute Abend angesprochen hätten, wenn ich nicht in diesem Raum Zuflucht gesucht hätte. Und als Sie endlich beschlossen, sich mit mir zu unterhalten, haben Sie mir eine ganz Reihe von Dingen gesagt, die ich als ebenso persönlich wie unpassend empfinde, ja sogar als vulgär, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich das alles einordnen soll.“

Er fuhr ihr weiter über die Wange, so sanft und aufmerksam, als wäre er von ihrer Haut fasziniert. „Sie haben nicht ganz unrecht“, räumte er ein. „Ich glaube, ich wollte einfach nicht das Risiko eingehen, etwas Dummes zu Ihnen zu sagen, also war es einfacher, gar nichts zu sagen.“ Er beendete seine Liebkosung und zuckte selbstironisch mit den Schultern. „Aber da Sie heute Abend bereits einige Berührungen mit Vulgarität hatten, dachte ich, ein paar unverblümte Worte würden Sie nicht überfordern.“ Erneut ballten sich Sturmwolken in seinem Blick. „Georgiana, was ist mit Rowling passiert?“

„Das geht Sie nichts an“, fauchte Georgiana.

„Doch, wenn ich ihn verprügele schon“, entgegnete Simon. „Ich muss wissen, wann ich damit aufhören soll.“

Georgiana dachte über seine Worte nach, was ihr nicht leichtfiel, da er mit einer ihrer Haarsträhnen spielte. „Rowling fragte mich, ob ich spazieren gehen wolle, da es im Ballsaal ziemlich stickig sei. Er sagte mir, er würde zwei meiner Freundinnen einladen, uns zu begleiten. Ich stimmte zu.“

„Lassen Sie mich raten. Er ist zu Ihren Freundinnen gegangen, die zugenickt und gelächelt haben. Dann ist er zu Ihnen zurückgekommen und hat gesagt, Ihre Freundinnen würden Sie draußen vor dem Ballsaal treffen. Wir wissen natürlich beide, dass er den geplanten Spaziergang gegenüber den beiden jungen Damen mit keiner Silbe erwähnt hat. Wahrscheinlich hat er irgendwelche belanglosen Kommentare über die Einrichtung oder die Musik gemacht, sodass sie aus Höflichkeit zustimmen mussten.“ Simon schüttelte den Kopf. „Wirklich, Georgiana, ich hätte Sie für intelligenter gehalten.“

„Haben Sie den Mann mal kennengelernt?“, fragte Georgiana. „Er scheint völlig unfähig zu sein, irgendwelche zusammenhängenden Gedanken zu entwickeln. Ich hatte keine Ahnung, dass er mehr als ein paar Worte auf einmal formulieren kann, geschweige denn einen Plan dieser Größenordnung aushecken.“

„Wahrscheinlich hat ihm jemand anderes den Trick verraten“, stimmte Simon zu.

„Und mich überrascht es kein bisschen, dass Sie sich mit solchen Tricks so gut auskennen“, erwiderte Georgiana mit so viel Herablassung, wie sie aufbringen konnte.

Simon verdrehte die Augen. „Ich agiere lieber direkter. Normalerweise flüstere ich einer Dame etwas völlig Unpassendes ins Ohr.“

„Und das funktioniert?“, fragte Georgiana spöttisch, obwohl sie wirklich neugierig war.

„Nun, entweder habe ich Glück oder ich erhalte eine Ohrfeige. So oder so weiß ich, woran ich bin.“ Simon grinste sie mutwillig an. „Die besten Nächte sind die, in denen ich beides bekomme.“

Georgiana unterdrückte ein Kichern, und als sie aufblickte, erwischte sie Simon dabei, wie er sie intensiv anstarrte. Sie spürte ein Kribbeln am ganzen Körper, als wären alle Nerven in ihr gleichzeitig erwacht. Das Bild von Simon, wie er halbnackt auf diesem Sessel lag, stieg vor ihrem inneren Auge auf, und einen Moment lang drohte die Erinnerung, wie sich seine Haut auf ihrer angefühlt hatte, sie zu überwältigen. Georgiana verspürte den unerklärlichen Drang, mit ihren Fingern über seine Brust zu fahren, um zu sehen, ob sie so warm und stark war, wie sie sie in Erinnerung hatte.

