Romana Extra Band 179

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MITTERNACHTSKÜSSE IN NEW YORK von MELODY SUMMER

Empört liest Keira die Einladung zum Silvesterball. Investor Carter McGill will ihr kleines Café abreißen – und trotzdem mit ihr feiern? Aber aus taktischen Gründen geht sie hin. Und als die Uhr Mitternacht schlägt und das Feuerwerk über Manhattan leuchtet, zieht ihr attraktiver Feind sie zärtlich in die Arme …

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  • Erscheinungstag 21.11.2026
  • Bandnummer 179
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539364
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Melody Summer, Juliette Hyland, Becky Wicks

ROMANA EXTRA BAND 179

Melody Summer

1. KAPITEL

New York, Upper West Side, Anfang Dezember

Carter McGill sah gerade auf seine edle Patek Philippe, als sein Fahrer die Upper West Side erreichte. Er wandte den Blick zum Seitenfenster des Wagens und musterte sein Spiegelbild in der Scheibe, das vertraute dunkle, dichte Haar, die braunen Augen und die gerade Nase. Er wirkte müde. Ein langer Tag mit Konferenzen, Meetings und Verhandlungen lag hinter ihm.

Es war bereits nach fünf, wieder einmal viel später, als er beabsichtigt hatte. Während draußen erste Schneeflocken zu Boden schwebten, verdrängte er das schlechte Gewissen, das er seiner Tochter gegenüber hatte. Emma hatte sich vor ein paar Tagen darüber beschwert, dass sie ihren Vater kaum noch zu Gesicht bekam. Daraufhin hatte er sich vorgenommen, wenigstens einen Nachmittag in dieser Woche frei zu nehmen, um mit ihr zusammen etwas zu unternehmen. Aber jetzt war es schon wieder beinahe zu spät dafür. Nächste Woche, beschwor er sich.

Carter lehnte sich im Fond seines schwarzen Cadillac Escalade zurück, das Handy in der Hand. Auch ohne darauf zu schauen, wusste er, dass die Benachrichtigungen auf dem Bildschirm aufleuchteten wie Glühwürmchen – Mails, Projekt-Updates, Rückfragen zu verschiedenen Projekten.

„Wo steht das mit der Bürgeranhörung kommende Woche?“, fragte er.

Seine Assistentin Caroline, die ihm gegenübersaß, hörte sofort auf zu tippen. „Ich schicke Ihnen gleich die Agenda, Sir.“

Der Fahrer lenkte den Escalade nun in die Columbus Avenue, die parallel zur Central Park West durch die Upper West Side verlief. Carter schnaubte leise. Er war nicht genervt von den Querulanten, die gegen sein Projekt waren – das wäre zu viel gesagt –, aber es war eine unnötige Störung. Nein, vielleicht war er doch eher davon amüsiert. Es war immer dasselbe.

„Natürlich. Es gibt immer eine Initiative“, sagte er. Er hatte sich von seinen Beratern dazu überreden lassen, die Anführerin dieser Bürgerinitiative, eine Cafébesitzerin namens Keira Monroe, zu seinem alljährlichen, legendären Silvesterball einzuladen. Die Einladungen für den Ball waren heiß begehrt, diese Ms Monroe müsste sie in diesen Tagen erhalten. Eine Einladung würde der Frau, egal, wie biestig sie war, bestimmt schmeicheln und ihm im Gegenzug dabei helfen, sie auf seine Seite zu ziehen. Denn er und sein Team bemerkten bereits erste Rückgänge bei den Interessenten. Aufwiegler schreckten Investoren und Käufer ab, daher musste man sie ernst nehmen und so schnell wie möglich besänftigen. Ja, Carter war zufrieden mit der Entscheidung, Ms Monroe einzuladen. Es war ein raffinierter, kalkulierter Schachzug.

Draußen zog eine kleine, warm erleuchtete Häuserfront an ihnen vorbei. Sie war Teil des fraglichen Blocks, um den es ging, ein Backsteingebäude mit dunkelgrün gestrichenen Fensterrahmen, niedrigen Fensterbänken, Tannengrün an den Scheiben und Lichterketten, die wie kleine Sterne wirkten. Presents & Poem stand in zarter Schrift auf einem großen, beleuchteten Schild über der Eingangstür. Das Café war klein und strahlte gemütliche Wärme aus. Er warf einen flüchtigen Blick hinein, als sein Fahrer direkt davor an einer Ampel hielt. Es war voller Menschen, die an den Tischen saßen, ihre Nasen in Bücher steckten oder in angeregte Unterhaltungen vertieft waren. Eine Frau mit langem, blondem Haar warf den Kopf zurück und lachte.

Es war fast ein bisschen schade, dass dieses so hübsche Café seinem großen Bauprojekt weichen musste. Aber Carter wusste, dass das Luxusquartier, das hier entstehen würde, neue Cafés und Sternerestaurants bringen würde. Veränderung bedeutete Fortschritt, und dem durfte man sich nun einmal nicht in den Weg stellen. Wehmut war vollkommen fehl am Platz.

„Sieht gemütlich aus. Auf charmante Weise ein bisschen altmodisch“, murmelte er leise vor sich hin und warf einen letzten Blick auf die mit Lichterketten geschmückten Schaufenster.

„Verzeihung, Sir?“, fragte seine Assistentin.

„Nichts.“ Carter rief sich die Pläne für das Bauprojekt vor Augen, das ihn gerade am meisten von all seinen beruflichen Aktivitäten beschäftigte. „Der Block wird hochmodern und ungewöhnlich hoch. Die Baugenehmigungen haben wir bereits erhalten. Die Rendite wird überdurchschnittlich sein. Sorgen Sie dafür, dass die offenen Deals diese Woche noch unterschrieben werden.“

„Natürlich, Sir. Einige Anwohner sind kooperativ.“

„Hoffentlich die meisten“, sagte er zufrieden. Genau wie erwartet. Und die, die sich noch sträubten, würden mit Geld zu überzeugen sein.

Carter steckte das Handy weg und ließ den Kopf gegen das weiche Semi-Anilin-Leder sinken. Draußen rauschte die Stadt vorbei: gut besuchte Restaurants, Last-Minute-Buyer in den Läden, Hundesitter mit ihren Rudeln, Eltern mit Kindern an den Händen.

Als der Wagen in die Central Park West einbog, veränderte sich die Atmosphäre. Die Gebäude wurden höher, würdevoller, ihre Sandsteinfassaden waren von indirektem Licht beleuchtet. Und dann schob sich das Elsinore in sein Blickfeld – sein Zuhause. Majestätisch, alt, mit zwei gotischen Türmen und hohen Fenstern, die den Eindruck erweckten, als würde dort oben noch ein anderes Jahrhundert herrschen.

Ja, das Elsinore war eines der altehrwürdigsten und eindrucksvollsten Apartmenthäuser an der Upper West Side. Ein Stück Geschichte. Ein Wahrzeichen der Stadt.

Der Wagen hielt vor den schweren schmiedeeisernen Toren. Der Portier eilte herbei, um Carter die Autotür aufzuhalten.

„Guten Abend, Sir.“ Der Mann neigte respektvoll den Kopf.

Carter stieg aus. Es war frisch, aber sein hellbrauner, maßgeschneiderter Kaschmirmantel hielt die Winterkälte wunderbar ab. Als er auf das Elsinore zuschritt, stand auch schon der zweite Portier bereit, um die gläsernen Eingangstüren für ihn aufzuhalten. Der dezente Duft von Rosen und Vanille empfing ihn – der sündhaft teure Raumduft in der Eingangshalle. Er war 1925 eigens für das Elsinore entworfen worden. Das Gebäude war berühmt dafür, seinen eigenen Duft zu haben, und immer wieder versuchten Firmen, ihn zu kopieren. Doch bislang war es noch niemandem gelungen. Der dunkle Marmorboden der Lobby glänzte, als sei noch nie jemand darüber gelaufen. Die Sitzecken waren um diese Zeit beinahe alle leer, nur ein paar wenige Sessel waren mit Wartenden besetzt, die vermutlich mit Bewohnern verabredet waren.

