Julia Herzensbrecher Band 71

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HEISSE AFFÄRE IN CORNWALL von HEIDI RICE

Kein Mann hat je derart heftige Gefühle in Maddy geweckt wie der attraktive Ryan! Was Wunder also, dass sie Ja sagt, als er sie in sein Haus in Cornwall einlädt. Doch nach einer wundervollen Nacht keimt in Maddy ein böser Verdacht: Ist Ryan ein notorischer Playboy?

SONNE, MEER – UND LIEBE? von LORNA MICHAELS

Sonne, Meer, ein einsamer Strand – genau das braucht Christy nach der Scheidung! Doch dann taucht mitten im tropischen Sturm ein Mann auf: durchnässt, verletzt und ohne Erinnerungen. Wer ist der geheimnisvolle Fremde? Christy weiß nur, dass sie sich auf einmal wieder nach Liebe sehnt …

UNSERE INSEL IN DER KARIBIK von RENEE ROSZEL

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  • Erscheinungstag 13.06.2026
  • Bandnummer 71
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540667
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Heidi Rice, Lorna Michaels, Renee Roszel

JULIA HERZENSBRECHER BAND 71

Heidi Rice

1. KAPITEL

„Dieser Typ muss der schlechteste Surfer der Welt sein“, sagte Maddy Westmore fassungslos und zitterte unter ihrer Jacke mit der Aufschrift „Rettungsschwimmer“. Der heftige Regen an diesem Oktobertag behinderte ihre Sicht, doch sie konnte den Blick nicht von dem großen, durchtrainierten Mann abwenden, der etwa sechzig Meter vom Strand entfernt im aufgewühlten Meer mit den Elementen kämpfte. Fasziniert und schuldbewusst zugleich beobachtete sie, wie er sich auf sein Surfbrett zog, das Gleichgewicht wiederfand und sich dann aufrichtete. Als er heftig schwankte, hielt sie den Atem an.

Seit über einer Stunde versuchte der arme Kerl nun schon, bei jenem für Cornwall typischen miesen Wetter zu surfen, das der Wildwater Bay im siebzehnten Jahrhundert ihren Namen gegeben hatte. Und Maddy hatte ihm fast die gesamte Zeit dabei zugesehen: wie er hinausschwamm, die größte Welle abwartete und dann auf sein Surfbrett stieg. Doch noch war es ihm kein einziges Mal gelungen, sich auf einer großen Welle länger als ein paar Sekunden auf dem Brett aufrecht zu halten.

Einerseits beeindruckte es Maddy, wie ausdauernd er war, andererseits begann sie langsam an seiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Er musste doch schon völlig durchgefroren und trotz seines muskulösen Körpers total erschöpft sein, zumal die Unterströmungen an diesem Teil des Strandes berüchtigt waren.

„Immerhin ist er ziemlich fit“, gab Maddys Kollege Luke in seinem breiten australischen Akzent zu bedenken. „Und er kommt immer wieder problemlos aufs Brett.“

Maddy atmete heftig aus, als der Surfer erneut rückwärts vom Brett fiel.

„Tja, sein Gleichgewichtssinn lässt allerdings zu wünschen übrig“, stellte Luke ungerührt fest. „Wollen wir Feierabend machen? In zehn Minuten machen wir den Strand sowieso dicht, und außerdem kann jetzt jederzeit die vorhergesagte Gewitterfront eintreffen.“

Maddy ließ sie den Blick über den von den Rettungsschwimmern bewachten Bereich gleiten: Bis auf ein paar vereinzelte Leute mit Boogieboard war der Strand leer. Sogar die abgehärtetsten Surfer waren schon vor Stunden nach Hause gegangen – bis auf einen.

„Ist gut“, stimmte sie zu. „Wir sollten ihn erlösen.“ Sie nahm das Megafon von der Ladefläche des Transporters und freute sich dabei schon auf die heiße Spezialschokolade, die sie ihrem Chef Phil zu Beginn ihrer Nachmittagsschicht im Wildwater Bay Café abschwatzen wollte.

Noch immer war das schwarze Surfbrett mit dem unverkennbaren gelben Zickzackmuster zwischen den hohen Wellen zu sehen.

„Der muss völlig verrückt sein.“ Maddy betrachtete die Gewitterwolken, die sich in einiger Entfernung zusammenzogen. Auch der Wind wurde stärker. In einem derart aufgewühlten Meer wäre es sogar für einen erfahrenen Surfer schwer gewesen, sich oben zu halten. Sie sagte ins Megafon: „Die Rettungsschwimmer beenden ihre Schicht und raten allen, sofort aus dem Wasser zu kommen.“

Doch auch nachdem sie die Ansage wiederholt hatte, reagierte der Surfer nicht.

„Hat er uns vielleicht nicht gehört?“, überlegte Maddy.

„Der Kerl ist schließlich erwachsen, und wenn er sich unbedingt umbringen will, werden wir ihn nicht davon abhalten können“, erwiderte Luke, rieb die Hände aneinander und fing an, die Flaggen einzusammeln, mit denen der bewachte Strandabschnitt markiert war.

Als er damit fertig war, nahm er Maddy das Megafon aus den vor Kälte gefühllosen Händen und legte es auf die Ladefläche. „Ich habe in einer Stunde ein Date mit Jack, der mir heißen Sex zum Nachtisch versprochen hat.“ Jack war Lukes neuer Freund.

Besorgt sah Maddy, wie der Surfer sich ein wenig schleppend wieder aufs Brett zog. Dann zwang sie sich, den Blick abzuwenden. „Du bist wirklich ein echter Romantiker“, stellte sie ironisch fest.

Er lachte. „Heißer Sex kann durchaus romantisch sein, wenn man es richtig anstellt.“

Maddy half ihm, die Fahnen auf die Ladefläche zu hieven. „Ach ja?“, fragte sie ein wenig wehmütig. Seit einem Jahr wohnte sie im Cottage ihrer Großmutter und arbeitete als Rettungsschwimmerin und Kellnerin. Die Abende waren fast immer ihrem Hobby Seidenmalerei gewidmet, sodass Maddy wirklich keine Zeit für Romantik hatte. Und heißen Sex hatte sie noch nie in ihrem Leben gehabt. Eher lauwarmen, dachte sie stirnrunzelnd, als sie die letzte Fahne auf den Wagen hoben.

Letzten Sommer hatte Steve sie verlassen, weil Maddy ihre Seidenmalerei angeblich wichtiger war als er. Und so ganz unrecht hatte er damit nicht gehabt. Denn obwohl sie fast jede freie Minute in ihrer provisorischen Werkstatt gewesen war, hatte die Seidenmalerei sie weniger angestrengt als Steve. Zugegeben, zum Höhepunkt war Maddy durch ihr künstlerisches Hobby nicht gelangt, aber in dieser Hinsicht war auf Steve auch kein Verlass gewesen. Warum hatte sie es nur so lange mit ihm ausgehalten und sich dann noch mehrere Monate wegen der Trennung gequält?

Zitternd schob Maddy sich die Hände in die Jackentaschen. Zumindest hatte sie zum ersten Mal auf ihren Bruder Callum gehört und nicht den Fehler begangen, sich wieder mit Steve zu versöhnen. Auch das Geld, um das er sie angebettelt hatte – und das sie mit Sicherheit nie wiedergesehen hätte –, hatte sie ihm nicht geliehen.

Zwar hatte sie auf Sex und einen warmen Körper verzichten müssen, an den sie sich nachts anschmiegen konnte, doch das war ein geringer Preis dafür gewesen, Achtung vor sich selbst zu bekommen. Sie musste aufhören, „menschliches Treibgut“ – wie Callum es ausdrückte – bei sich aufzunehmen und zu versuchen, diese Gestrandeten zu therapieren. In dieser Hinsicht lag Cal absolut richtig, auch wenn er in Bezug auf Beziehungen nicht gerade eine Autorität war. Er hatte noch nie eine gehabt, die länger als eine Nanosekunde gedauert hätte. Als die Beziehung ihrer Eltern in die Brüche gegangen war, hatte er sich zu einem Casanova erster Güte entwickelt, während Maddy ihren Helferkomplex ausgelebt hatte.

