Bianca Extra Band 165

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

BAD BOY, COWBOY – EHEMANN? von CHRISTINE RIMMER

Kaum ist Hayes Parker zurück in Montana, um die elterliche Ranch zu übernehmen, läuft ihm die wunderschöne Chrissy über den Weg. Damals glaubte sie nicht an eine gemeinsame Zukunft mit ihm, dem unzuverlässigen Bad Boy. Kann er sie jetzt davon überzeugen, dass er sich verändert hat?

SEHNSUCHT IST MEHR ALS EIN WORT von STELLA BAGWELL

Um ihre Mutter im fernen Idaho zu pflegen, machte Olivia mit Clancy Schluss. Er sollte frei sein. Jetzt kehrt sie nach Carson City zurück, und ein Wiedersehen mit Clancy bricht ihr fast das Herz. Denn statt Hoffnung oder Liebe sieht sie in seinem Blick nur tiefes Misstrauen …

ALOHA, GROSSE LIEBE! von LOIS RICHER

Kinderärztin GloryAnn Cranbrook braucht unbedingt die Hilfe des attraktiven Chefarztes Jared Steele! Einst gründete er aus Mitgefühl die Klinik auf Hawaii, nun verweigert er ihrem kleinen Patienten Bennie eine lebensrettende Therapie. Wie kann GloryAnn nur sein Herz erweichen?

DER HEIMLICHE PLAN DER SCHÖNEN FREMDEN von JUDY DUARTE

Sie ist perfekt als Hostess für seine Weinverkostungen! Carlo Mendoza ist begeistert von der attraktiven Blondine. Spontan stellt er Schuyler Fortunado ein, und bald schon knistert es zwischen ihnen! Carlo ahnt nicht, welchen Plan Schuyler insgeheim verfolgt …


  • Erscheinungstag 22.08.2026
  • Bandnummer 165
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538381
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christine Rimmer, Stella Bagwell, Lois Richer, Judy Duarte

BIANCA EXTRA BAND 165

Christine Rimmer

1. KAPITEL

An seinem letzten Tag auf der Tenacity High School hatte Hayes Parker die Road Ranch verlassen und sich geschworen, nie mehr zurückzukommen. Fünfzehn Jahre lang hatte Hayes sich an seinen Schwur gehalten.

Aber man sollte niemals nie sagen.

Kurz nach seinem dreiunddreißigsten Geburtstag erhielt er einen Anruf von Braden. Sein älterer Bruder kam sofort zur Sache.

„Die Ranch steckt in großen Schwierigkeiten. Dad geht es ziemlich schlecht; er brüllt nur noch herum und erteilt Befehle. Der Mann ist zu keinem vernünftigen Gespräch mehr fähig. Es ist unerträglich in seiner Nähe.“

Das war eigentlich nichts Neues, aber Hayes verzichtete auf einen sarkastischen Kommentar.

Braden war noch nicht fertig. „Miles ist bei der Armee und nicht abkömmlich.“ Miles war der jüngste der drei Brüder. „Und was Rylee angeht – sie hat sich in Bronco verlobt und kann wegen ihres Jobs nicht kommen.“ Bronco, hundert Meilen von Tenacity entfernt, war größer, grüner und wohlhabender.

Sofort hatte Hayes Gewissensbisse. Rylee, seine einzige Schwester, war die Jüngste der vier. Hayes hatte kaum noch Kontakt zu ihr. „Sie ist verlobt?“

„Ja. Mit Shep Dalton.“

„Wow.“ Rylee und Shep waren seit der Schulzeit befreundet. „Wie die Zeit vergeht …“

„Und deshalb hat Rylee überhaupt keine Zeit, sich um Dad zu kümmern, ganz zu schweigen davon, die Ranch zu retten.“

Hayes hatte zwar vollstes Verständnis dafür, allerdings nicht die Absicht, nach Tenacity zu kommen und den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

„Und ich habe die Schnauze voll“, fuhr Braden düster fort. „Ich bin raus. Ich habe das lange genug mitgemacht. Aber jetzt ist Schluss.“

Hayes wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

„Hayes? Bist du noch da?“

„Ja, und ich hab’s verstanden. Ich wünsch dir alles Gute. Aber ich werde nicht nach Hause kommen und mich mit Dad herumschlagen. Ich habe einen Schlussstrich gezogen, als ich achtzehn war. Das weißt du doch.“

Ein langes Schweigen entstand. Jeder hatte Verständnis für den anderen.

„Nicht mal, um die Ranch zu retten?“, fragte Braden schließlich. Er klang frustriert.

Hayes war innerlich zerrissen. Mit der Ranch verband ihn eine Hassliebe. Selbst nach fünfzehn Jahre waren diese Gefühle noch da. Die Verletzungen. Der Frust. Das Wissen, dass er weggemusst hatte, um überleben zu können. „Mhm“, sagte er schließlich. „Ich komme nicht zurück. Auf keinen Fall.“

Braden seufzte. „Verstehe.“

„Tut mir leid, Bruder.“

„Es war einen Versuch wert. Pass auf dich auf.“

„Sag mir, wie es mit dir weitergeht.“

„Mach ich.“ Braden verabschiedete sich.

Hayes legte den Hörer auf, entschlossen, nicht nachzugeben. Die Vorstellung, dass die Familie die Ranch verlieren könnte, machte ihm schon zu schaffen. Er wollte zwar nie wieder dorthin zurück. Das änderte jedoch nichts an seinen Gefühlen für die Ranch. Sie gehörte den Parkers. Und so sollte es verdammt noch mal bleiben, egal, ob Hayes noch einmal einen Fuß dorthin setzte.

Er versuchte, nicht länger darüber nachzugrübeln.

Aber der Gedanke an sein Zuhause ließ ihn während der nächsten Zeit nicht los. Alles war doch nicht so schlecht gewesen. Er hatte dort seine erste Liebe gefunden – und leider auch verloren.

Er hatte geheiratet – und wieder verloren. Seine Frau war wenige Jahre nach der Hochzeit gestorben. Und obwohl er Anna aus ganzem Herzen geliebt hatte, war ihm Chrissy Hastings, seine Freundin aus der Highschool, nie aus dem Kopf gegangen. Immer mal wieder hatte er an ihr langes, braunes Haar und ihre braunen Augen denken müssen, an ihr ansteckendes Lachen, ihr liebes Wesen. Chrissy zu verlieren war ein schmerzhafter Einschnitt gewesen. Aber er hatte es überlebt – irgendwie.

Fünfzehn Jahre lang hatte er auf diversen Ranchen gearbeitet und genügend Erfahrung gesammelt und Geld gespart, um Land zu erwerben und eine eigene Ranch zu betreiben. Er dachte nicht im Traum daran, seinen Vater zu unterstützen, der kein Hehl daraus gemacht hatte, dass er nicht viel von seinem Sohn hielt.

Als ein paar Tage später seine Mutter anrief, dachte er kurz daran, den Anruf zu ignorieren. In letzter Zeit hatte er nur wenig mit ihr gesprochen, denn jedes Gespräch mit ihr erinnerte ihn an das Zuhause, das er zurückgelassen hatte.

Er vermisste seine Mutter. Sie hatte stets Verständnis für ihn gehabt. Und es versetzte ihm jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn er den Kummer in ihrer Stimme hörte.

Dieses Mal konnte er jedoch nicht anders – er ging ans Telefon. „Hallo, Mom.“

Norma stieß einen Seufzer aus. „Hayes. Schön, deine Stimme zu hören.“

Er schluckte. „Wie geht es dir?“

„Mir geht’s gut, Schatz.“ Sie schwieg kurz. „Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden …“

„Was gibt’s denn?“

„Dein Vater ist ziemlich krank. Ziemlich lange schon.“

Krank? Unmöglich? Lionel Parker war viel zu dickköpfig, um krank zu werden. „Was hat er denn?“

„Wir wissen es nicht. Seit Monaten hat er schlimme Bauchschmerzen mit Fieber, und sein Magen ist aufgedunsen. In den letzten Tagen ist es immer schlimmer geworden.“

„Was sagt der Arzt?“

„Er weigert sich, zum Arzt zu gehen.“

Hayes rieb sich über die Stirn. Natürlich weigerte er sich, die Ursache seines Leidens herauszufinden. Lionel Parker wurde nicht krank. Krankheiten würden nur beweisen, dass er ein Mensch war wie jeder andere.

