Bianca Exklusiv Band 406

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WAS UNS TRENNT, WAS UNS EINT von STACY CONNELLY

Nach ihrer kurzen romantischen Affäre mit dem attraktiven Fotografen Chance entdeckt Alexa schockiert: Sie erwartet ein Baby! Doch sie und ihn trennen Welten: Sie sucht Ruhe und Sicherheit, der freiheitsliebende Chance das Abenteuer. Was jetzt?

ZUCKERGUSS UND SÜSSE KÜSSE von BRENDA HARLEN

„Er ist der Richtige“, weiß Eva, sobald Luke ihren Donutladen betritt. Der sexy Cowboy erobert ihr Herz im Sturm, und bald verbringen sie zärtliche Stunden zusammen. Bis er sie plötzlich verlässt. Zurück bleibt die Frage nach dem Warum – Eva kann ihre große Liebe nicht aufgeben!

DAS LÄCHELN DEINER AUGEN von MARIE FERRARELLA

Eine neue Liebe? Für TV-Moderatorin Ellie unmöglich! Zu tragisch war der Tod ihres Mannes. Bis die zärtlichen Küsse von Police Officer Colin ihr das Gegenteil zeigen. Fatal, denn nachdem er sie mit einer Weihnachtseinladung überrascht, wird Ellies Liebestraum erneut erschüttert …


  • Erscheinungstag 10.10.2026
  • Bandnummer 406
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538275
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Stacy Connelly, Brenda Harlen, Marie Ferrarella

BIANCA EXKLUSIV, BAND 406

Stacy Connelly

1. KAPITEL

Chance McClaren sog die kühle Luft des Ozeans tief ein. Er schloss die Augen und lauschte dem Rollen der Wellen. Es war ein nebeliger Novembertag, und die Sonne spendete nur wenig Wärme, aber er genoss ihre schwachen Strahlen auf seiner Haut. Langsam begannen seine Muskeln sich zu entspannen. Der Nacken, die Schultern, die Arme. Nicht hingegen sein rechtes Bein, aber das hatte eine andere Ursache.

Er konnte es schaffen. Konnte lächeln und gute Miene machen. Er konnte diese Fassade aufrecht erhalten … solange es eben dauerte, bis sein Körper wieder geheilt war. Solange es dauerte, bis er Clearville endlich wieder hinter sich lassen konnte.

Er riskierte einen Blick über die Schulter. Die alte Lady war immer noch da. Starrte auf ihn herab. Beobachtete ihn.

Chance drehte sich zurück zum Wasser. „Du wirst verrückt, Mann“, murmelte er vor sich hin.

Er rieb sich den Nacken. Irgendwie fühlte es sich ungewohnt an, dort nicht den Riemen der Kamera zu spüren. Als Fotojournalist hatte Chance die Gabe, das Besondere eines Moments einzufangen und es auch für den Betrachter am anderen Ende der Welt lebendig werden zu lassen.

Leben in ein Foto zu bringen war das Eine – sich einzubilden, dass das Viktorianische Hotel seiner Familie, die alte Lady, lebte und ihn beobachtete, war etwas anderes.

„Bitte, komm, Chance“, hatte Rory, seine jüngere Schwester, gesagt. „Du warst seit Jahren nicht mehr in Hillcrest House. Ein Aufenthalt hier wird dir guttun.“

Seine Schwester hatte den alten Kasten immer geliebt. Sie und ihre Tante Evelyn, die das Hotel leitete, wären empört, wenn sie wüssten, wie er von dem Haus dachte. Die Vorstellung ließ ein Lächeln um seine Mundwinkel erscheinen.

Rory und ihre Cousine Evie waren vor Monaten nach Clearville gekommen, um sich um das Hotel zu kümmern, während ihre Tante eine Krebsbehandlung über sich ergehen ließ. Sie verbrachte einen Teil der Zeit bei seinen Eltern und den anderen bei Evies Familie, während sie sich von den Operationen und der Chemotherapie erholte.

Auch wenn seine Eltern nicht so eingespannt gewesen wären, hätte Chance es keine Minute länger in ihrem Haus ausgehalten. Er liebte sie wirklich, aber ihre Angst um ihn erstickte ihn förmlich.

