Julia präsentiert Träume aus 1001 Nacht Band 26

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HEISS VERFÜHRT UNTER TAUSEND STERNEN von DANI COLLINS

Wie im Rausch genießt Prinzessin Galila die sinnlichen Küsse des Fremden im Palastgarten, vertraut ihm sogar ein pikantes Familiengeheimnis an – schließlich sieht sie ihn nie wieder! Doch schon am nächsten Tag erfährt sie: Ihr Verführer war Scheich Karim – und er verlangt jäh Unmögliches!

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  • Erscheinungstag 21.11.2026
  • Bandnummer 26
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539494
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Dani Collins, Sharon Kendrick, Susan Stephens

JULIA präsentiert Träume aus 1001 Nacht BAND 26

Dani Collins

1. KAPITEL

Sehe ich hübsch aus, Mama?

Die verbotene Frage, lag Galila auf den Lippen, als sie sich langsam umdrehte.

Reglos stand sie auf der gefliesten Plattform mitten in dem reflektierenden Pool und starrte auf die Frau, die vom Wohnzimmerfenster ihrer Mutter auf sie herabzublicken schien. Bei dem leicht goldenen Schimmer, den die Lichter in den Innenhof warfen, sah es so aus, als würde ihre Mutter sie beobachten, ohne jedoch zu lächeln.

Wie üblich.

Galila trug ein atemberaubend, trägerloses orangerotes Kleid, dessen Rock aus einer Wolke schimmernder Seide bestand. Der langärmlige Überwurf aus besticktem Tüll war übersät mit silbrig schimmernden Juwelen – wie es einem Mitglied der königlichen Familie bei der Hochzeit des neuen Königs gebührte. Auf ihrem Kopf thronte eine Tiara, die nur zu besonderen Anlässen getragen wurde und bis jetzt nur den Kopf ihrer Mutter geschmückt hatte.

Früher einmal hatte ihre Mutter sie mit Milde angesehen. Zuneigung.

So hübsch, mein Liebling. Voll zärtlicher Liebe hatte sie gelächelt, während sie ihrer Tochter über die Haare strich.

Galilas Mund, der genauso sinnlich geschnitten war wie der ihrer Mutter und den gleichen glänzend roten Lippenstift trug, wurde schmal. Kritisch zog sie die elegant geschwungenen Brauen zusammen, während sie nach Makeln suchte, wie ihre Mutter es getan hätte, würde sie jetzt noch leben.

Du bist blass, Galila.

Doch der Tadel traf sie immer noch, weckte in ihr die Sehnsucht, den Makel zu korrigieren und die Liebe zurückzugewinnen, die erstorben und davongeweht war, wie der Sand in der Wüste.

Sie sollte froh sein, dass ihre Mutter nicht hier war, sollte trauern um ein verlorenes Leben. Stattdessen trauerte sie vor allem darum, dass sie nicht mehr die Chance hatte, die Liebe ihrer Mutter zurückzugewinnen, und schämte sich insgeheim dafür. Oder vielleicht wollte sie auch nur verstehen, warum sie diese Liebe verloren hatte.

Was hatte sie getan, was so schrecklich war – außer dass sie zu einer genauso schönen Frau herangewachsen war, wie ihre Mutter es gewesen war? War das ihr größtes Verbrechen?

Könnte sie sich jetzt endlich frei entfalten, nachdem sie ihre Mutter nicht mehr in den Schatten stellte?

Sie hob das Glas und hinterließ einen weiteren Abdruck ihrer Lippen auf dem Rand.

Auch kein Champagner, Mutter. Sie richtete diesen unheilvollen Gedanken an ihr Spiegelbild und erntete dafür einen unbewegten Blick.

Der Brandy, den sie schon im Internat kennengelernt hatte, floss brennend durch ihre Kehle und versprach die betäubende Wirkung, die Galila suchte.

Im Idealfall würde sie sich bis zur Bewusstlosigkeit betrinken, im Wasser versinken und so dem Chaos um sie herum entfliehen.

Mach dich nicht zum Affen, Galila. Das ist Malaks Zuständigkeitsbereich.

„Ihr Kleid wird nass.“

Als sie die tiefe, samtweiche Stimme hörte, drehte sie sich um und spähte in die Schatten, in der Erwartung – ja, in welcher Erwartung eigentlich? Die Antwort war: Sie wusste nicht, was sie erwartete. Einen Mann, das ja, aber nicht solch einen Mann.

Er lehnte an einem Torbogen, die scharfen Züge umrahmt von einer Ghutra. Er sah gefährlich und gleichzeitig attraktiv aus. Gefährlich attraktiv mit den dunklen tief liegenden Augen, dem ausgeprägten Kiefer und dem kurzen, schwarzen Bart. Sogar atemberaubend in seiner arabischen Kopfbedeckung, Kufiya genannt. Sein mit Gold besetzter Bischt hatte die Farbe eines guten Merlots. Er hing offen über seinen breiten Schultern und zeigte einen knöchellangen, bestickten Thwab, der bis zum Hals geschlossen war und geschmückt mit einem gelben Saphir, so groß wie ihre Faust.

Sie redete sich ein, der Alkohol sei schuld daran, dass sie schwankte, wobei sie jedoch vermutete, dass es seine Männlichkeit war.

Er straffte sich und streckte die Hand aus. „Kommen Sie, bevor Sie Ihr Vollkommenheit ruinieren.“

Er klang ein wenig ungehalten, aber ihr verwirrtes, verletztes Herz nahm sein Kompliment auf wie eine Blume die ersehnte Sonne. Mit der freien Hand hob sie ihren Rock und balancierte vorsichtig über die gerundeten Steine. Da sie ein wenig zu betrunken war, war sie froh, als er ihr das Glas abnahm, ihren Unterarm umfasste und ihr von der Plattform half.

Doch seine Berührung ließ sie genauso schwanken wie der Alkohol. Vielleicht sogar noch mehr. Ihre Ohren hörten den Klang der Hochzeitsmusik in der Ferne, aber all ihre Sinne waren auf ihn gerichtet.

Der Fremde roch an dem Glas und verzog verächtlich den Mund, ehe er den Drink zur Seite stellte.

„Halten Sie nichts von Alkohol?“, fragte sie.

„Ich halte nichts davon, wenn jemand betrunken ist.“

Sie war überrascht, dass seine Missbilligung sie so sehr traf. Warum? Er hatte doch keine Bedeutung für sie.

Allerdings hatte sie einen Mann wie ihn noch nie gesehen – wobei sie in den letzten Jahren, als sie in Europa gelebt hatte, vielen begegnet war. Er hatte nichts von den weltgewandten Aristokraten oder ernsten Künstlern, die sie kennengelernt hatte. Mit seinem arroganten Gehabe wirkte er beinahe zu konventionell. Sollte sie je heiraten, dann einen progressiven, kultivierten Mann aus dem Ausland, das hatte sie schon vor Langem entschieden. Nicht einen dieser rückwärtsgewandten Barbaren, die vor fünfhundert Jahren gelebt hatten.

Trotzdem war er ungeheuer faszinierend. Und sie verspürte den Wunsch, ihn zu beeindrucken und von ihm beachtet zu werden.

Hör auf, so liebesbedürftig zu sein, hörte sie Malaks Stimme in ihrem Kopf. Er hatte gelernt, ohne Liebe und die gute Meinung anderer zu leben. Warum also war es für sie notwendig?

So ist es nicht, redete sie sich ein und griff nach ihrem Glas. „Ich feiere, weil heute für meinen Bruder ein besonderer Tag ist.“

„Die Leute machen dumme Dinge, wenn sie betrunken sind.“ Scheich Karim von Zyria hob weder die Hand noch seine Stimme. Er sagte ihr nicht einmal, dass sie nicht trinken solle. Trotzdem klang es wie eine Zurechtweisung, und sie spürte, dass es riskant sein könnte, sie zu ignorieren.

