Der Sergeant und die Lady

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Spanien, 1811: Nach dem Tod ihres kaltherzigen Ehemanns, eines Offiziers, will die junge adlige Witwe Anna Arrington nur eins: die Schlachtfelder hinter sich lassen und zurück in ihre schottische Heimat. Als der Konvoi, mit dem sie reist, in einen französischen Hinterhalt gerät, rettet der einfache Soldat Will Atkins Anna mutig das Leben. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht, und trotz der Standesunterschiede kommen sie einander näher. Anna erlebt zum ersten Mal, dass die Liebe auch schön sein kann. Doch eine gemeinsame Zukunft kann es für sie nicht geben. Anna muss zurück zu ihrer Familie, Will zu seinem Regiment, denn der Krieg ist noch nicht vorbei …


  • Erscheinungstag 22.08.2026
  • Bandnummer 189
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540421
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susanna Fraser

Der Sergeant und die Lady

Susanna Fraser

schreibt bereits seit ihrem neunten Lebensjahr. Damals noch Geschichten über sprechende Pferde, sind es inzwischen historische Romane, die in der Regency-Zeit spielen und oft von Soldaten der Napoleonischen Kriege handeln. Geboren in Alabama, hat das Leben sie nach Philadelphia, England und Seattle geführt, wo sie heute mit Mann und Tochter lebt.

DANKSAGUNG

Als Allererstes möchte ich meinem Mann und meiner Tochter für ihre Liebe und ihre bedingungslose Unterstützung danken und dafür, dass sie es mit einer Ehefrau und Mutter aushalten, die mit ihren Gedanken so oft zweihundert Jahre und eine Ozeanüberquerung weit weg ist.

Außerdem möchte ich meinen Kritik-Partner:innen danken: Jennifer Diamond, Mary Ann Gonzales, Beth Weir und Alan Wood, die sich montagabends mit mir bei Starbucks treffen, ebenso den Frauen der Demimonde: Karen Dobbins, Alyssa Fernandez, Vonnie Hughes und vor allem Rose Lerner, die nicht nur eine Kritik-Partnerin ist, sondern mit der man auch wunderbar brainstormen, sich den Frust von der Seele reden und indisch essen gehen kann.

Wenn ich versuchen würde, allen zu danken, die mich auf meinem Weg zur Veröffentlichung unterstützt haben, wäre die Liste beinahe so lang wie das Buch. Ein besonderer Dank gebührt jedoch den Ortsverbänden der Romance Writers of America, Beau Monde und Großraum Seattle, für ihre Unterstützung und ihre Hilfe und den Fans von „Buffy – Im Bann der Dämonen“, die mich angefeuert haben, während ich herausgefunden habe, dass ich tatsächlich ein Buch zu Ende schreiben kann.

Ein letzter Dank geht an Carina Press und meine Lektorin Melissa Johnson, die dem Buch meines Herzens die Chance gegeben hat zu glänzen.

WIDMUNG

In liebevoller Erinnerung an meinen Vater und meine Mutter, die außergewöhnlichsten gewöhnlichen Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Meine Liebe zu Geschichte und Geschichten kommt direkt von ihnen.

1. KAPITEL

Bei Wellingtons Armee in Spanien, Juni 1811

Aiee! Madre de Dios, die Schmerzen!“

Will kniete neben der Frau seines besten Freundes auf einer groben Wolldecke und hielt ihre Hände. „Nicht mehr lange, Juana“, murmelte er. „Es sieht sehr gut aus.“

Er hoffte, dass er die Wahrheit sagte, aber er wusste es nicht mit Sicherheit. Dass er als Kind dabei gewesen war, wenn die Schafe auf dem Hof seines Schwagers ihre Lämmer bekommen hatten, machte noch keine Hebamme aus ihm. Er war Sergeant in einem Infanterieregiment, seit elf Jahren im Militärdienst und kannte seit seinem sechzehnten Lebensjahr kein anderes Leben als das eines Soldaten. Er war dazu ausgebildet, dafür zu sorgen, dass Männer diese Welt vorzeitig verlassen mussten, und nicht, Kinder auf dieselbe zu holen.

Juanas Geburtswehe ging zu Ende und sie ließ seine Hände los. Will beugte und streckte die Finger, damit das Blut wieder durch sie hindurchfließen konnte. Sie hatte seine Hände so heftig umklammert, dass er sich fragte, ob er morgen sein Gewehr bedienen konnte.

Es musste doch irgendwo hier eine größere Hilfe für eine Gebärende geben. Er konnte noch immer das Stampfen von Füßen und die quietschenden Räder von Ochsenkarren auf der Straße hören, nur wenige Schritte von dem kleinen Wäldchen aus Korkeichen entfernt, in dem sie Zuflucht gesucht hatten, als Juanas Schmerzen so stark geworden waren, dass sie nicht mehr weitergehen konnte. Ihr eigenes Regiment marschierte weit voraus mit der Vorhut, aber der Hauptteil der Armee hatte sie noch nicht passiert.

Er gestattete sich einen kurzen Tagtraum, in dem er sich ausmalte, wie er Lord Wellington aufsuchte, um dem General unmissverständlich klarzumachen, was er von ihm hielt, weil er ausgerechnet an einem so grausam heißen Tag einen so langen Marsch befohlen hatte. Sie waren nicht einmal auf dem Weg von einer oder in eine Schlacht. Sie hatten schon seit Wochen keine Gefechte mehr gehabt, und wenn man den Gerüchten im Lager glauben durfte, würde sich das auch so bald nicht ändern. Mit dem heutigen Marsch wollten sie ihre Stellung zu den Franzosen verbessern, die meilenweit entfernt waren, oder zumindest vermeiden, dass sie den guten Willen ihrer spanischen Gastgeber oder ihre Essens- und Wasservorräte überstrapazierten. Sie hätten ruhig noch ein paar Tage warten können, in der Hoffnung, dass die Hitze nachließ. Dann hätte Juana in einem festen Zeltlager niederkommen können.

Will schüttelte seine gehorsamsverweigernden Ideen ab und kehrte mit seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Er sah die dritte Person in dem Wäldchen so finster an, dass jeder Gefreite sofort eilig gehorcht hätte. „Verdammt noch mal, Dan, du musst Hilfe holen.“

Dan war jedoch kein Gefreiter. Er war der andere Sergeant in Wills Kompanie – und außerdem Juanas Geliebter und der Vater ihres Kindes.

„Nein“, sagte er. „Ich lasse sie nicht allein. Dieses Mal nicht.“ Er reckte das Kinn und sah ihn entsetzt an.

Will schüttelte den Kopf. Zwei Jahre zuvor hatte Dan seine Ehefrau während der Geburt eines gemeinsamen Kindes verloren, nachdem er gezwungen gewesen war, sie auf dem Rückzug nach A Coruña zurückzulassen. Deshalb bildete er sich ein, dass er Juana beschützen konnte, indem er sie nicht aus den Augen ließ. Doch er war nutzlos, wenn er panisch und mit hastigen Schritten am Rand des Wäldchens auf und ab ging. Er konnte nicht Wills Platz einnehmen, damit er frei war, Hilfe zu suchen, also mussten sie irgendwie zurechtkommen. Doch Juana brauchte mehr. Sie brauchte eine andere Frau.

Alle drei erstarrten, als ein Rascheln im Gebüsch das Näherkommen eines Tieres ankündigte, doch als der Eindringling zu sehen war, beruhigten sie sich wieder. Als ob Wills Gebete erhört worden wären, kam eine schöne Frau auf einem Esel auf sie zugeritten, zu Fuß gefolgt von einem Mädchen aus dem Dorf. Er hätte sie küssen können. Sie war zugegebenermaßen nicht ganz das, was er sich vorgestellt hatte. Er hätte eine stämmige Matrone vorgezogen, die ein halbes Dutzend Kinder zur Welt gebracht hatte und bei zehnmal so vielen Geburten dabei gewesen war. Kurz gesagt: seine Mutter.