Angefangen hatte es vor vielen Jahren mit Eddie Mayer, der Maddy in der Schuldisco geküsst und ihr dann das Geld für die Schulkantine abgeluchst hatte. Steve war eigentlich nur der Letzte in einer Reihe von Nichtsnutzen gewesen, die alles von Maddy bekommen, aber nichts zurückgegeben hatten. Im vergangenen Winter hatte sie beschlossen, ein neues Leben anzufangen. Seit zwei Wochen war sie vierundzwanzig. Es war also höchste Zeit aufzuhören, immer wieder dieselben Fehler zu machen.

Von nun an würde sie nicht mehr ständig viel zu nett sein und versuchen, allen zu helfen. Nein, in diesem Jahr würde sie die Dinge selbst in die Hand nehmen und bekommen, was sie wollte. Von nun an würde sie andere benutzen statt umgekehrt. Leider waren bereits zehn Monate ins Land gegangen, ohne dass auch nur ein einziger Kandidat auf der Bildfläche erschienen wäre, der sich gern hätte benutzen lassen.

„Merkwürdig“, sagte Luke jetzt. „Ist der Typ an uns vorbeigekommen?“

Maddy verdrängte die Gedanken an den bedauernswerten Zustand ihres Liebeslebens. Als sie sah, wie Luke mit zusammengekniffenen Augen aufs Meer hinausblickte, zog sich ihr vor Angst der Magen zusammen. Ohne weiter zu überlegen, streifte sie sich die Jacke ab, griff nach dem Rettungsbrett und rannte los.

„Nein, ist er nicht“, rief sie ihm über die Schulter zu, während sie aufs Wasser zurannte und angstvoll den Blick umherwandern ließ.

Wenige Augenblicke später hatte Luke sie eingeholt, ausgerüstet mit Funkgerät und Brett. „Ich rufe einen Hubschrauber.“

„Nein, warte, da drüben ist er!“ Maddy hatte das Surfbrett mit dem leuchtend gelben Zickzackstreifen entdeckt. Als sie sah, dass die dunkle Gestalt darauf sich nicht bewegte, erfasste sie Panik.

Lukes Antwort ging im Rauschen unter, als sie sich ins kalte, aufgewühlte Wasser warf. Es war unglaublich anstrengend, gegen die hohen Wellen anzukämpfen, doch zum Glück trieb der verletzte Surfer nicht sehr weit entfernt, da die Wellen sein Brett in Richtung Strand trugen. Schwer atmend versuchte Maddy, sich ihre Kraft gut einzuteilen. Als der Surfer den Kopf bewegte, sah sie auf seiner aschfahlen Wange etwas Tiefrotes. Er blutet! dachte sie und kämpfte sich so entschlossen durch das kalte Wasser, dass ihr Arme und Schultern wehtaten.

Endlich erreichte sie ihn und schob das Rettungsbrett unter ihn. „Keine Sorge, ich bin bei dir!“, rief sie.

Als sie sich mit dem Klettband abmühte, mit dem das Surfbrett des Mannes an seinem Knöchel befestigt war, türmte sich eine mannshohe Welle hinter ihnen auf. Der Surfer stöhnte leise, und etwas Blut rann ihm vom Haaransatz über die Wange.

Konzentrier dich, schärfte Maddy sich innerlich ein. Mach das Band los. Einen Moment nachdem sie den Mann befreit und aufs Rettungsbrett gezogen hatte, brach sich die riesige Welle über ihnen.

Eine Sekunde lang war Maddy wie erstarrt, dann handelte sie genau, wie sie es in der Ausbildung gelernt hatte: Sie umfasste das Rettungsbrett fest, trat heftig Wasser und brachte so sich und den Mann inmitten der tosenden Wellen an die Wasseroberfläche. Der Strand schien unendlich weit weg und all ihre Kraft aufgebraucht zu sein. Doch sie zwang sich, die Panik zu verdrängen und das Rettungsbrett Stück für Stück näher in Richtung Strand zu bewegen.

Nach einer Zeit, die ihr wie eine kleine Ewigkeit vorkam, wurde Maddy von einer großen Hand gepackt und auf die Füße gezogen. Mit vom Salzwasser brennenden Augen sah sie Luke an, dem das dunkelblonde Haar nass an der Stirn klebte.

„Ist gut, ich habe ihn!“, rief er. „Von hier aus kannst du zum Strand gehen.“

Maddys Beine zitterten heftig, als sie losging, während Luke das Rettungsbrett mit dem verletzten Surfer auf den Strand zog. Vor Erschöpfung ganz benommen, sah sie zu, wie er den Mann untersuchte. Dann zog er ihn auf ein Wirbelsäulenbrett und fixierte ihn mit Klettbändern.

„Er atmet und muss nicht wiederbelebt werden“, sagte Luke. „Bestimmt ist er gleich wieder bei Bewusstsein. Ich vermute, dass er heftig mit dem Kopf gegen sein Brett gestoßen ist. Am besten sehen die Sanitäter ihn sich gleich in Ruhe an, wenn sie da sind.“ Er stand auf und fügte hinzu: „Und jetzt hole ich euch beiden eine Decke.“

Obwohl Maddy noch immer Panik die Kehle zuschnürte und ihre Augen vom Salz brannten, spürte sie tief in ihrem Innern etwas heiß werden, als sie wie gebannt den Mann betrachtete, den sie gerettet hatte.

Er war nicht im klassischen Sinne attraktiv wie Luke, doch seine geschwungenen dunklen Brauen und die markanten Züge, die die dunklen Bartstoppeln noch betonten, ließen ihr den Atem stocken. Maddys Blick glitt über seine breiten Schultern, den flachen Bauch und die schlanken, muskulösen Beine, die sich unter dem Neoprenanzug abzeichneten, und sie spürte, wie die Hitze in ihrem Innern zunahm.

Obwohl ihr gar nicht mehr kalt war, erschauerte Maddy. Sie hatte gerade den leicht bläulichen Schimmer um seine sinnlichen Lippen bemerkt, als der Mann ein tiefes Stöhnen von sich gab und sich gegen den Widerstand der Bänder wehrte, die ihn auf dem Brett hielten.

Wie, um alles in der Welt, konnte sie einfach hier herumstehen und den verletzten Fremden begaffen, als wäre er ein Stripper bei einem Junggesellinnenabend? Immerhin war der arme Kerl verletzt und fror sicher erbärmlich! Sie kniete sich neben ihn und legte eine Hand auf seine Wange. Als sie die Bartstoppeln an ihrer Haut spürte, schien eine Art Stromstoß sie zu durchzucken. Maddy zwang sich, ihre heftige Reaktion zu ignorieren.

„Es ist alles in Ordnung“, flüsterte sie so atemlos, dass es ihr fast peinlich war. Du meine Güte, mein Liebesleben muss wirklich dringend angekurbelt werden, wenn mich jetzt schon die Gegenwart von bewusstlosen fremden Männern so durcheinanderbringt! dachte sie. „Bleib ganz ruhig liegen.“

Vorsichtig schob sie ihm das dichte, wellige Haar aus der Stirn. Aus einer klaffenden Wunde sickerte Blut. Als Maddy den Daumen darauf drückte, öffnete der Mann die Augen. Sofort schlug ihr Herz wie verrückt, denn so tiefblaue Augen wie seine hatte sie noch nie gesehen. Die intensive, fast türkise Farbe erinnerte Maddy an Postkarten aus der Karibik.

Er versuchte sich aufzusetzen, doch die Gurte hielten ihn zurück. „Was zum …“, keuchte er leise, aber schroff.

Um ihn zu beruhigen, legte Maddy ihm die Hand auf den Arm. Leider hatte das Gefühl seiner harten Muskeln unter ihren Fingern auf sie die gegenteilige Wirkung …

„Ich habe dich festgebunden – zu deiner eigenen Sicherheit.“

Der Mann kniff die faszinierenden blauen Augen zusammen. „Und wer, verdammt noch mal, bist du?“

Trotz der Kälte stieg Maddy eine heiße Röte ins Gesicht. „Ich bin eine der Rettungsschwimmerinnen in der Wildwater Bay. Du hast dir den Kopf gestoßen, sodass wir dich an den Strand zurückbringen mussten.“ Sie wusste später selbst nicht, warum sie den Mann von Anfang an geduzt hatte.