Karim erwiderte ihren forschenden Blick. Den ganzen Tag hatte er die Mitglieder der königlichen Familie beobachtet, die sich im Palast befanden. Prinzessin Galila, die sehr viel Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Mutter hatte, faszinierte ihn am meisten. Wie ein Vogel flatterte sie von einer Gruppe zur nächsten, unterhielt sich angeregt und flirtete.

Hatte ihre Mutter auch diese sprühende Energie besessen und so seinen Vater verführt? Während der letzten Jahre hatte er Fotos von allen gesehen, aber leibhaftig war Galila nicht nur schön. Sie war stark und fesselnd und zog ihn auf eine Weise an, der er aus Prinzip sonst widerstand.

Aus Selbstschutz, flüsterte eine Stimme in seinem Hinterkopf.

Nicht, dass er Gefahr lief, sich zu verlieben, versicherte er sich selbst. Sie schien ihm viel zu oberflächlich und wollte immer im Mittelpunkt stehen. Und sie war sich der Macht ihrer Schönheit und ihres Sexappeals durchaus bewusst, wie ihm ihr Lächeln verriet. Sie nutzte diese Macht aus, ohne sich zu schämen, dass sie jeder anderen Frau im Raum die Schau stahl.

Deshalb war er überrascht gewesen, als sie die Party verließ und in den Garten ging. Er war ihr gefolgt, weil er verstehen wollte, wie die Mutter dieser Frau sein Leben zerstört und völlig verändert hatte. Nicht, weil es ihn drängte, sie im Blick zu behalten.

War ihre Mutter, Königin Namani, auch so eitel gewesen? Er hatte beobachtet, dass Galila so selbstverliebt ihr Spiegelbild betrachtete, dass sie ihn gar nicht wahrgenommen hatte.

Er war kein Stalker, der im Schatten hübschen Mädchen auflauerte. Er war ein König, der Fragen hatte, die er nicht beantworten konnte. Außerdem wollte er sie aus der Nähe sehen und herausfinden, was ihren Reiz ausmachte.

Als er sie dann aus dem Pool beorderte, merkte er, dass sie betrunken war.

Enttäuschend. Er war enthaltsam, wollte nie so betrunken sein, dass er glaubte, ein Sprung vom Balkon würde seine Probleme lösen.

„Was soll denn dumm daran sein, wenn ich mich vergnüge?“, fragte sie nun herausfordernd, ließ ihre Haare über ihren Arm fließen und beobachtete, ob er der Bewegung folgte.

Er spürte Verlangen, wusste jedoch, dass er sich nicht ablenken lassen durfte.

„Sie sind dabei, sich selbst zu zerstören.“ Sich mit ihm anzulegen, war ein großer Fehler, warnte er im Stillen.

Seine Antwort verwirrte sie, trotzdem hob sie mutig das Kinn.

„Vielleicht habe ich Grund dazu.“

„Ich bin sicher, dass ihr Leben ziemlich nervenaufreibend ist“, gab er trocken zurück.

„Ich habe vor drei Monaten meine Mutter verloren“, entgegnete sie verärgert. „Ich habe ein Recht darauf zu trauern.“

„Stimmt.“ Er beugte den Kopf. Mehr an Anteilnahme war er nicht bereit zu geben. Nach dem Tod seines Vaters hatte er sich kein Selbstmitleid erlauben können. Obwohl er erst sechs Jahre alt gewesen war und die Umstände sich als weit verstörender erwiesen hatten. „Sich sinnlos zu betrinken, macht alles nur noch schlimmer.“

„Noch schlimmer kann es kaum werden“, rief sie. „Mein Vater ist so untröstlich, dass er sich vollkommen zurückzieht. Ich komme nicht an ihn heran. Niemand schafft das.“ Sie sah zu dem großen Fenster, wo ihr Ebenbild gestanden hatte. „Er vermisst meine Mutter schrecklich.“

Karim verstand diesen Kummer. Auch wenn er es versucht hatte, war es ihm nicht gelungen, den Schmerz seiner Mutter über ihren Verlust zu mildern. Das Einzige, was er tun konnte, war, sie vor der Tatsache zu schützen, dass sein Vater Selbstmord begangen hatte.

„Sie hatte eine Affäre“, flüsterte Galila. „Er hat sie trotzdem geliebt, aber jetzt, da wir alle davon wissen, scheint sein Schmerz noch größer.“

Karim blieb das Herz stehen. „Ihr Vater wusste davon, hat es aber vor Ihnen geheim gehalten?“ Ihm schwirrte der Kopf. Er hatte sich nie jemandem anvertraut, egal, wie schwer die Wahrheit all die Zeit auf ihm lastete. Und er hatte geglaubt, dass mit dem Tod von Königin Namani auch das Geheimnis um die Affäre sterben würde.

„Er wusste es seit Jahren.“ Sie klang empört, aber auch erstaunt. „Er hat ihr geholfen, es zu verschleiern, als sie schwanger wurde. Sie haben unseren Halbbruder am Tag seiner Geburt weggeschickt.“

Karim hatte Mühe, eine ausdruckslose Miene zu bewahren.

Galila stieß ein ersticktes Lachen aus, das beinahe schon hysterisch klang. „Jetzt erklären Sie mir mal, wie man solche Neuigkeiten verarbeiten soll, ohne sich sinnlos zu betrinken.“

„Sie haben drei Brüder? Einen Halbbruder?“ Er selbst hatte also auch einen Halbbruder. Karim war völlig durcheinander.

„Ja.“ Sie schien nicht zu merken, wie schockiert er war, viel zu gefangen in ihrem eigenen Gefühlsaufruhr. „Meine Brüder und ich hätten einander unterstützen und unseren Vater trösten sollen, aber dann ist er bei der Beerdigung aufgetaucht und hat uns erzählt, dass seine Mutter ihm jahrelang geschrieben hat. Dass sie es bedauert, ihn weggeschickt zu haben und dass sie ihn am meisten liebt.“ In ihren Augen schimmerten Tränen. „Weil er die einzige Verbindung zu dem Mann war, den sie wirklich geliebt hat.“ Sie presste die Faust gegen die Brust. „Unser Vater ist zusammengebrochen, wie wir alle beinahe. Zufar musste einschreiten und die Kontrolle übernehmen … und jetzt ist Zufars auserkorene Braut bei unserem Halbbruder.“ Sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. „Es war nicht vorgesehen, dass Zufar Niesha heiratet. Amira war ihm seit ihrer Geburt versprochen, aber Adir kam morgens und hat sie überredet, mit ihm davonzulaufen. Ich habe gesehen, wie sie durch das Fenster verschwunden sind. Adir sagte, das wäre seine Rache, weil ihm sein Geburtsrecht verweigert worden war.“

„Adir“, wiederholte Karim schwach. War das der Name seines Halbbruders?

„Zufar ist so stur, dass er lieber unser Dienstmädchen geheiratet hat, statt zuzugeben, dass etwas nicht stimmt. Malak zeigt sich überhaupt nicht mehr im Palast. Vermutlich spielt er oder arbeitet sich durch einen Harem. Und was bleibt mir, wenn niemand mehr da ist? Sie werden also entschuldigen, wenn ich ein bisschen Trost bei einer Flasche Brandy suche.“

Als sie erneut trinken wollte, nahm er ihr das Glas ab und schüttete den Alkohol aus. Er musste es tun, denn das, was er gehört hatte, war zu explosiv.

„Wem haben Sie noch davon erzählt?“, wollte er wissen.

„Niemandem“, murmelte sie und sah verärgert auf die Alkoholpfütze. „Jetzt muss ich wieder zurückgehen und mir eine neue Flasche holen.“

„Wer ist Adirs Vater?“ Er sprach betont ruhig, umklammerte aber das leere Glas so fest, dass es kurz davor war zu zerspringen.