Diese Frau hier war zu jung – jünger als er, wahrscheinlich noch nicht einmal fünfundzwanzig. Außerdem war sie viel zu damenhaft. Ihr Dienstmädchen, der Esel, ihr elegantes Kleid und die Haube wiesen sie eindeutig als Offiziersfrau aus. Ihr spanisches Dienstmädchen war fast noch ein Kind und versuchte, sich hinter dem Esel zu verstecken. Aber zumindest waren sie weibliche Wesen.

Die Schönheit erfasste ihre Lage mit einem Blick – einem entsetzten Blick, fand Will – und rutschte vom Rücken ihres Reittieres herunter.

Sie sah Will in die Augen. „Ich habe eben gerade einen Schrei gehört. Darf ich Ihnen meine Hilfe anbieten …“ Ihre Stimme verlor sich, als ihr Blick auf die sauber in einer Ecke der Decke aufgestapelte Ausrüstung fiel. „… Sergeant?“

Seine Uniformjacke mit den Rangabzeichen lag ganz oben auf dem Stapel. Ihm wurde ein wenig unbehaglich, weil er ohne angemessene Kleidung vor einer so eleganten Dame stand. Aber wenn sie bislang schon dem Heer gefolgt war, sah sie nicht zum ersten Mal einen fremden Mann in Hemdsärmeln.

„Vielen Dank, Ma’am“, sagte er mit Inbrunst. „Wir wären für jede Hilfe dankbar.“

Sie biss sich auf die Lippe und wandte sich dann an das Mädchen: „Beatriz, binde den Esel an“, sagte sie in schnellem, flüssigem Spanisch.

Während das Mädchen der Anweisung nachkam, eilte die Dame zu Juana hinüber und kniete sich ihm gegenüber hin. Im selben Augenblick kam die nächste Welle von Schmerz. Dieses Mal schrie Juana nicht, sondern wand sich und stöhnte leise und verhalten.

„Wie heißt sie?“, fragte die Dame, während sie ihre Handschuhe abstreifte, unter denen kleine Hände mit schmalen Fingern zum Vorschein kamen, die mit einem einzigen schlichten goldenen Ehering geschmückt waren.

„Juana, Ma’am.“

„Juana, Sie müssen tiefer atmen“, murmelte sie auf Spanisch und nahm Juanas Hände. „Es vergeht wieder. Atmen.“

Juana sah erleichtert zu ihr auf und folgte der Anweisung. Will runzelte die Stirn. Er hatte beinahe dasselbe gesagt. Hörte es sich so viel überzeugender an, wenn es von einer Frau kam? So musste es wohl sein, und er war froh, dass die Dame so viel Mitgefühl gehabt hatte, dass sie angehalten hatte, um zu helfen. Viele Offiziersfrauen hätten sich nicht dazu herabgelassen, Juana Aufmerksamkeit zu schenken.

Ihr Ehemann hatte großes Glück, dass seine Frau so schön und großzügig war, ihn in die Schlacht zu begleiten. Auch wenn es jedem Offizier, der es sich leisten konnte, freistand, eine Ehefrau mitzubringen, begleiteten nur wenige Damen ihre Männer auf einem Feldzug. Die meisten blieben in England, einige andere mieteten eine Wohnung in Lissabon, um leicht erreichbar zu sein, falls ihre Männer krank waren oder verwundet wurden. Nur die mutigsten und hingebungsvollsten zogen mit der Armee.

Im Augenblick runzelte die Dame besorgt ihre dunklen, geschwungenen Augenbrauen, und die Hand, mit der sie sich eine widerspenstige dunkle Locke aus dem Gesicht strich, zitterte. Sie war sich ihrer Sache ganz und gar nicht sicher. Will glaubte nicht, dass ihre Gouvernante ihr neben Tanzstunden und Stickerei beigebracht hatte, wie man Geburtshilfe leistete. Aber wenigstens war sie eine Frau und mit ein wenig Glück hatte sie eigene Kinder, die sie in der Obhut eines anderen Dienstmädchens auf dem Versorgungswagen oder zu Hause bei ihrer Familie gelassen hatte, wo sie in Sicherheit waren.

Die Wehe ebbte ab und Juana lehnte sich erschöpft zurück. Kurz darauf öffnete sie die Augen und sah zu ihrer eben angekommenen Wohltäterin auf. „Vielen Dank, Señora.“

De nada. Sie sprechen ja Englisch.“

. Wenn ich das nicht könnte, könnte ich nicht bei dem da bleiben.“ Sie wies mit dem Kopf auf Dan, der fünf Schritte von ihnen entfernt Wache hielt und ihnen immer wieder ängstliche Blicke zuwarf. „Er wird nicht Spanisch lernen. Er versucht es, aber es hat keinen Sinn.“

Die Dame sah verwirrt von Will zu Dan und wieder zurück. „Oh! Er ist … aber ich dachte …“

Juana lächelte zaghaft. „Sie dachten, dass der gut aussehende junge Mann hier der Vater ist.“

Will blinzelte. Er hatte sich noch nie für besonders gut aussehend gehalten und er konnte kaum glauben, dass eine Frau in den Wehen und eine elegante Offiziersfrau über seine Vorzüge sprachen, während er so dicht bei ihnen war, dass er sie hören musste.

„Nun ja, ja. Das dachte ich.“ Ihr Gesichtsausdruck blieb ungerührt, aber ihre leuchtend grünen Augen funkelten schelmisch.

„Will ist zu starrköpfig“, sagte Juana.

Die Dame lachte, dabei kam ein Paar Grübchen zum Vorschein. Ehe sie etwas sagen konnte, wurde Juana von der nächsten Wehe überwältigt, und die Miene der Dame wurde wieder ernst. „Ich denke, wir sollten ihr helfen, sich aufzusetzen“, sagte sie. Sie ließ ihren Worten Taten folgen, indem sie Juana nach oben zog und ihr ihre Schulter zum Anlehnen bot. Will stützte Juana von der anderen Seite, während er darüber staunte, wie stark die Dame für ihre Größe war – sie konnte kaum fünf Fuß groß sein.

Als der Schmerz abebbte, sah die Dame nervös von Juana zu Will. „Ich muss gestehen, dass ich keine Hebamme bin. Ich bin dabei gewesen, als meine Cousine ihr Jüngstes bekommen hat, und ich weiß nur, woran ich mich von diesem Tag erinnern kann.“

Sehr schade, aber Will hatte nicht wesentlich mehr erwartet. „Nun ja, Ma’am, ich habe beim Lammen geholfen. Vielleicht wissen wir gemeinsam, was zu tun ist.“

Juana wirkte nicht überzeugt und daraus konnte man ihr keinen Vorwurf machen.

„Ich bitte um Verzeihung“, sagte die Dame, „aber waren denn keine anderen Frauen bei uns?“

Er schüttelte den Kopf. „Wir haben nicht viele Frauen in unserer Kompanie, Ma’am. Ich habe versucht, Dan – Sergeant Reynold heißt das – loszuschicken, damit er Hilfe holt, aber er will nicht gehen.“

„Ich bleibe hier“, sagte Dan, obwohl er ihnen den Rücken zukehrte.

„Das ist mir klar. Du hast es mindestens ein Dutzend Mal gesagt“, erwiderte Will.

Die nächste Wehe kam und sie redeten Juana gut zu, durchzuhalten. Will wurde klar, dass er den Namen der Dame noch immer nicht kannte.

Der Esel schrie und es raschelte wieder im Gebüsch, sie würden also gleich wieder Gesellschaft bekommen. Dieses Mal erkannte Will das Schnauben und Bocken eines nervösen Pferds. Als Juanas Wehe zu Ende ging, stürmte ein langgliedriger schwarzer Hengst auf die Lichtung, auf dessen Rücken ein blonder Dragoneroffizier saß, der sie verächtlich musterte. Will fragte sich, wie der Mann es schaffte, so makellos auszusehen. Er war staubig, sah aber ansonsten so aus, als würde er gleich an einer Parade in London teilnehmen – keine Bartstoppeln, keine Flicken oder ausgefranste Kordeln an seiner Uniform.

Die Dame erstarrte. Von einem Augenblick zum nächsten wurde die warmherzige, mitfühlende Frau zur Eissäule. Sie stand auf und schüttelte mit hoch erhobenem Haupt ihre Röcke auf.

