Was mein Herz niemals vergaß

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Nie hat der griechische Selfmade-Milliardär Constantine Xenakis vergessen, dass die schöne Aliyah einst seine Liebe verriet. Nun ist der Moment der Rache gekommen! Denn damit die junge Witwe nicht das Sorgerecht für ihre Stieftochter verliert, braucht sie dringend seine Macht und seine Verbindungen. Der Preis: Heirat. So bekommt er endlich die Aktien, die sie noch von seinem Unternehmen hält. Doch er hat nicht damit gerechnet, wie sehr er sich bald nach mehr als nur Vergeltung sehnt. Riskiert er ein zweites Mal sein Herz für die falsche Frau?


  • Erscheinungstag 13.10.2026
  • Bandnummer 2775
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542173
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Tara Pammi

Was mein Herz niemals vergaß

1. KAPITEL

„Dieser Mann, den wir um Hilfe bitten, das ist doch derjenige, der dir damals das Herz gebrochen hat, oder? Constantine Xenakis?“

Aliyah Remington, die gerade einige Unterlagen auf ihrem Schoß neu ordnete, erstarrte mitten in der Bewegung. Aber eigentlich hätte sie von der Scharfsicht ihrer sechzehnjährigen Stieftochter Rose nicht überrascht sein dürfen.

Der Wagen bahnte sich seinen Weg durch den dichten Athener Vormittagsverkehr Richtung Innenstadt, hin zu dem glänzenden Turm, der seinen Namen trug. Allein ihn laut ausgesprochen zu hören, sandte einen Schauer über ihren Rücken.

In den ersten Jahren hatte Aliyah ihrem inzwischen verstorbenen Mann Richard ihre wahre Identität verschwiegen. Sie hatte weder mit ihren Eltern noch mit … ihm irgendetwas zu tun haben wollen. Sie hatte ganz neu anfangen und nicht mehr dieses klammernde Geschöpf mit gebrochenem Herzen sein wollen, zu dem ihre Familie sie gemacht hatte. Aber natürlich blieb die Vergangenheit nie begraben.

Nachdem sie vor einigen Jahren von einem Wohltätigkeitsball im Plaza geflüchtet war, hatte sie Richard schließlich die Wahrheit gestanden: Sie war die Tochter des griechischen Millionärs Theo Andros. Aber sie hatte kaum noch Kontakt zu ihm, nur noch zu ihrer Mutter. Und Constantine Xenakis, der heutige Konzernchef von Andros International – der Mann, vor dem sie bei dem Ball geflüchtet war – war ihre erste Liebe gewesen.

„Aliyah?“, hakte Rose nach und musterte sie besorgt.

Aliyah strengte sich an, ihren Gesichtsausdruck neutral zu halten, aber sie wusste nicht, ob es ihr gelang. Seit Richards Tod bedeuteten ihr Roses Vertrauen und ihre Zuneigung alles.

„Das ist derselbe Mann“, gab sie zu.

Erinnerungen überfluteten sie – an die Wut, an Constantines Verrat, als er sich entschieden hatte, lieber der Nachfolger ihres Vaters zu werden, statt auf das Geld zu verzichten und mit ihr zu leben. Und schließlich die Erkenntnis, dass sie niemandem außer ihrem Bruder Julian wirklich etwas bedeutet hatte.

Sie drehte den schlichten Goldring an ihrem Finger und suchte Halt in der Berührung des Metalls. Richards überraschender Tod im Schlaf lag jetzt fünfzehn Monate zurück, doch sie hatte den Ring nicht abgenommen. Er erinnerte sie daran, dass sie nicht mehr das naive, hilflose Mädchen von damals war.

Sie erwiderte Roses Blick. „Ich glaube, das Schlimmste war, dass er mein Vertrauen gebrochen hat. Wobei ich im Nachhinein denke, dass ich selbst daran schuld war.“

„Wieso?“, fragte Rose aufgebracht, immer bereit, sie zu verteidigen.

