Baccara Collection Band 500

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EIN RING, EIN KUSS – EIN MANN IM BETT? von NANCY ROBARDS THOMPSON

„Hiermit wird bescheinigt, dass Sofia Gomez Simon und Harris Richmond Fortune verheiratet sind.“ Entsetzt liest Sofia das Dokument. Doch der goldene Ring an ihrem Finger ist verräterisch – und auch der nackte Mann neben ihr im Bett, im Hotelzimmer in Las Vegas …

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  • Erscheinungstag 08.08.2026
  • Bandnummer 500
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537834
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Nancy Robards Thompson, Brenda Jackson, Janice Kay Johnson

BACCARA COLLECTION BAND 500

Nancy Robards Thompson

1. KAPITEL

Möglicherweise lag es an den spärlich bekleideten Frauen, die mit Flaschen mit dem Haarfärbemittel der Marke Circo Lujoso jonglierten. Oder daran, dass Circo Lujoso übersetzt so viel wie luxuriöser Zirkus bedeutete. Doch Harris Fortune konnte nur daran denken, dass jede Minute ein Dummer geboren wurde, der leichtgläubig auf jedes Werbeversprechen hereinfiel.

„Das ist eine großartige Gelegenheit, die Sie sich nicht entgehen lassen sollten!“, rief ein Mann, der den roten Mantel eines Zirkusdirektors trug und Alejandro sonst wie hieß.

Harris warf einen flüchtigen Blick auf den Prospekt, den er beim Betreten des Raumes in die Hand genommen hatte.

Garces.

Alejandro Garces.

In seinem Lebenslauf stand, dass dieser Star-Coiffeur eine einzigartige Formel für ein Haarfärbeprodukt entwickelt hatte und jetzt auf der Suche nach Investoren war.

„So, wie sich Menschen auf der ganzen Welt danach sehnen, dass Alejandro Garces, der König der Farben, sein magisches Werk an ihrem Haar vollbringt, so sehnen sich Investoren weltweit nach dieser einmaligen Gelegenheit, in dieses fantastische Start-up zu investieren, für das Alejandro Garces sie erwählt hat.“

Jetzt sprach er von sich sogar schon in der dritten Person.

Nope. Das ist nichts für mich.

Da ihn die Einladung erst gestern erreicht hatte, war seinen Mitarbeitern nicht viel Zeit für ihre gewohnte gründliche Recherche geblieben. Inzwischen begann Harris sich zu fragen, ob er nur eingeladen worden war, weil andere vor ihm diese Gelegenheit ausgeschlagen hatten.

Wäre er nicht ohnehin schon wegen eines anderen Meetings in Las Vegas gewesen, wäre er gar nicht zu dieser Veranstaltung hier gegangen. Doch jetzt war er nun mal hier, und der Trubel um das Produkt hatte ihn neugierig gemacht, obwohl Haarfarben eigentlich nicht so recht in sein übliches Portfolio passten.

Erneut wurde Zirkusmusik gespielt, und Harris stand auf, um zu gehen.

Er hatte genug gehört. Diese Investition und dieses Zirkusspektakel waren nichts für ihn, obwohl ihn die Vorstellung von einer langlebigen Haarfarbe aus Spanien zunächst gereizt hatte.

So etwas sah man nur in Las Vegas, wofür er diese Stadt stets geliebt hatte, aber womöglich war er jetzt mit zweiunddreißig über dieses Alter hinaus.

„Denken Sie daran, Sie müssen anwesend sein, um sich von der magischen Wirkung von Circo Lujoso zu überzeugen“, mahnte Garces.

Als Harris die Tür vom Konferenzraum öffnete, bemerkter, dass jemand hinter ihm war, und er warf einen Blick über die Schulter.

Eine attraktive Brünette folgte ihm, und er hielt ihr die Tür auf, um ihr den Vortritt zu lassen.

„Danke“, sagte sie, als sie beide vor dem Zimmer standen und die Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte.

„Dann haben Sie also auch nicht angebissen?“, erkundigte sich Harris.

Lachend schüttelte sie den Kopf. „Nein, tut mir leid. Auch, wenn er der legendäre Alejandro Garces ist – keine Haarfarbe auf dieser Welt hält ein Jahr lang, ohne zu verblassen. Ich bin schon lange in dem Geschäft und weiß, wovon ich rede.“

Plötzlich hatte Harris das Gefühl eines Déjà-vu, und er streckte der Frau eine Hand entgegen. „Ich bin Harris Fortune. Kennen wir uns? Sie kommen mir so bekannt vor.“

„Sofia Gomez Simon.“ Ihre Hand fühlte sich sanft an, doch ihr Händedruck war kräftig. „Ich bin die Besitzerin von The Style Lounge Salon in Emerald Ridge.“

„Texas?“

Überrascht sah sie ihn an. „Ja. Kennen Sie diesen Ort?“

„In der Tat. Meine Familie …“ Sorgfältig wog er seine Worte ab, als ihm klar wurde, woher er Sofia kannte. „Wir haben Verbindungen nach Emerald Ridge.“

Vor ein paar Jahren war sie ihm während eines Aufenthalts in dem Sommerhaus der Familie der kleinen Stadt aufgefallen, als er eine Ausgabe des Emerald durchgeblättert hatte, dem lokalen Tageblatt. Die Friseursalonbesitzerin Sofia Simon Gomez war in einem Artikel als eine der fünf erfolgreichsten örtlichen Geschäftsfrauen vorgestellt worden.

Zwar erinnerte er sich nicht an Details des Berichts, und auch ihre Frisur war damals eine andere gewesen, doch dieses Gesicht würde er nie vergessen.

„Die Welt ist klein.“ Nachdenklich sah sie ihn an. „Sie beabsichtigen doch nicht etwa, einen Salon dort zu eröffnen, oder? Denn ich kann Ihnen im Voraus versichern, dass für mich die besten Coiffeure der Stadt arbeiten und meine Kunden treu sind.“

„Sind sie das?“, fragte er.

Sie nickte. Ihm gefiel das Selbstbewusstsein, das in dieser Bewegung lag und der entschlossene Ausdruck in ihrem Blick. Bei so viel Entschlossenheit würde er in jedem Fall davor zurückschrecken, ihr Kunden abringen zu wollen – selbst, wenn er plante, einen konkurrierenden Friseursalon zu eröffnen.

Wenn er allerdings näher darüber nachdachte, würde es bestimmt Spaß machen, mit ihr zu ringen und dabei diese wunderbar sinnlichen Rundungen zu berühren …

„Ich meine es ernst“, erklärte sie nachdrücklich. „Emerald Ridge ist eine kleine Stadt, und es gibt nicht genügend Kunden für zwei moderne Friseursalons. Und wie ich bereits sagte – meine Klienten sind treu.“

„Treue scheint Ihnen wichtig zu sein“, stellte er fest.

Sie blinzelte und schüttelte kaum merklich den Kopf. Ein Zeichen der Überraschung?

Doch schon bald war von diesem winzigen Moment der Unsicherheit nichts mehr zu sehen, und sie richtete sich selbstbewusst zu ihrer vollen Größe von … Nun, da sie zu dem enganliegenden und ihren sinnlichen Rundungen schmeichelnden blauen Kleid sexy Stilettos trug, schätzte er ihre tatsächliche Größe auf etwa einen Meter und sechzig.

„Ich schätze Treue“, sagte sie leise. „Wenn Menschen zu ihrem Wort stehen. Ihm treu sind, sagt das viel über ihren Charakter aus.“

Er nickte. Das klang beinahe so, als würde sie aus persönlicher Erfahrung sprechen. Interessant. „Da stimme ich Ihnen zu“, sagte er. „Ich finde es auch wichtig, ein Versprechen zu halten.“

Unauffällig sah er auf ihren linken Ringfinger und bemerkte zu seiner großen Freude, dass Ms. Simon keinen Ring trug.