Der Aufzug stand für ihn bereit und brachte ihn lautlos innerhalb kürzester Zeit in die dreißigste Etage. Insgesamt gab es ein Dutzend Aufzüge, mehrere waren für das Personal gedacht, für Lieferanten und die Haustechniker. Aber sechs Aufzüge waren den Bewohnern vorbehalten, und dieser eine diente Carter allein. Er fuhr direkt in sein Apartment. Carter wusste, dass die Fahrt vierundzwanzig Sekunden dauerte.

Als die Türen sich öffneten, hörte er sofort das Rennen kleiner Kinderfüße.

„Daddy!“

Emma rannte den breiten Flur entlang, ihre dunklen Locken flogen. Sie duftete nach Plätzchen und Kindheit, als sie sich in Carters Arme warf. Er drückte den siebenjährigen Wirbelwind fest an sich. Emma brachte Leben und Leichtigkeit in diese neunhundert Quadratmeter große Wohnung, und er wunderte sich jeden Tag darüber, wie er eine so bezaubernde Tochter haben konnte, die ihn, ihren Daddy, so bedingungslos liebte.

Aus seiner eigenen Kindheit kannte er diese Vertraulichkeit nicht.

„Du bist früher als sonst“, rief Emma und strahlte ihn an.

Er unterdrückte ein Seufzen. Das war so typisch für Emma. Wieder einmal hatte er es nicht geschafft, wirklich früh zu Hause zu sein, doch Emma wies ihn nicht auf sein Versäumnis hin, sondern fand noch etwas Gutes, das sie hervorheben konnte.

Sie nahm seine Hand und zog ihn eifrig in Richtung großen Salon. „Ich muss dir etwas zeigen! Ich hab einen Tannenbaum gemalt. Einen richtig großen!“

Der Flur bestand auf der linken Seite aus bodentiefen Fenstern, die dem Apartment bei Tag eine beeindruckende Helligkeit verliehen. Der Boden war aus schneeweißem, glänzendem Statuario-Marmor, die Wände waren mit gerahmten Fotografien der Stadt geschmückt – Nachtaufnahmen, Skyline und architektonische Linien.

Doch das einzige Bild, an dem Carters Blick jedes Mal hängen blieb, befand sich am Ende des Ganges: ein Foto von Emma, vielleicht vier Jahre alt, mit Schokoladenflecken im strahlenden Gesicht und einem Eisbecher in der Hand. Es passte nicht zur restlichen Einrichtung. Deshalb mochte er es besonders.

Im großen Wohnzimmer, das sich über zwei Etagen in einem der Türme des Elsinore erstreckte, hatte Emma ihre Buntstifte und Malblätter ausgebreitet. Carter bewunderte ihre Tannenbaumzeichnungen und war versucht, gleich wieder in den Arbeitsmodus zu gehen. Die E-Mails blinkten wie Warnlichter auf seinem Handy, er spürte das Vibrieren der verpassten Anrufe, und die Präsentation für die Vorstandssitzung am nächsten Morgen lag noch offen auf seinem Tablet.

„Soll ich die Kleine mit in ihr Zimmer nehmen?“, fragte die Nanny, die noch von einem Au-pair unterstützt wurde.

Emma schmiegte sich fest an ihn und sah ihn mit diesen dunklen Augen an, in denen er seine eigenen wiedererkannte. „Bitte, Daddy. Du bist gerade erst gekommen. Kannst du heute mal nicht arbeiten? Nur kurz?“

Carter fühlte, wie sich das übliche schlechte Gewissen bei ihm meldete. Er hatte sie die ganze Woche kaum gesehen. Und er genoss die Zeit mit ihr. Daher schlug er ihr jetzt lächelnd vor: „Wie wäre es, wenn wir beide noch eine heiße Schokolade trinken gehen?“

Der Duft von Zimt und frisch gemahlenem Kaffee hing in der Luft. Keira Monroe stand hinter der Schaufensterscheibe des Presents & Poem, ihres kleinen Cafés an der Upper West Side, das sie so sehr liebte, und genoss das Schauspiel, das der Dezember ihr bot. Erste Schneeflocken wirbelten durch die Luft, Menschen mit Weihnachtseinkäufen schlenderten über die Bürgersteige, und viele Lichterketten verzierten die Upper West Side, seit es Dezember geworden war. Es wurde langsam dunkel, aber im Inneren des Presents & Poem schimmerte das Licht warm und weich, wie flüssiger Honig.

Keira liebte den Winter mit seiner Gemütlichkeit. Auch ihr Café lief dann sehr gut, weil sich die Menschen nach heißen Getränken und einem warmen Plätzchen am Kamin sehnten. Aber die dunkle Jahreszeit war auch die Zeit, in der sie ihre Mutter am meisten vermisste, die den Winter ebenso sehr gemocht hatte, wie Keira es tat. Sie strich sich eine blonde, lange Haarsträhne zurück und ließ den Blick über das gut gefüllte Café wandern.

In diesem Moment bimmelte die Glocke über der Eingangstür, und drei Frauen mittleren Alters betraten das Ladenlokal. Keira winkte ihnen zu. Sie waren alle drei Stammgäste, auch wenn Keira ihre Namen nicht kannte.

„Hallo, die Damen“, hörte Keira ihre allerbeste Freundin und zugleich weltbeste Barista Lucy sagen. „Wie war die Shoppingtour?“

„Ach“, eine der Frauen seufzte. „Anstrengend. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf einen Spekulatius-Latte freue.“

„Oh ja, für mich auch“, rief ihre Freundin. „Und ein paar von euren berühmten Cinnamon Rolls!“

Die dritte im Bunde nahm einen Espresso, und Lucy ging zurück hinter den handgefertigten Holztresen, den Keira jedes Jahr einmal neu strich und der die Geschichte dieses Cafés mit jeder Schramme erzählte wie kaum ein anderes Möbelstück im Raum. Die altmodische Espressomaschine in sanftem Mintgrün begann zu zischen und zu dampfen, als sich Lucy an die Bestellung der Gäste machte. In einem Regal neben der Kaffeemaschine standen Einmachgläser mit frisch gebackenen Cookies, unter Glasglocken lagen Shortbread und Mini-Pies. In einer Vitrine standen tagesaktuelle Kuchen und Torten. An der unverputzten Backsteinwand hing eine Pinnwand mit Polaroids von Gästen, die lachten und Kaffeetassen in der Hand hielten oder mit ihren Hunden und Einkaufstaschen in den Händen posierten.

Keira rückte den dunkelgrünen Samtsessel näher ans Fenster, der schon so viele Gespräche, so viele kleine Lebensgeschichten und gelesene Buchseiten miterlebt hatte.

Auf einem der Holztische arrangierte sie einen Kranz aus Tannengrün, dazwischen getrocknete Orangenscheiben, die einen süß-herben Duft verströmten. Der Raum roch nun nicht nur nach Kaffee und Zimt, sondern auch nach gerösteten Kastanien, Vanille und einem Hauch Orange – genau so, wie der Winter an der Upper West Side riechen sollte. Im Hintergrund lief ein leiser Jazzsong, eine weiche Trompete, die sich mit dem Klappern der Tassen und den Stimmen der Gäste vermischte.