„Das weiß keiner.“ Sie warf die Haare zurück. „Wie es scheint, hat Mutter dieses Geheimnis mit ins Grab genommen. Ich war schon drauf und dran, die Gäste zu befragen.“ Ihr Blick ging durch den dunklen Garten zu den geöffneten Türen des Ballsaals. „Er muss dort sein.“

Die Elite aller benachbarten Königreiche tummelte sich im Saal. Stimmen vermischten sich mit der Musik, und Karim hatte plötzlich das Gefühl, den Lärm kaum ertragen zu können.

„Warum glauben Sie das?“ Er zwang sich, nicht zu neugierig zu klingen, obwohl sein Blut kochte.

„Meine Mutter hätte sich nicht mit einem Bediensteten eingelassen. Es muss jemand von ihrem Rang gewesen sein, sehr wahrscheinlich einer der Männer, der meinem Bruder zu seiner unpassenden Ehe gratuliert hat.“

Sie hatte natürlich recht. Sein Vater war von gleichem Stand wie ihre Mutter, obwohl Karim ihr das nicht sagen würde. Vielleicht hatte die Affäre bei einem Ereignis wie diesem begonnen. Sein Vater und ihre Mutter mussten in seinem und Galilas Alter gewesen sein, als sie sich kennenlernten. Vielleicht waren sie in den verschatteten Garten geflohen, um ihrer Leidenschaft nachzugeben, wie andere Paare es jetzt auch taten.

Obwohl er viel zu nüchtern veranlagt war, sehnte er sich danach, mit Galila auch eines dieser sorgenfreien Paare zu sein, statt sich diese skandalösen Neuigkeiten aus ihrem Mund anhören zu müssen.

Sie war außergewöhnlich begehrenswert, wie er nüchtern feststellte. Beinahe verstand er, warum sein Vater so untröstlich gewesen war, weil er von solch einer Frau verschmäht worden war. Sicher, sein Vater war verheiratet gewesen und hätte sich erst gar nicht auf eine Affäre einlassen dürfen. Aber Karim musste sich keine Schranken auferlegen.

Also sollte er in der Nähe dieser Frau bleiben. Er hatte sich geschworen, dass seine Mutter nie die Wahrheit über den Tod seines Vaters erfahren durfte. Und er würde nicht zusehen, dass alles durch die von Brandy gelockerte Zunge einer Frau ans Licht kam. Also musste er sicherstellen, dass die gesamte Familie Schweigen in dieser Angelegenheit bewahrte.

„Wir sollten zurück zum Ball gehen“, sagte der geheimnisvolle Fremde.

Obwohl sie sich zunehmend zu ihm hingezogen fühlte, wusste Galila, dass sie nicht allein mit einem Mann draußen im dunklen Garten sein sollte, ganz zu schweigen davon, ihm Familiengeheimnisse zu verraten. Doch seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber hatte etwas Beglückendes.

„Ja, denn ich würde mir gerne einen neuen Brandy holen.“ Sie klimperte mit den Wimpern.

Er ging nicht auf ihren Flirt ein, sondern sah sie zurückhaltend an. Ihr sank der Mut, weil sie das Gefühl hatte, ihn enttäuscht zu haben.

„Ich brauche Ihre Erlaubnis nicht“, stellte sie klar, obwohl ihr Selbstbewusstsein einen Riss bekommen hatte.

„Das werden wir ja sehen“, meinte er, nahm ihren Arm und führte Galila um den Pool herum.

Seine Berührung elektrisierte sie so sehr, dass sie zusammenzuckte und fast mit dem Fuß umgeknickt wäre. Was ihr peinlich war, vor allem, weil er missbilligend die Stirn runzelte.

So betrunken bin ich auch wieder nicht, wollte sie sagen, doch sie schien keinen zusammenhängenden Gedanken mehr fassen zu können.

Benommen ließ sie sich von ihm zurück zum Hochzeitsempfang führen.

„Trinken Sie überhaupt nicht?“, fragte sie in dem verzweifelten Versuch, wieder in die Realität zurückzukehren.

„Nie.“

„Ach, bitte“, zog sie ihn auf. „Dann lassen Sie mich diejenige sein, die es Ihnen beibringt.“

Vage wurde ihr bewusst, dass es eine schlechte Idee war, ihn zu provozieren. Und dass ihr sanfter Spott weder Eindruck auf ihn machte, noch angebracht war. Er war nicht schwach, und schon gar nicht unschuldig. Vielmehr wirkte er in seiner Weltgewandtheit beinahe zynisch und war außerordentlich stark, weil er niemandem zu erlauben schien, ihm zu nahe zu kommen.

Sie sah auf seinen Mund, der wie ein Kunstwerk aussah. Seine Lippen waren voll, sinnlich. Wie würde es sich wohl anfühlen, wenn er damit ihren Mund berührte?

Pure Lust durchlief sie bei dem Gedanken.

Er blieb stehen und sah sie stirnrunzelnd an. „Muss ich Sie tragen?“

Galila lachte. Sie war zwar weltgewandt genug, um mit Männern herumzualbern, aber sie wusste trotzdem, wer sie war. Um ihrer Familie willen musste sie ihren guten Ruf wahren, genauso wie ihre Unschuld. Tatsächlich jedoch hatte sie nie genug Verlangen verspürt, um ihren Körper jemandem zu schenken.

Dass sie den Drang verspürte, sich in die Arme dieses Mannes zu werfen, entnervte sie. Eine trunkene, dumme Idee, aber dennoch aufregend. Sie kannte nicht einmal seinen Namen.

„Was haben Sie eigentlich hier draußen gemacht? Haben Sie mich verfolgt?“

„Das Gleiche wie Sie.“ Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. „Nachdenken.“

„Über was?“

„Verantwortung.“

„Wie langweilig.“

Seine Miene wirkte immer noch ernst. Sie versuchte, sich von ihm zu lösen. Was würden die Leute denken, wenn sie zusammen zurückkehrten? Nichts Gutes, das war sicher.

Trotzdem, was für ein bemerkenswerter Mann. Den sie eigentlich nicht mit all den schönen Frauen im Saal teilen wollte. Er sollte ihr gehören, sie mit Bewunderung und Verlangen ansehen.

Seine Miene wirkte kühl im Mondlicht. Sogar rücksichtslos. Doch hinter seiner Selbstbeherrschung lauerte Verlangen. Eine Begierde, die sie schon oft genug bemerkt hatte und daher kannte. Sein Blick aus schmalen Augen war auf ihren Mund gerichtet und verriet ihr, dass seine Gedanken die gleiche Richtung nahmen.

„Wollen Sie denn nicht manchmal alle Vorsicht in den Wind schlagen? Ich schon.“ Sie warf die Haare über die Schulter. Schau mich an. Begehre mich. „Malak kommt immer damit davon. Ich bin es leid, ein gutes Mädchen zu sein.“

„Ach ja?“ Etwas an seinem seidenweichen Ton und seinem Blick, der über ihre Brüste wanderte, gaben ihr ein Gefühl aufregender Freiheit.

Sie dachte an ihre Wohltätigkeitsarbeit, ihr sorgfältig kultiviertes Image von Freundlichkeit und Reinheit. Ihr unermüdliches Streben nach der Anerkennung ihrer Mutter.

Ihr ganzes Leben hatte sie versucht, wie ihre Mutter zu sein. Alle hatten Königin Namani für perfekt gehalten, aber das war sie nicht gewesen. Warum sollte Galila einer Illusion gerecht werden? Den Erwartungen einer Frau, die tot war.

„Ich will endlich das tun, was ich will.“ Sie presste sich an seine Brust und hob ihm ihren Mund entgegen.

„Ich nutze keine betrunkenen Frauen aus“, erklärte er mit Blick auf den erleuchteten Ballsaal, doch sein Griff um ihre Arme verstärkte sich.

„So betrunken bin ich nicht“, tat sie seine Bemerkung ab. Sicher, sie fühlte sich eher ungehemmt, doch die Aufregung, die er sie verspüren ließ, berauschte sie stärker.

