Verbotene Blicke, gefährlich heiße Küsse

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Eine glamouröse Charity-Gala in Singapur: Als Rafael Santangelos hungriger Blick mich trifft, stockt mir der Atem. Der faszinierende Unternehmer reicht mir Champagner und sieht mich an, als gäbe es nur mich auf der Welt. Ich weiß, ich sollte fliehen. Stattdessen nehme ich seine Hand und lasse mich entführen. Zum ersten Mal fern von meinem überbehütenden Bruder, genieße ich die Freiheit: ein Drink im legendären Raffles Hotel, ein verführerischer Kuss, der mich in Flammen setzt. Zu spät erkenne ich, welch eiskalten Plan Rafael verfolgt …


  • Erscheinungstag 13.10.2026
  • Bandnummer 2774
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542166
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jackie Ashenden

Verbotene Blicke, gefährlich heiße Küsse

1. KAPITEL

Rafael

Ich sehe sie am Geländer der Aussichtsplattform des SkyPark in Singapur lehnen. Ihr schwarzes Haar ist zu einem eleganten Knoten hochgesteckt und mit juwelenbesetzten Spangen in Form von Libellen geschmückt. Ihr Kleid aus leuchtend roter Seide umhüllt ihre schlanke Figur und betont die üppigen Rundungen von Brüsten und Hüfte.

Ein leichter Windhauch spielt mit dem Schlitz in ihrem Kleid, offenbart einen wohlgeformten Oberschenkel und bauscht die Seide um ihre Beine. Sie trägt dazu passende hochhackige rote Riemensandaletten, die ihre Beine lang und elegant wirken lassen.

Dieser Bau ist ein Wunder der Architektur, aber sie … ist ein Meisterwerk. Klar und präzise in Nasen-, Wangen- und Kieferlinie. Und trotzdem auch sinnlich mit dem herrlichen Schmollmund und den fein gewölbten Augenbrauen.

Hingerissen bewundert sie die Aussicht. Es stimmt, der Ausblick ist großartig, aber mir ist er egal. Heute Abend interessiert mich vor allem die Frau, die am Geländer lehnt.

Sie ist der Grund, warum ich hier bin, nur ist sie überhaupt nicht so, wie ich es erwartet habe.

Ihr Name ist Olympia Zakynthos. Sie ist die jüngere Schwester des einen Menschen, den ich mehr als alles andere auf der Welt hasse: Ulysses Zakynthos, Besitzer des riesigen Energiekonzerns Vulcan Energy. Ein mächtiger Mann. Außerdem der Mann, der verantwortlich ist für den Ruin unseres Familienunternehmens und damit auch direkt für den Ruin meiner Familie.

Das alles ist schon Jahre her, und in der Zwischenzeit habe ich mir mit Atlas Construction, dem Bauunternehmen, in dem ich als Arbeiter angefangen habe und dessen CEO ich jetzt bin, einen Namen gemacht. Außerdem habe ich viele Pläne geschmiedet, wie ich mich am besten an dem Mann rächen kann, der den Tod meines Vaters zu verantworten hat und der meine Mutter dazu gebracht hat, sich zu verkaufen, um seine Schulden zu bezahlen. Aber der Zeitpunkt und die Umstände sind nie richtig gewesen.

Allerdings mögen Sizilianer ihre Rache kalt serviert, und ich bin durch und durch Sizilianer. Jetzt endlich ist der richtige Moment gekommen, und der Weg zu meiner Rache steht direkt vor mir, lehnt am Geländer und bewundert die Aussicht.

Ulysses Zakynthos’ Achillesferse. Seine einzige Schwachstelle.

Die Gelegenheit ist eine Wohltätigkeitsgala für die sehr Reichen und Mächtigen. Nachdem mich meine Quellen informiert hatten, dass Vulcan Energy nicht durch Ulysses, sondern durch seine jüngere Schwester repräsentiert würde, habe ich mir eine Einladung gesichert.

In der High Society bin ich nicht sonderlich beliebt. Ich bin zu rau, zu hart, zu wenig elegant und zu einfach für den Geschmack der vornehmen Gesellschaft, aber das ist mir egal. Mir ist alles egal – bis auf den Hass in meinem Herzen auf den Mann, der mich ruiniert hat.