Plötzlich fühlte er sich wieder energiegeladen. Möglicherweise war dieser Ausflug hierher doch nicht so ein Reinfall, wie er gedacht hatte.

„Ich bin am Verhungern“, sagte er. „Wollen Sie eine Kleinigkeit mit mir essen? In der Freemont Street gibt es ein neues Restaurant, das ich wahnsinnig gerne ausprobieren würde. Sie sollen ein tolles Degustationsmenü mit passender Weinverkostung haben.“

Als er sah, dass sie zögerte, ergänzte er: „Nur ein Essen unter Bewohnern von Emerald Ridge, die sich zufällig in der Fremde begegnen.“

Harris Fortune hatte sie zum Dinner eingeladen.

In dem Moment, in dem er sich vorstellt hatte, war Sofia klar geworden, um wen es sich handelte … Das war tatsächlich der Harris Fortune.

Dann hatte sie noch einen Augenblick gebraucht, um die verwirrende Aufregung zu zügeln, die sie bei seiner Einladung zum Essen empfand.

Obwohl es eine verlockende Vorstellung war, sie anzunehmen – schließlich hatte sie außer Kaffee und einem Muffin seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und war halb am Verhungern –, konnte sie einfach nicht mit ihm zum Dinner ausgehen.

Sie war erst seit drei Monaten offiziell geschieden, obwohl ihr Exmann Dan und sie natürlich schon vorher getrennt voneinander gelebt hatten. Die Vorstellung, geschieden zu sein, erschien Sofia immer noch so irreal wie die Vorstellung, von Dan als ihren Exmann zu denken.

Das an sich war schon der beste Beweis dafür, dass sie sich noch nicht in der seelischen Verfassung für ein Date befand. Doch es gab noch einen weiteren Grund, weshalb sie sich nicht mehr mit Männern verabredete – ihre Kinder. Kaitlin Maria war gerade mal sieben und ihr Bruder Jackson Carlos sogar noch ein Jahr jünger.

Sie und Dan hatten durch ihre Entscheidung, bessere Freunde als Eheleute zu sein, die Leben ihrer Kinder völlig auf den Kopf gestellt. Eine Trennung war besser als ein Zuhause, in dem sich die Eltern ständig stritten.

Selbst jetzt, da sie einiges bedauerte hatte, war Sofia sicher, dass sie richtig entschieden hatte.

Trotzdem würde sie sich für eine lange Zeit nicht mehr auf Dates einlassen. Vermutlich solange nicht, bis ihre Kinder das College besuchten.

„Ich weiß Ihr Angebot zu schätzen“, sagte sie. „Aber ich reise morgen ab und muss jetzt meine Sachen packen.“

Sie war im Begriff zu gehen, drehte sich jedoch mit einem Lächeln noch einmal zu Harris um. „Ich bin mir ziemlich sicher. Emerald Ridge ist nicht groß genug für zwei Salons. The Style Lounge kann es mit jedem Friseur in Dallas aufnehmen. Wenn Sie mir nicht glauben, vereinbaren Sie einen Termin und lassen Sie sich überzeugen.“

Ihr wurde bewusst, dass sie ihre Lippen schürzte und das tat, was Dan ihren Marilyn-Monroe-Look genannt hatte – küss mich, wenn du kannst. Allerdings sah sie Marilyn Monroe überhaupt nicht ähnlich …

Stopp, Sofia, ermahnte sie sich innerlich. Was denkst du eigentlich, was du das tust? Du flirtest, jawohl. Und zwar mit Harris Fortune.

So, hör jetzt auf damit und geh.

Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch sie drehte sich mit wild klopfendem Herzen bereits um.

In diesem Moment erklang der Signalton ihres Handys, der eine eingehende Nachricht ankündigte. Sie dachte, ihre Kinder hätten ihr geschrieben, denn Dan war während ihres Geschäftstreffens von Austin nach Emerald Ridge gekommen, um auf die beiden aufzupassen, und gestattete ihnen, sein Handy zu benutzen, um ihrer Mom zu schreiben.

Stirnrunzelnd stellte Sofia fest, dass die Nachricht von ihrer Cousine Jacinta und mit WTF – What the fuck – betitelt war.

Sofia blieb stehen und öffnete die Nachricht, die ein Foto von Dan und einer hübschen Brünetten enthielt, die auf seinem Schoß saß und die Arme um seinen Nacken geschlungen hatte. Zwar küssten sie einander nicht, aber ihre Nasen stießen fast aneinander, als ob sie es gerade getan hätten oder im Begriff waren, es gleich zu tun …

Weswegen schickte Jacinta ihr das bloß?

Unter dem Bild stand:

Hast du das gewusst?

Natürlich nicht. Wie sollte sie auch? Es war ja nicht so, dass Dan– oder wer auch immer das Foto aufgenommen hatte– es Sofia gesendet hätte. Warum hatte es Jacinta getan?

Weidete sie sich etwa an der Tatsache, dass sie nicht nur Grandma Rosas Schokoladengeschäft geerbt, sondern sich dabei auch noch einen Mann geangelt hatte?

Einen Fortune, um genau zu sein.

Jacinta war mit Micah Fortune verheiratet.

Und Sofia war eine einunddreißigjährige geschiedene Mutter von zwei Kindern. Sie liebte ihre Cousine wirklich, doch es wäre gelogen zu behaupten, Jacinta und Sofia wüssten nicht, wie sie sich gegenseitig auf die Palme bringen konnten.

Sofia rollte mit den Augen und überlegte, was sie antworten sollte.

Eigentlich machte es ihr nichts aus, dass Jacinta Abuela Rosas Schokoladengeschäft übernommen und ihre wahre Liebe gefunden hatte. Schön für sie. Sofia hatte ihren eigenen florierenden Salon und sowieso kein Interesse an Schokolade.

Doch es störte sie, dass ihre Cousine ihr so unverfroren unter die Nase rieb, dass Sofia und Dan … geschieden waren.

Eilig tippte sie eine Antwort, während sie das Foto betrachtete.

Dan darf küssen, wen er will … besonders dann, wenn die Brünette so viel Ähnlichkeit mit mir hat. Offenbar ganz sein Geschmack.

Fast so schnell, wie sie sie getippt hatte, löschte sie die Nachricht auch wieder.

Während sie über eine geeignete Antwort nachdachte, kam Harris Fortune lächelnd zu ihr.

„Hey, Harris“, sagte sie. „Ich habe meine Meinung geändert. Ich würde sehr gerne mit Ihnen zu Abend essen – das heißt, wenn Ihr Angebot noch steht.“

Würde es ein Essen unter Freunden sein? Wenngleich unter ziemlich neuen Freunden.

Doch sie waren in Las Vegas, und weder ihre Kinder noch irgendjemand anders aus Emerald Ridge würde sie zusammen sehen und möglicherweise auf falsche Gedanken kommen. Oder ein Foto von ihr machen, wie sie auf Harris’ Schoß saß.

Nein, sie würde definitiv nicht auf irgendwelchen Schößen sitzen, erinnerte sie sich streng, denn sie waren lediglich zwei Bewohner von Emerald Ridge, die zusammen dinierten.

Harris stieß mit seinem Weinglas sacht gegen das von Sofia.

Sie trank einen Schluck. „Sie haben mir noch nicht gesagt, ob Sie einen Friseursalon eröffnen wollen? In Emerald Ridge oder woanders?“

Er überlegte, ob er sie noch ein bisschen länger darüber im Unklaren lassen wollte, weil es ihm gefiel, wie entschlossen sie dann wirkte, doch der Abend hatte so gut begonnen. Sie saßen an einem gemütlichen Ecktisch im Laurel, einem brandneuen Restaurant, in dem man drei Monate im Voraus reservieren musste. Für einen Samstagabend wartete man sogar noch länger. Doch Harris war mit einem der Besitzer zusammen aufs College gegangen, der ihn kurzerhand für den heutigen Abend eingeladen hatte, als er hörte, dass Harris in der Stadt war.

