Julia Extra Band 592

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

HAPPY END IM SCHLOSS DER TRÄUME? von SCARLETT CLARKE

Während ein Sturm über das Schloss tobt, erlebt Arlowe überraschend sinnliche Stunden in Harts Armen. Aber zerstört das ihre Freundschaft – oder ist das die Lösung? Denn Arlowe muss heiraten, wenn sie diesen Sehnsuchtsort ihrer Kindheit erben will. So hat es ihre Großmutter verfügt …

AUF DER JACHT DES SEXY MILLIONÄRS von KARIN BAINE

Auf Paxos hat Thaleia sich nach einer Enttäuschung ein neues Leben aufgebaut. Männer? Nein danke! Bis Enzo Capelli mit seiner Jacht direkt vor der kleinen griechischen Insel ankert. Der beste Freund ihres Bruders ist zwar überzeugter Junggeselle – aber leider auch die pure Versuchung …

EIN KÖNIGREICH FÜR EINE FAMILIE? von LAQUETTE

König Aléxandros von Obsidian macht ihr einen Antrag. Soll sie Ja sagen? Regina sehnt sich so nach einem Baby, und Aléxandros braucht dringend einen Erben. Und zudem brennt zwischen ihnen heiße Leidenschaft! Aber er macht auch klar, dass es eins nicht in ihrer Ehe gibt: Liebe!

WIE FÜR DICH GEMACHT, DARLING von JULIETTE HYLAND

Irgendwo muss es doch eine passende Frau für ihn geben! Bis jetzt sucht Milliardär Arthur Nilson vergeblich – auch online. Bis er die attraktive Gemma kennenlernt. Doch die erfolgreiche Unternehmerin will kein Date mit ihm, sondern erklärt ihm offen ihre Feindschaft …


  • Erscheinungstag 13.10.2026
  • Bandnummer 592
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541527
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Scarlett Clarke, Karin Baine, LaQuette, Juliette Hyland

JULIA EXTRA BAND 592

Scarlett Clarke

1. KAPITEL

Die Schlossmauern schimmerten weiß vor dem herbstbunten Wald. Im Tal hinter dem Schloss schmiegten sich die Häuschen von Lärchenthal ans Ufer eines kleinen Sees.

Arlowe Banks blinzelte Tränen aus ihren Augenwinkeln.

Ich bin wirklich hier.

Vor einer Woche hatte sie noch Erde geschaufelt und Pflanzen vor drohendem Spätfrost geschützt. Auf dem Küchentisch hatten sich die Rechnungen für Roberts letzte Operation gestapelt. Jede bedeutete ein weiteres verschobenes Semester und ließ ihren Traum vom Uni-Abschluss noch ein Stück zerbröseln.

Nicht, dass Robert es nicht verdient hätte. An ihren leiblichen Vater hatte Arlowe kaum Erinnerungen. Bis auf an eine harte Stimme, die ihre Mutter anschrie. Robert dagegen hatte sie wie seine eigene Tochter behandelt und sie mit zehn sogar adoptiert. Er war für sie und ihre Mom da gewesen. Jetzt war es an ihr, für ihn da zu sein.

Arlowe stieß scharf die Luft aus. Es gab Tage, an denen alles zu viel wurde. Wenn der Druck aus Arbeit im Gewächshaus, nach Hause hetzen, Abendessen kochen, duschen und zu ihrem Barjob nach Kansas City fahren so schwer auf ihr lastete, dass sie kaum atmen konnte.

Doch jetzt war sie in Österreich. Ein kühler Wind strich durch die Schlucht, es roch nach klarer Bergluft und Laub. Ihr Lächeln kam zurück. Sie stand auf einer Brücke und blickte auf das Schloss, wohin sie in weniger als einer Stunde zur Testamentseröffnung ihrer unbekannten Großmutter gehen würde.

Als Arlowe den Umschlag aus der Post gezogen hatte, war ihr der Absender aufgefallen: eine Kanzlei in Salzburg. Sie hätte den Brief fast fallen lassen, als sie las, dass ihre Großmutter väterlicherseits – eine Frau, die sie nie getroffen hatte – gestorben war und Arlowe in ihrem Testament erwähnt hatte. Dem Brief hatte ein Erste-Klasse-Flugticket von Kansas City nach Salzburg beigelegen. Die Testamentseröffnung sollte „am letzten Freitag des Monats in der Residenz der Verstorbenen“ stattfinden.

Und jetzt war sie hier. Eine halbe Meile von dem Schloss entfernt, das Desdemona Gruber einst ihr Zuhause genannt hatte.

Wie im Märchen.

Sie hatte ein Märchen bitter nötig. Die vergangenen zwei Jahre waren hart gewesen. Erst hatte Robert seinen Job verloren. Dann hatte sie ihr Studium abgebrochen und Vollzeit gearbeitet, damit Mom und Robert über die Runden kamen. Und dann der Unfall …

Vierzehn Monate war es her. Doch manchmal fühlte es sich noch genauso schmerzhaft an wie an dem Tag, an dem sich ihr Leben für immer verändert hatte. Der Anruf von einer unbekannten Nummer. Der panische Sprint ins Krankenhaus. Die Erleichterung, als Robert die Operation überstanden hatte.

Und dann Wochen voller Tränen, während sie und ihr Stiefvater lernten, ohne Mom weiterzuleben. Früher hätte sie versucht, den Schmerz wegzuschieben. Jetzt ließ sie die Trauer zu.

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter, zog ihr Handy aus der Jackentasche und machte ein Foto vom Schloss. Dann schickte sie es an Robert und bekam sofort eine Antwort.

Wunderschön. Sag Bescheid, wenn du im Schloss bist.

Arlowe lächelte. Ihn zum ersten Mal seit dem Unfall allein zu lassen, hatte ihr mehr Kopfschmerzen bereitet als ihm.

Sie umklammerte das Geländer. Es machte ihr nichts aus, sich um Robert zu kümmern. Er war ein fester Bestandteil ihres Lebens, seit sie sechs war. Er hatte ihr Autofahren beigebracht, ihr in der Highschool Ratschläge zu Jungs gegeben und sie im ersten Jahr ins Uni-Wohnheim gebracht.

Vor allem aber hatte er es geschafft, dass ihre Mutter wieder lächelte.

Doch das änderte nichts an Arlowes Erschöpfung. Beim Unfall hatte sich Robert mehrere Knochen gebrochen sowie einen Bandscheibenvorfall zugezogen und musste mehrfach operiert werden. Ab kommendem Monat stand auch noch Physiotherapie an. An Tagen, an denen sie nicht zwölf bis sechzehn Stunden arbeitete, fuhr Arlowe ihn zu Arztterminen, erledigte Einkäufe, kümmerte sich um den Haushalt.

Er tat vom Rollstuhl aus, was er konnte. Aber seine Beweglichkeit war eingeschränkt. Tagsüber schafften sie es. Aber die Nächte …

Noch vor drei Jahren hätte sie ihren besten Freund Hart angerufen. Ihn gebeten, vorbeizukommen oder sich mit ihr am Zaun zwischen ihren Grundstücken zu treffen, um nachts durch die Felder zu spazieren. Hart hätte zwar gemosert, dass er seinen Schlaf brauchte, aber er wäre gekommen.

Heute war er der millionenschwere CEO des familieneigenen Pharma-Unternehmens. Erfolgreich, ehrgeizig und gefeiert dafür, dass er die Firma gerettet hatte, die sein Großvater fast an die Wand gefahren hätte. Hart war mit einer internationalen Opernsängerin liiert und aktuell für Vertragsverhandlungen in Lyon.

An den meisten Tagen freute sie sich für ihn. Ihr bester Freund hatte es geschafft. Trotz allem war er nur Stunden nach dem Unfall aufgetaucht. Fast einen Monat war er geblieben, hatte ihr und Robert geholfen, sich in ihrem neuen Alltag zurechtzufinden. Er hatte sogar die Beerdigung organisiert und bezahlt. Ein Geschenk, das Arlowe und Robert dankbar angenommen hatten.

