Gewagtes Spiel mit dem Playboy
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Um beim Poker gegen Playboy Ewan Kincaid zu gewinnen, muss Profi-Spielerin Jessie aufs Ganze gehen. Spontan bietet sie ihm, was immer er will …
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Um beim Poker gegen Playboy Ewan Kincaid zu gewinnen, muss Profi-Spielerin Jessie aufs Ganze gehen. Spontan bietet sie ihm, was immer er will …
Millie Adams
Gewagtes Spiel mit dem Playboy
IMPRESSUM
JULIA erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: kundenservice@cora.de |
| Geschäftsführung: | Katja Berger, Jürgen Welte |
| Leitung: | Julia Fischer (v. i. S. d. P.) |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion) |
© 2023 by Millie Adams
Originaltitel: „The Billionaire’s Accidental Legacy“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: MODERN ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Denise Großmann
© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: JULIA EXTRA, Band 547 (2) 2024
Abbildungen: Harlequin Books S.A.
Veröffentlicht im ePub-Format im Oktober 2026.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751547826
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt.
JULIA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL
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Jessie Hargreave war in dem Glauben erzogen worden, dass es zwei Arten von Menschen gab: ängstliche und angsteinflößende. Sie und ihre Schwester Maren waren bei einem millionenschweren soziopathischen Gangsterboss aufgewachsen, der ihnen beigebracht hatte, die Wünsche und Bedürfnisse anderer gering zu schätzen. Wichtig war nur, was man selbst wollte. Und wie man andere dazu brachte, es einem zu geben. Ihre sanfte, flatterhafte Mutter hatte es nie geschafft, sich ihrem Vater zu widersetzen. Am Ende war sie gegangen, um sich einfachere Männer zu suchen, die nicht ganz so viel verlangten für ein Leben in Luxus. Jessie und ihre Schwester hatte sie zurückgelassen.
„Jetzt habe ich Angst“, hatte Maren in der Nacht, als ihre Mutter sie verließ, weinend geflüstert. „Ich will nicht ängstlich sein! Aber angsteinflößend will ich auch nicht sein!“
Die arme Maren hatte den gleichen bemerkenswerten Verstand wie Jessie, besaß aber auch ein feines Gespür für Gefühle. Das überwältigte sie manchmal. Jessie betrachtete es als ihre wichtigste Aufgabe, ihre gefühlvolle kleine Schwester zu beschützen. Maren war achtzehn Monate jünger als sie, und wenn nötig, würde Jessie für sie sterben.
Nur sollte jemand mit ihrem Verstand nichts derart Dramatisches tun müssen! Es war weitaus klüger, Probleme durchzudenken und zu lösen, als irgendwelche Verzweiflungstaten zu begehen.
„Es muss eine geheime dritte Option geben“, hatte Jessie pragmatisch gesagt.
„Und welche?“
„Keine Ahnung, aber ich finde es heraus.“
Und das hatte sie. Die beiden Schwestern waren von Natur aus weder ängstlich noch angsteinflößend. Sie bewegten sich im Graubereich zwischen den Extremen. Und im Lauf der Zeit wurden aus ihnen schattenhafte Kämpferinnen, die die Schwächen jener ausnutzten, die glaubten, ihnen Angst einflößen zu können.
Jessie hielt sich nicht für Robin Hood, obwohl auch sie von den Reichen stahl, schließlich verteilte sie ihre Beute nicht an die Armen. Ausgenommen sie zählte sich selbst und ihre Schwester zu den Armen, doch diese Zeiten waren längst vergangen!
Heute konnte man sie und Maren durchaus als reich bezeichnen, und dafür hatten sie beide hart gearbeitet. Die letzten drei Jahre hatten sie in Casinos und privaten Pokerrunden gespielt, dabei langsam ein kleines Vermögen angehäuft, es wieder eingesetzt und in ein noch größeres Vermögen verwandelt. Das Spiel heute sollte das letzte sein.
Jessie hatte nicht viel von ihrem Vater gelernt, außer was man nicht tun sollte. Mit zwölf und dreizehn hatten Maren und sie beschlossen, sich nicht länger an den Spielchen ihres Vaters zu beteiligen. Doch bevor sie eine Flucht wagen konnten, mussten sie erst sorgfältig planen. Ihr Vater war wie sie. Ihm entging nichts. Sie hatten nur einen Versuch.
