Liebe ist mehr als ein Wort

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Unter den Trümmern ihres Hauses begraben, das ein mächtiger Hurrikan zerstört hat, glaubt Allie, verloren zu sein. Da dringt der Katastrophenspezialist Ricky zu ihr vor, und als sie zum ersten Mal in die dunklen Augen ihres Retters blickt, weiß sie: Er ist der Mann, auf den sie ihr ganzes Leben lang gewartet hat ...


  • Erscheinungstag 27.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543040
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sherryl Woods

Liebe ist mehr als ein Wort

1. KAPITEL

Hilfe! Helfen Sie mir! Bitte!

Die Worte hallten in Allisons Kopf wider, aber sie wusste nicht, ob sie die Worte wirklich gerufen hatte.

Um sie herum war es unheimlich still. Still war es jedoch ohnehin schon lange in ihr gewesen, bevor Hurrikan Gwen mit seiner 130-Meilen-Orkanstärke gleich nach Mitternacht über Miami losgebrochen war. Genau genommen war die Welt für Allison seit fast fünfzehn Jahren still – eine lange Zeit, wenn man die Stimmen der Eltern nicht hören konnte, wenn man Musik studiert hatte und die lyrischen Texte eines Liebesliedes nicht mitbekam. Und eine noch längere Zeit, um sich an ein Leben der immerwährenden Stille zu gewöhnen.

Bei den Fernsehnachrichten hatte sie von den Lippen des Meteorologen abgelesen, dass ein Orkan direkt auf Miami heranzog, und sie hatte seine Sorge wegen der verheerenden Stärke des Orkans herausgespürt.

Dann war der Strom ausgefallen, und um sie herum war finsterste Nacht gewesen. Allison hatte nicht einmal gewusst, was draußen geschah. Sie hatte sich gesagt, dass sie ohnehin nichts tun machen konnte. Vermutlich wäre es besser gewesen, wenn sie sich ins Bett gelegt und versucht hätte zu schlafen. Aber dann war sie doch aufgeblieben, hatte sich vom Sofa im Wohnzimmer nicht fortgerührt und darauf gewartet, dass es endlich Morgen wurde. Sie hatte alles getan, was zu tun war, falls sich wieder mal einer dieser tropischen Stürme über dem Atlantik zusammenbrauen sollte.

Jeder, der eine längere Zeit in Süd-Florida lebte, wusste, welche Vorsorge er zu treffen hatte während der Hurrikan-Saison, die mit dem Frühling anbrach und im November endete. Sie konnte nur beten, dass sie und ihr Haus auch dieses Mal heil davonkämen.

Zwar war Allison erst vor wenigen Monaten aus dem Mittleren Westen nach Miami gezogen, aber sie war von Natur aus vorsichtig. Gleich zu Beginn der Hurrikan-Saison hatte sie jeden Zeitungsartikel gelesen, der sich mit den Vorbereitungen für die orkanartigen Stürme befasste. Sie war dankbar für die rechtzeitigen Warnungen, die über Radio und Fernsehen sofort verkündet wurden, sobald ein Hurrikan sich an Afrikas Westküste zusammenbraute. Allison nahm das Unheil, das die Stürme anrichten konnten, sehr ernst, nicht wie einige der neu Hinzugezogenen.

Noch ehe sie auch nur einen Cent ausgegeben hatte für die Ausstattung der Wohnräume und – was ihr besonders am Herzen lag – für die Gestaltung des Gartens, hatte sie als Erstes sturmfeste Rollläden vor den Fenstern ihres hübschen kleinen Hauses im spanischen Stil einbauen lassen. In ihrer Garage stapelten sich Flaschen mit Trinkwasser, Dosen mit Essbarem, Batterien für ihre Taschenlampe und Kerzen.