„Es wird ein schöner Winter“, sagte sie leise zu sich selbst und ignorierte das leise Störgefühl, das sich seit einigen Wochen unter den Anwohnern der Gegend ausgebreitet hatte. Sie seufzte, als sie an das heutige Treffen der Nachbarschaftsgruppe dachte, das in einer Stunde hier im Presents & Poem stattfinden würde. Kein Grund zur Sorge! Sie würden die Gefahr abwenden, wie sie es schon so oft getan hatten.

Keira holte den weißen Kreidestift hervor und wischte die Tafel über dem Tresen ab. Der alte Spruch verschwand, und für einen Moment blieb die Tafel leer. Früher hatte sie hier die Tagesangebote aufgeschrieben, doch inzwischen hatte sie dafür Tischaufsteller. Daher nutzte sie die alte Tafel nun dazu, regelmäßig einen neuen Spruch darauf zu hinterlassen, was bei den Gästen sehr gut ankam. Keira dachte kurz nach, dann schrieb sie: „Snow is falling – coffee is calling.“

Ein Satz, der die Gäste zum Lächeln bringen sollte, selbst wenn sie eigentlich wegen der drohenden Gefahren im Viertel alle nervös waren. Keiras Mutter hatte ihr beigebracht, mehr als nur Kaffee zu verkaufen. „Denk daran, du trägst etwas zum Heimatgefühl bei. Das Presents & Poem soll ein Zuhause für die Menschen sein, hierher kommen sie, um sich zu entspannen, Freunde zu treffen und einem Lächeln zu begegnen. Egal, wie schlecht es dir auch geht, lächle die Gäste an und bereite ihnen eine schöne Zeit.“

Und daran hielt Keira sich bis heute, auch wenn es manchmal schwer war, die Sorgen nicht zu deutlich zu zeigen. So wie jetzt.

Sie lächelte ihrer Freundin zu, die mittlerweile die Bestellung der drei Frauen fertig hatte und das vollbeladene Tablett in Richtung des Tisches trug, an dem die Freundinnen Platz genommen hatten.

Eine halbe Stunde später war das Café bereits mit einigen Nachbarn des Blocks gefüllt. Das Treffen war eigentlich erst in einer halben Stunde angesetzt, doch offenbar waren heute alle früher gekommen. Kein Wunder. Die Stimmung im Viertel hatte sich in den letzten Wochen verändert. Die Beunruhigung war greifbar.

„Hey, Lucy“, rief Tony und rieb sich die Hände. „Ganz schön frisch da draußen. Ich denke, ich gönne mir einen Spekulatius-Spice-Latte.“

„Kommt sofort, Tony“, Lucy zwinkerte ihm zu. Ihre braunen Locken hatte sie wie immer zu einer abenteuerlichen Frisur auf dem Kopf zusammengesteckt, ihre braunen Augen blitzten.

Keira trat neben sie und murmelte: „Heute scheinen es ja alle sehr eilig zu haben. Dieses Thema macht allen zu schaffen, oder?“

„Na klar, Sweety.“ Lucy blies sich eine der Locken aus den Augen. „Glaube mir, nicht nur du bist durch diesen Typen gefährdet. Wenn es diesem Carter McGill gelingt“, sie hielt inne und machte ein abfälliges Gesicht, um noch einmal zu verdeutlichen, was sie von diesem Mann hielt, „unseren ganzen Block zu kaufen, dann ist das das Ende unserer Nachbarschaft. Dann gibt es keinen Plattenladen und keinen Secondhand-Laden mehr. Und auch die letzten einigermaßen bezahlbaren Wohnungen an der Upper West Side sind dann Geschichte. Und das Presents & Poem muss dann natürlich auch schließen.“

Keira biss sich auf die Unterlippe. So weit durfte es nicht kommen. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, das Café weiterzuführen. Es war Keiras Leben. Nur hier hatte sie das Gefühl, ihrer Mutter ganz nah zu sein.

Doch im Frühjahr hatte es die ersten Gerüchte gegeben, ein Investor wolle den ganzen Block kaufen, um ihn in ein Luxusquartier zu verwandeln.

Keira band die Schürze enger um die Taille und ging zu ihren Nachbarn ans Fenster hinüber. Es waren Menschen, die ihre Mutter gekannt hatten. Menschen, die dieses Café als Herzstück des Blocks betrachteten. Die McGill Group, die hinter den Bauplänen steckte, hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Anwohner persönlich zu informieren. Stattdessen hatten Keira und ihre Nachbarn im Juni davon in der Zeitung und aus den sozialen Netzwerken erfahren müssen. Im September waren die Haus-, Wohnungs- und Ladenbesitzer – auch Keira selbst – von den Anwälten der McGill Group kontaktiert worden. Man hatte ihnen allen lukrative Kaufangebote unterbreitet. Anfangs hatten die meisten abgelehnt, aber mit jeder Ablehnung wurden neue, verlockendere Angebote nachgelegt. Und inzwischen wusste Keira von mehreren Anwohnern, die bereits die Kaufverträge unterschrieben hatten.

Nervosität lag in der Luft, Keira konnte sie deutlich spüren.

„Also gut“, sagte sie und setzte sich auf einen der freien Stühle am Tisch von zwei Studenten, die in der Nähe wohnten. „Wo stehen wir jetzt?“

Mrs. Halloran lehnte sich nach vorn. Mit dem Zeigefinger schob sie gleichzeitig ihre Brille hoch, die ihr gefährlich weit nach vorn auf die Nase gerutscht war. „Wichtig ist, dass wir alle zusammenhalten. Ich habe auch schon mit den anderen Eigentümern in meinem Haus gesprochen. Erschreckend viele haben über einen Verkauf nachgedacht. Ich habe mit Engelszungen auf sie eingeredet, und ich denke, ich konnte zumindest ein paar von ihnen überzeugen, nicht an McGill zu verkaufen.“ Sie verzog das Gesicht in ähnlicher Weise, wie Lucy es eben getan hatte.

„Ich muss euch was sagen, Leute.“ Tony rutschte unruhig auf seinem Stuhl umher. „Ich habe heute den Kaufvertrag unterschrieben. Mit Carter McGill. Der Plattenladen in der Columbus Avenue wird bald nur noch Geschichte sein.“

„Oh nein, Tony!“ Mrs. Halloran sah ihn entsetzt an. „Wir haben so gekämpft. Keira vor allem! Sie hat ein Interview nach dem anderen gegeben, Kommentare für die Zeitungen verfasst und im Radio gesprochen. Wir dürfen jetzt nicht aufgeben.“

Eine Weile diskutierten sie noch darüber und beschlossen schließlich, dass sie weiterkämpfen wollten. Das nächste Treffen wurde für die erste Woche im Januar angesetzt, dann verließen die Nachbarn das Café. Keira ging zurück hinter die Theke, um sich dem Stapel Post zuzuwenden, der noch unbeachtet neben der Kaffeemaschine lag. Die Stromrechnung, ein handgeschriebener Weihnachtsgruß von Mrs. Donnelly – sie hielt inne, als sie ein schweres Kuvert sah. Sie nahm es in die Hand. Es war cremefarben, das Papier ungewöhnlich dick. Ihr Name stand darauf in goldgeprägten Lettern.

Ms. Keira Monroe.

Sie runzelte die Stirn. In solchen Umschlägen befanden sich höchstens Hochzeitseinladungen, aber ihr fiel keine Freundin ein, die heiraten wollte. Außerdem kämen die meist persönlich vorbei und würden den Umschlag nicht mit der Post verschicken. Ihre Stammgäste hinterließen Nachrichten auf Servietten oder klebten Zettel an die Kuchenvitrine, falls Keira einmal nicht im Presents & Poem war – was selten der Fall war.

Sie drehte den Umschlag um. Das Siegel zeigte ein stilisiertes M.

Ihr Magen zog sich zusammen.

Dieses M kannte sie, und es war kein guter Kontext, in dem es ihr für gewöhnlich begegnete.