Dan stand sofort stramm und salutierte formvollendet. Will konnte es ihm nicht nachtun, weil er Juana stützte, aber er machte eine Handbewegung, von der er hoffte, dass sie als Gruß zu erkennen war.

„Mrs. Arrington“, sagte der Offizier. Sein Tonfall war dabei so kalt wie ihre Miene.

Nun ja, jetzt kannte Will ihren Namen.

„Captain Arrington“, erwiderte sie.

Und das musste ihr Ehemann sein.

„Was haben Sie hier verloren?“, fragte der Captain.

„Ich würde meinen, dass das offensichtlich ist.“ Jede Silbe war scharf wie ein neues Bajonett.

Diese beiden hatten nichts füreinander übrig. Oder vielleicht doch, aber Will war sicher, dass sie nicht so bald darauf kommen würden. Er ließ langsam seine Hand sinken, da der Captain offensichtlich nicht vorhatte, seine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Dan kauerte sich neben ihn und Juana, sie alle schwiegen verwundert, während sie das Paar ansahen. Das Mädchen Beatriz, das dem Esel nicht von der Seite gewichen war, vergrub das Gesicht am Hals des Tieres.

Der Captain runzelte die Stirn und zog die blonden Augenbrauen über seinen hellblauen Augen zusammen. „Hier ist vor allem offensichtlich, dass Sie sich schon wieder einmischen, wo Sie nichts verloren haben.“

„Ich habe gehört, wie eine Frau vor Schmerzen geschrien hat, ich habe meine Hilfe angeboten und sie wurde angenommen. Das würde ich kaum als Einmischung bezeichnen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre Hilfe hier von Nutzen ist.“ Er warf Juana und den beiden Sergeants einen weiteren verächtlichen Blick zu. Dabei fasste er seine Zügel fester, um sein tänzelndes, schnaubendes Reittier unter Kontrolle zu bekommen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der ganzen Armee eine Frau gibt, die weniger Erfahrung mit Geburten hat als Sie, Madam.“

Mrs. Arrington zuckte zusammen. „Aber ich bin hier“, sagte sie mit zaghafter Würde. „Wenn Sie die Güte hätten, Helen und María zu suchen, würde ich das Feld mit Vergnügen jemandem mit mehr Erfahrung überlassen.“

„Ich habe keine Zeit, für Sie den Botenjungen zu spielen. Ich habe Sie nur aufgesucht, um Ihnen den Gefallen zu tun, Ihnen mitzuteilen, dass meine Kompanie den Befehl erhalten hat, als Kundschafter die Vorhut zu übernehmen. Wenn ich mich nicht beeile, komme ich zu spät zum Treffpunkt. Also kommen Sie sofort mit.“

Sie holte tief Luft und schluckte schwer. „Nein.“

Der Captain zog heftig an den Zügeln und der Hengst bäumte sich auf und bockte. „Nein? Sie widersetzen sich mir?“

Sie hob den Kopf höher, auch wenn ihre Hände, die sie an ihren Seiten zu Fäusten geballt hatte, zitterten. „Allerdings.“

„Also gut. Ich nehme an, es sollte mich nicht wundern, dass Sie so bar jeder Würde sind, dass Sie die Gesellschaft des gemeinen Pöbels dieser Armee den Wünschen Ihres Ehemannes vorziehen.“

Bei Mrs. Arringtons Antwort war ihre Stimme brüchig und verbittert. „Ich nehme an, das sollten Sie nicht. Ich muss allerdings zugeben, dass es mich doch überrascht, dass Sie so bar jeglicher Höflichkeit sind, dass Sie sich in der Öffentlichkeit mit Ihrer Frau streiten.“

Captain Arrington grinste höhnisch. „Zwei Sergeants und eine Hure sind wohl kaum Öffentlichkeit.“

Dan wurde rot im Gesicht. „Sie ist keine Hure, Sir.“

„Also, Sie impertinenter …“ Der Captain hob die Hand mit der Peitsche.

„Sebastian!“, rief Mrs. Arrington. Er zögerte.

Im selben Augenblick schrie Juana auf, weil eine weitere Kontraktion sie erfasste. Mrs. Arrington warf ihrem Mann einen Blick zu, in dem nichts als Verachtung lag, ehe sie wieder zu ihr eilte.

Captain Arrington ritt direkt auf die Frauen zu. „Anna, Sie kommen jetzt sofort von dort weg.“

Will sprang auf die Füße und rannte los. Er sah keinen höherrangigen Offizier mehr vor sich, sondern nur einen gewalttätigen Mann auf einem ungezähmten Pferd, der darauf aus war, zwei Frauen über den Haufen zu reiten. Er packte den Hengst am Zaumzeug und hängte sich mit seinem ganzen Gewicht hinein, während das Tier sich wehrte und aufbäumte.

„Sie impertinenter Hundesohn!“ Captain Arringtons Gesicht war knallrot und er hob noch einmal die Hand mit der Peitsche. „Lassen Sie mein Pferd los.“

„Nein, Sir“, sagte Will mit zusammengebissenen Zähnen, während er sich gegen die Bemühungen des Hengstes stemmte, sich loszureißen. Sollte der Captain doch die Peitsche benutzen. Will war es egal. Er würde ihn nicht in die Nähe der Frauen lassen. „Und sollten Sie sich lieber darum bemühen, nicht zu spät zu Ihrem Auftrag zu kommen, als sich mit uns gemeinem Pöbel zu befassen? Sir.“ Will war noch nie in seinem Leben so direkt einem Offizier in die Quere gekommen, aber wenn der Captain ein General gewesen wäre, hätte er dasselbe getan.

„Impertinent und ungehorsam!“, stieß der Captain hervor, während sein Pferd sich langsam beruhigte. „Ich werde mit Ihrem Vorgesetzten sprechen und dafür sorgten, dass Sie beide ausgepeitscht werden.“

Will wusste, dass er gewonnen hatte, als die Drohung von einer sofortigen Auspeitschung in eine spätere Strafe überging. Er grinste und ließ das Zaumzeug des Pferds los. „Unbedingt, Sir. Mein Name ist Atkins und seiner ist Reynolds. Dritte Kompanie, erstes Bataillon im neunundfünfzigsten. Aber jetzt wartet ein Auftrag auf Sie, Sir.“

„Gehen Sie einfach, Sebastian.“ Der Tonfall seiner Frau war matt.

„Also gut, Madam. Aber wir werden noch über diese Angelegenheit sprechen.“ Er wendete sein Pferd und trabte aus dem Wäldchen hinaus. Seine Haltung dabei war stocksteif.

Juanas Schmerzen waren vorüber und sie sah Mrs. Arrington mitleidig an. „¿Su esposo, señora?“

. Mein Ehemann.“ Sie schloss die Augen und ihre Lippen bebten. Kurz darauf holte sie tief Luft und sah Will in die Augen. „Es tut mir leid“, sagte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, Ma’am, mir tut es leid.“

Sie sahen einander lange an, eine ungehorsame Ehefrau und ein ungehorsamer Sergeant.

„Sprechen wir nicht mehr darüber, Ma’am“, sagte er mit sanfter Stimme. Dan und Juana wechselten einen Blick und nickten.

„Vielen Dank. Aber – ich rede mit Ihrem Captain. Man sollte Sie hierfür nicht auspeitschen.“

„Darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, Ma’am“, sagte Will.