Etwas in ihrer Miene musste ihn gestört haben, denn Simon ließ abrupt ihre Handgelenke los und rückte ein Stück von ihr weg. Georgiana entspannte sich ein wenig.

„Rowling hat Sie also überlistet“, fuhr er in freundlichem Ton fort. Sein Gesichtsausdruck war jedoch weniger freundlich, und Georgiana schluckte schwer.

„Ich finde diese Formulierung unangenehm“, protestierte Georgiana und unterdrückte das ungewohnte Gefühl, das erneut in ihr aufstieg. „Ich bezweifle stark, dass er eine Runkelrübe überlisten könnte, und ich möchte meinen Intellekt nicht mit Wurzelgemüse in einen Topf werfen.“

Simon seufzte und rieb sich die Nasenwurzel. „Na gut. Darf ich sagen, dass Sie ihn unterschätzt haben? Ist das akzeptabel?“

Georgiana dachte kurz darüber nach und nickte dann.

„Wie kommt es, dass Sie seit drei Jahren in der Gesellschaft sind und immer noch nur ein rudimentäres Verständnis von Männern haben?“, fuhr er fort.

„Entschuldigen Sie bitte“, erwiderte Georgiana gekränkt. „Ich bin eine vornehm erzogene junge Dame! Ich soll überhaupt kein Verständnis von Männern haben!“

„Das ist wahr“, räumte Simon ein. „Was ich eigentlich sagen wollte, ist, dass eine schöne Frau niemals, niemals einen Mann unterschätzen sollte. Egal welchen. Auch Männer, die so langweilig sind wie Runkelrüben.“

Georgiana tat erstaunt. „Haben Sie mich gerade schön genannt?“

Simon schnaubte. „Hören Sie auf, nach Komplimenten zu fischen. Jetzt passen Sie auf“, er tippte ihr auf die Stirn. „Ich werde Ihnen jetzt eine grundlegende Wahrheit offenbaren, eine Wahrheit, die für Ihr Wohlergehen von entscheidender Bedeutung ist, und ich möchte, dass Sie mir gut zuhören. Sind Sie bereit?“ Er ignorierte geflissentlich ihr Augenrollen. „Männer wollen das Eine von Frauen. Nur das Eine, Georgiana, und ich versichere Ihnen, dass ich nicht von der Ehe spreche.“

„Ja“, erwiderte Sie gedehnt. „Das haben Sie mit Octavia ziemlich deutlich demonstriert.“

Simon besaß tatsächlich den Anstand zu erröten. „Ja, nun“, er räusperte sich, „wir reden jetzt über Sie, nicht über mich. Sie müssen begreifen, dass Männer einfach nur Männer sind, egal ob Adlige oder Bauern, und wir würden fast alles tun, um dieses Eine zu bekommen, selbst diejenigen von uns, die langweilig oder harmlos wirken. Unter den Schichten aus Kleidung, Vornehmheit und Komplimenten sind wir kaum besser als ein Rudel Wölfe. Verstehen Sie?“

Georgiana nickte.

„Gut. Was ist passiert, nachdem Sie mit Rowling den Ballsaal verlassen haben?“

„Wir sind eine Weile herumgelaufen und haben meine Freundinnen gesucht, bis wir uns verlaufen haben.“ Sie schaute Simon an. „Ich war dumm, das gebe ich zu. Er hat mich mit belanglosen Dingen unterhalten, sodass ich nicht darauf geachtet habe, wo wir waren. Bevor ich mich’s versah, waren wir in einem leeren Flügel des Gebäudes, und er hat mich in einen kleinen Raum gestoßen und die Tür verschlossen.“

Simons Lippen waren sehr schmal geworden. „Hat er Sie angefasst?“

Eine Träne rollte Georgiana über die Wange, und sie wischte sie weg, verärgert darüber, dass sie weinte. Sie lachte bitter auf. „Er hatte plötzlich ein Dutzend Hände. Er erinnerte mich an ein Gemälde der hinduistischen Gottheit Kali, das mein Großvater in seinem Arbeitszimmer hat. Überall Arme.“

Simon strich ihr sanft mit kreisenden Bewegungen über den Rücken, was, wie sie wusste, eine beruhigende Geste sein sollte. Anstatt sie zu trösten, hatte es jedoch den seltsamen Effekt, dass ihr ganz warm wurde. Sie merkte, wie sie leicht erbebte. Er sagte nichts, schaute sie nur erwartungsvoll an, also redete Georgiana weiter.

