Julia Extra Band 593

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

MIT DIR IM WINTERWUNDERLAND? von RHODA BAXTER

Bald ist Weihnachten! Höchste Zeit, dass Maddie die nostalgische Miniaturlandschaft aufbaut, die jedes Jahr viele Besucher in das Hotel lockt. Überraschenderweise bietet der attraktive Chris ihr seine Hilfe an. Flirtet er mit ihr? Maddie ahnt nicht, dass er der neue Besitzer ist …

DAS KLEINE KAUFHAUS DER ERFÜLLTEN WÜNSCHE von KARIN BAINE

Ihr wurde die Wohnung gekündigt – verzweifelt übernachtet Aurelia in dem kleinen Kaufhaus, in dem sie arbeitet. Und wird von ihrem Boss Gabe Delaney entdeckt! Bis jetzt kennt sie ihn nur kühl und abweisend und rechnet mit fristloser Entlassung. Aber ein Weihnachtswunder geschieht …

GESTÄNDNIS UNTER DEM MISTELZWEIG von CATHY WILLIAMS

Dieser Verräter! Ella hatte eine kurze Affäre mit Rocco – aber keine Ahnung, dass er ein spanischer Milliardär ist, der undercover das Unternehmen ausspioniert. Und nun macht er ihr zu Weihnachten einen Heiratsantrag. Nur weil sie schwanger ist – warum sonst?

WEIHNACHTSKÜSSE FÜR DEN BOSS von SCARLET WILSON

Eine Familie erschien Banker Leo Constello bisher nicht erstrebenswert. Aber als er erfährt, dass seine schöne Angestellte Clementine von ihrem Ex ein Baby erwartet, beschließt er, sie zu unterstützen. Und plötzlich steht ein gemeinsames Leben mit ihr ganz oben auf seiner Wunschliste …


  • Erscheinungstag 13.10.2026
  • Bandnummer 593
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541534
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Rhoda Baxter, Karin Baine, Cathy Williams, Scarlet Wilson

JULIA EXTRA BAND 593

Rhoda Baxter

1. KAPITEL

Tristan Somersby stürmte in sein Büro. Hastig machten ihm die Mitarbeiter, denen er entgegenkam, Platz. Es war klar, dass sie sofort die Köpfe zusammenstecken würden, wenn er die Tür hinter sich geschlossen hatte, denn jeder kannte die Neuigkeit schon. Wirklich jeder.

Als er eintrat, sah er, dass sein Assistent Walter bereits da war. Er ordnete gerade geflissentlich einen Stapel Papiere.

„Was hat sie sich nur dabei gedacht?“ Tristan ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen. „Wenn sie sich von mir trennen wollte, hätte sie es mir einfach nur sagen müssen. Warum hat sie das getan? In aller Öffentlichkeit?“

Walter faltete eine Zeitung zusammen, die das Foto ebenfalls gebracht hatte: Clementine in einer kompromittierenden Position mit irgendeinem Bitcoin-Millionär. Obwohl Tristan das Foto schon kannte, ließ der erneute Anblick einen Schwall Ärger in ihm aufsteigen. Seine Pulsuhr schlug an, weil sie den Anstieg seiner Herzfrequenz als Fitnesstraining fehlinterpretierte. Unwillig schaltete er sie ab.

„Tristan? Alles okay mit dir?“, erkundigte sich Walter.

Die ehrliche Sorge in seiner Stimme ließ Tristan innehalten. War alles okay mit ihm? Er war wütend, aber seltsamerweise nicht traurig. Seine Verlobung mit Clementine hatte eher praktische Gründe gehabt. Er hatte damit den aufkommenden Gerüchten Einhalt gebieten wollen, die Somersby-Hotelgruppe sei in Schieflage geraten, weil der Erbe sich mehr für Frauen als fürs Geschäft interessiere.

Clementines Trennung von ihm hätte ihm wenig ausgemacht, wenn sie damit nicht so schmutzig an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Er schaute in Walters sorgenvolles Gesicht und schüttelte den Kopf.

„Ich bin genervt und aufgebracht, und ehrlich gesagt habe ich dieses Zurschaustellen satt.“ Er massierte sich den Nasenrücken, um den Kopfschmerz zu unterdrücken, der sich ankündigte. „Ich brauche eine Pause von alldem.“

„Du hast hart gearbeitet in der letzten Zeit.“ Walter schenkte ihm ein Glas Wasser ein und drückte eine Schmerztablette aus dem Blister, ohne dass Tristan darum bitten musste. „Ich glaube, eine Pause ist eine gute Idee.“

Tristan schluckte die Tablette hinunter, dann starrte er minutenlang auf seine Büropflanzen. Theoretisch hätte ihm ein Eckbüro mit großen Fensterfronten zugestanden. Aber seit er als kleiner Junge aus dem Fenster geschaut und seine Mutter mehrere Stockwerke weiter unten hatte fortgehen sehen, mied er den Ausblick aus höheren Etagen. Deshalb saß er in einem kleineren Büro, das nur ein breites Fenster hatte, vor dem große, üppige Pflanzen standen, sodass er nicht hinaussehen musste.

Auch sein Zuhause, das Penthouse des Somersby Grand Hotel, war voller Grünpflanzen. Die Leute glaubten, er liebte Pflanzen, doch eigentlich waren sie nur Mittel zum Zweck, damit er nicht nach unten schauen musste.

„Kannst du bitte dafür sorgen, dass alle Sachen, die noch von ihr in meiner Wohnung sind, an sie zurückgeschickt werden?“, bat er.

„Die Haushälterin ist schon dabei“, erklärte Walter.

Als Tristan Chef der Entwicklungsabteilung wurde, hatte er Walter zusammen mit dem Job übernommen. Walter war kaum älter als er und arbeitete unglaublich effektiv. Er hatte Tristans Terminplanung fest in seinen Händen, und inzwischen war sein Assistent für ihn so etwas wie ein Freund geworden. Irgendwie gelang Walter der Spagat zwischen absoluter Professionalität und menschlicher Nähe zu seinem Chef.

Nachdem sein Ärger verraucht und sein Adrenalinpegel gesunken war, fühlte Tristan sich völlig ausgelaugt. „Du weißt, was ich mir vorstelle“, sagte er und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Am liebsten wäre ich eine Zeitlang … jemand anders. Ich möchte mit Menschen reden, die mich nicht als Erbe der Somersby Hotels oder als Sohn von Sir Alex Somersby kennen. Ich wäre gern … einfach ich.“

Er konnte sich nicht an Zeiten erinnern, in denen die Leute nur Tristan Somersby gesehen hatten – ohne all das Geld im Hintergrund.

Walter gab etwas in seinen Laptop ein und scrollte durch die Seiten. Dann machte er sich ein paar Notizen. „Vielleicht kann ich …“

„Ich habe keine Lust auf irgendein privates Resort“, unterbrach Tristan ihn. „Ich möchte an einen Ort, wo ich wirklich ich sein kann.“ Er beugte sich vor und massierte seine Schläfen. „Das Boutique-Hotel-Projekt ist allerdings in einem sensiblen Stadium. Gerade im Moment ist es schwierig, eine Auszeit zu nehmen.“

„Wir sind inzwischen dabei, Hoteltester inkognito in die kleinen Hotels zu schicken, die wir gekauft haben“, berichtete Walter.

„Warte.“ Plötzlich kam Tristan eine Idee. „Könnte ich nicht selbst eins davon überprüfen?“

Nachdenklich nickte Walter. „Theoretisch ließe sich das arrangieren.“

Tristan runzelte die Stirn. „Theoretisch?“

„Nun, wir brauchen die Zustimmung deines Vaters, und … ich befürchte, er wird ablehnen.“

Das stimmte zweifellos. Wenn Sir Alex echtes Interesse an dieser Aufgabe bei seinem Sohn witterte, würde er garantiert seine Zustimmung verweigern.

