Julia Best of Band 308

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  • Erscheinungstag 29.08.2026
  • Bandnummer 308
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541084
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Soraya Lane

JULIA BEST OF BAND 308

Soraya Lane

1. KAPITEL

Jessica Falls lehnte am Holzzaun und sah sich um. Seit fast zwei Jahren war sie nicht mehr zu Hause gewesen, doch alles war ihr noch vertraut. Der Anblick des großen Hauses. Die Pferde, die auf der Koppel weideten. Der Duft, den die Kiefern verbreiteten. Sie würde nichts davon je vergessen. Solange sie lebte.

Dennoch ist nichts mehr, wie es war, dachte sie und wischte die Tränen fort, die sie nicht hatte zurückhalten können. Dann kehrte sie zum Haus zurück. Sie war gerade erst auf der Farm angekommen und hatte das Gebäude noch nicht betreten. Stattdessen war sie über das Gelände geschlendert und hatte nach besten Kräften versucht, den Tatschen ins Auge zu sehen. Zum Beispiel, dass sie allein dort wohnen würde, weil ihr Großvater gestorben war und sie alles verloren hatte, was ihr wichtig war.

Langsam stieg sie die Stufen zur Veranda hinauf und atmete oben erst einmal tief durch. Danach schob sie den Schlüssel ins Schloss und stieß die Tür auf. Sie ergriff einen ihrer Koffer und zog ihn hinter sich her auf die Treppe zu. Es war so still hier. Daran würde sie sich noch gewöhnen müssen.

„Hallo?“

Jessica zuckte zusammen und fuhr herum, als sie plötzlich die dunkle Stimme hinter sich hörte.

„Entschuldigung. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

Wer in aller Welt war der attraktive Mann, der am Türpfosten lehnte? „K… kann ich dir helfen?“ Sie wollte jetzt keine Gesellschaft und schon gar nicht die eines Fremden.

„Ich habe dich ankommen sehen und wollte guten Tag sagen.“

Sie brauchte erst einen Moment, bevor ihr klar wurde, wer er war. „Du bist der Engländer, der das Cottage gemietet hat, oder?“ Der Anwalt ihres Großvaters hatte es ihr erzählt. Doch sie hatte es völlig vergessen. „Der Jetlag scheint sich bemerkbar zu machen.“

„Das ist nur zu verständlich.“ Er lächelte sie an. „Ich habe Jock nur ein paar Monate gekannt und vermisse ihn schon jetzt entsetzlich. Wie muss es dir da erst gehen?“

Jessica seufzte, war jedoch nicht bereit, darüber zu reden. Sie war gerade von London hierher nach Neuseeland geflogen und hatte nicht eine Minute geschlafen. Die ganze Situation, in der sie sich befand, brach jetzt mit Macht über sie herein. In England hatte sie ihr liebstes Pferd zurücklassen müssen und wusste nicht, ob sie es sich je leisten könnte, es zu holen. Sie hatte die Beisetzung des einzigen Menschen versäumt, der ihr wirklich viel bedeutet hatte, weil sie am anderen Ende der Welt im Krankenhaus gelegen hatte. Seit dem Tod ihrer Mutter war ihr Granddad ihr letzter noch lebender Angehöriger gewesen, und sie hatte sich nicht von ihm verabschieden können.

„Kann ich irgendetwas für dich tun? Ich kenne die Vereinbarung zwischen dir und meinem Großvater nicht, aber du kannst gern so lange bleiben, wie du möchtest.“

Nicht dass sie unbedingt jemanden auf dem Anwesen haben wollte, denn sie war eine Einzelgängerin. Doch nach dem, was sie bis jetzt erfahren hatte, brauchte sie diese Miete dringend, um die Rechnungen weiterhin begleichen zu können. Und der Mann mit den etwas zu langen dunklen Haaren und dem gewinnenden Lächeln bezahlte ein kleines Vermögen für das Cottage.

„Ich werde dir nicht in die Quere kommen, ich wollte nur schnell Hallo sagen. Ich heiße übrigens Nathan.“

„Jessica.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen, und er nahm sie und schüttelte sie kurz. „Aber das weißt du vermutlich schon.“

„Ja, denn es ist kein Tag vergangen, an dem Jock nicht von dir gesprochen hat.“ Er trat einen Schritt zurück. „Bis demnächst, und pass auf dich auf.“

Jessica lächelte und hob grüßend die Hand. Eigentlich hätte sie ihn auf einen Kaffee hereinbitten müssen, wie es ihr Granddad gemacht hätte. Doch sie fühlte sich in diesem Moment einfach überfordert, denn sie musste erst einmal damit fertigwerden, wahrscheinlich alles zu verlieren. Am nächsten Tag würde sie versuchen, neu anzufangen und einen Weg zu finden, wie sie den einzigen Ort retten konnte, der je ein Zuhause für sie gewesen war.

Sie beobachtete, wie Nathan mit den Händen in den Hosentaschen lässig zu den Stallungen schlenderte, als würde ihm gar nichts Sorgen bereiten. Wohingegen sie das Gefühl hatte, dass ihre Welt am Einstürzen war. Doch sie musste stark bleiben und sich zusammenreißen. Ihr Großvater hätte es von ihr erwartet.

Nathan Bell tätschelte Patch, bevor er sich im warmen Sonnenschein auf dem Boden ausstreckte, den Hut ins Gesicht zog und die Augen schloss. Das Pferd würde nicht davonlaufen, und er musste dringend etwas Schlaf nachholen. Seit Jocks Tod litt er wieder unter Schlaflosigkeit.

In der Dunkelheit überfielen ihn die Erinnerungen daran, wie er seine Frau vorgefunden hatte und was passiert war. Tagsüber konnte er die quälenden Gedanken und Bilder meistens einigermaßen verdrängen, aber das Geschehen zu vergessen, war unmöglich.

Als er gerade ins Reich der Träume hinübergeglitten war, wurde er durch einen Tritt gegen das Bein unsanft wieder aufgeweckt. „Autsch!“

„Was, zum Teufel, tust du da?“

Er schob den Hut zurück, setzte sich auf und erblickte eine total verärgerte Jessica. „Ich habe geschlafen, wie du wohl schon erraten haben dürftest.“ Er zog das Bein an und rieb die schmerzende Stelle.

„Ich will wissen, was du hier machst! Und noch dazu mit dem Pferd meines Großvaters.“

Sie war offensichtlich richtig wütend auf ihn. Er unterdrückte ein Lächeln. Sie hatte trotz der tränennassen Wangen hübsch ausgesehen, als er sie im Haus angetroffen hatte. Aber in ihrem Zorn sah sie einfach umwerfend aus.

„Jock ist mit mir hergekommen, sobald er mir das Reiten beigebracht hatte. In den letzten Wochen vor seinem Tod war ihm nicht mehr danach zumute. Deshalb hat er mich gebeten, mich um Patch zu kümmern.“

„Ich glaube dir nicht“, erwiderte Jessica frostig.

Nathan stand auf und wollte ihre Hand ergreifen, um sie zu besänftigen, aber sie ließ es nicht zu. „Mir ist klar, dass du momentan sehr leidest. Doch du solltest nicht auf mich böse sein. Jock hat mir erzählt, dass dies ein besonderer Ort für euch beide ist. Wäre er jetzt hier, würde er dir sagen, dass du dich verrückt aufführst. Wir sind fast jeden Tag zusammen geritten.“

Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, aber er verriet zumindest keine Wut mehr. Die bewaldete, hügelige Landschaft, die das Anwesen umgab, war wie ein kleines verstecktes Paradies. Und offenbar ist sie es gewohnt, hier allein zu sein, dachte Nathan. Doch auch wenn sie um ihren Großvater trauerte, würde er nicht zulassen, dass sie sich an ihm abreagierte. Wenn er eines von Jock gelernt hatte, dann dies: Selbst wenn man trauerte, hatte man nicht das Recht, sich schlecht zu benehmen.