„Er behauptet, es wird schon wieder“, fuhr seine Mutter fort, „und dass wir es uns nicht leisten können, Geld an die Ärzte zu verschwenden. Und es ist tatsächlich so, Schatz – wir sind bankrott.“ Sie zögerte kurz. „Wir haben die Ranch noch nicht verloren, aber das könnte passieren, wenn sich nichts ändert.“ Ihre Worte bestätigten nur, was Braden ihm Wochen zuvor berichtet hatte. Und als ob sie seine Gedanken lesen könnte, fügte sie hinzu: „Braden hat seine Sachen gepackt und ist gegangen.“

„Ich weiß, Mom. Er hat es mir gesagt. Habt ihr denn wenigstens jemanden angestellt, der euch hilft?“

Ihr Schweigen war Antwort genug.

„Stimmt“, murmelte er. „Du hast ja gesagt, dass ihr pleite seid.“

„Rylee hat angeboten, sich beurlauben zu lassen. Aber ich will sie nicht bitten, ihren Job als Marketing-Direktorin aufzugeben. Sie hat hart gearbeitet, um dorthin zu kommen.“

„Verstehe.“

„Weißt du schon, dass sie heiratet?“

„Shep Dalton, ja. Auch das hat mir Braden erzählt. Ich freue mich für sie.“

Und dann stellte seine Mutter ihm die Frage, die er befürchtet hatte. „Glaubst du, du könntest eine Weile nach Hause kommen?“ Hayes konnte hören, wie sehr sie sich bemühte, ihre Tränen zurückzuhalten.

Das gab ihm den Rest. Er wurde weich. „Okay, Mom. Ich komme morgen.“

Jetzt begann sie doch zu weinen.

Er versuchte sie zu trösten und versicherte ihr, dass alles gut werden würde. Und dabei fragte er sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Früh am nächsten Morgen fuhr Hayes los. Die Fahrt nach Tenacity dauerte etwa sieben Stunden. Doch bevor er sein Ziel erreichte, steuerte er den einzigen Gasthof weit und breit an, den Tenacity Inn. Zum einen, weil er eine Pause brauchte. Zum anderen, weil er sich noch nicht bereit fühlte für ein Wiedersehen. Und weil er einen Platz brauchte, falls sein Dad ihn wahnsinnig machte und er es zu Hause nicht aushielt.

Er betrat den Gasthof und steuerte die Rezeption an. Der Tenacity Inn war nichts Besonderes, aber er wirkte sauber und einladend. Es gab zwar ein Zimmer, doch das könne er erst ab drei Uhr beziehen, wie ihm die Rezeptionistin mitteilte.

Als ihm die junge Frau den Zimmerschlüssel reichte, hörte er hinter sich einen erstaunten Ausruf – und erkannte die Stimme sofort, ohne sich umzudrehen. „Hayes?“, fragte die Frau hinter ihm ungläubig. „Bist du’s wirklich?“

Er war gerade ein paar Minuten in der Stadt. Und schon hatte ihn die Vergangenheit eingeholt.

Er drehte sich um.

Verdammt! Sie sah toll aus. Wunderschön wie immer, aber nicht dasselbe Mädchen, das er einmal gekannt hatte. Jetzt war sie eine Frau.

Ihr Gesicht war etwas schmaler, was ihre Wangenknochen mehr betonte. Das braune Haar hatte sie zu einem Knoten gebunden. Ihre Augen waren noch immer so, wie er sie in Erinnerung hatte – tiefbraun um die Iris, umkränzt von einem bernsteinfarbenen Ring. Er bemerkte eine gewisse Traurigkeit in ihrem Blick – aber auch Stolz und Entschlossenheit.

„Chrissy“, sagte er leise. Seine Stimme klang rau.

Ihre vollen, weichen Lippen waren vor Überraschung ein wenig geöffnet. „Was machst du denn hier?“

Er brauchte eine Weile mit der Antwort, weil er sich erst von seinem Schock erholen musste. Schlimm genug, dass er nach mehr als fünfzehn Jahren versuchen musste, mit seinem Vater zurechtzukommen. Aber Chrissy …

Es war wie ein weiterer Schlag in die Magengrube.

„Mein Vater ist krank, und es gibt niemanden, der ihn unterstützt. Man könnte sagen, ich habe den kürzeren Strohhalm gezogen. Und was ist mit dir?“

„Ich bin Managerin fürs Catering hier im Hotel.“

„Ich habe gehört, du hast geheiratet?“ Er klang so beiläufig wie möglich.

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich bin geschieden.“

Das hatte er nicht gewusst. „Das tut mir leid.“

„Danke“, erwiderte sie steif. Himmel, ist das peinlich, dachte er. Dann fragte sie: „Und wie geht’s dir?“

Er beschloss, aufrichtig zu sein. „Ich war verheiratet. Meine Frau ist gestorben.“

Ihre großen Augen glänzten. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Ach, Hayes. Das ist ja schrecklich …“

Toll gemacht, Parker, dachte er. Er hatte wirklich ein Talent entwickelt, Frauen zum Weinen zu bringen – gestern seine Mutter. Heute seine erste Liebe.

Sie schnüffelte leise und schaute aus dem Fenster. Dabei musterte er sie durchdringend. Er konnte nicht anders.

Sie hatte ein Tattoo in zierlicher Schrift auf ihrem linken Unterarm. Sei kühn. Sei aufrichtig. Sei frei.

Die Tätowierung überraschte ihn. Die Chrissy, die er kannte, war nicht der Typ für Tattoos. Überhaupt überraschte ihn eine Menge – warum sie es überhaupt hatte und warum sie geschieden war.

Von gemeinsamen Freunden wusste er, dass sie ein Studium der Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Hotelgewerbe abgeschlossen hatte, einen erfolgreichen Steuerberater geheiratet hatte und nach Wonderstone Ridge gezogen war, eine Stadt in der Nähe von Bronco.

War sie wegen der Scheidung in ihre Heimatstadt zurückgekehrt?

Aber das ging ihn schließlich nichts an.

„Nun ja.“ Sie sah ihn an und lächelte flüchtig. „Ich muss zurück an die Arbeit …“

„Schön, dich gesehen zu haben, Chrissy.“ Es war nicht wirklich eine Lüge.

„Finde ich auch.“ Ihr Lächeln erstarb. „Alles Gute, Hayes.“

„Danke.“ Er setzte den Hut auf und wandte sich zur Tür. Chrissy machte keine Anstalten, ihn zurückzuhalten.

Als er in den sonnendurchfluteten Augustnachmittag hinaustrat, sagte er sich, dass er ihr früher oder später ohnehin über den Weg gelaufen wäre. Nur gut, dass es jetzt schon passiert war. Doch das Herz hämmerte ihm noch eine ganze Weile wie wild in seiner Brust.

Auf der Ranch war die Lage genauso schlimm, wie er erwartet hatte.

Das schmiedeeiserne Namensschild war auf einer Seite aus der Verankerung gerissen. Sowohl das Wohnhaus als auch die Scheune brauchten dringend einen Anstrich. Der Schuppen für die Traktoren und der Hühnerstall mussten dringend repariert werden. Auf fast allen Dächern entdeckte er Löcher, durch die es hereinregnete. Ein verrosteter Pickup mit zwei platten Reifen stand im Schlamm neben dem baufälligen Zaun, der das Grundstück umgab.

Hayes parkte vor dem niedrigen Tor, hinter dem ein gepflasterter Weg zur vorderen Veranda führte. Eine Weile blieb er hinterm Steuer sitzen. Er scheute sich auszusteigen, weil er Angst vor dem hatte, was ihn erwartete.