„Und wenn wir … es ihm als Möglichkeit verkaufen, nach Clemmies Trennung Schadensbegrenzung zu betreiben?“

Walter hielt den Blick weiter auf den Bildschirm geheftet. „Die Neuigkeiten haben schon Auswirkungen auf den Aktienkurs. Das wird ihm gar nicht gefallen. Insofern könnte dein Plan funktionieren.“

Das Telefon auf seinem Schreibtisch läutete. „Das wird er sein“, vermutete Tristan und nahm ab. Und tatsächlich bat die Sekretärin seines Vaters ihn, zu einer Besprechung zu kommen. Sofort. „Bin schon unterwegs.“ Er legte auf.

„Ich habe ein paar Hotels gefunden, die ruhig gelegen sind“, sagte Walter.

Tristan stand auf. Nun, da er einen Plan hatte, kehrten seine Lebensgeister zurück. „Dann lass uns gehen und den alten Bock davon überzeugen, dass er eine brillante Idee hatte.“

Wenig später saß Tristan im Büro seines Vaters und versuchte, den Blick aus dem Fenster zu vermeiden. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Fensterfront war bodentief und bot eine ungehinderte Aussicht. Allein die Vorstellung von den winzigen Autos und ameisengroßen Menschen, die neun Stockwerke tiefer durch die Straßen liefen, ließ ihn schwindlig werden. Normalerweise hatte er seine Höhenangst unter Kontrolle, nach dem Drama und dem Stress am Morgen aber fiel es ihm schwer.

Er drehte seinen Stuhl so, dass sein Blick auf den Giebel des Somersby Grand Hotels fiel, das Flaggschiff im Imperium seines Vaters. Theoretisch war es auch sein Imperium, aber manchmal hatte er das Gefühl, er gehörte eher der Hotelkette, als dass sie ihm gehörte.

„Das ist inakzeptabel“, sagte sein Vater gerade und scrollte auf seinem iPad durch die aktuellen Zeitungsartikel.

Sir Alex Somersby war nicht groß, aber in seiner Art lag etwas Einschüchterndes. Tristan hatte sein dichtes Haar und die breiten Schultern geerbt, nicht aber das Auftreten seines Vaters. In fast allem ähnelte er mehr seiner Mutter, insbesondere was seine Größe und die strahlend blauen Augen betraf.

Sir Alex schnalzte mit der Zunge. „Das wird die Spekulationen um die Firma erneut befeuern. Ganz offensichtlich glaubt Clementine nicht an deinen Erfolg, deshalb hat sie sich umorientiert.“

Ha. Selbst die Klatschkolumnisten wussten, was Clementine anziehend fand. Der neue Typ an ihrer Seite hatte seine Tech-Firma verkauft und Millionen gemacht, wohingegen er erst in ferner Zukunft erben würde. Sie hatte ihn verlassen, weil sie sich bessere Chancen ausrechnete.

„Ich wüsste nicht, warum mein Privatleben …“, begann er.

„Es ist ein ganz schlechter Zeitpunkt“, fuhr sein Vater dazwischen, als hätte er gar nichts gesagt. „Gerade jetzt, wo wir mit der neuen Linie der Boutique-Hotels anfangen. Wir können es uns nicht leisten, dass sich ein Skandal auf unseren Aktienkurs auswirkt.“ Mit durchdringendem, eisigem Blick sah er Tristan an. „Wie konntest du das zulassen?“

„Ich? Ich habe doch gar nichts getan. Sie hat mich betrogen.“ Nicht einmal den Ring hatte sie ihm zurückgegeben.

„Du hättest sie schneller heiraten sollen. Dann hättest du Fakten geschaffen.“

Tristan starrte ihn an. Was war das denn für eine Logik?

„Schadensbegrenzung?“, wandte sein Vater sich an den PR-Fachmann des Unternehmens, der sich bisher still im Hintergrund gehalten hatte.

„Es hat ein paar Interview-Anfragen gegeben“, sagte dieser nun. „Wir haben sie abgelehnt mit dem Hinweis darauf, dass Mister Tristan im Moment viel zu tun hat mit Benefizveranstaltungen und dem Weihnachtsgeschäft.“

„Können wir ihm jemanden zur Seite stellen?“

„Nein“, mischte Tristan sich ein.

Ruckartig wandte Sir Alex ihm den Blick zu. „Wie bitte?“ Sein Ton war eiskalt.

„Nein, ich habe eine bessere Idee“, erklärte Tristan.

Er hasste diese Firmenveranstaltungen. Die ganze Zeit über musste er auf der Hut sein. Mit Clemmie an seiner Seite war es einfacher gewesen, weil sie die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Jetzt, da er wieder auf sich allein gestellt war, und vor dem Hintergrund des Skandals würde es entsetzlich werden. Die Regenbogenpresse war ein Haifischbecken.

„Ich schlage vor, dass ich mich für eine Weile aus dem Rampenlicht zurückziehe, um das Feuer nicht noch weiter anzuheizen. Was auch immer ich tun werde – die Medien machen daraus nur wieder eine neue Geschichte um den reichen, verwöhnten Playboy-Sohn. Das sollten wir vermeiden. Wenn ich mich rausziehe, haben sie nichts zu berichten. Und mein Ruf wird vielleicht wiederhergestellt.“

„Vielleicht genügt nicht. Es geht um den Ruf der Firma, und der muss sofort wieder intakt sein“, widersprach Sir Alex. „Wenn du nicht mal erkennst, wie wichtig das ist, bist du ein noch größerer Dummkopf, als ich gedacht habe.“

„Ach ja? Und wie genau soll es deiner Meinung nach helfen, wenn ich mich auf den Veranstaltungen blicken lasse?“ Tristan schloss einen seiner Manschettenknöpfe.

Finster sah Sir Alex ihn an. Sein Gesicht wurde hochrot.

„Vielleicht hat Mister Tristan recht“, mischte sich der PR-Mitarbeiter hastig ein. „Wenn er von der Bildfläche verschwindet, haben sie ihn vermutlich in einer Woche vergessen. Er muss sich nur ein bisschen unter dem Radar halten, bis die letzten Papiere des Übernahmevertrags unterschrieben sind.“

Tristan bemühte sich, nicht zu selbstgefällig zu wirken.

Nachdenklich sah Sir Alex ihn an. „Und Sie denken, das würde funktionieren?“

Der Mitarbeiter räusperte sich. „In der … Vergangenheit hat es funktioniert.“ Ohne es auszusprechen, wussten alle, dass die Zeit gemeint war, als Tristans Mutter gegangen war. Damals hatte sich Sir Alex ein Jahr lang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Und Tristan war sogar noch länger für die Presse unsichtbar geblieben.

Unter dem Auge des Firmenchefs zuckte ein Muskel. „Hmm.“

Er drehte seinen Schreibtischstuhl und brachte ihn exakt in die Position, von der aus er die dekorativen Spitzen des Somersby Grand betrachten konnte.

Tristan beobachtete ihn unauffällig. Sein Vater dachte offensichtlich über seinen Vorschlag nach. Das war ein gutes Zeichen.

„Es gäbe uns die Möglichkeit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen“, setzte er nach. „Im Moment sind einige unserer Hoteltester inkognito unterwegs, um die neuen Hotels zu bewerten, die wir für unsere Boutique-Linie gekauft haben. Ich könnte als Gast in einem der Häuser einchecken, bei denen noch nicht sicher ist, dass wir sie wirklich behalten wollen.“

Sir Alex drehte den Stuhl zu ihm zurück. „Welche meinst du genau?“

„Zum Beispiel das in der Nähe von Manchester?“

„Die sind zu gut im Geschäft, deine Tarnung würde sofort auffliegen.“ Sein Dad musterte ihn, als wäre er ein Rennpferd kurz vor dem Start.

Es war wichtig, den Blick seines Vaters nicht zu halten, das provozierte ihn nur. Wie nebenbei zog Tristan sein Handy aus der Tasche. Zum Glück hatte Walter ihm ein paar Vorschläge geschickt.

„Oder in den Cotswolds“, sagte er. „Ein kleines Hotel in einem Ort namens Willerby Dalton. Bisher wenig erfolgreich. Eins der Häuser, das wir eigentlich nur wegen der Umgebung gekauft haben.“

Der Blick seines Vaters ruhte noch immer auf ihm, doch Tristan wusste, dass sich die Räder in dessen Kopf in Bewegung gesetzt hatten. Er sah aus dem Fenster. Im Abendlicht glänzte das Somersby Grand wie pures Gold.