Ihr Vater hatte die Schwestern schon früh für seine Betrügereien eingesetzt, das war seine Welt. Er besaß eine obszöne Menge Geld und verdiente noch mehr, indem er sein Geld an Menschen verlieh, die er anschließend ausbeuten konnte. Maren und Jessie hatten ihm dabei helfen müssen. Jessie erinnerte sich noch, wie ihr Vater sie aufforderte, einen Mann am Bahnhof auszufragen. Sie sollte so tun, als hätte sie sich verlaufen.
„Er heißt Marcus“, berichtete sie anschließend ihrem Vater. „Er hat eine Enkelin. Ihr Name ist Eloise. Sie lebt in London.“
Wenn sie damals nur gewusst hätte, was ihr Vater mit diesen Informationen anstellen würde! Die Bilder verfolgten sie immer noch, obwohl sie längst ihren bewährten Trick angewandt hatte, um ihre Gefühle zu verdrängen: In ihrem Kopf begab sie sich in einen großen Raum und stellte sich ein Band aus blauer Seide vor. Sie stellte sich vor, dass es an ihre Gefühle gebunden war und ihre Gedanken mit ihnen verband. Dann nahm sie eine Schere und schnitt das Band durch – und ließ die Gefühle hinter sich.
Vor fünf Jahren, mit siebzehn und achtzehn, waren Maren und sie ihrem Vater endlich entkommen. Jessie hatte ein Ziel. Sie brauchte keine Gefühle.
Die beiden Schwestern würden weder ängstlich noch angsteinflößend sein. Sie würden sich das Leben erspielen, das sie wollten. Außerdem entschieden sie, dass es ein Endspiel geben musste. Denn wenn man sich einmal in die trüben Gefilde des Trickbetrugs begab, konnte man sich leicht darin verlieren. So verlor man nach und nach jede Moral – und das wollten sie nicht.
Jetzt war es so weit. Der letzte Auftritt stand bevor. Ihre Betrugsmasche war schockierend einfach. Sie waren neu, sie waren jung, und sie waren Frauen. Schöne Frauen noch dazu, das wusste Jessie und nutzte ihre Schönheit als Vorteil. Eitel war sie nicht. Schönheit war nichts weiter als ein gut sitzendes Kleid. In diesen Kreisen konnte man Schönheit ebenso einfach an- und ablegen wie ein Kostüm. Niemand achtete auf ihr Gesicht. Sie guckten auf ihre roten Lippen und ihr Dekolleté. Diesem Dekolleté war es zu verdanken, dass sie unterschätzt wurde. Von all den Männern, die sich für cleverer und besser hielten. Männer, die glaubten, jeden Raum lesen zu können. Und vor allem Männer, die glaubten, immer zu gewinnen.
Deswegen fühlte Jessie sich auch nicht schuldig. Wer spielte, konnte verlieren. Und wer einen Gegner aufgrund seines Äußeren unterschätzte, war ein Dummkopf. In der Redensart „Hochmut kommt vor dem Fall!“ steckte viel Wahrheit. Wenn sie der Grund für solch einen Fall war, umso besser. Vor allem, wenn das Geld des Hochmütigen direkt in ihre Tasche floss.
Doch ihr Entschluss stand fest, es würde ein Limit geben. Es hatte sie einige Mühen gekostet, die Einladung zu diesem exklusiven Pokerspiel zu ergattern. Sie und ihre Schwester waren noch immer unbekannt. Das war wichtig. Sie blieben unter dem Radar, damit ihr Vater nicht auf sie aufmerksam wurde. Junge Frauen, die bei Pokerspielen absahnten, hätten leicht Schlagzeilen machen können, wenn sie sich nicht auf private Spiele, besonders auf Spiele in Adelskreisen, beschränkt hätten. Dabei handelte es sich meistens um Leute, die keine Aufmerksamkeit erregen wollten.
Die Schwestern waren keine Meisterinnen der Verkleidung, das brauchten sie aber auch nicht zu sein. Ein anderes Kleid, eine andere Haarfarbe, und schon fielen sie nicht weiter auf. Außerdem spielten sie nie zweimal mit denselben Leuten.