„Mein Mann kann sehr hartnäckig sein.“

Will grinste. „Je heftiger er darauf besteht, desto weniger wird Captain Matheson auf ihn hören. Er ist ein starrköpfiger Kerl.“ Er zwinkerte Juana zu. „Was nicht immer schlecht ist.“ Seine Belustigung hielt nicht lange an, denn er musste wieder an Captain Arringtons erhobene Hand mit der Peitsche denken. „Wird er Sie schlagen, Ma’am?“

„Nein! Natürlich nicht.“ Sie zögerte und machte dann ein verunsichertes Gesicht. „Das glaube ich nicht. Er hat es noch nie getan.“

„Sie haben ihn unseretwegen schon genug verärgert. Setzen Sie sich nicht für uns ein. Es steht zehn zu eins, dass unser Captain nicht auf ihn hören wird. Und falls doch, ist es besser, wenn wir ausgepeitscht werden, als Sie verprügelt.“

„Nein. Das ist es nicht. Spielen Sie hier nicht den ritterlichen Dummkopf.“

Ein ritterlicher Dummkopf sollte er sein? Will lächelte ihr zu. „Aber wann bekomme ich denn die Gelegenheit, einen Ritter zu spielen, wenn ich das nicht tue. Ich begegne ja nicht jeden Tag schönen Damen.“

Anna Arrington musste sich zum zweiten Mal in fünf Minuten die Tränen verkneifen. Die arme Juana hatte im selben Augenblick ihre nächste Wehe, sodass sie einen Grund hatte, den Blick vom schrecklichen Mitgefühl abzuwenden, das in Sergeant Atkins’ bernsteinfarbenen Augen lag. Er hatte versucht, einen Witz zu machen, aber sie fiel nicht darauf herein.

Sie glaubte nicht, dass Sebastian sie verprügeln würde. Er hatte sie nur ein einziges Mal geschlagen, als er geglaubt hatte, einen Beweis für ihre Treulosigkeit und ihren Betrug in den Händen zu halten. Bis zu diesem schrecklichen Abend hatte Anna geglaubt, dass sie und Sebastian eine tiefe Liebe füreinander empfanden. Der würdevolle, ernste junge Kavallerieoffizier, der so anders war als die Gentlemen, die ihr während der Saison in London den Hof gemacht hatten, hatte ihr Herz im Sturm erobert. Sie hatten eilig, aber ohne Hintergedanken geheiratet. Sie hatte sich auf die neuen Abenteuer gefreut, die sie als Dame eines Offiziers erwarteten, und sie hatte sich vorgenommen, ihm eine hingebungsvolle Gefährtin zu sein. Doch an einem schrecklichen Abend hatte sie herausgefunden, dass sie ihren frischgebackenen Ehemann überhaupt nicht kannte.

Zwei Jahre später hielt Sebastian sie noch immer für schuldig – sie konnte ihre Unschuld nicht beweisen und ganz gleich, wie züchtig und bescheiden sie sich verhielt, er ließ sich nicht davon überzeugen, dass er ihr unrecht getan hatte. Doch ihr gemeinsames Unglück äußerte sich eher in kalter Höflichkeit als in hitzigen Streitereien. Sebastian hatte seine Mittel, sie zu kränken, aber sie hatte gelernt, ihren Schmerz zu betäuben und seine ununterbrochenen Sticheleien so gut sie konnte zu übergehen.

Doch vor vierzehn Tagen hatte Anna ihren unerfreulichen Waffenstillstand gebrochen, und das ausgerechnet wegen Beatriz. Das vor Kurzem verwaiste Mädchen stand ohne Familie oder Freunde da, und Anna hatte sie aus Mitleid eingestellt. Es war nicht so wichtig, dass Beatriz die Fertigkeiten einer Zofe fehlten. Sie würde sie noch früh genug erlernen.

Es hatte Sebastian jedoch nicht gefallen, dass sie ein neues Dienstmädchen eingestellt und damit ihre Ausgaben erhöht hatte, ohne es mit ihm abzusprechen. Er hatte sie angewiesen, Beatriz wieder zu entlassen, und gesagt, dass das Mädchen Geldverschwendung war. Anna hatte sich geweigert und auf eine Tatsache hingewiesen, um die sie seit dem Beginn ihrer Liaison bis zu diesem Tag einen Bogen gemacht hatte: Jeder Penny, den er besaß, stammte aus dem umfangreichen Vermögen, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte.

Jetzt herrschte in ihrer Ehe ein offener Krieg. Anna wusste genau, dass er sich schon bald an etwas anderem entzündet hätte, wenn sie Beatriz nicht eingestellt hätte. Sie hatte genug davon gehabt, dass Sebastian über sie bestimmte, und sie verachtete die nervöse, verschüchterte Frau, zu der sie geworden war, beinahe so sehr, wie sie inzwischen ihren Ehemann verabscheute. Warum sollte sie weiter so tun, als ob, wenn er sich durch kein noch so folgsames, sittsames Benehmen besänftigen ließ?

Doch jetzt gerade musste ein Kind entbunden werden und Juana brauchte bessere Unterstützung, als sie und die beiden Sergeants ihr bieten konnten.

„Beatriz“, sagte sie, „du musst den Esel nehmen und voraus zu Señora Gordon und María reiten.“

Beatriz zog den Kopf ein und riss die Augen auf. „Ganz allein? O nein, Señora.“

Anna seufzte. Das Mädchen war noch so jung, gerade erst sechzehn, und verängstigt von ihrem seltsamen neuen Leben bei einer ausländischen Armee. „Bitte, Beatriz, es muss sein. Stell dir vor, es ginge um dich oder um mich. Würdest du nicht auch wollen, dass wir die beste Unterstützung bekommen, die möglich ist? Sie können nicht weit vor uns sein. Auf dem Esel kannst du schnell und sicher zu ihnen kommen.“

Beatriz schluckte und nickte. „Sí, señora. Ich werde es tun.“ Sie machte den Esel los und ritt davon.

Gracias“, rief Juana ihr hinterher.

Es herrschte peinliches Schweigen, während sie auf die nächste Wehe warteten. Anna überlegte, was sie sagen sollte, ohne dass sie noch einmal auf die Szene zu sprechen kommen mussten, die Sebastian gemacht hatte.

Sergeant Atkins, der gute Mann, warf sich in die Bresche. „Sie kommen aus Schottland, hab ich recht, Ma’am?“, fragte er und hörte sich dabei leutselig an wie eine neue Bekanntschaft bei einem Essen oder auf einem Ball.

Sie blinzelte. Nicht viele Menschen bemerkten ihren leichten Akzent so schnell. „Sie haben ein gutes Gehör.“

Er zuckte mit den Schultern. „Sie sprechen so ähnlich wie unser Captain, und der kommt aus der Nähe von Inverness.“

Sie wurde ruhiger. Ihre Kindheit war ein unverfängliches Thema. „Ich bin nur zur Hälfte Schottin. Mein Vater war aus Gloucestershire und mein Bruder lebt immer noch dort. Aber Vater ist gestorben, als ich noch klein war, deswegen bin ich bei meiner Tante und meinem Onkel in den Highlands aufgewachsen. Ich besuche meinen Bruder jedes Jahr – zumindest habe ich das getan, bevor ich hergekommen bin –, aber Dunmalcolm Castle ist mein Zuhause.“

„Sie sind in einem Schloss aufgewachsen.“ Sergeant Atkins trat einen Schritt zurück.

Sergeant Reynolds und Juana sahen sie genauso ehrfürchtig an. Es gefiel Anna überhaupt nicht, wenn andere sie so ansahen.

„Es ist kein besonders großes Schloss“, sagte sie. „Es ist eigentlich sogar kleiner als das Haus meines Bruders. Es ist nur ziemlich alt, im Winter zieht es dort schrecklich und es wurde irgendwann zur Festung ausgebaut …“ Sie wurde rot, weil ihr gerade klar geworden war, wie albern sie sich anhörte. „Es ist wohl ein Schloss“, stellte sie blutleer fest.

Sergeant Atkins hob eine Augenbraue. „Wirklich, Ma’am?“, sagte er. „Wollen Sie uns vielleicht als Nächstes erklären, dass Ihr Onkel gar kein so großer Duke ist?“

Sie lächelte, der Mann gefiel ihr. „Ganz und gar nicht. Aber er ist ziemlich klein für einen Earl.“

Sie brachen zusammen in Gelächter aus, sodass die Anspannung zwischen ihnen wich.

Von da an hatte Juana regelmäßigere Wehen. Sie war zu erschöpft, um zu sprechen, und Sergeant Reynolds ging wieder auf und ab. Anna und Sergeant Atkins kümmerten sich um Juana und unterhielten sich ein wenig, soweit die Situation es zuließ.

„Und woher kommen Sie?“, fragte sie. Sie setzte die Feldflasche an die Lippen, die er ihr angeboten hatte. Der Nachmittag wurde immer heißer und sie trank mehrere große Schlucke Wasser, obwohl es abgestanden und lauwarm war.