Sie hatten seinen Wunsch, die Welt zu sehen, nie verstanden. Hatten es nie nachvollziehen können, dass er glücklich war, wenn er nur mit einem Rucksack und seiner Kamera unterwegs war. Er war sein eigener Herr. War frei, zu tun und zu lassen, was er wollte. Und seine Arbeit war wichtig! Er hatte Verbindungen in der ganzen Welt. Konnte Orte aufsuchen, die anderen Journalisten verwehrt blieben, und die Geschichten erzählen, die sonst unbekannt geblieben wären.

Seine Eltern hatten sich für ihn immer ein sichereres Leben vorgestellt. Wäre es nach ihnen gegangen, wäre er in die Fußstapfen seines Vaters getreten und hätte das kleine Fotostudio übernommen, das Matthew McClaren gehörte. Er hätte ein Haus gekauft und sich dort mit Frau und Kindern niedergelassen.

Doch schon mit achtzehn hatte Chance die Flucht ergriffen und sein Leben als freier Journalist aufgenommen. Seither war er nie wieder in Gefahr gewesen, in die bürgerliche Enge zurückzukehren. Seine Eltern mochten seinen Drang nach Freiheit nicht verstehen, aber er hatte das Gefühl, dass sie seine Arbeit respektierten und seine Erfolge achteten.

Zumindest hatte er das geglaubt, bis er eine leise geführte Unterhaltung mitbekam, die es ihm unmöglich machte, einen Moment länger als nötig in ihrem Haus zu bleiben.

Wir sind deine Familie, Chance. Wir lieben dich.

Das waren die Worte seiner Mutter gewesen, als sie hilflos mit ansehen musste, wie er ging – zuerst als ungestümer Achtzehnjähriger und dann noch einmal vor wenigen Wochen. Ihre hilflose Reaktion tat ihm weh, aber er wusste: Wenn er nicht ging, lief er Gefahr, etwas zu sagen, das ihm später leidtun würde.

Seine Eltern wollten nicht, dass er während seiner Genesung allein war. Wenn er zu Rory und Evie ging, minderte das vielleicht ihre Sorge um ihn, während er endlich wieder frei atmen konnte.

Jetzt war er sich da nicht mehr so sicher.

„Oh, Chance, das ist doch einfach die perfekte Lösung!“, jubelte seine Schwester, als er das Hotel der Familie betrat. „Unser jetziger Fotograf verlässt uns, und wir haben noch keinen Ersatz.“

Er hatte gar nicht mehr an das Hochzeitspaket gedacht – eine Idee, die seine Tante vor gut einem Jahr gehabt hatte. Dabei sprach Rory, die alle Hochzeitsaktivitäten koordinierte, seit Monaten kaum noch von etwas anderem. Zumal jetzt, da sie ihren eigenen Mann fürs Leben gefunden hatte.

„Du kannst für ihn einspringen, solange du hier bist!“

Er? Als Hochzeitsfotograf? Das war neben dem Modefotografieren sein größter Alptraum. „Das ist nicht wirklich mein Ding, Rory.“

Als er zusehen musste, wie die Begeisterung in den Augen seiner kleinen Schwester langsam erlosch, kam er sich vor, als hätte er einem jungen Hund einen Tritt versetzt. Jamison Porter, Rorys Verlobter, hatte ihn während dieser ersten Begegnung aufmerksam gemustert und dann vorgeschlagen: „Wie wäre es, wenn du deinen Bruder zuerst einmal ankommen lässt, bevor du ihm einen Job anbietest, Sweetheart?“

Rory erholte sich rasch von ihrer Enttäuschung und umarmte ihn. „Natürlich! Wie konnte ich?! Wir haben das Cottage für dich hergerichtet.“

Das Cottage, in dem früher einmal die Haushälterin gewohnt hatte, lag etwas abseits vom Hotel. Chance wusste die Abgeschiedenheit zu schätzen, auch wenn er sich dank der Dekorationskünste seiner Schwester dort wie in einer Puppenstube fühlte.