„Super“, sagte er und ließ sich zurücksinken. Sein Blick drückte Bitterkeit aus. „Vielen Dank“, fügte er hinzu, was nicht sehr überzeugend klang. „Und jetzt wirst du mich losbinden.“

Maddy versuchte, sich nicht über seinen Befehlston zu ärgern. „Nein“, erwiderte sie höflich, aber bestimmt. „Du darfst dich nicht bewegen, bis die Sanitäter hier sind.“

„Ich brauche keine Sanitäter. Und wenn du mich nicht losbindest, werde ich das eben selbst tun.“

Erstaunt beobachtete sie, wie der Fremde sich geschickt und mit einer kraftvollen Bewegung auf die Seite drehte und den Gurt löste. Dann setzte er sich auf und presste sich stöhnend die Hand an den Kopf.

„Selbst schuld“, bemerkte Maddy nicht mehr ganz so höflich.

Leise fluchend ließ der Mann die Hand sinken. Das Blut an seinen Fingern beachtete er kaum. Als er Anstalten machte aufzustehen, wollte Maddy nach seinem Arm greifen, doch sein eiskalter Blick hielt sie davon ab.

„Ich entscheide selbst, was ich brauche und was nicht“, erklärte er rau.

Mit aller Macht versuchte sie, gelassen zu bleiben. Warum war er nur so stur? „Aber vielleicht hast du Verletzungen, die dir gar nicht bewusst sind“, wandte sie ein.

Als der Mann den Blick zu ihrer Brust gleiten ließ, richteten sich ihre Brustspitzen auf und rieben von innen am Neoprenanzug.

„Das Risiko gehe ich ein.“ Seine Stimme klang sarkastisch, doch um seinen Mund zuckte es leicht, als müsste er ein Lächeln unterdrücken. Und auch seine Augen wirkten plötzlich ganz und gar nicht mehr kühl.

Das konnte doch nicht wahr sein! Versuchte der Albtraum aller Rettungsschwimmer etwa, sie anzumachen? Oder bildete sie sich das nur ein?

„He, Kumpel, wo willst du denn hin?“, fragte Luke, der mit einem Arm voller Rettungsdecken zu ihnen kam.

„Ich gehe.“ Langsam stand der Surfer auf.

Als er leicht schwankte, stützte Luke ihn. „Hältst du das wirklich für schlau? Du hast dir ganz schön den Kopf angeschlagen!“

„Ich weiß“, erwiderte der Mann kühl.

Doch Luke schien das unhöfliche Verhalten nicht zu stören. „Dann nimm wenigstens eine Decke, du musst ja völlig durchgefroren sein.“

Nach kurzem Zögern nahm der Mann eine Decke und wickelte sich unbeholfen und mit zitternden Händen darin ein. „Danke.“

„Wo wohnst du?“, fragte Luke. „Können wir dich irgendwohin mitnehmen?“

Eine Minute lang hörte Maddy nur den tosenden Wind und das heftige Schlagen ihres Herzens. Dann schüttelte der Surfer den Kopf. „Ich wohne in Trewan Manor.“ Er wies mit dem Kinn auf das abweisend wirkende Herrenhaus oben auf den Klippen, von dem aus man über die Bucht blicken konnte. „Ich kann den Weg entlang der Klippen nehmen.“

Das große alte Gebäude faszinierte Maddy schon lange, denn es erinnerte sie an historische Romane wie „Sturmhöhe“. Und irgendwie schien der Fremde mit seinen markanten, leicht rauen, aber äußerst attraktiven Zügen genau zu dem Haus zu passen.

Als er sich umwandte, wollte Maddy ihn aufhalten, doch Luke hielt sie zurück.

„Aber er könnte schwer verletzt sein!“, flüsterte sie und wusste selbst nicht so recht, warum der attraktive Unbekannte ihr so wichtig war.

„Man kann nicht alle retten.“ Lukes wehmütiges Lächeln erinnerte sie an Cal. Er legte ihr eine Decke um die Schultern und sagte tröstend: „Komm, wir fahren ins Café. Die erste Spezialschokolade geht auf mich.“

„Er humpelt“, stellte sie leise und voller Sorge fest.

„Sieht nach einer alten Verletzung aus“, erwiderte Luke. „Wahrscheinlich ist er deshalb immer vom Surfbrett gefallen.“

Maddy war verwirrt, besorgt und verärgert zugleich. Wie konnte man nur so ein Macho sein, dass man den ganzen Nachmittag lang etwas versuchte, zu dem man nicht in der Lage war – und sich dabei auch noch halb umbringen?

„Aber er hat ein ziemlich nettes Hinterteil“, stellte Luke fröhlich fest, woraufhin auch Maddys Blick zu dem muskulösen Po des Surfers wanderte, den dessen hautenger Anzug noch betonte.

Sofort schlug ihr Herz wieder rasend schnell. Widerstrebend musste sie zugeben, dass Luke recht hatte. „Ich fürchte allerdings, du bist nicht ganz sein Typ“, bemerkte sie.

Luke lachte. „Wahrscheinlich nicht – er hat ziemlich eingehend deine Brüste betrachtet …“

Ohne auf Lukes Bemerkung einzugehen, wandte sie bewusst den Blick von dem Fremden ab. Ja, er hatte einen ziemlich scharfen Hintern, aber offensichtlich auch zu viel Testosteron. Sie erwartete zwar keinen Dank dafür, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, doch ein Mindestmaß an Respekt wäre sicher nicht zu viel verlangt gewesen.

Als Maddy zu Luke in den Wagen stieg, spürte sie noch immer ein Prickeln in den Brüsten und ein erotisches Ziehen tief in ihrem Innern. Na super, dachte sie ironisch. Ausgerechnet jetzt musste ihre Sinnlichkeit aus dem Winterschlaf erwachen – als Reaktion auf einen Mann, der eigentlich ein Warnschild mit der Aufschrift „Für Frauen auf eigene Gefahr“ mit sich herumtragen müsste …

Ryan King fluchte, als er sich eine weitere Stufe hinaufschleppte. Dann blieb er stehen. Während er bis zehn zählte, versuchte er, die heftige Übelkeit zu unterdrücken – nicht gerade leicht angesichts seines schmerzenden Kopfes und des ausgekühlten Körpers.

„Du verdammter Idiot. Was wolltest du dir vorhin eigentlich beweisen?“, schimpfte er leise. Super, dachte er dann. Jetzt führe ich auch noch Selbstgespräche.

Mit vor Kälte steifen Händen umfasste er seinen Oberschenkel und stieg mühsam die letzte Stufe hinauf. Ein stechender Schmerz durchzuckte sein Knie, sodass sich alles in ihm anspannte. Schweiß trat ihm auf die Stirn und ließ die offene Wunde brennen. Ryan konnte nur dastehen und abwarten, bis die Schmerzen etwas nachließen. Leider hatte er dadurch viel Zeit, um darüber nachzudenken, wie idiotisch er sich verhalten hatte.

Zwei Stunden hatte er damit verbracht, eindrucksvoll zu belegen, dass er nie wieder würde surfen können. Dazu war er auch noch fast vollständig ausgekühlt und hatte sich den Kopf so heftig an seinem Surfbrett angeschlagen, dass er zu allem Übel von einer Rettungsschwimmerin aus dem Meer hatte gefischt werden müssen.

Dass er trotz ihrer sinnlichen smaragdgrünen Augen und ihrer überraschend weiblichen Figur zu nichts als einem Wutausbruch in der Lage gewesen war, machte das Erlebnis zu einem der Tiefpunkte seines bisherigen Lebens.

Allerdings war es nicht ganz so schlimm gewesen wie die ersten Wochen im Krankenhaus, als er, vollgepumpt mit Medikamenten, vor lauter Schmerzen kaum etwas wahrgenommen hatte und ans Bett gefesselt gewesen war. Und auch nicht so schlimm wie der Tag drei Monate später, als Ryan festgestellt hatte, dass nicht nur sein Bein und sein Selbstwertgefühl bei dem Motorradunfall irreparablen Schaden genommen hatten.