Und dann wurde die Haustür geöffnet. Seine Mutter, die so erschöpft war, dass sie viel älter wirkte, kam heraus. Mit einem Freudenschrei lief sie die Stufen hinunter.

Das riss ihn aus seinen Gedanken. Er stellte den Motor ab und stieg aus.

„Hayes … Liebling … Ich bin so froh, dass du hier bist.“ Tränen liefen ihr über die Wangen, und unter ihren Augen saßen dunkle Ringe. Sie nahm ihn in die Arme. Als sie ihn wieder losließ, sagte sie: „Sieh dich nur an. Du siehst besser aus als je zuvor.“

„Hallo, Mom. He …“ Er umarmte sie noch einmal, ehe er fragte: „Wie geht es ihm?“

Sie fuhr sich über die Augen. „Es ist schlimm, Schatz. Er will nicht auf mich hören. Wir müssen etwas unternehmen.“

Er legte die Hände auf ihre Schultern. „Ich hole nur mein Gepäck.“

Sie drückte seinen Arm. „Beeil dich.“

„Mache ich.“

Kurz darauf betrat er das Haus. Es sah noch immer so aus, wie er es in Erinnerung hatte – nur ein wenig älter und heruntergekommener.

„Keinen verdammten Arzt!“ Es war die Stimme seines Vaters – rau, wütend und schmerzverzerrt. Sie kam aus dem Elternschlafzimmer, das am Ende eines kurzen Korridors lag.

„Aber du bist krank, Lionel“, antwortete seine Mutter. „Du bist so krank, dass du mir Angst machst.“ Sie sagte noch etwas, das Hayes nicht verstand.

„Nein, Norma“, polterte sein Dad. „Mir geht es gut. Lass mich einfach nur in Ruhe.“

Jetzt wurde auch seine Mutter laut. „Lionel Parker, du bist einfach nur schrecklich. Das kann so nicht weitergehen.“

Sein Dad wetterte weiter, während Hayes sich in Bewegung setzte. Seine Schritte hallten im Korridor, als er sich dem Schlafzimmer näherte.

Die Tür stand offen. An der Schwelle zögerte er. Was er sah, schockierte ihn.

Sein Dad lag im Bett auf dem Rücken, der Bauch aufgebläht, das Gesicht aufgedunsen und unrasiert, der ungepflegte Bart weiß, seine Haut gelblich verfärbt und die Augen rotgerändert.

Diese Augen richteten sich sofort auf ihn. „Na, wenn das nicht der verlorene Sohn ist, der endlich nach Hause kommt …“ Lionel Parker ersparte sich die Beleidigung. Stattdessen drückte er die Hand auf seinen Bauch und stöhnte vor Schmerzen.

Hayes nahm seinen Hut ab. „Hallo, Dad. Ich freue mich auch, dich zu sehen. Ich helfe Mom dabei, dich ins Krankenhaus zu bringen.“

„Nein.“ Lionel presste die Hand fester auf den Bauch und stöhnte erneut. „Das können wir uns nicht leisten …“

„Du gehst, Dad.“

„Wehe, du rufst einen verdammten Krankenwagen!“

„Okay, das mache ich nicht.“ Hayes wandte sich an seine Mutter. „Bringen wir ihn in meinen Wagen.“

„Ich fahre nirgendwo hin“, grummelte Lionel.

„Das glaubst du, Dad.“

Lionel wehrte sich weiterhin mit Händen und Füßen, aber Hayes schaffte es irgendwie, ihn aufrecht hinzusetzen, ihm die Schuhe anzuziehen und ihn auf die Füße zu stellen. Dann legte er sich Lionels rechten Arm um seine Schultern, während Norma das Gleiche mit seinem linken tat, so dass sie den alten Mann auf der anderen Seite stützen konnte.

Sie setzten sich in Bewegung. Lionel widersetzte sich mit jedem Schritt und versuchte, die Hände, die ihn hielten, loszuwerden. Doch er war so geschwächt, dass er kaum alleine stehen konnte. Hayes hielt ihn fest am Handgelenk, und mit sehr viel Mühe gelang es ihnen, ihn aus dem Haus zu bringen und zum Wagen zu führen, wo Hayes ihn zusammen mit Norma auf die Rückbank hievte.

„Ich setze mich neben ihn“, sagte sie und schnallte Lionel an.

Hayes schloss das Einfahrtstor und setzte sich hinters Steuer. Kaum hatten sie den Highway erreicht, drückte er aufs Gaspedal, bemühte sich jedoch, die Höchstgeschwindigkeit nicht zu sehr zu überschreiten.

Seine Mutter rief im Bronco-Valley-Hospital an, um Lionels Ankunft anzukündigen. Der starrte mit grimmiger Miene schweigend vor sich hin. Hayes war dankbar für die Ruhe. Doch jedes Mal, wenn er im Rückspiegel das besorgte Gesicht seiner Mutter sah, bekam er es mit der Angst zu tun.

Sein Vater war in einem erbärmlichen Zustand. Normalerweise hielt Hayes nicht viel vom Beten. Doch nun tat er es.

Eine Krankenschwester und ein Krankenpfleger warteten bereits mit einer Trage, als Hayes vor dem Eingang der Notaufnahme hielt.

Norma begleitete Lionel, während Hayes seinen Wagen parkte. Er machte sich große Sorgen um seinen Vater. Sie hatten sich nie gut verstanden, und nichts deutete darauf hin, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern könnte.

Doch trotz allem liebte Hayes ihn. Sein Dad war ein guter Dad gewesen – zumindest bis zu Hayes Teenagerjahren. Bis dahin war er zwar ein strenger Vater gewesen, aber auch geduldig und liebevoll.

Dann wurden die Zeiten schwerer, das Geld wurde knapp, und Lionel machte sich Sorgen. Seine Sorge äußerte sich in harten Worten und unmöglichen Forderungen – vor allem, was Hayes anbetraf.

Der hatte nie verstanden, warum sein Vater ausgerechnet ihn auf dem Kieker hatte. Er war noch nicht einmal der Älteste. Doch warum auch immer – Lionel hatte sich seinen mittleren Sohn als Sündenbock ausgewählt und ihm die größte Last aufgebürdet.

Zwar war Lionel niemals seinen Kindern gegenüber gewalttätig geworden. Aber seine Worte waren harsch, seine Regeln unerbittlich, und daran hatte sich im Lauf der Jahre nichts geändert.

Deshalb war Hayes sofort gegangen, nachdem er die Highschool beendet hatte.

Als er den Autoschlüssel in seiner Hand betrachtete, wurde ihm bewusst, dass er ziemlich lange hinterm Steuer gesessen und an die Vergangenheit gedacht hatte.

Er stieg aus, verschloss die Tür und lief zum Hauptgebäude.

Eine Stunde später stand die Diagnose des Notarztes fest: akute Bauchspeicheldrüsen-Entzündung, verursacht durch Gallensteine. Die Gallenbase musste umgehend entfernt werden. Der Arzt schlug einen invasiven Eingriff vor.

Als die Krankenschwestern den alten Mann für die OP vorbereiteten, ging Hayes hinaus, um einen Anruf von Braden entgegenzunehmen.

„Ich bin auf der Ranch“, begann Braden. „Niemand ist hier. Ich muss dir sagen, dass das Haus noch viel schlimmer aussieht als vor zwei Monaten, als ich gegangen bin. Was ist denn los?“

Trotz allem musste Hayes lächeln. „Du bist also doch gekommen.“

„Ich bleibe nicht lange“, grummelte Braden.

„Schon klar.“ Und dann berichtete er seinem Bruder, was geschehen war.

„Das klingt nicht gut.“

„Ist es auch nicht. Sogar ziemlich ernst.“

„Bist du sicher, dass er es schafft?“ Unwillkürlich senkte Braden die Stimme.

„Machst du Witze? Zum Sterben ist er viel zu dickköpfig.“

Braden schnaubte verächtlich. „Wohl wahr.“

„Ich muss wieder rein.“

„Ist Rylee auch da?“, wollte Braden wissen.