Sie waren in einem unbeleuchteten Teil des Gartens angekommen. Der Duft nach Rosen, Kräutern und Orangen erfüllte die Luft.

„Küss mich“, forderte sie, als er zögerte.

Er wollte sie wegstoßen, hielt sie jedoch umso fester, als er in ihr Gesicht starrte. Drei Herzschläge lang standen sie da, während er hin und her überlegte und zu einer Entscheidung kam.

Mit einem gemurmelten Fluch schlang er die Arme um sie, vergrub seine Finger in ihren Haaren und senkte seinen Mund auf ihren.

Und dann küsste er sie, wie sie es noch nie erlebt hatte. Leidenschaftlich, fordernd. Besitzergreifend. Und sie gab sich ihm freiwillig hin, voller Freude.

Während er mit ihrer Zunge spielte, stöhnte sie und presste sich an ihn. Und als er sich von ihr lösen wollte, drängte sie ihn, sie weiter voll verrückter Leidenschaft zu küssen. Sie wollte seine Haut berühren, ihn nackt sehen, sein Gewicht auf sich spüren.

Sie wollte wissen, wie es sich anfühlte, wenn er sie ganz in Besitz nahm.

Abrupt zog er sich zurück. „Nicht hier.“

Hatte er ihre Gedanken gelesen? Gemerkt, was ihr Körper wollte?

„Mein Zimmer“, flüsterte sie und malte sich schon aus, welchen Geheimweg sie durch den Palast nehmen würden.

„Meins“, erklärte er. Sie wusste nicht, ob ihm dieser Ort lieber war oder ob er sich ihr gegenüber behaupten wollte. Doch egal, welchen Grund er hatte, ließ sie sich von ihm durch den Garten zu der Balkontreppe außerhalb des Ballsaals führen.

Unten an der Treppe blieb sie stehen. „Mein Lippenstift. Die Leute werden Bescheid wissen.“

„Ich dachte, du wolltest endlich selbst über dein Leben bestimmen.“ Er zog sie ein Stück weiter in den Schatten.

Sie war mehr als bereit, sich ihm zu schenken, aber dies war ihr Zuhause. Die Hochzeit ihres Bruders. Sie war die Prinzessin von Khalia. Und sie war nüchtern genug, um zu wissen, dass sie diskret sein musste und nicht mitten durch die Gäste marschieren konnte.

Doch als der Fremde sie gegen die Wand presste, vergaß sie ihre Bedenken. Sie legte die Hände um seinen Nacken und stöhnte, als er sie erneut küsste.

Wieder brachte er sie zu dem magischen Ort, den sie gemeinsam geschaffen zu haben schienen.

Während sie sich in seinem Kuss verlor, streichelte er über ihre Hüfte und das Bein und drängte sie, ihr Knie zu heben, um ihm zwischen ihren Schenkeln Platz zu machen. Kühle Luft strich über ihre Haut, als er ihren Rock immer höher schob.

Als seine Fingerspitzen ihren Schenkel innen berührten, schnappte sie nach Luft. Verlangen schoss durch ihren Leib, und sie legte den Kopf zurück, während er mit dem Mund über ihren Hals fuhr.

Es war außergewöhnlich, wunderschön und …

Moment.

Er war zwar erregt, aber irgendetwas stimmte nicht.

Sie berührte sein Gesicht, damit er den Kopf hob. Hitze stand in seinen leuchtenden Augen, doch sie wurde gedämpft durch etwas Kühles. Er mochte erregt sein, doch seine Miene wirkte leidenschaftslos.

Galila war verletzt, doch bevor sie reagieren konnte, hörte sie ein Keuchen und ein Kichern über ihnen. Irgendjemand rief: „Nehmt euch ein Zimmer.“

„Das ist die Prinzessin!“, zischte eine Frau.

„Mit wem?“ Sie kannte diese fordernde männliche Stimme. Als Galila hochsah, entdeckte sie ein paar Gesichter, die über die Mauer des Balkons herunterspähten. Eines gehörte ihrem Bruder. Und er sah überhaupt nicht erfreut aus.

Galila fing den zufriedenen Blick des Fremden auf, ehe er langsam ihr Bein losließ. Sie fühlte sich gedemütigt, und es tat umso mehr weh, weil er jetzt distanziert wirkte.

„Du hattest recht“, sagte er. „Wir hätten in dein Zimmer gehen sollen.“

Ihr blieb nichts anderes, als dort Zuflucht zu suchen. Allein.

2. KAPITEL

Galila wachte mit dumpfen Kopfschmerzen und leichter Übelkeit auf, die eher auf ihre Verärgerung und den Befehl zurückzuführen waren, sich unverzüglich zu ihrem Bruder zu begeben, nicht auf einen Kater.

„Du kannst dem Palast nicht so eine Schande machen und dann glauben, es würde keine Rolle spielen“, sagte Zufar schlecht gelaunt.

„Welche Schande?“, rief sie. „Ein paar Leute haben gesehen, wie wir uns geküsst haben. Malak benimmt sich ständig viel schlimmer.“

„Und dir gefällt es überhaupt nicht, wenn er Aufmerksamkeit bekommt. Konntest du deinen albernen Drang, im Rampenlicht zu stehen, nicht für einen Abend zügeln? Dem Abend meiner Hochzeit? Spricht irgendjemand über unser Fest oder meine Braut? Nein. Alle reden nur davon, dass du dich wie ein Flittchen benommen hast.“

„Gern geschehen“, gab sie mit einem Blick auf ihre manikürten Nägel zurück. „Denn was über deine Ehe mit dem Dienstmädchen geredet wurde, war auch nicht besonders schmeichelhaft.“

„Sieh dich vor, wie du mit deinem König sprichst, kleine Schwester“, sagte er in einem Ton, der ihr Angst machen sollte, doch sie weigerte sich, ihn ernst zu nehmen. Sie waren allein, und er führte sich auf wie ein Neandertaler.

„Ich weiß nicht, was ich deiner Meinung nach tun soll.“ Sie warf die Hände in die Luft. „Ich kann es nicht ungeschehen machen.“

„Ein Anfang wäre, dass du versprichst, in Zukunft mehr Anstand zu zeigen. So etwas hätte nicht passieren dürfen. Ich werde nie verstehen, warum Mutter so lange zugelassen hat, dass du nicht heiratest.“

„Ach nein?“, entgegnete sie scharf.

„Was soll das denn heißen?“

„Sie hat mich als Konkurrenz gesehen, Zufar.“ Das war völlig klar.

„Nimm dich nicht so wichtig, Galila. Du bist diejenige, die jeden als Konkurrenz sieht. Und jetzt beherzige meine Worte. Ich will nicht, dass du meine Königin in den Hintergrund drängst. Du musst lernen, dich zurückzunehmen.“

„Ich würde nicht …“

Sie wurden von einem Bediensteten unterbrochen. Er trat ein, nachdem er kurz angeklopft hatte, und flüsterte etwas in Zufars Ohr. Galila verstand nur, dass es sehr dringend sei.

Zufars Miene verhärtete sich. „Führen Sie ihn herein.“ Als Galila sich abwandte, fügte Zufar hinzu: „Wo willst du hin?“ Wütend sah er sie an.

„Ich dachte, wir wären fertig.“

„Das hättest du wohl gerne. Nein. Ich weiß nicht, warum er darauf besteht, mit mir zu sprechen, aber ich nehme an, dass es dich betrifft. Deshalb bleibst du hier.“

„Wer?“ Sie sah zu der Tür, durch die der Bedienstete den Raum verlassen hatte.

„Scheich Karim von Zyria.“

„Ist das sein Name?“ Sie hatte sich vorgestellt, dass er einer ihrer erlauchten Gäste war, aber ihr war nicht bewusst gewesen …

Zufar schlug so fest mit der Hand auf seinen Schreibtisch, dass sie zusammenzuckte. „Jetzt sag mir nicht, du hättest nicht einmal gewusst, wie der Mann heißt, der die Hand unter deinem Rock hatte.“

Sie sah zur Decke und biss sich auf die Wange.