„Ich war jung und einsam und vielleicht auch ein bisschen dumm mit all meinen romantischen Vorstellungen von der großen Liebe. Es ist gut möglich, dass ich Anziehung und Lust mit echter Liebe verwechselt habe.“

Sie ließ die Schultern sinken und zwang sich zur Ruhe. Wenn sie schon beim Reden über ihn so durcheinandergeriet, wie zum Teufel sollte sie Constantine dann gegenübertreten und ihn um Hilfe bitten? Vielleicht war es besser, diese Gefühle hier und jetzt zuzulassen, damit sie nicht davon überrollt wurde, wenn sie ihm gegenüberstand.

„Nach dem Tod meines großen Bruders Julian ist unsere Familie zerbrochen. Constantine war der Enkel unseres Gärtners und Julians bester Freund. Seit seiner Kindheit hat mein Vater ihn unter seine Fittiche genommen. Natürlich nicht aus reiner Wohltätigkeit. Mein Vater ist ein skrupelloser Geschäftsmann mit einem Blick für Talent. Und Constantine hatte schon früh einen messerscharfen Verstand und einen Sinn für Zahlen.“

Erst jetzt, Jahre später, konnte sie klar sehen, wie ihr Vater sowohl Constantines Talent als auch seinen Ehrgeiz für seine eigenen Zwecke ausgenutzt hatte.

„Und du hast dich in ihn verliebt?“, fragte Rose mit der Ungeduld eines Teenagers.

„Nach Julians Tod sind Constantine und ich uns nähergekommen. Er war freundlich und aufmerksam, ich habe mich verliebt, habe große Pläne für unsere gemeinsame Zukunft geschmiedet und bin davon ausgegangen, dass er dasselbe empfindet.“

Nicht, dass der ruhige, verschlossene Constantine so etwas jemals ausgesprochen hätte. Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie damit die Erinnerungen vertreiben.

„Vielleicht hat uns nur die Trauer um meinen Bruder zusammengebracht. Vielleicht war ich für Constantine die ganze Zeit nur ein netter Zeitvertreib, während er die Karriereleiter hinaufgeklettert ist.“ Das hörte sich zwar schrecklich an, aber es war besser, als sich selbst zu belügen wie damals.

Wieder sah sie aus dem Fenster ihres Mietwagens und zwang sich, tief durchzuatmen. Die Junisonne glitzerte auf uralten Steinfassaden und warf harte Schatten in die engen Straßen. Durch das halb geöffnete Fenster wehte der Duft von Orangen, Wärme und Abgasen herein.

Die goldene Stadt war arrogant und unverschämt lebendig – alles, was sie einmal an Constantine geliebt hatte.

„Was hat er getan, dass du deine Heimat verlassen hast – dein Land?“

Aliyah sah Rose an und seufzte. Offensichtlich würde sie mit ihren Fragen erst aufhören, wenn Aliyah ihr die ganze Geschichte erzählt hatte.

„Als mein Vater herausgefunden hat, dass Constantine und ich zusammen waren, ist er … ausgeflippt, wie du sagen würdest.“ Die Worte fühlten sich an wie Dornen in ihrem Hals an, aber sie sprach weiter. Ihre Mutter hatte der verzweifelten Aliyah die ganze Episode mit sichtlicher Freude erzählt.

„Constantine war die Marionette meines Vaters, kein junger Mann mit eigenen Träumen.“ So tief die Wunden auch waren, die er hinterlassen hatte, konnte Aliyah wenigstens objektiv darüber reden. „Und was mich betrifft – Papa hat mich mein ganzes Leben lang nie beachtet. Aber wie sich herausstellte, hatte er meine Heirat mit einem seiner Geschäftspartner arrangiert, als Teil eines Businessdeals. Es hat ihm überhaupt nicht gepasst, dass Constantine und ich seine Pläne durchkreuzt haben.“

Plötzlich brannten Tränen in ihren Augen. Sie schluckte. „Jedenfalls hat er Constantine vor die Wahl gestellt: Entweder er gibt mich auf – oder er verliert alles, wofür er bei Andros International gearbeitet hat. Constantine hat Macht und Geld gewählt, und ich bin weggelaufen.“

Wenn Richard nicht so plötzlich gestorben wäre, wäre Aliyah niemals nach Griechenland zurückgekommen. Niemals. Er war kerngesund gewesen und hatte sein Testament seit über einem Jahrzehnt nicht geändert. Es sprach für den Fall seines Todes seinem Bruder noch das Sorgerecht für Rose zu.