Es war ihm aber allemal lieber als das Kinderzimmer im Haus seiner Eltern. Und es war ja nur für einen Monat, höchstens zwei. Sein Bein wurde mit jedem Tag kräftiger, und Chance weigerte sich, auch nur an die Möglichkeit zu denken, es könne nicht wieder hundertprozentig werden.

Nach ein paar Tagen hatte er sich sogar bereit erklärt, als Hochzeitsfotograf einzuspringen – er brauchte einfach etwas, was ihn beschäftigte.

Er war in den ärmsten, elendsten Kriegsgebieten der Welt gewesen, aber nichts – absolut gar nichts – war ihm so unheimlich wie ein Raum voller hochzeitsbeseelter Frauen, die in Romantik schwelgten.

Mit einem Schaudern verlagerte er sein Gewicht auf die rechte Seite, um sein Bein zu testen. Erst seit Kurzem verzichtete er auf die Krücken. Ein scharfer Schmerz fuhr ihm durch die Muskeln. Er hatte sich zu sehr gefordert. Das Laufen im Sand war herausfordernder gewesen als erwartet. Jetzt stand ihm noch ein langer Weg zurück ins Hotel bevor.

Er atmete tief durch, bevor er den ersten Schritt tat. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn, verflüchtigten sich aber sofort im Wind. Die aufgepeitschten Wellen waren fast vom selben Blaugrau wie die sturmbewegten Wolken. Vom selben Blaugrau wie die Augen, die ihn seit Monaten verfolgten.

Alexa Mayhew hatte an dem Abend, als sie sich kennenlernten, ein goldfarbenes Kleid getragen. Unter dem glitzernden Kristallleuchter bewegte sie sich mit der Grazie und Eleganz einer Göttin. Sie war groß und schlank, mit einer Körperhaltung und Ausstrahlung, die ihr den Zutritt zu Kreisen gewährten, die normalen Sterblichen verwehrt waren. Und doch hatte er eine innere Unruhe bei ihr bemerkt, als sich ihre Blicke zufällig trafen. Ein Bedürfnis, das aufgesetzte höfliche Lächeln abzustreifen und sich in die Niederungen der Realität zu begeben.

Zumindest hatte er den Eindruck gehabt, bis er sie besser kennenlernte. Für sie war ihr gemeinsames Wochenende nur ein Spiel gewesen. Die Unterschiede zwischen ihren Welten hätten nicht größer sein können.

Er ließ die Hand in die Tasche seiner Khakihose gleiten und tastete nach der kleinen, juwelenbesetzten Haarspange, die er seit jenem Wochenende stets bei sich trug. Er hatte gelernt, mit leichtem Gepäck zu reisen. Nichts Überflüssiges. Und doch hatte er dieses kleine Erinnerungsstück immer bei sich. Mochte weder darauf verzichten noch es der Frau zurückgeben, der es gehörte.

Nie hätte er gedacht, dass es ihm das Leben retten würde.

Er war weder abergläubisch noch sentimental. Schon gar nicht glaubte er an Liebe auf den ersten Blick. Wieso fiel es ihm so schwer, diese Frau zu vergessen?

„Willkommen im Hillcrest. Ich habe gehört, es sind Glückwünsche angesagt?“

Alexa Mayhew stand in der Lobby des Hotels und hoffte, mit einem Lächeln die Managerin der Hochzeitsfeierlichkeiten täuschen zu können.

„Es ist noch nicht offiziell“, murmelte sie und versuchte, ihre linke Hand möglichst unauffällig in den Falten ihrer weitgeschnittenen grauen Hose zu verbergen. Sie trug keinen Ring, im Gegensatz zu der Frau vor ihr, deren dritten Finger ein Ring mit glitzerndem Diamanten zierte.