Die Libellen in Olympia Zakynthos’ schwarzem Haar funkeln im Licht, lenken meine Aufmerksamkeit zurück auf sie, erinnern mich an meinen Plan, der im Wesentlichen sehr einfach ist. Ihr Bruder hat mir meine Familie genommen, und deshalb werde ich mir Olympia nehmen, sie gegen ihn aufwiegeln und ihm dann auch noch seinen Konzern nehmen.

Ihr nahezukommen, wird nicht schwierig sein. Die Informationen, die ich bis jetzt gesammelt habe, deuten darauf hin, dass sie ihr ganzes Leben behütet worden ist, also wird sie sich vor einem Mann wie mir nicht schützen können. Und ich kenne mich mit Frauen aus. Ich weiß, was sie mögen und was sie zum Höhepunkt bringt. Zu behaupten, dass ich weitreichende Erfahrungen habe, wäre untertrieben, deshalb bin ich sicher, dass ich keine Probleme damit haben werde, Miss Olympia Zakynthos zu verführen. Sie wird sich mir hingeben, wie sich mir bereits all die anderen hingegeben haben, bereitwillig und mit Freuden, aber …

Ich muss zugeben, ich habe nicht erwartet, dass sie so schön ist oder dass ich mich beim Anblick von ihr instinktiv verspanne. Schöne Frauen kann ich haben, indem ich einfach mit den Fingern schnippe, nur hat diese hier etwas an sich, das ich nicht benennen kann, was eine tief gehende Anziehungskraft auf mich ausübt. Die Art, wie sie dasteht, mit den Ellenbogen auf dem Geländer, und sich die Aussicht ansieht. Die Art, wie ihre Augen weit aufgerissen sind und sie lächelt, als hätte sie so etwas noch nie gesehen. Es spricht fast für … Unschuld.

Damit kann ich arbeiten.

Ich schnappe mir zwei Gläser mit ausgezeichnetem Champagner vom Tablett eines Kellners und nähere mich meiner Beute.

Sie bemerkt mich nicht, den Wolf, der sich zwischen den Schafen bewegt und sich dem kleinsten Lamm nähert, bereit, es zu verschlingen. Sie ahnt nicht, dass sie heute Abend den Ruin ihres Bruders auslösen wird. Kurz bevor ich bei ihr ankomme, warnt ein sechster Sinn sie dann doch, ein latenter Überlebensinstinkt, der wahrnimmt, dass sich ein Raubtier nähert, und sie dreht plötzlich den Kopf. Unsere Blicke treffen sich.

Die Wirkung dieser bernsteinfarbenen Augen spüre ich beinah körperlich. Abrupt bleibe ich stehen, der Champagner in den Gläsern schwappt gegen den Rand.

Dio. Augen von einer solchen Farbe habe ich noch nie gesehen – ein zartes, rauchiges Gold – und irgendetwas in ihnen durchdringt mich bis ins Innerste. Ich bin gefangen, starre Olympia Zakynthos an wie ein Teenager, den der erste Anblick eines Mädchens im Bikini völlig umhaut.

Zwischen uns knistert die Luft vor Spannung. Ich kann fast nicht mehr atmen. Als ihr die Röte ins Gesicht steigt, senkt sie den Blick, und ich verspüre eine starke Genugtuung.

Ich hatte nie Zweifel daran, dass sie mich attraktiv finden würde – das tun schließlich die meisten Frauen –, aber die Bestätigung in ihrem Gesicht zu sehen, ist wie eine Droge, der ich nicht widerstehen kann.

Wie ein Magnet werde ich von ihr angezogen, deshalb gehe ich weiter, stelle mich neben sie ans Geländer und halte ihr das Glas Champagner hin. „Solch eine schöne Aussicht verdient den besten Champagner, meinen Sie nicht auch?“, sage ich auf Griechisch, ihrer Muttersprache. Ich stelle sicher, dass sie weiß, von welcher Aussicht ich spreche.

Ihre seidigen schwarzen Wimpern heben sich, und wieder richtet sie den Blick aus ihren unglaublichen Augen auf mich.

Dio, sie ist strahlend schön.

Ihr Mund verzieht sich zu einem zögernden Lächeln, und es ist so wahnsinnig süß, dass mir mein kaltes, totes Herz stockt.