Sie unterdrückte ein hysterisches Lachen, als ihr all der kostbare Proviant in den Sinn kam, der – wie zum Hohn – jetzt mit ihr unter dem Geröll hier begraben war. Vom Haus selbst, auf das sie so stolz gewesen war, schien wenig geblieben zu sein, bis auf den Trümmerhaufen, der sie gefangen hielt. Offensichtlich waren all die Vorkehrungen immer noch nicht genug gewesen.

Es war stockdunkel, ob wegen der Nachtzeit oder weil sie von den Trümmern fest eingeschlossen war, wusste sie nicht. Sie nahm Letzteres an, denn hin und wieder sickerte der Regen durch die Holzbretter der zerbrochenen Möbel, die sie wie umklammert hielten.

Ihr ganzer Körper schmerzte. Sie hatte überall Schnittwunden und Kratzer. Am meisten tat ihr linkes Bein weh, das sie nicht rühren konnte, weil es irgendwie verdreht unter dem Gewicht einer schweren Planke wie festgenagelt war. Allison hatte keine Ahnung, wie lange sie hier besinnungslos gelegen hatte, aber sie nahm an, dass es nur wenige Minuten waren. Sie hatte sich noch immer nicht beruhigt von dem Schock, als die Rollläden losgerissen wurden, die Fenster nach innen brachen und die Wände um sie herum einstürzten. Die teuren Rollläden, die ihre letzten Ersparnisse aufgebraucht hatten, waren überhaupt kein Schutz gegen das Wüten des Sturms gewesen.

Zum Wegrennen war keine Zeit gewesen. Vielleicht hätte sie rechtzeitig entkommen können, wenn sie das Wüten des Windes und den peitschenden Regen gehört hätte. Aber so hatte sie völlig unerwartet das entsetzliche Gefühl gehabt, dass die Wände buchstäblich über sie hereinbrachen, und dann fing alles an um sie herum zu Bruch zu gehen. Ihr Haus schien sich Windstoß für Windstoß aufzulösen.

Sie hatte noch versucht, die Eingangstür zu erreichen, um sich in Sicherheit zu bringen. Noch ehe sie einen weiteren Schritt hatte tun können, wurde mit einem heftigen Luftzug das Dach abgehoben, um im Bruchteil einer Sekunde einzustürzen und zu zerschellen.

Etwas hatte Allison schwer am Hinterkopf getroffen, und die Welt schien wie ausgelöscht zu sein. Für wie lange, das wusste sie nicht. Als sie wieder zur Besinnung kam, hatte es nur den Schmerz gegeben. Sie hatte versucht, sich zu bewegen, aber der Schmerz in ihrem Bein war so stark gewesen, dass sie gleich wieder ohnmächtig wurde.

Das sollte ihr eine Warnung sein. Sie verhielt sich vollkommen ruhig, atmete in tiefen Zügen ein und aus und kämpfte gegen die Panik an, die sie immer wieder zu überwältigen drohte.

Eine so beklemmende Angst hatte sie seit dem Tag nicht wieder gehabt, als sie im Krankenhaus erwachte und feststellen musste, dass alles seltsam still und lautlos um sie herum war. Instinktiv hatte sie gewusst, dass etwas absolut nicht stimmte, und hatte den Fernseher angestellt. Als sie immer noch nichts hörte, hatte sie zuerst die Lautstärke reguliert und sich an den Gedanken geklammert, dass der Fernseher kaputt sei. Erst als sie versehentlich eine Blumenvase umgestoßen hatte und auch dabei kein Geräusch vernommen hatte, war ihr klar geworden, was geschehen war.

In Panik hatte sie nach ihren Eltern geschrien, die sofort an ihr Bett geeilt waren. Die Ärzte, die sie zurate gezogen hatten, hatten eine Menge Tests angeordnet, und es hatte sich herausgestellt, dass durch den besonders schweren Anfall von Mumps, den Allison gehabt hatte, der Hörnerv zerstört worden war.