„Er hat dir erzählt, dass dies hier unser besonderer Ort ist?“ Ihre Stimme klang nun wärmer.

„Ja, hat er“, antwortete Nathan. „Warum setzt du dich nicht und hörst auf, böse auf mich zu sein?“

Sie entschuldigte sich nicht, sah aber schuldbewusst drein, und er beschloss, kein Salz mehr in die Wunde zu streuen. Schließlich wusste er, wie es war, einen geliebten Menschen zu verlieren.

„Ich habe nicht gedacht, dass irgendjemand anders hier gewesen sein könnte. Was vermutlich dumm ist.“ Jessica fuhr sich über die Augen, während sie sich setzte. „Wir sind schon hierhergekommen, als ich noch ein Kind war. Es war so etwas wie unser gemeinsames Ding. Granddad hat Patch geritten, und ich habe auf meinem alten Pony Whiskers gesessen.“

Nathan nickte, ließ sich neben ihr nieder und streckte die Beine aus. „Wie ich gehört habe, hattest du ein ziemlich gutes Versteck. Vergleichbar einem Fort, von dem du gemeint hast, dass deine Mom keine Ahnung davon hatte.“

Jessica begegnete seinem Blick und lachte leise. „Jetzt weiß ich, dass du nicht lügst. Ich dachte, dass dieses Versteck sonst niemandem bekannt wäre.“

Nathan legte sich die Hand aufs Herz. „Ich werde es nicht weitersagen. Ehrenwort.“

Sie lehnte sich zurück und schaute zu den Pferden hinüber.

„Patch muss uralt sein. Er war perfekt für meinen Großvater. Sie verstanden sich blind. Ich habe nie gesehen, dass jemand anders ihn geritten hat.“ Sie seufzte. „Deshalb hat es mich auch so betroffen gemacht, als ich euch beide bemerkt habe. Er ist auf der Farm, seit ich denken kann.“

„Ja, und deshalb ist er ideal für mich. Er ist zufrieden damit, es ruhig angehen zu lassen.“ Nathan schwieg, betrachtete sie und wünschte sich, er würde sich in ihrer Nähe nicht so unbehaglich fühlen. „Jock und ich sind oft hier gewesen, um zu reiten und zu reden. Über alles und nichts. Es hat uns beiden gleichermaßen gutgetan.“

Jessica stöhnte auf, als sie sich zur Seite drehte. Sie hatte offenbar Schmerzen. Ihr Großvater hatte ihm viel von ihr erzählt, und Nathan wusste auch, was passiert war. Jock war ihm ein guter Freund und Lehrer gewesen. Er vermisste ihn mehr, als sie sich je hätte vorstellen können. Und er würde Jessica helfen, wenn er seine Dämonen lange genug bezwingen konnte.

„Es klingt ganz so, als wärt ihr echte Freunde gewesen. Ich hätte nicht so reagieren sollen. Bitte entschuldige.“

Nathan runzelte die Stirn, als er sah, dass sie vor Schmerz das Gesicht verzog. „Laut Jock sollst du es die nächsten Monate ruhig angehen lassen und nicht in den Sattel steigen. Richtig?“

Jessica begegnete seinem Blick. „Mir ist klar, dass es dumm ist. Aber ich musste einfach an die frische Luft und reiten. Es ist nicht gerade das, was der Arzt verordnet hat.“

„Es ist nicht dumm, reiten zu wollen. Doch du musst deinem Körper Zeit lassen, damit er heilen kann.“

„Du weißt von meinem Sturz?“

Er nickte. Es war sinnlos, es zu leugnen. „Nicht nur ich. Ganz Neuseeland ist im Bilde darüber, was bei dem dreitägigen Turnier im Vielseitigkeitsreiten geschehen ist. Die Aufnahmen von den ‚Badminton Horse Trials‘ wurden immer wieder im TV gezeigt. In den Zeitungen gab es jede Menge reißerische Schlagzeilen über den Sturz von Neuseelands erfolgreicher Vielseitigkeitsreiterin und dem besten Pferd, das hier je hervorgebracht wurde.“

Nathan bemerkte, dass ihre braunen Augen plötzlich verdächtig schimmerten. Vielleicht hätte er einfach nur Ja sagen sollen. Jock hatte ihm erzählt, wie sehr sie ihr Pferd liebte, dessen Karriere – anders als möglicherweise ihre – für immer beendet war.

„Und jetzt ist mein Pferd in England, und ich bin total nutzlos und allein“, erwiderte Jessica kaum hörbar. „Ich wünschte, ich hätte Teddy in Neuseeland gelassen und den Wettkampf mit einem europäischen Pferd bestritten. Ich weiß, es klingt albern, aber er ist das wunderbarste Tier der Welt, und ich vermisse ihn.“

„Kann ich irgendwie helfen?“

Sie zuckte die Schultern und verzog erneut das Gesicht, als sie aufstand. Nathan sprang auf und streckte ihr eine Hand entgegen, die sie zu seiner Überraschung auch kurz nahm.

„Mir beim Aufsitzen zu helfen, wäre nett.“ Sie tätschelte Patch, bevor sie die Zügel ihres Pferdes ergriff. „Weiß der Himmel, ob ich das je wieder ganz allein schaffen werde.“

Er beugte sich nach unten, umfasste ihr Knie, zählte bis drei und hob sie hoch. Anmutig landete sie im Sattel und hielt sich völlig gerade, obwohl sie bestimmt starke Schmerzen hatte. Ihm war bekannt, dass sie sich den Rücken sowie ein Bein verletzt hatte. Doch er fragte nicht nach, denn er wollte nicht neugierig sein.

„Es tut mir leid, Nathan, wie ich mich vorhin benommen habe. Ich bin für gewöhnlich nicht so schrecklich.“

Er lachte leise. „Schon gut, denn sonst wäre dein Großvater ein Lügner gewesen. Er hat dich nämlich als die perfekte Enkelin geschildert.“

Jessica lachte, und er erwiderte das Lachen. Sie wirkte irgendwie sehr zerbrechlich, gleichzeitig aber auch stark, wie sie auf dem Pferd saß. Nein, sie war nicht gebrochen. Sie war körperlich und emotional angeschlagen. Ähnlich wie er. Nur war er in ihrer Nähe gezwungen, der Stärkere zu sein, selbst wenn er sich in letzter Zeit so verloren und schwach gefühlt hatte.

„Das nennt man dann wohl, etwas durch die rosarote Brille zu sehen“, erwiderte sie, und er lachte erneut.

„Möchtest du allein sein, oder ist es in Ordnung, wenn ich mit dir zurückreite?“

„Klar. Es wird Zeit, dass ich meine Einstellung in Bezug auf Gesellschaft verändere, anstatt so zu tun, als wäre ich allein besser dran.“

Nathan bemühte sich, so elegant wie möglich aufzusitzen, scheiterte jedoch kläglich. Entweder war Jessica zu höflich, um es zu kommentieren, oder sie hatte es nicht bemerkt. Er konnte sich zwar im Sattel halten, aber das war auch schon alles.

„Es ist nicht schlecht, neben der zweitbesten Reiterin der Welt zu reiten.“

„Den Rang werde ich schnell verlieren. Also nutz die Chance, solange du kannst.“

Sie versuchte, sich über ihre Situation lustig zu machen, aber er wusste, wie sehr sie darunter litt. Jock hatte ihm viel erzählt, vor allem über Jessica. Wie hübsch sie in Wirklichkeit war, hatte er ihm allerdings verschwiegen. Die Bilder in den Medien wurden ihr nicht gerecht. Wann immer er sie in Fernsehinterviews gesehen hatte, war sie im Reitdress gewesen und hatte entweder einen Helm getragen oder die Haare zu einem Knoten hochgebunden. Jetzt trug sie die langen blonden Haare offen und sah in T-Shirt und Jeans wie eine völlig andere Frau aus.