„Das war aber noch nicht das Schlimmste“, flüsterte sie verlegen, aber mit dem Bedürfnis, es jemandem zu erzählen. Seine Hände bewegten sich nicht mehr auf ihrem Rücken, und sie konnte die Anspannung spüren, die von ihm ausging.

Georgiana zwang sich, die Worte auszusprechen, so peinlich sie auch waren. „Er hat mich geküsst. Aber es war kein normaler Kuss, Simon. Er … er hat tatsächlich seine Zunge in meinen Mund gesteckt. Es war schrecklich!“

„Das ist alles?“ Simon seufzte erleichtert und entspannte sich sichtlich. „Gott sei Dank“, murmelte er.

„Wie können Sie das sagen?“, stammelte Georgiana wütend. „Er hat seine Zunge in meinen Mund gesteckt! Ich fühle mich verletzt!“

Simon lachte nur leise. „Sie sind wirklich unschuldig.“

„Ich weiß nicht, warum Sie das lustig finden“, fuhr sie pikiert auf. „Natürlich bin ich unschuldig. Es ist meine Pflicht, bis zu meiner Hochzeitsnacht keusch zu bleiben.“

„Entschuldigen Sie bitte.“ Er strich wieder über ihren Rücken. „Ich wollte damit nichts andeuten. Es ist nur … es ist schwer zu glauben, dass jemand, der so aussieht wie Sie, noch nie einen richtigen Kuss bekommen hat.“

Stirnrunzelnd überlegte Georgiana, wie sehr sie sich beleidigt fühlen sollte. „Ich will lieber gar nicht wissen, was Sie über mein Aussehen denken“, versetzte sie kühl und starrte ihn düster an, um ihre Worte zu unterstreichen. „Und wenn zu einem richtigen Kuss gehört, seine Zunge in den Mund einer anderen Person zu stecken, dann bin ich sehr froh, dass ich das bislang nicht erlebt habe. Ich möchte sogar nie wieder geküsst werden.“

Simon sah sie mit einem undeutbaren Ausdruck an, der sie wahnsinnig machte. „Ich finde“, sagte er leise, „Sie sehen aus wie die fleischgewordenen Träume der meisten Männer – wie eine dunkle, exotische Prinzessin, üppig und geheimnisvoll und sinnlich, deren einziger Zweck es ist, einem Mann Vergnügen zu bereiten. Sie, Prinzessin, sehen aus wie die Versuchung in Person.“

Georgiana starrte ihn an, verunsichert durch ihre eigene Reaktion. Sie sollte entrüstet sein, fand seine Worte jedoch berauschend. Ihr Puls raste, und ihr wurde tatsächlich schwindelig. Sie schluckte schwer – ihr Mund war aus unerklärlichen Gründen trocken geworden.

Simon räusperte sich. „Wie auch immer, Sie sollten nicht auf Küsse verzichten, Georgiana. Offensichtlich hat Rowling es vermasselt. Küssen kann sehr … angenehm sein.“

Zweifellos glühten ihre Wangen, aber anstatt Simon sehen zu lassen, wie sehr er sie beeindruckte, zuckte Georgiana betont lässig mit den Schultern. „Ich habe überhaupt kein Interesse daran, jemals wieder zu küssen“, erklärte sie. Sie fühlte sich lächerlich schüchtern und dreist zugleich.

Sie hatte keine Zeit zu reagieren. Eben noch saß sie hochmütig auf einer Seite des Sofas, im nächsten Moment lag sie in seinem Schoß. Simons Blick wanderte sofort zu ihrem Mund, und Georgianas Lippen kribbelten vor Vorfreude.