Er hasste Hotelketten. Diese Häuser waren so … unpersönlich. Auch wenn er nachvollziehen konnte, dass es für Reisende angenehm war, wenn jedes Hotelzimmer so eingerichtet war wie am Ort zuvor, fühlte er sich in diesen Hotels nie wirklich willkommen.

Tief in seinem Herzen war er ein Zahlenmensch. Tabellen, Bilanzen ergaben Sinn für ihn. Deshalb hatte er, nachdem er in allen Abteilungen des Unternehmens gearbeitet hatte, seine Nische im Team für Fusionen und Firmenübernahmen gefunden.

Er liebte es, zu analysieren, welche Hotels auf lange Sicht ins Familienimperium passen würden, erstellte ausführliche Listen und Analysen – sehr zur Überraschung seiner Kollegen, die davon ausgegangen waren, dass er als Sohn des Firmenchefs auf einem Posten in der Chefetage bestehen würde. Er war nicht unbedingt ein Teamplayer, sondern arbeitete gern allein. Um genau zu sein, er war gern allein. Punkt.

Um seine Begeisterung, dass der Plan aufzugehen schien, nicht allzu deutlich zu zeigen, stöhnte er auf.

Sir Alex schien inzwischen zu einer Entscheidung gelangt zu sein. „Zwei Wochen sollten genügen. Im Januar kann er wieder hier sein.“

„Und Weihnachten“, wandte Tristan zum Schein ein. Die Veranstaltungen in der Vorweihnachtszeit waren schon schlimm genug, aber nichts gegen den Lunch am ersten Feiertag mit seinem Vater und seiner Stiefmutter.

Sir Alex zuckte die Achseln. „Du kannst die Zeit nutzen und sehen, wie sie die Belastungen der Hochsaison meistern.“

Was bedeutete, er erwartete nicht, dass sein Sohn Weihnachten zu Hause verbrachte. Bildete er sich das ein, oder klang sein Vater erleichtert? Er versuchte, das nicht an sich heranzulassen, auch wenn es ihn insgeheim verletzte. Schließlich war es nichts Neues, dass sein Vater keinen Wert darauf legte, Zeit mit der Familie zu verbringen. Immerhin war er, Tristan, eine stetige Erinnerung an jene Frau, die Sir Alex Somersby verlassen hatte.

„Es ist eine Chance für dich zu zeigen, was du hier im Grand gelernt hast“, fuhr Sir Alex fort. „Aber buche dich unter falschem Namen ein, nur zur Sicherheit.“

Tristan nickte kurz und unterdrückte das triumphale Grinsen, das sich in seine Mundwinkel stehlen wollte. „Ich bin sicher, Sie finden die richtige Formulierung, um die ganze Sache zu erklären“, wandte er sich an seinen Pressesprecher.

„Oh, definitiv“, versicherte dieser.

Sir Alex Somersby erhob sich. Die Arbeit wartete.

Auch Tristan stand auf. „Wir sehen uns später, Dad.“ Voller Genugtuung sah er, wie Sir Alex zusammenzuckte. Er hasste es, Dad genannt zu werden, noch dazu vor anderen. Vater tolerierte er noch gerade so, aber er bevorzugte es, mit Sir angesprochen zu werden. Kopfschüttelnd verließ Tristan das Büro, doch als er die Hand schon auf dem Türknauf hatte, rief sein Vater ihn zurück.

Überrascht wandte er sich um. „Ja?“

„Verdirb es nicht. Zwei Wochen absolute Funkstille. Kein Kontakt zu den Medien. Sobald der Aktienkurs sich erholt hat, kannst du zurückkommen, verstanden?“

„Natürlich.“ Damit schloss er die Tür hinter sich. Walter erwartete ihn schon.

„Es hat geklappt“, teilte Tristan ihm mit, während sie zu seinem Büro gingen. „Erzähl mir alles, was du über das Cygnet Hotel in Willerby Dalton weißt.“

Den Koffer hinter sich herziehend, verließ Maddie den Bahnhof. Es war gut, wieder zu Hause zu sein. Sie sehnte sich danach, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen. Die vertraute Umgebung im Haus ihrer Eltern beruhigte sie immer.

Der Bahnhof von Willerby war nicht gerade ein belebter Ort und der Parkplatz war alles andere als überfüllt. Daher entdeckte sie ihre Freundin Laura sofort, die winkend vor einem blauen Auto stand. Maddie strahlte, so wie sie es getan hatte, als ihre Mutter ihr die Nachricht geschickt hatte, dass Laura sie abholen würde.

„Maddie!“ Laura umarmte sie herzlich. „Oh mein Gott, wie schön, dass du hier bist.“ Ihre Freundin drückte sie noch fester. „Wir haben uns ewig nicht gesehen.“

Maddie erwiderte die Umarmung. Laura und sie waren seit der Grundschule befreundet. Am Kühlschrank ihrer Mutter hingen Fotos von ihnen, auf denen sie die gleichen geflochtenen Zöpfe hatten, auch wenn sie ansonsten äußerlich völlig gegensätzlich waren.

Laura hatte helle Haut, strahlend blaue Augen und blondes Haar, wohingegen sie selbst eigentlich immer leicht gebräunt war und mit ihren braunen Augen und dem pechschwarzen Haar einen extremen Kontrast zu ihrer Freundin bildete. Nach der Schule war sie zum Studium nach London gegangen, Laura dagegen war in Willerby geblieben und hatte ihre Jugendliebe Tim geheiratet. Maddie war ihre Trauzeugin gewesen.

„Es ist toll, wieder hier zu sein“, sagte Maddie aus tiefstem Herzen. Seit Alan, ihr Exmann, sich als Schwindler entpuppt und sich mit all ihren Ersparnissen aus dem Staub gemacht hatte, kämpfte sie darum, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Ihre Eltern hatten ihr genug Geld geliehen, damit sie ihre Rechnungen bezahlen konnte, aber noch immer liefen Gespräche mit der Polizei und den Banken. Das Schlimmste aber war, dass ihr vor Augen geführt worden war, wie verletzlich sie war.

Sie war in London geblieben und hatte Stärke gezeigt, aber die Ereignisse hatten ihr einiges abverlangt. In den vergangenen Wochen war der Gedanke daran, bald zu Hause bei ihrer Familie und ihren Freunden zu sein, das Einzige gewesen, was ihr die Kraft gegeben hatte, durchzuhalten. Und nun wurde sie so herzlich empfangen, wie sie gehofft hatte. Das war Balsam für ihre Seele.

„Deine Mutter sagte, du willst lieber gleich ins Hotel statt nach Hause. Stimmt das?“ Laura öffnete den Kofferraum.

Maddie wuchtete ihr Gepäck hinein. „Ja. Dad und ich treffen uns dort, um die Weihnachtsdekoration aus dem Keller zu holen.“

Nachdem Laura aus der Parklücke gefahren war, erkundigte sie sich: „Und wie läuft es? Bei der Arbeit alles okay?“

Maddie beschloss, erstmal die Frage nach der Arbeit zu beantworten. „Bei der Arbeit ist alles bestens. Ich habe Aussicht auf eine Beförderung.“

„Großartig!“ Laura freute sich mit ihr.

Maddie lächelte nur. Die Aussicht auf einen anspruchsvolleren Job ängstigte sie wie alles Neue, das auf sie zukam. Auch wenn sie wusste, dass sie ihn meistern würde. Seit sie auf Alan hereingefallen war, betrachtete sie alles, was ihr nicht vertraut war, mit Sorge. Sie hasste das.

Maddie sah aus dem Fenster auf die Straßen, die sie schon so oft entlanggefahren war. Sie hoffte, dass ihr ein paar Tage mit ihrem Vater an der Seite mehr Selbstvertrauen geben würden. Es war gut, wieder hier zu sein. Sie schaute zu Laura hinüber. Zusammen mit Menschen, denen ich vertrauen kann, fügte sie in Gedanken hinzu.