Sofia und er genossen gerade ein Sechs-Gänge-Menü mit passender Weinverkostung.

„Friseursalons sind nicht unbedingt mein Geschäftsfeld“, erklärte er, während er ein Stück gegrillten Spargel mit der Gabel aufspießte.

„Und warum sind Sie dann auf einer Friseurmesse in Vegas?“, erkundigte sie sich.

„Ich war ohnehin für ein anderes Meeting hier, als ich die Einladung für den Circo Lujoso erhalten habe“, erklärte er. „Da wollte ich einfach mal sehen, ob an dem ganzen Hype um diese Haarfarbe etwas dran ist.“

„Ach, so“, sagte sie. „Und jetzt sitzen wir hier.“

„Jetzt sitzen wir hier. Sind Sie etwa von Garces Investitionsversprechen nach Vegas gelockt wurden?“

„Nein, ich wollte mir nur mal ansehen, wie neue Produkte beworben werden und was es Neues auf dem Markt gibt. Ich hatte gar keine Einladung zu dem Meeting“, setzte sie etwas verlegen hinzu. „Ich bin einfach so hingegangen.“ Ihre Verlegenheit währte jedoch nur kurz. „Natürlich wollte ich als Friseurin etwas über das Produkt erfahren, auch, wenn ich keine Investorin bin. Aber Leute wie ich kaufen letzten Endes das Produkt, das Garces Zirkus am Laufen hält.“

„Werden Sie es benutzen, wenn es sich am Mark etabliert?“

Sie schnitt eine Grimasse. „Ich führe meine Klienten nicht in die Irre. Keine Haarfarbe hält ein Jahr, ohne zu verblassen. Doch selbst, wenn es stimmen sollte, müssten die Kunden doch regelmäßig zum Ansatzfärben in den Salon kommen. Was mich außerdem stutzig macht, ist die Tatsache, dass er nicht verrät, welche Bestandteile in der Farbe sind. Weder möchte ich meine Kunden unbekannten Chemikalien aussetzen noch meine Hände darin haben. Ich habe keine Ahnung, worauf Garces aus ist. Heutzutage geht der Trend ohnehin zu natürlichen Haarfarben und Behandlungen. Aber ich rede zu viel“, setzte sie schnell hinzu. „Entschuldigen Sie bitte. Ich mache meinen Job leidenschaftlich gerne und muss mich selbst manchmal zügeln.“

Er liebte es, wenn sie leidenschaftlich war.

„Außerdem wollte ich erklären, wieso ich uneingeladen dort gewesen bin. Das ist normalerweise gar nicht mein Stil.“

„Selbst wenn es so wäre – ich liebe Ihren Stil, Sofia Gomez Simon.“ Harris hob sein Weinglas.

Ihre Wangen röteten sich, als Sofia einen Schluck trank.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“, wollte er wissen.

„Bitte, was Sie wollen.“

„Ihr Nachname ist Gomez Simon. Sind Sie möglicherweise verwandt mit Jacinta Gomez? Sie ist mit meinem Cousin Micah verheiratet.“

„Ja, Jacinta ist meine Cousine. Ich schätze, ihr Fortunes seid alle irgendwie miteinander verwandt.“

Harris lachte. „Möglicherweise. Aber viel wichtiger ist die Frage, ob wir irgendwie miteinander verwandt sind, wenn Ihre Cousine mit meinem Cousin verheiratet ist?“

„Vielleicht sind wir dann so etwas wie Schwieger-Cousins?“, fragte sie lächelnd. „Nicht, dass das eine Rolle spielen würde.“

Ein Hauch erotischer Spannung schwebte zwischen ihnen, und wenn es irgendeine andere Frau gewesen wäre, hätte er vielleicht alles auf eine Karte gesetzt, bis sie sich entschieden hätten, dass Dinner abzubrechen und geradewegs zum Dessert überzugehen … du zwar bei ihr im Hotelzimmer.

Stattdessen riet ihm sein Instinkt, es langsam angehen zu lassen. „Woher kommt Simon in Ihrem Nachnamen?“

Kaum merklich zuckte sie zusammen, bevor sie an ihrer Unterlippe zu knabbern begann und auf ihre Hände starrte. Dann hob sie den Blick und sah ihm in die Augen.

„Ich war verheiratet und bin jetzt geschieden.“

Harris fühlte sich so erleichtert wie ein Kind, das am Weihnachtsmorgen aufwachte und feststellte, dass es genau das Geschenk bekommen hatte, das es sich gewünscht hatte. Doch er ließ sich nichts anmerken, denn ihm entging nicht, dass Sofia keineswegs begeistert über ihre Scheidung zu sein schien.

„Wie lange ist es her?“, fragte er behutsam.

Schweigend leerte sie erst ihr Weinglas, bevor sie antwortete. „Die Scheidung ist seit drei Monaten offiziell, aber wir haben uns schon davor getrennt, denn unsere Beziehung war schon früher vorbei. Entschuldigen Sie, Sie wollen bestimmt nichts darüber hören. Heute Abend habe ich schon ziemlich viel geredet. Erzählen Sie doch bitte etwas über sich.“

„Wenn ich nicht mehr von Ihnen wissen wollte, hätte ich nicht gefragt. Hängen Sie …“ Er stellte das Weinglas ab und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. „Also, ich weiß nicht, wie ich das fragen soll.“

Lächelnd sah sie ihn an. „Was denn? Sagen Sie schon.“

Ihre Blicke trafen sich, und plötzlich war da etwas zwischen ihnen – unsichtbar und dennoch spürbar.

„Also, ich frage mich, ob Sie immer noch an Ihrem Exmann hängen?“, sagte Harris schließlich.

Ihre Augen weiteten sich ein wenig, doch sie schien seine Frage nicht ungebührlich zu finden. „Wir waren im Grunde viel zu jung, als wir geheiratet haben“, erklärte sie. „Wir kannten weder uns noch die große weite Welt außerhalb von Emerald Ridge. Wir kannten uns schon seit der Highschool, Sie wissen schon – erste Liebe und so. Und bevor wir uns versahen, waren acht Jahre um, und wir hatten zwei Kinder. Aber wir haben uns dabei kaum wirklich gekannt …“

Er hätte wirklich nicht fragen sollen. Die Scheidung war erst drei Monate her, und sie hatte Kinder, dachte er. Diese Frau hatte eine Menge Päckchen zu tragen, und er ließ sie besser in Ruhe – behandelte sie lediglich wie eine zufällige Begegnung mit einer Frau, die aus derselben Stadt wie er stammte. Weit, weit weg von neugierigen Blicken, Exmännern und Kindern …

„Sir?“, fragte der Kellner, der in der Zwischenzeit an ihren Tisch getreten war, den nächsten Gang serviert hatte und eine große Pfeffermühle in den Händen hielt.

„Ja?“ Irritiert sah Harris ihn an.

„Möchten Sie Pfeffer auf Ihre Hummercremesuppe?“

„Ja, bitte.“

Nachdem sie die Suppe probiert hatten und sich von dem köstlichen Geschmack hatten begeistern lassen, fragte Harris: „Wo waren wir gerade stehengeblieben?“

Sofia zuckte mit den Schultern, und er wusste nicht, ob er das Gespräch fortführen oder nach einem neuen Thema suchen sollte, doch er wollte unbedingt mehr über sie erfahren. „Nach acht Jahren hatten Sie und Dan zwei Kinder und kannten sich immer noch nicht“, fasste er zusammen.

Sie lächelte. „Sie sind ein guter Zuhörer, aber wollen Sie sich das wirklich antun?“

„Ich bin ganz Ohr.“ Er lehnte sich zurück und sah sie gespannt an.