In den sechs Monaten danach war es noch weiter bergab gegangen.

Als er dann endlich wieder das ihm fremd gewordene Gefühl von Begehren verspürt und sich kaum eine Sekunde über das heiße Verlangen hatte freuen können, traf ihn die harte, demütigende Wahrheit nur Sekunden später umso heftiger und mit voller Wucht.

Nach eingehenden Untersuchungen hatten die Ärzte gesagt, die Impotenz habe psychosomatische Ursachen und sei nur vorübergehend. Ryan hatte ihnen geglaubt – bis zu jenem Sommerabend in seinem Penthouse in Kensington, als Martas ungläubiger und zugleich mitleidiger Blick ihn gezwungen hatte, der Realität ins Auge zu sehen.

Und was die splitternackte Marta mit ihrem Topmodel-Körper und ihrem „Ich gehöre ganz dir“-Blick nicht schaffte, würde einem Mädchen mit Elfengesicht, sinnlichen Augen und Ganzkörper-Neoprenanzug erst recht nicht gelingen.

Ryan verdrängte das erniedrigende Erlebnis und konzentrierte sich auf die schwierige Aufgabe, heil und gesund nach Hause zu kommen. Sein geschädigtes Bein hatte sich inzwischen völlig verkrampft, sodass er es über den steinigen, schlammigen Boden ziehen musste. Jede noch so leichte Erschütterung jagte einen heftigen Schmerz durch Knie und Oberschenkel. Wütend betrachtete er die dunklen Wolken. Der strömende Regen und der heftige Wind schienen perfekt zu seiner düsteren Stimmung zu passen.

Als er endlich den schweren Messingknauf der Tür umfasste, seufzte er erleichtert. Er stieß sie mit der Schulter auf und schleppte sich über die Marmorfliesen zu den Räumen im Haus seines Großvaters, die er bewohnte.

In einer der unzähligen Moralpredigten, die der alte Mann Ryan als rebellischem Teenager gehalten hatte, hatte er prophezeit, er werde eines Tages für seine Sünden bezahlen müssen. Wer hätte gedacht, dass der längst verstorbene Charles King damit recht behalten würde?

„Phil, kann ich den Rest meiner Schicht freibekommen?“, zwang Maddy sich zu fragen und ging durch das leere Café. Den ganzen Nachmittag über hatten sie nur drei Gäste gehabt. Inzwischen regnete es zwar nicht mehr, doch noch immer hing der Himmel voller grauer Gewitterwolken.

„Ich muss etwas erledigen“, fügte sie hinzu, stellte das Tablett auf den Tresen und setzte sich auf einen der Barhocker.

Der rotwangige Phil lächelte gutmütig. „Du weißt doch, dass ich dir niemals irgendeine Bitte abschlagen könnte. Dein Wunsch ist mir Befehl.“

„Super. Heißt das, ich bekomme eine Lohnerhöhung?“

Maddy flirtete nur zum Spaß mit Phil, der ohnehin nur auf oberflächliche große Frauen mit langen Beinen stand. Außerdem war der Grundsatz, niemals mit dem eigenen Chef ins Bett zu gehen, eins der wenigen Überbleibsel aus ihrer chaotischen Kindheit, mit denen Maddy ganz gut umgehen konnte.

„Sobald du mit mir ausgehst, können wir auch über eine Lohnerhöhung sprechen“, scherzte Phil.

„Ja, ja.“ Maddy lachte. „Wenn du möchtest, hole ich die Arbeitsstunden morgen nach. Heute war für diese Saison nämlich mein letzter Einsatz als Rettungsschwimmerin.“

Während er ein paar Gläser in die Spülmaschine räumte, sah Phil auf die Uhr. „Du brauchst die Stunden nicht nachzuholen“, erwiderte er – wie sie erwartet hatte. „Das ist schon in Ordnung.“ Zwar flirtete er immer hemmungslos, doch in jeder anderen Hinsicht war er ein toller Chef.

„Danke!“ Maddy glitt vom Hocker, band sich die Schürze ab und zog die Klemmen aus ihrem Haar. Dann schüttelte sie den Kopf, um ihre mittellangen kastanienbraunen Locken aufzulockern.

„Luke hat mir erzählt, dass du zum ersten Mal einen Menschen gerettet hast, noch dazu wie ein echter Profi. Herzlichen Glückwunsch!“

Phils Worte machten Maddy etwas verlegen, da der Vorfall nicht so ausgegangen war, wie sie es gern gehabt hätte. Schon den ganzen Nachmittag plagte sie deshalb ein schlechtes Gewissen. „Allerdings war der Surfer so schnell weg, dass wir die üblichen Untersuchungen nicht durchführen konnten. Ich konnte mich nicht einmal vergewissern, ob alles mit ihm in Ordnung ist.“

Wenn er nun eine Gehirnerschütterung oder Wasser in den Lungen hatte? Womöglich lag er genau in diesem Moment bewusstlos auf dem Boden des Herrenhauses. Das würde Maddy sich niemals verzeihen. Sie fühlte sich verantwortlich für ihn. Das war natürlich albern und ein weiterer Beleg für ihr Helfersyndrom. Doch Maddy wusste, dass sie erst schlafen können würde, wenn sie wusste, dass es dem Surfer gut ging.

„Daran kannst du ja leider nicht mehr viel ändern“, gab Phil zu bedenken.

„Doch.“ Sie ging um den Tresen und verstaute Schürze und Notizblock. „Ich werde einfach bei ihm vorbeigehen.“ Schließlich wusste sie, wo er wohnte. Wegen der Flut konnte sie den Weg an den Klippen entlang zwar nicht mehr benutzen, aber sie könnte die Küstenstraße nehmen und mit dem Fahrrad in zwanzig Minuten beim Herrenhaus sein.

Maddy nahm ihr Regencape und ging zur Tür.

„Meinst du denn, er findet es gut, wenn du bei ihm vorbeigehst?“, fragte Phil.

„Nein, bestimmt nicht. Aber das ist sein Pech. Er hätte eben nicht vor meinen Augen versuchen sollen, sich zu ertränken.“

2. KAPITEL

Als Maddy etwa eine Stunde später durch die Tore von Trewan Manor radelte, fühlte sie sich nicht mehr energisch und entschlossen, sondern elend.

Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Dem wortkargen Fremden ging es sicher bestens. Er würde ihr die Haustür vor der Nase zuschlagen – sofern er überhaupt aufmachte. Und auf dem Heimweg würde sie in ein Gewitter historischen Ausmaßes geraten.

Schon die Herfahrt auf der Küstenstraße war ein Albtraum gewesen, nicht nur wegen des Schlamms, sondern weil die Kette ihres uralten, klapprigen Rads mehrmals abgesprungen war und ihr nach den Anstrengungen des Rettungseinsatzes die Beinmuskeln wehtaten.

Der strömende Regen rann ihr in den Nacken, als Maddy abstieg und ihr Rad an den Hecken entlangschob, die das Anwesen säumten. Besorgt betrachtete sie die dunklen Wolken und hoffte, das drohende Gewitter werde noch eine Weile auf sich warten lassen. Sie hatte nämlich ihr Fahrradlicht nicht dabei, was die Rückfahrt zu ihrem Cottage auf der anderen Seite der Bucht bei einem Unwetter lebensgefährlich machen würde.

Maddy verfluchte ihr Gewissen und ihr ausgeprägtes Mitgefühl. Callum hatte recht: Ein barmherziger Samariter zu sein, war manchmal ganz schön lästig.

Sie betrat den Platz vor dem Herrenhaus – und blieb erstaunt stehen: Trewan Manor ragte hoch und drohend vor ihr auf und wirkte eher wie Draculas Schloss als das Haus aus „Sturmhöhe“. Mit seinen kleinen Türmen und Giebeln wirkte das Gebäude aus der Nähe noch eindrucksvoller und überladener. Die dunklen hohen Fenster schienen sie missbilligend anzustarren.