Das hatte allerdings eine neue, unerwünschte Dynamik zwischen ihnen ausgelöst. Mehr als einmal hatte Hart angeboten, finanziell auszuhelfen. Vergangenes Weihnachten hatte er ihr sogar fünftausend Dollar überwiesen. Geld, das sie zähneknirschend angenommen hatte, um ein neues Schmerzmittel für Robert zu bezahlen. Hart hatte in den vergangenen elf Monaten mindestens vier weitere Angebote gemacht. Er schien sich mehr dafür zu interessieren, ihr Geld zu schicken, als für ihre Freundschaft. Ein zwanzigminütiges Telefonat hätte so viel mehr bedeutet als ein Scheck.

Zehn Wochen hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Als Arlowe dann die bisher höchste Rechnung von einem der Spezialisten erhalten hatte, bei dem Robert in Behandlung gewesen war, hatte sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens getroffen: den Verkauf von zwanzig Acres der Farm.

Das Land mit dem Teich und dem kleinen Hügel dahinter, von dem aus man ins Flusstal blickte. Genau dort hatte sie immer vorgehabt ihr Traumhaus zu bauen.

Noch ein Traum, der sich in Luft auflöste.

Zum Glück hatte Harts Mutter Francine ihr Versprechen gehalten und den Verkauf für sich behalten. Nach allem, was Hart beim letzten Gespräch gesagt hatte, hätte es Arlowe nicht überrascht, wenn er sofort ins Flugzeug gestiegen wäre – nur um ihr das Geld aufzuzwingen oder das Grundstück selbst zu kaufen.

Sie wollte sein Geld nicht. Sie wollte ihn. Den Hart, der ihr zuhörte, der ihr einen ehrlichen Rat gab. Den Hart, der sie um Hilfe bat, wenn er wieder in Zahlen und Tabellen festhing und den Blick für die Perspektive anderer verlor.

Aber diesen Hart gab es nicht mehr. So wie sie nicht mehr die naive Träumerin war.

Ihr Handy vibrierte und riss sie aus ihren düsteren Gedanken. Sie zog es hervor und warf einen Blick aufs Display. Ein Stich fuhr ihr durchs Herz, als sie Harts Namen sah.

War dieser Anruf nach all den Wochen Funkstille reiner Zufall? Oder hatte ihm jemand gesagt, wo sie war?

Sie zögerte kurz, dann nahm sie das Gespräch an. „Hey, Hart.“

„Hallo, Arlowe.“ Seine tiefe vertraute Stimme klang durch den Lautsprecher.

„Wie läuft’s in Frankreich?“

„Gut.“ Eine Pause. „Und in Österreich?“

Sie schloss ihre Finger fester ums Handy. Er rief nicht an, um Hallo zu sagen oder zu plaudern. Er rief an, um sie zu kontrollieren.

„Wer hat’s dir gesagt?“

„Meine Mutter.“

Arlowe verdrehte die Augen. Francine war in ihrem Leben so präsent wie kaum jemand sonst. In den vergangenen Jahren war sie ein echter Segen gewesen. Aber sie hatte dem mysteriösen Brief und der Testamentseröffnung von Anfang an misstraut.

„Arlowe, was hast du dir dabei gedacht?“

Darunter lag eine andere Frage: Warum bist du so naiv?

Sie atmete tief durch. Konzentrierte sich auf den frischen Duft der Kiefern und die kühle Herbstluft. Nicht auf die Wut, die heiß in ihrem Bauch aufflammte.

„Gerade denke ich, dass das Schloss um diese Jahreszeit wunderschön aussieht.“

„Du bekommst aus dem Nichts eine Einladung zu einer Testamentseröffnung in Österreich und steigst ins Flugzeug? Hast du irgendwas geprüft, bevor du los bist? Und was ist überhaupt mit Robert?“

„Was soll mit ihm sein?“ Sie hielt ihren Ton freundlich.

„Wer kümmert sich um ihn?“

„Ein paar Freunde und deine Mutter schauen tagsüber regelmäßig nach ihm. Für die Nächte habe ich eine Pflegekraft engagiert.“

„Und das kannst du dir leisten?“

Wut kochte in ihr hoch. „Ich habe meine Jungfräulichkeit online versteigert.“

Stille. Dann ein leiser Atemzug am anderen Ende. „Hör zu, ich will nicht …“

„Nicht was?“ Die Freundlichkeit war aus ihrer Stimme verschwunden. „Nicht an meiner Intelligenz zweifeln? Nicht mal auf die Idee kommen, dass ich einen Anwalt gebeten habe, die Kanzlei zu prüfen und sicherzugehen, dass das Testament echt ist? Dass ich vorher im Hotel angerufen habe, das die Kanzlei für mich gebucht hat?“

Genau davor hatte sie Angst gehabt, als sie seine Hilfe angenommen hatte – dass er sie danach nicht mehr auf Augenhöhe sehen würde. Seit dem Unfall hatte sie ohnehin das Gefühl, einen Teil von sich verloren zu haben. Wenn er auch nur die Hälfte wüsste von dem, was sie in den vergangenen zwei Jahren getan hatte, um nicht unterzugehen …

Eine weitere lange Pause. Dann wieder ein leiser Seufzer. „Ich habe dich verletzt.“

Harts leise Worte trafen sie mitten ins Herz.

„Ja. Hast du. Ich weiß es zu schätzen, dass du dich vergewissern willst, ob ich in Sicherheit bin, und an Robert denkst. Aber ich bin sechsundzwanzig. Wir kommen auch gut ohne dich klar.“

„Wirklich?“

Schuldgefühl regte sich in ihr. Sie hatte ihm immer noch nichts vom Verkauf des Grundstücks erzählt. Als sie Kinder gewesen waren und in ihrer Fantasiewelt gelebt hatten, hatte sie das Stück Land neben Harts Familiengrundstück die Östlichen Wälder genannt. Der Teich war damals ein Ozean gewesen, voller Meerjungfrauen oder Seeschlangen oder was auch immer Arlowe sich ausgedacht hatte. Und Hart hatte alles mitgemacht.

Sie hatte im Auto geweint, nachdem sie die Papiere unterschrieben hatte. Aber der Verkauf hatte ihr über vierhunderttausend Dollar eingebracht. Genug, um Moms Krankenhausrechnungen komplett zu begleichen und einen ordentlichen Teil von Roberts Schulden abzutragen.

Und es war ja nicht so, als würden sie und Hart noch Zeit in diesen Wäldern verbringen. Das letzte Mal, dass sie zusammen dort spazieren gegangen waren, war kurz nach der Beerdigung seines Vaters gewesen. Er vermisste diesen Ort nicht.

„Ja“, antwortete sie entschieden.

„Ich mache mir nur Sorgen um dich, Arlowe.“ Seine Stimme wurde leiser und klang rau, als er ihren Namen sagte. „Ich war in jüngster Zeit kaum da. Tut mir leid.“

Plötzlich war ihre Wut verschwunden und machte Platz für tiefes Bedauern. Ja, ihre Leben waren inzwischen grundverschieden. Aber das hieß nicht, dass er nicht auch mit eigenen Problemen zu kämpfen hatte. Er mochte ein internationales Unternehmen geerbt haben, aber dazu gehörten veraltete Anlagen, unbezahlte Rechnungen und Zweifel an der Qualität der produzierten Medikamente. Dass sich das Unternehmen in nur drei Jahren wieder erholt hatte, war allein Hart zu verdanken.

Nicht nur, um Gewinn zu machen, erinnerte sie sich. Sondern um seinen Vater zu ehren – und das Vermächtnis, das ihm eigentlich hätte gehören sollen.

Beschämt räusperte sie sich. „Danke. Ich vermisse dich auch. Aber ich weiß, dass du viel um die Ohren hast.“

Sie stellte auf Video-Anruf um. Einen Moment später füllte Harts attraktives mürrisches Gesicht den Bildschirm. Der Mann hätte problemlos modeln können. Markantes Kinn, scharfe Wangenknochen und eine Nase, die seinem Gesicht Eleganz verlieh. Mehr als eine Frau hatte Arlowe schon gefragt, wie sie es schaffte, Hart nicht anzuspringen.