„Vielleicht kennen Sie meinen Exmann ja. Er heißt Dan Simon und arbeitet für Micah Fortune auf der Fortune’s Gold Ranch.“

„Ich lebe in Dallas“, erwiderte er achselzuckend. „Und habe nichts mit der Ranch zu tun. Sie gehört meinem Cousin. Eigentlich komme ich nur für Urlaub oder Familientreffen nach Emerald Ridge.“

„Dann wohnen Sie gar nicht richtig in Emerald Ridge?“

„Wenn ich Nein sage, wäre das was Gutes oder was Schlechtes?“

Sie beugte sich vor und stützte die Unterarme auf dem Tisch ab. Ihre Augen glänzten, und ihre Wangen waren leicht gerötet. „Ich weiß nicht. Sagen Sie es mir, Harris. Wäre es gut oder schlecht, wenn Sie nicht in Emerald Ridge leben würden?“

„Ich schätze, das hängt davon ab, ob Sie immer noch Gefühle für Ihren Ex haben.“

Sie betrachtete ihre Hände. Sah sie dorthin, wo ihr Ehering gewesen war? Oder bildete er sich das ein? Wie auch immer, jedenfalls lehnte sie sich jetzt wieder zurück.

Verdammt. Der Zauber war gebrochen. Ganz offensichtlich verband sie und Dan noch mehr als die beiden Kinder.

„Es ist kompliziert“, gab sie zu. „Ich liebe meinen Exmann immer noch – wenn auch nicht auf die romantische Weise. Ich werde es immer tun – immerhin ist er der Vater meiner Kinder, und ich möchte, dass sie eine gute Beziehung zu ihm haben. Dan und ich sind bessere Freunde, als wir Ehepartner waren.“ Sie sah auf. „Ob ich wohl noch ein Glas von dem Rosé bekommen könnte? Der schmeckt wirklich gut.“

Harris gab dem Kellner ein Zeichen, und sein Freund Carl höchstpersönlich brachte zwei Flaschen Wein an den Tisch – einen französischen und einen italienischen. Er bat Sofia zu probieren, welcher ihr besser gefiel, und sie entschied sich für den Wein aus Italien.

Fasziniert beobachtete Harris, wie sie mit derZunge über die Lippen fuhr. Er sehnte sich danach, mehr von diesen Lippen zu schmecken, und ahnte, dass sie köstlicher waren als alles, was er heute Abend gegessen oder getrunken hatte. Vielleicht köstlicher als alles, was er je in seinem Leben genossen hatte.

Rasch schüttelte er den Gedanken ab. Das war der Wein, der aus ihm sprach.

Vielleicht.

Harris hatte sich bereits heute Nachmittag zu Sofia hingezogen gefühlt – und da hatte er noch keinen Tropfen getrunken. Hölle, er war schon vor Jahren von ihr fasziniert gewesen, als er sie zum ersten Mal in diesem Magazin gesehen hatte.

In seinem Inneren tobte ein Kampf.

Ein Teil von ihm wollte sagen: Hey, das ist Vegas, Baby. Was hier geschieht, bleibt zwischen dir und mir.

Doch der vernünftige Teil in ihm, der in Gefahr stand, langsam, aber sicher vom Alkohol und der elektrisierenden Anziehungskraft übertönt zu werden, mahnte ihn zur Vorsicht. Es war gefährlich, mit den Gefühlen einer Frau zu spielen, die frisch geschieden war.

Eine Frau mit zwei Kindern. Eine Frau aus Emerald Ridge, einem Ort, der zeit seines Lebens ein Rückzugspunkt gewesen war, dessen Glanz nun allerdings von dem Mord an seinem alten Freund Linc Banning überschattet wurde.

In den vergangenen Jahren hatten Harris und Linc sich zwar nicht mehr gesehen, doch Harris wusste inzwischen, dass sein Freund in zwielichtige Geschäfte verwickelt gewesen sein musste. Allerdings schien die Polizei nicht übermäßig motiviert an der Aufklärung des Verbrechens zu arbeiten. Das war einer der Gründe, weswegen er beschlossen hatte, für eine Weile in Emerald Ridge zu bleiben. Er wollte sehen, wie die Ermittlungen vorangingen, und notfalls bei der Aufklärung des Falls behilflich sein.

Das und die Rätseljagd, die seine Eltern ihm und seinen Geschwistern unabsichtlich nach ihrem Tod hinterlassen hatten. Alle aus seiner Familie versuchten die Überraschung zu finden, die ihre Eltern vor ihrem tödlichen Flugzeugabsturz für ihre Kinder versteckt hatten und die sie nach ihrer Rückkehr aufspüren sollten.

Harris atmete tief durch. Er hatte selbst genug um die Ohren, als dass er sich noch Sorgen darüber machen konnte, ob er in Emerald Ridge seiner Eroberung aus Las Vegas über den Weg lief. Außerdem verdiente eine Frau wie Sofia Gomez etwas Besseres, als eine Eroberung aus Las Vegas zu sein.

„Ich hätte da auch eine Frage an Sie“, sagte Sofia.

„Okay, schießen Sie los.“

„Glauben Sie an die Liebe?“

„Wie? So wie in dem Song von Cher? Wie heißt der doch gleich … Believe?“

„Nein, da geht es um das Leben nach der Liebe“, korrigierte sie ihn. „Ich meine es ernst. Glauben Sie an die ewige Liebe? Dass sich zwei Menschen begegnen, ineinander verlieben und bis zum Rest ihres Lebens zusammenbleiben?“

2. KAPITEL

Sofia konnte nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte.

Doch vielleicht war es gar keine so schlechte Sache. Vielleicht war sie entgegen ihrer Einschätzung doch bereit, über ihre gescheiterte Ehe zu sprechen.

Harris sah sie nachdenklich an, und sie spürte plötzlich eine Wärme dort an einer sehr intimen Stelle, an der sie schon lange nichts mehr gespürt hatte, weil es keinen Anlass dafür gegeben hatte.

Doch jetzt gab es keinen Zweifel. Verlangen begann erst sacht, dann immer drängender dort zu pulsieren, wo sie es am meisten ersehnte, und Harris Fortune schien gerade die richtige Antwort auf dieses sinnliche Sehnen.

Was natürlich auf gar keinen Fall geschehen würde.

Aber, hey, der Mann war einfach umwerfend.

Unruhig bewegte sie sich in und her und seufzte innerlich, als sie sich vorstellte, wie es sich wohl anfühlte, wenn sie ihm durch das dichte blonde Haar strich …

Hm, … ob er einen Friseur in Emerald Ridge hatte?

„Ja“, erwiderte er.

Verwirrt sah sie ihn an. „Wie bitte?“

Hatte er etwa ihre Gedanken gelesen? Das war natürlich nicht möglich, aber vielleicht hatte sie ja laut gedacht …

Sie hatte ein bisschen zu viel Wein heute Abend getrunken – viel zu viel, um ehrlich zu sein. Ja, sie war ein bisschen beschwipst.

Okay, vielleicht ein bisschen mehr als. Betrunken.

Und sie war Frau genug, um das zuzugeben.

Sie war BETRUNKEN, dachte sie und machte eine Pause zwischen dem N und dem K, nur um sicherzugehen, dass sie es nicht versehentlich ins Restaurant hinausschrie.

Nein, alles in Ordnung. Aber sie brauchte unbedingt einen Kaffee, doch den gab es laut der Menükarte erst im letzten Gang ihres Dinners.

Das waren noch vier Gänge bis dahin. Sie musste unbedingt etwas essen.

Als sie gerade einen Löffel Hummercremesuppe aß, sagte Harris: „Sie haben mich gefragt, ob ich an die Liebe glaube.“

Glücklicherweise hatte sie die Suppe schon heruntergeschluckt, sonst wäre sie vielleicht daran erstickt.

Komm schon, Sofia, ermahnte sie sich. Blamier dich nicht.