Laura bemerkte ihren Blick und sah sie an. „Geht es dir gut? Kann ich dir irgendwie helfen?“

Entschlossen schüttelte Maddie den Kopf und lächelte. „Ich bin einfach nur froh, wieder hier zu sein.“

„Ich freue mich so, dich zu sehen. Und Tim auch.“ Laura erwiderte ihr Lächeln. „Es ist großartig, dass du bei der Weihnachtsdekoration mitmachen willst. Wir hatten befürchtet, dass du ablehnst. Ohne deinen Großvater …“

Die Weihnachtsdekoration im Cygnet Hotel war eine Idee von Maddies Opa gewesen. Er hatte eine dörfliche Schneelandschaft in einem Diorama gebaut, in der sogar ein Zug zwischen verschneiten Tannen hindurchfuhr. Seit achtundzwanzig Jahren wurde die Szenerie im Cygnet aufgebaut. Maddie hatte ihm geholfen, solange sie denken konnte. Selbst als ihr Großvater krank geworden war, hatte er im Hotel gesessen und ihr und ihrem Vater erklärt, wie sie alles herrichten mussten.

„Ohne ihn wird es nicht mehr dasselbe sein“, sagte sie. „Dad und ich können unser Bestes geben, aber … Es war Grandpas Baby.“ Sie schaute auf ihre rechte Hand, wo sie den Ring ihres Großvaters am Daumen trug. „Ich hoffe nur, wir machen es so gut, dass er mit uns zufrieden wäre.“

„Vielleicht wird es sowieso das letzte Mal sein“, erwiderte Laura.

„Warum?“, erkundigte Maddie sich stirnrunzelnd. Ihr Vater und sie hatten zugestimmt, die Dekoration aufzubauen, solange die Hotelleitung es wollte.

„Oh, du weißt es gar nicht?“ Betroffen schüttelte Laura den Kopf. „Das Hotel ist verkauft worden. Vor ein paar Wochen. Bisher steht noch alles unverändert, aber im neuen Jahr sollen die Umbauarbeiten starten.“ Laura war eine von zwei Direktionsassistentinnen im Hotel.

Warum hatte niemand sie informiert? „Ich kann es nicht fassen, dass Mum und Dad das nicht erwähnt haben“, sagte Maddie. Oder hatten sie darüber gesprochen, und sie war nur zu sehr mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt gewesen? Sie seufzte. Wenn sie nur nicht ständig so müde wäre.

Als sie den Ortseingang passiert hatten, setzte Maddie sich aufrechter hin. „Was hat sich denn sonst noch verändert?“

„Lass mich überlegen …“

Laura ratterte eine Liste von Dingen herunter, die im vergangenen Jahr passiert waren, und Maddie war erleichtert, weil sie das meiste davon schon wusste.

2. KAPITEL

Tristan fuhr auf den kleinen Parkplatz hinter dem Hotel. Mit geschultem Blick musterte er die Fassade. Das Hauptgebäude war ein Herrenhaus aus georgianischer Zeit. Der Seitenflügel allerdings schien neuer zu sein.

Neben dem gekiesten Parkplatz führte ein Laubengang zum Hauptportal, sodass die Gäste in den Garten gehen konnten, ohne die Autos sehen zu müssen.

Alles wirkte sauber und gepflegt. Die Farbe an den Fensterrahmen könnte eine Auffrischung gebrauchen, aber abgesehen davon machte das Hotel einen ziemlich guten Eindruck. Er rief Walter an.

„Ich bin angekommen“, sagte er, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.

„Wunderbar. Es ist ein Zimmer auf den Namen Christian Samuels für dich gebucht. Ich dachte, es wäre gut, wenn der Vorname Ähnlichkeit mit deinem echten hat.“

Tristan schnaubte. „Damit mein armer kleiner Kopf nicht allzu verwirrt ist?“

„Um es dir einfacher zu machen“, erwiderte Walter freundlich. „Es ist ein Standardzimmer, aber ich habe nicht extra gesagt, dass es im Erdgeschoss sein sollte. Wenn sie dich im vierten Stock unterbringen wollen, musst du also selbst um ein anderes Zimmer bitten.“

Tristan schaute nach oben. Die Fenster in den unteren Etagen hatten Balkonkästen mit üppigem Grün. Die weiter oben waren kleiner, also vermutlich ursprünglich für die Dienstboten gedacht. „Okay. Das ist ein perfekter Anlass, um zu testen, wie gut der Service ist“, gab er zurück. „Ich erkundige mich danach. Noch etwas, das ich wissen muss?“

„Ich habe für zwei Wochen reserviert, wie besprochen.“

„Hat das Personal die Standardschulungen bekommen, um auf gleicher Linie mit den anderen Mitarbeitern des Unternehmens zu sein?“

„Ja, das ist erledigt.“

Das war gut, denn so wusste er, wie hoch er seine Erwartungen ansetzen konnte. „Na, dann werde ich jetzt mal die Atmosphäre insgesamt auf mich wirken lassen. Fühlt man sich hier wie in einem Somersby Hotel? Wenn nicht, warum nicht? Entsprechen die Sicherheitsvorkehrungen den Anforderungen? Was kann verbessert werden? Solche Dinge. Habe ich etwas vergessen?“

„Nein, ich denke, du hast das Wichtigste genannt.“

„Es ist ein altes Gebäude, wir werden es renovieren müssen. Sobald mir etwas in der Richtung auffällt, notiere ich es.“ Noch einmal begutachtete er die Fassade. „Und ich schreibe mir auch auf, falls sie etwas besonders gut machen. Das sollten wir dann für die anderen Hotels übernehmen.“

Er konnte förmlich sehen, wie Walter die Augen verdrehte. Tristan hatte darauf bestanden, dass alle Inkognito-Hoteltester die Anweisung bekamen, nach Dingen Ausschau zu halten, die eine Spezialität des jeweiligen kleinen Hotels waren. Denn er war sicher, dass die besonderen Eigenheiten das Erfolgsgeheimnis war, mit dem sie die Boutique-Hotels voranbringen konnten. Sir Alex hatte sein Augenmerk so sehr auf die Standardisierung aller Hotels gelegt, dass seine Mitarbeiter inzwischen blind waren für außergewöhnliche Details.

„Wenn du dir mal die finanzielle Situation ansiehst, bevor wir es gekauft haben, wirst du feststellen, dass sie ziemlich erfolglos waren“, sagte Walter. „Der Preis, den wir gezahlt haben, war nur für das Gebäude und den Standort. Das Hotel im jetzigen Zustand hatte dabei kaum Gewicht.“

„Trotzdem werde ich ein Auge darauf werfen.“

„Jawohl, Sir“, gab Walter zurück.

Wie Tristan wusste, hieß das nichts anderes als: Ich teile deine Meinung nicht, aber ich will meinen Job nicht aufs Spiel setzen.

Er grinste. „Noch etwas?“

„Nicht wirklich. Ich habe ein paar Kleidungsstücke gekauft, die nicht maßgeschneidert sind. Das hätte zu verdächtig gewirkt.“

„Okay, gute Idee.“ Er nahm seine Jacke vom Beifahrersitz und stieg aus dem Wagen. Das Einzige, was er selbst eingepackt hatte, waren sein Tablet und seine Aufzeichnungen. Alles andere war in seiner Standard-Reisetasche, in die Walter Kleidungsstücke packte, die zum jeweiligen Anlass passten. Und das waren normalerweise nicht die Cotswolds, musste er zugeben. Deshalb war er gespannt auf seine Garderobe in den nächsten zwei Wochen.

„Tristan.“

„Ja?“

„Ich hoffe, du findest zu dir.“

Plötzlich wurde Tristan von unerwarteter Aufregung gepackt. Niemand hier im Hotel kannte ihn. Er checkte unter anderem Namen ein, trug andere Kleidung. Vielleicht bekam er endlich die Chance, er selbst zu sein, ohne dass sein Geld eine Rolle spielte. „Ich hoffe nur, dass mich niemand erkennt.“

„Du könntest deine Frisur ändern“, schlug Walter vor.

„Daran habe ich auch schon gedacht.“

„Natürlich hast du das.“

„Wir sprechen später weiter, Walter.“

„Ich wünsche dir eine schöne Zeit.“

Da er kein Sir anhängte, wusste Tristan, dass er es ehrlich meinte.