Ganz einfach: Er war ihr bester Freund.

Der große Bruder, den sie nie gehabt hatte. Ja, er war unfassbar gut aussehend. Aber sie kannten sich seit der Grundschule. Ihre Freundschaft hatte Zahnspangen, ersten Liebeskummer und verschiedene Colleges überstanden, bevor sie beide wieder in Kansas City gelandet waren. So eine Verbindung ging tiefer als jede Beziehung. Sie verzog das Gesicht. Nicht, dass es da viele gegeben hätte.

Sie schüttelte die Vergangenheit ab und tippte auf den Bildschirm, um die Kamera zu drehen. „Schau dir das an.“

Sie schwenkte über die bewaldeten Hügel, das Schloss in der Ferne, die Holzbrücke und den Bach darunter. Dann richtete sie die Kamera wieder auf sich und lächelte. „Ich habe der Rezeptionistin im Hotel gesagt, wo ich hinwill, und mir von dem Chauffeur, den das Anwesen meiner Großmutter gestellt hat, einen Wanderweg geben lassen. Dann habe ich Robert meinen Standort geschickt. Wenn ich mich nicht innerhalb einer Stunde melde, ruft er an. Und wenn ich nicht rangehe …“

„Okay. Du hast es im Griff.“ Hart schüttelte den Kopf.

„Wie ist Frankreich denn so?“

„Ganz nett, soweit ich das beurteilen kann.“

Harts trockene Antwort brachte sie dazu, die Augen zu verdrehen. „Ach komm. Du bist in Lyon. Du solltest durch die Altstadt schlendern.“

Ein harter Kloß schnürte ihr die Kehle zu, als sie sich vorstellte, wie Hart genau das mit Lucy tat. Bei ihren beiden Begegnungen mit Lucy war die Sängerin bodenständig und nett gewesen, trotz der Aura aus Glamour und Reichtum.

„Ich wette, Lucy würde die Opéra National de Lyon gefallen. Falls sie dort nicht schon aufgetreten ist.“

Ein Schatten legte sich über Harts Gesicht. „Lucy ist nicht hier.“

Arlowe runzelte die Stirn. „Oh.“

„Wir haben Schluss gemacht.“

„Oh.“ Sie unterdrückte das hässliche Gefühl der Erleichterung und konzentrierte sich stattdessen auf den Tonfall ihres Freundes. „Das tut mir leid, Hart.“

„Schon gut.“

Etwas in seiner Stimme ließ sie aufhorchen.

„Was ist los?“

„Alles gut, Arlowe.“

Eine Mauer fuhr zwischen ihnen hoch. Sie und Hart waren weniger als vierhundert Meilen voneinander entfernt, doch es fühlte sich an, als würde ein Ozean zwischen ihnen liegen. Er hatte nicht vor, sich ihr anzuvertrauen.

So wie du dich ihm auch nicht anvertraut hast.

„Na ja … vielleicht reden wir ja bald mal wieder.“ Sie versuchte, locker zu klingen. „Wie du gesehen hast, habe ich noch ein Stück zu gehen.“

Er seufzte wieder. „Arlowe …“

„Alles gut, Hart.“ Sie lächelte ihn an. „Ich schreibe dir, wenn ich am Schloss bin. Bis dann.“

Sie beendete das Gespräch, bevor er noch etwas sagen konnte, und steckte das Handy zurück in die Tasche. Sie hatte schon länger gewusst, dass sie und Hart sich auseinanderlebten. Sie hatte es auf seinen vollen Terminkalender geschoben. Auf ihre Verantwortung für Mom und Robert.

Doch jetzt wollte sie ihren Spaziergang durch den Herbstwald genießen. Also schob sie die Gedanken an Hart beiseite und folgte dem Pfad.

2. KAPITEL

Hart schloss seine Hand fester ums Balkongeländer. Die roten Dächer der „Seidenhauptstadt Europas“ leuchteten im herbstlichen Nachmittagslicht. Sein Hotel lag am Rand von Vieux Lyon, einem Renaissanceviertel mit engen Kopfsteinpflastergassen und bunten Häusern.

Arlowe würde es lieben.

Seine Entscheidung, an dieser Konferenz teilzunehmen, hatte wie die perfekte Lösung gewirkt für die Sackgasse, in der er und Lucy wenige Monate nach der offiziellen Bekanntgabe ihrer Beziehung gelandet waren. Eine Gelegenheit, gemeinsam rauszukommen und abends die Stadt zu erkunden.

Nur hatte Lucy ihn freundlich daran erinnert, dass sie schon in Lyon gewesen war – als sie im Rigoletto an der Opéra National de Lyon gesungen hatte. Sie hatte vorgeschlagen, sich nach der Konferenz zu treffen und gemeinsam durch die Provence zu reisen, aber sein Kalender war für die nächsten vier Wochen bereits komplett voll gewesen.

Er wandte sich ab und ging zum Schreibtisch, wo seine Ledermappe lag, gefüllt mit Notizen aus allen bisherigen Sitzungen. Es sollte ihn eigentlich stören, dass seine Beziehung mit Lucy so schnell zerbrochen war. Aber da war kein Kummer, keine Wut, nicht mal ein Hauch von Schmerz. Nur ein kurzer Anflug von Nostalgie, wenn er an die schönen Momente dachte.

Was ihn viel mehr beschäftigte, war das, was Lucy in ihrem letzten Telefonat gesagt hatte.

„Ich wünschte nur, du hättest mich einmal so angeschaut wie Arlowe.“

Was für eine absurde Vorstellung, das er für Arlowe etwas empfinden würde, das über freundschaftliche Zuneigung hinausging. Das hatte er Lucy auch gesagt.

Woraufhin sie nur leise gelacht und ihm geraten hatte, endlich aufzuwachen und zu merken, was er da hatte – bevor es zu spät war.

Ihre Worte hatten sich in seinem Hinterkopf festgesetzt. Besonders, als er und Arlowe sich im Sommer wegen des Geldes gestritten hatten. Er war schroff gewesen. Als sie aufgelegt hatte, hatte er sich eingeredet, sie bräuchten nur etwas Abstand.

Aber aus ein paar Tagen waren Wochen geworden. Dann zwei Monate. Jetzt fast drei. Mit Thanksgiving vor der Tür hatte er beschlossen, nach Hause zu fliegen und sich persönlich mit Arlowe zu versöhnen.

Bis seine Mutter angerufen und ihm erzählt hatte, dass Arlowe nach Österreich gereist war. Zu einer angeblichen Testamentseröffnung für eine Frau, die sie nie gekannt hatte. Obwohl er seit dem Tod seines Vaters innerlich kaum noch etwas fühlte, war da doch Angst in ihm aufgestiegen. Er hatte ein Meeting verschoben – was er sonst nie tat – und seiner Assistentin aufgetragen, alles über die Kanzlei in Österreich herauszufinden.

Als Arlowe rangegangen war, hatte die Wärme ihrer Stimme eine Spannung in seinen Schultern gelöst.

Dass sie das Telefonat schließlich so abrupt beendet hatte, nahm er ihr nicht übel. Die vergangenen drei Jahre war er kaum für sie da gewesen. Der plötzliche Tod seines Vaters hatte Harts Welt zerrissen. Arlowes lebendige warme Art war immer das Gegengewicht zu seiner stillen grüblerischen Seite gewesen. Aber die Wut, die in ihm brodelte – diese rohe brennende Wut auf den unfähigen Bauleiter, der seinen Vater nicht geschützt hatte –, war etwas, das er vorher nie erlebt hatte. Schon der Gedanke daran, dass er das leise Lachen seines Vaters nie wieder hören würde, schnürte ihm den Brustkorb so sehr zu, dass das Atmen wehtat.