„Ach, wirklich?“ Sie senkte den Löffel. „Sie glauben an die Liebe.“

„Ja“, erwiderte er. „Sie etwa nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Das fragt er ausgerechnet eine Frau, die nach acht Jahren Ehe seit drei Monaten geschieden ist.“

Er nickte, woran sie merkte, dass sie zumindest in Teilen laut gesprochen hatte.

„Sie glauben also wirklich nicht an die Liebe?“, fragte er nach.

„Nein, nicht mehr.“

„Das ist wirklich traurig“, erwiderte er. „Eine so schöne Frau wie Sie sollte umgeben sein von Liebe.“

„Das bin ich auch“, erwiderte sie. „Meine Kinder lieben mich. Ich habe eine großartige Familie. Sehen Sie, ich habe all die Liebe, die ich brauche.“

Sie lächelte, aber Harris sah sie so ernst an, dass sie schlagartig ein bisschen nüchterner wurde.

„Was ist denn?“, wollte sie wissen.

„Dan Simon muss Ihnen wirklich eine Menge angetan haben, dass Sie den Glauben an die Liebe verloren haben.“

Seine Worte schienen einen wunden Punkt in ihrem Herzen zu berühren, jedenfalls fühlte es sich so an.

Früher hatte sie sehr viel für Dan empfunden, doch sie hatten sich im Laufe der Zeit einfach entliebt. Obwohl sie ihren Exmann nicht länger liebte, tat die Trennung weh, denn ihre Ehe hatte eigentlich für ein Leben halten sollen – und das hatte nicht geklappt.

Sie schüttelte den Kopf und zuckte halbherzig mit den Schultern. „Dan ist nicht an allem schuld“, widersprach sie. „Eine Ehe besteht immer aus zwei Menschen. Er ist ein anständiger Kerl und hat sogar ein kleines Häuschen im Garten gebaut, damit ich mein eigenes Geschäft führen und selbständig werden konnte. Jetzt habe ich ein großes Gästehaus im Garten, das immer leer ist, weil ich keine Zeit mehr für Gäste habe.“

Gedankenverloren spielte sie mit ihrem Löffel herum, bevor sie die Hände in den Schoß legte und Harris ansah. „Mein Ex ist außerdem ein toller Vater und ein guter Freund. Wenigstens hoffe ich das – eines Tages, wenn die Wunden verheilt sind.“

Harris versteifte sich. „Wunden? Hat er Sie etwa geschlagen?“

„Nein! Das habe ich im übertragenden Sinn gemeint. Trennungen sind nun einmal schmerzhaft, selbst, wenn sie auf Gegenseitigkeit beruhen. Stellen Sie sich doch einmal vor: Wir haben uns einst die Treue für die Ewigkeit geschworen, sind dann aber beide daran gescheitert. Noch nicht einmal zum Wohle unserer Kinder konnten wir zusammenbleiben. Dieses Erlebnis hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass Menschen möglicherweise nicht dafür gemacht sind, ein Leben lang mit ein und derselben Person zusammen zu sein.“

Am liebsten hätte sie hinzugefügt: Denn wenn das ginge, dann wären Dan und ich bestimmt noch zusammen. Doch dann war ihr das Foto eingefallen, das ihr Jacinta geschickt hatte, und mit einem Mal fühlte sie sich nicht mehr so sentimental.

Dan machte mit seinem Leben weiter. Wenn ihm das leicht gelang, dann konnte sie sich vielleicht auch ein bisschen Spaß gönnen – zumindest heute Nacht, wenn sie allein in Sin City war.

„Man wird immer verletzlich, wenn man jemanden dicht an sich heranlässt. Das bezieht sich nicht nur auf romantische Liebe.“

Er runzelte die Stirn, und Sofia meinte, für den Bruchteil einer Sekunde tiefe Trauer in seinem Blick aufflackern zu sehen.

„So, jetzt habe ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet“, befand sie. „Jetzt sind Sie dran.“

„Was gibt es da schon zu sagen?“ Er zuckte mit den Achseln, als würde er Sofia damit abspeisen können, doch was er konnte, konnte sie schon lange, weswegen sie nicht lockerließ.

Sie nahm ihr Weinglas, schwenkte es behutsam und lehnte sich zurück. „Ich habe den ganzen Abend Zeit.“ So leicht würde sie ihn nicht von der Angel lassen.

Er nickte und schenkte ihnen aus der Weinflasche nach. „Kannten Sie Linc Banning?“, fragte er.

„Der Name kommt mir bekannt vor“, erwiderte Sofia, konnte ihn beim besten Willen nicht richtig zuordnen.

Harris atmete tief ein und aus. „Vielleicht haben Sie ihn in der Zeitung gelesen. Man hat seine Leiche im Fluss gefunden.“

Erschreckt holte Sofia Luft. „Ja, ich habe darüber gelesen. Haben Sie ihn gekannt?“

Harris nickte. „Als Kinder waren Linc und ich beste Kumpels. Jetzt ist er tot. Jemand hat ihn umgebracht.“

Sie griff nach seiner Hand und drückte sie sacht. „Oh, nein, Harris, das ist ja furchtbar. Sie haben recht – nicht nur romantische Liebe kann uns das Herz brechen. Weiß man schon, wer ihn umgebracht hat?“

„Die Polizei sagt, sie arbeitet an dem Fall.“

Schweigend saßen sie einen Moment da, und Sofia überlegte fieberhaft, was sie darauf erwidern konnte. Sie und Dan hatten sich aus freien Stücken getrennt, aber was war das angesichts des Schmerzes, den man empfand, wenn ein Mensch so brutal aus dem Leben gerissen wurde?

„Das tut mir leid“, war alles, was ihr einfiel.

„Danke. Linc und ich hatten in den letzten Jahren zwar keinen Kontakt mehr, aber als Kinder war er wie ein Bruder für mich. Und dann – eines Tages – hat er aus heiterem Himmel gesagt, wir könnten nicht länger befreundet sein, weil seine Mutter als Haushälterin für uns arbeitete, und ich …“ Harris stockte. „Ich habe ihm gesagt, dass das doch völlig egal sei, doch dann hat er begonnen, sich wie ein völlig anderer Mensch zu benehmen. Es war fast so, als wollte er mich nicht mehr kennen. Das Witzige daran ist, dass er später Kontakt zu meiner Schwester Priscilla hatte und ihr sogar sein Hausboot vererbt hat.“

„Ich hoffe wirklich, dass sie den Täter finden.“

„Ja, das tue ich auch. Offenbar hat Linc sich mit zwielichtigen Gestalten eingelassen, was ein Grund dafür sein könnte, dass er ermordet wurde. Sein Tod hat meine ganze Familie zutiefst berührt und emotional aufgewühlt. Wir sind alle sehr traurig, denn wir haben ihn wie einen Bruder geliebt.“

Sofia nickte.

„Das ist also mein Beweis dafür, dass es Liebe gibt“, erklärte Harris und sah ihr in die Augen. „Und jetzt sind Sie dran.“

„Ich weiß nicht“, erwiderte sie und hielt seinem Blick stand. „Vielleicht müssen wir uns darauf einigen, dass wir uns nicht einigen können. Es gibt einen Unterschied zwischen romantischer Liebe und der, die Sie beschrieben haben.“ Sie lächelte ihn gewinnend an. „Aber wie dem auch sei, wir sind in Vegas, Fortune, und all die traurigen Sachen warten auf uns erst, wenn wir zurück in Emerald Ridge sind. Nicht, dass ich den Tod Ihres Freundes auf die leichte Schulter nehme, aber wissen Sie, was ich heute Abend gerne machen würde?“

Interessiert beugte er sich vor. „Und was?“

„Nach dem Essen würde ich gerne tanzen gehen. Wollen Sie mich zum Tanzen ausführen, Harris?“

Er lächelte. „Ihr Wunsch ist mir Befehl.“

Nachdem sie ihr Essen beendet hatten, ließen sie sich in einer Limousine zum Gem Club im Celestial Palace fahren, einen der besten Nachtclubs in Las Vegas.