Vergiss bloß nicht, dass sie Jocks Enkelin ist, ermahnte er sich. Er durfte mit ihr nicht einfach nur ein bisschen Spaß haben, und zu mehr wäre er momentan nicht in der Lage.

Außerdem war Jessica für ihn tabu. Denn er wusste noch nicht einmal, ob er überhaupt je wieder eine Beziehung würde eingehen können nach dem, was mit seiner Frau geschehen war. Doch das hieß nicht, dass er ihre Gesellschaft meiden musste. Er musste jedoch darauf achten, genügend Abstand zu wahren.

2. KAPITEL

„Was machst du hier in Neuseeland?“, fragte Jessica, während sie langsam ihr Pferd abrieb. Normalerweise würde sie dabei mehr Kraft aufbieten. Aber ihr tat der Rücken plötzlich weh, und sie wollte sich nicht überanstrengen. Vor allem nicht in Anbetracht der Tatsache, dass sie eigentlich so viel wie möglich liegen sollte.

„Ich brauchte eine Auszeit von meinem Job“, antwortete Nathan, der sich um Patch kümmerte.

„Also bist du in einen Flieger gestiegen und hier in Neuseeland gelandet?“

Er lachte leise. „Ja, so in etwa.“

Eigentlich hatte sie nur gewitzelt. Doch allem Anschein nach lag sie mit ihrer Bemerkung gar nicht so falsch. „Und ist es hier wie erwartet?“

Er legte die Bürste weg und verließ die Box. „Nach meiner Ankunft habe ich zunächst das getan, was man als Tourist so macht. Vor mehreren Monaten habe ich dann diese Farm entdeckt, und nun bin ich noch immer da.“

Jessica band ihr Pferd los und bedeutete Nathan, das Gleiche auch mit Patch zu machen. „Du hast dich also bei einem alten Mann und ein paar Vierbeinern verkrochen und dich mit deren Gesellschaft begnügt“, meinte sie scherzhaft, und er lachte.

„Und ich habe mich durch einen Stapel DVDs gearbeitet, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.“

„Das klingt genau danach, was ich tun sollte.“

„Das sagt die Frau, die ausreitet, anstatt die ärztliche Anweisung zu befolgen und sich zu schonen.“

Jessica lächelte, während sie die Pferde nach draußen führten. Es war schön, einfach entspannt mit jemandem zu plaudern, obwohl sie ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie ohne ihren Großvater plötzlich glücklich war. Ihre Gefühle schwankten zurzeit genauso wie ihre Stimmungen. Doch Nathan übte eine unerklärliche Anziehungskraft auf sie aus.

Nachdem sie die Tiere auf die Koppel gebracht hatten, schlenderten sie zu den Stallungen zurück, um die Halfter aufzuhängen. Wieder zu Hause zu sein, ist gut, dachte Jessica. Sie fühlte sich nicht mehr so verloren und war auch ruhiger. „Hier herrscht für dich ein anderer Lebensrhythmus, oder?“

„Ja, das kann man wohl sagen. Ich hatte einen Job, den ich sehr geliebt habe. Doch ich habe nur pausenlos gearbeitet und darüber aus den Augen verloren, was wirklich wichtig war.“

Jessica meinte, eine Traurigkeit bei ihm zu spüren. Es musste einen Grund dafür geben, warum er um die halbe Welt geflogen war und alles in England hinter sich gelassen hatte. Entweder hatte er großes Leid erfahren oder etwas getan, das er bereute. Aber vielleicht machte sie sich diesbezüglich auch zu viele Gedanken.

„Um was für einen Job handelte es sich?“

„Ich war Banker. Ich habe einen Hedgefonds gemanagt und war mehr mit meiner Arbeit verheiratet als …“ Er schwieg unvermittelt.

Was wollte er wohl sagen? überlegte sie, während sie vergebens darauf wartete, dass er weitersprach.

„Erwartest du jemanden?“, erkundigte er sich, nachdem sie den Stall wieder verlassen hatten, und Jessica sah, dass sich ein schwarzes Fahrzeug dem Haus näherte.

„Ich fürchte, das ist der Anwalt. Was bedeutet, dass ich mich der Realität stellen muss, anstatt mich die nächsten Tage zu verstecken.“ Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sie so umgehend aufsuchen würde.

„Kann ich irgendwie helfen?“

Nathans Stimme hatte besorgt geklungen, und sein Blick verriet ihr, dass er es wirklich ehrlich meinte.

„Wie wär’s, wenn du heute Abend auf einen Drink vorbeischauen würdest?“, fragte sie spontan, und er lächelte sie an.

„Ich könnte uns etwas zum Essen organisieren und mitbringen. Du dürftest nicht viel in der Speisekammer vorfinden, und ich bezweifle, dass dir Zeit zum Einkaufen bleibt. Anwälte brauchen ewig bei der Testamentseröffnung.“

Jessica rang sich ein Lächeln ab. Sie wusste, dass ihr Granddad ihr alles hinterlassen hatte. Sie beunruhigten vielmehr die Schulden, die mit dem Erbe verbunden waren. Der Anwalt wollte, dass sie sich schnellstens darum kümmerte, und hatte sie deshalb schon kontaktiert, als sie noch im Krankenhaus gewesen war.

„Das klingt großartig.“

Sie wollte Nathan gern wiedersehen. Außerdem knurrte ihr Magen bei dem Gedanken an Essen, obwohl sie seit ihrem Sturz und dem Tod ihres Großvaters kaum noch Appetit gehabt hatte. Nathan legte ihr die Hand auf die Schulter, so vorsichtig, als wäre er nicht sicher, ob es richtig war.

„Lass dich von ihm nicht drängen, und wenn du jemanden zum Reden brauchst, ich bin gleich nebenan.“

„Danke.“ Zwei Seelen stritten in ihrer Brust. Die eine wollte, dass sie seine Hand abschüttelte, und die andere wünschte sich, er würde sie nie wieder wegnehmen.

„Dein Großvater und ich haben über alles gesprochen. Du kannst mir vertrauen.“

Es interessierte sie sehr, wie es zu dieser engen Freundschaft gekommen war. Jetzt hatte sie jedoch keine Zeit, um es herauszufinden. Aber heute Abend würde sie versuchen, alles zu ergründen, was sie wissen musste.

„So gegen sechs Uhr?“

Nathan nickte. „Bis dann.“

Er nahm die Hand weg und schob sie in die Hosentasche, und Jessica merkte plötzlich, wie beruhigend der körperliche Kontakt gewesen war, obwohl er ein Fremder für sie war. Energischen Schritts ging sie auf das Haus zu, wo der Anwalt bereits vor der Tür stand. Sie hatte keine Ahnung, warum sie bei ihm ein seltsames Gefühl hatte. Sie hatten bisher lediglich miteinander telefoniert. Aber eines war ihr sonnenklar: Sie würde bis zum Umfallen um diese Farm kämpfen, die das Einzige war, das sie noch mit ihrer Mutter und ihrem Großvater verband.

„Sie sagen also, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als das Anwesen zu verkaufen?“

Starr sah Jessica den Mann an und hatte Mühe, das zu verarbeiten, was er ihr gerade erklärt hatte. Energisch kämpfte sie gegen die Tränen an. Wie es schien, hatte sie keine Wahl, auch wenn sie es noch so sehr leugnen wollte.

„Ihr Großvater hat im letzten Jahr nicht die klügsten Entscheidungen getroffen, Ms. Falls. Es tut mir leid, dass ich der Überbringer schlechter Nachrichten bin.“

Er klang ernst, aber er begegnete kaum ihrem Blick, und wenn er es tat, dann nur für einen Moment. Jessica mochte ihn nicht im Geringsten. Auch glaubte sie nicht, dass ihr Granddad sie in so miserablen finanziellen Verhältnissen zurückgelassen hatte und dass er, zu dem sie ihr Leben lang aufgeschaut hatte, in so kurzer Zeit so viel verloren haben sollte. Er war in der Vergangenheit immer so vorsichtig und erfolgreich gewesen.