Nach dem Tod seines Vaters hatte er sich abgeschottet. Es war das Beste, was er für sie tun konnte. Auch wenn es bedeutete, sich von dem einzigen Menschen zu entfernen, bei dem er sein wollte.

Das belastete Erbe von BioInnovations nur drei Monate später zu übernehmen, hatte ihm kaum Zeit gelassen, die gewaltigen Veränderungen in seinem Leben zu verarbeiten. Aber es hatte ihm ein Ventil gegeben für all das, was in ihm tobte. Einen Ort, an dem er Trauer, Wut und Schmerz in etwas Produktives lenken konnte. Die Firma zu retten, die eigentlich seinem Vater hätte gehören sollen, hatte seine ganze Konzentration gefordert.

Arlowe hatte ihm nach dem Tod seines Vaters Raum gegeben. Sie hatte gewusst, dass er Zeit brauchte. Aber als sie dann gegen Ende begonnen hatte, ihn wieder ein bisschen näher an sich ranzulassen – kurz bevor er erfahren hatte, dass auch sein Großvater gestorben war –, hatte er abgeblockt.

Wo würden sie heute stehen, wenn er sich geöffnet hätte? Wenn er sie so an sich rangelassen hätte – so wie sie ihn damals nach dem Tod ihrer Mutter, als sie seine Hilfe und seinen Trost angenommen hatte?

Er warf einen letzten Blick auf die Altstadt, dann durchquerte er das riesige Schlafzimmer und ging weiter ins Wohnzimmer seiner Suite. Ruhm und Reichtum waren immer noch Dinge, mit denen er sich nicht wohlfühlte. Aber wie seine Assistentin treffend bemerkt hatte, war es durchaus praktisch, eine Suite zu haben, in der er eigene Meetings abhalten konnte. Außerdem verlieh es BioInnovations einen Hauch von Prestige. Etwas, das in den Jahren vor Harts Übernahme gefehlt hatte.

Es hatte drei Jahre und mehrere Millionen Dollar gebraucht, um das Unternehmen aus dem Loch zu holen, in das sein Großvater es durch fahrlässige Ausgaben und mangelnde Aufmerksamkeit getrieben hatte. Aber er hatte es geschafft und Rekordgewinne eingefahren. Er würde nicht zulassen, dass es scheiterte.

Er ging zum Tisch und nahm die Unterlagen aus dem Faxgerät. Das hier war eine seiner größten Ausgaben, seit er offiziell Millionär war. Dieser Vertrag war das Letzte, was noch fehlte, bevor die zwanzig Acres zwischen seiner Farm und Arlowes offiziell ihm gehörten.

Es tat verdammt weh, dass Arlowe seine Hilfsangebote ausgeschlagen und stattdessen ein Stück Land verkauft hatte. Nicht irgendein Stück, sondern ihr Stück. Den Teil, auf dem sie sich ihr eigenes Zuhause erträumt hatte. Er hatte es seiner Mutter mühsam entlocken müssen, nachdem er das Inserat online entdeckt hatte. Aber schließlich hatte sie zugegeben, dass Arlowe nicht nur finanziell zu kämpfen, sondern ausdrücklich darum gebeten hatte, ihm nichts zu sagen.

Er legte das Papier ab und nahm einen Stift. Irgendwann würden sie darüber reden müssen, warum sie seine Hilfe abgelehnt und das Grundstück inseriert hatte. Und vor allem, warum sie nicht mit ihm darüber gesprochen hatte.

Sie war erwachsen, es war ihr Land. Aber er wusste, was ihr dieses Stück bedeutete. Er konnte das Haus, das sie darauf bauen wollte, vor sich sehen, so oft hatte sie ihm davon erzählt: die weiße Veranda mit den geschnitzten Holzverzierungen, das Schindeldach, die Erkerfenster auf der Rückseite mit Blick auf den Fluss.

Er sollte kein schlechtes Gewissen haben. Er half Arlowe – auch wenn sie das noch nicht begriff. Auf die einzige Weise, die ihm noch möglich war.

Es klopfte an der Tür. Er warf einen Blick auf die Uhr und verzog das Gesicht. Fünf vor zwei. Sein potenzieller Kunde war zu früh.

Hart öffnete die Tür. Blaine Jones, CEO von Nessa Pharmaceuticals, lächelte und streckte ihm die Hand entgegen.

„Mr. Sinclair.“

Hart ergriff seine Hand und registrierte den festen Händedruck. „Bitte, nennen Sie mich Hart.“

„Nur wenn Sie mich Blaine nennen.“

Hart schloss die Tür und ging in die Küche. „Wasser, Tee, Kaffee?“

„Kaffee, schwarz. Danke.“

Blaine ließ sich in einen Stuhl sinken. Mit hellbraunem Haar, gebräuntem Gesicht und einem breiten Grinsen sah er exakt so aus, wie man sich einen früheren Highschool-Footballspieler vorstellte, der zum Businessmogul geworden war. Blaine hatte seine Karriere damit begonnen, während des Studiums Forschungslabore zu putzen, und sich dann hochgearbeitet. Erst Projektmanager, dann Leiter der Geschäftsentwicklung, COO und schließlich CEO von Nessa Pharmaceuticals.

Das Angebot von Nessa Pharmaceuticals enthielt alles – vom präzise formulierten Überblick für die Entscheider bis hin zu den detaillierten Anforderungen für die Produktion. Das änderte aber nichts an dem hartnäckigen Ziehen zwischen Harts Schulterblättern. Diesem bohrenden Gefühl, dass bei Nessa etwas nicht stimmte.

Er schob den Gedanken beiseite und reichte Blaine den Kaffee. Sein Vater hatte ihm erzählt, dass sein Großvater sich oft von eigenen Überzeugungen hatte leiten lassen und Studien oder andere Fakten ignorierte. Hart hatte BioInnovations mit Daten auf Kurs gebracht. Und jetzt, als er sich Blaine gegenübersetzte, musste er sich genau darauf konzentrieren. Auf Fakten, nicht auf Gefühle.

Er nahm die Mappe, die Blaine ihm reichte, und schlug die erste Seite auf. Den Bericht über Nessas Erfolge hatte er mindestens ein halbes Dutzend Mal gelesen. Während sein Blick über die Zeilen glitt, schweiften seine Gedanken ab – zurück zu Arlowes gezwungen fröhlicher Stimme und dem angestrengten Lächeln kurz vor dem Ende ihres Gesprächs.

Reiß dich zusammen, Sinclair.

„Wie Sie sehen, laufen unsere Anträge auf Zulassung bereits in den USA, Großbritannien und der EU.“ Blaine strahlte Selbstbewusstsein aus, während er an seinem Kaffee nippte. „Sobald die durch sind, reichen wir auch in Japan, China und Australien ein. Dann geht’s weiter nach Südamerika.“

Hart blätterte um, bis er die klinischen Studien fand. „Beeindruckende Tests. Über zehntausend Teilnehmende, sechs Jahre lang begleitet.“

„Ja. Auf die Ergebnisse sind wir sehr stolz.“

Etwas an Blaines Tonfall ließ Harts Blick nach oben schnellen. Aber Blaine saß einfach nur da, eine Hand locker auf der Sessellehne, die andere um die Tasse.

Hart stutzte. Es gab keinen greifbaren Grund für seine Bedenken. Dieser Vertrag stand für alles, wofür er und sein Team seit der Übernahme gearbeitet hatten: Stabilität, Glaubwürdigkeit, Anerkennung.

Und doch, während Hart durch das Hochglanzheft mit seinen perfekten Diagrammen und professionellen Fotos blätterte, wurde er den Eindruck einfach nicht los, dass etwas nicht stimmte.

Früher hätte er Arlowe angerufen. Sie verließ sich auf Intuition und Gefühl, traf aber keine unüberlegten Entscheidungen. Sie hatte ein Gespür für Menschen und dafür, was sie wollten und brauchten.

Aber diese Last wollte er ihr nicht aufbürden. Schon gar nicht, nachdem er kaum noch Teil ihres Lebens gewesen war.