„Oh“, sagt sie. „Sie sprechen Griechisch? Dem Himmel sei Dank. Mein Englisch ist nicht schlecht, aber ich blamiere mich trotzdem immer wieder. Einen Moment mal … Woher wissen Sie, dass ich Griechin bin?“

Mist! Ich habe mich verraten. Ich sollte nicht wissen, wer sie ist, geschweige denn, dass sie Griechin ist. Ich war so fasziniert von ihr, dass ich drauflosgeplappert habe, ohne nachzudenken. Das wird nicht noch einmal passieren.

Ich bin immer gut darin gewesen, zu verbergen, was ich fühle. Emotionen sind eine Schwäche, die ich mir nicht leisten kann, nicht in der mörderischen Welt, in die ich vor Jahren als Vollstrecker der Cosa Nostra gezwungen wurde, und ebenso wenig in der Geschäftswelt. Also lasse ich mir Olympias Wirkung auf mich nicht anmerken. „Weil Sie Olympia Zakynthos sind“, gebe ich lässig zurück. „Chefin von Vulcan Energy, nicht wahr?“

Ihre Wangen röten sich wieder. „Ja, aber Chef von Vulcan Energy ist mein Bruder Ulysses. Ich vertrete ihn nur bei der Gala heute Abend.“

„Sicherlich nicht nur.“

Das hübsche Lächeln umspielt ihren sinnlichen Mund. „Oh, glauben Sie mir, es ist definitiv nur. Er ist zu Hause in Athen und macht irgendwas mit irgendwem.“ Sie wird wieder rot und lacht verlegen. „Entschuldigung, das klingt dumm. Die Wahrheit ist, dass dies mein erstes gesellschaftliches Event seit … einer Ewigkeit ist, auf dem ich allein bin. An so viele fremde Leute bin ich nicht gewöhnt, und außerdem bin ich überhaupt nicht gut in Small Talk.“

Gegen meinen Willen lasse ich mich von ihrer Ehrlichkeit bezaubern. „Ich kann es Ihnen nicht verübeln. Mir liegen gesellschaftliche Anlässe auch nicht sonderlich. In diesem Sinne … Darf ich mich vorstellen? Ich bin Rafael Santangelo.“ Erneut halte ich ihr den Champagner hin. „Na bitte. Jetzt kennen Sie hier wenigstens eine Person.“

Das Gold in ihren Augen leuchtet, als sie die Champagnerflöte von mir entgegennimmt, und ich kann nicht widerstehen: Ich sorge dafür, dass meine Fingerspitzen flüchtig ihre berühren. Ihr Blick flackert, und ihr stockt der Atem. Ich spüre ein Prickeln, als würde ein Stromschlag über meine Haut jagen.

Ich habe nicht erwartet, dass zwischen uns so schnell die Funken sprühen, aber ich bin nicht unzufrieden mit der Situation. Es wird mir meine Aufgabe sehr erleichtern.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Rafael Santangelo.“ Sie macht eine hinreißende, spöttische Verbeugung. Dann sieht sie demonstrativ das Glas Champagner an. „Mein Bruder hat gesagt, ich solle keine Drinks von fremden Männern annehmen.“

Ich lehne mich ans Geländer. Sie ist nicht besonders groß, reicht mir bis zur Schulter. „Aber ich bin kein fremder Mann. Sie wissen, wie ich heiße.“

Ihr Lächeln ist eine Freude. Ein Geschenk, das sie macht. Nur mir. „Das ist richtig. Und Sie wissen, wie ich heiße, deshalb sind wir wohl kaum Fremde.“

Eine ungewohnte Seite von mir will ihr das Glas wieder wegschnappen, ihr sagen, dass ihr Bruder recht hat, sie sollte keine Drinks von fremden Männern annehmen. Schon gar nicht von Männern wie mir. Früher habe ich dem örtlichen Consigliere bei der Schutzgelderpressung geholfen, eine Pistole in der Hand, um die Menschen gefügig zu machen, meine Fäuste und ein Messer, um sie zu bestrafen. Die Leute hatten Angst vor mir, wie sie es sollten, und Olympia sollte auch Angst vor mir haben.