Der heutige Abend war anders. Heute spielten sie in erlesener Runde. Und deshalb war heute Schluss. Wenn sie gewannen, wäre der Preis höher als je zuvor, und sie könnten das Ganze hinter sich lassen und völlig neu anfangen!
Maren hatte Wind von dem heutigen Spiel bekommen: ein geheimes Pokerspiel auf einem alten englischen Landsitz. Nur auf Einladung. Marens besondere Fähigkeit war ihre Sanftheit. Sie war üppig und hübsch und hatte große runde Augen, die immer ein wenig verletzt dreinschauten. Männer liebten ein verletztes Vögelchen. Wenn sie seufzte, ihnen zuhörte und ihr Mitgefühl aussprach, legten sie ihr die Welt zu Füßen. Sie hatte in einem Gentlemen’s Club gearbeitet, als sie von dem Spiel hörte. Den Job hatte sie nur angenommen, um an Informationen zu kommen. Niemand konnte behaupten, dass Maren oder sie je einen Tag harte ehrliche Arbeit geleistet hätten. Ehrliche Arbeit brachte nicht genug ein.
Mit ihrer sanften Stimme und ihren großen Augen konnte Maren aus jedem Informationen herausholen. Sie verstand es extrem gut, dumm zu erscheinen. Aber war es ihre Schuld, wenn andere Weiblichkeit als Schwäche ansahen? Maren nutzte das aus. Sie war keine Sirene, sondern das liebe kindliche Mädchen. So unschuldig, dass man in ihrem Beisein auch ganz offen über lukrative Pokerspiele reden konnte …
Mit naiven Fragen und etwas Gekicher an den richtigen Stellen hatte Maren alles über dieses Spiel in Erfahrung gebracht. Dank ihres fotografischen Gedächtnisses prägte sie sich die Einladung ein. Später rief Jessie die Assistentin des Organisators an und überredete sie, ihr und ihrer Schwester Einladungen an ihre Decknamen zu schicken, unter dem Vorwand, dass ihr Onkel ihnen von dem Spiel erzählt hätte. Natürlich hatten sie auch die Details ihres falschen Onkels. Einschließlich der Seriennummer auf dem Ticket.
Jessie strich ihr silbriges Kleid glatt, das wie flüssiges Metall über ihren Kurven schimmerte. Maren war heute Abend in Gold gekleidet, was besser zu ihrem roten Haar passte – gefärbt, natürlich. Sie waren nicht dort, um wie Schwestern auszusehen. Jessies natürliche Haarfarbe war Dunkelbraun, doch für den Abend hatte sie sie schwarz getönt. Heute Abend würden die Schwestern in unterschiedlichen Sälen und an verschiedenen Tischen spielen.
Jessie wusste genau, gegen wen sie heute spielen wollte. Ewan Kincaid. Der Herzog von Kilmorack.
Ein Herzog! Wie archaisch, wie lächerlich! In den letzten Jahren hatte er ein Vermögen an allen möglichen Spieltischen verprasst und mit seinem lockeren Lebenswandel Schande über seinen Titel und den Namen seines Vaters gebracht. Er verlor aber nicht nur, sondern gewann auch enorme Summen und galt vielen als bester Kartenspieler bei hochdotierten Spielen. Außerdem war er ein lüsterner Playboy. Ein dekadenter zügelloser Glücksspieler.
Und ohne Zweifel der schönste Mann, den Jessie je gesehen hatte.
Sie wollte nicht an ihn denken, tat es aber trotzdem. Schon seit sie ihm das erste Mal begegnet war. Sie hatte ihn auf Fotos gesehen, weshalb sie ihn vor vierzehn Monaten in einem Casino auch sofort erkannt hatte. Nur auf seine Wirkung war sie nicht gefasst gewesen. Dieser Mann war einfach unvergesslich!
Er hatte sich im öffentlichen Casinobereich aufgehalten, wo ihn jeder sehen konnte. Ihm gefiel der große Auftritt. Ihr nicht. Sie hatte sich an den Rändern des Casinos herumgedrückt und gehofft, sich in ein High-Roller-Zimmer schleichen zu können. Und da war er. Er trug einen schwarzen Anzug, der seine breiten Schultern und schmalen Hüften betonte, und überragte die anderen Spieler um einen ganzen Kopf. Er übte eine verheerende Wirkung auf ihren Verstand aus. Ihre Blicke prallten aufeinander. Und plötzlich spielte Jessies Kopf Fantasien ab, die sie nie zuvor gehabt hatte. Seine Hände auf ihrem Körper. Seine breiten Schultern ohne Jackett …
Von dem Moment an hatte sie sich nach ihm verzehrt.