„Das klingt ein bisschen wie eine Herausforderung“, murmelte Simon mit sanfter, seidiger Stimme. „Ich glaube, ich würde gern versuchen, Sie umzustimmen.“

Bevor sie auch nur ansatzweise eine Antwort herausbringen konnte, streiften seine Lippen bereits über ihre. Ein absurder Gedanke – Simon Ashford küsst mich tatsächlich! – schoss ihr durch den Kopf, bevor sie seine Lippen erneut spürte.

Natürlich war sie schon einmal geküsst worden. Als sie fünfzehn war, hatte sie zugestimmt, den jungen Rupert Hawlings zu küssen, mehr aus Neugierde als aus Zuneigung zu dem Jungen. Und als sie siebzehn war, hatte ein übermäßig eifriger Elliott Spincer sie bei zwei verschiedenen Gelegenheiten geküsst. Jeder Kuss war angenehm, wenn auch etwas feucht, gewesen, aber nichts, was sie regelmäßig tun wollte.

So etwas wie Simons Küsse hatte sie jedoch noch nie erlebt. Seine Lippen lagen weich und warm und verführerisch auf ihren, und Georgiana ließ sich einfach in die Berührung hineinschmelzen. Simon umfasste ihren Nacken und zog sie näher zu sich heran. Er fuhr mit seiner Zunge über ihre Unterlippe und knabberte sanft daran, was ihren ganzen Körper erzittern ließ.

Georgiana spürte, wie sich ihr Mund entspannte, und sie fühlte, wie Simons Zunge über ihre Lippen spielte. Sie öffnete leicht den Mund und lud ihn unbewusst ein, mehr zu nehmen. Er fuhr träge ihre Unterlippe nach und drang dann langsam in ihren Mund ein.

Anstatt sich zu schämen oder angewidert zu sein, wunderte sich Georgiana über das berauschende Gefühl. Sie gab sich der Wärme und Weichheit seiner Lippen hin und genoss seinen Geschmack. Er leckte sanft ihre Zunge, dann wieder, und eine Welle der Hitze durchflutete sie.

Irgendwann wurde Georgiana bewusst, dass es zwar sehr angenehm war, geküsst zu werden – wirklich überaus angenehm –, sie selbst aber nicht wirklich küsste. Sie wollte versuchen, sich ebenso sorgfältig einzubringen wie Simon. Also legte sie ihre Hände um seine Schultern und erwiderte seinen Kuss mit ihrer Zunge. Als sie das tat, veränderte sich etwas in ihrem Miteinander. Simon hörte auf, ihren Mund gemächlich mit sanften Küssen zu bedecken. Er neigte seinen Kopf und tauchte tiefer ein; nicht mehr sanft, sondern eindringlich, fordernd, nach etwas verlangend, das Georgiana nicht vollständig verstand. Es war absolut berauschend.

Plötzlich fühlte Georgiana sich gierig, und zum ersten Mal in ihrem Leben ließ sie sich völlig gehen. Simon zu küssen, gab ihr das Gefühl, wild und frei und mächtig zu sein. Sie küsste ihn eifrig zurück, begegnete seiner Zunge mit kühnen streichelnden Berührungen und genoss das Durcheinander der Empfindungen. Mit der Klarheit eines unvermittelten Blitzschlags erkannt Georgiana, warum Frauen wie Mrs. Octavia Fenimere vor Simon Ashford auf die Knie gingen.

Simon stieß einen leisen Laut aus und löste sich von ihr. Georgiana blinzelte, mehr als ein bisschen enttäuscht, dass er aufgehört hatte. Er atmete schwer und sah genauso benommen aus, wie sie sich fühlte. Wortlos starrte er sie an, mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an. Sie biss sich auf die Unterlippe und wünschte, er würde sie wieder küssen.

„Oh verdammt“, sagte Simon schließlich ganz leise.