„Glaubst du wirklich, ich hätte Zeit für deine kindischen Eskapaden?“, wollte Zufar wissen.

In diesem Moment trat er ein. Scheich Karim von Zyria. Statt seines zeremoniellen Gewands trug er einen maßgeschneiderten, schiefergrauen Anzug ohne Kopfbedeckung.

Er wirkte noch attraktiver, wenn das überhaupt möglich war. Mit seinem blütenweißen Hemd und der blutroten Krawatte nahm er ihr den Atem.

Eindringlich sah er sie an, als hätte er darauf gewartet, sie wiederzusehen. Doch bevor sie in dem Gefühl schwelgen konnte, nickte er knapp, wandte seine Aufmerksamkeit ihrem Bruder zu und gab ihr das Gefühl, abgewiesen worden zu sein.

Nachdem er sich versichert hatte, dass Prinzessin Galila sich tatsächlich für die Nacht zurückgezogen hatte, war Karim zu seiner Gästesuite gegangen, ein wenig angewidert von sich selbst. Er hatte die Wahrheit gesagt, als er behauptete, Frauen in betrunkenem Zustand nicht auszunutzen. Er hielt sich für einen Mann von Ehre.

Ihr Kuss war die stärkste Droge, die man sich vorstellen konnte. Kaum hatte er von ihr gekostet, war er zum Leben erwacht. Als wäre er dreißig Jahre lang tot gewesen. Er hatte zwar existiert, aber nichts empfunden.

Dann war er für ein paar atemberaubende Minuten wiederauferstanden. Die Sonne war über ihm aufgegangen, hatte ihn aus langer Eisesstarre erweckt. Alles in ihm wollte in diese Welt eintauchen und sie nie wieder verlassen.

Irgendwie hatte er es geschafft, sich zurückzuziehen, bevor er wie ein Süchtiger in einen Abgrund stürzte.

Diese schockierend intensive Reaktion war ihm eine Lehre gewesen, die er gut beachten würde. Nun wusste er ganz genau, wie gefährlich sie war. Und er war darauf vorbereitet, der Macht zu widerstehen, die sie auf ihn ausübte.

Immer wieder redete er sich ein, dass sein schreckliches Vorhaben einem ehrenwerten Zweck diente. Er beschützte damit nicht nur ihre Familie, sondern auch seine. Seine bewusst öffentliche Zurschaustellung hatte sehr gut funktioniert, um jeder möglichen Nachfrage von ihr über den Mann, der ihre Mutter geschwängert hatte, ein Ende zu setzen.

Für einige Zeit.

Alles andere, was er sich überlegt hatte, würde sich jetzt ergeben.

Kurz warf er einen Blick zu ihr. Sie trug einen züchtigen taubengrauen Rock mit Jacke, darunter eine knallrosa Bluse. Ihre Haare waren zu einem Knoten aufgesteckt. Trotzdem war sie genauso schön wie am Abend, auch wenn sie ein wenig gequält wirkte.

Meist versteckte Karim seine Gefühle hinter einer Mauer aus Gleichgültigkeit. Normalerweise fiel es ihm nicht schwer, weil er es sein ganzes Leben lang so gemacht hatte.

Doch gestern Abend hatte diese Frau seiner Beherrschung mehr als einen Riss verpasst. Er musste sie kitten, bevor sie größer wurden. Musste sich ihr gegenüber kontrolliert verhalten und diese Situation logisch, gezielt und effektiv handhaben, so wie immer.

Und er begann damit, indem er sich ungerührt gab, als ihr Bruder zum Angriff überging.

„Von einem Mann in Ihrer Position hätte ich etwas Besseres erwartet, Karim.“ Zufar stand nicht einmal auf, sondern verzog nur spöttisch den Mund.

„Erlauben Sie mir, den Schaden wiedergutzumachen, den der Ruf Ihrer Familie erlitten hat“, gab er aalglatt zurück. „Ich werde sie heiraten.“

Galila schnappte nach Luft. „Wie bitte? Ich werde dich nicht heiraten.“

Karim warf einen Blick auf ihr empörtes Gesicht. „Erzähl mir nicht, dass du schon anderweitig versprochen bist.“

„Nein.“ Finster sah sie ihn an. „Aber ich bin nicht bereit, dich zu heiraten, nur weil ich dich geküsst habe. Das ist lächerlich.“

„Es ist überaus praktisch, und wir würden gut zusammenpassen.“ Fast die ganze Nacht hatte er darüber nachgedacht, entschlossen, dass Emotionen bei diesem Arrangement außen vor bleiben würden. „Du wirst schon sehen“, versicherte er. Die Leidenschaft war dem Schlafzimmer vorbehalten.

„Ich werde überhaupt nichts sehen!“

„Sei still.“ Zufar hielt die Hand hoch und erhob sich.

Galila stürzte vor und schlug seine Hand nach unten. „Sag mir nicht, dass ich still sein soll“, zischte sie. „Ich werde selbst entscheiden, wen ich heirate.“

„Ihre Schwester hat offenbar ihren eigenen Kopf.“ Schwierigen Menschen wie ihr ging er normalerweise aus dem Weg, aber es stand Größeres auf dem Spiel als ein undramatisches Leben. „War es das Gleiche bei Ihrer ersten Braut?“, fragte er Zufar unbekümmert, obwohl es ein Schlag unter die Gürtellinie war. „Ist sie deshalb mit Ihrem Bruder davongelaufen?“

„Wie bitte?“ Zufars Stimme war wie ein Peitschenhieb, doch Karims Blick ruhte auf Galila, deren wütend gerötetes Gesicht vor Entsetzen blass wurde.

„Halbbruder, meine ich“, verbesserte er sich lässig, obwohl er ganz anders empfand. Denn es stand viel auf dem Spiel.

„Galila.“ Zufar klang so tödlich, dass Karim seine Haltung veränderte, um sich, wenn nötig, zwischen die beiden stellen zu können.

Auch wenn ihr Bruder erzürnt aussah, wirkte er nicht gewalttätig. Und Galila nicht ängstlich. Vielmehr sah sie ihren Bruder finster an.

„Warum machst du das?“, fragte sie ruhig.

„Ich brauche eine Frau. Besser gesagt, meine Berater lassen keine Gelegenheit aus, mich daran zu erinnern.“ Es war keine Lüge. „Du bist geeignet. Welches Wort hast du noch einmal benutzt, um den Liebhaber deiner Mutter zu beschreiben? Stellung? Format. Das war es.“

„So dumm kannst selbst du nicht sein“, sagte Zufar wütend. „Eben kanntest du nicht einmal seinen Namen, und trotzdem hast du mit ihm über die intimsten Angelegenheiten unserer Familie gesprochen?“

„Ich war betrunken.“ Sie wandte den Blick ab, die Wangen vor Scham und Schuldbewusstsein gerötet. „Das ist keine Entschuldigung, aber es war eine sehr schwierige Zeit, Zufar. Das weißt du. Für uns alle.“

„Ich möchte Ihnen versichern“, meinte Karim, „dass Ihre Familiengeheimnisse unter uns bleiben, wenn Sie unserer Ehe zustimmen.“

Erstaunt standen die Geschwister einen Moment da.

„Und wenn ich der Ehe nicht zustimme?“, fragte Zufar, doch Karim sah, dass beide die Antwort bereits kannten.

„Erpressung?“ Galila war empört. „Warum sinkst du so tief, so etwas zu tun?“, fragte sie scharf.