Nachdem sie ihr Rad gegen eine der Säulen links und rechts vom Eingang gelehnt hatte, stieg Maddy zitternd die drei Stufen zu der riesigen Eichentür hinauf.

Da es keine Klingel zu geben schien, betätigte sie den Messingklopfer. Als nichts geschah, versuchte sie es erneut – wieder ohne Erfolg. Schon wollte Maddy ihre Mission aufgeben, als plötzlich vor ihrem inneren Auge ein Bild des Fremden erschien, wie er bewusstlos und ganz allein auf dem Boden dieses unwirtlichen Hauses lag, noch immer im nassen Surfanzug. Als sie den Briefschlitz öffnete, um hineinzuspähen, quietschten die Scharniere vernehmlich. Nur ganz kurz sah Maddy weißen Frottierstoff, dann wurde die Tür schwungvoll aufgezogen.

„Wer, zum …“, fragte jemand barsch, als sie mit dem Gesicht gegen warme, feste Muskeln prallte – und nackte Haut, die nach Seife und Meerwasser duftete.

Errötend wich sie zurück und stellte fest, dass der attraktive Fremde sie tatsächlich so heftig durcheinanderbrachte, wie sie es in Erinnerung hatte.

„Du … bist also nicht tot!“, platzte sie heraus.

„Die Rettungsschwimmerin!“ Der Mann zog die Augenbrauen hoch. „Nein, ich bin nicht tot“, bestätigte er dann mit finsterem Gesichtsausdruck. „Was tust du hier? Abgesehen vom Spannen, meine ich.“

„Ich habe nicht …“ Maddy unterbrach sich und errötete noch heftiger. Denn ihr Gegenüber trug lediglich einen dicken, locker gebundenen Bademantel. Das wellige, aus dem Gesicht gestrichene Haar war vom Duschen noch nass.

Maddy schluckte und versuchte, ihren rasenden Puls ein wenig zu beruhigen. „Ich wollte mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist.“

„Warum sollte es das denn nicht sein?“ Er zog den Gürtel seines Bademantels fester zu und nahm ihr so die Sicht auf seinen atemberaubenden Körper.

„Du …“ Ihr Mund war plötzlich ganz trocken. „Du hast dich nicht untersuchen lassen. Nach so einem Vorfall sollte man wirklich ins Krankenhaus.“

„Tatsächlich?“

Als er seinen durchdringenden Blick über ihr unförmiges Regencape, die mit Schlamm bespritzte Jeans und ihr Haar gleiten ließ – das nach Maddys eigener Ansicht an eine ertrunkene Ratte erinnerte –, wurde ihr sehr unbehaglich zumute.

Dann sah er ihr ins Gesicht. „Hat dich irgendjemand vielleicht zu meinem Schutzengel ernannt?“, fragte er ironisch.

Seine Unhöflichkeit half Maddy, ihre verrückt spielenden Hormone in den Griff zu bekommen. Auch ein Mann, der aussah wie ein griechischer Gott, brauchte nicht so arrogant zu sein. „Hoffentlich nicht – denn das würde ich nicht mal meinem schlimmsten Feind wünschen“, entgegnete sie kühl. „Und jetzt werde ich dich deiner eigenen, überaus angenehmen Gesellschaft überlassen.“

Wütend marschierte sie die Stufen zu ihrem Fahrrad hinunter, ohne sich um das Donnergrummeln zu kümmern. Es reichte ihr. Sie hätte gar nicht herkommen sollen. Dieser Griesgram kam ganz offensichtlich prima ohne sie zurecht. Schluss mit dem Helfersyndrom, dachte sie, ein für alle Mal.

In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubendes Donnern, und dicke Regentropfen platschten Maddy ins Gesicht.

„Sei nicht albern und komm zurück, sonst bist du gleich völlig durchnässt!“

Als Maddy sich das feuchte Haar aus der Stirn strich und aufblickte, sah sie den Fremden im Türrahmen stehen. Der Wind peitschte ihm den Bademantel um die nackten Beine, sodass über seiner linken Kniescheibe zahlreiche rote Narben sichtbar wurden.

Du wirst jetzt auf gar keinen Fall Mitleid mit ihm haben, ermahnte sie sich. Damit hatte sie sich schließlich in diese Situation gebracht.

„Danke für das nette Angebot, Mr. Griesgram“, rief sie, während das Gewitter immer stärker wurde, „aber da ertrinke ich lieber.“

„Wie du willst.“ Als er die Tür hinter sich zuknallte, donnerte es erneut ohrenbetäubend.

Maddy war genau drei Meter weit gekommen, als ein wahrer Wolkenbruch einsetzte, der sie innerhalb weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässte. Nach weiteren zwei Metern stellte sie fest, dass es nicht nur mit ihrem Helfersyndrom aus und vorbei war, sondern auch mit ihrem Fahrrad.

Mit aller Macht verdrängte Ryan sein schlechtes Gewissen, als er das Licht in der Eingangshalle ausschaltete und hörte, wie der Regen aufs Dach prasselte.

Er hatte sie schließlich nicht gebeten herzukommen. Und er wollte weder ihre Hilfe noch ihr Mitleid. Vielleicht würde ihr das eine Lehre sein, damit sie künftig ihre Nase nicht mehr in Dinge steckte, die sie nichts angingen!

Doch nicht einmal der Schmerz in seinem verletzten Bein konnte ihn von seinen Gewissensbissen ablenken – und von der Erinnerung an ihre langen Wimpern und die moosgrünen Augen, mit denen sie zu ihm aufgeblickt hatte, als ihre samtweiche Haut sich an seine nackte Brust geschmiegt hatte.

Ryan blieb stehen. Er stützte sich an der Wand ab und blickte auf den kalten Marmorboden. Sein Gewissen war unter der Wut verborgen gewesen, die ihn durch die letzten Monate gebracht hatte. Nun aber verschaffte es sich wieder Gehör.

„Verdammt!“ Wann hatte er sich zu jemandem entwickelt, den er selbst nicht leiden konnte – zu jemandem wie sein Großvater? Er durfte nicht zulassen, dass der Unfall ihn zu so einem mürrischen, humorlosen Miesepeter machte wie den alten Mann, der ihn vor all den Jahren bei seiner Ankunft als tiefunglückliches Kind auf Trewan Manor begrüßt hatte.

Ein wenig fassungslos schüttelte Ryan den Kopf. Wenn die Frauen, die er im Laufe der Jahre verführt hatte – angefangen von Clara Biggs, die er am Morgen nach seinem sechzehnten Geburtstag zu sich ins Bett gelockt hatte, bis hin zu Marta am Morgen seiner verhängnisvollen Fahrt auf der A30 –, wüssten, wie er die junge Rettungsschwimmerin angeraunzt hatte, würden sie ihn nicht wiedererkennen. Er erkannte sich ja selbst kaum wieder.

Früher hatte Ryan die Gesellschaft von Frauen geliebt: ihre zarten, duftenden Körper, ihre anmutigen Bewegungen, das endlose Reden über nichts Besonderes und ihre Leidenschaft für Belangloses wie Mode und Kosmetik. Sogar ihre Temperamentsausbrüche und die lange Zeit, die sie im Badezimmer verbrachten, hatten ihm gefallen. Frauen hatten ihn fasziniert, und Sex war nie der einzige Grund dafür gewesen.

Jetzt jedoch verspürte er nicht mehr die geringste Lust auf ihre Gesellschaft. Warum sollte er sich auch selbst quälen? Aber das war keine Entschuldigung für sein Verhalten. Und die sinnlichen Augen der jungen Frau hatten ehrliche Besorgnis ausgedrückt.

Ryan ging zurück zur Haustür. Er würde nie wieder der unbeschwerte Charmeur von früher sein, doch zumindest konnte er der jungen Frau Unterschlupf und Schutz vor dem Gewitter bieten. Sicher könnte er ihre Gesellschaft eine halbe Stunde ertragen und sich höflich verhalten. Immerhin hatte sie ihn aus dem Wasser gezogen. Und wenn er sie hereinbat, hätte das den weiteren Vorteil, dass er nicht mehr in ihrer Schuld stand – denn das gefiel ihm ganz und gar nicht.