„Wenn Sie wollen“, sage ich aufgrund dieses seltsamen Beschützerinstinkts, „könnte ich Ihnen ein anderes Glas holen, und Sie sehen zu, wie ich sicherstelle, dass nichts im Getränk ist.“

„Könnten Sie“, stimmt sie zu, dann mustert sie mich, als wäre ich eine Gefahr. Und das bin ich auch. Ein kleines, unschuldiges Lamm wie sie sollte vor mir fliehen. Stattdessen lächelt sie. „Es ist okay. Ich vertraue Ihnen.“ Mit dem Kopf deutet sie auf einen Mann, der nicht allzu weit entfernt allein zwischen den Gästen steht. „Ich habe einen Bodyguard. Er ist da, um mich vor den Folgen meiner eigenen Dummheit zu retten.“

Ich weiß, dass Olympia einen Bodyguard hat. Ich habe ihn schon bemerkt und als keine Gefahr für mich oder meinen Plan abgetan. Aber dass sie so offen ist und mir bereitwillig vertraut, kommt unerwartet und stellt ein unvorhergesehenes Hindernis dar. Ich will ihr sagen, dass mir zu vertrauen das Letzte ist, was sie tun sollte, unterdrücke den Drang jedoch. Ich habe meinem Racheplan zu folgen, und Olympia ist der Schlüssel. Ein Schlüssel, den wegzuwerfen ich mir nicht leisten kann.

„Anscheinend sind Sie sehr von Ihrer Dummheit überzeugt“, sage ich. „Jetzt haben Sie sie schon das zweite Mal erwähnt.“

Sie lacht und trinkt einen Schluck Champagner. „Ich habe Ihnen erklärt, dass ich an so viele fremde Menschen nicht gewöhnt bin. Tut mir leid, ich weiß, ich sollte darüber reden, wie wundervoll Vulcan Energy ist und all das, bla, bla, bla. Aber die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung davon. Ich bin nur für das Event hier.“

Wieder verspüre ich diesen heftigen Beschützerinstinkt. Sie sollte zu Fremden nicht so ehrlich sein. Es ist ein Fehler. Es macht einen verwundbar. Und sie, so schön und so ehrlich, sollte nicht so verwundbar sein.

Besonders nicht, wenn ich in der Nähe bin.

„Und warum sind Sie nicht an so viele fremde Menschen gewöhnt?“ Ich nutze ihre Schwäche skrupellos aus, weil ich so ein skrupelloser Mann bin.

Sie seufzt und lehnt sich neben mich ans Geländer. „Oh, die Wahrheit ist, ich gehe nicht viel aus. Ich bin zum ersten Mal in Singapur. Tatsächlich bin ich zum ersten Mal überhaupt irgendwo.“

Interessant. Eine weitere kleine Information, die ich abspeichern kann.

„Und? Wie finden Sie es bisher?“, frage ich.

„Es ist schön.“ Erneut betrachtet sie die Aussicht. „Die Parks und die Brunnen, der Hafen …“ Ihr Blick kehrt zu mir zurück, der Funken Übermut darin macht mich vorübergehend sprachlos. „Was ich wirklich wollte, war, einen Singapore Sling im Raffles Hotel zu trinken. Aber Georgios da drüben hat strikte Anweisungen von meinem Bruder, dass ich nicht allein ausgehen darf.“

Ich wusste, dass sie nicht unbewacht sein würde. Was mir nicht klar war, war, dass sie selbst das einengend finden würde.

„Georgios kann Sie doch sicherlich ins Raffles ausführen“, sage ich und frage mich insgeheim, wie irgendjemand dieser Frau etwas abschlagen kann.

„Oh, könnte er“, erwidert Olympia. „Aber ich möchte ohne ihn hingehen. Er ist wie eine … dunkle Wolke, die über allem hängt und irgendwie die Stimmung verdirbt.“

„Können Sie ihn nicht wegschicken?“

Sie seufzt. „Er nimmt Anweisungen von meinem Bruder entgegen, nicht von mir, also nein. Ulysses behütet mich so sehr, es ist lächerlich.“

Während sie wohl nicht versteht, warum ihr Bruder sie derart behütet, verstehe ich es umso besser. Sie hat eine Unschuld an sich, eine Arglosigkeit, die nur noch von einem Lächeln übertroffen werden, das so strahlend ist, dass es wehtut. Sie ist wie die Sonne, ein Licht, das mich wie magisch anzieht, und ich bin bestimmt nicht der Einzige. Sie ist schmerzlich verwundbar, und ich bin ein Mistkerl, weil ich ihr wehtun werde.