„Also“, sagte Blaine, „was braucht’s, damit Nessa und BioInnovations ins Geschäft kommen?“

Harts Handy vibrierte in seiner Hosentasche. Wahrscheinlich Arlowe. Vielleicht wollte sie nur kurz Bescheid geben, dass sie heil am Schloss angekommen war.

Oder sie ist verletzt und braucht Hilfe.

Bevor er den Gedanken zu Ende denken konnte, klingelte Blaines Handy. „Entschuldigung.“ Er warf einen Blick aufs Display. „Bin gleich zurück.“

Harts Handy vibrierte erneut. Er zählte bis fünf, dann zog er es langsam aus der Tasche. Zwei Nachrichten von Arlowe.

Habe einen Drachen und eine böse Hexe besiegt. Bin heil im Schloss angekommen.

Das Selfie zeigte Arlowe vor einer riesigen Holztür. Ihr dunkelbraunes Haar war locker hochgesteckt. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihr ins Gesicht. Hart war kein Freund von Übertreibungen, aber ihre bernsteinfarbenen Augen strahlten vor Freude. Dieses Lächeln warf ihn zwanzig Jahre zurück – zu dem Tag, an dem ein kleines Mädchen auf seinen Zaun geklettert war und verkündet hatte, sie heiße Arlowe Banks, sei fünf Jahre alt und ab jetzt seine neue beste Freundin.

Er lächelte. Mit sechsundzwanzig hatte sie immer noch dieselbe Energie, dieselbe Wärme.

Doch das Lächeln verging, als er die dunklen Ringe unter ihren Augen sah. Schuld sickerte ihm unter die Haut und breitete sich in seinem Brustkorb aus. Wie hatte er die Zeichen ihrer Erschöpfung übersehen können?

Weil du sie kaum noch gesehen hast.

„Entschuldigung“, sagte Blaine, als er zurück in den Raum kam.

Hart warf einen letzten Blick auf Arlowes Foto, steckte das Handy weg und konzentrierte sich wieder auf Blaine. „Kein Problem.“

Blaine setzte sich, das Lächeln wieder aufgesetzt. „Also, wie gesagt – was müssen wir tun, um den Vertrag unter Dach und Fach zu bringen?“

Der Rest des Treffens verlief zügig. Blaine beantwortete jede von Harts Fragen ausführlich. Alles passte zu dem, was BioInnovations leisten konnte.

„Ich würde den Vertrag gern noch vor Ende der Konferenz unterschreiben.“

Hart nickte. „Ich muss mit meinem Team noch die abschließende Prüfung machen. Aber ich rechne nicht mit Problemen.“

„Gibt es etwas, worüber ich mir Sorgen machen müsste?“

Hart lehnte sich im Stuhl zurück. „Gibt es etwas, von dem Sie befürchten, dass ich es finden könnte?“

Blaine zog die Brauen zusammen. „Dieser Ton gefällt mir nicht, Sinclair.“

„Ich habe nichts unterstellt“, entgegnete Hart kühl. „Sie sind auf uns zugekommen, weil BioInnovations sich als führender Hersteller in der Pharmaindustrie etabliert hat. Wir haben eine einwandfreie Bilanz bei den Aufsichtsbehörden vorgelegt, in hochmoderne Qualitätssicherung investiert und schnellere Freigabezeiten ohne Produktionsausfälle erreicht.“

„Das ist mir bekannt.“

„Dann wissen Sie auch, dass diese Bilanz ihren Preis hatte – nämlich, dass wir alles gründlich prüfen. Auch unsere Partner.“ Sein Handy vibrierte einmal in der Tasche. „Das ist nichts Persönliches, es ist das Geschäft. Sie haben alles eingereicht, was wir brauchen. Wenn nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt, arbeiten wir gern mit Nessa zusammen.“

Die Anspannung wich aus Blaines Schultern. „Entschuldigung. Das ist das erste Medikament, das ich von Anfang bis Ende betreut habe. Es fühlt sich an wie mein Vermächtnis für die Branche.“

„Das kann ich nachvollziehen.“

So sehr Hart auch seine Zweifel an Nessa hatte, er wusste, was es bedeutete, alles auf eine Karte zu setzen. Er hatte jeden einzelnen Cent, den sein Großvater ihm hinterlassen hatte, in den Wiederaufbau von BioInnovations gesteckt. Die vergangenen drei Jahre hatte er in New York verbracht. Fern von seiner Mutter, von Robert, von Arlowe. Wenn BioInnovations scheiterte, bekam er diese Zeit nicht zurück.

„Danke.“ Blaine stand auf. „Ich freue mich auf das Gespräch mit Ihnen und Ihrem Team später in der Woche.“

Nachdem Blaine gegangen war, trat Hart wieder auf den Balkon. Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben und die spätherbstliche Wärme mitgenommen.

Das Meeting war insgesamt gut gelaufen. Hart würde einen Bericht aufsetzen und ihn mit seinem Team teilen. Sobald sie in zwei Tagen eintrafen, würden sie sich zusammensetzen, alles im Detail durchgehen und dann gemeinsam eine Entscheidung treffen.

Genau deshalb hatte er sich von der Denkweise seines Großvaters verabschiedet, der Entscheidungen allein getroffen hatte, und stattdessen begonnen, Verträge gemeinsam mit einem vertrauten Team abzusegnen: mit seiner Vizepräsidentin für Fertigungsprozesse, dem Leiter der Lieferkette und dem Leiter der Geschäftsentwicklung. Sie würden sich die Daten mit ihm ansehen und ihm Perspektiven aufzeigen, die er übersehen hatte.

Er ließ sich in einen der Liegestühle sinken. Seine Leiterin der Qualitätssicherung, Anne Flory, hatte fünf Jahre unter seinem Großvater überstanden, bevor Hart die Führung übernommen hatte. Mit dem restlichen Team wollte er seine Zweifel nicht teilen. Nicht, solange er keinerlei Beweise dafür hatte. Aber mit Anne konnte er reden. Und das würde er tun, bevor sie sich als Gruppe zusammensetzten.

Er zog sein Handy heraus und las Arlowes letzte Nachricht:

Gehe jetzt rein. Wünsch mir Glück.

Er überflog noch einmal ihre beiden vorherigen Nachrichten. Sein Blick blieb an dem Foto hängen. Was würde Arlowe zu all dem sagen? Würde sie ihm raten, genauer hinzusehen und zur Abwechslung auf sein Bauchgefühl zu hören?

Wahrscheinlich. Was bedeuten würde, den Vertragsabschluss zu verschieben und so das Risiko zu erhöhen, dass Blaine sich zurückzog. Damit könnte auch das größte Geschäft platzen, das BioInnovations in der Firmengeschichte je angeboten bekommen hatte.

Er blickte unverwandt auf Arlowes Foto – auf ihre vertrauten goldbraunen Augen und das unbeschwerte Lächeln – und wusste, dass sie sich nicht nur seine Zweifel anhören würde. Nein, sie würde zur Sache kommen und ihn fragen, warum ihn das Ganze so umtrieb. Sie würde nachbohren, bis er endlich zugeben würde, was ihm am meisten Angst machte.

Scheitern.

Wenn er auf sein Bauchgefühl hörte und den Deal ohne handfeste Gründe ablehnte, könnten die Folgen den Ruf von BioInnovations beschädigen. Wenn er aber nicht auf sein Bauchgefühl hörte und etwas schieflief, könnte das den enormen Fortschritt zunichtemachen.

Er tippte hastig eine nichtssagende Antwort an Arlowe und schickte sie ab, bevor er sein Handy auf lautlos stellte. Sobald das hier überstanden war, würde er für längere Zeit nach Missouri zurückkehren. Er und Arlowe konnten da weitermachen, wo sie aufgehört hatten, bevor das Leben dazwischengekommen war.

3. KAPITEL

Arlowe lächelte, als sie Harts Antwort las.

Gut, dass du in Sicherheit bist. Nimm dich vor den Feen in Acht. Die sind gerissen. Viel Glück.