„Sie war bei einem Treffen für Verkaufsleiter in Great Falls, als Mom sie erreicht hat. Aber sie sollte bald hier sein.“

„Gut. Ich bin unterwegs.“

Rylee und Shep Dalton, ihr Verlobter, trafen ein, bevor Lionel in den OP gerollt wurde. Der alte Mann war inzwischen erstaunlich friedlich geworden. Er sprach freundlich mit Rylee, was Hayes’ Laune ein wenig verbesserte. Wenigstens seiner Tochter gegenüber war Lionel nett. Vielleicht bestand doch noch Hoffnung für den alten Mann.

Norma, Rylee, Shep und Hayes saßen im Wartebereich und hofften auf gute Nachrichten. Nach einer halben Stunde angespannten Wartens kam eine Krankenschwester und teilte ihnen mit, dass ein invasiver Eingriff nicht ausreichen würde. Lionels Bauchdecke musste geöffnet werden.

Die Schwester wandte sich direkt an Norma. „Ihr Mann wird für mindestens eine Stunde im OP sein; es könnten auch zwei werden.“

„Geht es ihm denn gut?“, fragte Norma mit dünner Stimme.

Die Schwester nickte. „Ja. Er ist in guten Händen.“

Rylee legte einen Arm um die Schultern ihrer Mutter und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

„Ich weiß, ich weiß“, erwiderte Norma. „Du hast recht, Liebes. Dein Dad ist ein zäher Brocken.“

Alle nickten zustimmend.

„Ich hasse das“, flüsterte Norma.

Rylee zog ihre Mutter näher an sich, während Norma Hayes’ Hand packte. Er nahm sie, während Shep Rylees freie Hand ergriff.

So saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander und hielten sich ganz fest.

2. KAPITEL

An diesem Abend verließ Chrissy Hastings den Gasthof ein paar Minuten früher. Am liebsten wäre sie in ihre kleine gemütliche Wohnung gefahren, hätte sich ein einfaches Nudelgericht mit Salat zubereitet und eine unterhaltsame Fernsehserie angeschaut, um nicht an Hayes Parker denken zu müssen. Denn Hayes in seinen abgewetzten Stiefeln und dem abgeschabten Stetson war immer noch so schlank, groß und breitschultrig wie immer. Selbst seine verwaschenen Jeans passten ihm wie angegossen.

Bloß nicht an Hayes denken!

Seufzend stieg sie in ihren Wagen und fuhr zum Haus ihrer Eltern. Sie hatte in der vergangenen Woche ein Abendessen abgesagt und ihnen versprochen, es in dieser nachzuholen.

Fünf Minuten später parkte sie vor dem schmucken Bungalow, in dem sie aufgewachsen war.

Patrice, ihre Mutter, wartete schon an der Tür auf sie. „Da bist du ja. Komm rein.“ Sie umarmte Chrissy, der das Lieblingsparfüm ihrer Mutter in die Nase stieg – ein Duft, der sie immer wehmütig machte, weil er sie an ihre Kindheit erinnerte. „Dein Dad ist im Wohnzimmer …“

„Wie geht’s meinem Mädchen?“ Ihr Vater faltete die Billings Gazette zusammen und legte sie auf die Lehne seines abgewetzten Ledersessels. „Schön, dich zu sehen.“ Er stand auf und umarmte sie.

Sie erwiderte die Umarmung. Ihr Vater hatte einen Betrieb für Landwirtschaftsmaschinen und verkaufte außerdem alles, was man zum Betreiben einer Ranch benötigte. Er genoss hohes Ansehen. Mel Hastings war freundlich, rücksichtsvoll, geduldig und hilfsbereit. Außerdem war er Mitglied des Stadtrats.

Patrice, ihre Mom, hatte zwar ebenfalls ein Herz aus Gold, was freilich nichts daran änderte, dass sie Chrissy manchmal auf die Nerven ging.

Der heutige Abend war keine Ausnahme. Kaum saßen sie am Tisch, verkündete ihre Mutter fröhlich: „Schatz, ich habe eine Postkarte von Sam bekommen.“ Sam Shaw war Chrissys Ex-Mann. Patrice hatte ihn stets vergöttert. „Er schreibt, dass es ihm richtig gut geht in Key West. Und er hofft, dass es uns auch gut geht.“ Sie beugte sich nach vorn. „Liebes, tief in meinem Herzen weiß ich, dass er sein Zuhause vermisst – und dich.“

Chrissy hatte bereits hundert Mal erklärt, dass sie und Sam Probleme gehabt hatten, Nachwuchs zu bekommen. Sam war damit nicht klargekommen. Also hatten sie sich schließlich scheiden lassen. Ihre Mom hatte jedoch immer noch nicht verstanden, warum Sam sie verlassen hatte und auf einem Boot in Florida leben wollte.

„Ach, Schatz, ich spüre es. Eines Tages wird er zu dir zurückkommen.“

„Mom, Sam hat dich immer sehr gemocht. Ist doch schön, dass er dir eine Karte geschickt hat. Aber er und ich, wir sind geschieden. Zwischen uns ist es vorbei.“

Patrice warf ihr einen nachsichtigen Blick zu und seufzte. „Natürlich. Du hast ja recht. Tut mir leid, dass ich es angesprochen habe. Ich meine nur … das Leben fliegt so vorbei. Ihr seid geschieden, und jetzt bist du wieder hier in der Stadt, arbeitest im Gasthof … Manchmal komme ich mit all den Veränderungen nicht mehr mit. Sam ist in Florida auf der Suche nach sich selbst oder so, du lässt dir Worte auf die Haut tätowieren, die du nie wieder loswirst …“

Ganz ruhig, ermahnte Chrissy sich. „Ach, Mom“, erwiderte sie geduldig. „Lassen wir das mit dem Tattoo.“ Als Patrice es zum ersten Mal gesehen hatte, war sie in Tränen ausgebrochen. „Ich dachte, du hättest dich damit abgefunden.“

„Na ja, Schatz, es ist nun mal so … dauerhaft, nicht wahr?“ Chrissy schwieg. Eine Weile lang herrschte Stille. Schließlich fügte Patrice verlegen hinzu: „Aber die Aussage ist … nett, Schätzchen. Wirklich nett.“

„Danke, Mom.“ Aus irgendeinem Grund musste Chrissy in diesem Moment an Hayes denken. Er hatte älter und irgendwie klüger gewirkt. Aber er hatte noch immer diesen intensiven Blick in seinen grünen Augen.

Als ob Patrice die Gedanken ihrer Tochter lesen könnte, fuhr sie fort: „Ich nehme an, du hast gehört, dass Hayes Parker wieder in der Stadt ist. Ich habe Millie Crawford im Supermarkt getroffen. Sie hat ihn über die Central Avenue fahren sehen.“

Chrissy vermied es, die Augen zu verdrehen. „Neuigkeiten sprechen sich hier ziemlich schnell herum.“

Ihre Mutter musterte sie durchdringend: „Du hast es schon gewusst?“

Warum sollte sie lügen? Ihre Mutter würde es spüren. „Ja. Hayes ist heute Nachmittag im Gasthof gewesen. Wir haben uns kurz unterhalten. Belangloses Zeug.“

Patrice nahm einen Schluck von ihrem Eistee. „Nun, es ist ja kein Geheimnis, dass die Parker-Ranch in Schwierigkeiten steckt. Und jetzt sind Braden und Miles weggezogen. Millie hat auch gesagt, dass es Lionel nicht besonders gut geht.“

Chrissy nickte. „Das hat Hayes auch erzählt.“

„Na bitte. Jemand musste ja kommen, um zu helfen.“ Patrice schüttelte den Kopf. „Die arme Norma. Sie muss ja am Ende ihrer Kräfte sein …“

Während Chrissys Mom weiterredete, wanderten ihre Gedanken zu Hayes und an ihre Begegnung im Tenacity Inn. Jetzt musste er sich um seinen Vater kümmern, dessentwegen er die Stadt einst verlassen hatte.