Ich sollte mich zurückziehen, solange ich es noch kann. Sie wird mich für unhöflich halten, vielleicht sogar ein bisschen verletzt sein, aber … nein. Ich werde nicht weggehen. Der Schaden, den ihr Bruder angerichtet hat, war zu groß, und meine Wut auf ihn ist zu stark.

Ich war derjenige, der eines Tages nach Hause kam und seinen Vater tot in seinem Arbeitszimmer fand – mit einer Schusswunde im Kopf und Blut überall, nachdem Ulysses sein Unternehmen zerstört hatte. Ich war derjenige, der mit einer hysterischen Mutter fertigwerden musste, die nicht glauben konnte, dass sich ihr Ehemann das Leben genommen hatte. Und ich war derjenige, der zusehen musste, wie die Schuldeneintreiber kamen und alles mitnahmen.

Also nein. Es wird kein Zurückscheuen vor der letzten Hürde geben. Hier stehen nur Olympias Gefühle auf dem Spiel, und die sind mir egal. Ich will meine Rache.

„Sie können nicht den ganzen Weg hierher nach Singapur kommen und dann keinen Drink im Raffles nehmen. Ich lade Sie ein, wenn Sie wollen.“

2. KAPITEL

Olympia

Ich weiß wirklich nicht, was ich tue, aber es ist mir egal. Es war mir in dem Moment egal, als ich ihn sah, ein Ruhepol in dem wogenden Strom von Gästen bei der Gala. Er ist in schlichtes Schwarz gekleidet, anders als der Rest der Leute, die um ihn herumflattern wie knallbunte tropische Vögel. Die Frauen in fantastischen Abendkleidern, mit Schmuck behängt, und die Männer glitzern ebenfalls.

Ich war so verunsichert, und dann sah ich ihn auf mich zukommen. Seine Augen sind so dunkel, fast schwarz, und als sich unsere Blicke trafen, war es, als würde sich der Boden unter meinen Füßen bewegen. Das klingt albern, sogar klischeehaft, aber es stimmt.

Mein Gesicht glühte, helle Aufregung packte mich, und ich musste wegsehen. Ich spürte, wie er sich neben mich ans Geländer stellte und mich anschaute. Mir wurde heiß, ich wollte etwas Verrücktes und Leichtsinniges tun, was überhaupt nicht zu mir passt. Und dann sprach er, seine Stimme tief und dunkel, sein Griechisch mit einem leichten italienischen Akzent, und ich konnte nicht widerstehen. Ich musste ihn ansehen, und als ich es tat, war ich völlig überwältigt.

Er ist der faszinierendste Mann, den ich jemals getroffen habe. Nicht, dass ich viele Männer getroffen habe. Tatsächlich kann ich die Männer, die ich kennengelernt habe, seit ich bei meinem Bruder lebe, an einer Hand abzählen.

Trotzdem, ich bin sicher, dass Rafael Santangelo nicht nur der faszinierendste Mann ist, den ich jemals kennengelernt habe, sondern wahrscheinlich auch der faszinierendste Mann, den ich jemals kennenlernen werde.

Er ist sehr groß, vermutlich so groß wie mein Bruder, der eins dreiundneunzig ist, und kräftig gebaut. Breite Schultern und muskulöse Brust – wie ein Krieger aus der Antike, Achilles vielleicht oder Hektor. Tatsächlich kann ich ihn mir auf einem Schlachtfeld vorstellen, wie er einen Streitwagen lenkt, eine Lanze in der großen Hand.

Hier, heute Abend, ist er ein moderner Krieger in seinem schwarzen Abendanzug, und an ihm gibt’s keine Rüschen und nichts Glitzerndes. Das Asketische steht ihm.

Seine Gesichtszüge sind rau und markant, aber die stolze Nase, die dichten Brauen und die schwarzen Augen haben irgendetwas, was unglaublich attraktiv ist. Dieser Mann strahlt finstere Gewalt aus, und mein Instinkt sagt mir, dass er sehr gefährlich ist, aber das macht ihn nur noch anziehender.