„Ich werde dir nicht wehtun, falls du das vermutest“, höhnte Karim. „Ich werde dich so freundlich und vorsichtig behandeln wie einen hübschen kleinen Vogel. Der du ja auch bist …“

„In einem goldenen Käfig? Du könntest mich bitten, dich zu heiraten, statt mich in die Falle zu locken und einzuschließen.“

„Willst du mich heiraten?“

„Nein. Ich möchte nichts mit jemandem zu tun haben, der so berechnend und rücksichtslos ist wie du.“

„Du kennst mich bereits so gut, Prinzessin, dass du praktisch wie geschaffen bist für mich. Gestern Abend schien es auf jeden Fall so zu sein.“

Zufar gab einen empörten Laut von sich, während Galila mit dem Fuß aufstampfte und tief errötete.

„Hör auf, davon zu sprechen! Es gibt noch andere Frauen“, beteuerte Galila.

„Ich will dich.“

„Nein.“

Karim wandte sich wieder an ihren Bruder. „Ich habe mich deutlich ausgedrückt, was ich zu tun bereit bin, um sie zu bekommen.“

„Was wollen Sie denn noch?“ Vor Zorn bebten Zufars Nasenflügel.

Vor allem wollte Karim jeder Spekulation vorgreifen, wer der geheimnisvolle Mann sein könnte, in den ihre Mutter sich verliebt hatte. Wenn bekannt wurde, dass Königin Namanis Liebhaber sein Vater gewesen war, König Jamil, würde das nicht nur seine Mutter zerstören, sondern auch beide Königreiche in ihren Grundfesten erschüttern. Ganz zu schweigen davon, was der eben entdeckte Halbbruder mit diesem Wissen machen könnte.

Daher fragte Karim nur: „Ist es denn so außergewöhnlich, dass ich sie will?“

„Sie haben sich nicht einmal vorgestellt. Das gestern Abend war eine Falle“, sagte Zufar.

„Vielen Dank auch“, warf Galila hitzig ein und sah Karim verletzt und anklagend an. „Mir ist es egal, was du uns androhst. Ich bin kein Kamel, um das du feilschst.“

Karim hatte einige Zeit über seine Erklärung nachgedacht, als er nachts wach lag. Denn er ahnte, dass Zufar ein intelligenter Mensch war, der erkennen würde, dass seine Schwester aus Gründen benutzt worden war, die über ihre offensichtlichen Reize hinausgingen.

„Ich bin nicht der einzige Mann, der gestern Abend bemerkt hat, dass die Prinzessin sehr schön ist“, sagte er zu Zufar. „Sie ist unverheiratet, und in Khalia ändert sich viel, nachdem Sie den Platz Ihres Vaters eingenommen haben. Eine Allianz mit der Schwester des neuen Königs kann für mich nur von Vorteil sein.“

„Und Sie glauben, dass ich mit einem Mann wie Ihnen eine Allianz eingehen will?“, meinte Zufar spöttisch.

„Wenn ich mit Ihrer Schwester verheiratet bin, ja. Und ich denke, dass Sie auf lange Sicht meine Methoden schätzen werden. Ich erspare Ihnen Monate, Angebote von unbedeutenderen Männern einzuholen und dann Ausreden finden zu müssen, um sie abzulehnen.“

„Wie großzügig“, gab Zufar mit beißendem Sarkasmus zurück und fügte dann finster hinzu: „Aber ich kann Ihrer Logik nicht widersprechen.“

„Dann streng dich an, Zufar“, sagte Galila. „Weil ich ihn nicht heiraten werde und du mich nicht dazu zwingen kannst.“

„Ich bin dein König, Galila“, erklärte er kategorisch, klang aber nicht unfreundlich.

„Das kannst du nicht machen“, rief sie aufgebracht.

„Ich bin nicht wie Mutter oder Vater, die du mit deinen Krokodiltränen manipulieren konntest. Diesmal bist du zu weit gegangen. Ich kann das nicht für dich ungeschehen machen.“

Galilas Stimme zitterte. „Heute ist es nicht mehr wie früher bei unseren Eltern, als alles arrangiert wurde. Wir dürfen aus Liebe heiraten …“

„Habe ich die Braut bekommen, die ich wollte?“, warf Zufar ein. „Wir müssen jetzt alle Opfer bringen für die Krone, Galila. Du hast dir das Bett selbst gemacht, in dem du schon fast liegst.“ Er warf Karim einen finsteren Blick zu. „Egal, ob du verführt oder hereingelegt wurdest oder es aus freien Stücken getan hast.“

Karim verriet ihm nicht, dass sie eine willige Partnerin gewesen war. Und genau das hatte ihn nachdenklich gemacht, aber darüber würde er sich später den Kopf zerbrechen, nachdem er bekommen hatte, was er wollte.

Sie.

„Ich weigere mich. Hast du verstanden?“

Karim streckte die Hand aus. Er hatte fast Mitleid mit ihr, würde aber deshalb nicht nachgeben. „Es ist nichts mehr daran zu ändern.“

„Doch“, beteuerte sie. „Ich gehe zu meinem Vater und spreche mit ihm.“

„Ja, du solltest ihn informieren“, stimmte Karim zu. „Mach das, während ich unseren Ehevertrag mit deinem König aushandle.“

Ihr Vater war ihr überhaupt keine Hilfe. Halbherzig tätschelte er ihre Wange, seine Augen gerötet.

„Es ist höchste Zeit, dass du heiratest. Hör auf deinen Bruder. Er weiß, was das Beste für dich ist.“

Nein, das weiß er nicht!

Malak antwortete nicht einmal auf ihre Textnachricht. Ihre Freundin Amira war verschwunden. Adir hatte sie verführt, mit ihm davonzulaufen. Galila war eifersüchtig auf ihre Freundin. Amiras Flucht mochte dramatisch gewesen sein, aber wenigstens wurde sie nicht in eine Ehe gezwungen, die sie nicht wollte.

Galila hatte das Gefühl, in Zeitlupe gekidnappt zu werden. Selbst Niesha, ihre einzige zuverlässige Verbündete im Palast, konnte eine Flucht jetzt nicht mehr decken, weil sie nun ihre Königin war. Galila war es nicht erlaubt, sie ohne Termin zu sehen, doch dafür hatte sie keine Zeit mehr. Ihr Reisegepäck stand gepackt bereit, und Karim klopfte an die Tür ihrer Suite, während sie panisch auf und ab lief.

„Fertig?“ Er klang gefühllos.

„Das werde ich dir nie verzeihen“, rief sie.

„Wir sollten uns die Schwüre für unseren Hochzeitstag aufheben.“

„Es wird keinen geben.“ Wütend sah sie ihn an.

Zu ihrem Leidwesen spürte sie wieder Verlangen, als sie sich weiter ansahen. Seine Augen waren von einem so dunklen Braun, dass sie beinahe schwarz wirkten. Und es lag mehr Tiefe in seinem Blick, als sie zunächst angenommen hatte.

Fast die ganze Nacht hatte sie an ihn gedacht, enttäuscht darüber, dass man sie erwischt hatte. Sie war nicht halb so beschämt gewesen, wie ihr Bruder es sich gewünscht hatte.

Doch den geheimnisvollen Fremden gab es nicht mehr. Er hatte sich in einen desinteressierten Mann verwandelt, der sie benutzt hatte.

Selbst wenn es Zeit war, dass sie heiratete, sollte es ein Mann sein, der sie wollte. Nicht Zufars Schwester. Nicht die Prinzessin von Khalia. Nicht eine politische Verbündete. Sondern sie.

Als sie draußen zu den Wagen gingen, kam höflicher Applaus auf.

Um den Schein zu wahren, hatte ihr Bruder verkündet, dass man die Verlobung einige Wochen geheim gehalten hatte, damit die bevorstehende Hochzeit nicht in den Schatten gestellt wurde.

Auch wenn diese Lüge sie anwiderte, machte sie keine Szene. Dafür war es viel zu spät. Mit einem herzlichen Lächeln nahm sie die Glückwünsche entgegen und ließ alle in dem Glauben, es sei wirklich die Liebesgeschichte, als die ihr Bruder das Ganze verkauft hatte.

Es war besser, Karim zu demütigen, wenn sie ihn in die Wüste schickte.