„Shropshire.“ Sein Blick wurde abwesend.

„Und Sie sind auf einem Bauernhof aufgewachsen, wo Sie beim Lammen geholfen haben?“ Sie benetzte ihr Taschentuch mit etwas Wasser und legte es Juana auf die Stirn. Es kühlte wahrscheinlich nicht besonders, aber es war sicher besser als nichts.

„Nicht ganz“, sagte er. „Der Hof gehört meinem Schwager und ich bin dort so etwas wie der Lehrling gewesen. Mein Vater hat ein Gasthaus, aber das geht an meinen Bruder Tim, deswegen wollte meine Familie, dass ich in die Landwirtschaft gehe.“

Seine Familie schien wohlhabend genug zu sein, damit er nicht aus Armut zur Armee gehen musste. „Warum sind Sie dann hier? Falls die Frage nicht zu unverschämt ist.“

Er strich sich eine kastanienbraune Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ganz und gar nicht, Ma’am. Es ist eine ganz einfache Geschichte. Die Anwerber sind in unsere Stadt gekommen, als ich gerade sechzehn war und unruhig.“

„Und jetzt sind Sie hier.“

„Ja. Mit ein paar Abenteuern zwischendurch.“

Das musste eine Untertreibung sein. Ehe sie hergekommen war, hatte er irgendwann die unverkennbare grüne Jacke seines Regiments und die schwarze Halsbinde, die zur Uniform gehörte, abgelegt. Die Hemdsärmel hatte er hochgekrempelt, sodass sie zwei Narben sehen konnte, eine an seinem linken Unterarm und eine zweite an seinem Schlüsselbein. Beide waren lange, dünne Linien, wie sie ein Treffer mit einem Säbel hinterließ. Sie fragte sich, wie viele Kampfwunden sich noch unter seiner Kleidung verbargen.

Juanas Wehen wurden immer mühsamer und sie schrie bei jeder Welle vor Schmerz. Anna fragte sich ängstlich, wo Beatriz so lange blieb. Helen und María konnten nicht so weit voraus sein. Wenn sie nicht bald kamen, mussten sie und Sergeant Atkins das Kind selbst entbinden. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, was die Hebamme bei der Geburt von Charlie für Helen getan hatte, aber ihr Kopf war völlig leer.

Während der nächsten Wehe sah Juana sie mit wildem Blick an. „Ich glaube, es ist so weit“, sagte sie auf Spanisch. Ihr fehlten die englischen Worte.

„Was, jetzt?“, fragte Sergeant Atkins.

„Das wüsste ich auch gern. Meine Cousine hatte einen Geburtsstuhl. Vielleicht sollte sie sich hinhocken.“

„Auf Hände und Füße.“ Sie sahen Sergeant Reynold überrascht an. „Ich habe schon einmal gesehen, dass es so gemacht wurde.“

Sergeant Atkins sah sie fragend an und sie zuckte zustimmend mit den Schultern. Zwischen zwei Wehen halfen sie Juana zu dritt, die neue Haltung einzunehmen. Sergeant Reynold wühlte in seinem Bündel und holte einen kleinen Vorrat an sauberen Leinentüchern hervor. Anna half Sergeant Atkins in der Zwischenzeit dabei, Juanas Röcke aus dem Weg zu bekommen. Wenn ihr heute Morgen irgendjemand gesagt hätte, dass sie so etwas für eine Frau tun würde, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, hätte sie ihn für verrückt gehalten. Aber man tat, was getan werden musste. So war das Leben bei der Armee.

„Es kommt, und wie“, sagte Sergeant Atkins. „Sehen Sie den Kopf?“

Sie wischte den Rest ihrer Scham beiseite und sah hin. „Es ist bald so weit, Juana“, sagte sie. „Und Ihr Kind ist nicht kahl.“

Juana schrie und der Kopf erschien langsam. Anna schlug das Herz bis zum Hals. Sie staunte, wie ruhig Sergeant Atkins war, als er den nassen, bläulichen Kopf mit seinen großen, geschickten Händen festhielt. Aber dann bemerkte sie, wie angespannt sein Kiefer war und wie die Muskeln hinter seinem Ohr zuckten. Er hatte genauso viel Angst wie sie – er konnte sie nur besser verbergen.

Nachdem Juana noch ein paarmal gepresst hatte, glitt das Kind in seine Hände. Sie warteten einen endlosen, atemlosen Moment, bis die Stille von einem gurgelnden Schrei durchbrochen wurde.

Sergeant Atkins sah mit offenem Mund den Säugling an, der sich in seinen Händen wand, und lachte laut auf. „Wir haben es geschafft.“

Anna musste vor Erleichterung ebenfalls lachen. „Das haben wir.“

„Junge oder Mädchen?“, fragte Juana zwischen zwei heftigen Atemzügen.

„Ein Mädchen“, sagte Sergeant Atkins.

„Ein wunderschönes Mädchen“, fügte Anna hinzu, und das war die Wahrheit. Trotz des knallroten Gesichts und des unförmigen Kopfes war das Kind wunderschön. Der Kopf würde schon bald wieder seine normale Form annehmen – der Sohn von Annas Cousine hatte schlimmer ausgesehen, aber aus ihm war ein schönes, hübsches Kind geworden.

„Ein Mädchen“, wiederholte Sergeant Reynolds. „Ich habe eine Tochter.“

Gracias a Dios“, sagte Juana. Sie sank zurück auf die Decke und Sergeant Reynolds kniete sich neben sie, sodass er ihren Kopf auf den Schoß nehmen konnte.

Was hatte die Hebamme nach der Geburt von Charlie getan? „Müssten wir nicht die Nabelschnur durchschneiden?“, fragte Anna.

Sergeant Atkins runzelte die Stirn. „Ich glaube schon.“

„Ich glaube, man muss sie zuerst abbinden“, fügte sie hinzu.

„Ja. Das habe ich auch gehört. Hier, Ma’am, halten Sie bitte die Kleine.“

Er wickelte das sich windende Wesen ohne Umschweife in einen Streifen Leintuch und legte es in ihre Arme. Sie zitterte vor Angst, es fallen zu lassen. Das kleine Ding schrie unruhig und sah mit ziellosem Blick in seinen dunklen Augen zu ihr auf, es war so stark und lebhaft für ein neugeborenes Leben. Sie würde niemals ein eigenes Kind so in den Armen halten, denn wenn sie zur Empfängnis in der Lage wäre, wäre es inzwischen mit Sicherheit dazu gekommen. Normalerweise hielt sie es für das Beste, wenn eine Ehe, die so unglücklich war wie ihre, keinen Nachwuchs hervorbrachte, aber sie konnte kein Kind in den Armen halten, ohne dass das Bedauern sie dabei schmerzte. Stille Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Mit verschleiertem Blick sah sie Sergeant Atkins dabei zu, wie er seine Hände mit Wasser aus seiner Feldflasche abspülte und in seinen Sachen nach einem Bindfaden suchte. Er sah seinen Freund an und zog dabei eine Augenbraue hoch. „Gib mir dein Schwert, Dan.“

Sergeant Reynolds grinste, zog die Klinge seines Bajonetts aus ihrer Scheide und reichte sie seinem Freund.

Als Sergeant Atkins auf sie zukam, um die Nabelschnur zu durchtrennen, sah er, dass Anna weinte. „Ist schon gut, Ma’am“, sagte er, „es ist vorbei.“

Sie schüttelte den Kopf, damit sie nicht anfing, noch heftiger zu weinen. Er verstand es nicht – wie sollte er auch? – und sie würde es ihm nicht erklären.

Er machte ein besorgtes Gesicht in seinen goldbraunen Augen lag grenzenloses Mitgefühl. Er strich ihr mit seiner freien Hand über die Wange, wischte ihre Tränen mit seinen schwieligen Fingern fort. Sie lehnte sich an seine Hand, nahm den Trost seiner Berührung an.

Die Begegnung währte nur eine oder zwei Sekunden, ehe sie sich beide abrupt voneinander lösten.

„Es – es tut mir leid, Ma’am.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht der Rede wert.“ Das war jetzt die einzige Möglichkeit – so zu tun, als ob nichts passiert war.