Fünfundvierzig Minuten nachdem die Krankenschwester der Familie mitgeteilt hatte, dass Lionel eine offene OP der Gallenblase benötigte, traf Braden ein. Bei seinem Anblick stieß Norma einen Freudenschrei aus und schloss ihn in die Arme. Sie erzählten ihm kurz, was geschehen war, und warteten gemeinsam auf den Arzt.

Eine Stunde später teilte Dr. Bristol ihnen mit, dass Lionel den Eingriff gut überstanden hatte und sich ausruhte.

„Können wir ihn sehen?“, fragte Norma.

Der Arzt nickte. „Aber nur einzeln und sehr kurz.“

Hayes ging als Dritter nach seiner Mutter und Braden. Sein Dad war noch ziemlich daneben, weshalb ihm die Energie fehlte, Gemeinheiten von sich zu geben. Hayes tätschelte seine Hand. „Ich fahre zurück auf die Ranch und kümmere mich.“

Der alte Mann nickte bedächtig. „Gut.“ Er sprach so leise, dass Hayes sich zu ihm hinunterbeugen musste. „Sehr gut.“

Als Hayes ins Wartezimmer zurückkam, war Rylee an der Reihe.

„Sie stellen ein Bett in sein Zimmer, damit ich heute Nacht bei ihm bleiben kann“, sagte seine Mutter. „Und bis zu seiner Entlassung.“

Das überraschte Hayes nicht. Norma liebte ihren Mann über alles. „Okay, Mom. Ich kümmere mich um die Ranch.“

Sie hakte sich bei ihm unter und legte den Kopf an seine Schulter. „Danke, Hayes. Es tut gut, dich wieder zu Hause zu haben. Ich wünschte nur, die Umstände wären erfreulicher.“

„Das tun wir doch alle, Mom“, sagte Braden, der ebenfalls neben Norma saß.

Hayes und Braden blieben, bis Rylee und Shep nach Hause gingen und ein zusätzliches Bett für ihre Mutter ins Zimmer gerollt worden war. Da war es bereits ziemlich spät geworden.

Gemeinsam gingen die Brüder zum Parkplatz. Im hellen Licht der LED-Lampen hatte Hayes den Eindruck, dass Braden älter aussah als fünfunddreißig.

Hayes ahnte, worüber sein Bruder nachdachte. „Fahr nach Hause.“ Er klopfte ihm auf die Schulter. „Ist schon okay.“

Braden schüttelte den Kopf. „Ich komme mit dir zur Ranch und helfe dir. Ich bleibe eine Nacht.“

„Wenn du das tust, fährst du nie mehr weg.“

Sie sahen einander an. Schließlich sagte Braden: „Na gut. Dann bist du jetzt eben an der Reihe.“

„Da hast du verdammt noch mal recht.“ Allerdings wussten beide, dass nach Tenacity zurückzukommen so ziemlich das Letzte war, das Hayes jemals gewollt hatte.

„Hör zu, Hayes, ich meine es ernst. Ruf mich an, wenn irgendetwas …“

„Das mache ich.“

Braden streckte die Arme aus. „Komm her.“

Sie umarmten sich und tätschelten sich den Rücken.

Fünf Minuten später war Braden verschwunden, und Hayes fuhr zurück zur Ranch.

Aus den Resten im Kühlschrank bereitete er sich etwas zu essen. Nachdem er die Küche aufgeräumt hatte, ging er noch einmal hinaus in die Scheune, um nachzusehen, was zu tun war.

Eine Menge. Es überraschte ihn nicht.

Bis Mitternacht blieb er auf, um das Vieh zu füttern und einige entlaufene Rinder zurück hinter den Zaun zu bringen. Anschließend erledigte er noch einige andere Dinge, die längst hätten getan werden müssen. Und je länger er beschäftigt war, umso stärker wurde sein Eindruck, dass die Ranch tatsächlich in ernsten Schwierigkeiten steckte.

Als er weit nach Mitternacht in sein ehemaliges Bett sank, konnte er keinen Schlaf finden. Er legte sich auf den Rücken, starrte an die Decke und überlegte, dass noch nie jemand behauptet hätte, das Leben auf einer Ranch sei einfach.

Gegen fünf Uhr stand er wieder auf, um weiterzuarbeiten. Dabei stellte er fest, dass es noch viel mehr zu tun gab, als er am Abend zuvor in der Dunkelheit gesehen hatte.

Um zehn Uhr duschte er und fuhr in die Stadt, um den Zimmerschlüssel zurückzubringen, den er gar nicht benutzt hatte. Etwa zehn Minuten hielt er sich in der Lobby auf. Die ganze Zeit rechnete er damit, Chrissy wiederzusehen.

Der Moment kam, als er gerade gehen wollte. Er entdeckte sie neben einem eingetopften Ficus im Gespräch mit einem großen, dünnen Mann – ein Hotelangestellter, seiner Uniform nach zu urteilen. Sie schaute in seine Richtung und erblickte Hayes, der sie unverwandt anstarrte.

Er nickte, sie nickte zurück und setzte ihr Gespräch mit dem Mann fort.

Hayes trat durch die Glastür ins Freie und fühlte sich auf einmal einsam. Er fragte sich, was wohl geschehen wäre, wenn sie eine Minute Zeit gehabt hätte, um sich mit ihm zu unterhalten.

Dann schüttelte er den Kopf über seine eigene Dummheit. Was hätten er und Chrissy Hastings sich überhaupt zu sagen? Nichts. Er kannte sie ja kaum noch.

Zurück auf der Ranch, traf er seine Mutter an, die den Kühlschrank mit Lebensmitteln füllte. „Im Krankenhaus habe ich eine alte Freundin getroffen. Sie hat mich mitgenommen, damit ich unseren Wagen holen kann.“

Er grinste. „Immer noch derselbe, den du schon hattest, als ich gegangen bin?“

„Ja. Er fährt noch sehr gut, und ich werde ihn auch nicht weggeben. Wir sind am Supermarkt in Bronco vorbeigefahren, und ich habe genug eingekauft, damit du nicht verhungerst.“

„Das alles ist für mich?“

„Schatz, ich fahre wieder zu deinem Vater.“

„Wie geht’s ihm denn?“

„Na ja, er ist nicht gerade glücklich darüber, im Krankenhaus zu sein …“

„Mit anderen Worten, er ist zickig und unausstehlich.“

Seine Mutter lächelte nachsichtig. „Dr. Bristol sagt, er muss mindestens noch fünf oder sechs Tage bleiben.“

Und wahrscheinlich würde es sechs bis acht Wochen dauern, ehe Lionel wieder allein zurechtkommen würde.

„Der Arzt sagt, wir müssen realistisch sein“, fuhr Norma fort. „In Anbetracht von Dads Alter und der Schwere seiner Erkrankung wird es eine Weile dauern, bis er sich wieder um das Vieh und die Ranch kümmern kann. Soll ich uns etwas zu essen machen?“

„Kümmere dich lieber um Dad. Er braucht dich. Ich komme schon alleine klar.“

Sie ergriff seine Hand. „Du bist ein guter Junge. Dein Dad war immer so streng mit dir. Ich liebe diesen Mann von ganzem Herzen, aber er ist wirklich zu weit gegangen, als er dich aus dem Haus getrieben hat.“

„Das ist er“, erwiderte Hayes düster. Doch dann zuckte er mit den Schultern. „Das ist Jahre her. Und wir wissen alle, dass ich kein Heiliger war.“

Norma lächelte. „Oh ja, das kann ich bestätigen.“ Als Teenager hatte Hayes Spritztouren mit dem Pickup unternommen, war mit Freunden ins Grizzly, der beliebtesten Kneipe im Ort, eingebrochen und hatte sich so sehr betrunken, dass ihn der Sheriff nach Hause gebracht hatte, und einmal ein Lagerfeuer gemacht, das außer Kontrolle geraten war und nur mit Hilfe seines Vaters und seiner Geschwister gelöscht werden konnte. Dennoch war der entstandene Schaden beträchtlich gewesen.