Ich habe mich noch nie zu einem Mann hingezogen gefühlt. Eins der „Privilegien“, die ich genieße, weil ich mein ganzes Leben von meinem Bruder behütet worden bin. Ulysses meint es gut, und ich weiß, dass er es tut, weil er mich liebt und weil er sich die Schuld für meine schreckliche Kindheit gibt, aber allmählich habe ich es satt. Ich habe so viele Dinge verpasst, die eine Frau meines Alters erlebt haben sollte. Einen Beruf, einen Freundeskreis, Reisen und … ja, einen festen Freund.

Ich könnte weggehen, aber ich mache mir Sorgen um Ulysses. Ich bin alles, was er hat, und wenn man bedenkt, dass ich von meinen Pflegeltern misshandelt worden bin, er mich vor ihnen gerettet, sich danach um mich gekümmert und mir ein Zuhause gegeben hat, kann ich ihn nicht einfach verlassen.

Trotzdem habe ich ihn monatelang genervt, damit er mich zumindest auf seine nächste Geschäftsreise mitnimmt. Und schließlich hat er mich überrascht, indem er vorgeschlagen hat, dass ich als seine Vertreterin eine besondere Gala in Singapur besuche. Zuerst war ich schockiert, dann begeistert, dann wirklich verärgert, als er sagte, er würde mir ein Sicherheitsteam zuweisen, das mich begleitet.

Das war natürlich nicht so, wie ich mir die Reise gedacht hatte, aber mit Ulysses zu streiten, ist zwecklos. Er hört mir nie zu und beteuert stets, meine Sicherheit sei das Wichtigste in seinem Leben, und die werde er keinesfalls gefährden.

Entweder so oder ich würde nicht fahren, deshalb musste ich die Personenschützer letzten Endes akzeptieren.

Auf der Gala ist es nicht so schlimm, weil sie sich unter die Gäste mischen und sich zurückhalten, aber ich weiß, dass sie da sind. Ich spüre, dass sie mich beobachten und auch Rafael Santangelo nicht aus den Augen lassen.

Ich werde von Nervosität und Vorfreude gepackt, und obwohl ich nur zweimal am Champagner genippt habe, ist mir schon schwindlig. Vielleicht war doch etwas im Glas. Aber andererseits weiß ich instinktiv, dass nichts drin war. Es war die Wahrheit, als ich zu Rafael Santangelo gesagt habe, ich würde ihm vertrauen.

Trotzdem ist es leichtsinnig von mir, mit einem Mann mitzugehen, den ich gerade erst kennengelernt habe. Ulysses würde es mir sofort verbieten. Aber Ulysses ist nicht hier, und Rafaels Angebot ist so verlockend.

Ich mustere ihn, versuche, mir zu vergegenwärtigen, was ich fühle und warum. Ja, Anziehungskraft ist da. Auch eine erregende Art von Angst, keine schlimme Angst. Sie gleicht eher der Angst beim Start eines Flugzeugs, wenn man so schnell die Startbahn entlangrast, dass man von den Fliehkräften nach hinten in den Sitz gedrückt wird.

Rafael Santangelo fühlt sich an wie eine dieser Fliehkräfte. Unmöglich, sich ihr zu widersetzen, eine unerbittliche Schwerkraft. Ich weiß nicht, warum mich das erschauern lässt, aber ich mag die Empfindung. Auch mag ich, wie er mich ansieht, als würde er wirklich mich sehen. Ulysses sieht mich nicht. Wenn er mich anblickt, sieht er nur seine eigene Schuld, die zurückschaut.

In Rafaels Augen ist keine Schuld. Sein Blick ist … intensiv. Fest. Als würde er auf dieser Gala niemanden sonst sehen außer mir, und es ist berauschend. Ich habe das Gefühl, dass der perlende Champagner in meinen Adern prickelt, und es ist wundervoll. Es lässt mich erkennen, wie klein und eng mein Leben geworden ist und wie viel mehr es sein könnte. Wie viel mehr es sein wird.

„Ich bin nicht sicher, dass Georgios damit einverstanden sein würde“, sage ich gespielt streng, während mein Herz schneller schlägt vor Vorfreude. Ich weiß schon, dass ich Rafaels Angebot annehmen werde, egal, was Ulysses sagen wird, wenn er es herausfindet.