„Sind Sie sicher, dass nirgendwo … irgendein Fehler unterlaufen ist?“ Sie konnte vor Nervosität nicht mehr sitzen und stand auf. „Da muss noch irgendetwas sein. Es muss zumindest eine Erklärung geben.“

Jessica wandte sich um und sah aus dem Fenster. Sie würde sich von der Farm trennen müssen. Sie hatte nichts. Weder einen Job noch eine Zukunft und auch kein Erbe. Ihr Großvater würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass sie gezwungen war, alles zu verkaufen. Schon allein deshalb konnte etwas nicht stimmen.

„Ms. Falls?“

Sie wollte sich gerade wieder dem Anwalt zuwenden, als sie draußen eine Bewegung wahrnahm. Nathan überquerte den Hof. Er hatte zwei braune Tragetaschen dabei und ging auf die Hintertür zu. Zum ersten Mal, seit sie das Haus betreten hatte, lächelte sie. Wenn jemand ihr helfen konnte, das zu verstehen, was in den Monaten vor Jocks Tod geschehen war, dann war es Nathan.

„Ich brauche ein paar Tage, um das alles zu verarbeiten“, erklärte sie, während sie sich umdrehte. Sie blickte dem Anwalt unmittelbar in die Augen und hatte den Eindruck, dass ihm nicht wohl dabei zumute war.

„Mein Rat ist, den Verkauf der Farm schnellstens in die Wege zu leiten und sich zu überlegen, wie die Verluste so gering wie möglich gehalten werden können.“

Jessica nickte kurz und stützte sich auf den Schreibtisch. „Ich weiß Ihren Rat zu schätzen. Aber ich werde mir die Zeit nehmen, um verschiedene Möglichkeiten zu überdenken.“

Je mehr sie von Nathan erfahren konnte, desto besser. Was jedoch nicht der einzige Grund war, weshalb sie ihn wiedersehen wollte. Er hatte irgendetwas an sich, das sie faszinierte.

„Ich finde allein hinaus“, sagte der Anwalt leise und riss sie aus ihren Gedanken.

Er klang frustriert. Vermutlich hatte er erwartet, dass sie sich fügte und alles unterzeichnete, was er ihr vorlegte. Jessica richtete sich auf und nahm die Schultern zurück. Männer wie er meinten vielleicht, dass sie in ihrer jetzigen Situation schwach sei. Sie war sicher noch nicht die Kräftigste, aber sie war entschlossener denn je. Sie würde wieder in den Sattel steigen, was sie bereits getan hatte, und erneut Wettkämpfe im Vielseitigkeitsreiten bestreiten. Doch vor allen Dingen würde sie ihren Granddad stolz machen und sein Vermächtnis fortführen. Sie würde sich von diesem Anwalt nicht einschüchtern lassen. Schon vor Jahren hatte sie entschieden, dass sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich war.

„Wie lange, sagten Sie, sind Sie der Anwalt meines Großvaters gewesen?“, fragte sie. Er hatte die Aktentasche in der einen Hand und die andere zur Faust geballt.

„Seit einiger Zeit. Für eine genaue Auskunft müsste ich erst in meinen Akten nachschauen.“

Jessica nickte und verfolgte, wie er den Raum verließ. Wenn ihr Gefühl sie nicht täuschte, sollte sie ihm nicht vertrauen. Als Erstes musste sie unbedingt herausfinden, in welchem Geisteszustand ihr Großvater vor seinem Tod gewesen war.

Nathan hatte Jessica am Fenster des Arbeitszimmers stehen sehen, aber er hatte es nicht zu erkennen gegeben. Er hatte sie nicht stören wollen und war zur Hintertür hereingegangen. Als sie nun in die Küche kam, saß er an dem großen Tisch und trank ein Bier. Er hatte erwogen, gar nicht erst zu erscheinen oder wieder zu verschwinden und das Essen samt einer Nachricht dazulassen. Doch dann hatte er beschlossen zu bleiben. Es wurde Zeit, dass er sich der Wirklichkeit stellte und aufhörte, sich zu verstecken.

„Ich hoffe, du hast nichts dagegen.“ Er deutete auf die Bierflasche, und Jessica lächelte ihn an, ganz so, als würde sie sich freuen, ihn zu sehen.

„Du kannst gern den ganzen Vorrat vernichten.“ Sie öffnete den Kühlschrank und schloss ihn wieder, verließ die Küche und kehrte kurz darauf mit einer Flasche Wein zurück. „Der ist mehr nach meinem Geschmack.“ Auf der Suche nach einem Korkenzieher machte sie mehrere Schubladen auf und zu.

„Die Flasche hat einen Schraubverschluss“, sagte Nathan schließlich und schnitt ein Gesicht, als Jessica ihn ärgerlich anschaute.

„Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.“ Sie runzelte die Stirn und schüttelte dann den Kopf. „Ich kann noch nicht einmal eine Flasche Wein öffnen. Das ist heute echt nicht mein Tag.“

Nathan stand auf, lehnte sich über den Frühstückstresen und nahm ihr die Flasche ab. „War die Besprechung schlimm?“

„Schlimmer geht’s nicht.“ Sie holte ein Glas aus dem Schrank und stellte es auf den Tresen. „Ich habe die letzten beiden Stunden hauptsächlich damit verbracht, einem idiotischen Anwalt zuzuhören, der mir weiszumachen versucht hat, dass der Mann, den ich bewundert habe und der sich immer um mich gekümmert hat, entweder nicht mehr bei Verstand oder nicht der clevere Investor gewesen sei, für den ich ihn gehalten habe. Das aber glaube ich nicht für eine Sekunde.“

„So ein Unsinn.“ Nathan war wütend. „Ich habe Jock zwar nur kurz gekannt, aber er war bis zum Schluss im Vollbesitz seiner beachtlichen geistigen Kräfte. Somit stimmen beide Theorien nicht.“

„Wirklich?“ Sie trank einen großen Schluck Wein, den er ihr eingeschenkt hatte. „Meinst du das wirklich und sagst es nicht bloß, damit ich mich besser fühle?“

Er schüttelte den Kopf, kehrte zum Tisch zurück und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Jessica setzte sich ihm gegenüber hin und strich sich die langen blonden Haare hinter die Ohren, während sie ihn unverwandt mit großen Augen anschaute. Nathan zwang sich, zum Fenster hinauszublicken, um sie nicht weiter starr anzusehen. Sie war schön – und wirkte unglaublich feminin und zugleich sehr stark. Und sie hatte etwas an sich, das ihn einerseits anzog und andererseits den Drang in ihm weckte, aufzustehen und zu verschwinden.

„Jock war zwar alt, aber geistig völlig auf der Höhe. Wir haben jeden Tag stundenlang miteinander geredet, und wenn wir uns nicht unterhalten haben, hat er mir etwas über Pferde beigebracht.“

Jessica seufzte und trank noch einen Schluck. „Du meinst also, ich soll dem Anwalt nicht glauben?“

„Ich meine, dass du dir selbst vertrauen sollst.“ Er beugte sich vor und schob ihr die braunen Tragetaschen zu. „Wie wär’s, wenn wir jetzt essen und du mir dabei erzählst, was dieser sogenannte Anwalt gesagt hat?“

„Wie viele Portionen hast du denn da gekauft?“, fragte sie lachend, und er grinste sie an.