„Aber trotzdem war dein Vater zu streng mit dir“, sagte seine Mutter. „Und du wurdest immer aufsässiger.“

„Das stimmt.“

„Manchmal befürchte ich, dass ihr beide euch nicht versöhnen werdet, bevor er …“ Sie wandte den Blick ab und presste die Lippen zusammen. Ihr Kinn zitterte.

„Mom.“ Jetzt drückte er ihre Hand. „Er wird schon wieder. Er ist zäh.“

Sie schaute ihn an. „Wenn du gestern nicht nach Hause gekommen wärst“, flüsterte sie, „hätte ich ihn nie rechtzeitig ins Krankenhaus nach Bronco bringen können.“

„Du hast Freunde, die du anrufen kannst, und du hättest auch einen Krankenwagen holen können. Er wird durchkommen. Er wird wieder ganz der Alte.“

Sie schniefte und straffte die Schultern. „Du hast recht. Natürlich hast du recht.“

Zwanzig Minuten später, nachdem Norma wieder gefahren war, rief Hayes einen alten Schulfreund an. Sie plauderten ein wenig, ehe Hayes zur Sache kam. „Jedenfalls bin ich wieder zurück in Tenacity, weil mein Dad im Krankenhaus und die Ranch so gut wie am Ende ist.“

„Okay“, erwiderte Jake Marshall. „Ich muss noch ein paar Anrufe machen. Dann komme ich vorbei.“

„Oh Mann.“ Hayes schluckte gerührt. „Danke. Du hast was gut bei mir.“

„Du würdest das Gleiche für mich tun. Bis später.“

Jake traf tatsächlich eine Stunde später ein – zusammen mit zwei weiteren Schulfreunden, Beck Douglas und Austin O’Connor.

Sofort machten sich die vier an die Arbeit. Bis sechs Uhr hatten sie alle umherlaufenden Hühner eingefangen, streunende Kühe zurückgeholt, ein paar Zäune instandgesetzt und selbst das Namensschild über der Einfahrt repariert. Anschließend machten sie sich über die Vorräte her, die Norma besorgt hatte, bevor sie alle nacheinander duschen gingen.

„Es ist Freitag Abend“, verkündete Austin. „Ihr wisst, was das bedeutet.“

Beck hob seine Bierdose. „Auf ins Grizzly!“

Jake grinste. „Wir haben gute Nachrichten für dich, Hayes.“

„Die kann ich gebrauchen. Schieß los.“

„Vor zehn Jahren hat Kelsey das Grizzly verkauft – an einen Typen namens Dale Clutterbuck. Der weiß nichts von deinem Einbruch von damals.“

Hayes grinste. „Willst du damit sagen, dass mich der neue Besitzer nicht sofort erschießen wird?“

Austin nickte. „Genau. Trink dein Bier aus. Das Grizzly wartet auf uns.“

Nach einem anstrengenden Arbeitstag im Tenacity Inn freute Chrissy sich auf ein Glas Wein und ein langes heißes Bad. Als sie jedoch ihre Wohnungstür aufschloss, hörte sie ein seltsames Geräusch. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn.

Doch es war kein Wasserhahn, wie sie entsetzt feststellte. Das Wasser tropfte von der Decke und musste bereits sehr lange getropft haben, denn die Möbel waren feucht, Teppiche und Polstermöbel hatten sich vollgesogen, und auf dem Boden glitzerten Pfützen, die sich immer weiter ausbreiteten.

Es war ein kleines Haus mit vier Wohneinheiten. Offenbar hatte der Mieter über ihr einen Rohrbruch – oder seine Badewanne überlaufen lassen.

Fieberhaft überlegte sie, was zu tun war. Zunächst die Hauptsicherung ausschalten, um eine größere Katastrophe zu vermeiden. Sofort wurde es dunkel in ihrer Wohnung; nur das Dämmerlicht, das durch die Fenster fiel, erhellte die Räume, deren Decken sich bereits dunkel verfärbt hatten. Anschließend eilte sie eine Etage höher und klopfte an die Tür des Mieters über ihr. Niemand öffnete. Sie legte das Ohr an die Tür. Kein Geräusch war zu hören. Ihr Nachbar war nicht zu Hause.

Zurück in ihrer Wohnung, rief sie die Hausverwaltung an, die für die Instandhaltung des Gebäudes zuständig war, erreichte aber nur den Anrufbeantworter. Sie hinterließ eine Nachricht mit ihrem Namen, der Adresse und einer Schadensbeschreibung.

Und nun? Blieb ihr nichts anderes übrig, als ein paar Sachen zusammenzupacken und die Wohnung zu verlassen.

Zwanzig Minuten später schleppte sie zwei Koffer die Treppe hinunter. Als sie auf die Straße trat, stieg der Mann von der Hausverwaltung gerade aus seinem Wagen. Er bat Chrissy, kurz zu warten, eilte in den Keller, zu dem nur er einen Schlüssel hatte, und stellte die Hauptwasserleitung ab. Kurz darauf kam er zurück. „Tja, das tut mir leid“, sagte er. „Da werden Sie fürs Erste wohl woanders unterkommen müssen.“

„Für wie lange?“, fragte Chrissy.

„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Aber rufen Sie auf jeden Fall Ihre Versicherung an, um den Schaden zu melden.“ Damit verabschiedete er sich und verschwand in der Nacht.

Chrissy wählte die Hotline ihrer Versicherung. Nach einer Weile meldete sich tatsächlich jemand. Chrissy schilderte ihre Notlage. „Okay, wir schicken einen Gutachter. Er wird in den nächsten drei Tagen vorbeikommen.“

„Drei Tage?“ Chrissy war sich nicht sicher, ob sie die Worte geschrien hatte. „Kann nicht schon morgen jemand kommen?“

„Wir tun unser Möglichstes, aber ich kann Ihnen nichts versprechen“, lautete die wenig beruhigende Antwort.

Chrissy lud ihre Koffer ins Auto – und blieb ratlos am Steuer sitzen. Das Tenacity Inn war ausgebucht; dort konnte sie also nicht unterkommen. Außerdem arbeitete sie dort mehr als vierzig Stunden pro Woche; da wollte sie nicht unbedingt dort auch noch schlafen.

Ihre Eltern würden sich freuen, wenn sie zu ihnen ginge. Aber bei dem Gedanken, mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen, in ihrem ehemaligen Kinderzimmer zu verbringen, schauderte ihr. Außerdem würde sie dann mit ständigen Ermahnungen und Ratschlägen ihrer Mutter überschüttet. Konnte man sich etwas Schlimmeres vorstellen?

Manchmal war das Leben echt mies.

Sie startete den Motor – und ließ den Kopf aufs Lenkrad sinken. Im Haus ihrer Mutter zu übernachten …

Nein. Das konnte sie sich in diesem Moment noch nicht vorstellen.

Vielleicht würde ein Drink helfen – oder zwei. Chrissy trank nur selten Alkohol. Aber heute Abend brauchte sie etwas Aufmunterndes, ehe sie sich der gnadenlosen Aufmerksamkeit ihrer Mutter auslieferte, die sich stets Gedanken um ihr Leben und ihre Zukunft machte.

Sie schnallte sich an und fuhr los.

Warmes Licht fiel aus den Fenstern der Grizzly Bar auf der Central Avenue. Schon von Weitem hörte sie Gelächter und Musik, als sie auf der Suche nach einem Parkplatz an der Kneipe vorbeifuhr.

Ihre Laune verbesserte sich ein wenig. Ein Glas im Grizzly. Genau das brauchte sie jetzt – inmitten von Menschen, die eine gute Zeit hatten. Waren gute Zeiten ansteckend? Hoffentlich.

Sie hoffte es.

Weiter unten auf der Straße fand sie einen Parkplatz. Sie sprang aus dem Wagen, warf sich ihre Tasche über die Schulter und lief zurück zu der Bar mit der orangefarbenen Tür.

Drinnen war der Lärm fast ohrenbetäubend. Das Lachen war laut, die Musik aus der Jukebox dröhnte, und alle schienen gleichzeitig zu reden.