Es stand für die McGill Group. Für Carter McGill.

„Nein“, murmelte sie.

Lucy, die gerade Milch aufschäumte, sah auf. „Wenn das wieder eine Rechnung ist, ignoriere sie einfach.“

Keira wünschte, sie könnte diesen Brief ignorieren, doch es ging um die Zukunft ihres Cafés. Leichte Übelkeit stieg in ihr auf, als sie das Kuvert öffnete. Irritiert runzelte sie die Stirn, als sie den Goldrand, die edle Prägung und die perfekte Typografie wahrnahm. Das war kein Schreiben der Rechtsabteilung.

Mr. Carter McGill lädt Sie herzlich zum Silvesterball im Elsinore ein …

Der Rest verschwamm vor ihren Augen.

„Dieser Mann“, stieß Keira hervor, „hat endgültig den Verstand verloren.“

Lucy stellte die Tasse ab. „Was hat er jetzt wieder getan?“

Keira hielt ihr die Karte hin. „Er lädt mich zu seinem Silvesterball ein. Öffentlichkeitswirksam.“ Sie schnappte hörbar nach Luft. „Was denkt der Typ sich? Dass er mich kaufen kann, durch eine Einladung zu seinem berühmten Ball? Der Mann versucht, meine Lebensgrundlage und unseren Block zu vernichten. Und jetzt will er mit mir Champagner trinken? Der spinnt wohl.“

Lucy überflog die Einladung. „Wow. Das ist richtig edel.“

„Das ist mir vollkommen egal.“ Keira spürte, wie ihre Wut wuchs, als die Eingangsglocke klingelte.

Kalte Winterluft strömte herein, zusammen mit dem Geräusch vorbeifahrender Taxis und dem Geruch von Schnee.

Und dann schaute sie wie erstarrt auf den Mann, der das Café betrat. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Wie konnte er es wagen! Sie erkannte ihn sofort, obwohl sie sich noch nie persönlich gegenübergestanden waren. Er wirkte zu groß für den Raum, was an der Präsenz lag, die er ausstrahlte, die Selbstverständlichkeit, die ihn so mächtig wirken ließ. Ein gutaussehender Mann, das musste Keira zugeben. Die dunkelbraunen Haare, die Augen in exakt derselben Farbe. Die gerade Nase, die glattrasierte Haut, die hohen Wangenknochen. Doch das, was seine Schönheit ausmachte, war vor allem die Selbstsicherheit, die Keira als Erstes wahrgenommen hatte. Unter seinem eleganten Mantel, den er jetzt aufknöpfte, kam ein perfekt geschnittener grauer Anzug zum Vorschein, darunter ein blütenweißes Hemd. Neben ihm stand ein kleines Mädchen mit roter Wollmütze und roten Handschuhen, das sich neugierig umsah.

Das also war er, der Mann, der hier alles verändern wollte. Der die Strukturen, die hier über Jahrzehnte gewachsen waren, auslöschen und durch eine andere, reichere Klientel ersetzen wollte. Der Mann, den die persönlichen Erinnerungen seiner Mitmenschen nicht interessierten, sondern nur sein eigener Profit.

Carter McGill.

Er bemerkte sie erst nach zwei Schritten. Dann blieb er stehen. Ein kurzer Blick, dann ein Moment stiller Erkenntnis.

„Oh“, sagte er.

Keira legte die Einladung demonstrativ auf den Tresen. „Sie haben ja vielleicht Nerven. Was wollen Sie hier?“

Das Mädchen zog an seinem Ärmel. „Dad, ich möchte bitte Kakao mit Marshmallows.“

Er atmete hörbar aus, als müsse er eine Verhandlung eröffnen. „Na, so ein Zufall. Wir wollten nur kurz …“

„Zufall?“, unterbrach sie ihn. „Sie hatten ganz vergessen, dass das Café, das Sie abreißen wollen, hier in dieser Straße liegt?“

Carter straffte die Schultern. „Ich wusste nicht, dass dies Ihr Laden ist.“

Keira stieß einen abfälligen Laut aus. „Das glaube ich Ihnen sogar. Für Sie ist das hier ja nur eine Quadratmeterzahl.“

Sein Blick fiel auf die Einladungskarte auf dem Tresen. „Sie haben sie also erhalten. Und, kommen Sie?“

In Keiras Ohren klang das wie eine rhetorische Frage. Sie lachte kurz spöttisch auf. „Das muss ich mir noch sehr gut überlegen. Vielleicht habe ich schon was anderes vor.“

„Es ist ein Versuch …“

„… mich ruhigzustellen?“

Im Café war es jetzt vollkommen still. Selbst die Espressomaschine schwieg.

Das Mädchen trat einen Schritt vor. „Daddy, ich will einen Kakao mit Marshmallows“, wiederholte es.

Keira sah das Mädchen an. Große, offene und erwartungsvolle Augen, dieselbe Farbe wie die ihres Vaters. Dann richtete Keira den Blick wieder auf Carter McGill. „Sie kaufen einen ganzen Block auf und verdrängen Menschen, die hier seit Jahrzehnten leben.“

Seine Stimme blieb ruhig, klang jetzt aber deutlich angespannter. „Ich entwickle Wohnraum.“

„Für Millionäre.“

„Für Käufer.“

Keira schwieg einen Moment, dann griff sie nach einer Tasse. „Wie viele Marshmallows möchtest du in deinen Kakao?“

„Fünf“, sagte die Kleine begeistert und strahlte Keira an.

Sie spürte, wie Carter McGill sie dabei beobachtete, wie sie den Kakao eingoss, die Kanne abstellte und die Marshmallows hineingab.

„Sie sollten zum Ball kommen“, sagte er leiser.

„Und warum sollte ich das tun?“

Er sah sie direkt an. „Damit wir endlich aufhören, übereinander zu sprechen, und anfangen, miteinander zu reden.“

Keira sah ihn ungehalten an. „Die Antwort bleibe ich Ihnen erst mal schuldig. Und nur, damit Sie Bescheid wissen: Diesen Kampf um unseren Block gedenke ich nicht zu verlieren.“

Sie zwang sich zu einem freundlichen Gesichtsausdruck und reichte dem Mädchen lächelnd die Tasse mit dem heißen Kakao, in dem fünf Marshmallows schwammen. Die Kleine konnte schließlich nichts dafür, dass sie solch einen entsetzlichen Vater hatte.

2. KAPITEL

New York, Upper West Side, Mitte Dezember

Der Dezember hatte der Upper West Side eine winterliche Stimmung verliehen. Die Nächte waren frostig, und am Morgen glitzerte es auf den kahlen Bäumen, den Straßen und Gebäuden eisig. Keira liebte es, auf ihrem Weg zum Café oder nach Hause in erleuchtete Fenster zu schauen. Als sie und Lucy an diesem Mittwochmorgen den 79th Street Winter Farmers Market erreichten, verwandelte der erste Schnee, der wirklich liegen blieb, Manhattan in ein Wintermärchen. Keira zog ihren Mantel enger, um dem frostigen Wind zu trotzen, der vom Hudson herüberwehte.

„Sag mir noch mal, warum wir um acht Uhr morgens unterwegs sind?“, murrte Lucy. Sie war ein Morgenmuffel.

„Weil ich so viel einkaufen muss, dass ich es nicht allein tragen kann, und wir um zehn das Presents & Poem öffnen müssen.“ Keira betrachtete die Berge von Äpfeln, Orangen, Clementinen und Birnen, die sich am Stand vor ihr auftürmten. „Wir haben verschiedene alkoholfreie Punschgetränke auf der Karte, dafür brauchen wir nun einmal Gewürze, Obst und allerlei anderes Zeug.“

Lucy runzelte die Stirn. „Auch frische Cranberrys? Und Feigen?“

„Ui, auf jeden Fall.“ Sie kauften Gewürze, die sie benötigten, und viele Früchte. Irgendwann war der Korb so schwer, dass sie ihn nur noch zu zweit schleppen konnten.