Sein durchtriebener Bruder hatte Aliyah nie leiden können. Natürlich hatte er innerhalb weniger Tage zugeschlagen und sofort seine gierigen Hände nach Richards Finanzunternehmen ausgestreckt.

Er erhob Anspruch auf die Firma und auf Rose mit ihrem gewaltigen Erbe. Darum war Aliyah verzweifelt genug, um an Constantines Tür zu klopfen.

„Es tut mir leid, Aliyah“, flüsterte Rose. Ihre Wangen färbten sich rosig.

Aliyah richtete sich auf. „Ich tue das für uns, Rose“, sagte sie leise. „Du bist meine Familie, Liebes, ich würde alles tun, um dich bei mir zu behalten.“

Rose traten Tränen in die Augen. „Ich hasse es, dass du meinetwegen zu einem Mann gehen musst, der dich verletzt hat.“

Aliyah griff über den Sitz und drückte die Hand des Mädchens. „Erinnerst du dich an dieses Dinner vor einer Ewigkeit? An diese schreckliche Freundin von dir, vor der du mich gerettet hast?“ Die Erinnerung erfüllte sie mit Licht und Freude, und Aliyah klammerte sich fest daran.

„Sie wollte dich feuern lassen“, erwiderte Rose ernst. „Also habe ich Dad angefleht, einzugreifen.“

„Du warst meine Heldin. Ich meine, ich war wirklich eine furchtbare Kellnerin. Ich konnte nichts, war mit der Miete im Rückstand und hatte keine Freunde. Alles, was ich konnte, war Klavier spielen. Hättest du nicht darauf bestanden, dass dein Vater mich als Klavierlehrerin für dich engagiert, und wäre er nicht so großzügig gewesen, weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre.“

„Du hättest Dad fast mit Champagner übergossen“, sagte Rose und kicherte.

Aliyah liebte dieses Lachen. In den letzten Monaten hatte sie es viel zu selten gehört. „Ja, und er ist nicht einmal wütend geworden. Er war so freundlich zu mir.“ Sie richtete sich auf und begann, die Papiere zusammenzupacken. „Also nicht weinen, Liebes. Schon gar nicht dort, wo wir hinfahren.“

Roses Lippen zitterten, als sie nickte. „Wir halten zusammen?“

Aliyah strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Immer. Vor deinem Onkel genauso wie vor Mr. Xenakis. Okay?“

Rose nickte noch einmal, und Aliyah schaute wieder aus dem Fenster auf die Stadt. Die schöne Erinnerung bestärkte sie in ihrem Entschluss.

Athen wirkte glänzender als vor zehn Jahren, es gab mehr Hochhäuser. Dort, wo früher staubige Innenhöfe und bröckelnde Fassaden gestanden hatten, drängten sich jetzt Glas und Chrom. Auch das Tempo der Stadt schien schneller. Der alte, träge Charme war von einem harten Glanz aus Reichtum und Ehrgeiz verschluckt worden.

Aber sie selbst hatte sich auch verändert. Sie war nicht mehr das Mädchen, das sich nach Liebe sehnte. Nicht mehr die verletzliche Tochter einer zerrütteten Familie, die verzweifelt nach jemandem suchte, der sie wirklich sah. Sie hatte Tausende Stunden investiert, um sich eine Karriere als gefeierte Konzertpianistin aufzubauen.

Richard hatte sie mit selbstverständlicher, stiller Zuneigung geliebt. An seiner Seite hatte sie sich selbst gefunden. Und jetzt würde sie mit Constantine um Roses Sicherheit feilschen.

Sie setzte darauf, dass ihre Anteile an Andros International, die ihre Mutter ihr letztes Jahr geschenkt hatte und die sie nicht verkaufen durfte, ihn sehr interessieren würden.