„Zum Teufel mit Georgios’ Genehmigung.“ Rafaels Blick ist weiter fest auf mich gerichtet.

Ich erkenne darin eine Herausforderung, und ich will mich ihr stellen, deshalb lächle ich, ich kann nicht anders. „Was ist mit Ihnen? Ich würde Sie nur ungern von dieser sehr wichtigen Gala fernhalten.“ Ich necke ihn, und es fühlt sich ein bisschen an, als würde ich einen Tiger am Schwanz ziehen, aber diese Aufregung sprudelt in meinem Blut und überkommt mich.

„Ich mag Galas nicht“, sagt er. „Aber Sie mag ich.“

Nur ein schlichter Satz, und doch wird mir ganz warm ums Herz. Er kennt mich nicht gut genug, um mich zu mögen, trotzdem gibt es mir ein schönes Gefühl.

Dies ist keine gute Idee.

Natürlich nicht, und ich sollte nicht einmal darüber nachdenken. Aber andererseits kontrolliert Ulysses mein Leben schon, seit ich zehn Jahre alt war, und ich habe es satt, ganz gleich, wie sehr ich mich um ihn sorge und wie viel ich ihm verdanke. Ich habe es satt, Rapunzel im Turm zu sein, und will entkommen. Ich will mein Haar herablassen, meinen Prinzen mich finden und retten lassen.

Rafael Santangelo ist kein Prinz.

Nein, ist er nicht. Sogar ich, behütete Jungfrau, die ich bin, spüre seine dunkle Ausstrahlung, intensiv, kalt und scharf. Er ist ein Pfeil, der auf ein Ziel zuschießt, und dieses Ziel bin ich. Das ist ein beunruhigender Gedanke, nur bin ich nicht beunruhigt. Ich bin begeistert.

Oh, Ulysses hat mir alles über die bösen Männer erzählt, und natürlich erinnere ich mich daran, wie ich von meinem Pflegevater behandelt worden bin. Es ist nicht so, als könnte ich diesen Teil meines Lebens vergessen. Aber nicht alle Männer sind schlecht, und ich kann nicht für immer in meinem Turm eingesperrt sein. Rafael Santangelo, ob er es weiß oder nicht, hat die Tür geöffnet, und ich will hindurchgehen.

„Ich mag Sie auch“, sage ich und weiß, dass ich zu ehrlich bin, zu unvorsichtig. Noch etwas, wovor mich Ulysses gewarnt hat. „Aber … ich habe Sie gerade erst kennengelernt.“

Er lächelt. „Ich möchte nicht, dass Sie sich unwohl fühlen. Sagen Sie Georgios, dass er uns gern begleiten kann.“

Das ist ritterlich von ihm und trotzdem … nicht ganz das, was ich wollte.

„Wir können ihn an der Tür zurücklassen“, spricht Rafael weiter. Offensichtlich sieht er mir mein Unbehagen an. „In der Bar sind viele Leute. Wir werden nicht allein sein.“ 

Jetzt bin ich ein bisschen verärgert. Ich weiß seine Fürsorglichkeit zu schätzen, aber ich habe es satt, dass man sich um mich kümmert. Ich bin verhätschelt worden, seit Ulysses mich aus der Gewalt meiner Pflegefamilie gerettet hat. Er behandelt mich, als wäre ich aus Porzellan, eine zerbrechliche Figur, die in einer Glasvitrine aufbewahrt werden muss und niemals herausgeholt, niemals berührt werden darf.

Ich weiß, dass er es gut meint, und es ist nicht so, dass ich undankbar für das bin, was er für mich getan hat. Nur möchte ich nicht so behandelt werden. Ich will mit diesem unglaublich attraktiven Mann zu dem bekannten Hotel fahren und den berühmten Cocktail trinken.

„Ich wette, das behaupten Serienkiller, bevor sie zuschlagen“, sage ich.

Überraschung blitzt in seinen dunklen Augen auf, dann lacht er. „Ich bin kein Serienmörder. Aber ich muss sagen, es ist das erste Mal, dass ich beschuldigt werde, einer zu sein.“

Zwar kenne ich ihn überhaupt nicht, trotzdem habe ich das Gefühl, dass er kein Mann ist, der ohne Weiteres lacht. Dass ich ihn dazu gebracht habe, ist für mich, als hätte ich im Lotto gewonnen.

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