„Ich glaube, Sie haben mich umgestimmt“, flüsterte Georgiana heiser. Sie hob ihm ihren Mund entgegen. „Aber wir sollten sichergehen.“

Einen Moment lang dachte sie, er würde protestieren. Er saß ganz still unter ihr und reagierte nicht, als sie ihm Küsse auf die Wangen, das Kinn und die Lippen hauchte. Sie warf alle Hemmungen über Bord, gab sich ganz dem Moment hin und genoss die seidige Wärme seiner Haut, das leichte Kratzen seiner Bartstoppeln an ihrem Kinn, die Hitze seines Mundes. Es war erotisch und ärgerlich zugleich, dass Simon ihre Küsse zuließ, ohne sie zu erwidern.

Simon schien zwar zu zögern, ihren Kuss zu erwidern, war aber keineswegs unempfänglich. Tatsächlich schien er sogar sehr offen für ihre ungeübten Liebkosungen zu sein. Georgiana genoss es, wie er nach Luft schnappte, als sie an seiner Unterlippe knabberte, genauso, wie er es bei ihr getan hatte. Sie lächelte über das Zittern, das sie verursachte, als sie mit ihrer Zunge über seine Oberlippe fuhr. Und das leise Stöhnen, das sie ihm entlockte, als sie ihr Gewicht auf seinem Schoß verlagerte, um es sich bequemer zu machen, ließ sie tatsächlich erschaudern.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam sie sich jedoch ein wenig albern vor. Sosehr sie es auch genoss, Simon zu berühren, sie war nicht der Typ, der sich einem Mann an den Hals warf. Vor allem nicht ihm – Frauen warfen sich ihm ständig an den Hals. Es war besser, sich zurückzuziehen, bevor sie verzweifelt wirkte. Georgiana küsste ihn innig auf die Lippen, neckte ihn, wie er sie geneckt hatte, und versuchte, sich etwas Witziges einfallen zu lassen, damit sie nicht das Gefühl hatte, sich nur ungeschickt zu verhalten.

Mit großer Anstrengung zwang sie sich schließlich dazu, sich aufzurichten und ihm in die Augen zu schauen. Sie wollte gerade etwas unglaublich Weltgewandtes und Raffiniertes sagen, als würde sie ständig Männer küssen, als Simon das Wort ergriff. „Sie sollten mich wirklich nicht so küssen, Georgie“, flüsterte er heiser.

„Sie haben mir doch gesagt, ich soll einen anständigen Kuss ausprobieren“, sagte Georgiana defensiv. „Und nennen Sie mich nicht Georgie.“

„Das, Georgie“, erwiderte er leise, „war alles andere als ein anständiger Kuss.“

Verletzt durch diese unerwartete Zurechtweisung, runzelte Georgiana die Stirn. „Sie, Mr. Ashford, sind ein Schurke. Erst stacheln Sie mich an, Sie zu küssen, und dann kritisieren Sie mich dafür.“ Sie wollte aufstehen, aber Simon hielt sie erneut an den Handgelenken fest. Seine Augen waren fast schwarz, als er den Blick über ihr Gesicht wandern ließ, so eindringlich, als wolle er sie in sich aufsaugen, und seine engelsgleichen Züge waren zu einer harten Maske verzerrt, die ihn fast unkenntlich machte. Unwillkürlich musste Georgiana schlucken.

„Ich bin ein Schurke“, gab er zu. „Aber nicht aus dem Grund, den Sie vermuten.“

Georgiana versuchte, ihre Hände zu befreien, doch ihre Bemühungen waren halbherzig. „Lassen Sie mich los“, verlangte sie, ohne ihm in die Augen zu sehen. Sie musste weg von ihm, bevor sie sich noch lächerlicher machte. Denn so gern sie es auch leugnen würde, sie wollte ihn unbedingt wieder küssen.

„Nein. Was ich meinte, Prinzessin, ist, dass Sie mir einen sehr unanständigen Kuss gegeben haben“, fuhr er fort. „Und ich liebe unanständige Küsse. Sie wecken wunderbar unanständige Gedanken in mir … Gedanken daran, Sie überall zu küssen.“

Georgiana errötete heftig bei dieser kühnen Andeutung. „Simon, das ist verrucht!“, rief sie vorwurfsvoll.