Würde sie eigenes Geld besitzen oder hätte sie Zugriff auf Richards gewaltigen Nachlass, könnte sie allein gegen Roses Onkel kämpfen. Aber sie hatte nur bescheidene Ersparnisse, und die waren inzwischen fast für Richards Beerdigung, die Flugtickets und ihren Lebensunterhalt seit seinem Tod aufgebraucht.

Constantine und sein Team aus Anwälten könnten die Sorgerechts- und Nachlassfragen ein für alle Mal lösen. Roses Onkel war ein mächtiger Mann, also brauchte sie einen noch mächtigeren, noch härteren Mann, um gegen ihn zu gewinnen. Diese eine Gefälligkeit wollte sie von dem Mann verlangen, den sie nie hatte wiedersehen wollen.

Dass dies ihre letzte Reise nach Griechenland sein würde, half ihr nur wenig.

Constantine Xenakis war normalerweise weder ungeduldig noch nervös. Und schon gar nicht desinteressiert, wenn eine schöne Frau sich um seine Aufmerksamkeit bemühte, wie diese, die gerade in einer sehr provokanten Pose an seinem Schreibtisch lehnte.

Aber solche Schwächen hatte er sich längst abgewöhnt. Er konnte sie sich nicht leisten. Nicht, wenn er sich jeden Tag mit den hungrigen Haien herumschlagen musste, aus denen der Vorstand von Andros International bestand – Dummköpfe, die aus altem Geldadel stammten. Sie erfreuten sich am Erfolg der Firma unter seiner Führung, suchten aber trotzdem ständig nach Fehlern. Sein größter Fehler bestand darin, dass er weder einen prestigeträchtigen Namen noch die richtige Herkunft mitbrachte, sondern der Enkel eines Gärtners war.

Dass Theodore Andros fast fünfundzwanzig Jahre lang sein Mentor gewesen war und Constantine sich Stufe um Stufe mit harter Arbeit nach oben gekämpft hatte, änderte nichts daran. Erst in den letzten zwei Jahren waren ihre Beschwerden leiser geworden – nachdem er den Unternehmenswert um Milliarden gesteigert und als Konzernchef die volle Kontrolle übernommen hatte.

Aber mit Aliyah – Theodores Tochter und die Frau, die er einmal geliebt hatte – hatte es zu seiner ewigen Frustration eine ganz andere Bewandtnis. Irgendetwas an ihr traf immer seine Schwachstelle – ob als schüchternes Mädchen, als unbeholfene, schweigsame Teenagerin oder als die atemberaubende, zurückhaltende Frau, zu der sie aufgeblüht war.

Vielleicht war es weniger Nervosität als Aufregung bei dem Gedanken, dass er Aliyah nach all den Jahren endlich dort hatte, wo er sie haben wollte. Sie hatte keinen Ehemann mehr. Und er … war endlich Theo entkommen.

Und das Beste daran? Sie kam zu ihm und bat ihn um Hilfe!

Constantine stieß sich von dem glänzenden schwarzen Schreibtisch ab, der sein Büro beherrschte, und begann auf und ab zu gehen. Seine aktuelle Affäre redete weiter, viel zu verliebt in den Klang ihrer eigenen Stimme, um auch nur zu bemerken, wie unruhig er war.

Vom obersten Stockwerk des Xenakis Tower, dem höchsten Wolkenkratzer Athens, reichte der Blick so weit, wie er selbst sich seinen Ruf geschaffen hatte. Unter ihm flimmerte die Stadt in der gnadenlosen Junisonne. Zwischen einem Meer aus Glas, Beton und Asphalt schimmerten die marmornen Überreste antiker Ruinen hervor. Zeitlos und unbewegt zeichnete sich die Akropolis als scharfe Silhouette gegen den Horizont ab.

Die Temperatur in seinem Büro war perfekt eingestellt, und doch lief das Blut heiß durch seine Adern. In den zehn Jahren seit Aliyahs Verschwinden war kein einziger Tag vergangen, an dem er nicht den Stich gespürt hatte, dass sie ihm kein Vertrauen geschenkt hatte. Dass sie nicht geglaubt hatte, er könnte ein Leben für sie beide aufbauen. Ihr Schweigen nagte unablässig an ihm, schmerzte wie Salz in einer Wunde, die nicht heilen wollte.