In dem Moment, in dem er den Türknauf anfasste, ertönte ein lautes Klopfen.

Sie sah niedlich und etwas verloren wie ein Waisenkind aus, als sie völlig durchnässt vor ihm stand. Ihre Zähne schlugen vor Kälte aufeinander, und das Wasser tropfte ihr von der Kleidung.

Teile des alten Fahrrads lagen auf dem Boden vor der Treppe, und sie selbst kämpfte sich aus ihrer tropfnassen Regenkleidung.

In ihren sinnlichen grünen Augen schien ein Feuer zu brennen, als sie das Kinn hob und ihn ansah.

Hm, vielleicht doch eher ein Sprössling des Terminators als ein Waisenkind, dachte Ryan. Doch als sein Blick auf ihre Brustspitzen fiel, die sich unter dem nassen Stoff ihres T-Shirts deutlich abzeichneten, war dieser Gedanke mit einem Schlag vergessen.

„Wenn du jetzt sagst, du hättest mich ja gewarnt, wird es das Letzte sein, was du je tun wirst“, drohte sie.

Sofort wandte er den Blick von ihren Brüsten. Ihm wurde heiß, und in seiner Kehle begann es, merkwürdig zu kratzen.

„Komm rein.“ Er öffnete die Tür und ließ Maddy eintreten.

Als Ryan sich räusperte, wurde das Kratzen im Hals stärker. Und beim Anblick ihres wohlgeformten Pos in der nassen Jeans wurde ihm noch heißer.

Sie strich sich das feuchte Haar zurück, wodurch sich ein feiner Sprühnebel auf ihn senkte. Dann sagte sie irgendetwas über ihr Fahrrad, doch das heftige heiße Pulsieren in seinem Inneren ließ ihn nichts verstehen.

„Los, sag es schon“, forderte sie ihn auf. Der gereizte Gesichtsausdruck machte sie nur noch niedlicher.

„Auf die Gefahr hin, dass du mich in Einzelteile zerlegst?“, entgegnete er. „Nein danke.“

Sie machte große Augen. „Sieh an, Mr. Griesgram hat ja tatsächlich Humor. Was für eine Überraschung, dass der Spaß auf meine Kosten geht.“ Sie stützte die Hand in die Hüfte, was äußerst sexy aussah.

Das Pulsieren nahm noch mehr zu, und auch das Kratzen im Hals wurde immer heftiger. Er versuchte, sich zu konzentrieren, als sich unerklärlicherweise ein leichtes, unbeschwertes Gefühl in seiner Brust ausbreitete.

Du bezeichnest mich als Griesgram?“

Als sie ihm heftig mit dem Zeigefinger gegen die Brust stieß, fielen ihr die nassen Locken ins Gesicht.

„Mach dich bloß nicht über mich lustig!“ Sie stampfte mit dem Fuß auf, wobei ihr durchweichter Turnschuhe ein schmatzendes Geräusch machte.

Was letztlich der Auslöser war, wusste Ryan nicht: der drohende Blick, der bei dieser an eine durchnässte Elfe erinnernden kleinen Person geradezu absurd wirkte, die vor Empörung geröteten Wangen oder die aufgebracht funkelnden Augen … Doch mit einem Mal brach der Damm. Er gab ein Geräusch von sich, das er kaum wiedererkannte und das immer lauter wurde, bis ihm die Rippen schmerzten. Ihn durchströmte eine Wärme, wie er sie seit Monaten nicht mehr verspürt hatte.

Fassungslos sah Maddy ihr Gegenüber an und vergaß vor Erstaunen fast ihre Empörung.

Der mürrische Adonis lachte so heftig, dass er Tränen in den Augen hatte. Zuerst hatte es etwas … eingerostet geklungen. Doch jetzt bog er sich fast vor Lachen und musste sich mit der Hand an der Wand abstützen. Sogar seine äußerst kühl wirkenden Augen funkelten übermütig, als sein Lachen schließlich langsam abebbte.

Gegen das Lächeln, das sich als Reaktion auf diesen unerwarteten Heiterkeitsausbruch auf ihrem Gesicht ausbreitete, war Maddy machtlos. Eigentlich sollte sie empört sein – immerhin hatte er über sie gelacht –, doch das wollte ihr einfach nicht gelingen.

Leise lachend stieß sie ihn gegen die Schulter. „Du Blödmann.“ Sie lächelte, als ihre Blicke sich trafen. Als der Mann ihr Lächeln frech erwiderte, erschienen zwei Grübchen auf seinem markanten Gesicht.

„Das ist nicht lustig, ich bin total nass!“

„Das habe ich bemerkt.“

Ihr stockte der Atem, denn wenn sein Gesicht entspannt war und seine tiefblauen Augen amüsiert funkelten, war er einfach nur noch umwerfend.

„Dir ist bestimmt total kalt. Möchtest du dich umziehen?“

Als er sie von oben bis unten musterte, zitterte sie – allerdings nicht vor Kälte. Weil sie kein Wort herausbrachte, nickte sie stumm.

„Das Gästezimmer ist die dritte Tür links. In der Kommode sind auch ein paar alte Pullis von mir. Passen werden sie dir nicht, aber zumindest sind sie trocken.“

„Danke“, brachte Maddy mühsam heraus. „Das weiß ich wirklich zu schätzen.“

„Es gibt dort auch ein Badezimmer mit Handtüchern und …“ Seine tiefe Stimme verstummte.

Ob er sich ebenso befangen fühlte wie sie?

„Du findest mich in der Küche, am Ende des Gangs.“

„Gut.“ Wieder nickte Maddy. Dann streckte sie ihm die Hand hin. Nachdem sie ihm zweimal Gewalt angedroht hatte, sollte sie sich zumindest vorstellen. „Ich heiße übrigens Madeleine Westmore.“

Er betrachtete ihre Hand, ohne sie zu ergreifen.

„Meine Freunde nennen mich Maddy.“ Ihr seid aber keine Freunde, du Einfaltspinsel, schimpfte sie innerlich mit sich.

„Hallo, Maddy, ich heiße Ryan King. Aber Rye genügt.“ Erst jetzt umfasste er ihre Hand mit seinen langen, kräftigen Fingern.

Die Wärme seiner Hand ließ einen Stromschlag durch Maddys ganzen Körper zucken und ihr Herz heftig schlagen.

Sie ließ los und schob die kribbelnden Finger unter ihren Arm. „Sehr nett, dich kennenzulernen, Rye“, sagte sie, obwohl ‚sehr nett‘ bei Weitem nicht die richtige Umschreibung war. „Ich gehe lieber ins Gästezimmer, bevor ich noch deine ganze Eingangshalle unter Wasser setze“, fuhr sie fort und fügte in Gedanken hinzu: Oder bevor ich von deinem erotischen Lächeln einen Herzinfarkt bekomme.

„Gute Idee.“

Ihre Nerven schienen im Takt seines tiefen, leisen Lachens zu vibrieren, das ihr hinterherklang.

Das Gästezimmer entpuppte sich als eine Art großes, mit Möbeln vollgestelltes Mausoleum mit einem riesigen Erkerfenster, von dem aus man auf die Klippen blickte.

Das tobende Gewitter ließ den Regen gegen das Glas prasseln, was die düstere Atmosphäre des Zimmers noch verstärkte. Zitternd umrundete Maddy ein riesiges Himmelbett mit Satinüberwurf und ging schnurstracks ins Badezimmer.

Die Keramikkacheln und die elegante Wanne mit den Klauenfüßen verrieten ihr, dass das Bad aus der viktorianischen Ära stammen musste. Die Gasheizung sprang zu Maddys Erleichterung sofort an und machte das Badezimmer sofort wesentlich einladender als das Schlafzimmer.

Als sie sich niesend die nasse Kleidung auszog, entdeckte sie auf einem Wäschekorb aus Weide einen Stapel flauschiger Handtücher, ein noch verpacktes Stück Seife und eine Flasche Shampoo für Männer. Super, dachte sie unter der Dusche, mit Schnupfennase sieht ein durchweichtes Häufchen Elend gleich noch viel erotischer aus.