Eine Zeit lang hatten die Ärzte gegen alle Hoffnung gehofft, dass es eine Wendung zur Besserung geben würde. Aber als sich im Laufe der folgenden Monate nichts änderte, mussten sie eingestehen, dass die Welt für Allison wohl für immer geräuschlos bleiben würde. Es hatte lange gedauert, bis Allison diese unheilvolle Nachricht völlig erfasste. Und es hatte Monate gebraucht, bis sie sich damit abfand und langsam lernte, den Verlust des Gehörs damit auszugleichen, dass sie sich auf ihre anderen Sinne verließ.

Und weil im Moment alles um sie im Dunkeln lag, war ihr, als ob sie jetzt noch einen weiteren ihrer Sinne verloren hätte: das Sehen. Allie würde es nicht ertragen können, sollte die Finsternis, die sie jetzt umschloss, für immer bleiben.

Verzweifelt schrie sie erneut um Hilfe, oder sie glaubte zumindest, dass sie schrie. In dieser totalen Stille, in der sie lebte, hatte sie keine Ahnung, ob jemand sie hörte, der sie aus diesem Gefängnis befreien könnte. Sie wusste ja nicht einmal, ob in dieser Umgebung nach Überlebenden gesucht wurde, ob der schlimmste Sturm vorbei sei oder ob er immer noch tobte.

Ihre Wangen fühlten sich feucht an. Vom Regen? Vom Blut? Oder von den Tränen?

„Beruhige dich“, befahl Allison sich laut. „Hysterie bringt dich nicht weiter.“ Obwohl es ihr sicher eine Erleichterung wäre, sich den Tränen zu überlassen. Doch das war nicht ihr Stil.

Bevor sie das Gehör verloren hatte, hatte sie sich um Begriffe wie innere Stärke überhaupt keine Gedanken gemacht. Mit siebzehn war es ihr vor allem wichtig gewesen, hübsch und beliebt zu sein und Freude am Musikstudium zu haben. Dann, von einem Tag zum anderen, hatte das alles keine Bedeutung mehr für sie gehabt. Schlagartig hatte sie sich mit einem Leben in totaler Stille abfinden müssen. Am größten war die Angst gewesen, dass sie nie wieder ihre Liebe zur Musik mit anderen würde teilen können. Der Gedanke, dass sie nie wieder in den Konzerten des örtlichen Symphonieorchesters spielen dürfte, war ihr unerträglich gewesen. Ihr Violinlehrer hatte ihr ein Probespiel ermöglicht, als sie gerade vierzehn war, und seitdem war sie, wenn auch nicht als ständiges Mitglied des Orchesters, so doch gelegentlich mit ihrer Violine voll dabei gewesen.

Allie hatte sich völlig zurückgezogen. Dabei war sie dem Wesen nach eigentlich lebenslustig und aufgeschlossen. Sie hatte jedoch gemeint, dass es so besser sei. Sie wollte nicht mit Menschen zusammen sein und sich doch völlig abgeschieden von ihnen fühlen. Ihre Eltern waren sehr bedrückt gewesen.

Dann war der Tag gekommen, an dem Allie erkannte, dass sie sich mit diesem Verhalten ihre Zukunft verbaute – und nicht nur das. Im Grunde genommen lebte sie überhaupt nicht. Sie war von klein auf in dem Glauben aufgewachsen, dass sich im Leben niemals eine Tür schloss, ohne dass eine andere geöffnet wurde. Also hatte sie sich auf die Suche nach der anderen Tür gemacht.

Sie hatte nicht nur die Zeichensprache gelernt, sondern das Studium am College mit dem Lehrexamen für Gehörlose abgeschlossen. Heute hatte sie eine erfüllte und eine lohnende Karriere, eine Gelegenheit, anderen den Weg zu ebnen, die das durchlitten, was sie durchlitten hatte. Die gehörgeschädigten Kinder, mit denen sie an einer Spezialklinik arbeitete, gaben ihrem Leben Auftrieb und Freude.