„Ich hatte keine Ahnung, was du magst, und bin zum Chinesen gefahren und habe von allem etwas genommen.“

Jessica begann, die Tragetaschen zu leeren, und öffnete kurz eine der darin befindlichen Schachteln nach der anderen. „Mir scheint, wir werden genug übrig behalten, um eine Woche lang über die Runden zu kommen.“

Es gefiel ihm, dass sie ihr anfängliches Misstrauen ihm gegenüber abgelegt hatte. Auch hatte er das Gefühl, dass sie für ihn keine Fremde war. Nachdem Jock ihm so viel über sie erzählt hatte, hatte er sie unbedingt kennenlernen wollen. Dass sie so hübsch war, hatte ihn überrascht. Außerdem hatte er damit gerechnet, dass sie ziemlich am Boden zerstört sei. Aber sie wirkte auf ihn in keiner Weise wie ein gebrochener Mensch, obwohl sie sehr viel zu verkraften hatte.

Nun wollte er unbedingt wissen, was der Anwalt ihr eröffnet hatte. Denn wenn er ihr helfen konnte, würde er es tun. Sie war schließlich die Enkelin des Mannes, der es geschafft hatte, ihn vorm Abgrund zu retten, und der ihm den Glauben an sich selbst zurückgegeben hatte. Er musste noch einen weiten Weg zurücklegen. Doch das Leben war nicht so düster, wie es ihm bei seiner Ankunft hier erschienen war.

Jessica nahm die Plastikstäbchen, öffnete erneut eine Schachtel und fing zu essen an. „Was hältst du von dem Anwesen?“

Die Frage überraschte ihn. „Ich wäre nicht so lange geblieben, würde es mir hier nicht sehr gefallen.“ Er hörte sie seufzen und sah sie an. „Warum willst du das wissen?“

Sie begegnete seinem Blick. „Weil mir laut Anwalt nichts anderes übrig bleibt, als die Farm schnellstens zu verkaufen. Bist du interessiert?“

Er legte die Stäbchen weg. „Meinst du das ernst?“ Er hatte mitbekommen, dass die Dinge nicht gut standen und Jock das Ganze offenbar in keinem geordneten Zustand hinterlassen hatte. Aber dass das Anwesen veräußert werden musste?

„Ich meine das sehr ernst.“

„Bist du sicher, dass du so etwas in Erwägung ziehen musst?“

„Ich hoffe nicht.“ Ihre großen braunen Augen glitzerten verdächtig. „Doch nach dem, was der Anwalt mir heute erzählt hat, weiß ich nicht, was ich sonst tun könnte.“

Nathan nahm sich mit den Fingern eine Frühlingsrolle, tunkte sie in eine Soße und aß sie langsam, während er ihre Antwort zu verarbeiten versuchte.

„Wenn du die Farm veräußern musst, werde ich sie kaufen.“

Jessica lachte. „Ja, klar.“

Er räusperte sich und sah sie an. Er wollte nicht überheblich klingen, aber sie sollte wissen, dass er meinte, was er sagte. Dass er das Anwesen morgen kaufen und es bar bezahlen würde können, wenn es sein musste. „Es ist mein Ernst.“

Sie hörte zu lachen auf und blickte ihn durchdringend an. „Du könntest die Farm tatsächlich kaufen? Einfach so?“

Er zuckte die Schultern. Er wollte keine große Sache daraus machen. Noch vor einigen Monaten hätte er kein Problem damit gehabt, jedem mitzuteilen, was er sich leisten konnte. Doch seit er hier war, wollte er ein anderer Mensch sein. Hier hatte er die dringend benötigte Atempause und die Chance zu einem Neuanfang erhalten. Auch wenn er sich bald der Realität stellen und nach England zurückkehren musste.

„Ja, das könnte ich. Ich würde dann allerdings jemanden brauchen, der das Anwesen verwaltet. Allein deshalb könnte ich dich nicht von hier vertreiben.“

Jessica lächelte. Dennoch war ihm klar, dass sie nicht sicher war, wie sie reagieren oder seine Antwort finden sollte.

„Also sei unbesorgt.“

Sie schob sich einige Nudeln in den Mund und nickte. Doch Nathan spürte, dass in ihr eine Veränderung vorging, als würde sie in ihm plötzlich einen Fremden sehen und nicht mehr den Verbündeten wie noch gerade eben. Geld zog viele Frauen an. Die falschen. Jessica gehörte vermutlich nicht dazu, selbst wenn sie dringend eine Finanzspritze benötigte. Ihre Augen hätten jetzt aufgeleuchtet und ihr Lächeln sich verstärkt. Er kannte die Anzeichen. Sie aber hatte eher beunruhigt dreingeblickt. Dass sie einfach bloß gut darin war, ihre wahren Emotionen zu verbergen, bezweifelte er, denn ihre Trauer war ehrlich gewesen.

„Du hast gesagt, dass du Banker bist?“

„Das war ich. In London“, antwortete Nathan, während er eine andere Schachtel öffnete. Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein. Was es in gewisser Weise auch war. Hier war er ein anderer Mensch geworden.

„Wirst du zurückkehren und wieder in dem Beruf arbeiten?“

Darüber hatte er in letzter Zeit viel nachgedacht und wusste es noch immer nicht. „Dabei ist mir alles genommen worden.“ Energisch verdrängte er die Erinnerungen, die ihn so häufig überfielen und ihm die Ruhe raubten. „Irgendwann muss ich wohl zurück. Momentan bin ich jedoch sehr zufrieden damit, vorzugeben, jemand anders zu sein.“

Jessicas braune Augen leuchteten auf. Als würde sie sich über seine Antwort freuen.

„Bist du bereit, mir zu helfen, herauszufinden, was mit meinem Erbe passiert ist?“

Nathan lächelte. Es war schon lange her, dass er mit einer bezaubernden Frau so geplaudert hatte. Er konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, wann seine Frau und er das letzte Mal das miteinander getan hatten. In den zurückliegenden Jahren waren solche Abende, denen er nicht viel beigemessen hatte, zu kurz gekommen. Nun wusste er es besser.

„Zufälligerweise kann ich mit Zahlen sehr gut umgehen. Wenn du also jemanden brauchst, der sich irgendwelche Transaktionen, Konten oder dergleichen anschaut, bin ich dein Mann.“

In Momenten wie diesen wusste er, dass sein alter Lebensstil nicht das aufgewogen hatte, was er verloren hatte. Diese Erkenntnis würde ihn sein restliches Leben lang begleiten und belasten. Er hatte so sehr versucht, Erfolg zu haben, und dabei das verloren, wonach er jahrelang eigentlich gestrebt hatte. Jessica war für ihn wie ein frischer Wind, obwohl sie Hilfe benötigte. Alles würde bestens sein, solange er nicht vergaß, dass sie nur eine gute Freundin sein konnte, denn sie war nicht nur Jocks Enkelin, sondern auch eine attraktive Frau. Schließlich hatte er England unter anderem deshalb verlassen, um Komplikationen in seinem Leben zu vermeiden.

„Erzähl mir, was der Anwalt gesagt hat.“

Jessica verdrehte die Augen, schob sich noch ein paar Nudeln in den Mund und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Ärger spiegelte sich in ihrem Gesicht.

„Als wir vorhin aufeinandergetroffen sind, habe ich mich ermahnt, nett zu dir zu sein, weil du ein zahlender Gast bist.“

Nathan lachte. „Und jetzt?“

Sie begegnete seinem Blick. „Jetzt?“ Sie zuckte die Schultern. „Jetzt denke ich, dass ich etwas schroff war. Ich kann nicht für immer die Rolle eines weiblichen Robinson Crusoe spielen.“

Was meinte sie damit? fragte er sich.

„Ich bleibe normalerweise für mich und bin schon immer eine Einzelgängerin gewesen“, fuhr sie dann erklärend fort.