Einen Monat danach hatte sie Ewan Kincaid in Monaco von Weitem wiedergesehen. Bewusst war sie auf Distanz geblieben. Sie hatte ihn vom oberen Stockwerk aus angestarrt, bis er sich umdrehte – und sie weglief. Ihr Puls raste, und zwar nicht vor körperlicher Anstrengung.
Dann kam Capri. Sie spielte gerade und gewann. Da war er hereingekommen und hatte sich an einen anderen Tisch gesetzt. Er hatte sie gesehen. Als sie später ihren Gewinn abholte, war er ihr gefolgt.
„Ich kenne Sie.“
Es war ein außerordentlicher Moment. Sie war gesehen worden. Ihr war, als würde sich dieses sauber durchtrennte blaue Band plötzlich wieder zusammenfügen, und ihr Herz trat die Flucht an. Ihr verschlug es den Atem. „Ich bin niemand.“
„Sie waren in Las Vegas. Vor ein paar Monaten.“
„Ich war noch nie in Vegas.“ Eine Lüge. Sie war in Reno geboren. Sie war öfter in Vegas, als sie zählen konnte. Seine Augen hatten sie gefesselt. Blau. Auf einer Seite ein grüner Fleck. Auf der anderen ein goldener.
„Lügnerin.“
„Sie verwechseln mich.“
„Ich verwechsle nie jemanden.“ Dann berührte er sie. Sein Finger streifte ihren nackten Arm.
„Ich muss mein Preisgeld abholen“, sagte sie.
„Ich hätte nichts dagegen, Teil des Preispakets zu sein.“
Ihr Herz pochte so heftig, dass ihr schwindlig wurde. „Nicht heute.“
Dann war sie wieder geflohen. Sie verhielt sich wie die Ängstlichen, dabei wollte sie doch niemals ängstlich sein! Deshalb musste sie ihn heute Abend bezwingen. Ewan Kincaid hatte ihr Angst eingejagt. Er war ihr unter die Haut gegangen. Sie wollte ihn. Und sie wollte vor ihm davonlaufen.
Jetzt hoffte sie, ihn zu besiegen. Natürlich hatte sie ihrer Schwester nichts von seiner Schönheit gesagt. Oder was sie von ihm hielt. Sie hatten Regeln, was Männer anging. Sehr strikte Regeln. Und Jessie beugte diese Regeln gerade etwas.
Es war unwahrscheinlich, dass sie sofort mit ihm spielen konnte. Es war nicht einmal sicher, ob sie in die gleiche Stufe eingeteilt werden würden. Doch allein bei dem Gedanken, wieder in seiner Nähe zu sein, fühlte Jessie sich schwach. Sie nahm sich ein Glas Champagner. Drei Schlucke durfte sie trinken, den Rest des Abends tat sie lediglich so. Das war von Vorteil. Je mehr sie trank, desto weniger hielten sich die anderen zurück. Und es freute sie, wenn ihre Gegner nicht mehr so klar dachten.
Nicht, dass sie das nötig gehabt hätte. Sie konnte auch gewinnen, wenn ihre Gegner in Bestform waren. Doch niemand sollte merken, warum sie gewann und mit welcher Leichtigkeit. Sie verlor stets ein paar Mal. Oft genug, um jeden Verdacht abzulenken.
Jetzt näherte sich Jessie zielbewusst einem der Kellner. Keine der Kellnerinnen und keiner der heterosexuellen Männer kam für sie infrage. Sie wusste genau, mit wem sie sprechen musste. Sie brauchte jemanden, der sich von ihrer Schönheit nicht bedroht fühlte, sie aber auch nicht für sich wollte.
„Ich weiß, es gehört sich nicht, aber wissen Sie, an welchem Tisch Ewan Kincaid spielt?“
Der Mann zog die Brauen hoch. „Wenn Sie wissen, dass sich das nicht gehört, warum tun Sie es dann?“
„Tut mir leid.“ Sie versuchte, dümmlich und überwältigt auszusehen. „Ich bin ein wenig in ihn verknallt. Und ich möchte nur kurz an seinem Tisch sitzen. Ich bin nicht sehr gut. Ehrlich, ich bin nur hier, um … Sie wissen schon.“
Er lächelte verschmitzt. „Sie wollen den Jackpot knacken.“
„Richtig“, erwiderte sie lächelnd. Nur nicht so, wie er meinte.