Wie ein Welpe, der verzweifelt nach Zuneigung hungerte, hatte er geglaubt, sie wäre anders als ihre Eltern, eher wie ihr Bruder Julian. Stattdessen war er für sie nichts als eine vorübergehende Ablenkung gewesen, ein kleiner Ausflug auf die wilde Seite. Doch sobald die Möglichkeit bestand, dass Constantines Herkunft sie mit nach unten zog, konnte die verwöhnte Erbin nicht schnell und nicht weit genug laufen. In dem Moment, als sie gehört hatte, ihr Vater könnte ihn fallen lassen, war Aliyah geflohen.

Ohne ein Wort. Ohne ihm die Chance zu geben, ihr Sicherheit zu bieten. Und noch im selben Jahr hatte sie einen drei Jahrzehnte älteren Mann geheiratet und damit bewiesen, dass sie immer nur Luxus gewollt hatte. Versorgt sein wollte. Sie hatte nicht einmal ihren Vater nach dessen Herzinfarkt im letzten Jahr besucht.

Und jetzt kam sie nach Athen zurück – zu ihm, weil sie seine Hilfe wollte.

Jedenfalls hatte ihre Mutter Noor ihm das gesagt. Damals hatte Noor Constantine mehr oder weniger geduldet, weil er Julians bester Freund gewesen war – Julian mit dem großen Herzen. Allerdings hatte sie unterstützt, dass Theo Constantines Ausbildung finanzierte. Wahrscheinlich war sie froh gewesen, dass ihr Sohn einen loyalen Freund als Beschützer an seiner Seite hatte.

Nach Julians Tod hatte sich alles verändert. Als Theo entschied, dass Constantine sein Nachfolger werden sollte, ließ Noor alle Fassaden fallen. Ihre Trauer war roh, sogar bösartig, als sie ihm vorwarf, nach dem Vermögen ihres Sohnes und seinem Platz im Unternehmen zu greifen. Seine Beteuerungen, er habe Julians Vermögen nie gewollt, stießen auf taube Ohren. Als sie dann herausfand, dass er und Aliyah ein Verhältnis hatten, war das der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Noor hatte Theo gegen Constantine aufgehetzt, bis ihm der ältere Mann gedroht hatte, seine Karriere zu ruinieren, wenn er die Verbindung zu seiner Tochter nicht abbrach.

Allein der Gedanke, Aliyah aufzugeben, war für Constantine unerträglich gewesen. Aber am Ende hatte sie ihre Wahl getroffen und damit den Weg für seine eigene Entscheidung vorgegeben.

Und jetzt, Jahre später, hatte Noor keinerlei Skrupel, ihn zu bitten, ihrer Tochter zu helfen. Es überraschte ihn nicht. Für sie war er nicht mehr als ein räudiger Straßenköter, den ihr Mann ins Haus geholt hatte, um den Platz ihres geliebten Sohnes einzunehmen.

Er würde Aliyah helfen, weil es in seinem Interesse war. Aber diese Hilfe würde ihren Preis haben.

Aliyah saß kerzengerade auf der hellen Lederbank vor Constantines Büro. Von ihrem aufgesetzten Lächeln taten ihr die Wangen weh.

Das oberste Stockwerk des Xenakis Tower glänzte in dezentem Luxus. Überall Glas, Metall und diskreter Reichtum. In der Luft lag ein zarter Duft von teurem Eau de Cologne und Holz, das mit Eukalyptusöl poliert war. An der Rezeption hinter ihr saß eine makellos gekleidete Empfangsdame. Seit Aliyahs Anmeldung hatte sie nicht ein einziges Mal aufgeblickt.

Aliyah war noch nie hier gewesen. Nicht einmal, als ihr Vater Konzernchef gewesen war oder Julian noch gelebt hatte. Ihr Vater hatte sich nie besonders für sie interessiert. Im besten Fall hatte er sie für eine Träumerin gehalten, im schlimmsten Fall für ein langweiliges, nutzloses Ding. Von Anfang an hatte sie eine Enttäuschung für ihn dargestellt, weil sie nie so temperamentvoll, unterhaltsam oder charmant gewesen war wie Julian.