Nathan wusste nicht, ob sie einfach nur freundlich war oder ob sie vielleicht mit ihm flirtete. Er kannte sich damit nicht mehr aus. Er hatte im Alter von fünfundzwanzig Jahren geheiratet und war jetzt Anfang dreißig. Selbst wenn er kein Ehemann gewesen wäre, wäre ihm Flirten fremd, denn er hatte seit seinem Studienabschluss von morgens bis spätabends gearbeitet.

„Halten wir also fest. Es freut mich, dass du kein weiblicher Robinson Crusoe mehr sein willst.“

Jessica lachte. Offenbar hatte er das Flirten doch noch nicht ganz verlernt.

„Sag, wie ist es, Banker zu sein?“

Er wollte sich nicht mit der Vergangenheit befassen, was Jessica nicht ahnen konnte. Sie hatte ihm eine völlig normale Frage gestellt. Es war nicht ihre Schuld, dass sie damit schmerzliche und qualvolle Erinnerungen in ihm weckte.

„In meinem ersten Jahr ist einer der anderen Praktikanten gestorben, weil er rund um die Uhr gearbeitet hat“, antwortete er, und sie sah ihn erschrocken an. „Er hatte ein paar Tage lang nicht geschlafen und erlitt einen Herzinfarkt.“

„Das meinst du nicht ernst. Du nimmst mich auf den Arm, oder?“

„Ich wünschte, es wäre so.“ Er schnitt ein Gesicht. „In dem Bereich, in dem ich tätig war, wird den Leuten viel abverlangt. Aber der Job macht süchtig. Manchmal ist deshalb ein ziemlich einschneidendes Erlebnis nötig, um einen aufzurütteln.“

„Und der Tod eines jungen Kollegen hat dich nicht vor dieser Arbeit gewarnt, bevor du dich vertraglich verpflichtet hast?“

Nathan zuckte die Schultern. Er hatte sich diese Frage selbst viele Male gestellt, nachdem er seine Frau verloren hatte. Nichts hätte ihn damals von dem Job abhalten können. Er hatte viel verdient und seine Arbeit geliebt. Bis er seine Frau leblos aufgefunden hatte. Er blinzelte mehrfach, als könnte er so die Erinnerungen vertreiben. Auch die an seine Eltern. Wie sie gewesen waren und welche Erwartungen sie gehabt hatten. Sie hatten praktisch die Berufswahl für ihn getroffen. Doch diesen Teil seiner Vergangenheit wollte er ebenfalls am liebsten vergessen.

„Deshalb bin ich nun hier. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich schließlich erkannt habe, dass es für mich auch ein Leben außerhalb des Nobelviertels Mayfair gibt. Dazu musste ich London verlassen. Ich habe einen geliebten Menschen verloren, was mich viel zu spät veranlasst hat … alles zu überdenken. Aber ich weiß, wäre ich noch einmal einundzwanzig, würde mich nichts von dem Job abhalten.“

Warmherzig blickte Jessica ihn an. „Manchmal zeigt uns erst der Verlust eines geliebten Menschen oder einer geliebten Sache, wie viel uns dieser Mensch oder diese Sache bedeutet hat“, erwiderte sie leise mit heiser klingender Stimme. „Ich habe mein Leben lang die besten Vielseitigkeitsreiter der Welt bewundert, und als ich meine Träume dann verwirklichen konnte, habe ich alles verloren.“

Was sollte er ihr darauf antworten? Nichts würde etwas daran ändern, wie sie sich fühlte. Er hatte das, was passiert war, noch nicht verwunden. Das hieß, dass sie es in der näheren Zukunft ebenfalls nicht würde können.

„Ich wette, jeder erzählt dir, dass es besser werden wird und du es lernen wirst, mit den Geschehnissen umzugehen.“

Jessica nickte bedächtig. „Die einzige Art und Weise, wie ich damit klarkommen werde, ist, erneut Wettkämpfe zu bestreiten.“

Nathan spürte, dass da noch mehr war und sie etwas für sich behielt. Sie blickte an ihm vorbei nach draußen, wo es fast dunkel war.

„Und dann ist da noch Teddy.“

Er wusste sofort, von wem sie sprach, denn er hatte alles über ihren Unfall in der Zeitung gelesen. Da sie ihr Pferd bisher noch nicht erwähnt hatte, hatte er lieber nicht gefragt. Offenbar stand es um den Vierbeiner nicht so gut, denn ihre Augen glitzerten plötzlich verdächtig.

„Hat er sich von … den Verletzungen erholt?“

Jessica schenkte sich Wein nach, seufzte und trank einen großen Schluck, bevor sie aufsah. „Ich werde mit ihm keine Turniere mehr bestreiten können, aber er ist mein Ein und Alles, Nathan. Er hat es verdient, hier auf der Farm alt zu werden und zwischendurch geritten zu werden, wenn er dazu in der Lage ist. Ich möchte ihn bei mir haben“, fügte sie mit bebender Stimme hinzu.

„Wo ist er jetzt?“

„Noch in England. Ich weiß nicht, ob ich je das Geld aufbringen kann, um ihn zurückzuholen. Was heißt, dass ich ihn …“ Jessica schloss die Augen und atmete tief ein. „Dass ich ihn einschläfern lassen muss. Er hat für niemanden mehr einen Nutzen, und ich werde mir die Kosten für den Mietstall nicht mehr lange leisten können.“

Nathan spürte ihren Schmerz und legte spontan seine Hand auf ihre. Er drückte ihre Linke und fragte sich, was in aller Welt er da machte, als er ihr in die Augen blickte. Sie zu berühren, mit einem anderen Menschen so verbunden zu sein, tat fast weh. Aber er zwang sich, die Hand nicht wegzunehmen.

„Wie viel brauchst du, um ihn nach Hause zu holen?“

Sie bewegte ihre Linke kaum merklich. „Zu viel.“

Er ließ ihre Finger los und griff nach seinem Bier. Doch deshalb hatte er seine Rechte nicht weggezogen. Ihre Haut hatte sich so warm und weich angefühlt, dass ihm bewusst geworden war, wie gern er Jessica weiter berühren würde. Wie sehr er es vermisste, mit einer Frau zusammen oder einfach nur einer anderen Person nahe zu sein.

„Finde heraus, was es kostet, und ich kümmere mich darum.“

„Nein.“

„Warum nicht?“ Teddy war ihr so wichtig, dass er die Rechnung, ohne zu zögern, begleichen würde. „Dein Großvater hat mir sehr viel bedeutet. Also betrachte es als meine Art und Weise, mich bei ihm zu bedanken.“

„Egal, wie viel er für dich getan hat. Er würde dich nicht dreißigtausend Dollar bezahlen lassen, um ein pensioniertes Pferd nach Hause zu holen.“

Nathan lachte und zog eine Braue hoch. „Ich dachte, du würdest nicht wissen, wie viel es kostet.“

Jessica zuckte die Schultern. „Das ist eine grobe Schätzung. Ich werde es mir aufgrund der Situation nie leisten können, Teddy herzubringen, und ich nehme von niemandem Almosen an.“ Sie seufzte. „Außerdem muss ich die Farm verkaufen. Das aber bedeutet, ich werde keinen Platz haben, wo ich ihn oder die anderen Pferde halten könnte. Ich muss mich den kalten, harten Fakten stellen.“

Er sah den traurigen Ausdruck in ihren Augen, während sie gleichzeitig die Lippen energisch zusammenpresste. „Wenn du ihn hierhaben möchtest, werde ich dafür aufkommen. Ohne irgendwelche Verpflichtungen deinerseits. Und ich werde Patch im Eventualfall kaufen und einen schönen Stallplatz bezahlen, solange er ihn braucht.“

Jessica lächelte ihn an. „Vielen Dank. Das alte Pferd bedeutet mir ebenfalls sehr viel.“

Mit großer Mühe widerstand er dem Drang, sie erneut anzufassen. In Neuseeland zu sein, hatte seine Perspektive verändert. Er schätzte jetzt die einfacheren Dinge, die er den größten Teil seines Lebens als selbstverständlich betrachtet hatte. Doch bisher hatte er auch sein Alleinsein geschätzt. Vielleicht hatte er aber nur Angst davor gehabt, wieder jemanden nah an sich herankommen zu lassen. Und jetzt? Er wusste, dass er lang genug allein gewesen war.