Einen Moment lang sah sie auf die Worte, dann steckte sie das Handy in die Jackentasche. Wahrscheinlich machte sie sich zu viele Gedanken. Beziehungen veränderten sich nun mal.

Ein langgezogenes, klagendes Heulen erklang hinter ihr. Erschrocken drehte sie sich um, als ein Windstoß durch die Bäume fuhr. Blätter rissen sich los und wirbelten wie Farbfetzen durch die Luft. Jenseits des Sees war der Horizont ein schmaler Streifen aus dunklem Stahlgrau.

Sie wandte sich wieder den hölzernen Türen am Eingang zum Schloss zu und hob die rechte Hand. Doch bevor sie klopfen konnte, gingen die massiven Holztüren auf und gaben den Blick auf einen beeindruckenden Innenhof frei. Das Kopfsteinpflaster unter ihren Füßen teilte sich und lief links und rechts um einen dreistufigen Brunnen. Dahinter lag das Schloss. Heller Stein, riesige Rundbogenfenster. Zwei Steintreppen schwangen sich zu einem Zwischengeschoss hinauf, auf dem sich eine weitere Tür befand. Genau die öffnete sich, während Arlowe langsam in den Innenhof trat.

Ein großer Mann in grauem Anzug kam heraus. Mit seinen markanten Gesichtszügen und der auffälligen Nase wirkte er wie ein Nachfahre eines längst vergessenen Königs. „Arlowe Banks?“

„Ja.“

Der Mann lächelte – ein überraschend freundliches Lächeln, das seiner aristokratischen Erscheinung etwas von der Strenge nahm.

„Ich bin Franz Blukker, Nachlassverwalter Ihrer verstorbenen Großmutter.“

Arlowes Lächeln verblasste, als sie über den Innenhof auf ihn zuging. Sie hatte die Frau nie kennengelernt und bis vor ein paar Wochen nicht einmal über ihre Existenz nachgedacht. Und trotzdem tat es weh, dass noch jemand aus ihrer Familie nicht mehr lebte.

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Arlowe, während sie die Treppe hinaufstieg.

„Ganz meinerseits.“ Er deutete auf die geöffnete Tür hinter sich. „Sie sind zwanzig Minuten zu früh, aber die anderen sind bereits eingetroffen. Wenn Sie also bereit sind?“

„Die anderen?“

„Bitte, hier entlang.“

Arlowes Mund klappte auf, als sie die riesige Halle betraten. Die hohen Fenster ließen Sonnenlicht herein, das den Raum in warmes Licht tauchte. An den Steinwänden hingen kunstvoll gewebte Wandteppiche, die bunte Szenen in Wäldern und Burgen zeigten. Über ihnen glitzerte ein großer Kronleuchter und unter ihren Füßen gab der dichte Teppich sanft nach.

„Es sieht aus wie ein Museum.“

„Ihre Großmutter hat Kunst geliebt“, sagte Herr Blukker. „Einige Räume wurden so eingerichtet, wie sie um 1900 ausgesehen haben könnten, als das Schloss zuletzt von Adligen bewohnt wurde.“

Er führte sie durch ein großes Portal in einen Raum, der wie ein Salon wirkte. Rote Samtmöbel waren einladend verteilt, auf dunklen Beistelltischen standen kleine Marmorskulpturen. Zwei Frauen etwa in ihrem Alter waren bereits da. Eine von ihnen stand am gewaltigen Steinkamin. Sie trug eine fließende smaragdgrüne Hose mit passendem Blazer, ihre schwarzen Haare zu einem französischen Zopf geflochten. Als Arlowe hereinkam, sah sie kurz auf und wandte sich wieder ihrem Handy zu.

„Meine Damen, darf ich Ihnen …“ Das schrille Klingeln seines Telefons unterbrach ihn. Er zog es heraus und warf mit gerunzelter Stirn einen Blick aufs Display. „Entschuldigen Sie mich. Ich muss das kurz annehmen.“

Er trat hinaus und ließ die drei Frauen allein zurück. Die Frau am Kamin sah nicht einmal auf, als er ging. Arlowe wandte sich der rothaarigen, sanft wirkenden Frau mit Stupsnase zu, die sich mit der Hand über ihren gerundeten Bauch strich.

„Hallo.“ Arlowe ging auf das Sofa zu und streckte ihre Hand aus. „Ich bin Arlowe.“

„Und ich bin Mina.“ Der sanfte Klang ihres Akzents wirkte beruhigend.

„Freut mich.“ Arlowe deutete auf Minas Bauch. „Und herzlichen Glückwunsch.“

„Danke. Ich bin jetzt im vierten Monat.“

„Junge oder Mädchen?“, fragte Arlowe, während sie sich auf den Stuhl neben Mina setzte.

„Ich möchte mich überraschen lassen“, sagte Mina. „Meine Mutter tippt auf einen Jungen.“

Trauer war ein Gefühl, das Arlowe lange kaum gekannt hatte. Jetzt spürte sie es wieder – das Absinken des Herzens, die bleierne Schwere im Körper.

Sie lächelte. Hart würde es hier lieben. Die Architektur, die Geschichte, das gelebte Familienerbe.

Da Francines Eltern früh gestorben waren und Harts Großvater die Familie noch vor Harts Geburt enterbt hatte, war seine Familie immer sehr klein gewesen. Er hatte ihr mehr als einmal gesagt, dass er gern eine große Familie gehabt hätte. Und dass sie für ihn die kleine Schwester gewesen sei, die er sich immer gewünscht hatte. Ein Satz, der ihr normalerweise ein Lächeln entlockte. Jetzt schnürte er ihr die Kehle zu.

Sie schob das unangenehme Gefühl beiseite und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Mina. „Sorry. Ich habe gerade viel im Kopf.“

Mina nickte verständnisvoll. „Geht mir genauso. Verrückt, oder? Ich kannte meinen Vater nicht und wusste also gar nicht, dass meine Großmutter noch gelebt hat.“

Hoffnung flackerte in Arlowe auf. „Mir wurde gesagt, dass sie auch meine Großmutter war.“

Minas Augen wurden groß. „Dann sind wir Cousinen!“

Arlowe kämpfte mit den Tränen, während sich ihre Lippen zu einem so breiten Grinsen verzogen, dass es fast wehtat. „Schön, dich kennenzulernen, Cousine.“

„Geht mir genauso.“ Mina verschränkte die Hände im Schoß. „Es war immer nur meine Mum und ich, deshalb ist das hier … Oh, das ist wundervoll!“ Sie verzog das Gesicht und legte eine Hand auf ihren Bauch. „Anscheinend sieht das deine Cousine zweiten Grades genauso, das war ein ordentlicher Tritt.“

Monatelange Anspannung löste sich in Arlowe, während sie diese plötzliche Erkenntnis verarbeitete. Es löste nicht all ihre Probleme. Aber es war schön, mal gute Nachrichten zu bekommen. Zu wissen, dass sie doch noch ein Familienmitglied auf dieser Welt hatte.

Die Frau in Grün seufzte, während sie mit einem manikürten Fingernagel auf ihrem Handy herumtippte.

„Alles okay?“, fragte Arlowe und bemühte sich um einen möglichst freundlichen Ton.

„Nein.“ Die Frau steckte das Handy in die Tasche und überquerte den Raum mit lässiger Eleganz und Selbstverständlichkeit. Dann setzte sie sich gegenüber von Mina und Arlowe. „Ich muss so schnell wie möglich zurück nach London.“

„Ich hab’s geliebt, in London zu leben.“ Minas Wangen röteten sich, als sich der kühle Blick der Frau auf sie richtete. „Ich bin jetzt wieder in Dublin. Aber ich vermisse es.“

Das Gesicht der Frau wurde einen Hauch weicher, was ihren Model-Zügen etwas von der Strenge nahm.