Könnte ihr Körper ihrem Verstand nur klarmachen, dass das alles längst hinter ihr lag …

Ihr entfuhr ein Seufzen, bevor sie es zurückhalten konnte. Hinzu kam, dass sie ihren Eltern einen Besuch schuldete. Irgendwann, sobald sie diese Sache mit Constantine geregelt hatte.

Sie hoffte, dass es Rose in der Hotelsuite besser ging und sie das frühe Abendessen genoss, das sie beim Zimmerservice bestellt hatten. Sie selbst hatte kaum ein Glas Wasser herunterbekommen, ihr Magen war viel zu aufgewühlt für alles andere.

Sie warf einen Blick auf ihr Handy und blinzelte. Fast eine Stunde war vergangen, seit man sie gebeten hatte, zu warten. Sie stand auf, strich ihren Rock glatt und wollte gerade fragen, wie lange es noch dauern würde, als sich die schweren Doppeltüren zu seinem Büro öffneten.

Ihr Magen zog sich zu einem festen Knoten zusammen, und sie musste sich daran erinnern, ruhig weiterzuatmen.

Eine Frau trat heraus. Nicht irgendeine Frau – eine schöne Schauspielerin mit einem Namen, den jeder kannte. Sie hatte glatte goldbraune Haut, Beine, die gar nicht enden wollten, und eine Sonnenbrille, die den selbstgefälligen Gesichtsausdruck nicht ganz verbergen konnte. Sie nahm Aliyah nicht einmal wahr, als sie an ihr vorbeiging. Ihre Absätze klickten auf dem polierten Marmor. Merkwürdigerweise war Aliyah gleichzeitig verärgert und erleichtert.

Hinter ihr stand Constantine in der Tür, mit einer lässigen Geschmeidigkeit, die kaum zu der Macht passte, die von ihm ausging. Sein rabenschwarzes Haar war auf eine Weise zerzaust, die nichts mit Stil und alles mit den Fingern der Schauspielerin zu tun hatte.

Ein heißer, scharfer Anflug von Besitzanspruch durchzuckte sie. Aber das war lächerlich. Er gehörte ihr schon lange nicht mehr. Falls er überhaupt jemals ihr gehört hatte. Er war nicht einmal ein Freund, eher ein mächtiger Bekannter, den sie um Hilfe bat.

Bei dem Gedanken glühten ihre Wangen. Gott, sie war wirklich ein einziges Chaos aus widersprüchlichen Gefühlen.

„Wie nett von dir, dass du dich mal wieder gemeldet hast, Aliyah“, sagte Constantine. Seine Mundwinkel zuckten nach oben. Dabei fiel ihr der verschmierte Lippenstift in leuchtendem Korallenrot auf.

„Danke, dass du dir Zeit für mich nimmst“, brachte sie hervor, während ihre Beine ihr beinahe den Dienst versagten.

Sein Hemd – stahlgrau und maßgeschneidert – saß eng über breiten Schultern und einer Brust, die deutlich muskulöser war als in ihrer Erinnerung. Seine schwarze Hose betonte kräftige Oberschenkel und lange Beine. Er war jetzt pure, harte Männlichkeit. Von dem stillen, sanften jungen Mann, den sie einmal gekannt hatte, war nichts geblieben. Sogar sein Gesicht hatte sich verändert. Die Linien waren schärfer geworden, das Kinn kantiger. Der weiche, volle Mund hatte einen härteren Zug. Aber es waren seine Augen, die sie erstarren ließen. Diese grauen Augen, früher gehetzt und hungrig, glänzten jetzt mit einem völlig anderen Ausdruck.

Macht.

Für eine einzige atemlose Sekunde fragte sie sich, welcher Wahnsinn sie hergebracht hatte. Hatte sie wirklich geglaubt, sie könnte einfach in dieses Büro gehen und diesem Mann ins Gesicht sehen? Ihn ein zweites Mal überleben?