Er warf ihr einen erschrockenen Blick zu und machte sich ans Werk. Er musterte die Nabelschnur. „Ich habe schon einmal Brennholz mit einem Bajonett gemacht“, sagte er, „und man kann sehr gut ein Kaninchen aufspießen, um es zu braten, aber ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal für so etwas benutzen würde.“

Er redete hastig und Anna war sicher, dass er damit seinen Teil ihrer Verunsicherung und Verlegenheit überspielte. Entschlossen konzentrierte sie sich wieder auf das Kind. Es hatte sich beruhigt und betrachtete die Welt verwundert blinzelnd. Sobald die Nabelschnur durchtrennt war, musste Anna eine Möglichkeit finden, die Kleine zu waschen und sie ihrer Mutter zu geben, damit die sie stillen konnte. In einer der Feldflaschen musste noch Wasser übrig sein.

„So.“ Nachdem seine Aufgabe erfüllt war, richtete Sergeant Atkins sich auf.

Anna hörte es am Rand des Wäldchens rascheln und Beatriz kam endlich wieder angeritten, gefolgt von Helen und ihrem Dienstmädchen María auf ihren eigenen Eseln.

„Ich sehe schon, ich komme zu spät“, sagte Helen. „Aber es sieht so aus, als ob Sie zurechtgekommen wären. Ist die Nachgeburt schon gekommen?“

Anna schüttelte den Kopf. Daraufhin schoben Helen und María sie und Sergeant Atkins zur Seite und übernahmen Mutter und Kind.

„Ich konnte es kaum glauben, als Beatriz zu uns gekommen ist“, sagte Helen, während sie das Kind in Augenschein nahm. „Unsere Anna hilft bei einer Entbindung.“

„Eigentlich war es Sergeant Atkins, der das getan hat“, sagte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Ohne Ihre Hilfe hätte ich es nie geschafft, Ma’am.“

Das bezweifelte sie. Sie hoffte nur, dass sie nicht mehr Schaden als Nutzen angerichtet hatte, indem sie Sebastians Zorn auf sie gezogen hatte.

„Hat sie gerade gesagt, dass Ihr Vorname Anna ist, Señora?“, fragte Juana.

„Ja.“

„Dann nennen wir die Kleine Anna – Anita.“ Sie sah Sergeant Reynolds fragend an, und der nickte.

Anna lächelte über die Ehre, die ihr zuteilwurde, aber es amüsierte sie auch, sich vorzustellen, wie entsetzt Sebastian wäre, wenn er jemals etwas davon erfuhr.

Sie und Sergeant Atkins waren überflüssig, als Helen und María sich daran machten, die Nachgeburt zu entbinden und den Säugling zu baden und zu wickeln.

Sie standen ein Stück von den anderen entfernt und hielten sorgfältig den korrekten Abstand voneinander ein. Er schlüpfte wieder in seine Jacke, knöpfte sie aber nicht zu.

„Ende gut, alles gut“, sagte er.

„Ja, sie ist ein wunderschönes Kind.“

Er lächelte schief. „Ich glaube, sie sieht Juana ähnlicher als Dan, was ein Segen ist.“

Ehe sie etwas erwidern konnte, hörte sie, wie ein Pferd in das Wäldchen kam. O nein. Nicht schon wieder Sebastian.

Doch dies hier war ein kleinerer, dunkelhaariger Mann auf einem Apfelschimmel. Cousin Alec. Sollte er nicht mit Sebastian auf Patrouille sein?

„Na so was, mein Lieber“, sagte Helen. „Hast du nach mir gesucht?“

Er schüttelte den Kopf und saß ab. „Eigentlich nicht“, sagte er. „Ich bin hier, um Sie alle – vor allem Anna – zu holen. Unsere Unterkunft ist bereit und – nun ja, ich meine, du solltest dich so schnell wie möglich dort hinbegeben. Es ist wegen Sebastian und …“

Annas Herz hämmerte wie wild und sie machte einen Schritt nach vorn – weg von Sergeant Atkins und seiner robusten, schützenden Gestalt. „Ist er verwundet?“ Sie staunte selbst darüber, wie fest ihre Stimme klang. Ein Teil von ihr hoffte, dass Alec sagen würde, dass sie einen Zusammenstoß mit einer französischen Patrouille gehabt hatten und Sebastian tot war, obwohl sie sich selbst dafür verachtete, dass sie bereit war, das Leben ihres Ehemannes als Preis für ihre Freiheit zu bezahlen.

Alec schüttelte den Kopf und trat auf sie zu, um ihren Ellenbogen zu nehmen. „Nein, Mädchen, ganz und gar nicht“, sagte er mit leiser Stimme. „Die Patrouille war die gewöhnlichste und langweiligste aller Zeiten. Aber Sebastian hat nichts anderes getan, als sich über das hier zu beklagen …“ Er machte eine ausladende Handbewegung, mit der er sowohl das Wäldchen als auch die Sergeants und die frischgebackene Mutter und den Säugling meinte. „… und nach den Drohungen zu urteilen, die er ausgestoßen hat, wäre es gut, vor allem für die Leute hier, wenn du dich hier nicht länger aufhalten würdest.“

Sie seufzte. „Also gut.“

„Ich habe ihm fürs Erste befohlen zurückzubleiben, aber er hat gebrummelt, dass ich nicht der kommandierende Offizier seiner Ehe bin und ihm niemand befehlen kann, uns hinterherzureiten. Mir gefällt das alles nicht, aber ich will nicht, dass es Ärger zwischen den Regimentern gibt.“

„Verstehe. Also dann sollten wir uns lieber beeilen.“ Sie trat ein paar Schritte zurück und klopfte ihre staubigen Röcke ab.

„Anna.“ Alec war erschöpft und mit Staub bedeckt und seine dunkelblauen Augen wirkten besorgt.

„Ja?“

„Wir lassen nicht zu, dass er dir etwas antut.“

„Oh, er wird mir nichts antun.“ Wenn ihre Unnachgiebigkeit wegen Beatriz ihn nicht dazu verleitet hatte, sie zu schlagen, würde es erst recht nicht wegen einer Kleinigkeit wie ihrer Hilfe für eine Gebärende dazu kommen. „Aber ich lasse nicht zu, dass sie darunter leiden müssen.“

Sie warf entschlossen den Kopf zur Seite und drehte sich nach Sergeant Atkins um, der wahrscheinlich fast alles mitangehört hatte. „Wir müssen uns auf den Weg machen“, sagte sie, „aber ich möchte, dass Juana für heute Abend meinen Esel bekommt. Sie sollte noch nicht so weit laufen und Helen oder ich können bei Alec mitreiten. Sie können ihn morgen früh zur Offiziersunterkunft des Sechzehnten schicken, aber es wäre vielleicht das Beste, wenn Sie oder Sergeant Reynolds nicht selbst kommen würden.“

Er runzelte die Stirn. „Machen Sie sich unseretwegen keine Umstände, Ma’am.“

„Ich kann nicht anders.“

„Das ist nicht nötig. Und vielen Dank für den Esel. Das ist sehr gütig von Ihnen … und ich werde ihn morgen früh selbst zurückbringen. Ich will Ihnen keine Schwierigkeiten machen, aber …“

Er verkniff sich, was auch immer er noch sagen wollte, und sie schüttelte heftig den Kopf. „Machen Sie sich meinetwegen keine Umstände, Sergeant.“

„Ich kann nicht anders.“ Seine Stimme war kaum lauter als ein Flüstern.

Ihre Blicke trafen sich und sie sahen einander für einen langen Moment an. Anna würde ihn niemals wiedersehen, würde nie erfahren, wie es Juana und dem Kind, das ihren Namen trug, ergangen war, aber so musste es sein. Sie hatte selbst genug unter Sebastian und ihrer missglückten Ehe zu leiden und würde nicht zulassen, dass das Unglück weitere Kreise zog. „Auf Wiedersehen, Sergeant“, sagte sie.

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und machte sich eilig auf den Weg.