„Welcher Teil von London?“

„Wick.“ Sie räusperte sich. „Entschuldige, ich habe deinen Namen nicht mitbekommen?“

„Ivy Larken.“ Ivys Blick wanderte zu Arlowe. „Und woher kommst du? Ich tippe auf Amerika.“

„Ja. Ich wohne in der Nähe von Kansas City.“

Ivy hob ihre dunklen Brauen. „Missouri, richtig? Ganz schön weiter Weg.“

„Stimmt.“ Arlowe lächelte. „Ich bin zum ersten Mal im Ausland.“

Statt die Augen zu verdrehen, verzogen sich Ivys Lippen zu einem Lächeln. „Aufregend, oder?“

„Und wie.“

Ivy zögerte kurz. „Ich bin auch nur mit meiner Mutter aufgewachsen. In meiner Einladung stand, dass es um das Testament meiner Großmutter geht.“

Alle drei sahen sich an.

„Dann sind wir also drei Cousinen“, sagte Arlowe.

„Wow.“ Minas Lächeln breitete sich über ihr ganzes Gesicht aus.

Ivy reagierte zurückhaltender, aber auch sie lächelte. „Das ist schön.“

In dem Moment kam Franz Blukker zurück. „Verzeihung. Der Empfang hier oben ist nicht immer zuverlässig, deshalb wollte ich den Anruf erledigen, solange ich Netz hatte. Ein Schneesturm zieht auf.“

Arlowe warf einen Blick zum Fenster, aber es zeigte nur auf die Südseite des Berges, wo die Nachmittagssonne durch die leuchtenden Bäume fiel. „Ein Schneesturm?“, fragte sie.

„Ja. Die Kaltfront trifft in ein paar Stunden ein, Schnee sollte erst morgen früh einsetzen.“ Er griff nach einer Ledermappe auf dem Tisch. „Also, die Damen – fangen wir an.“

Arlowe holte tief Luft. Jetzt wurde es ernst.

„Ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie nicht früher offiziell vorgestellt habe. Arlowe Banks, Sabrina Callahan und Ivette Larken. Ich werde nun das Testament von Desdemona Gruber verlesen. Der Text wird in der Form vorgelesen, in der Frau Gruber ihn unterzeichnet hat. Etwaige Fragen können wir im Anschluss besprechen.“

Er zog ein Dokument aus der Mappe. „Frau Gruber hat darum gebeten, dass ich mit einem Brief beginne, den sie an Sie drei gerichtet hat – ihre Enkelinnen.“

Enkelin. Arlowe wusste natürlich, dass sie biologisch gesehen die Enkelin von jemandem war. Aber da ihr Großvater mütterlicherseits seine Tochter mit der Schwangerschaft verstoßen hatte und Arlowe ihren eigenen Vater nie kennengelernt hatte – geschweige denn dessen Familie –, tat es gut, dieses Wort laut zu hören. Zu wissen, dass Desdemona von ihr wusste. Ob sie nun mit einem Erinnerungsstück oder ein wenig Geld nach Hause ging, allein das Dazugehören bedeutete Arlowe alles.

Franz Blukker räusperte sich. „An meine Enkelinnen: Es tut mir leid, dass ich erst so spät von eurer Existenz erfahren habe, wo mir kaum noch Zeit bleibt. Mein Verhältnis zu meinen Söhnen – euren Vätern – war nicht gut. Nachdem wir den Kontakt abgebrochen hatten, habe ich mich völlig von ihnen zurückgezogen. Leider bedeutete das auch, dass ich euch nicht kennenlernen durfte.“

Mina schniefte. Arlowe beugte sich vor und drückte die Hand ihrer neu gefundenen Cousine, auch wenn sie selbst gegen ihre Tränen ankämpfte. Was geschehen war, war geschehen. Aber es fiel schwer, sich nicht zu fragen: Was wäre gewesen, wenn?

„Ich kann nur hoffen, dass mein Letzter Wille euch in den kommenden Jahren ein wenig Trost spendet. Auch wenn meine Bedingungen ungewöhnlich erscheinen mögen, so glaube ich doch, dass sie nicht nur euren Erfolg sichern, sondern auch den Fortbestand unserer Familie gewährleisten.“

Arlowe legte die Stirn in Falten. „Bedingungen?“

„Geduld“, sagte Franz Blukker mit einem angedeuteten Lächeln. „Ich wünsche euch dreien Glück und Gesundheit. In Liebe, eure Großmutter.“

Er legte den Brief zurück in die Mappe und zog weitere Blätter hervor.

„Warum hat sie sich nicht gemeldet?“, fragte Ivy leise.

Franz Blukker schwieg einen Moment lang, ehe er antwortete. „Die Diagnose kam nur wenige Wochen vor ihrem Tod. Ihr Zustand verschlechterte sich rasch. Als sie mir diesen Brief diktiert hat, war sie bereits ans Bett gefesselt. Sie hat es nie ausgesprochen, aber ich glaube, sie wollte nicht, dass man sich so an sie erinnert.“

„War sie allein?“

Franz Blukker lächelte wieder. „Nein. Ich war bei ihr. Genau wie einige enge Freunde. Ihre Großmutter war sehr beliebt.“

Stille senkte sich über den Raum. Mina schniefte erneut. Ivy stand auf, ging zu ihr und nahm ihre andere Hand.

„Was das Erbe betrifft“, sagte Franz Blukker, „hat Frau Gruber jeder von Ihnen eine Summe von fünfundzwanzigtausend Euro vermacht, die umgehend auf ein Konto Ihrer Wahl überwiesen wird.“

Arlowes Mund klappte auf. Das entsprach fast acht Monatsgehältern im Gartencenter. Sie könnte ein paar Rechnungen begleichen, eine Rate für Roberts letzte OP zahlen, im nächsten Semester ein oder zwei Kurse belegen …

„Die fünfundzwanzigtausend Euro stehen Ihnen ohne Bedingungen zur Verfügung.“ Franz Blukker machte eine Pause. „Allerdings hat jede Enkelin Anspruch auf fünfzehn Millionen Euro, sofern sie innerhalb eines Jahres nach dieser Testamentseröffnung heiratet – und mindestens drei Jahre lang verheiratet bleibt.“

Arlowes Kinn sank noch weiter, während Mina nach Luft schnappte.

Ivy fuhr herum und sprang auf. „Das ist doch absurd!“

Franz Blukker ließ sich nichts anmerken. „Soll ich weitermachen oder nicht, Miss Larken?“

Ivy ballte die Fäuste. „Nichts würde mich dazu bringen, wegen eines Erbes auch nur übers Heiraten nachzudenken!“

Arlowe war eher schockiert als wütend, aber sie verstand Ivys Reaktion. „Es klingt, als wäre ihr ein Ehering wichtiger gewesen als die Person, die wir heiraten“, sagte sie leise.

„Ich habe Ihre Großmutter gebeten, andere Bedingungen in Erwägung zu ziehen, aber sie war in dieser Hinsicht unnachgiebig.“ Franz Blukker zuckte mit den Schultern. „Ihre Ehe mit Ihrem Großvater war sehr glücklich und bedeutete für sie die Flucht aus einem unglücklichen Elternhaus. Die verschwenderischen und zügellosen Lebensstile Ihrer Väter waren für sie eine große Enttäuschung.“

„Aber wir sind nicht wie sie“, protestierte Mina. „Sie verurteilt uns für die Fehler unserer Väter. Wie soll das fair sein?“

„Ich kann Ihnen nur mitteilen, was im Testament steht. Sie hat außerdem verfügt, dass jede Enkelin, die bis zum Jahrestag der Testamentseröffnung verheiratet ist, auch einen Anteil an diesem Schloss erhält. Für jedes Kind, das aus der Ehe hervorgeht, wird zudem eine Million Euro in einen Treuhandfonds eingezahlt, der nach dem einundzwanzigsten Geburtstag verfügbar wird.“

„Müssen die dann auch heiraten?“, fragte Ivy spitz.

Arlowe wartete, bis ihre Cousine sie ansah. „Ich finde das auch nicht gut. Und ich weiß, wir kennen uns erst seit ein paar Minuten, aber wir stecken da gemeinsam drin, okay? Wir drei.“

Ivy öffnete den Mund, sagte aber nichts mehr.