Sie kam sich ein wenig fehl am Platz vor, weil sie immer noch ihre Uniform trug – weiße Bluse, kastanienbraune Weste und Rock und dazu passende Schuhe. Zu dumm, dass sie sich nicht hatte umziehen können und …

In dem Moment entdeckte sie Hayes. Er saß mit drei Kumpeln aus der Highschool an einem Ecktisch. Und er schaute in ihre Richtung.

Am liebsten hätte Chrissy laut geschrien. Sie konnte nicht einmal in Ruhe einen Drink in der Bar nehmen, ohne auf den einen Mann zu treffen, dem sie am liebsten aus dem Weg gehen würde.

Auf der Suche nach einem freien Platz entdeckte sie einen leeren Hocker an der Bar. Sie steuerte darauf zu, setzte sich hin und hängte ihre Tasche an einen Haken.

Der große Mann mit Bart hinter der Theke kam sofort zu ihr. „Willkommen im Grizzly. Ich bin Dale.“

Sie erkannte ihn. „Dale Clutterbuck, stimmt’s? Der Besitzer.“

Dales Lächeln war ansteckend. „Genau.“

Sie reichte ihm ihre Hand. „Chrissy Hastings.“

„Mels Tochter?“

„Richtig.“

„Was kann ich dir bringen, Chrissy?“

„Margarita, bitte.“

Chrissy leerte ihr Glas einem Zug. Es half nicht viel. Vor lauter Frust wäre sie am liebsten in Tränen ausgebrochen. Trotzdem zwang sie sich zu einem Lächeln und nahm sich vor, nicht in Selbstmitleid zu zerfließen. Und bestellte noch eine Margarita.

3. KAPITEL

Hayes bemühte sich vergeblich, nicht in Chrissys Richtung zu blicken. In dem Moment, als sie zur Tür hereinkam, hatte er gespürt, dass etwas nicht stimmte. Ja, es war schon lange her, dass sie zusammen gewesen waren, aber er kannte sie noch immer sehr gut.

Und heute Abend war sie nicht glücklich – aus welchem Grund auch immer.

Beim Eintreten hatten sich ihre Blicke nur für Sekunden getroffen. Dann hatte sie woanders hingeschaut und ihn geflissentlich ignoriert.

Er verstand die Botschaft. Ihr ging es nicht gut. Aber ihrer Meinung nach ging ihn das nichts an, und er sollte sie gefälligst in Ruhe lassen.

Das hatte er getan.

Bis jetzt. Aber dann hielt es ihn nicht länger auf seinem Platz. Er ging zu ihr hinüber und fragte ruhig: „Alles okay bei dir?“

„Mir geht’s prima.“ Sie lächelte mit zusammengebissenen Zähnen.

„Darf ich dir einen Drink ausgeben? Wir könnten ein bisschen …“

„Vielleicht ein anderes Mal.“ Sie sagte es freundlich, aber er konnte sehen, wie sehr es sie anstrengte, weiterzulächeln. „Ich muss los.“ Sie schlang sich die Tasche um die Schulter. „Pass auf dich auf, Hayes.“ Sie rutschte vom Hocker und ging hinaus.

Hayes schaute zum Tisch hinüber, wo seine Freunde warteten. Mit dem Kopf deutete er in Chrissys Richtung. Sie verstanden die Botschaft und blieben sitzen. Er folgte ihr, und als er an seinem Tisch vorbeikam, warf Beck ihm seinen Hut zu. Er setzte ihn auf und ging ihr nach.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Laternen auf der Central Avenue brannten. Hayes stand auf dem Gehweg und schaute Chrissy hinterher. Sie steuerte die Bushaltestelle auf der anderen Straßenseite an, ließ sich auf die Bank fallen und starrte aufs Straßenpflaster.

Hayes hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Er beobachtete sie von weitem. Jetzt schaute sie auf und entdeckte ihn. Ein paar Sekunden lang sah sie ihn trotzig an. Dann senkte sie wieder den Kopf.

Er überquerte die Straße. „Hast du was dagegen, wenn ich mich zu dir setze?“

Sie warf ihm einen Blick zu, der so viel sagte wie Machst du Witze? Dann seufzte sie. „Die Bank ist öffentliches Eigentum. Ich kann nicht bestimmen, wer sich daraufsetzt.“

Er nahm seinen Hut ab. „Ich interpretiere das als ‚Aber klar, Hayes. Setz dich doch.‘“

Sie verdrehte die Augen, widersprach aber nicht. Er setzte sich ans andere Ende der Bank und legte seinen Hut auf den Schoß.

Ein paar Minuten lang schwiegen sie.

Als Hayes ihr einen verstohlenen Blick zuwarf, bemerkte er Tränen in ihren Augen.

Ärgerlich wischte sie sie fort. „Ich weiß nicht, was ich gerade tue“, sagte sie so leise, dass er sich näher zu ihr beugen musste. „Meine Eltern haben meinen Ex-Mann vergöttert, und manchmal glaube ich, meine Mutter hat immer noch nicht realisiert, dass Sam und ich geschieden sind. Ich … ich meine, ich komme allmählich damit klar, aber manche Tage sind eben doch hart. Und heute war der schlimmste von allen.“ Stöhnend legte sie den Kopf in den Nacken. „Warum erzähle ich dir das alles eigentlich?“

„Hey“, erwiderte er sanft, „ist schon okay. Ich bin hier und höre dir zu.“

Sie lachte, aber es klang nicht glücklich.

Und dann schaute sie ihm mit ihren großen braunen Augen direkt ins Gesicht. „Mein Leben …“, begann sie, ließ den Satz aber in der Luft hängen.

„Was ist mit deinem Leben, Chrissy?“

„Mein Leben ist eine Abfolge von Katastrophen.“

„Vielleicht erscheint dir das nur so.“

„Nein, Hayes, so ist es wirklich. Glaub mir.“

Chrissy wollte ihren Ex-Freund eigentlich nicht mit ihren Problemen belasten.

Aber er war nun einmal da, und er war wirklich verständnisvoll. Und sie brauchte jemanden zum Reden.

Also berichtete sie ihm haarklein von ihrem schrecklichen Tag.

Es dauerte eine Weile, aber er hörte geduldig zu – so, als ob er sich wirklich Sorgen um sie machte, als ob es ihm etwas ausmachte, dass ihr Arbeitstag in einer veritablen Katastrophe geendet hatte, dass ihre Wohnung unbewohnbar geworden war und dass sie nun wieder zu ihren Eltern ziehen musste.

Als sie ihren Bericht beendet hatte, fragte er: „Was hältst du davon, wenn du eine Weile auf der Ranch bleibst? Meine Brüder sind ausgezogen, und meine Schwester wohnt in Bronco. Wir haben genügend leere Schlafzimmer. Du kannst dir eins aussuchen.“

Sie schaute ihn an und sagte lange nichts. Er versuchte nicht, das Schweigen zu beenden. Schließlich antwortete sie: „Das geht nicht.“ Obwohl ein Aufenthalt auf der Parker-Ranch längst nicht so bedrückend wäre wie im Haus ihrer Eltern.

„Warum nicht? Ich verspreche dir, Chrissy, dass ich dir nicht zu nahekommen werde.“ Er hob die Hand wie zum Schwur. „Nur Freunde. Darauf gebe ich dir mein Wort.“

„Das glaube ich dir. Aber was werden deine Eltern sagen, wenn deine Ex-Freundin bei dir einzieht?“

„Nichts. Mein Dad ist nach einer schweren Operation im Krankenhaus und kommt frühestens in einer Woche nach Hause. Und meine Mom übernachtet bei ihm. Sie wird in der nächsten Woche auch nicht oft zu Hause sein. Und es ist ihr ohnehin egal. Sie hat dich immer gemocht. Im Moment bin ich allein. Du kannst gern eins der leerstehenden Zimmer haben.“

Sie stellte ihre Tasche zwischen ihn und sich auf die Bank. „Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich darüber nachdenke.“ Aber genau das tat sie. Denn die Aussicht, mit ihrem Ex-Lover zusammenzuwohnen, erschien ihr viel besser, als zu ihren Eltern zurückzukehren.