2. KAPITEL

Sobald Mrs. Arrington, ihre Verwandten und Dienstboten fort waren, packten Will und Dan ihre Ausrüstung zusammen und setzten Juana mit dem Säugling auf den Esel. Will sprach kaum ein Wort mit den anderen, während sie sich langsam auf den Weg zum Lager ihres Regiments machten. Seine Freunde waren wie gebannt von ihrer neugeborenen Tochter und hatten auch jedes Recht dazu. Will für seinen Teil machte sich noch immer Gedanken über Mrs. Arrington. Sie war gefangen in der Ehe zu diesem Unmenschen – und Will wollte sich nicht auf die Beteuerungen ihres Cousins verlassen, dass sie nicht zulassen würden, dass ihr Mann ihr etwas antat. Wenn die Verwandtschaft so darauf aus war, sie zu beschützen, hätte sie nicht darauf gedrängt, dass sie mit zu Captain Arrington kam, obwohl er so schlecht gelaunt war, dass er auf der Suche nach jemandem war, an dem er seine Wut auslassen konnte.

Sie stellten fest, dass die Artillerie ihr Lager in einem Olivenhain auf der anderen Seite des Dorfes aufgeschlagen hatte, das für heute Nacht zum Hauptquartier der Armee erklärt worden war. Als sie dort ankamen, scharten sich Soldaten um sie, um den Säugling zu bestaunen. Will entfernte sich von den anderen und machte sich auf die Suche nach einem Platz im Schatten, an dem er sich ausruhen konnte. Die Männer hatten sich verteilt, sie dösten unter Bäumen, säuberten ihre Ausrüstung, flickten ihre Hemden – die üblichen Tätigkeiten von Soldaten, die sich ausruhen konnten. Einige hatten Zelte aus ihren Decken aufgeschlagen, aber die meisten würden unter dem Sternenhimmel schlafen. Im Juni war das nicht hart.

Während Will sich umsah, hörte er seinen Captain seinen Namen rufen. Er entdeckte Captain Matheson, der zusammen mit dem frischgebackenen Offizier der Kompanie auf einem Klappstuhl neben dem dazugehörigen Tisch vor seinem Zelt saß. Lieutenant Montmorency war vor nicht einmal vierzehn Tagen zu ihrem Regiment gestoßen und noch keinen Einsatz in einer Schlacht gehabt.

Will schlenderte zu ihnen hinüber und salutierte vor den beiden Offizieren. Captain Matheson, ein sehniger blonder Mann mit einem irreführend sanften Gesicht, zeigte auf einen dritten Stuhl. „Bitte, setzen Sie sich, Atkins. Und trinken Sie einen Kaffee mit uns.“

Will war so rastlos, dass er keine Lust hatte, sich hinzusetzen und Kaffee zu trinken. Also nahm er sich einen Stuhl, seufzte tief und streckte die Beine aus, so gut er konnte.

„Schenken Sie dem Sergeant Kaffee ein, Lieutenant“, sagte Matheson.

Montmorency blinzelte und runzelte die Stirn, als ob er es unter seiner Würde fand, einem einfachen Soldaten auch nur den kleinsten Dienst zu tun. Aber er hatte den Befehl bekommen, Kaffee zu servieren, genau wie Will den Befehl bekommen hatte, ihn zu trinken, also schenkte er das dampfende Gebräu aus einer Blechkanne in eine Blechtasse, die er Will reichte, und schwieg.

Will dankte ihm höflich und trank vorsichtig einen Schluck. Er war stark. Captain Matheson war zwar kein wohlhabender Mann, aber er konnte sich luxuriöse Kleinigkeiten leisten, die ihm das Leben als Offizier angenehmer machten. Er besaß ein geräumiges Zelt, diesen Tisch und diese Stühle, ein gutes Pferd – und so viel Kaffee, dass er ihn nicht zu dünn kochen musste.

Montmorency hingegen schien nicht reicher als Will zu sein. Er war nicht mit teurer, unpraktischer Ausrüstung beladen gewesen, als er sich dem Regiment angeschlossen hatte; er besaß nur ein kleines Zelt und er marschierte mit den anderen Männern zu Fuß.

Captain Matheson räusperte sich. „Die Geburt ist gut verlaufen, habe ich gehört?“

Will nickte und trank einen weiteren Schluck Kaffee. „Ja, Sir. Ein gesundes Mädchen.“

„Es freut mich, das zu hören. Vielleicht werden Sie eine männliche Hebamme, wenn der Krieg vorbei ist.“

Will grinste. „William Atkins, Accoucheur. Das klingt doch gut.“

Accoucheur.“ Montmorency verbesserte seine Aussprache. Offenbar musste das „ch“ wie ein „sch“ klingen.

Will sah zu Matheson hinüber, der die Augen zusammenkniff, aber er hatte es nicht nötig, dass der Captain ihn vor einem Lieutenant in Schutz nahm, der noch grün hinter den Ohren war. „Das ist das Schlimmste daran, wenn man ein belesener Mensch ist, Sir“, sagte er gelassen. „Man lernt Worte, ohne sie jemals laut ausgesprochen zu hören und manchmal liegt man falsch.“

„Sie sind ein belesener Mann, Sergeant?“ Der Lieutenant riss die rehbraunen Augen auf.

„Alle unsere Unteroffiziere können lesen, Lieutenant. Das sollten Sie inzwischen wissen.“ Captain Matheson lehnte sich zurück, ohne mit seiner Zurückweisung hinterm Berg zu halten.

Montmorency wurde rot. „Ich habe es nicht vergessen, Sir. Aber lesen zu können ist nicht dasselbe, wie belesen zu sein, nicht wahr?“

„Das ist wahr“, räumte der Captain ein. „Aber der gute Atkins ist mindestens so belesen wie die meisten Offiziere. Das hat er einigen voraus, die ich Ihnen nennen könnte.“

„In der englischen Literatur vielleicht, Sir“, sagte Will. „Ich beherrsche weder Griechisch noch Latein und nur so viel Französisch, wie man braucht, um ihre Kapitulation anzunehmen.“

„Atkins hat viele Talente“, sagte Matheson. „Zu denen jetzt auch Geburtshilfe gehört.“

Will lächelte, während er einen weiteren Schluck von dem Kaffee trank, der inzwischen zumindest so weit abgekühlt war, dass er sich nicht mehr die Zunge verbrannte. „Das würde ich nicht sagen, Sir. Ich war nicht allein – zwei Damen vom Sechzehnten und ihre Dienstmädchen haben mir geholfen. Ich würde annehmen, dass Sie die beiden kennen, sie stammen aus Schottland. Mrs. Arrington und Mrs. Gordon.“

Captain Matheson lachte. „Ich kenne die zwei, aye, aber Sie irren sich, Sergeant. Helen Gordon ist eine Engländerin, die klug genug war, einen Schotten zu heiraten, und Anna Arrington ist eine Highlanderin, die so dumm war, einen Engländer zu heiraten. Ich möchte damit natürlich niemanden der Anwesenden beleidigen.“ Seine blauen Augen funkelten, als er den beiden Engländern zunickte.

„Der Engländer, den sie geheiratet hat, ist ein Narr, so viel ist sicher“, sagte Will.

„Ach, Sie haben Captain Arrington kennengelernt.“

„Allerdings.“ Wenn Lieutenant Montmorency nicht dabei gewesen wäre, hätte er es war mir kein Vergnügen hinzugefügt, aber jetzt schilderte er in möglichst neutralem Tonfall, wie Arrington versucht hatte, Mrs. Arrington und Juana über den Haufen zu reiten, und wie Will versucht hatte, die beiden davor zu bewahren.

Captain Matheson hörte in aller Ruhe zu, dann wandte er sich an den jungen Lieutenant. „Was halten Sie davon, Montmorency?“

Der Lieutenant riss die Augen auf, als ob er der Frage lieber ausgewichen wäre, aber er antwortete bereitwillig. „Nun ja, niemand hatte das Recht auf seiner Seite. Der andere Captain hätte die Damen nicht bedrohen dürfen, aber das rechtfertigt keine Insubordination.“

„Tut es das nicht? Wenn Sie einem übergeordneten Offizier begegnen würden, der dabei ist, einen Mord zu begehen, wäre es dann eine Insubordination, ihn davon abzuhalten?“

„Ich … ich denke nicht.“

„Ganz genau. Sie haben sich richtig verhalten, Sergeant, und wenn er zu mir kommen sollte, werde ich ihm klarmachen, was ich von einem Mann halte, der einen anderen Mann auspeitschen lassen will, weil er eine Dame beschützen wollte. Auf jeden Fall werden Sie bald meilenweit außerhalb seiner Reichweite sein.“

„Sir?“ Will wusste nichts von bevorstehenden Truppenbewegungen, die das Fünfundneunzigste vom Sechzehnten getrennt hätten.