Bevor sie protestieren konnte, hatte er seine Hand in ihrem Haar vergraben und zog sanft daran, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen. Er strich mit den Lippen über ihr Kinn, und Georgiana spürte, wie ihr Inneres schmolz.

Sein Mund war nur einen Hauch von ihrem entfernt, und seine Lippen streiften ihre, als er sprach. „Schockierend verrucht, ich weiß“, er nickte. „Vor diesem Kuss hätte ich vielleicht noch genug Verstand gehabt, um Sie gehen zu lassen. Aber jetzt muss ich Sie haben.“

Georgiana versuchte, eine passende Antwort zu finden, aber ihr Kopf war vernebelt. Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Simon umfasste ihr Gesicht und begann, sie sehr entschlossen zu küssen. Hungrig. Als könne er nie genug von ihr bekommen. Wie von selbst legten sich ihre Arme um seinen Hals, und sie küsste ihn mit rücksichtsloser Hingabe zurück.

Sie war so sehr in seinen Kuss versunken, dass Georgiana Phillips, umschwärmte Königin des Ton, die grundsätzlich niemals ein Gesicht, einen Namen oder eine Regel vergaß, sich in diesem Moment nicht nur selbst völlig vergaß, sondern auch die Tür mit dem kaputten Schloss. Sie vergaß auch, wie sehr Mrs. Octavia Fenimere sie verabscheute und dass Mrs. Fenimeres Retikül immer noch auf dem Boden lag, nur wenige Meter von ihr und Simon und seinen köstlichen, verruchten und skandalösen Küssen entfernt.

***

Für Octavia Fenimere war es keine Überraschung, dass Simon die kleine Miss Perfekt küsste. Das verdammte Mädchen war schlichtweg atemberaubend. Stirnrunzelnd hob Octavia ihr Retikül hoch, ohne dass das leidenschaftliche Paar etwas davon mitbekam. Einen langen Moment starrte sie die beiden an, dann verließ sie wütend den Raum.

Das eigentlich Überraschende an der Situation, überlegte sie bitter, während sie den Flur entlang in Richtung Ballsaal ging, war, dass die kleine Miss Perfekt ihn tatsächlich zurückküsste, und das ausgesprochen enthusiastisch. Dass Lady Georgiana sowohl schön als auch witzig war, war schon schlimm genug. Wenn sie zudem auch noch leidenschaftlich war, könnte das problematisch werden.

Bis jetzt hatte Octavia nur amüsiert zugeschaut, wie Lady Georgiana unerfahrene junge Männer und heiratswillige Lords an der Nase herumführte. Obwohl sie nur drei Jahre auseinander waren, kreuzten sich ihre Wege selten, da sie sehr unterschiedliche Ziele verfolgten, was Männer anging. Außerdem war Georgiana zu unschuldig und zu sittsam, um das Interesse der Wüstlinge und verheirateten Männer zu wecken, die Octavia bevorzugte. Aber sobald die kleine Nervensäge selbst verheiratet war und ihres Gatten überdrüssig wurde … Wieder runzelte Octavia die Stirn. Alle interessanten Männer würden sich um sie scharen wie Hunde, die einen Fuchs wittern. Octavia hatte zwar nichts gegen ein wenig Konkurrenz, aber sie erkannte sofort, wenn die Spielbedingungen ungleich waren.

Der Anblick von Nathaniel Phillips, der mit mehreren Offizieren der Royal Army plauderte, ließ sie die Brauen noch weiter zusammenziehen. Der Mann war noch unnahbarer als seine hochnäsige Schwester, zumindest in ihren Augen. Er war groß und schlank, hatte dichtes kastanienbraunes Haar, das sein perfekt geformtes Gesicht umrahmte, und dunkelblaue Augen. Er war der zweite Sohn des Dukes, benahm sich jedoch eher wie ein Mitglied des Königshauses. Einmal hatte sie den Fehler gemacht, während eines Walzers mit ihm zu flirten. Als sie ihm zu verstehen gab, dass sie nach dem Walzer vielleicht Zeit für ihn hätte, hörte er höflich zu, warf ihr dann einen Blick voller Verachtung zu, drehte sich um und ließ sie allein auf der Tanzfläche stehen. Es war äußerst peinlich gewesen.