Während sie über den erlesenen Marmorboden der luxuriös und stilvoll eingerichteten Lobby mit den funkelnden Kronleuchtern gingen, fühlte Sofia sich wie in einem Traum. Durch die wohlige Weinwolke, in der sie seit der Verkostung schwebte, nahm sie die leisen Gespräche, das Klingen von Gläsern aus der angrenzenden Bar und die Geräusche der etwas weiter entfernten Spielautomaten wahr.

„Zum Gem Club geht es dort entlang“, sagte Harris und legte eine Hand auf ihren Rücken. Diese Berührung ließ Sofia wohlig erschauern.

Wie magisch wurden sie von den dröhnenden Bässen in den Nachtclub gezogen, und als sie eintraten, wurde übergangslos das nächste Lied gespielt – eine Tanzversion von Chers Song Believe.

„Haben Sie das geplant?“, fragte Sofia verblüfft.

„Was denn?“, gab Harris zurück.

Sie beschrieb mit den Händen Kreise in der Luft, um auf die Musik hinzuweisen.

Harris beobachtete sie interessiert dabei. „Ich wünschte, ich könnte den Ruhm für diesen Ort hier einheimsen, aber Sie haben gesagt, dass Sie tanzen möchten, und das hier ist der beste Club in dieser Stadt.“

„Aber der Song“, sagte Sofia. „Bei Dinner haben wir noch darüber gesprochen, und jetzt kommen wir hier rein, und er wird gespielt. Haben Sie etwa vorher angerufen?“

Er lächelte. „Ich weiß nur, dass wir tanzen sollten, bevor er vorbei ist.“

Dann nahm er ihre Hand und führte sie auf die Tanzfläche inmitten der feiernden Menschen, die sich verzückt mit hocherhobenen Armen zu den Rhythmen der Hymne von einem besseren Leben nach dem Liebeskummer bewegten.

Sofia schloss die Augen und ließ sich von der Musik durchfluten und mitreißen, bis sie ebenfalls unbeschwert tanzte.

Seltsamerweise hatte sie dieses Lied vor dem heutigen Abend immer traurig gemacht – der Teil darüber, nicht stark genug zu sein. Doch in diesem Moment konzentrierte sie sich ganz auf die Textstellen, die vom Weitermachen und Starksein sprachen. Das Foto von der Frau auf Dans Schoß hatte geholfen, den Schmerz von Wunden zu lindern, von denen sie nie gedacht hätte, dass sie heilen könnten.

Jetzt wurde ihr klar, dass es auch für sie an der Zeit war, nach vorne zu sehen.

Sie öffnete die Augen und erblickte Harris, der vor ihr tanzte und sie ebenfalls betrachtete. Sein Gesichtsausdruck verriet ihr, dass ihm gefiel, was er sah. Sie nahm seine Hände, und er wirbelte sie herum, sodass der Saum ihres Rocks aufschwang. Dann legte er den Arm um ihre Schulter.

Sofia schmiegte sich an ihn, und er hielt sie lang genug in den Armen, sodass sie feststellen konnte, wie gut ihre Körper zueinander passten.

Es fühlte sich gut an.

Sehr gut sogar.

Zu gut.

Sie ergriff seine Hand und drehte sich schwungvoll von ihm fort. Sosehr ihr der enge Körperkontakt auch gefiel, in diesem Moment wollte sie lieber tanzen.

Was sie dann auch taten. Sie tanzten und tanzten, bis Sofia keine Ahnung mehr hatte, wie lange sie schon auf der Tanzfläche waren, doch mit einem Mal spürte sie, dass ihre Kehle völlig ausgedörrt zu sein schien.

Sie beugte sich zu ihm herüber. „Ich brauche etwas zu trinken“.

Er nickte und führte sie zur Bar.

Als sie ihre Cocktails gerade einmal zur Hälfte getrunken hatten, traten eine Frau in einem weißen Minikleid mit einem schulterlangen Brautschleier und ein Mann mit einem T-Shirt mit Smoking-Aufdruck an sie heran. Die fremde Frau streckte ihnen eine Flasche entgegen.

Im ersten Moment wusste Sofia nicht, ob es sich um einen Werbegag handelte, doch dann sprach die in Weiß gekleidete Frau.

„Wir haben gerade geheiratet!“, rief sie, um die laute Musik zu übertönen.

„Herzlichen Glückwunsch“, erwiderten Sofia und Harris gleichzeitig.

„Aber jetzt müssen wir zum Airport, weil unser Flugzeug in zwei Stunden startet“, erklärte die Frau. „Wir haben also keine Zeit, den hier zu trinken. Ihr beide seid so ein süßes Paar – wir würden ihn euch gerne schenken.“

Sofia drehte die grüne Flasche herum, bis sie das gelbe Etikett lesen konnte: „Herzlichen Glückwunsch von Ihrer Wedding Chapel im Celestial Palace Hotel.“

Das war interessant. Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass man in diesem Hotel auch heiraten konnte – töricht eigentlich, schließlich befanden sie sich in Vegas.

„Das ist wirklich sehr nett von euch“, antwortete sie. „Aber es ist doch eure Hochzeitsnacht. Solltet ihr den Champagner nicht auf dem Weg zum Flughafen trinken?“

Die Braut legte eine Hand auf den Mund und schüttelte den Kopf. „Das wäre keine gute Idee. Wir haben schon den ganzen Tag Champagner getrunken. Deswegen möchte ich ihn jemandem schenken, der sich noch daran erfreuen kann. Bitte, nehmt ihn.“

Mit diesen Worten legte sie die Flasche endgültig in Sofias Hände.

„Komm schon“, sagte der Bräutigam, der bereits im Begriff war zu gehen. „Wir müssen los, sonst verpassen wir noch unseren Flug.“

„Danke“, sagte Harris. „Ich wünsche euch viel Glück und ein tolles Leben zusammen.“

Nachdenklich sah Sofia auf die Flasche in ihren Händen. „Tja, jetzt seid ihr glücklich, aber wartet nur. Ehe ist ein hartes Unterfangen und nicht für die Ewigkeit“, dachte sie.

„Wie bitte?“ Harris beugte sich zu ihr herüber.

Verdammt. Hatte sie eben wirklich laut gesprochen, was sie gedacht hatte? „Das hat wirklich richtig viel Spaß gemacht, Harris, aber jetzt brauche ich ein bisschen frische Luft. Um ehrlich zu sein, ich glaube, es wird Zeit für mich, schlafen zu gehen.“

„Ich kann die Limousine rufen und Sie zurück ins Hotel bringen“, schlug Harris vor, nachdem sie den Nachtclub verlassen hatten. „Das dauert nicht lange.“

„Vielen Dank für das Angebot, aber ich würde wirklich gern ein Stück zu Fuß gehen.“ Die sorgenfreie Frau, die vorhin noch mit den Armen über dem Kopf getanzt hatte, war weg. An ihrer Stelle war nun eine, die den Eindruck erweckte, eine schlechte Nachricht erhalten zu haben. „Ich bin heute zum ersten Mal seit meiner Ankunft bei der Convention aus dem Hotel rausgekommen. Ich würde mir nie verzeihen, wenn ich heute Abend nicht den Strip ansehen würde.“ Sie meinte damit den berühmten Stadtteil, der offiziell unter dem Namen Las Vegas Boulevard bekannt war und in dem sich zahlreiche Luxushotels und Casinos befanden. „Wenn Sie lieber mit dem Auto fahren, tun Sie sich keinen Zwang an. Ich komme schon alleine zurecht. So weit ist es ja nicht.“

Sie deutete mit der Flasche auf den imposanten Eingang des Celestial Palace, bevor sie einen verwunderten Blick auf den Champagner warf. Es kam ihm so vor, als habe sie ihn völlig vergessen.