„Er spielt im Westflügel. Die Einsätze sind extrem hoch. Aber er ist …“
„So heiß, oder? Ich mache mir keine Gedanken wegen des Geldes. Ich kann mir den Eintritt leisten.“
„Und Sie wollen das Geld für eine Nacht in seinem Bett hinauswerfen?“
„Wie ich höre, ist er es wert.“
„Er sieht definitiv so aus, aber er macht es auch umsonst.“
„Nichts Gutes ist umsonst.“
„Wohl wahr.“
Sie legte die Hand auf seinen Unterarm. „Vielen Dank.“ Dann trippelte sie davon, weil sie in dem engen Kleid keine großen Schritte machen konnte. Sie hatte keinen Platz im Westflügel bekommen. Doch mit viel Gekicher und ihrer angeblichen Verliebtheit schaffte sie es, sich Zutritt zu verschaffen. Ihre Finger kribbelten. Sie fühlte sich lebendig. Sie war so gut in dem hier. Sie war …
Sie war fertig. Nach diesem Spiel war sie fertig. So war es vereinbart. Wenn sie heute gewann, hatte sie das gesamte Spiel gewonnen. Daran musste sie denken. Im Anschluss hätte sie ein neues Leben. So viel Geld. Und sie würde nichts davon wieder verspielen.
Für dieses Spiel hatten sie zwei Jahre lang geplant. Gewinnen, investieren. In Kleidung und Zutritt zu den richtigen Räumen. Um genug Geld zu haben, um sich in die ganz großen Spiele einzukaufen. Doch beim Glücksspiel musste man irgendwann aufhören. Vor allem, wenn man so spielte wie sie.
Ihr Vater war brillant. Mit seinem Verstand hätte er alles tun können. Doch er war mehr als nur ein Narzisst. Er war ein Soziopath, der Menschen gern testete. Er musste unbedingt beweisen, dass er cleverer war als andere. So waren sie nicht. Da war Jessie sich ziemlich sicher. Es war zwar befriedigend zu gewinnen, aber sie brauchte es nicht. Sie wollte glücklich sein. Sie wollte frei sein.
Obwohl sie den Nervenkitzel vielleicht schon ein wenig vermissen würde …
Bei diesem Spiel ging es nicht um Wohltätigkeit, die Menschen hier spielten aus keinem anderen Grund als dem, dass sie es konnten. Ihr Vermögen bedeutet ihnen wenig, das Leben von anderen weniger als nichts. Ewan Kincaid war ein hervorragendes Beispiel dafür. Sein Familienname war alt, angesehen, und er zog ihn in den Schmutz. Sein Geschäft war die Dekadenz. Bars, Partyjachten und exklusive Clubs, in denen die sehr Reichen ihre wildesten Fantasien auslebten. Alles an ihm war eine Geißel der Ehrbarkeit. Er achtete gar nichts, auch nicht sein Vermögen. Er behandelte es so nachlässig wie seine Bettgeschichten. Ewan Kincaidwar in beiderlei Hinsicht nicht im Mindesten anspruchsvoll.
Das rief Jessie sich in Erinnerung, als sie sein Gesicht vor sich sah. Er war ein Wüstling. Das sollte sie eigentlich nicht erregen, ebenso wenig wie die Glücksspiele.
Doch das tat es.
Sie setzte sich an ihren zugewiesenen Tisch und lächelte die Männer um sich herum an. Ewan war nicht darunter, doch das war egal. Es war sogar perfekt. Sie begann an einem Tisch voller grauhaariger Männer, die sie für jünger halten würden, als sie tatsächlich war, und vermutlich für doppelt so dumm. Sie spielte mit ihren Erwartungen, kicherte und bewegte sich beinahe wie ein Kind. Männern gefiel das. Eine Frau, die sich wie ein Mädchen verhielt, aber eine eindrucksvolle Oberweite hatte. Maren und sie hatten ihren Verstand von ihrem Vater geerbt, die Figur von ihrer Mutter. Vom Fehlen eines moralischen Charakters abgesehen, sollte sie ihren Eltern dafür wohl dankbar sein. Denn diese Vorzüge erleichterten Betrügereien ungemein.