Die innere Stärke, die sie gebraucht hatte, um den Schicksalsschlag als eine Chance anzusehen, würde sie auch durch dieses Unheil bringen. Sie musste nur den Schmerz ignorieren und sich auf das Überleben konzentrieren.

„Denk nach, Allison“, murmelte sie vor sich hin und fühlte sich ruhiger.

Schlimm war nur, dass das Nachdenken ihr nicht half. Also wollte sie etwas tun. Entschlossen machte sie sich daran, sich selbst zu befreien. Sie versuchte, eins der kleineren Bruchstücke, das auf ihr lag, wegzudrücken, musste ihr Vorhaben aber sofort aufgeben, als die Trümmer anfingen sich zu verschieben, was sie in tödliche Gefahr brachte.

Allie brach in Tränen aus, und dieses Mal kämpfte sie nicht dagegen an. Die Schmerzen und die Angst waren zu groß.

„Ich werde hier nicht sterben“, versprach sie sich laut und wiederholte es gleich noch ein zweites Mal. Wahrscheinlich war es nur gut, dass sie das Zittern in ihrer Stimme nicht hören konnte. „Nur Geduld, Allie“, hielt sie sich vor. „Irgendjemand wird schon kommen.“

Nur war Geduld nicht eine ihrer Tugenden. Diese Schwäche kannte sie sehr wohl an sich selbst. Als sie schließlich ihre Gehörlosigkeit akzeptiert hatte, war sie schnell dazu übergegangen, wie eine Besessene die Zeichensprache und das Lippenlesen zu erlernen. Und auch alles andere in ihrem Leben packte sie auf dieselbe Weise an. Es hatte wohl mit ihrer Erfahrung zu tun, dass die Dinge sich im Leben drastisch ändern konnten.

Jetzt konnte sie nur hoffen, dass sie bald gerettet werden würde, und dass der Retter, wer auch immer er sein mochte, sich beeilen würde.

„Na mach schon, Enrique“, spottete Tom Harris. „Lass mal deine Karten sehen. Ich könnte eine Anzahlung für ein neues Auto gebrauchen.“

„Du träumst wohl“, konterte Ricky und breitete sein Full house auf der Bank zwischen ihnen aus.

Eine Gruppe Feuerwehrmänner umstanden die beiden Pokerspieler. Sie beobachteten, wie sie mit hohem Einsatz alles riskierten, nur um dem anderen den Rang streitig zu machen. In ihrer Freizeit waren die beiden ausgesprochene Rivalen, ob es um Frauen ging oder um den Gewinn in einem Pokerspiel. Wenn es aber zu einer Rettungsaktion kam, waren sie pflichtbewusste Kollegen. Ricky grinste schadenfroh, während Tom ein langes Gesicht zog.

„Mach schon, Freundchen. Zeig mir die Karten“, spöttelte Ricky und klopfte auf die Bank. „Leg sie offen, genau hier, damit jeder sie sehen kann.“

Tom breitete drei Asse auf der Bank aus und seufzte schwer. Als Rick das Geld an sich nehmen wollte, schnalzte Tom missbilligend mit der Zunge.

„Halt, nicht so schnell, Kumpel. Dieser kleine Teufel hier muss mir glatt entglitten sein.“ Er warf noch ein As auf die anderen drei, dann griff er stolz nach den Scheinen. „Die sind meine.“

Die Feuerwehrmänner vom Such- und Rettungsdienst johlten über Rickys niedergeschlagene Miene. „Warte nur beim nächsten Mal“, meinte er gespielt ärgerlich.

Und es würde immer ein nächstes Mal bei Tom geben. Es gab nur eins, was Tom lieber hatte als Karten spielen, das war Frauen nachjagen. Er sah sich selbst als ein Experte in beiden Zeitvertreiben, aber sogar er gab widerwillig zu, dass nur Ricky den Dreh heraus hatte, jede Frau im Alter zwischen Acht und Achtzig zu bezaubern.

„Du magst Glück beim Kartenspielen haben, aber ich habe Glück in der Liebe“, prahlte Ricky.