Keira bezahlte ihren Einkauf. Gerade als sie das Geld einsteckte, vibrierte ihr Handy. Sie sah auf das Display. Ein Name, der ihr schon seit Tagen im Kopf herumspukte.

Carter McGill.

„Was will der denn?“

Sie öffnete die Mail von der McGill Group.

Ms Monroe,

es wäre mir nach wie vor eine Ehre, Sie bei meinem diesjährigen Silvesterball im Elsinore begrüßen zu dürfen.

Wir könnten diesen besonderen Abend nutzen, um miteinander ins konstruktive Gespräch zu kommen und sämtliche Missverständnisse aus der Welt zu schaffen.

Carter McGill

Lucy, die Keira über die Schulter gesehen hatte, sog hörbar die Luft ein. „Heilige Mutter der RomComs. Hast du noch nicht zugesagt?“

„Nein“, sagte Keira sofort und ließ das Handy sinken. „Was denkt dieser Mann sich? Dass er nur zu pfeifen braucht und alle kommen angelaufen? Das kommt nicht infrage.“

„Keira, hast du eine Ahnung, was diese Einladung bedeutet? Und dass McGill dich quasi persönlich bittet, zu kommen?“ Lucy sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.

„Aber das ist doch nur ein billiger Trick.“ Keira runzelte die Stirn und warf ihrer Freundin einen missbilligenden Blick zu. „Wir machen ihm ernsthaft Probleme, mit all den Interviews, Aktionen und Artikeln. Immer mehr Menschen schließen sich uns an. Die letzten zwei Wochen liefen super für uns.“

„Die Presse steht auf dich, weil du genau der Typ bist, den sie gut verkaufen können. Sehr attraktiv, aber auch ein bisschen hilflos, zumindest auf den ersten Blick. Dann die Geschichte mit dem Café, das schon deine Mutter geführt hat, die viel zu früh gestorben ist.“ Lucy warf Keira einen bewundernden Blick zu.

Keira verzog das Gesicht. Ihr war es unangenehm, dass die Presse sich so sehr auf sie als Person konzentrierte, dabei ging ein wenig der Inhalt verloren. Keira wünschte sich, es würde mehr darüber berichtet, dass hier ein Stück New Yorker Geschichte verschwinden sollte, weil ein Mann, der unvorstellbar viel Geld hatte, seine Ideen umsetzen wollte.

„Er will sich mit mir öffentlich auf dem Ball zeigen, weil er sich davon erhofft, die Zweifler zu beruhigen. Ein Foto, ein Händedruck, ein Lächeln, und schwupps – am nächsten Tag sind das Internet und die Zeitungen mit unseren Versöhnungsbildern gefüllt, und die Anfragen kommen wieder rein. Investoren trauen sich wieder einzusteigen. Mich würde er nach dem Fototermin natürlich keines Blickes mehr würdigen, und wir alle würden unsere Geschäfte und Wohnungen trotzdem verlieren.“

„Oder“, sagte Lucy und verschränkte die Arme, „die böse Kritikerin lässt sich nicht zähmen. Sondern nutzt den Ball.“

Keira sah sie skeptisch an. „Typen wie Carter McGill sind abgebrüht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mir eine Gelegenheit lassen würde, den Ball für mich zu nutzen. Die sichern sich im Vorfeld ab, würden mich vermutlich nicht mal auf zehn Schritte an ein Mikrofon herankommen lassen.“

„Du musst ja keine öffentliche Rede halten.“ Gemeinsam gingen sie weiter. Einzelne Schneeflocken fielen vom Himmel. „Aber er kann dich nicht den ganzen Abend überwachen. Stell dir vor, du sprichst mit Investoren, die bestimmt da sein werden. Und wie gesagt, die Presse ist immer vor Ort. Die liebt dich. Rede mit den Reportern, nutze seine Bühne, und damit meine ich den Ball, gegen ihn.“

Keira ließ sich Lucys Worte durch den Kopf gehen. Und wenn diese Idee doch gar nicht so schlecht wäre? Carter McGill öffnete ihr mit seiner Einladung zu diesem Silvesterball zugleich die Tür zu vielen seiner Geschäftspartner und Freunde. Wenn Keira geschickt vorging, würde sie das Event tatsächlich zu ihrem Vorteil nutzen können. Andererseits sträubte sich alles in ihr dagegen, auf diese Einladung zu reagieren. Es hatte etwas Selbstgefälliges an sich, dass dieser Mann meinte, nur mit dem Finger schnipsen zu müssen, und alle würden zu Diensten sein. Dieser Gedanke war ausschlaggebend.

„Ich werde absagen“, sagte sie schließlich. „Ich schreibe denen jetzt.“

Sie reichte der Freundin den Korb mit den Einkäufen, öffnete die Antwortmail und tippte mit kalten Fingern:

Mr. McGill,

danke für die Einladung.

Ich werde nicht teilnehmen.

Keira Monroe

Sie zögerte eine Sekunde, drückte dann jedoch auf Senden.

Lucy starrte sie fassungslos an. „Ich kann nicht glauben, dass du das getan hast.“

„Ich habe Prinzipien.“

„Du bist stur. Das ist es.“ Sie schüttelte den Kopf. „Meine beste Freundin und Chefin noch dazu ist zum McGill-Silvesterball ins Elsinore eingeladen worden. Und sie sagt ab!“

Der Morgenverkehr nahm zu, und die Stadt um sie herum wurde lauter. Keira und Lucy liefen Seite an Seite, den schweren Korb zwischen sich.

„Du könntest so viel aus dieser Einladung machen“, sagte Lucy, ohne sie anzusehen.

„Ich lasse mich nicht benutzen.“

„Benutz du ihn.“

Keira blieb stehen. Der Schnee fiel leise auf ihre Kapuze. „Diesen Mann sollte man nicht unterschätzen. Ich glaube einfach nicht, dass er das zulassen würde.“

Lucy grinste. „Dann solltest du es so machen, dass er es gar nicht bemerkt.“

Als sie das Presents & Poem erreichten, breitete sich in Keira sofort dieses wohlige Gefühl aus, das sie immer überkam, wenn sie das Café sah. Nichts bedeutete so sehr Heimat für sie wie dieser Ort. Sie schluckte, als ihr bewusst wurde, dass all das vielleicht bald Vergangenheit sein würde. Sie durfte es nicht zulassen.

Sie schloss das Gitter auf, das nachts die Tür absicherte, und schob es hoch. Die Glocke über der Tür klingelte in ihrem vertrauten, hellen Ton.

Sie stellten die Einkaufstaschen ab, sortierten Cranberries, Zimtstangen und andere Gewürze in die entsprechenden Regalfächer, und Keira schaltete die Lichterketten und Lampen an, die das Café golden erscheinen ließen.

„Machst du mir einen Cappuccino?“ Sie verteilte frische Tannenzweige auf den Tischen.

Lucy hob die Augenbrauen. „Nur wenn du mir versprichst, die Einladung noch einmal zu überdenken.“

Keira seufzte. „Ich fürchte, den Gefallen kann ich dir nicht tun. Ich habe ja nun abgesagt. Aber ich habe heute wieder zwei Termine mit Redakteuren von Online-Magazinen. Ich werde diesem Carter McGill das Leben zur Hölle machen.“

„Du bist zu stolz.“

Keira zuckte mit den Schultern.

Lucy lachte, schnappte sich die Milch und ging zur Maschine.