„Hier, nehmen Sie die“, sagte sie und hielt ihm die Flasche hin. „Ich reise morgen ab und werde vorher bestimmt keinen mehr trinken.“

„Dann trinken wir ihn eben jetzt.“ Er lächelte, doch sie blickte ausdruckslos auf das Getränk.

„Wir haben ja noch nicht einmal Gläser“, gab sie zu bedenken. „Und wir können ja schlecht aus der Flasche trinken. Das wäre stillos.“ Bevor er eine Lösung vorschlagen konnte, hielt sie abwehrend eine Hand hoch. „Und bitte schlagen Sie nicht vor, dass wir ihn mit zu Ihnen aufs Zimmer nehmen könnten. Obwohl wir heute Abend eine tolle Zeit miteinander verbracht haben, wird das nämlich nicht passieren. Ich denke, das ist der perfekte Zeitpunkt, sich voneinander zu verabschieden.“

Entgeistert sah er sie an. „Haben Sie wirklich gedacht, ich wollte vorschlagen, dass wir den Champagner mit auf mein Zimmer nehmen?“

Er gab sein Bestes, überrascht zu tun, doch insgeheim konnte er sich kein besseres Betthupferl vorstellen, als mit Sofia Champagner auf seinem Zimmer zu trinken und anschließend einander zu genießen.

„Jetzt tun Sie mal nicht so“, erwiderte sie schmunzelnd. „Ich weiß, dass Sie so ein Typ sind, Fortune.“

„Ach, wirklich?“, fragte er amüsiert. „Und was für einer bin ich, Sofia?“

Eigentlich hatte sie gar nicht so unrecht. Eine Nacht mit ihr, Champagner und der sorgfältigen Erkundung der sinnlichen Rundungen, die sich unter ihrem Kleid abzeichneten, war eine verführerische Vorstellung. Doch die Chancen, dass sie sich nach ihrer Rückkehr nach Texas weiterhin sehen würden, standen gegen null. Klar, sicher würden sie einander zufällig begegnen – Emerald Ridge war eine kleine Stadt –, doch er wohnte nicht dauerhaft dort. Er lebte in Dallas, und sie hatte Kinder. Außerdem schien sie genauso ein Workaholic zu sein wie er. So eine intime Begegnung wie diese hier würde ein Einzelfall bleiben.

Allerdings blieb ihnen immer noch der Spaziergang zurück zum Hotel.

„Also gut“, räumte er ein. „Aber ich habe eine Idee. Warten Sie hier.“

Stirnrunzelnd sah sie ihn an.

Er ging ein paar Schritte von ihr und drehte sich noch einmal zu ihr herum. „Nicht weglaufen, okay? Ich bin gleich wieder da.“

Endlich begann sie zu lächeln, was ihr schönes Gesicht zum Strahlen brachte. „Was haben Sie vor?“

Die Wolke, die sich über ihre Stimmung gelegt hatte, seitdem sie den Champagner geschenkt bekommen hatten, schien sich verflüchtigt zu haben, und Harris wollte den Moment nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Bereits eine Minute später kehrte er mit zwei großen roten Plastikbechern zurück.

„Ich hatte versucht, zwei Champagnergläser zu kaufen, aber offenbar gibt es ein Verbot für Glas auf dem Strip, und Champagnerkelche aus Plastik hatten sie nicht.“ Er lachte. „Die gute Nachricht ist, dass die Becher so groß sind, dass die ganze Flasche hineinpasst.“

Jetzt musste sie auch lachen. „So viel Champagner kann ich bestimmt nicht trinken – nicht nach dem ganzen Wein, den wir zum Dinner, und den Cocktail, den wir eben im Club hatten.“

Er entkorkte die Flasche und begann, den ersten Becher zu befüllen. „Dann trinken Sie doch einfach so viel, wie Sie wollen.“

Resigniert nahm Sofia ihm den Becher ab, zuckte mit den Schultern und hielt ihn Harris zum Anstoßen entgegen.

„Auf einen wunderschönen wie auch unerwarteten Abend“, sprach er seinen Toast.

Sofia beobachtete ihn über den Rand ihres Bechers hinweg, während sie einen Schluck trank.

„Wollen wir gehen?“ Harris bot ihr einen Arm an, und sie akzeptierte.

„Sie können sehr überzeugend sein, Harris Fortune.“

Der Strip empfing sie mit einer berauschenden Mischung aus Farben und Lichtern und wälzte sich wie ein Fluss aus Menschen und Neonreklamen durch das Herz der Wüste. Harris atmete tief den Geruch der Stadt ein und nahm noch etwas anderes wahr, etwas Süßes, Verführerisches. Er war versucht, sich zu Sofia herüberzubeugen und herauszufinden, ob es ihr Shampoo war, das so duftete. Stattdessen trank er einen großen Schluck aus seinem roten Becher.

Das Brummen der Automotoren und das Hupen vermengte sich mit den ausgelassenen Stimmen der Touristen und den typischen Geräuschen einer Großstadt. Alles zusammen ergab eine Art Symphonie des Nachtlebens von Las Vegas.

Der Strip pulsierte voller Leben. Menschentrauben sammelten sich um Straßenkünstler, ein Mann im Elviskostüm posierte für Fotos, während ein paar Schritte weiter ein Magier zum großen Entzücken seiner Zuschauer Karten verschwinden und auf wundersame Weise wieder erscheinen ließ.

Trotz all der Bewegung und des Lebens um sich herum fühlte Harris sich überraschenderweise mit einem Mal unglaublich ruhig. Während er mit Sofia ging, trat das Chaos des Strip in den Hintergrund. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal derart entspannt gefühlt hatte. Als er eine Hand an ihren Rücken legte, um sie an einer Gruppe vorbeizuführen, die stehengeblieben war, um ein Selfie zu machen, sah Sofia zu ihm hoch. Ihre Wangen waren gerötet, und in ihre Augen glänzten.

„Okay, es tut mir leid, aber ich muss es wirklich wissen. Wie haben Sie es geschafft, dass dieser Song gespielt wurde, als wir in den Club gegangen sind?“

Verwundert sah er sie an. „Was für ein Song?“

„Was für ein Song?“ Ungeduldig schnalzte sie mit der Zunge. „Der Song von Cher, über den wir beim Dinner geredet haben. Wir haben das Gem betreten, und er fing an. Wie durch Zauberei.“

Sie blieb stehen und betrachtete ihn forschend. „Also: wie?“

Das war purer Zufall gewesen, aber wenn sie dachte, er hätte es arrangiert, warum sollte er dann nicht mitspielen?

„Würde ich denn Extrapunkte bekommen, wenn ich dafür verantwortlich wäre?“, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Vermutlich.“

„Und was würde ich für diese Extrapunkte bekommen?“, fragte er.

Beinahe erwartete er, dass sie ihn gegen die Brust boxte und ihm mitteilte, dass er eine durchgezogene Linie übertreten hatte. Stattdessen nahm sie einen langen Zug aus dem roten Becher und schürzte die Lippen. „Ich komme später darauf zurück.“

„Ich bin gespannt.“ Er nahm ihre Hand in seine, was sie sich bereitwillig gefallen ließ, und sie gingen weiter. Das Gefühl ihrer Hand in seiner ließ ein seltsames Gefühl in ihm aufsteigen, aber es gefiel ihm.

Sofia war der Grund dafür, dass er so empfand. Aus diesem Grund wollte er nicht, dass dieser Abend endete.

„Kommst du eigentlich jedes Jahr zu der Frisurenmesse?“, fragte er und beschloss, das förmliche Sie durch ein vertrautes Du zu ersetzen, da sie schon Hand in Hand gingen.