„Du siehst aus, als wolltest du weglaufen“, sagte er und löste sich mit einer geschmeidigen Bewegung vom Türrahmen. In ihrem Bauch spürte sie ein nervöses Flattern. Diese mühelose männliche Anmut, die er im Übermaß besessen hatte, war nur noch intensiver geworden.

Sein Lächeln war nur ein Blecken der Zähne. „Ich verspreche dir, ich beiße nicht.“

Der whiskeyweiche Ton holte Aliyah aus ihrer Panik, als hätte er ihr die großen Hände zwischen die Schulterblätter gelegt. „Ich habe keine Angst vor dir, Constantine“, murmelte sie albernerweise.

Sein Lachen kam überraschend. Und es jagte tausend winzige Hitzestiche durch ihren Körper. „Wenn ich gedacht hätte, du würdest Angst haben, Aliyah, dann hätte ich mich nicht so auf dieses Wiedersehen gefreut. Dein Vater hat deine Selbstbeherrschung immer mit Sanftmut verwechselt, nicht wahr?“

Aliyah runzelte die Stirn. Eine Entgegnung lag ihr auf der Zunge, aber sie schluckte sie hinunter.

Erst jetzt bemerkte sie die neugierigen Blicke der Rezeptionistin. Einige Mitarbeiter blieben in der Nähe stehen und starrten offen zu ihnen herüber. Nicht, dass einer von ihnen sie erkannt hätte. Selbst als ihr Bruder noch lebte und sie wie eine normale Familie gewirkt hatten, hatte sie sich im Hintergrund gehalten.

Sie hätte sich einreden können, dass es lediglich Constantines überschwängliche Begrüßung gewesen war, die ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, aber sie wusste es besser. Es war die Art, wie er ihren Namen ausgesprochen hatte – laut, klar, unüberhörbar. Das zeigte allen deutlich, dass sie ihn interessierte.

Sie hatte damit gerechnet, mindestens eine Woche oder länger auf einen Termin bei ihm warten zu müssen. Weil er wirklich beschäftigt war – aber auch, weil er sie damit auf ihren Platz hätte verweisen können. Stattdessen hatte man ihr einen Termin am Abend gegeben. Sie war so erleichtert gewesen, es endlich hinter sich zu bringen, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet hatte, warum er so bereitwillig zugestimmt hatte.

„Soll ich dir ein Taxi zurück ins Hotel rufen lassen?“ Sein prüfender Blick riss sie aus ihren Gedanken. „Leidest du vielleicht noch unter Jetlag?“

Aliyah schüttelte den Kopf und zwang ihre Beine, sich zu bewegen. Während sie an ihm vorbeiging, hielt sie den Blick starr auf die Mitte seiner Brust gerichtet. Als ihr ein Hauch seines Dufts – Meer und Kiefern – in die Nase stieg, wurde ihr schwindelig.

Gott, alles an ihm fühlte sich gleichzeitig vertraut und neu an und … gefährlich. Aber auf Gefährliches ließ sie sich nicht ein. Nicht damals. Nicht jetzt.

Sein Büro war groß genug, dass die Enge in ihrer Brust ein wenig nachließ. Konfrontationen waren nie ihre Stärke gewesen, und obwohl seine Worte höflich klangen, ging ihr etwas an seinem Ton unter die Haut.

Sie atmete langsam aus und sah sich um. Klare Linien, warmes Licht, teure Materialien. Dunkelblaue Wände, Eichenvertäfelung, ein Perserteppich unter ihren Schuhen. Dezente Kunst, als wäre alles ausgewählt, um beruhigend zu wirken. Das Büro fühlte sich an wie ein Ort, an dem man sich entspannen konnte.

Genau das war sicher beabsichtigt. Constantine wollte, dass seine ahnungslosen Opfer sich sicher fühlten, bevor er zuschlug.

Im Büro war es nicht warm, aber ihr war viel zu heiß. Sie zog die Strickjacke aus, legte sie über den Arm und strich mit der Hand über ihre pfirsichfarbene Seidenbluse. Die Bewegung verriet ihre Nervosität, aber sie konnte nichts dagegen tun. 

Constantine deutete auf eine weiche Sitzgruppe vor den breiten Fenstern. „Was kann ich dir bringen?“

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