Keira trat an die Fensterfront. Draußen fielen langsam dickere Schneeflocken. Etwas lag ihr im Magen. Angst? Vielleicht war die Mail doch zu vorschnell gewesen. Vielleicht hatte Lucy recht, und sie war zu stolz. Keira würde alles dafür tun, dass dieser Block gerettet wurde. Dass das Presents & Poem bestehen bleiben würde. Vielleicht sollte sie McGill noch einmal schreiben und ihre Absage zurücknehmen? Nein. Auf keinen Fall würde sie das tun.

Der Himmel über Midtown war bleigrau, als Carter im 55. Stock des One Vanderbilt stand und den Blick auf die Stadt richtete. New York wirkte aus dieser Höhe wie ein Schachbrett, geordnet und kontrollierbar. Genauso mochte er es. Er richtete gerade seine Manschetten, als die Tür zu seinem Büro aufschwang.

„Morgen, Mr. McGill“, sagte Caroline und balancierte zwei Tablets, einen Stapel Unterlagen und Carters Espresso in den Händen. „Ich habe die Unterlagen für die Investoren. Ach, und Ms Monroe hat abgesagt.“

„Was?“ Carter drehte sich abrupt um. „Wie bitte?“

Caroline stellte den Espresso ab, ohne aufzublicken. „Ihre Einladung zum Silvesterball. Sie kommt nicht.“

„Das habe ich verstanden, dass sie nicht kommt. Ich will wissen, warum.“

Caroline hob endlich den Blick und zwinkerte nervös. „Das … also, das weiß ich nicht. Sie hat nur geschrieben, dass sie nicht kommt. Die Antwort auf die Einladungsmail, die ich ihr auf Ihren Wunsch geschickt habe.“

Carter wandte sich ab, um seine Gefühle nicht zu zeigen. Diese Frau war ein Ärgernis, durch und durch. Niemand sagte die Einladung zu seinem Silvesterball ab. Jeder, der eingeladen wurde, war stolz darauf und sagte hocherfreut zu. Nur diese Frau nicht! Was für eine hirnrissige Idee, sie überhaupt einzuladen. Doch sofort kamen ihm wieder die Absagen der Käufer und Investoren in den Sinn. Dieses Projekt war wichtig für ihn, er hatte bereits viel Geld in die Planung investiert. Außerdem war es eine Art Lieblingsprojekt von ihm. Er wollte sich und der Stadt beweisen, dass man auch hier an der Upper West Side noch ganz neue Standards schaffen konnte. „Finden Sie heraus, warum sie nicht kommen will.“

Caroline nickte und verließ eilig den Raum.

Wenige Minuten später kam sie zurück. „Sir, ich habe im Presents & Poem angerufen und nachgefragt.“

Carter sah sie fragend an. „Und? Was sagt sie?“

„Nun ja … sie sagte etwas von … äh … sie wolle sich nicht als PR-Gag benutzen lassen.“

Carter blinzelte. Es war lächerlich. Menschen lehnten ständig Einladungen ab. Nur nicht seine. Nicht den McGill-Silvesterball im Elsinore, die Gala, für die halb Manhattan wer weiß was geben würde, nur um dabei sein zu dürfen.

Und jetzt wagte es eine Cafébesitzerin aus der Columbus Avenue einfach abzusagen?

„Interessant“, sagte Carter schließlich, doch der Espresso in seiner Hand zitterte leicht.

„Soll ich ihr Team kontaktieren?“, fragte Caroline vorsichtig. „Vielleicht können die ja auf sie einwirken.“

„Sie hat kein Team“, knurrte Carter. „Sie ist das Team.“

„Ich meine, die anderen Ladenbesitzer des Blocks.“

Carter winkte ab. „Das wird nichts bringen, weil …“

Die Tür öffnete sich, bevor Carter den Satz beenden konnte.

Lawrence stürmte herein, dicht gefolgt von zwei leitenden Mitarbeitern und so viel Panik, dass Carter sie fast greifen konnte. „Carter, wir haben ein Problem.“

Lawrence warf sein Tablet auf den Tisch. Auf dem Display konnte Carter die Schlagzeilen erkennen: „Immer mehr Investoren ziehen sich aus Bauprojekt an der Upper West Side zurück. Hat David Goliath besiegt?“ „Nachbarschaftsrebellin trotzt Milliardär.“ „Café-Heldin vs. Investor – Wer gewinnt den Kampf ums West-Side-Herz?“

Carter schloss die Augen einen Moment lang. Verdammt. Hörte das denn gar nicht mehr auf?

„Das macht keinen guten Eindruck“, sagte der Leiter für Öffentlichkeitsarbeit unnötigerweise.

Lawrence stemmte die Hände in die Hüften. „Wir müssen reagieren. Sofort. Es ist ungemein wichtig, dass wir die Bilder auf dem Silvesterball …“

„Sie hat abgelehnt“, fauchte Carter. „Keira Monroe hat meine Einladung ausgeschlagen.“ Er presste die Lippen zusammen. Es war lächerlich, sich persönlich gekränkt zu fühlen. Eine unbekannte, kleine Cafébesitzerin entzog sich einfach nur einer PR-Show. Es war rational. Und trotzdem schoss ihm Hitze in die Wangen, ein Gefühl, das er nicht einordnen konnte.

„Wir müssen gegensteuern“, fuhr Lawrence fort. „Wenn die Versöhnungsshow nicht klappt, verlieren wir Investoren, Sympathien und die Narrative.“

„Ich brauche keine Narrative“, sagte Carter eisig. „Ich brauche Ergebnisse.“ Er dachte an den Anruf von seinem Vater gestern Abend. Er hatte sich erkundigt, wie Carters Geschäfte liefen. Obwohl Carter erwachsen war, schaffte es sein Vater immer wieder, dass er sich wie ein kleiner Junge fühlte. Denn er wusste genau, dass die Nachfrage nur dazu diente, ihn kritisieren zu können. Egal, was Carter tat, er konnte es seinem Vater nicht recht machen.

„Dann überzeugen wir diese Monroe eben davon, dass sie kommen muss.“ Lawrence beugte sich vor. „Wir müssen diese Frau an Bord holen. Egal wie.“

Einen Moment lang war es still im Raum.

Carter wandte sich wieder zum Fenster. Unten glitzerte die Stadt im Schnee, die Wolken hingen tief über dem East River, und die Lichter der Yellow Cabs zogen goldene Linien zwischen den Häuserblocks.

„Möchtest du, dass ich mal zu ihr fahre und mit ihr rede?“ Lawrence klang vorsichtig.

„Ich kümmere mich selbst darum“, sagte Carter leise. Diese Frau durfte ihm sein Projekt nicht zerstören. Denn dann würde sein Vater ihm einmal mehr vorhalten, dass er als Geschäftsmann ungeschickt war. Auch wenn er mit seinen einunddreißig Jahren bereits neuneinhalb Milliarden mehr besaß als sein Vater mit achtundfünfzig.

Caroline schluckte. „Sie werden ihr aber doch keinen Ärger machen?“

„Nein, natürlich nicht.“ Carter lächelte sein kühles, präzises Lächeln, das seine Gegner fürchteten. „Aber es wäre doch schade, wenn die Öffentlichkeit nicht erfahren würde, dass ich Gesprächsbereitschaft signalisiere und sie nicht.“

Lawrence runzelte die Stirn. „Und was bedeutet das?“

„Kontaktiere ein paar Leute, auf die du dich verlassen kannst“, sagte Carter, „die üblichen Klatschreporter. Sie sollen mit mir zum Presents & Poem kommen.“

„Ein kluger Schachzug.“ Lawrence lächelte.

Carter nickte zufrieden. Doch tief in seinem Inneren, in dem Bereich, der eigentlich nur aus Logik und Disziplin bestand oder bestehen sollte, pochte ein kleiner, irrwitziger Gedanke: Warum hatte es ihn so getroffen, dass sie nicht kommen wollte?

Er verdrängte ihn schnell wieder.