Sie beendeten das Gespräch und er betrat das Hotel durch den Hintereingang. Der Weg zur Rezeption war ausgeschildert. Tristan schlenderte durch die Flure, die ein wenig Farbe vertragen könnten. Kein Vergleich zu der strahlenden Atmosphäre des Somersby Grand. Aber genau darum ging es bei den Boutique-Hotels – keines von ihnen brachte so viel Erfahrung mit wie die Londoner Firmenzentrale.

Dieses Hotel war einst das Haus einer reichen Familie gewesen. Die Räume hatten große Fenster und hohe Decken. Alles erinnerte an die Eleganz alter Zeiten, strahlte aber auch eine Gemütlichkeit aus, die ihm gefiel. Bei einer Modernisierung würden sie aufpassen müssen, dass die Wärme nicht verlorenging.

Er betrachtete den Teppich, der recht neu zu sein schien. In den Ecken erkannte er, dass der Original-Holzboden erhalten geblieben war. Was für eine Schande, ihn so zu verdecken. Er machte sich eine Notiz im Kopf.

Der Weg zur Rezeption führte durch mehrere Aufenthaltsräume. In einem von ihnen stand ein Billardtisch, in einem anderen gab es eine einladende Loungebar. Über ein paar Treppenstufen gelangte er schließlich ins Foyer, in dem sich nur wenige Gäste aufhielten. Das war kein gutes Zeichen.

Verglichen mit dem gedämpften Licht in den anderen Räumen, die er bisher gesehen hatte, war es in der Eingangshalle strahlend hell. Durch vier große Erkerfenster flutete das Tageslicht herein, die geschliffenen Glasanhänger des Kronleuchters reflektierten und brachen es und schufen kleine Regenbögen an den Wänden. Der Marmorboden schimmerte weiß. An einer Seite der Halle wand sich eine breite Treppe hinauf und erreichte direkt neben dem Kronleuchter den ersten Stock.

In einer Ecke stand ein Weihnachtsbaum, der so hoch war, dass er fast die Decke berührte. Er war im viktorianischen Stil geschmückt und die Kerzen sahen aus, als wären sie tatsächlich aus Wachs. Auch die Wände waren dekoriert, interessanterweise aber nicht die Fenster. Dabei meinte er, etwas über Fenster mit spezieller Weihnachtsdeko gelesen zu haben.

Am Empfangstresen stand eine Frau, die etwa in seinem Alter war. Es dauerte einen Moment, bis sie ihn bemerkte, dann aber strahlte sie. Ihr Lächeln wirkte echt.

„Ich habe ein Zimmer reserviert“, sagte Tristan.

„Auf welchen Namen, Sir?“

„Tr… Christian Samuels.“

Sie tippte etwas in ihren Computer. „Ah, ja, hier haben wir Sie. Sie bleiben zwei Wochen, Mister Samuels? Ich sehe nach, ob Ihr Zimmer schon fertig ist.“

Tristan las ihr Namensschild. „Laura, haben Sie ein Zimmer im Erdgeschoss für mich?“

Sie zögerte. „Wir haben Zimmer im Erdgeschoss, aber sie sind für Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderungen reserviert. Brauchen Sie eines der Zimmer?“

In ihrer Frage schwang Sorge mit, kein Misstrauen. Das gefiel ihm.

„Nein“, sagte er. „Ich mag nur keine Höhe.“

„Ah, okay. Lassen Sie mich nachsehen, ob wir einen Raum haben, dessen Aussicht nicht ganz so … weit ist.“ Stirnrunzelnd sah sie auf den Bildschirm. „Vor Zimmer einundzwanzig steht ein Baum und die Balkonkästen sind recht dicht bepflanzt. Sie können von dort nicht auf den Boden sehen, wenn Sie nicht wollen. Würde das helfen?“

Erstaunt sah Tristan sie an. Mit so viel Einfühlungsvermögen hatte er nicht gerechnet. Nicht die Höhe selbst, sondern die Vorstellung, weit vom Boden entfernt zu sein, verursachte bei ihm Übelkeit. Der Baum vor dem Fenster würde vielleicht helfen. „Ja, ich denke, das ist eine gute Lösung“, stimmte er zu. „Vielen Dank.“

„Ich vermute allerdings, das Zimmer ist noch nicht fertig. Lassen Sie mich kurz nachfragen.“ Damit griff sie zum Telefon auf ihrem Schreibtisch.

Tristan zog ebenfalls sein Handy aus der Tasche und tat so, als würde er Lauras Gespräch nicht verfolgen. Sie bat darum, dass Zimmer 21 möglichst sofort gereinigt werde. Die Konversation klang für ihn erschreckend informell, als würde sie eine Freundin um einen Gefallen bitten und nicht eine Anweisung erteilen. Es wirkte hochgradig unprofessionell auf ihn, aber er musste zugeben, dass sich die Rezeptionistin bisher absolut korrekt verhalten hatte. Er würde darüber noch nachdenken müssen.

„Ihr Zimmer ist in einer halben Stunde fertig, Mister Samuels. Wenn Sie möchten, können Sie in der Bar warten. Oder hier im Foyer. Ich lasse Ihnen gern einen Tee oder Kaffee bringen.“

„Ich warte hier, danke.“ Er steuerte auf eins der Erkerfenster zu. Das Hotel ging auf den Platz hinaus, der der Mittelpunkt des Ortes zu sein schien. Ringsum lagen mehrere Geschäfte, die festlich dekoriert waren. Offenbar handelte es sich um kleine, inhabergeführte Läden und nicht um Filialen der üblichen Ketten, die man sonst überall sah.

Interessant. Er machte sich eine Notiz auf dem Handy.

Als er wieder aufblickte, stand draußen auf dem Gehweg eine Frau, die ihn unverwandt anschaute. Sie hatte etwas in der Hand, das aussah wie ein Baguette, von dem sie bereits mehrmals abgebissen hatte. Über die Schulter trug sie einen Rucksack. Sie war ausgesprochen hübsch. Ihm wurde schließlich klar, dass sie ihn nicht wirklich ansah, sondern einfach völlig gedankenverloren dastand. Und das, worüber sie nachdachte, machte sie eindeutig traurig.

Fasziniert musterte er sie. Ihre Haut war leicht gebräunt und ihr schwarzes Haar glänzte in der Sonne. Ihre großen Augen wirkten hell und wach. Jetzt verzog sie den Mund zu einem Lächeln, doch die Traurigkeit blieb.

Sie war wunderschön. Er hätte sie den ganzen Tag ansehen können.

Neugierig trat er näher ans Fenster. In diesem Moment verschwand die Sonne hinter einer Wolke und sie konnte auch ihn sehen. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich kaum merklich, als ihr Blick, der aus weiter Ferne kam, sich fokussierte. Und es war, als schaute sie direkt in seine Seele. Seit Langem hatte ihn niemand mehr wirklich gesehen.

Unwillkürlich keuchte Tristan auf und wandte den Blick ab.

Maddie biss von ihrem Sandwich ab, das sie sich gerade gekauft hatte. Dabei betrachtete sie das Cygnet Hotel und lächelte. Die weiß gestrichene Fassade strahlte im Licht der Nachmittagssonne.

In den kommenden zwei Wochen würden ihr Vater und sie Landschaften in die tiefen Erkerfenster bauen. Jeweils zwei der Fenster waren links und rechts des Portals angeordnet. Wie immer würde ein Modellzug durch die Kunstlandschaften fahren und die Fenster miteinander verbinden. Als Kind war sie begeistert von einem Erker zum anderen gelaufen und dem Zug gefolgt. Und da war sie nicht die Einzige gewesen.

Eine Bewegung hinter einem der Fenster riss sie aus ihren Erinnerungen und sie bemerkte, dass sie direkt in das Gesicht eines Mannes schaute. Kurz hielten sie Blickkontakt und Maddie war wie gefesselt. Seine Augen waren von einem so intensiven Blau, dass sie die Farbe unschwer auch auf die Entfernung erkennen konnte. Hastig wandte er den Blick ab. Es war ein seltsamer Moment.

Schnell aß sie ihr Sandwich auf, schob den Rucksack weiter über ihre Schulter und ging ins Hotel. Sie entdeckte Laura an der Rezeption.