„Liegt nur an den dunkeln Augen und dem heißen Latinoblut“, entgegnete Tom ohne Neid. „Wie kann ich mich an so was messen?“

„Du kannst es nicht, gib’s zu“, antwortete Ricky schlagfertig wie immer. „Du kannst dich auch nicht mit meinen Grübchen messen. Meine Schwestern versichern mir, dass sie unwiderstehlich sind.“

„Deine Schwestern sind nicht gerade unvoreingenommen. Außerdem haben sie ihren kleinen Bruder schamlos verwöhnt“, erwiderte Tom. „Kein Wunder, dass du nicht geheiratet hast. Warum solltest du auch, wenn du vier Frauen in deinem Leben hast, die dich von vorn bis hinten bedienen? Ich wundere mich nur, dass deren Ehemänner das erlauben.“

„Deren Ehemänner sind sich darüber im Klaren, dass es ohne meine Erlaubnis kein Date mit meinen Schwestern gegeben hätte“, plusterte Ricky sich auf. „Und es gibt fünf Frauen in meinem Leben, nicht vier. Du hast meine Mutter vergessen.“

„Wie konnte ich nur! Ja, Mama Wilder, die noch der alten Schule ihrer Heimat Kuba entstammt, wo der Ehemann der König und der Sohn der Prinz ist. Ganz sicher hat sie ihren Teil dazu beigetragen, aus dir einen Gauner zu machen.“

Ricky grinste. „Wehe du sagst er ihr!“

Tom wurde geradezu blass. „Ist nicht drin! Als ich das letzte Mal ihren Liebling beleidigte, hat sie mich mit dem Hackmesser davongejagt.“

„Es war ein Buttermesser“, korrigierte Ricky und schüttelte übertrieben den Kopf. Seine Mutter mochte eine leidenschaftliche Verteidigerin ihrer Sprösslinge sein, aber sie war nicht verrückt. Außerdem sah sie in Tom einen zweiten Sohn, was ihr, wie sie meinte, das Recht gab, an ihm genauso viel herumzunörgeln wie an Ricky und seinen Schwestern. Sie hielt Tom immer noch eine Strafpredigt wegen seiner Scheidung, obwohl die bereits drei Jahre zurücklag. Wenn es nach ihr ginge, dann wäre er schon lange wieder mit seiner Ex-Frau zusammen.

„Hey, Jungs, hört mit den Albernheiten auf“, rief der Vorgesetzte mit düsterer Miene, als er den Hörer wieder auflegte. „Wir müssen los. Da ist eine Meldung von eingestürzten Häusern.“

„Opfer?“, fragte Ricky und stieg in seine Schutzkleidung.

„Wurde nicht gemeldet, aber es ist mitten in der Nacht. Einige mochten sich rechtzeitig in Schutz gebracht haben. Aber außerhalb der Hochwasserzone, die sowieso evakuiert wurde, blieben die meisten im Haus, um ihre Habe vor den Plünderern zu schützen.“

„Mehrere Häuser?“, fragte Ricky. „Ich dachte, dieses Mal wären wir verschont geblieben. Ich dachte, der Wirbel wäre so gut wie abgeflaut. War es ein Hurrikan oder ein Tornado, den der Sturm ausgebrütet hat?“

„Wurde nicht bestätigt. Wie auch immer, es gibt viel für uns zu tun“, antwortete der Vorgesetzte kurz angebunden.

Sekunden später waren die Fahrzeuge auf dem Weg. Für Rickys Geschmack fuhren sie viel zu langsam. In der Hauptstraße vor der Feuerwache stand das Wasser knietief und war voll mit Trümmerteilen. Der Regen prasselte wie eine Wand vom Himmel, und der Sturmwind bog die Palmen fast bis zum Boden. Viele Bäume waren entwurzelt, Äste lagen wie gebrochene Glieder überall herum.