„Wir drehen die Geschichte um“, erklärte Carter. „Wir zeigen, dass Keira Monroe diejenige ist, die die Versöhnung verhindert. Dass sie sich verschließt. Wir sind die, die nur das Beste für die Nachbarschaft wollen, während sie unbedingt an ihren persönlichen Erinnerungen festhalten will und sich nicht um das Wohl der anderen Anwohner kümmert.“

„Eine Querulantin“, ergänzte der Leiter für Öffentlichkeitsarbeit. „Sympathisch verpackt, aber im Kern destruktiv. So würden wir es framen.“

Querulantin. Das Wort gefiel Carter. Es passte zu Keira Monroe. Sie war unbequem und widerspenstig.

„Das ist eine hervorragende Idee, du brauchst sie gar nicht noch einmal zu besuchen“, sagte Lawrence zufrieden. „Sie will nicht tanzen, also tanzen wir eben allein. Ich habe die Pressemitteilungen schnell geschrieben.“

„Nein“, sagte Carter.

Alle Köpfe fuhren zu ihm herum.

„Wie, nein?“, fragte Lawrence fassungslos.

Carter verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will erst mit ihr sprechen. Und zwar allein. Danach können wir immer noch die Presse kontaktieren.“

„Aber …“, setzte Lawrence an.

„Ich will erst mit ihr sprechen. Vergiss das mit den Reportern“, wiederholte Carter.

Sein Team starrte ihn an.

Lawrence breitete die Arme aus. „Sie hat dir eine Absage geschickt, blockiert seit Wochen dein Projekt. Sie spielt David, du bist Goliath.“

„Ich sagte Nein.“ Carters Stimme war ruhig.

Lawrence presste die Lippen zusammen. „Also gut. Aber dann musst du schnell handeln. Jeder Tag kostet uns viel Geld und das Prestige dieses außergewöhnlichen Projekts.“

„Ich kümmere mich darum“, wiederholte Carter.

Sein Team verließ irritiert sein Büro. Carter hörte die Tür ins Schloss fallen und blieb allein zurück. Mit der Skyline New Yorks vor sich und einem seltsamen Gefühl in der Brust. Er atmete tief durch und wandte sich zum Schreibtisch. In diesem Moment vibrierte sein Handy.

Eine Push-Nachricht. Ein Video, das gerade in den sozialen Netzwerken hochgeladen worden war und in dem er markiert worden war, beziehungsweise sein Unternehmen. Er erkannte das Café im Video sofort. Die verschneite Columbus Avenue. Und Keira, mit roten Wangen, entschlossen, wütend, wunderschön und gefährlich zugleich.

„Ich werde nie mit Carter McGill auf seinem Ball tanzen“, sagte sie in die Kamera. „Denn er lädt mich nur ein, um die Stimmung für ihn zu verbessern.“

Carter wurde eiskalt. Sie war ihm zuvorgekommen. Diese Frau war schlauer, als er gedacht hatte. Es wurde Zeit, dass er ihr demonstrierte, wer der Mächtigere in diesem Spiel war.

Dann griff er nach seinem Mantel.

3. KAPITEL

Keira stand hinter der Theke des Presents & Poem. Die ersten beiden Kerzen auf dem Adventskranz, der auf der Theke stand, brannten. Draußen zogen Menschen mit großen Tüten und Paketen unter den Armen an den beschlagenen Fenstern vorbei. Im Presents & Poem war kein Platz mehr frei.

Lucy stand an der Kaffeemaschine, die heute im Dauereinsatz war, einen Chai Latte in der Hand, an dem sie immer wieder nippte, und wedelte mit ihrem Handy. „Du bist viral gegangen, Sweety.“

Keira schnappte sich das vollbeladene Tablett, das Lucy gerade fertig gemacht hatte. „Wirklich?“

Lucy nickte strahlend und klopfte das Sieb der Maschine aus. „#DefendTheAvenue hat schon zweitausend Likes.“ Sie zeigte ihr das Display. „Und schau – du wurdest in einem UWS-Newsletter gefeatured. Und in einem West-Side-Moms-Forum. Und …“

„Lucy.“ Keira fühlte sich nicht ganz wohl mit all der Aufmerksamkeit. „Ich wollte das nicht. Es geht mir doch nur um unseren Block.“ Sie lehnte sich einen Moment an die Theke. Eine Mischung aus Erschöpfung, Stolz und Angst stieg in ihr auf. „Ich habe den Eindruck, das nicht mehr steuern zu können.“

Sie sah hinaus. Schneeflocken fielen, langsam, zaghaft und fast tanzend. Einen Moment lang schweiften ihre Gedanken von dem Bauvorhaben und der McGill Group ab, und sie genoss diese perfekte vorweihnachtliche Stimmung, die sie so sehr liebte. Die Augen der Menschen glänzten voller Vorfreude auf die Festtage, der Duft des Kaffees und der weihnachtlichen Gewürze hüllte sie ein. Es war unvorstellbar, dass all das bald nicht mehr da sein könnte. Sie seufzte und nahm das Tablett wieder auf.

Die Türglocke klingelte. Weitere Gäste, die auf einen Platz warteten.

Keira sah flüchtig zur Tür, und ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Er.

Carter McGill.

Da stand der Mann, der alles hier zerstören wollte, im Eingang. Schneeflocken lagen auf seinem dunklen Haar und auf den Schultern seines maßgeschneiderten Mantels. Er sah nicht aus wie jemand, der hierhergehörte. Und doch passte er irritierend gut in dieses Bild, weil er offenbar ein Typ war, der überall einen geeigneten Platz fand. Er trat einen Schritt vor und schloss die Tür hinter sich, zog die Lederhandschuhe aus und sah sich um. Als er Keira entdeckte, kam er lächelnd auf sie zu.

„Ms Monroe“, sagte er. „Ich glaube, wir haben etwas zu besprechen.“

Keira spürte ihr Herz wild in ihrer Brust pochen. Vor Wut, aber auch vor Nervosität und etwas anderem, das sie lieber nicht benennen wollte. Sie zwang sich zur Ruhe und erklärte möglichst gleichgültig: „Sie werden einen Moment warten müssen, denn ich habe zu arbeiten.“

Carter McGill nickte und musterte Keira mit diesem kontrollierten, fast antrainierten Ausdruck, den sie bereits von ihrer letzten Begegnung kannte und aus den Interviews, die er der Presse gegeben hatte und die ebenfalls in den sozialen Netzwerken erschienen waren.

„Ich werde da drüben warten“, sagte er ruhig und bahnte sich einen Weg durch das vollbesetzte Café zu Lucy an die Theke.