„Hallo“, begrüßte Laura sie herzlich und zog einen Besucherausweis an einem Band unter dem Empfangstresen hervor. „Hast du dein Sandwich bekommen?“

„Allerdings.“ Maddie hängte sich den Ausweis um. „Aber vorher musste ich Irene auf den neuesten Stand bringen, was so in meinem Leben passiert ist.“ Die Inhaberin der Bäckerei war eine Freundin ihrer Mutter. „Ich schätze, neunzig Prozent davon wusste sie ohnehin schon“, fügte sie lachend hinzu.

Suchend sah sie sich im Foyer um. Der Mann, den sie eben gesehen hatte, saß noch immer im Erker, den Kopf mit dem blonden Haar über sein Handy gebeugt. Auch die anderen Sitzgelegenheiten waren weitgehend besetzt, von ihrem Vater allerdings keine Spur.

„Hast du meinen Dad schon gesehen?“, erkundigte sie sich.

Laura schüttelte den Kopf. „Bisher noch nicht.“

Ein Räuspern unterbrach ihr Gespräch. Vor dem Empfangstresen stand ein ausgesprochen elegant gekleidetes Pärchen, das sie gelangweilt ansah.

Laura warf ihr ein entschuldigendes Lächeln zu und wandte sich an die Gäste: „Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Was kann ich für Sie tun?“

Maddies Telefon klingelte und so setzte sie sich in einen der Sessel am Fenster und meldete sich.

„Mum, ich bin im Hotel. Ist Dad unterwegs?“

„Deswegen rufe ich an. Er war gestern ein bisschen verschnupft, wie du weißt. Heute hat er einen Covid-Test gemacht und ist positiv. Er kann nicht kommen. Für die nächsten Tage sind wir beide in Quarantäne.“

„Wie geht es ihm?“, fragte Maddie besorgt.

„Wie bei einer schlimmen Erkältung, mehr nicht. Aber wir möchten niemanden anstecken.“

„Nein, natürlich nicht. Bleibt auf jeden Fall zu Hause.“ Maddie atmete tief durch. Das bedeutete, dass sie nicht bei ihren Eltern unterkommen konnte. Wo sollte sie die nächsten Nächte schlafen?

„Oh Liebling, er ist so traurig, dass er die Fenster nicht mit dir dekorieren kann“, fuhr ihre Mutter fort.

Noch eine Hiobsbotschaft. Nachdenklich betrachtete Maddie die vier großen Fenster. Wie sollte sie das allein schaffen? Das war fast unmöglich.

„Ich habe schon ein paar Leute angerufen, die in den vergangenen Jahren geholfen haben, aber niemand hat Zeit. Es tut mir so leid. Vielleicht ist es für das Hotel okay, wenn du dieses Jahr etwas nicht ganz so Außergewöhnliches machst“, schlug ihre Mutter vor.

Maddie kaute auf ihrer Unterlippe und dachte nach. Das wäre möglich, aber für neue Entwürfe brauchte sie Zeit, und die hatte sie nicht. Ihr blieben nur fünf Tage bis zur offiziellen Eröffnung der Winterlandschaft. Und außerdem hielt sie damit das Andenken an ihren Großvater lebendig. Und wenn es stimmte, was Laura ihr anvertraut hatte, war es vielleicht sogar das letzte Mal.

„Ich denke mir etwas aus, Mum“, versprach sie. „Pass auf dich auf, damit du nicht auch noch krank wirst.“

„Wo willst du denn übernachten?“

„Ich finde schon was.“ Sie dachte an ihren Kontostand. Konnte sie es sich leisten, ein Hotelzimmer zu bezahlen? Dumme Frage, natürlich nicht.

Nachdenklich betrachtete sie erneut die großen Erkerfenster. Sie musste sich etwas einfallen lassen, ansonsten würde ihr Dad seinen Vertrag nicht einhalten können. Und nach all den Sorgen, die sie ihren Eltern in den vergangenen Monaten gemacht hatte, konnte sie ihnen das nicht auch noch zumuten.

Würde sie es schaffen, die Fenster allein zu dekorieren, wenn sie bis tief in die Nacht arbeitete? Tränen stiegen ihr in die Augen und sie machte ein paar Lidschläge, um sie zurückzudrängen.

Die Winterlandschaften im Cygnet waren Teil ihres Lebens, seit sie denken konnte. Ihr Großvater hatte sie seine kleine Weihnachtselfe genannt. Von ihm hatte sie die Grundlagen gelernt, mit Holz zu arbeiten und Dinge zu modellieren, noch bevor sie überhaupt zur Schule ging.

Sie war adoptiert worden, als sie noch ganz klein gewesen war. Als dunkelhäutiges Kind weißer Eltern in einer ausschließlich hellhäutigen Nachbarschaft aufzuwachsen, war mehr als einmal eine Herausforderung gewesen. Aber ihre Familie hatte immer hinter ihr gestanden.

Jeder in dem kleinen Ort hatte sie in der Vorweihnachtszeit gesehen, wie sie mit ihrem Dad und ihrem Opa die Winterlandschaft aufbaute. Oft hatte sie rückblickend gedacht, dass es enorm geholfen hatte, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu festigen. Sie war das Kind, das beim Weihnachtsdiorama half. Nicht die kleine Asiatin oder die arme Waise, die ihre Eltern verloren hatte.

Schon deshalb musste sie die Dekoration auch in diesem Jahr hinbekommen. Aber sie würde es nicht allein schaffen.

„Maddie, ist alles okay?“, erkundigte Laura sich besorgt.

Bedrückt schüttelte sie den Kopf. „Dad ist krank. Corona.“

„Oh nein, das ist gar nicht gut. Ich lasse ihnen etwas zu essen schicken.“ Laura machte sich eine Notiz. „Oh, wo schläfst du denn dann?“

„Ich werde mir ein B&B suchen.“

„Machst du Witze? Du kannst natürlich bei uns übernachten.“

„Ihr habt doch gar nicht genug Platz“, wandte Maddie ein. „Und außerdem bist du mit Tim gerade erst in die neue Wohnung gezogen.“

„Wir haben ein Bettsofa. Eine Woche oder so wird es schon gehen. Komm zu uns.“

Dankbar lächelte Maddie ihre Freundin an. „Danke, Laura. Du bist ein Schatz.“

Lachend wehrte Laura ab.

Ein Problem gelöst. Bei dem anderen würde es nicht so einfach gehen. Unwillkürlich glitt ihr Blick erneut zum Erker, und sie biss sich auf die Lippen. „Die Weihnachtsdekoration muss gemacht werden“, sagte sie. „Dad und ich hätten es in einer Woche geschafft. Allein packe ich das nicht.“

Laura stand auf und stellte sich neben sie. „Hast du keine andere Unterstützung?“

„Offensichtlich hat niemand von den Helfern Zeit, die sonst ab und zu mal eingesprungen sind. Ich kann sicher vieles von dem nutzen, was wir schon haben, aber auch diese Sachen müssen überarbeitet werden. Und ich kann nicht dieselbe Landschaft aufbauen wie im vergangenen Jahr, das würden die Gäste merken. Und … allein geht es einfach nicht.“

„Was hast du vor? Ich kann herumtelefonieren und ein paar Leute zusammentrommeln, die halbwegs geschickt sind. Und vielleicht kann ich auch selbst einen Tag freinehmen und euch unterstützen. Ich war ja ein paarmal dabei.“

„Das ist lieb von dir, aber ihr habt um diese Jahreszeit alle selbst genug zu tun. Du kannst dir keinen freien Tag leisten.“

Wieder ein Blick zum Eingang. Die Vorstellung, dass die Fenster in diesem Jahr undekoriert blieben, machte sie tieftraurig.

Nein, das war keine Option!