Ja, sie und Hayes verband eine schmerzhafte Geschichte. Und er war immer noch ein verdammt heißer Cowboy.

Vielleicht ein wenig zu heiß. Würde es nicht Probleme geben, wenn sie mit ihm unter einem Dach wohnte? Gewaltige Probleme?

Doch dann runzelte sie die Stirn, denn … wie konnte sie im Moment überhaupt daran denken, eventuell Sex mit dem Ex zu haben?

Sie sollte diesen dummen Gedanken ignorieren.

„Hör mal“, sagte Hayes, „wenn das mit der Ranch für dich nicht passen sollte, kannst du immer noch zu deinen Eltern gehen.“

Je länger sie über ein Zimmer auf der Ranch nachdachte, desto verlockender erschien ihr die Idee. Mal ganz abgesehen von Hayes’ Sex-Appeal. „Ich könnte mich nützlich machen. Auf der Ranch helfen, Essen machen …“

„Prima. Auf der Ranch gibt’s viel zu tun. Ich kann jede Hilfe gebrauchen.“

„Ich würde natürlich für das Zimmer zahlen.“

„Vergiss es. Wenn du im Haus hilfst, hin und wieder einkaufst und kochst, reicht das völlig aus.“

Sie kannte diesen Blick in seinen Augen. Er würde kein Geld für das Zimmer nehmen. „Danke, Hayes.“

„Gern geschehen“, erwiderte er. Erneut schaute er sie an. In diesem Moment fragte sie sich, ob sie nicht gerade einen großen Fehler beging.

„Nimm am besten Rylees Zimmer“, schlug Hayes vor und öffnete die Tür am Ende des Korridors im ersten Stock. „Hier hast du einen wunderbaren Blick auf die Berge.“ Das Zimmer lag auch am weitesten von Hayes’ Schlafzimmer entfernt, was ihr, wie er vermutete, wohl sehr recht war.

Chrissy nickte. „Okay. Vielen Dank. Das nehme ich.“

„Prima.“ Er stellte ihre Koffer neben dem Bett ab. „Hier oben gibt es allerdings nur ein Bad. Ich hoffe, das macht dir nichts aus.“

„Natürlich nicht.“ Sie schmunzelte. „Ich verspreche dir, dass ich es nicht blockieren werde.“

„Also, dann mach’s dir gemütlich.“

„Werde ich. Und nochmals vielen Dank.“

Er nickte ihr zu und verschwand.

In dieser Nacht schlief Chrissy sehr schlecht. Sie machte sich Sorgen um ihre Wohnung. Wie lange würde es dauern, bis sie zurückkonnte? Würde ihre Versicherung sämtliche Kosten übernehmen? Und was würde sie zusätzlich bezahlen müssen?

Und es waren nicht nur die Gedanken an ihre ruinierte Wohnung, die sie wachhielten. Unentwegt fragte sie sich, warum sie die Einladung von Hayes, der nur wenige Zimmer entfernt von ihr schlief, akzeptiert hatte. Ihre Beziehung war seit Jahren vorbei. Damals waren sie fast noch Kinder gewesen. Inzwischen waren sie ganz unterschiedliche Menschen.

Dennoch fühlte es sich so … intim an. Sie beide unter einem Dach nach dieser langen Zeit.

Erst weit nach Mitternacht schlief sie ein. Obwohl sie am Wochenende nicht zur Arbeit musste, schrillte der Wecker ihres Handys um fünf Uhr. Schlaftrunken ging sie ins Bad, duschte, zog sich an und ging hinunter in die Küche, wo der Kaffee schon bereitstand. Sie goss sich einen Becher ein und trank ihn, während sie aus dem Fenster über der Spüle schaute. Im Stall brannte Licht. Hayes war also bereits bei der Arbeit.

Ihren Versicherungsvertreter würde sie frühstens in ein paar Stunden erreichen können. Also verließ sie das Haus und ging zum Stall, wo Hayes die Pferde versorgte.

„Hast du auch schon die Eier eingesammelt?“, fragte sie.

Er grinste. Die Eier hatte er sie abends manchmal einsammeln lassen, wenn sie bei ihm war. Sie hatten es vermieden, sich im Haus aufzuhalten, weil sein Vater dauernd in der Nähe war. Dabei hatte Lionel Parker Chrissy immer wie eine Königin behandelt – wie seine Frau und seine Tochter. Nur seinen Söhnen gegenüber war er von unerbittlicher Strenge.

„Dann mach das mal“, forderte Hayes sie auf. „Aber pass auf, dass dir die Hühner nicht in die Hände picken.“

„Ich weiß die Hühner zu nehmen“, konterte sie.

Er lachte. „Das hast du jedenfalls immer behauptet.“

Zwei Stunden später kam sie ins Haus zurück und bereitete das Frühstück – nicht nur für Hayes und sich, sondern auch für Austin, Beck und Jake, die vor einer Weile auf der Ranch eingetroffen waren, um Hayes zu unterstützen.

Während sie am Herd stand, hörte sie, wie die Haustür geöffnet wurde. „Frühstück ist fertig“, rief sie. „Und frischen Kaffee gibt’s auch.“

Die Schritte hinter ihr verstummten abrupt. „Chrissy? Himmel, bist du das?“

Chrissy legte den Löffel beiseite und drehte sich um. „Norma! Hallo …“

Norma hatte vier Plastiktüten in den Händen, die sie jetzt auf den Boden stellte und zu Chrissy eilte, um sie zu umarmen. „Wie schön“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. „Ich habe schon befürchtet, dich nie mehr in meiner Küche zu sehen.“ Norma umarmte sie noch fester.

Als Hayes’ Mom sie wieder losließ, schauten sie einander eine Weile schweigend an. Norma hatte feuchte Augen – und Chrissy ebenfalls.

Schließlich fragte Norma leise: „Du und Hayes … ihr seid wieder …?“

Chrissy schüttelte den Kopf. „Nein, so ist es nicht.“ Sie erzählte von ihrer überschwemmten Wohnung und Hayes’ Angebot, so lange wie nötig auf der Ranch zu bleiben. „Ich schlafe in Rylees ehemaligem Zimmer und helfe aus, wo ich kann. Man hat mir schon gesagt, dass es eine Weile dauern wird, bis der Wasserschaden behoben ist. Wenn Lionel wieder nach Hause kommt, müssen wir schauen, wie’s weitergeht.“

Norma seufzte. „Und ich hatte schon gehofft, ihr zwei seid wieder zusammen.“

„Nein“, antwortete Chrissy mit fester Stimme. „Er hilft mir, was ich wirklich zu schätzen weiß – solange du nichts gegen meine Anwesenheit einzuwenden hast.“

„Machst du Witze? Ich bin so froh, dich hier zu sehen.“ Norma strahlte. „Selbst wenn ihr zwei nicht wieder zusammenkommt, ist es schön, dich wieder bei uns auf der Ranch zu habe...

Autor

Stella Bagwell

Eigentlich ist Stella Bagwell gelernte Friseurin, tragischerweise entwickelte sie aber eine Haarspray-Allergie. Schlecht für sie, gut für ihre Leserinnen. Denn so verfolgte Stella ihr kreatives Talent in eine andere Richtung weiter und begann mit viel Enthusiasmus, Romane zu schreiben. Was ganz bescheiden auf einer alten Schreibmaschine begann, entwickelte sich auch...

Mehr erfahren
Lois Richer
Mehr erfahren
Judy Duarte

Judy liebte es schon immer Liebesromane zu lesen, dachte aber nie daran selbst welche zu verfassen. „Englisch war das Fach in der Schule, was ich am wenigsten mochte, eine Geschichtenerzählerin war ich trotzdem immer gewesen,“ gesteht sie. Als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern, wagte Judy den Schritt zurück auf die...

Mehr erfahren

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.