Was würde er wohl von Georgianas skandalösem Verhalten halten?

Jäh hellte sich ihre Stimmung auf. Es war ganz klar. Georgiana Phillips würde ihr nie wieder auch nur einen unangenehmen Moment bereiten. Die Einfachheit ihres Plans entlockte ihr ein leises Lachen.

Denn gewiss würde Nathaniel den Ruf seiner Schwester und den Namen seiner Familie vor einem Skandal schützen wollen. Mit diesem Gedanken machte sie sich auf den Weg zu Little Miss Perfects großem Bruder.

***

Irgendwie hatte sich ihre Frisur vollständig aufgelöst, und ihr Kleid war völlig ruiniert. Beides war Georgiana in diesem Moment jedoch völlig egal, da sie zu sehr damit beschäftigt war, Simon finster anzustarren. Zuerst hatte er ziemlich abrupt aufgehört, sie zu küssen, und sie unsanft auf die Füße gestellt, was ihrer Meinung nach völlig unentschuldbar war.

Und jetzt schien er offenbar sein Gewissen entdeckt zu haben. Wer hätte gedacht, dass Küssen so anstrengend sein konnte?

„Wir müssen zurück in den Ballsaal, Prinzessin“, sagte er. „Bevor ich Sie noch weiter kompromittiere.“

Georgiana runzelte unmutig die Stirn. „Wir sind ziemlich weit davon entfernt, mich zu kompromittieren, Simon.“

„Nicht so weit, wie Sie denken“, erwiderte er leise.

Georgiana seufzte verdrossen, begann aber, sich wieder zurechtzumachen. Simon beobachtete, wie sie ihre zerzausten Haare mit Nadeln bändigte. Seine Miene war wieder undurchdringlich.

Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Georgie“, platzte er heraus, „ich habe mir überlegt, dass ich Ihnen morgen meine Aufwartung machen könnte …“

„Sie sind zu nichts verpflichtet, Simon“, gab sie missmutig zurück und versuchte, ihre Enttäuschung nicht zu zeigen. „Es war nur ein kleiner Kuss. Ich bin sicher, Sie küssen Frauen ständig auf diese Weise.“

Simon starrte sie an. „Nein, Georgie, das tue ich nicht. Und ich küsse ganz sicher keine jungen, heiratsfähigen Frauen, ohne an die Zukunft zu denken. Nicht auf diese Weise.“

Georgiana verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist doch lächerlich. Machen Sie etwa jeder Frau, die Sie küssen, den Hof?“

„Die Frauen, die ich normalerweise küsse, suchen normalerweise niemanden, der ihnen den Hof macht“, erklärte er gepresst.

„Da sie bereits verheiratet sind“, fügte sie hinzu und tätschelte ihm angesichts seiner entrüstet funkelnden Augen beruhigend den Arm. „Simon, ich weiß es zu schätzen, dass Sie ehrenhaft an mir handeln wollen.“

Simon schnaubte. „Was ich mit Ihnen tun will, Prinzessin, ist alles andere als ehrenhaft.“

Beschwichtigend hob Georgiana eine Hand. „Ich verstehe das. Wirklich. Nachdem Sie die jüngere Schwester Ihres besten Freundes geküsst haben, werden Sie zweifellos von Schuldgefühlen geplagt. Als Gentleman möchten Sie die Dinge wieder in Ordnung bringen, indem Sie um die arme, missbrauchte Frau werben.“

„Und ich dachte, ich hätte Sie verführt“, entgegnete er sarkastisch.

„Hören Sie zu“, sagte Georgiana sehr langsam, als würde sie ein kleines Kind belehren, „Sie brauch...

Autor

Caroline Kimberly

Caroline Kimberly hat sich schon immer Geschichten ausgedacht, um ihren Alltag zu verschönern. Erst während des Studiums wurde ihr klar, dass sie ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen wollte. Seitdem hat sie als Zeitungsreporterin und Lektorin für einen Kinderbuchverlag gearbeitet. Historische Liebesromane waren jedoch schon immer ihr Lieblingsgenre.

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