Also musste sie ihr Bestes geben. „Ich werde es versuchen, eine andere Wahl habe ich nicht.“ Sie klatschte in die Hände und sagte in einem Ton der Überzeugung, die sie nicht wirklich empfand: „Ich fange einfach an und sehe nach, in welchem Zustand die Requisiten sind. Gibst du mir die Schlüssel für den Abstellraum?“

„Natürlich.“ Laura kehrte hinter den Tresen zurück. „Warte eine Sekunde, ich muss sie kurz suchen.“

3. KAPITEL

Tristan machte sich ein paar Notizen zu seinem Zimmer. Wie versprochen, stand vor dem Fenster ein Baum, und tatsächlich erleichterte ihm diese Tatsache die Vorstellung, nicht direkt im Erdgeschoss zu wohnen. Daran sollte er bei künftigen Hotelbuchungen denken. Er wohnte in einem Penthouse und arbeitete in Luxushotels, deren beste Zimmer sich meistens in den obersten Etagen befanden. Daher hatte er die Möglichkeit, ein Quartier im ersten Stock zu buchen, nie in Betracht gezogen.

Bisher erschien ihm das Hotel … funktional. Schon auf den ersten Blick war ihm einiges aufgefallen, das verbesserungswürdig war. Und wenn er nicht von der Frau abgelenkt worden wäre, die er durchs Fenster entdeckt hatte, wäre er mit seinen Notizen auch schon ein ganzes Stück weiter.

Er hielt einen Moment inne und dachte an sie. Als sie ins Hotel gekommen war, hatte er zunächst angenommen, sie sei ein Gast. Doch schnell hatte er begriffen, dass sie irgendwie zum Personal gehörte.

Unabhängig davon hatte er gar nicht aufhören können, sie anzusehen. Sie dagegen schien ihn überhaupt nicht wahrgenommen zu haben. Sie hatte verfroren und vom Wind durchgepustet ausgesehen, doch das änderte nichts an ihrer Schönheit. Allerdings traf er ständig auf attraktive Frauen – warum also war er ausgerechnet so fasziniert von dieser?

Er schüttelte den Kopf. Es gab Wichtigeres, worüber er nachdenken sollte. Walter hatte erwähnt, dass er ihm neue Garderobe besorgt hatte. Gespannt öffnete er den Koffer und sah, dass Walter seine schlichten Pullover und Jeans mit Stücken durchschnittlicher Marken ergänzt hatte. Nun, wenn sein Freund und Kollege meinte, das würde helfen, inkognito zu bleiben, sollte es ihm recht sein.

Er zog ein Polohemd und einen Kaschmirpullover an und fuhr sich, Walters Rat beherzigend, durchs Haar, um es nicht ganz so ordentlich wirken zu lassen. Dann betrachtete er sein Spiegelbild und fand, dass er immer noch aussah wie er selbst, nur vielleicht weniger … akkurat.

Kurz dachte er nach, dann beschloss er, die Kontaktlinsen herauszunehmen und die schlichte Brille mit dem Metallgestell aufzusetzen, die er sonst nur abends trug. Jetzt ähnelte er den offiziellen Fotos, die es von ihm gab, sehr viel weniger, befand er.

Ob es ihm gefiel oder nicht – in der Öffentlichkeit war er immer auch das Gesicht der Somersby Hotels. Deshalb achtete er stets auf ein makelloses Äußeres. Auf den meisten Fotos trug er einen Anzug. Die Einzigen, die ihn weniger gestriegelt kannten, waren seine Haushälterin und – bis vor Kurzem zumindest – Clemmie.

Er zerzauste sein Haar noch etwas mehr, dann atmete er einmal tief durch und ließ die Schultern ein winziges Stück sinken. Hier war er nicht der Sohn des Hotelbesitzers und auch nicht das unnütze Kind reicher Eltern, das nur durch Beziehungen in seine Position gekommen war. Oder der Sohn, der so wenig liebenswert war, dass seine Mutter ihn verlassen hatte. Nein. Hier war er ein Typ namens Chris.

Er ließ die Schultern kreisen. Das war seltsam befreiend. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Koffer zu. Innen an der Seite steckte ein Aktenordner – eine kleine Erinnerung daran, dass er nicht nur zum Spaß hier war.

Um sich in der Lobby aufzuhalten und das Treiben dort zu beobachten, brauchte er einen guten Grund. Leider hatte man von der Bar aus keinen Überblick über die Empfangshalle, sonst hätte er sich dort niederlassen können. Er nahm sein iPad und ging nach unten auf Beobachtungsposten. Irgendetwas würde ihm dort schon auffallen.

Maddie stellte die Leiter am ersten Fenster auf. Die Aufgabe war zu gewaltig und sie hätte am liebsten aus Panik geschrien. Stattdessen atmete sie tief durch und versuchte, alles Negative rauszulassen. Als sie wieder einatmete, fühlte sie sich tatsächlich etwas besser. Die Aufgabe war gewaltig, aber sie würde sie Schritt für Schritt angehen.

Als Erstes musste sie die Banner aufhängen, die den Beginn der Winterlandschaft ankündigten, und den oberen Teil der Fenster dekorieren. Üblicherweise versteckte sie die Drähte dafür hinter künstlichen Tannen-Girlanden, die mit kleinen LED-Lichtern versehen waren. Im vergangenen Jahr hatten sie die Girlanden ordentlich in Kisten verpackt. Sie musste sie also nur auspacken und aufhängen. Das war schnell getan.

Voller Tatendrang stieg sie auf die Leiter, befestigte den ersten Teil, stieg wieder hinunter, schob die Leiter ein Stück weiter und hakte die Girlande in der Mitte ein. Das Grün harmonierte perfekt mit den bordeauxroten Vorhängen, die das ganze Jahr über hier hingen. Ergänzt wurden die Girlanden mit Rauschgold und Weihnachtskugeln. Die Fenster waren so hoch, dass der obere Teil trotz der Winterlandschaft kahl wirken würde, wenn es dort keine zusätzliche Dekoration gäbe. Egal, dass die wenigsten Passanten auch nach oben schauten – schließlich würde es im unteren Teil mehr als genug zu entdecken geben.

Wieder verschob sie die Leiter und befestigte das Ende der Girlande. Dann fischte sie Kugeln und Lametta aus der Kiste, um sie daran aufzuhängen. Kurzentschlossen warf sie sich alles über die Schulter, um nicht ständig die Stufen auf und ab steigen zu müssen. Mit einer Hand hielt sie sich an der Leiter fest, mit der anderen sicherte sie die Dekoration auf ihrer Schulter. Als sie auf der obersten Stufe angelangt war, klingelte ihr Telefon. Instinktiv griff sie in ihre Hosentasche, um es herauszuziehen. Dabei glitt die gesamte Dekoration von ihrer Schulter.

„Oh nein!“ Verzweifelt versuchte sie, noch etwas zu erwischen, doch zu spät. Sie schaute nach unten und sah zu ihrem Entsetzen, dass dort jemand stand. Die Kugeln und Goldbänder landeten direkt auf ihm.

„Es tut mir so leid.“ Maddie hastete die Leitersprossen hinunter. Dabei rutschte sie auf einer Weihnachtskugel aus, die auf der untersten Stufe hängengeblieben war.

Sie schloss die Augen und rechnete mit einem harten Aufprall, doch stattdessen war ihre Landung erstaunlich sanft. Als sie die Augen wieder öffnete, erkannte sie, dass sie direkt in den Armen des Mannes gelandet war, der über und über mit Rauschgold geschmückt war.

Mit einem erstaunten „Uff“ hatte er sie aufgefangen.

Einen Moment lang konnte sie ihn nur ansehen. Über einem Auge hing ihm Lametta ins Gesicht. Seine Brille saß schief. Dennoch erkannte sie diese blauen Augen sofort wieder. Es war der Typ, mit dem sie durch das Fenster Blickkontakt gehabt hatte.

Auf die Entfernung hatte sie nicht bemerkt, wie attraktiv er war. Doch aus der Nähe betrachtet war er unfassbar gutaussehend. Hohe Wangenknochen, markante Gesichtszüge. Er hätte mühelos Fotomodell sein können. Sie öffnete den Mund, um sich noch einmal zu entschuldigen, doch sie brachte keinen Ton heraus.

„Alles okay?“, erkundigte er sich.

Seine Stimme war tief, der Tonfall weich. Er brachte etwas in ihr zum Vibrieren.