„Bist du wirklich ein Scheich?“, fragte Galila.

Ach, hatte seine Verlobte sich endlich entschlossen, mit ihm zu sprechen? Karim sah von seinem Laptop hoch, an dem er eine Stunde gearbeitet hatte.

Sie hatte nicht geweint oder gebettelt, als sie den Palast verließen. Vielmehr hatte sie ihn feindlich angesehen und ihm damit zu verstehen gegeben, dass sie nicht hier wäre, hätte er sie nicht persönlich in seinen Helikopter verfrachtet.

Da er eine Abneigung gegen Theatralik hatte, sagte Karim sich, dass ihr Schweigen ein Geschenk war. Gleichzeitig musste er anerkennen, dass sie mehr Willenskraft besaß, als er angenommen hatte. Nach außen hin wirkte sie weich und zart, doch allmählich erkannte er, dass sie Rückgrat hatte.

Er konnte nur hoffen, dass dies nicht auf Kämpfe hindeutete. Für Trotzanfälle hatte er keine Zeit.

„Ja, das bin ich“, antwortete er.

Karim merkte, dass sie sich im Helikopter umsah, ehe ihr Blick auf seine Kleidung fiel, die er für die Reise angezogen hatte. Für das wichtige Treffen mit ihrem Bruder hatte er einen Anzug getragen, während er so oft wie möglich seine typisch arabische Kleidung wählte. Nicht aus religiösen oder politischen Gründen, sondern weil er sie am bequemsten fand.

„Ich habe nicht damit gerechnet, Gesellschaft zu haben, als ich Zyria verließ“, erklärte er das Fehlen eines Bediensteten und den nur viersitzigen Helikopter. „Aber dieser Hubschrauber ist am schnellsten und bequem.“ Er konnte ihn selbst fliegen, was er regelmäßig tat, um nicht aus der Übung zu kommen. Das würde er auch jetzt tun, wäre sie nicht dabei.

Sie wandte den Blick wieder aus dem Fenster.

Nabata, die Hauptstadt seines Landes, würde sie bei der Landung nicht sehen, sondern nur einen Palast in der rauen Wüste.

„Meine Mutter freut sich, dich kennenzulernen. Sie verbringt viel Zeit in dem Palast, den mein Vater für sie abseits der Stadt hat bauen lassen.“ Weil sie gerne düsteren Erinnerungen entfloh.

Es fühlte sich fast wie eine Beleidigung an, dass er die Tochter der Geliebten seines Vaters zur Königinmutter Tahirah brachte. Sie wusste natürlich nichts von der Untreue ihres Mannes. Und damit das auch so blieb, hatte Karim die Ehe mit Galila eingefädelt.

Galila bemerkte seine mürrische Miene und fragte ihn, was los sei. Sie sah verletzt aus. „Sind meine Haare durcheinander?“

Er vertrieb die Schatten, die seine Miene verdunkelt hatten. „Nein. Du bist wunderschön. Perfekt.“

Sie senkte die dichten Wimpern, doch er wusste, dass sie ihn wegen seines Kompliments misstrauisch beäugte.

„Du bist schön, und das weißt du auch“, meinte er tadelnd. „Aber erwarte nicht von mir, dass ich deine Eitelkeit befriedige.“

Ihr Mund wurde schmal. „Weil ich kein Mensch bin, dessen Gefühle dir wichtig sind, nicht einmal ein Objekt, das du begehrst.“

Er verzog die Lippen. „Es ist eine Zweckehe, ja. Das heißt aber nicht, dass sie nicht erfolgreich sein kann. Viele arrangierte Ehen sind das.“

„Sicher, wenn beide Parteien einer Ehe zustimmen.“

Sie landeten, stiegen aus und umgingen so eine weitere Debatte, die jetzt ohnehin nichts brachte. Sie würde ihn heiraten, mehr gab es nicht dazu zu sagen.

„Sehr schön“, meinte Galila, die einen Blick auf den rosa Marmor und die kunstvoll geschnitzten Türen aus Teakholz warf.

Karim stimmte zwar zu, fand die Extravaganz des Palastes jedoch verstörend. Sicher hatte sein Vater seiner Frau damit eine Freude machen wollen. Der Palast war nicht seinem schlechten Gewissen geschuldet, denn er hatte ihn bauen lassen, bevor Königin Namani die Bildfläche betrat. Leider hatte das, was er für die andere Frau empfunden hatte, seine Gefühle für Karims Mutter überschattet.

Als Galila die Stufen herunterging, berührte er ihren Arm und hielt sie zurück.

Sie erstarrte und schien die Luft anzuhalten. Eine leichte Röte kroch über ihre Haut.

Ihre Reaktion erregte auch ihn, eine Warnung, dass er sehr vorsichtig sein sollte. Oberflächlich betrachtet mochte die körperliche Anziehungskraft aufregend sein und versprach eine erfolgreiche Verbindung, aber er wusste, was einem Mann passieren konnte, wenn er seiner Leidenschaft nachgab.

Er riss sich zusammen, besonders weil er merkte, dass er jede Möglichkeit nutzte, sie zu berühren, und seine Hand immer noch auf ihrem Arm lag. Von sich selbst angewidert, ließ er sie fallen.

Ein Muskel zuckte in ihrem Gesicht. Sie schien plötzlich eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen errichtet zu haben, und das nagte an ihm.

Hochmütig hob sie das Kinn. „Was ist?“

„Du wirst freundlich sein zu meiner Mutter.“

Beleidigt straffte sie sich. „Ich bin immer freundlich.“ Sie warf die Haare zurück. „Gestern Abend war ich auch freundlich, als ich zugelassen habe, dass du mich küsst.“

Er war beleidigt, dass sie ihre Küsse so abtat. Nicht, weil es sein Ego verletzte, sondern seine Männlichkeit.

Aus einem Impuls heraus wollte er ihr zeigen, wie leidenschaftlich sie gewesen waren, nicht nur freundlich. Doch er weigerte sich, sich von ihr in irgendeiner Weise entwaffnen zu lassen, und winkte sie weiter. „Dann freue ich mich schon darauf, wenn du dich das nächste Mal freundlich zeigst.“

Aus schmalen Augen sah sie ihn an.

„Komm.“ Er wandte den Blick ab, denn er durfte sich unter keinen Umständen in sie verlieben. Mit eigenen Augen hatte er gesehen, was aus seinem Vater geworden war, als der sich in ihre Mutter verliebt hatte. Nein, er würde kein weiteres Opfer einer Verführerin aus Khalia werden.

Trotz seiner ausgedehnten Größe und Abgeschiedenheit war bei dem Wüstenpalast an nichts gespart worden. Galila kannte Reichtum, aber selbst sie wusste den Aufwand zu schätzen, dass Marmor und schwere Holztüren hierher transportiert worden waren.

Im Inneren plätscherte ein Springbrunnen und kühlte die Luft ab. Pfeiler erhoben sich über drei Stockwerke bis zu einer Kuppel aus buntem Glas. Mosaike aus Grün und Blau bedeckten die Wände bis auf Augenhöhe und liefen dann in Gold, Blau und Orange aus.

Karim führte sie die Treppe hinauf. Auf den Stufen lag ein dicker Teppich, der sämtliche Geräusche ihrer Schritte verschluckte. Sie betraten den Salon seiner Mutter, und er stellte sie der Königinmutter Tahirah vor.

Die ältere Frau erhob sich, um sie zu begrüßen. Ihr Gesicht zeigte tiefe Spuren der Trauer, so wie Galila sie bei ihrem Vater gesehen hatte.