Kaum hatte sie das gedacht, errötete sie auch schon vor Verlegenheit, und wieder wurde ihr heiß. Jetzt hör aber auf, ermahnte sie sich innerlich. Ein Mann wie Ryan King umgab sich vermutlich ausschließlich mit Topmodels, und an ihr war er ganz sicher nicht interessiert. Er fand sie nicht attraktiv, sondern hatte sich ihretwegen vor Lachen geschüttelt.

Außerdem war sie ja auch gar nicht wirklich an ihm interessiert – außer rein körperlich. Und das hing nur damit zusammen, dass ihre Hormone nach einem Jahr Abstinenz verrückt spielten.

Wie unwiderstehlich Rye King auch sein mochte, sie würde sich nicht auf eine heiße Affäre mit einem ziemlich erotischen Fremden einlassen, nur um ihre Hormone zu beruhigen. Erst recht nicht mit einem erotischen Fremden, der sich so charmant wie ein Rottweiler verhalten hatte.

Maddy schloss die Augen und genoss das warme Wasser, das auf sie niederprasselte. Sie wollte weder an Ryan Kings umwerfendes Lächeln noch an seine atemberaubenden Muskeln einen weiteren Gedanken verschwenden.

Nach einer wohltuenden zehnminütigen Dusche suchte Maddy in der alten Eichenkommode nach etwas zum Anziehen. Sie entschied sich für ein Sweatshirt der L. A. Surf Academy, ein paar dicke Wollsocken und ihren noch immer ein wenig feuchten Slip. Die Jogginghosen waren ihr alle viel zu groß, doch zum Glück reichte ihr das Sweatshirt bis kurz über die Knie.

Im Spiegel des Kleiderschranks betrachtete sie ihre blassen Beine. Hätte sie nicht den ganzen Sommer über in einem Neoprenanzug gesteckt, wäre sie wenigstens ein bisschen sonnengebräunt. Enttäuscht atmete sie aus und sog beim Einatmen den Duft von Ryans Seife ein.

Sie dachte daran, wie sie mit dem Gesicht gegen seinen fantastischen Körper geprallt war – und sofort überfiel sie heftiges Begehren.

Denk daran, was du beschlossen hast, ermahnte sie sich und versuchte vergeblich, sich mit den Fingern die zerzausten Locken zu ordnen.

Na super. Sie würde also den Abend mit dem attraktivsten Mann verbringen, der ihr jemals begegnet war. Aber wenn Ryan King auch nur bemerken würde, dass es sich bei ihr um ein weibliches Wesen handelte, grenzte das schon an ein Wunder.

Denk daran, was du beschlossen hast, rief sie sich noch einmal in Erinnerung und stellte sich auf dem Weg zur Küche Ryan King mit seinem Rottweiler-Blick vor, um ruhig zu bleiben. Doch das Bild, das vor ihrem inneren Auge erschien, war intensiv und sehr sexy und …

Maddy musste sich eingestehen, dass sie nicht an ihrem Entschluss festhalten konnte. Sie blieb stehen, atmete aus und ging in die Küche. Zum Glück war Ryan nicht da, was ihr ein wenig Zeit ließ, sich zu fassen.

Der Regen, der gegen das große Fenster über dem Herd trommelte, machte den Raum ein wenig unheimlich. Doch sogar im schwachen Licht sah sie, dass man einen wunderschönen Blick auf die Klippen hatte. Wenn Maddy sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie tief unter sich den Wildwater Beach sehen.

Sie schaltete das Licht ein und betrachtete die wunderschön gearbeiteten Schränke aus Teakholz, die große weiße Spüle und den alten Ofen. Dank des prasselnden Feuers war es in der Küche schön warm. Maddy hatte ihre nasse Kleidung mitgebracht und warf sie in einen alten Weidenkorb unter der Spüle. Doch sie konnte weder Waschmaschine noch Trockner entdecken, ebenso wenig wie eine Spülmaschine.

Abgesehen von einer Tasse und einer Schüssel auf dem Abtropfgestell war die Küche perfekt aufgeräumt und blitzblank – und genauso unpersönlich wie das Gästezimmer. Trotz des Feuers fröstelte Maddy.

Die Einrichtung musste aus dem neunzehnten Jahrhundert stammen und passte genau zu dem düsteren alten Haus. Zu dem schnittigen schwarzen Sportwagen in der Auffahrt und dem Hausherrn mit dem umwerfenden Körper passte das Ganze dagegen überhaupt nicht.

Merkwürdig, dass er offenbar keinen Versuch unternommen hatte, sein Zuhause nach seinem Geschmack zu gestalten. Er passte eher in ein ultramodernes Junggesellen-Apartment in der Großstadt, voll mit elektronischem „Spielzeug“. Ob er das Haus nur als Ferienunterkunft gemietet hatte?

Maddy überlegte hin und her. Dann schüttelte sie energisch den Kopf, füllte den altmodischen Teekessel aus Stahl, stellte ihn auf den Herd und begann, nach Teebeuteln zu suchen. Dabei pfiff sie munter vor sich hin.

Rye blieb wie angewurzelt stehen und unterdrückte ein Stöhnen. Sein weiblicher Gast pfiff eine etwas schräge Version von „When a man loves a woman“ und streckte sich nach etwas im Küchenschrank, wobei sein altes Sweatshirt hochrutschte und den Blick auf einen verführerischen kleinen Po in einem pinkfarbenen Slip freigab.

Offenbar hatte Maddy das Gesuchte gefunden, denn jetzt drehte sie sich zur Seite und ließ sich von den Zehenspitzen herab, wobei ihre Brüste unter dem Sweatshirt leicht schwangen.

Sie trägt keinen BH, dachte Rye. Jetzt bin ich wirklich in Schwierigkeiten.

Der äußerst verführerische Po verschwand wieder unter dem Sweatshirt. Aber als Rye den Blick über Maddys schlanke, durchtrainierte Beine und ihr Profil unter den rotbraunen Locken schweifen ließ, stellte er sich ihre nackten runden Brüste vor – die Spitzen rosig und fest –, die sich gegen seine Handflächen pressten. Heftiges Begehren erfüllte seinen ganzen Körper.

Er senkte den Blick auf seine Hose und stellte fest, dass seine Erregung nicht zu übersehen war. Fast hätte er einen lauten Freudenschrei ausgestoßen. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr hatte er eine Erektion, und er fühlte sich wie ein Superheld. Auf einmal glaubte er, den Mount Everest mit nur einem einzigen großen Schritt erklimmen zu können und …

In diesem Moment ertönte das schrille Pfeifen des Teekessels und riss ihn aus seinen Gedanken. Maddy zuckte zusammen, wobei ihre Brüste erneut leicht schwangen, und griff nach dem Teekessel.

Da er noch immer völlig benommen war, reagierte er zu spät. „Nicht anfassen!“, rief er, doch da stieß sie bereits einen Schmerzensschrei aus.

So schnell es ging, eilte er zu ihr und umfasste ihr Handgelenk. „Hast du dich verbrannt?“

In ihren Augen glänzten Tränen. „Mann, bin ich blöd“, sagte sie errötend.

Sie zitterte leicht und biss sich mit ihren kleinen weißen Zähnen auf die volle Unterlippe.

Rye fühlte sich so heftig von ihr angezogen, dass er sich zwingen musste, den Blick von ihrem Mund abzuwenden. Als er das leuchtend rote Brandmal an ihrem Daumen entdeckte, zog er ihre Hand unter den Wasserhahn. Dabei bemühte er sich, ausreichend Abstand zwischen sich und ihr zu lassen. Dennoch stieg ihm ihr Duft in die Nase. Er roch sein eigenes Shampoo, vermischt mit einem würzigen, unwiderstehlich erotischen Aroma.

Als er das kalte Wasser anstellte, zuckte Maddy zurück und prallte gegen ihn. Ihr Po drückte sich genau dort gegen ihn, wo seine heftige Erregung am deutlichsten zu spüren war.

Was, um alles in der Welt, war das?