„Also lässt du mich ihn kaufen?“

„Ja. Im Eventualfall. Ich möchte jedoch meine eigenen Kämpfe gewinnen, Nathan, und das bedeutet, dass ich niemandem zur Last fallen möchte.“

Offenbar hatte sein Angebot sie verletzt. „Ich darf dir bei dem einen Pferd helfen, bei dem anderen aber nicht?“, fragte er.

„Es gibt einen Unterschied. Du magst Patch und hängst an ihm. Wenn ich zulasse, dass du mir bei Teddy hilfst, stehe ich in deiner Schuld, die ich nie begleichen könnte.“ Sie lachte nervös auf. „Außerdem habe ich noch nie die Geliebte eines vermögenden Mannes sein wollen.“

Jetzt hätte er etwas entgegnen sollen. Doch er blickte sie nur starr an. Sein Leben lang war er von Menschen umgeben gewesen, die Reichtum beeindruckte, und er hatte gesehen, wie Frauen sich um wohlhabende Männer scharten. Jessica aber wies ihn ab, weil er viel Geld besaß. Geld, das sie dringend brauchte. Es hätte ihm egal sein sollen. Irgendetwas an ihrer Antwort weckte sein Interesse jedoch noch mehr und bewirkte, dass er ihr erst recht helfen wollte. Es war eine Herausforderung, die er nicht ignorieren konnte und die ihn seine Dämonen vergessen ließ. Zumindest für den Moment.

„Ich glaube, wir sind in gewisser Weise vom Weg abgekommen“, erwiderte er schließlich und brach das Schweigen.

Jessica zog die Brauen hoch.

„Ein fröhliches Essen und ein paar Drinks standen eigentlich für heute Abend auf dem Programm.“

„Und dass du mir hilfst, das Rätsel rund um Großvaters Verschuldung zu lösen“, fügte sie hinzu und lächelte wieder.

„Lass mich morgen all seine Unterlagen durchgehen“, schlug er vor, auch um einen Vorwand zu haben, sie erneut zu sehen. „Ich bin durchaus in der Lage, herauszufinden, ob jemand ihn betrogen hat.“

„Darauf trinke ich.“

Jessica hob ihr halb leeres Glas und Nathan seine Bierflasche. Und ihr Lächeln ging ihm tief unter die Haut. Dabei hatte er geglaubt, dass die Verletzungen seiner Seele nie heilen würden.

„Also erzähl mir von deinem tollen alten Pferd.“

„Aber hallo. Wen nennst du denn da alt?“

Jessica lehnte am Türstock und beobachtete, wie Nathan sich mit langsamen Rückwärtsschritten vom Haus entfernte. „Danke fürs Kommen.“

Er blieb noch einmal stehen. „Dann fangen wir morgen mit den Nachforschungen an?“

„Vielleicht sollten wir lieber ausreiten“, schlug sie vor, denn ihr gefiel die Vorstellung, Zeit mit ihm zu verbringen.

„Das klingt gut. Also bis morgen.“

Sie blickte hinter ihm her, während er die Auffahrt entlangging und den Rasen überquerte, um zum Cottage zu gelangen. Mit ihm zusammen zu sein, tat ihr gut, weil es sie von ihren trüben Gedanken ablenkte.

Schließlich wandte sie sich um und kehrte in die Küche zurück, wo sie gemütlich gesessen hatten. Sie würde schnell hier aufräumen und sich danach ins Bett legen. Doch sie würde nicht rasch einschlafen können, obwohl sie unglaublich müde war. Jedenfalls nicht heute.

Beim Aufräumen dachte sie an Nathan und ihren Granddad. Der eine bewirkte, dass ihr in seiner Gegenwart der Körper kribbelte, und der andere verursachte ihr Sorgen, dass sie das Letzte in ihrem Leben verlor, das ihr wirklich etwas bedeutete. Sie war ohne Vater aufgewachsen, trotzdem hatte sie kein anderes männliches Vorbild als Jock gebraucht. An ihre Mutter wollte sie lieber nicht denken, um nicht an die mit dieser im Zusammenhang stehenden traumatischen Geschehnisse erinnert zu werden.

Jessica verließ die Küche, um nach oben zu gehen, da bemerkte sie, dass sie vergessen hatte, im Arbeitszimmer das Licht auszuschalten. Es schien ihr ein Zeichen zu sein. Sehnsüchtig blickte sie noch einmal die Treppe hinauf und wandte sich dann ab. Sie konnte noch ihr restliches Leben lang schlafen, hatte aber nur noch wenig Zeit, um das zu retten, was sie liebte.

Während sie zum Schreibtisch ging, reckte und streckte sie sich. Sie durfte nicht vergessen, ihre Übungen zu machen, damit sie nicht zu steif wurde. Dann könnte sie nicht mehr in den Sattel steigen, und ein Leben ohne Reiten war für sie nicht wirklich lebenswert.

3. KAPITEL

Tapfer hielt Jessica den Schmerz aus, den die Yogaübung verursachte. Es wäre sicher gut, einen entsprechenden Kurs zu besuchen. Doch sie bezweifelte, dass es einen in der Nähe gab. Vermutlich würde sie eine Stunde dorthin fahren müssen, und die Zeit hatte sie nicht. Und das Gleiche galt bestimmt ebenfalls für eine Behandlung bei einem routinierten Akupunkteur.

„Das sieht aber ziemlich schmerzhaft aus.“

Jessica erstarrte und schloss die Augen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Nathan so früh auf den Beinen sein und auch noch bei ihr vorbeischauen würde. Nach einem Moment entspannte sie sich wieder und blickte zu ihm hinüber. Er trug wie sie Trainingssachen.

„Schmerzhaft ist noch eine Untertreibung.“ Langsam stand sie von der Matte auf. „Doch wenn ich je wieder körperlich fit werden möchte, muss ich das auf mich nehmen.“

Er lachte. „Genau das habe ich gedacht, als ich erneut zu laufen angefangen habe. Es ist zehn Jahre her, dass ich die Bürgersteige in London entlanggejoggt bin. Allmählich kommt meine alte Form zurück.“

„Ein weiterer Vorteil, wenn man den Job an den Nagel hängt?“ Jessica nahm ihre Wasserflasche und trank einen großen Schluck.

„So in etwa.“

Starr sahen sie sich einen Moment an.

„Ich würde dich ja zum Frühstück hereinbitten, aber ich kann dir nicht wirklich etwas anbieten.“ Sie hatte nur tiefgefrorenes Brot und musste dringend einkaufen.

„Wie wär’s, wenn du mir fünf Minuten zum Duschen lässt und dann ins Cottage kommst? Ich bin zurzeit auf einem Gesundheitstrip, und mein Kühlschrank ist voll.“

Mit Nathan zu frühstücken, wäre super. Sie hatte eine lange Nacht hinter sich und fühlte sich schrecklich. „Gib mir auch eine halbe Stunde zum Frischmachen“, erwiderte sie lächelnd.

„Klar.“

„Wenn du aber auf einem Gesundheitstrip bist, wie passen dann die fettigen Nudeln und die Frühlingsrollen von gestern Abend in dein Programm?“, fragte sie, als er sich umdrehen wollte.

Nathan lächelte sie schalkhaft an. „Zwischendurch ist eine Sünde gestattet. Außerdem machst du den Eindruck, als könntest du ein leckeres Essen gut gebrauchen“, antwortete er, bevor er sich endgültig umwandte und in Richtung Cottage joggte.