Straßenschilder waren losgerissen, die Orientierungspunkte zerschellt, was den Fahrern das Steuern nur noch mehr erschwerte. Sie brauchten viel Glück oder die Hilfe von oben, um dorthin zu gelangen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden.

Ricky hoffte, dass sie das verwüstete Viertel rechtzeitig erreichten, bevor jemand unter dem Schutt starb.

Glücklicherweise ließen der Regen und der Sturmlangsam nach. Innerhalb kurzer Zeit würden die Fluten auf den Straßen zurückgehen, aber für den Augenblick war ihnen das keine Hilfe. Die Fahrzeuge krochen dahin in einem entnervenden Schneckentempo.

Als sie endlich die Wohngegend der guten Mittelschicht von Miami erreicht hatten, glich das Bild, das sich ihnen hier bot, einem Kriegsschauplatz. Die Stromleitungsmaste waren umgestürzt und lagen mit den Hochspannungsseilen auf den Straßen und Wegen. Hier und da stand ein Haus, das wie durch ein Wunder dem Hurrikane entgangen war, aber es waren die Ausnahmen. Die meisten der zweistöckigen Häuser waren durch den schrecklichen Sturm oder dem folgenden Tornado dem Erdboden gleichgemacht worden. Die wenigen Häuser, die nicht vollständig eingestürzt waren, wiesen schwere Schäden auf. Ziegel waren vom Dach geweht, Fenster zersprungen, Türen aus den Angeln gerissen.

Das eingespielte Team der Rettungsmannschaft schätzte die Lage ab, dann teilten die Männer sich in Gruppen ein. Zuerst riefen sie die Elektrizitätswerke an, um eine Crew anzufordern. Als Nächstes wurden Barrikaden aufgestellt, um die Menschen in der Gefahrenzone davor zu bewahren, in die Hochspannungsleitungen zu stolpern.

Nur wenige waren in dieser frühen Morgendämmerung auf der Straße zu sehen. Sie bluteten und merkten in ihrer Verwirrung nicht den sanften Schauer, der dem wüsten Hurrikan Gwen nachfolgte. Einige der Sanitäter bauten eine Erste Hilfe-Station auf und fingen an, die leicht Verletzten zu behandeln, während andere mit ihren Suchhunden begannen, Verschüttete aufzuspüren.

Eine Frau, so um die siebzig, die ihren Morgenmantel krampfhaft vorn geschlossen hielt, humpelte mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck auf Ricky zu. Sie schien sich überhaupt nicht ihrer klaffenden Stirnwunde bewusst zu sein.

„Sie müssen Allie finden!“, rief sie panisch.

„Ihre Tochter, Ma’am?“

„Nein, nein, sie ist meine Nachbarin.“ Sie wies auf ein zusammengestürztes Haus. Während Ricky und Tom darauf zuliefen, hinkte sie hinter ihnen her. „Sie ist eine wunderbare junge Frau, und sie hat schon so viel Schlimmes hinter sich. Dieses Haus war ihr Stolz und ihre Freude. Sie hat es erst vor wenigen Monaten gekauft, und sie hatte jede freie Minute damit zugebracht, es instand zu setzen und überall Blumen zu pflanzen.“

In ihren Augen standen Tränen. „Natürlich hat das nichts zu bedeuten. Häuser können wiederhergestellt und Blumen neu gepflanzt werden.“

„Sagten Sie, ihr Name sei Allie?“, unterbrach Ricky sie.

„Eigentlich Allison. Allison Matthews.“

Während Tom sich aufmachte, um die nötige Ausrüstung zu holen, machte Ricky sich daran, das eingestürzte Gebäude zu überprüfen. Er öffnete den Mund, um laut nach Allie zu rufen, aber die Frau legte ihm schnell die Hand auf den Arm und hielt ihn davon ab.

„Rufen würde nicht helfen“, sagte sie. „Allie kann Sie ohnehin nicht hören. Sie ist taub.“

Als ob die Situation nicht schon kompliziert genug wäre, dachte er. Nun gut, dann würde er diese Allie eben so finden müssen.