„Es ist so, als würde Königin Namani mich besuchen. Ihre Schönheit hat überlebt, wenn auch nicht meine teure Freundin“, sagte sie, nahm Galilas Hände und studierte ihre Gesichtszüge. „Es tut mir sehr leid um Ihren Verlust.“

„Danke“, murmelte Galila und erwiderte Tahirahs Küsse auf ihre Wangen, zutiefst gerührt von ihrer Anteilnahme. „Mir war gar nicht bewusst, dass Sie meine Mutter gekannt haben. Aber natürlich müssen Sie sie irgendwann im Laufe der Jahre einmal getroffen haben.“

Bildete sie sich ein, dass Karim sich versteifte? Sie warf einen Blick zu ihm, bemerkte jedoch nur seine unnahbare Miene, die sie nicht lesen konnte. Seine Distanziertheit setzte ihr zu, weil sie sich aus Gründen abgelehnt fühlte, die sie nicht verstand.

„Ja, als wir noch jünger waren“, erklärte seine Mutter. „Wir haben uns oft getroffen, nachdem wir beide verheiratet waren, haben jedoch den Kontakt verloren, als mein Mann starb. Meine Schuld. Ich habe die meisten Pflichten als Königin aufgegeben und zeige mich nur noch selten in der Gesellschaft. Ohne Jamil, mein Herz, konnte ich mich nicht mehr der Verantwortung stellen. Dankenswerterweise konnte Karims Onkel sich um alles kümmern, bis Karim alt genug war, seine rechtmäßige Position einzunehmen. Und jetzt hat mein Sohn sein Glück gefunden.“ Ihr leichtes Lächeln wirkte wie ein schwacher Lichtstrahl auf ihrer sonst beklommenen Miene.

„Ich nehme an, dass wir beide der Zukunft zufrieden entgegensehen“, meinte Galila ausweichend und fügte ein stummes getrennt hinzu.

„Und die Hochzeit?“, fragte Tahirah.

„Diesen Monat noch“, entgegnete Karim entschlossen. „So schnell wie möglich.“

Galila erstarrte und überlegte, ob er vorgehabt hatte, sie wegen des Termins zu informieren. Doch sie behielt ihren Ärger für sich, als Tahirah sie zu einem kleinen Sofa zog, das mit Satin bezogen war.

„Dann ist es an der Zeit, dass du meinen Verlobungsring trägst. Ich habe ihn aus dem Safe holen lassen.“

„Ich … weiß nicht, was ich sagen soll.“ Galila hob ihren Blick von der Samtschachtel, die Tahirah ihr hinhielt, ehe sie völlig verblüfft Karim ansah.

Er nickte knapp und drängte sie, die Schachtel anzunehmen.

Galila öffnete sie und hielt die Luft an.

Ein großer, rosafarbener Diamant lag darin, umgeben von weißen Edelsteinen. In dem breiten Ring waren kleinere Diamanten eingearbeitet, sodass er sehr auffällig wirkte. Gleichzeitig war der Ring ein richtiges Kunstwerk, das man nur bewundern konnte.

Ihr Herz tat weh, als sie diesen Liebesbeweis betrachtete, eine Liebe, die sie nie erfahren würde, wenn sie diesen Mann heiratete. Sie schluckte und bemühte sich um eine feste Stimme.

„Er ist überwältigend. Und offensichtlich etwas ganz Besonderes. Ich fühle mich sehr geehrt.“ Aber sie war auch verärgert, weil diese Ehe nur eine Farce sein würde, während dieser Ring ein Zeichen tiefer Hingabe war. „Bist du sicher?“ Wieder sah sie zu Karim. Sie wollte etwas so Kostbares nicht annehmen, weil sie entschlossen war, Karim bei erstbester Gelegenheit sitzen zu lassen. Sie konnte nicht freundlich sein und diese arme Frau gleichzeitig anlügen.

„Ja, ich bin sicher“, sagte Tahirah mit belegter Stimme. „Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr getragen, aber er ist schön, nicht wahr? Karims Vater hat mich sehr geliebt. Mich viel zu sehr verwöhnt. Hat mir diesen Palast gebaut …“ Ihr Blick wirkte traurig. „Ihn zu verlieren fühlt sich jetzt noch schrecklich an.“ Sie drückte Galilas Hand. „Ich bin sicher, dass Karim genauso verliebt ist in dich. Er hat mir immer gesagt, dass er auf die richtige Frau wartet. Ich bin froh, dass er dich gefunden hat.“

Galila zauberte ein schwaches Lächeln auf ihr Gesicht und hoffte, dass seine Mutter es als überwältigende Dankbarkeit interpretieren würde. Ihrem Bruder zu trotzen oder selbst Karim machte ihr kaum Gewissensbisse, doch Tahirah etwas vorzumachen, war respektlos. Und es tat ihr aufrichtig leid, dass sie sie enttäuschen würde.

Karim nahm den Ring aus der Schachtel und streckte seine Hand aus, damit Galila sie ergreifen konnte.

Als seine warmen Finger ihre berührten, spürte sie Hitze und ein Sehnen, das sie nicht ganz verstand.

Wieder wünschte sie sich, es könnte mehr zwischen ihnen sein, etwas Echtes, doch dafür war er zu unbarmherzig. Und sie war eine moderne Frau und würde keinem Mann nachgeben, nur weil es ihr so befohlen worden war.

Trotzdem reagierte sie auf Karim, als er sich hinunterbeugte, um sie auf die Wange zu küssen. Sie glaubte, dass er bewusst eingeatmet hatte, um ihren Duft aufzunehmen, doch er straffte sich schnell, und sie blieb wieder allein zurück.

Sie sah auf ihre Hände im Schoß und versuchte, sich auf den Ring zu konzentrieren. Er war wunderschön, saß jedoch viel zu locker. Selbst für ihren Mittelfinger war er zu groß.

„Es wäre schrecklich, wenn etwas damit passiert“, sagte sie zu Karim. „Könntest du ihn bitte verwahren, bis die Größe geändert wurde?“

„Wenn dir das lieber ist.“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen?“, fragte sie Tahirah, bevor sie ihn zurückgab. „Es wäre furchtbar, wenn ich ihn verlieren würde. Er ist so schön und bedeutet Ihnen so viel.“

Tahirah sah traurig aus, nickte jedoch. „Natürlich. Selbst mir ist er inzwischen zu groß. Nachdem ich ihn abgenommen hatte, konnte ich es nicht mehr ertragen, ihn wieder anzustecken. Er erinnert mich zu sehr an das, was ich verloren habe.“

Karim nickte. Das war der Grund, warum er Galila heiraten würde: der Schmerz über den Verlust, den seine Mutter auch nach dreißig Jahren noch in sich trug. Wie konnte er ihr die Trauer nehmen, die sie einem tragischen Unfall zuschrieb, und ihr enthüllen, dass ihr Mann sie mit Absicht verlassen hatte? Dass er sich lieber von einem Balkon gestürzt hatte, statt sich einem Leben ohne seine wahre Liebe zu stellen?

Zum Glück stellte Galila Fragen über den Palast, damit seine Mutter nicht in der dunklen Vergangenheit verweilte. Karim hatte Sorge gehabt, als das Thema aufkam, doch inzwischen redeten sie über die Hochzeit ihres Bruders und anderen harmlosen Klatsch.

Als es leise klopfte, sagte seine Mutter: „Ich habe Mittagessen vorbereiten lassen. Gehen wir doch ins Speisezimmer, ja?“

Galila entschuldigte sich, weil sie sich frisch machen wollte.

„Sie scheint reizend zu sein“, meinte seine Mutter, nachdem Galila verschwunden war.

„Das ist sie.“ Karim war froh, dass Galila sich so gut auf Small Talk verstand. Sie könnte eine Partnerin für ihn ...

Autor

Sharon Kendrick

Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr. Sharon träumte davon, Journalistin zu werden,...

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Susan Stephens

Das erste Buch der britischen Schriftstellerin Susan Stephens erschien im Jahr 2002. Insgesamt wurden bisher 30 Bücher veröffentlicht, viele gehören zu einer Serie wie beispielsweise “Latin Lovers” oder “Foreign Affairs”. Als Kind las Susan Stephens gern die Märchen der Gebrüder Grimm. Ihr Studium beendete die Autorin mit einem MA in...

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