Jessica ging auf das Holzhäuschen zu. Sie war schon lange nicht mehr dort gewesen und sah voller Freude, dass eine Seite noch immer von der Kletterrose bedeckt wurde. Früher hatte sie dort mit ihrer Mom gewohnt, bis ihr Großvater diese überzeugt hatte, dass es verrückt war, auf ihrer Unabhängigkeit zu bestehen. Dann waren sie ins Haupthaus gezogen, und das Cottage war von Freunden oder von Gästen genutzt worden, wenn Jock in den letzten Jahren etwas Gesellschaft hatte haben wollen. Zumindest hatte sie das geglaubt. Doch jetzt fragte sie sich, ob er die Mieteinnahmen gebraucht hatte.

Jessica fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Es war eine nervöse Angewohnheit, zu der sie neigte, wenn sie es offen trug. Meistens hatte sie es zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst oder zu einem Zopf geflochten, weil es wegen des Reithelms praktischer gewesen war. Es nicht mehr machen zu müssen, war der einzige Vorteil, den ihr Unfall hatte.

„Hallo.“

Sie schaute auf und sah Nathan in ausgebleichten Jeans und weißem T-Shirt auf der Haustürschwelle stehen. Im nächsten Moment verschwand er wieder nach drinnen, und sie ging langsam auf die Veranda zu.

Der Tisch war bereits gedeckt. Sie ließ die Hand über die Rückenlehne eines Stuhls gleiten und erinnerte sich lächelnd an die Male, die sie hier draußen gesessen hatte. Zunächst zusammen mit ihrer Mutter. Dann als kleines Mädchen, als sie so getan hatte, als hätte sie Gäste zum Tee eingeladen. Auch später als Teenager war sie hier gewesen. Und nach dem Tod ihrer Mutter war es seltsam tröstlich gewesen, herzukommen und sich an sie zu erinnern. Entweder war sie allein gewesen, oder ihr Großvater hatte schweigend neben ihr gesessen.

Jessica fuhr sich über die tränennassen Augen, als sie von drinnen Nathans Schritte hörte. Unwillkürlich hatte sie an jenen Tag denken müssen, an dem spätabends die Polizei aufgetaucht war, um Jock und ihr mitzuteilen, dass seine Tochter beziehungsweise ihre Mom bei einem Verkehrsunfall umgekommen sei.

„Hoffentlich erwartest du nichts Großartiges.“ Nathan stellte zwei Schalen auf den Tisch. „Seit ich hier bin, habe ich angefangen, einfache Sachen zu essen.“

Sie blickte von ihm zum Tisch. „Meinst du das ernst? Was ist daran einfach?“ Die Schalen waren mit Müsli gefüllt, darauf diverse unterschiedliche Beeren.

„Der Wochenmarkt hier ist fantastisch. Du solltest morgen einmal mitkommen“, rief er noch über seine Schulter, bevor er im Haus verschwand.

Jessica hatte sich gerade auf dem Stuhl niedergelassen, als Nathan mit einer weiteren Schale nach draußen zurückkehrte und sich ihr gegenüber hinsetzte.

„Das ist Kokosnussjoghurt, und ich sage dir, dass du nie etwas Besseres essen wirst.“

Jessica musste lachen. „Ein Kokosnussjoghurt? Als Nächstes erzählst du mir noch, dass du den ganzen Tag über meditierst.“

„Nun ja“, begann er mit ernster Miene und grinste sie einen Moment später an. Sein Lächeln täuschte jedoch nicht darüber hinweg, dass er nicht so unbekümmert war, wie er sich jetzt gab. „Ich versuche einfach nur, gesund zu bleiben. Das ist alles. Ich esse viele Naturprodukte, koche selbst und treibe Sport. Ich tue jetzt die Dinge, die ich zu lange vernachlässigt habe.“ Er lachte auf. „Aber Meditation und Pilates stehen noch nicht auf meinem Programm.“

Er schob die Schale mit dem Joghurt in ihre Richtung, und Jessica nahm ihren Löffel und bediente sich.

„Es ist wirklich fantastisch.“

„Habe ich doch gesagt. Das ist mit Passionsfrucht. Mein Lieblingsjoghurt. Allerdings reicht er nicht an das Schokoladen-Kokosnuss-Eis heran.“

Jessica kostete etwas Müsli. „Dein Gesundheitstrip hat dich sehr schmackhafte Sachen entdecken lassen. Wie bist du darauf gekommen?“

Nathan räusperte sich. „Ein Herzinfarkt bringt einen ins Grübeln.“

Fast hätte sie den Löffel fallen lassen. Sprach er etwa von sich selbst? Sicher nicht. „Geht es dabei um deinen Vater oder jemand anders, der dir nahesteht?“

„Nein, um mich.“

„Aber du dürftest erst Anfang dreißig sein.“

„Stimmt. Zweiunddreißig. Viel zu jung für einen Herzinfarkt. Trotzdem ist es passiert.“

Verwirrt nahm sie noch etwas Müsli.

„Was ist mit dem Marktbesuch?“

„Mit dem Marktbesuch?“, wiederholte sie geistesabwesend, denn sie war noch dabei, das Gehörte zu verarbeiten.

„Der Wochenmarkt. Morgen.“

„Entschuldige, ich bin in Gedanken noch immer bei der Sache mit dem Herzinfarkt.“

Er sah sie an. Der Blick seiner blauen Augen verriet Wärme, und Jessica sah Nathan wie gebannt an.

„Jetzt verstehst du, warum ich versuche, gesund zu leben, oder? Und dass es sich nicht einfach bloß darum dreht, an irgendeinem verrückten Neujahrsvorsatz festzuhalten. Ich habe alles verändert: meinen Lebensstil, meine Einstellung, alles.“

Sie wollte noch mehr erfahren, war aber nicht mutig genug, um zu fragen. „Auf den Wochenmarkt zu gehen, klingt super. Vielleicht kannst du mir dann auch sagen, was ich kaufen und wie ich alles kombinieren soll.“

„Überleg, was Höhlenmenschen gegessen haben, dann hast du es schnell raus“, witzelte er.

Dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte, war unglaublich. Doch es musste noch mehr passiert sein. Da war sie sich sicher. Sein Blick verriet oft eine gewisse Traurigkeit. Während er sie jetzt anlächelte, war das allerdings nicht der Fall.

Je näher sie auf die dreißig zuging, desto mehr befasste sie sich mit der Tatsache, dass sie schon so lange keine Beziehung mehr gehabt hatte. Sie misstraute dem anderen Geschlecht, was sie aber nicht endlos auf ihren unzuverlässigen Vater schieben konnte. Doch sie war zutiefst davon überzeugt, dass es seine Schuld war. Auch nicht jeder Mann war wie ihr Ex. Nach zwei Jahren sollte sie endlich anfangen, sich das zu sagen – und es zu glauben.

Und bei Nathan … Vielleicht lag es einfach bloß daran, dass sie lange niemanden mehr kennengelernt hatte, der sie angezogen hatte. Aber in seiner Nähe war es schwierig, nicht darüber nachzudenken, wie ihr Körper auf ihn reagierte.

Als er am Abend zuvor die Hand auf ihre gelegt hatte, hatte ihr Körper zu kribbeln angefangen. Jetzt würde sie gern die Finger über seinen Arm gleiten lassen und seine warme Haut spüren. Doch sie hatte den richtigen Moment verpasst. Als er ihr von seinem Herzinfarkt erzählt hatte, hätte sie ihn berühren können. Nun würde es nur seltsam erscheinen. Außerdem war sie nicht sicher, was sie empfand und wollte.

„Hast du vor, heute irgendwelche Unterlagen deines Großvaters durchzusehen, um festzustellen, wo es schiefgelaufen ist?“

Jessica gähnte. „Würdest du mir glauben, wenn ich dir sagte, dass ich mich bis fast vier U...

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