Er umkreiste den Trümmerhaufen und schaute nach irgendwelchen Anzeichen oder irgendeinem Hinweis, wo die Räume sich befunden haben könnten und wo genau die Frau verschüttet war. War sie im oberen Stockwerk im Schlafzimmer gewesen oder im unteren?

Shadow, der Suchhund an seiner Seite, bewegte sich behutsam über die Trümmer hinweg und schnüffelte. Rick blieb wartend stehen und überließ Shadow seinen Teil der Rettungsaktion. Das war immer der härteste Teil: sich zurückzuhalten und es dem Schäferhund zu überlassen, mögliche Lebenszeichen aufzuspüren.

Shadow hob seine Schnauze, verhielt sich kurz still, winselte dann und bellte schließlich.

„Du hast sie also gefunden, was, alter Junge? Braver Hund.“

Shadow jaulte aufgeregt, aber er rührte sich nicht von der Stelle, so als ob er wüsste, dass eine winzige Bewegung fatale Folgen haben könnte.

„Dann wollen wir sie hier mal rausholen, alter Junge“, meinte Ricky. Er drehte sich zur Nachbarin der Verschütteten um und lächelte ihr beruhigend zu. „Sieht so aus, als hätten wir ihre Freundin aufgespürt.“

„Oh, da bin ich aber froh“, rief sie erleichtert. „Allie ist ein ganz besonderer Mensch. So jemand wie sie gibt es nicht häufig. Wenn man sie kennt, dann weiß man, was Herzlichkeit wirklich bedeutet. Sie ist ein Engel.“

Ricky kannte nicht viele Frauen, die ein solches Lob verdient hätten. Natürlich spielte es im Augenblick keine Rolle, ob Allie eine Heilige oder eine Sünderin war. Sie brauchte Hilfe, und das allein hatte Bedeutung.

Er umringte noch einmal das eingestürzte Haus, suchte nach dem bestmöglichen Zugang und nahm Shadows wachsame Haltung dabei als einen Wegweiser, wo er Allie ausfindig machen könnte.

„Sollten Sie sich nicht beeilen?“, drängte Allies Nachbarin und rang verzweifelt die Hände.

„Es ist besser, sich ein bisschen Zeit zu nehmen und keine Fehler zu machen, als sich zu beeilen und sie damit in Lebensgefahr zu bringen.“ Die Frau erinnerte ihn irgendwie an seine Großmutter, und er überlegte, wie sie sich unter diesen Umständen fühlen würde. Also umschloss er mit seinen warmen Händen die eiskalten Finger der alten Frau. „Sie werden sehen, es wird alles gut werden.“

Er hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als er einen schwachen Hilfeschrei tief unter den Trümmern hörte. Es bedrückte Ricky, dass er nicht zurückrufen und dieser Allie versichern konnte, dass sie sehr bald befreit sein würde. Sein Versprechen würde ja auf taube Ohren fallen.

„Sehen Sie?“, beruhigte er stattdessen ihre Freundin. „Sie lebt. Wir haben sie im Nu heraus.“ Er sagte das betont optimistisch. „In der Zwischenzeit sollten Sie rüber zur Ersten Hilfe gehen, damit man die Platzwunde an ihrer Stirn verarztet. Sieht mir auch ganz danach aus, dass sie einen verstauchten Knöchel haben.“

„In meinem Alter ist humpeln normal. Und dass meine Stirn blutet ist nicht der Rede wert“, entgegnete sie dickköpfig. „Ich will hier sein, wenn Sie Allie herausholen. Sie muss schreckliche Angst haben. Es wird ihr guttun, ein bekanntes Gesicht zu sehen.“

Sie war fest entschlossen zu bleiben, und Ricky sah ein, dass es wohl keinen Zweck hatte, noch mehr Einwände zu machen. Halsstarrig wie meine kubanische Großmutter, dachte er.

Autor

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.