Noch immer hielt er sie fest, seine Arme waren muskulös. Es war verblüffend, wie geistesgegenwärtig und mühelos er sie aufgefangen hatte. Er war nicht nur stark, sondern auch äußerst gutaussehend. Moment – in was für eine Richtung trieben ihre Gedanken da gerade ab? Sie hatte die komplette Weihnachtsdekoration auf diesen armen Mann geworfen und war dann auch noch selbst auf ihn gestürzt.

Er sah sie besorgt an und ein Lamettastrang rutschte aus seinem Haar. Maddie schluckte. Vorsichtig stellte er sie auf die Füße und sie hielt sich an seinem Arm fest, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Dabei spürte sie seinen Bizeps unter dem weichen Pullover. Schnell ließ sie ihn los.

Sie schaffte es, sich zu sammeln. Sogar ihre Stimme klang normal, als sie sagte: „Es tut mir so leid.“ Dann begann sie, ihn von den Christbaumkugeln und den Gold- und Silberfäden zu befreien.

Er sah zur Leiter hinauf und lachte kurz auf. „Ich hätte wohl besser aufpassen sollen, wo ich mich aufhalte.“

In diesem Moment kam Laura herüber. „Alles okay mit Ihnen, Mister Samuels?“

Maddie bekam einen Schreck. Oh nein, er war ein Hotelgast. Das machte die Sache noch schlimmer. Auf gar keinen Fall durfte sie die Hotelgäste belästigen.

Als der Mann nickte, half Laura, die Reste der Dekoration einzusammeln.

„Ich habe doch gesagt, du sollst warten, bis meine Schicht zu Ende ist. Ich helfe dir“, zischte ihre Freundin ihr zu.

„Ich habe keine Zeit, so lange zu warten“, flüsterte Maddie zurück, wobei sie eisern ihr Lächeln hielt.

Mr. Samuels sah von einer zur anderen. „Vielleicht sollte ich einfach dort drüben Platz nehmen. Da störe ich niemanden.“ Er deutete mit der Tageszeitung, die er nun wieder in der Hand hielt, auf das andere Ende des Raumes und ging hinüber.

„Ich gebe ihm einen Drink aus, um ihn gnädig zu stimmen. Nicht, dass er uns eine schlechte Kritik gibt“, sagte Laura mit vorwurfsvollem Unterton.

Maddie nickte und machte sich wieder an die Arbeit. Dieses Mal ließ sie sich mehr Zeit und achtete darauf, nichts fallen zu lassen. Der Gast, Mr. Samuels, hatte sich auf der anderen Seite des Foyers niedergelassen und beachtete sie nicht. Zum Glück.

Tristan versuchte, alles zu registrieren, was im Foyer vor sich ging, doch die junge Frau mit dem Weihnachtsschmuck fesselte seine Aufmerksamkeit. Er tat so, als läse er in der Zeitung und nähme sie gar nicht wahr, aber er konnte sich nicht verkneifen, ab und zu einen Blick auf sie zu werfen.

Sie war … anziehend. Etwas an ihrem ernsthaften Gesichtsausdruck und ihrer beinahe finsteren Konzentration faszinierte ihn. Und er konnte sich extrem gut daran erinnern, wie weich und wohlgeformt sie sich in seinen Armen angefühlt hatte.

Wieder wagte er einen Blick. Die Rezeptionistin sprach gerade mit einem Gast, die andere Frau stand erneut auf der Leiter. Er konnte kaum hinsehen. Jemand sollte am Fuße dieser Leiter stehen und sie festhalten. Er würde Sicherheitshinweise wie diesen in seinen Bericht aufnehmen.

Er fragte sich, was es mit dieser Fenster-Ausstellung auf sich hatte, also googelte er es. Im Internet fand er einige YouTube-Videos und lokale Berichte. In einem fuhr ein Modellzug durch einen Miniatur-Skiort. Die Details waren hinreißend. Er entdeckte winzige Skiläufer und einen Lift, der hinter den modellierten Bergen verschwand. Die gleiche Szene gab es auch nochmal bei Nacht – es wirkte magisch.

Tristan erkannte sorgfältige Handwerkskunst, wenn er sie sah. Als Kind hatte er von einer Tante ein Set mit winzigen Warhammer-Figuren geschenkt bekommen, die von Hand bemalt werden mussten. Zu seiner eigenen Überraschung hatte es ihm gefallen, sich dabei komplett auf eine Arbeit konzentrieren zu müssen.

In der Schule hatte er niemandem von seinem Hobby erzählt, wahrscheinlich wäre er von den anderen Jungs verprügelt worden, aber irgendwann hatte er eine ganze Armee kleiner Figuren zusammen. Eines Tages war er nach Hause gekommen und musste feststellen, dass sein Vater sämtliche Figuren in den Müll geworfen hatte.

Tristan runzelte die Stirn. Seit Ewigkeiten hatte er nicht mehr daran gedacht. Wie alt mochte er damals gewesen sein? Zehn? Elf?

Natürlich verbrachte ein Somersby seine Zeit nicht mit solchen Albernheiten wie Figuren bemalen, erst recht nicht mehr heute. Stattdessen hatte er passendere Hobbys wie Golfspielen. Auch wenn es ihm nicht wirklich Spaß machte.

„Könnten wir vielleicht eine der Schulen fragen, ob sie uns mit ein paar Kindern helfen wollen?“, schlug die Rezeptionistin gerade vor.

Tristan riskierte einen erneuten Blick.

Die Lamettafrau war mit der Leiter inzwischen im letzten Fenster angekommen. „Das ist kein Kinderspiel, Laura“, erwiderte sie, ohne von ihrer Arbeit aufzuschauen.

„Entschuldige.“

Nach einer Pause sagte die Frau auf der Leiter versöhnlicher: „Falls es Kinder gibt, die Spaß haben am Modellieren und gut mit dem Pinsel umgehen können, meinetwegen. Dann kann ich mich um die größeren Sachen kümmern – den Aufbau der Landschaft und der Schienen und der Beleuchtung. Ich brauche Hilfe bei der Dekoration. Allein schaffe ich es definitiv nicht, aber ich möchte auch nicht auf diese schöne Tradition verzichten.“ Sie seufzte.

„Nein, das geht auf keinen Fall“, stimmte Laura zu, ihre Stimme klang ehrlich entsetzt. „Vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir diese Weihnachtsdeko machen. Die neuen Eigentümer haben ganz klare Anweisungen gegeben, dass die neuen Hotels der Kette genauso ausgestattet und dekoriert werden sollen wie die anderen alle.“

Ihre Missbilligung war unüberhörbar.

„Wir dürfen nicht darauf verzichten“, bekräftigte die andere. „Einige Gäste kommen gerade deswegen zur Weihnachtszeit hierher.“

Das bezweifelte Tristan allerdings. Dieses Hotel war nicht groß genug, um eine solche Aufmerksamkeit zu erreichen. Aber er fand es bedauerlich, dass auf diese Tradition künftig verzichtet werden sollte.

Die Lamettafrau legte ihre Hände an die Schläfen, womit sie ihn an eine tragische Göttin erinnerte.

„Am liebsten hätte ich gerade hundert Arme, um alles zu schaffen.“

Wieder dachte Tristan an seine Miniaturfiguren. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, mehr Zeit mit dieser Frau zu verbringen, von der er kaum seine Augen lassen konnte …

„Kann ich Ihnen helfen?“<...

Autor

Karin Baine
Mehr erfahren
Cathy Williams

Cathy Willams glaubt fest daran, dass man praktisch alles erreichen kann, wenn man nur lang und hart genug dafür arbeitet. Sie selbst ist das beste Beispiel: Bevor sie vor elf Jahren ihre erste Romance schrieb, wusste sie nur wenig über deren Inhalte und fast nichts über die verschiedenen Schreibtechniken. Aber...

Mehr erfahren
Scarlet Wilson

Scarlet Wilson hat sich mit dem Schreiben einen Kindheitstraum erfüllt, ihre erste Geschichte schrieb sie, als sie acht Jahre alt war. Ihre Familie erinnert sich noch immer gerne an diese erste Erzählung, die sich um die Hauptfigur Shirley, ein magisches Portemonnaie und eine Mäusearmee drehte – der Name jeder Maus...

Mehr erfahren

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.