Mit einem Schlag hatte Maddy den brennenden Schmerz an ihrer Hand vergessen. Ihre Brustspitzen wurden hart, und heftiges Verlangen schoss durch ihren Körper.

Leise fluchend ließ Rye ihre Hand los und wich zurück.

Maddy stand unbeweglich da, ohne etwas von dem eiskalten Wasser zu spüren. Ihre Hand war offenbar schon ganz betäubt – im Gegensatz zu ihrem Po. All ihre Sinne schienen geradezu schmerzlich geschärft, sodass ihr das Fließen des Wassers und das Prasseln des Regens geradezu ohrenbetäubend laut vorkamen. Ryes Duft hüllte Maddy ein, ein betörender Duft nach Meerwasser und Seife. Seine Nähe ließ ihre Haut prickeln. Inzwischen berührte er sie zwar nicht mehr, stand aber noch immer ganz nah bei ihr.

Was sollte sie jetzt bloß sagen?

Als Rye sich plötzlich räusperte, zuckte sie vor Schreck zusammen. „Es ist nicht so, wie du denkst.“

Der Klang seiner tiefen Stimme ließ Maddy erbeben, noch bevor sie den Sinn der Worte erfasst hatte.

Wie bitte? Sie drehte sich um und betrachtete seine Hose, die sich an einer bestimmten Stelle unverkennbar wölbte – und zwar heftig.

„Ich weiß nicht, was ich deiner Meinung nach denke“, erwiderte sie und sah ihm in die Augen. „Aber ich habe in meinem Leben noch kein eindrucksvolleres Exemplar einer Erektion gesehen.“

Beschwichtigend hob er die Hände. „Also gut, ertappt.“ Um seinen Mund zuckte es leicht. „Du bist also nicht genervt deswegen?“

„Nein“, gab Maddy zu und senkte den Blick wieder zu seiner Hose. Du meine Güte, das war wirklich beeindruckend. Offenbar war Rye ebenso an ihr interessiert wie sie an ihm.

Damit stand sie vor der Wahl: Entweder konnte sie sich den Kopf darüber zerbrechen, ob Rye King der Richtige für sie war, und schreiend die Flucht ergreifen. Spätestens in ein bis zwei Jahrzehnten hätten sich ihre Hormone bestimmt wieder beruhigt. Oder sie konnte die Gelegenheit beim Schopf packen und sich zum ersten Mal im Leben über die Folgen ihres Handelns nicht den Kopf zerbrechen. Darüber würden sich ihre Hormone bestimmt sehr freuen.

Rye hob ihr Kinn an, strich ihr mit dem Daumen über die Unterlippe und fragte: „Wenn du nicht genervt bist, was bist du denn dann?“

Eine nervöse Vorfreude erfasste Maddy, und sie lächelte. Sie hatte lange auf jemanden gewartet, den sie einfach benutzen konnte. Rye schien der perfekte Kandidat zu sein: mürrisch, intensiv, atemberaubend und das absolute Gegenteil dessen, was sie sich unter einem Lebensgefährten vorstellte. Und: Er wollte sie offenbar ebenso benutzen wie sie ihn. Also, worauf wartete sie noch?

Maddy legte ihm einen Arm um den Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte so zu wirken, als wüsste sie, was sie da tat. Dabei war die hohe Kunst der Verführung völliges Neuland für sie. Normalerweise überließ sie es dem Mann, den ersten Schritt zu machen, in der Regel nach einigen braven Verabredungen und ziemlich viel Händchenhalten.

Es wird Zeit, dass du dein Liebesleben selbst in die Hand nimmst, Madeleine Westmore, sagte sie sich und schmiegte sich an Rye. Als sie seine heftige Erregung spürte, erfüllte sie ein berauschendes Gefühl der Macht. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas Laszives oder Waghalsiges getan. Doch genau das brauchte sie, um sich aus ihrer behaglichen, langweiligen Sicherheit zu befreien.

Neckend zog sie eine Augenbraue hoch, woraufhin ein verführerisches Lächeln Ryes sinnliche Lippen umspielte.

„Um deine Frage zu beantworten: Ich fühle mich geschmeichelt. Und ich hoffe sehr, dass du ein Kondom hast, das groß genug ist“, sagte sie und konnte ihre Unverfrorenheit selbst kaum fassen.

Er legte den Kopf in den Nacken und lachte. Gleich darauf glitten seine großen Hände unter das Sweatshirt und strichen über ihre nackte Haut. „Maddy Westmore, du könntest genau die Richtige für mich sein.“

Die bedeutungslosen Worte taten dem Verlangen, das ihren ganzen Körper erbeben ließ, keinen Abbruch. Maddy stockte der Atem, als Rye den Kopf neigte und ihren Hals mit dem Mund liebkoste. Sie spürte seine Bartstoppeln und die heißen Lippen auf ihrer zarten Haut und seinen Daumen, mit dem er ihr über die harten Brustwarzen strich. Rye küsste Maddy wie ausgehungert, hob sie hoch und sagte: „Kondome gibt es in meinem Schlafzimmer. Lass uns ausprobieren, ob eins davon groß genug ist.“

Doch nach dem ersten Schritt schwankte er ein wenig. Schnell glitt Maddy zu Boden und sah, wie er sich heftig fluchend über sein Bein beugte.

„Oh nein, habe ich dir wehgetan?“, fragte sie erschrocken. Wie hatte sie nur sein verletztes Bein vergessen können?

Seine Wangen röteten sich, als er den Blick abwandte. „Nein“, erwiderte er nur.

Da war er wieder, der Rottweiler-Blick. Maddy legte ihm eine Hand auf die Wange und drehte sein Gesicht sanft zu sich herum. „Gut. Bist du noch immer bereit für eine Anprobe?“

Er richtete sich auf und lachte kurz. „Warum solltest du denn mit einem Krüppel ins Bett gehen wollen?“ Unter seinem bitteren, wütenden Tonfall spürte Maddy eine große Traurigkeit.

„Weil ich mir nun wirklich nicht über dein Bein Gedanken mache.“

Ganz kurz kniff er die Augen zusammen, doch dann entspannte sich sein Gesicht. „Da ist natürlich etwas dran“, gab er zu, nahm ihre Hand und küsste ihre Fingerknöchel. Diese liebevolle Geste kam so unerwartet, dass auch Maddy errötete.

„Ich möchte dich nicht enttäuschen.“

In seinen Augen lag ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wusste. Maddy hatte keine Ahnung, was er mit dieser Bemerkung meinte, aber es klang ihr entschieden zu ernst. Sie wollte nichts Ernstes: Das hier würde ihr erstes und einziges wildes erotisches Abenteuer werden. Sie wollte Rye nicht kennenlernen, und er brauchte über sie auch nichts zu wissen.

„Solange du bis ins Schlafzimmer humpeln kannst, wirst du das auch nicht“, versicherte sie, nahm seine Hand und zog ihn hinter sich her, damit ihr nicht am Ende noch ihre Vernunft einen Strich durch die Rechnung machte.

„Humpeln?“ Rye, dessen leichtes Hinken viel weniger deutlich war als seine Erregung, hob die Augenbrauen. „Das ist nicht gerade schmeichelhaft!“

„Wenn du möchtest, dass ich dir schmeichele, dann musst du erst mal loslegen“, erwiderte Maddy vielsagend.

Mit einem befreiten Lachen folgte er ihr widerstandslos.

Als Rye die Schlafzimmertür zuschlug, bebte er am ganzen Körper vor Anspannung und Adrenalin. Heftig atmend stand Maddy vor ihm, und ihre grünen Augen leuchteten vor Verlangen.

Er zog sie an sich. „Ich will dich nackt sehen“, sagte er leise, den Mund ganz nahe an ihren Locken, während er mit den Händen ihre Hüften umfasste.

Sie fühlte sich warm, glatt und einfach perfekt an. Ihr zarter weiblicher Körper schien zu vibrieren, als er ihr das Sweatshirt abstreifte und es zur Seite warf. Voller Begehren betrachtete er ihre ...

Autor

Lorna Michaels
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Heidi Rice

Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt – mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie...

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