Der Rest der Verlesung war schnell erledigt. Kleine Vermächtnisse würden an Freunde und Dorfbewohner gehen.

„Und jetzt?“, fragte Arlowe.

„Sie haben bis zur ersten Novemberwoche nächsten Jahres Zeit zu heiraten.“

Arlowe stand auf und ging zum Fenster. Mit verschränkten Armen blickte sie hinaus in den Wald. Wenn sie sich ihren Hochzeitstag vorgestellt hatte, dann immer unter den Bäumen zwischen ihrer und Harts Farm. Mit jemandem, den sie liebte. Jemandem, mit dem sie alt werden und eine Familie gründen wollte.

Aber der Wald gehörte inzwischen jemand anderem. Jemanden neu kennenzulernen und ihn innerhalb eines Jahres zu heiraten, nur um an Geld zu kommen – das war das genaue Gegenteil von dem, was sie sich unter Liebe vorgestellt hatte.

Vielleicht sollte sie die fünfundzwanzigtausend nehmen und den Rest vergessen. Aber konnte sie auf fünfzehn Millionen verzichten? Auf das, was das für sie und Robert bedeuten würde?

Ihr Handy vibrierte in der Tasche. Eine Nachricht von Hart.

Wie läuft’s?

Sie atmete tief aus und tippte. Logisch gesehen gab es nur eine Antwort.

Sieht so aus, als würde ich heiraten.

4. KAPITEL

Arlowe sah aus dem Fenster des Salons. Die Wolken warfen dunkle Schatten über die Bäume. Seit einer Stunde wartete sie nun auf eine Antwort von Hart.

Zu beschäftigt, wie immer.

Der Notar hatte in der Zwischenzeit die Fragen der Cousinen beantwortet und war die Dokumente im Nachlass von Desdemona durchgegangen. Ivy hatte schließlich mit roten Wangen und blitzenden Augen den Raum verlassen. Mina war kurz darauf gegangen, um ihre Mutter anzurufen. Franz Blukker hatte sich entschuldigt, um nach den Wagen zu sehen, die Ivy und Mina zum Schloss gebracht hatten.

Und so blieb Arlowe mit ihren aufgewühlten Gedanken zurück im Salon.

Sie hatte seit Ewigkeiten nicht übers Heiraten nachgedacht. Oder übers Daten. Kein Wunder, bei Tagen, die bis zum Rand voll waren mit Arbeit und Terminen – und Nächten, die nur noch aus Erschöpfung und Trauer bestanden.

Doch wenn, dann hatte immer die Liebe im Mittelpunkt gestanden. Gegenseitiger Respekt. Gemeinsame Interessen. Der Wunsch nach einer Familie. Sie hatte sich eine Ehe wie die von Mom und Robert gewünscht. Nicht eine mit einem eingebauten Verfallsdatum von drei Jahren.

Sie lehnte die Stirn ans Fenster.

„Miss Banks?“ Franz Blukker trat neben sie. „Geht es Ihnen gut?“

„Ja.“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Diese Klausel …“

„Ich weiß.“ Der Notar strich einen unsichtbaren Fussel von seinem Jackett. „Ich habe versucht, Ihre Großmutter davon abzubringen. Aber sie hat darauf bestanden.“

„Warum?“

Er zögerte. „Ihre Großmutter hatte es in jungen Jahren nicht leicht. Für Frauen war das Leben damals noch härter. Wie ich bereits erwähnte: Die Ehe mit Ihrem Großvater war für sie eins der wenigen stabilen und glücklichen Dinge.“

„Aber …“ Arlowe schüttelte erneut den Kopf. „Entschuldigen Sie. Ich bin frustriert. Und überfordert. Ich brauche das Geld, also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich an ihren Wunsch zu halten.“

„Sie haben ein Jahr Zeit“, erinnerte er sie sanft. „Und die fünfundzwanzigtausend Euro vorab.“

Die fünfundzwanzigtausend würden einen Teil der Arztrechnungen decken. Aber längst nicht genug, um Roberts weitere Operationen und Physiotherapie zu bezahlen. Und erst recht nicht genug, um ihre Stunden im Gartencenter zu reduzieren und ihr Studium zu Ende zu bringen.

Aber fünfzehn Millionen?

Damit könnte sie alles haben. Die bestmögliche medizinische Versorgung für Robert. Das Farmhaus renovieren. Vielleicht sogar das verkaufte Land zurückkaufen. Endlich ihren Abschluss machen.

Und schon war Hart wieder in ihren Gedanken. Offenbar hatte Francine ihr Versprechen gehalten und nichts erzählt. Aber eines Tages würde er es erfahren. Wenn er jetzt schon genervt war, würde ihn das richtig aus der Fassung bringen.

Sie brauchte Zeit. Einen Ort, an dem sie in Ruhe nachdenken konnte, ohne Entscheidungen treffen zu müssen. Vielleicht blieb sie noch ein paar Tage im Dorf. Oder sie konnte ein Hotelzimmer in Kansas City buchen. Aber das würde nur Geld kosten und ihr nicht die Ruhe und Einsamkeit geben, nach der sie sich sehnte.

Dann kam ihr eine Idee. Sie blickte sich im gemütlichen Raum um. Die Nacht im Gasthof und der Spaziergang hierher waren die friedlichsten Momente gewesen, die sie seit Monaten erlebt hatte.

„Wäre es möglich, dass ich den Rest der Woche hierbleibe?“

Der Notar zog die Augenbrauen hoch. „Ganz allein?“

„Ja.“

Aufregung verdrängte ihre Melancholie. Keine Hotelgäste nebenan. Keine Kunden mit Pflanzenfragen, keine Gäste mit ausgefallenen Getränkewünschen.

„Ich würde nirgends hingehen, wo ich nicht hinsoll. Und ich würde alles so hinterlassen, wie ich es vorfinde.“

„Ich sehe keinen Grund, der dagegen spricht. Ich gebe in ein paar Geschäften im Dorf eine Bestellung auf. Lebensmittel, Seife und andere Kleinigkeiten.“

„Ich kann auch selbst in den Ort und alles besorgen.“

Herr Blukker lächelte väterlich. „Lassen Sie mich das übernehmen. Ihre Großmutter hat einen großzügigen Betrag für Ausgaben wie Flugtickets und Unterbringung hinterlassen. Ich glaube nicht, dass sie etwas dagegen hätte.“

Arlowe drückte seine Hand. „Danke.“

In dem Moment kam Mina in den Raum. „Mein Wagen ist da.“

Arlowe trat zu ihr. „Ich bleibe noch ein paar Tage hier.“

Mina riss überrascht die Augen auf. „Im Schloss?“

„Ja.“ Arlowe lächelte. „Du könntest auch bleiben. Herr Blukker hat freundlicherweise angeboten, ein paar Dinge zu besorgen. Es wäre eine gute Gelegenheit, uns besser kennenzulernen.“

Mina erwiderte das Lächeln. „Das klingt schön. Aber ich habe in ein paar Tagen einen Ultraschalltermin, und ich möchte nicht riskieren, hier eingeschneit zu werden.“

„Das verstehe ich.“ Arlowe zog ihr Handy hervor. „Wär’s okay, wenn wir in Kontakt bleiben?“

„Sehr gern!“

Ivy betrat den Raum. „Mein Wagen ist auch da. Schön, euch kennengelernt zu haben.“

„Mina und ich tauschen Nummern aus“, rief Arlowe ihr nach, als Ivy sich schon zum Gehen wandte. „Magst du mir auch deine Nummer geben?“

„Ich weiß zu schätzen, wie nett ihr beiden seid – aber ich bin kein Familienmensch. Eher das Gegenteil.“ Der Anflug von Schmerz in ihrer Stimme erstickte Arlowes aufkeimenden Frust.

„Okay. Falls du es dir anders überlegst – Herr Blukker hat unsere Nummern.“

Ivy zögerte im Türrahmen. Dann warf sie ihren langen Zopf über die Schulter und ging.

Autor

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.