Die erste Runde verlor Jessie absichtlich. Und gewann dann die nächsten beiden Spiele, wodurch sie zum nächsten Tisch aufrückte. Wo sie sich eine Schneise durch das Turnier bahnte wie ein Hai. Da war so viel Geld. So enorm viel Geld!
Schließlich gab es nur noch einen Tisch im Raum. Als sie sich setzte, stand die Welt auf einmal kopf. Denn da war er. Keine Presseberichte, Videos oder Fotos von ihm in den Medien konnten einen auf seine Wirkung im echten Leben vorbereiten. Ihr Gedächtnis trog sie nicht. Der Mann war atemberaubend. Doch das war nur sein Äußeres. Ein Foto könnte so etwas nie erfassen. Diese magnetische Anziehungskraft.
Sein braunes Haar war nach hinten gestrichen, sodass sie ein paar graue Strähnchen an seinen Schläfen entdecken konnte, was ihm einen Hauch Kultiviertheit verlieht. Seine blauen Augen wirkten jedoch alles andere als kultiviert. Sie wirkten verrucht und voller sinnlicher Versprechen. Die Linien um seine Augen zeugten von verborgenen Lächeln mit unzähligen Geliebten.
Sie bebte innerlich.
Normalerweise hatte Jessie einen eisernen Willen. Ihr Verstand war immer aktiv. Das ließ sich nicht vermeiden, wenn man sich an alles erinnerte. Doch gerade wegen ihres perfekten Gedächtnisses war es schwer, sie zu überraschen. Ihre Beobachtungsgabe war einmalig. Durch das Tempo, in dem ihr Gehirn alle Bilder verarbeitete, war sie immer einen Schritt voraus. Doch in diesem Moment verschlug es ihr den Atem. Sie dachte an nichts außer ihn. Sie konnte sich nicht erinnern, je zuvor nur einen einzigen Gedanken im Kopf gehabt zu haben.
„Hallo“, sagte er mit einem rauen schottischen Akzent, bei dem ihr ganz warm wurde. Er erkannte sie. Das sah sie ihm an.
„Hallo“, erwiderte sie und gestattete sich zu erröten. Nichts war leichter als das, wenn sie ihm ins Gesicht sah. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie sich jedes Detail eingeprägt. Trotzdem tat sie es erneut, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Der grüne Fleck in seinem linken Auge, der goldene im rechten. Der leichte Abdruck einer Narbe rechts neben seiner Oberlippe. Nicht von einer Rasierklinge, sondern von einem Kampf. Sie wusste genau, wie eine Narbe aussah, die von einem Fausthieb stammte.
Sie betrachtete seine Hände, als er den Kartenstapel berührte. Einmal hatte Ewan sie berührt … Nein, daran durfte sie nicht denken. Er war nicht der Kartengeber. In einem Spiel mit derart hohen Einsätzen teilte sich niemand selbst die Karten aus. Dennoch berührte er den Kartenstapel, und niemand erhob Einwände.
„Kann ich Ihren Namen erfahren?“ Er sah sie an, als wäre sie die einzige andere Person am Tisch. Aus den Augenwinkeln hatte sie die anderen Spieler längst gemustert. Sie waren unwichtig. Es gab nur ihn. Da fiel ihr etwas auf. Ein Licht in seinen Augen. Ein hellerer Schimmer im Gold. Etwas Schärferes im Grün. Er trat auf wie ein ahnungsloser Playboy, als würde er nur zufällig gewinnen, aber das tat er nicht. Der Mann war ein Raubtier. Das ließ sie erzittern. Sie achtete genau auf seine Hände, um zu sehen, ob er etwas aus den Ärmeln holte.
„Haben Sie Ihre Zunge verschluckt, Schönheit?“
„Nein“, antwortete sie und zwang sich, ihm in die Augen zu sehen. „Ich bin nur etwas überwältigt. Sie sind ziemlich berühmt.“ Sie klang atemlos und fragte sich, ob er spürte, dass sie log. Vielleicht erkannte er sie doch nicht. Bei ihrer letzten Begegnung waren ihre Haare rot gewesen.