Keira verteilte die Bestellungen, die sie auf dem Tablett hatte, und nahm neue entgegen. Schließlich kam sie nach vorn, reichte Lucy wortlos den Zettel und stemmte dann die Hände in die Hüften. „Wenn Sie wegen des Balls hier sind: Ich habe bereits geantwortet. Ich werde nicht kommen.“

„Ich habe Ihre Absage bekommen.“ Carter lehnte lässig den rechten Unterarm auf den Tresen. „Und sie war unklug.“

Keira schnaufte. „Unklug?“

„Ja.“

„Ich werde mich ganz sicher nicht von Ihnen beurteilen lassen.“ Keira bemühte sich um ein Lächeln, aber es fühlte sich so verkrampft an, dass sie es schnell wieder ließ. „Schon gar nicht in meinem eigenen Café.“

„Ihr Café ist der Grund, warum ich hier bin.“

„Oh, das ist ja interessant.“ Sie verschränkte die Arme. „Ich dachte, Sie wollten das hier alles abreißen.“

„Um etwas Besseres, Schöneres zu erschaffen.“ Er legte den Kopf schief. „Und ich mache meinen Job.“

Keira stieß wütend die Luft aus. „Genau wie ich.“

„Ich bin bereit, weit über Marktwert zu zahlen.“ Er hob eine Augenbraue, ohne seine Position am Tresen zu verändern. „Sie können Ihr kleines Café doch überall neu eröffnen.“

Keira schluckte. „Das Presents & Poem ist mit diesem Haus, mit diesem Block an der Upper West Side nun einmal untrennbar verbunden.“

„Dann suchen Sie sich ein anderes Gebäude, mit dem Sie Ihr Café verbinden können“, sagte er. Keira bildete sich ein, einen leicht überheblichen Ton herauszuhören. „Ich bin nicht hier, um über Ihre Geschäftsidee zu sprechen, sondern Ihnen zu erklären, warum Sie auf den Ball kommen sollten.“

„Ich komme nicht zu Ihrem Ball.“

„Sie sollten es sich besser noch einmal überlegen.“

„Nein.“

„Es wäre aber strategisch sinnvoll.“

Sie blinzelte. Ein spöttisches Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. „Strategisch sinnvoll? Für wen? Für Sie?“

„Keira.“

„Ms Monroe.“

Seine Kiefermuskeln spannten sich an. Er trat einen Schritt näher, gerade so nah, dass sie seinen Duft wahrnahm. Er roch edel und teuer, leicht nach Holz und nach etwas anderem, gefährlich Sinnlichem.

„Ms Monroe“, begann er noch einmal, „Ihre Medienkampagne bringt mein Projekt ins Straucheln.“

„Gut! Dann wirkt sie ja.“

„Und genau deshalb müssen Sie zum Ball kommen.“

„Ich muss gar nichts.“

„Doch.“

Sein Blick wurde strenger. „Wenn Sie nicht kommen, sage ich der Presse, dass ich bereit bin für einen Dialog und Sie nicht.“

Keira schüttelte belustigt den Kopf. „Sie würden mich öffentlich als unkooperativ darstellen?“

„Sie tun das bereits selbst.“

Keira presste die Lippen fest aufeinander. „Sie wollen mich zwingen? Wirklich? Niemand würde Ihnen glauben“, sagte sie zornig.

„Oh, da täuschen Sie sich aber gewaltig. Was meinen Sie, wie die Öffentlichkeit die abgelehnte Einladung wahrnehmen wird? Mein Ball ist beliebt. Jeder will kommen, aber nur wenige erhalten die Gelegenheit dazu.“

„Sie wollen mich benutzen.“

„Ich will eine Lösung finden.“ Er richtete sich auf und senkte den Kopf. „Das ist es doch, was wir beide wollen, oder nicht?“

„Ich möchte einfach nur mein Café weiter betreiben.“ Sie lachte bitter. „Hier, an dieser Stelle. Ich wüsste nicht, wie eine Lösung aussehen soll, die uns beide zufriedenstellen könnte. Sie wollen mich mundtot machen.“

Jetzt flackerte etwas in seinen Augen. Verletztheit? Nein. Unmöglich.

„Ich will verhindern, dass Sie sich selbst schaden“, sagte er langsam. „Ihre Ablehnung wirkt nicht gut. Nicht für Sie. Nicht für Ihre Sache.“

„Oh, wirklich? Sie selbstloser, gütiger Mensch“, sagte Keira süffisant. „Machen Sie sich um mich mal keine Sorgen. Kümmern Sie sich lieber um sich selbst und Ihren Ruf.“ Sie nahm das Tablett wieder auf, das Lucy inzwischen mit neuen Getränken befüllt hatte.

„Meine Güte, wie kann man so stur sein?“ Er folgte ihr durch das Café.

„Sie haben keine Ahnung, was dieses Café mir bedeutet.“ Keira servierte einem jungen Paar Chai Latte und einen Espresso.

„Dann zeigen Sie es.“

Keira ging weiter, zu dem Tisch hinten in der Ecke.

„Zeigen Sie es der Stadt“, sagte Carter. „Zeigen Sie es den Investoren. Zeigen Sie es den Menschen, die Ihnen in den sozialen Netzwerken folgen. Wenn Sie wirklich kämpfen wollen, dann nutzen Sie die größte Bühne, die New York Ihnen bieten kann. Meinen Silvesterball.“

Schnee rieselte draußen vom Himmel herab, es wurde immer weißer.

Keira spürte Frustration in sich aufsteigen. Er war ein arroganter, gut gekleideter, völlig emotionsloser Milliardär. Ein Mann, der dachte, er könnte sie überreden, lenken und einschüchtern. Carter McGill hatte vermutlich noch nie erlebt, dass er einen Wunsch nicht erfüllt bekommen hatte.

Und trotzdem …

Trotzdem hatte er einen Punkt.

„Sie haben Angst“, sagte Carter plötzlich.

„Was?“ Keira schüttelte belustigt den Kopf. „Unsinn. Ich habe keine Angst.“

„Doch“, erwiderte er ruhig. „Sie wissen, dass Sie auf dem Ball mächtig wären. Sichtbar. Gehört würden. Und das macht Ihnen mehr Angst, als ich es tue. Wenn Sie kämpfen wollen, Ms Monroe …“ Er senkte die Stimme. „Dann kämpfen Sie dort, wo wir uns direkt miteinander messen können.“

Keira verzog das Gesicht. „Wenn ich zu Ihrem Ball käme, wäre das schon der erste Punkt für Sie. Allein mein Erscheinen würde zeigen, dass ich dem Bauprojekt nicht mehr so ablehnend gegenüberstehen würde wie zuvor.“

Er folgte ihr zurück zum Tresen. „Dann machen Sie doch deutlich, dass Sie weiterhin gegen das Projekt sind. Aber wenn Sie gar nicht erst kommen, erscheint es, als hätten Sie Angst vor mir. Außerdem überlassen Sie mir alle Reporter an diesem Abend. Wenn Sie jedoch erscheinen und keinen Zweifel daran lassen, dass Sie nach wie vor gegen das Projekt sind, erhalten Sie einmal mehr eine große Bühne.“

Sie hasste ihn dafür, dass er sie zu manipulieren versuchte, dafür, dass er überhaupt dieses Projekt plante, und dafür, dass er meinte, sich mit Geld einfach alles kaufen zu können. Und sie hasste ihn für das, was er in ihr auslöste. Verunsicherung. Anziehung.

„Ich werde kommen“, sagte sie plötzlich, bevor sie es stoppen konnte.

Carter McGill sah sie einen Moment lang ungläubig an, dann lächelte er langsam.

„Gut“, sagte er dann. „Sehr gut.“

„Aber nicht wegen Ihnen“, presste Keira hervor. „Sondern wegen des Blocks.“

„Natürlich.“

„Und ich werde sehr deutlich machen, was ich von Ihnen halte.“

„Ich zähle auf Sie.“

„Ich werde nicht nett sein.“

„Das habe ich auch nicht erwartet.“ Feurige Funken sprühten zwischen ihnen, die Keira einen Moment befremdeten. Sie hatte sich in Rage geredet, auf etwas eingelassen, das sie noch nicht ganz durchschaute.

Carter nickte knapp, drehte sich um und öffnete die Tür. „Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachtstage und freue mich auf unsere gemeinsame Silvesterfeier.“ Der Wind wehte Schneeflocken ins Café, die Ladenglocke bimmelte leise, als er die Tür hinter sich zuzog.

Keira starrte ihm nach, unschlüssig, ob sie das Richtige getan hatte, indem sie diese Einladung angenommen hatte.

Lucy grinste. „Sehr gut, Keira! Du musst hingehen. Und wie er gebettelt hat, dass du kommst.“

Keira rieb sich die Stirn. „Genau aus diesem Grund zweifle ich daran, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.“

4. KAPITEL

Erster Weihnachtstag

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