„Leider nein.“ In diesem Moment kamen sie am Bellagio und seinen berühmten Wasserfontänen vorbei, und eine sachte Brise empfing sie dort. Sofia strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus dem Gesicht. „Nachdem ich die Style Lounge eröffnet hatte, bin ich anfangs ziemlich regelmäßig hierhergekommen, aber Dan fand es dann nicht mehr so gut. Das war eine der Sachen, auf die ich lieber verzichtet habe, als sie auszufechten. Doch dieses Jahr nach der Scheidung wollte ich mir etwas Gutes tun. Es ist eine Art Symbol, weißt du? Aber du willst das alles bestimmt nicht hören …“

Sie blieb plötzlich stehen und zog ihre Hand aus seiner. Es kam Harris so vor, als verlöre er gerade einen Teil von sich selbst.

„Dort ist es.“ Sie deutete auf die Replik des Eiffelturms auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Das da wollte ich eigentlich sehen“, erklärte sie. „Klar, der echte ist in Paris, aber wenn ich die Augen zusammenkneife, dann kann ich mir vorstellen, ich sei wirklich dort. Und sei es nur für eine Minute.“

Seufzend lehnte sie sich gegen ihn, und ihr Körper passte perfekt an seinen. Harris legte einen Arm um sie.

„Bist du schon mal in Paris gewesen?“, wollte er wissen.

Ohne den Blick von dem Turm zu nehmen, schüttelte sie den Kopf. „Eines Tages fahre ich dorthin. Ich habe einen Reisepass, aber vermutlich werde ich es erst schaffen, wenn meine Kinder erwachsen sind.“

„Wenn wir gleich aufbrechen, dann könnten wir in elf Stunden dort sein“, bemerkte er und beobachtete sie aufmerksam.

Sie rollte mit den Augen. „Ja, klar.“

„Du glaubst mir nicht?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich muss nur meinen Piloten anrufen, und er hat das Flugzeug fertig, wenn wir aus dem Hotel ausgecheckt haben und zum Airport gefahren sind.“

„Du hast ein Flugzeug.“ Es war eine Feststellung, keine Frage.

„Klar. Ich muss viel reisen.“

„Ich schätze, die meisten Frauen finden das ziemlich sexy.“

Er zwinkerte. „Eigentlich ist nur wichtig, ob du denkst, dass ich sexy bin.“

In ihrem Blick meinte er zu erkennen, dass sie das nicht unbedingt verneinen würde, und er war ziemlich gut darin, Menschen zu lesen, doch sie sagte nichts. Stattdessen schmiegte sie sich noch fester an ihn, trank einen weiteren Schluck Champagner und betrachtete das Monument auf der anderen Straßenseite.

„Der Champagner ist viel besser, als ich dachte“, sagte sie langsam, und er bemerkte zum ersten Mal an diesem Abend einen leichten Akzent, wenn sie sprach. Am liebsten wäre er für immer so mit ihr stehengeblieben.

Wann hatte er das zum letzten Mal über eine Frau gedacht?

So viel stand fest – das war schon lange her. Doch er fühlte sich fantastisch, wie er so hier mit ihr an seine Seite gekuschelt stand.

Diese Erkenntnis brachte ihn völlig durcheinander.

„Ich schätze, du kannst die meisten Frauen dazu überreden, alles für dich zu tun, wenn sie hören, dass du einen Privatjet hast, hm?“

„Wie bitte?“, fragte er verwundert.

„Du hast mich schon verstanden.“

„Wieso denkst du, ich könnte mich für eine Frau interessieren, die nur mein Flugzeug gut findet?“

„Nun, du hast mir ja eben das Angebot gemacht, mit dir …“ Sie unterbrach sich und schlug sich mit einer Hand auf den Mund, doch vorher kicherte sie. „Vergiss es. Das klang jetzt anders als beabsichtigt. Ein bisschen verrucht, oder?“

Jetzt musste auch Harris lachen. „Schon gut. Schließlich bin ich ziemlich wählerisch dabei, wem ich so ein Angebot unterbreite.“

Sie lachte. „Pscht. Stopp!“, sagte sie und drehte sich zu ihm herum, um sich auf die Zehenspitzen zu stellen und einen Finger auf seine Lippen zu pressen. „Pscht“, wiederholte sie. „Das klingt einfach nicht richtig.“

Er umschlang sie, und es fühlte sich an, als wären seine Arme endlich zu Hause angekommen.

Das brachte Sofia so sehr zum Lachen, dass sie etwas von dem Champagner aus ihrem Becher verschüttete. „Jetzt sieh bloß, was du gemacht hast“, brachte sie lachend hervor. „Das Zeug ist zu schade zum Verschwenden.“

„Das stimmt.“ Bevor er wusste, was er tat, nahm er ihre feuchte Hand und leckte den Champagner von der Innenseite ihres Handgelenks. Anschließend drehte er ihre Hand ein Stück und hauchte einen Kuss darauf.

Das Nächste, woran er sich erinnerte, waren Sofias warme, sinnliche Lippen auf seinen. Sie fanden sich und passten perfekt zueinander – so perfekt, wie sich Sofia in seinen Armen angefühlt hatte. Instinktiv ahnte er, dass ihre Körper ebenfalls wunderbar miteinander harmonieren würden, wenn sie sich schließlich lieben würden.

Genau diese Art von Perfektion wünschte er sich jede Nacht in seinem Bett.

In seinem Leben jeden Tag.

Wie durch einen sinnlichen Schleier drangen anerkennende Pfiffe der Passanten und der vereinzelte Ruf „Sucht euch doch ein Zimmer!“ zu ihm durch und brachten ihn wieder auf den Boden der Realität zurück.

Vielleicht beeinträchtigte der Champagner ihn doch mehr, als er gedacht hatte, denn ihm wurde klar, dass er keine Ahnung hatte, wie lange sie sich schon auf dem Strip vor den Augen aller so leidenschaftlich geküsst hatten. Als er den Kuss unterbrach, hielt Sofia seinen Nacken weiter umschlungen, und das gefiel ihm.

„Das war nett“, sagte sie leise. „Wenn ich nicht morgen wieder zu meinen Kids fahren müsste, würde ich auf deinen Bluff eingehen und sagen: Ja. Fortune, flieg mit mir nach Paris.“

„Wie wäre es dann mit einem Gutschein für eine Reise in die Stadt der Liebe?“, schlug er vor.

„Stadt der Liebe? Himmels willen, nein. Nur Paris. So etwas wie Liebe gibt es nicht. Mach mir Paris nicht madig, indem du es mit Liebe in Verbindung bringst.“

„Ich habe mir den Namen doch nicht ausgedacht. Das sagen viele zu Paris.“

„Ja, aber man nennt es doch auch Stadt des Lichts, oder?“, entgegnete sie und trat einen Schritt zurück. Sie war etwas unsicher auf den Füßen, und rasch umfasste er ihre Hände, um sie zu stützen. Wahrscheinlich wäre sie auch ohne seine Unterstützung nicht gefallen, aber er wollte die Verbindung nicht unterbrechen.

Plötzlich entzog sie sich ihm. „Weißt du was? Wenn ich an die Liebe glauben würde … Aber das tue ich nicht. Das gibt es für Sofia nicht mehr. Den...

Autor

Brenda Jackson

Brenda ist eine eingefleischte Romantikerin, die vor 30 Jahren ihre Sandkastenliebe geheiratet hat und immer noch stolz den Ring trägt, den ihr Freund ihr ansteckte, als sie 15 Jahre alt war. Weil sie sehr früh begann, an die Kraft von Liebe und Romantik zu glauben, verwendet sie ihre ganze Energie...

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Janice Kay Johnson

Janice Kay Johnson, Autorin von über neunzig Büchern für Kinder und Erwachsene (mehr als fünfundsiebzig für Mills & Boon), schreibt über die Liebe und die Familie und ist eine Meisterin romantisch angehauchter Krimis. Achtmal war sie für den renommierten Romance Writers of America (kurz RITA) Award nominiert, 2008 hat sie...

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