„Ein Geleiteinsatz, es tut mir leid“, sagte Captain Matheson. „In einer Woche ungefähr wird sich ein Konvoi mit Verwundeten auf den Weg nach Lissabon machen und unsere Kompanie wird ihn begleiten. Ich werde nicht dabei sein – ich bin zu General Craufurds Stab abkommandiert worden, bis Sie zurückkommen. O’Brian führt das Kommando. Es ist eine langweilige Aufgabe, aber es könnte eine gute Gelegenheit für Sie sein, Montmorency. Nehmen Sie sich ein Beispiel an O’Brian und den Sergeants, dabei können Sie eine Menge lernen.“

„Ja, Sir“, sagte Montmorency.

Will unterdrückte ein Seufzen. Ein Geleiteinsatz war todlangweilig und mit einem neuen Offizier, der noch zu lernen hatte, war es noch schlimmer. Aber vielleicht würde er akzeptieren, dass er nichts für Mrs. Arrington tun konnte und aufhören, sich über ihr Schicksal Gedanken zu machen, wenn er erst auf halbem Wege nach Lissabon war.

„Ach, Atkins“, sagte der Captain, „ich hatte gehofft, dass Sie vielleicht ein paar Dinge für mich erledigen könnten, wenn Sie in Lissabon sind.“

„Selbstverständlich, Sir.“

Captain Matheson beugte sich vor und griff in eine Umhängetasche, die zu seinen Füßen stand. Er holte ein dünnes Buch hervor und hielt es Will hin. „Vielleicht macht Ihnen das die Langeweile unterwegs ein wenig erträglicher.“

Will nahm das Buch und schlug es auf. „Shakespeares Sonette“, las er. „Vielen Dank, Sir.“

„Ich dachte, ich sollte Ihnen etwas Erbauliches ausleihen, um das letzte Buch wiedergutzumachen.“

Will grinste. Er und Captain Matheson waren so gute Freunde, wie es bei ihrem Rangunterschied möglich war, vor allem wegen ihres gemeinsamen Interesses an Büchern, ganz gleich, wie groß oder klein ihr Anspruch war. „Ganz im Gegenteil, Sir“, sagte er, „ich fand Aristoteles Meisterwerk ausgesprochen lehrreich.“

Montmorency runzelte die Stirn. „Aristoteles? Aber ich dachte, Sie lesen kein Griechisch.“

„Oh, es ist auf Englisch, Sir.“ Will machte ein möglichst neutrales Gesicht. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr ihn die Unwissenheit des Jungen nach der Sache mit dem „Accoucheur“ freute.

„Und wenn es darin in irgendeiner Weise um Aristoteles geht, fresse ich einen Besen“, fügte Captain Matheson trocken hinzu. Angesichts Montmorencys fortgesetzten Staunens erklärte er kurz: „Das Buch ist ein Handbuch, in dem es, unter anderem, um die intimsten Dinge zwischen Mann und Frau geht.“

„Einiges davon hat sogar durchaus Bestand“, fügte Will hinzu. „Allerdings glaube ich kaum, dass eine Ehebrecherin die Beweise für ihr Vergehen verschwinden lassen kann, indem sie sich im entscheidenden Augenblick das Gesicht und die Gestalt ihres Ehemannes vorstellt, sodass das Kind, das dabei gezeugt wird, dem Ehemann ähnlich sieht und nicht dem Liebhaber.“

„Das ist lächerlich“, stimmte Matheson ihm zu. „Und wenn die fragliche Dame in solchen Momenten an ihren Ehemann denken wollte, würde sie ihm doch keine Hörner aufsetzen, nicht wahr?“

Will und der Captain lachten, während Montmorency sparsam lächelte. Der Junge war viel zu ernst. Wenn er in der Armee überleben wollte, musste er lernen, ordentlich zu lachen.

„Sie sollten in die Messe gehen, Atkins“, sagte der Captain. „Bailey hat einen Hasen geschossen und ihn Juana zu Ehren den Sergeants überlassen. Sie wollen sich doch Ihren Anteil nicht entgehen lassen.“

Er stellte den halb ausgetrunkenen Kaffee ab. „Nein, ganz bestimmt nicht. Das wird ein Festessen.“

George Montmorency blieb wieder einmal allein zurück. Nachdem Atkins gegangen war, hatte Captain Matheson George ebenfalls entlassen. Jetzt wanderte er ziellos am Rande des Olivenhains entlang und versuchte, mit niemandem Blickkontakt aufzunehmen, bis es Zeit für das Abendessen in der Offiziersmesse war. Er wäre lieber zu Hause gewesen. Er hatte sich nie eine militärische Laufbahn gewünscht und mit zweiundzwanzig fühlte er sich so viel zu alt, um eine anzufangen, dass es lächerlich war. Viele der anderen Lieutenants und Fähnriche waren noch Kinder. Und wenn er sich das Regiment hätte aussuchen können, wäre er niemals zur Artillerie gegangen. Man respektierte sie für ihren Wagemut auf dem Schlachtfeld, aber George wäre ein kultivierteres Regiment lieber gewesen. Doch seiner Mutter und seinen Schwestern zuliebe musste er schnell aufsteigen. Und der einfachste Weg, um das zu erreichen, war, sich einem Regiment anzuschließen, das oft in Kampfhandlungen verwickelt war und zu hoffen, dass man das Glück hatte, einen durch eine Schlacht frei gewordenen Posten besetzen zu können, anstatt selbst einen frei zu machen.

George beschloss, zum Abendessen ein frisches Hemd anzuziehen und kroch in sein Zelt. Er stellte fest, dass er nur noch ein sauberes Hemd übrig hatte, und runzelte die Stirn. Normalerweise brachte er seine Wäsche zu Juana Martínez, aber das war nicht möglich, nachdem sie gerade heute ein Kind bekommen hatte. Wie lange brauchten Frauen, um sich davon zu erholen? Vielleicht brauchte eine Frau, die am Straßenrand ein Kind auf die Welt gebracht hatte und es kurz vor Sonnenuntergang zurück ins Zeltlager geschafft hatte, eine Pause von ihren normalen Aufgaben. Er würde Lieutenant O’Brian beim Essen danach fragen.

Es wäre George lieber gewesen, wenn die Artillerie einen Platz im Dorf zugewiesen bekommen hätte, in dem sich das Zentrum des Heereslagers befand. Dann hätte man die Offiziere in einem Haus untergebracht. Er hasste es, in seinem schäbigen Zelt zu schlafen, das kaum besser war als die improvisierten Unterstände der Soldaten, aber er konnte sich weder ein besseres Zelt noch ein Pferd leisten. Er war der einzige Offizier der dritten Kompanie, der mit den einfachen Soldaten marschieren musste. Selbst der grobschlächtige, wenig kultivierte Lieutenant O’Brian hatte ein stämmiges kleines spanisches Pferd.

Doch George musste sich mit allem abfinden, um Mama und seine lieben Schwestern vor Armut und Entehrung zu bewahren. Es wäre ihm nur lieber gewesen, wenn er das auf irgendeinem anderen Wege, als bei der Armee hätte bewerkstelligen können. Er hatte gar nicht einmal Angst vor Schlachten. Aber er verabscheute das Lagerleben aus tiefster Seele, das Marschieren in Staub und Hitze, das Schlafen unter freiem Himmel und das Kaffeetrinken mit einem Mann, den er in England nicht einmal eines Blickes gewürdigt hätte.

Dan tauchte neben Will auf, ehe er die Messe der Sergeants gefunden hatte.

„Wo ist Juana?“, fragte Will.

„Im Schatten des besten Baumes im ganzen Lager, wo sie ...

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