„Aber wir würden uns die Räumlichkeiten des Hauses gern ansehen, wo wir schon einmal hier sind.“ Griffin James legte Alexa einen Arm um die Schultern und zog sie an sich. „Meinst du nicht auch, Sweetie?“

Alexa hatte Mühe, bei der plötzlichen Bewegung die Balance zu wahren. Griffin und sie hatten nach einer langen Fahrt von Los Angeles an diesem Tag im Hotel eingecheckt. Sie hatte sich kurz hingelegt, weil die kurvige Fahrt über die Berge zu der kleinen Stadt im Norden Kaliforniens ihr leichte Übelkeit verursacht hatte. Währenddessen hatte Griffin …

Alexa bemühte sich, einen Seufzer zu unterdrücken. Der Himmel mochte wissen, was Griffin in der Zwischenzeit gemacht hatte. Vielleicht hatte er vom höchsten Turm des alten Hotels ihre bevorstehende Hochzeit verkündet.

Sie warf ihrem potenziellen Verlobten einen verdrossenen Blick zu, den er mit einem Augenzwinkern erwiderte. Er wusste, dass sie ihm nie lange böse sein konnte. Er war ihr bester Freund noch aus Kindertagen. Er war immer für sie da. Der einzige Mensch, der sie in jeder Lage zum Lachen bringen konnte – und genau das hatte sie getan, als er ihr seinen Antrag gemacht hatte.

„Griffin …“

Er unterbrach ihren Protest. „Komm schon, das ist doch eine gute Gelegenheit.“ Er zog die Brauen in die Höhe und erinnerte sie damit daran, wieso sie hier waren.

Alexa war es einerlei gewesen, in welchem Hotel sie abstiegen, solange sie nur für eine Weile den Anforderungen ihrer Großmutter entkommen konnte.

Seit Alexa bei Virginia Mayhew lebte, hatte die vermögende Philanthropin sie zu einem verantwortungsbewussten Menschen erzogen. In den vergangenen zehn Jahren war sie zum offiziellen Gesicht der Mayhew-Stiftung geworden. Sie verbrachte unzählige Stunden auf Wohltätigkeitsgalas, organisierte Events und sprach mit den Medien. Alles in dem Bemühen, den Menschen etwas zurückzugeben.

Jetzt gab es zum ersten Mal im Leben etwas, das Alexa behalten wollte. Nur für sich. Und dafür musste sie Abstand gewinnen.

Sie wusste, dass Griffin ein berufliches Interesse an dem Hotel hatte, daher nickte sie. „Ja wir würden uns das Haus gern ansehen.“

„Ich habe gerade Zeit. Falls Sie nicht zu müde von der Fahrt sind …“ Die Frau sah von einem zum anderen. „Ich bin übrigens Rory. Rory Mc…“

Ein Pfeifton erklang, und sie warf einen Blick auf das Smartphone in ihrer Hand. Ein Lächeln ließ ihre hübschen Züge förmlich erleuchten, bevor sie sich einen Ruck gab und das Gerät wieder in der Tasche verschwinden ließ. „Bitte, entschuldigen Sie. Das war mein Verlobter, und …“ Sie warf Alexa einen Blick von-Frau-zu-Frau zu. „… Sie wissen ja, wie das ist.“

„Natürlich.“ Dabei war sich Alexa sicher, dass Rory bestimmt nicht gelacht hatte, als der Mann ihr den Antrag machte.

„Wir fangen hier im Haus an, und dann zeige ich Ihnen den Garten. Wir haben im Sommer den Pavillon erneuert. Das ist immer ein beliebter Ort für die Zeremonie – abhängig natürlich von der Jahreszeit. Haben Sie sich schon für ein Datum entschieden?“, fragte Rory.

Griffin warf Alexa einen fragenden Blick zu – so als erwarte er jetzt die ausstehende Antwort.

Die elegante Lobby war herbstlich geschmückt, und der Duft von Zimt und Nelken lag in der Luft. Unfassbar, dass in nur drei Wochen Thanksgiving war. Dabei war Alexa in ihren Gedanken immer noch beim Ende des Sommers.

„Irgendwann vor April, nehme ich an“, bemerkte Griffin trocken, als Alexa schwieg.

„Hmmm, da bleibt nicht viel Zeit … Nicht, dass wir es nicht schaffen könnten“, setzte Rory rasch hinzu.

„Ja, es ist ein etwas … enger Zeitrahmen.“

Während Rory begann, aus der Geschichte des Hotels zu erzählen, stieß Alexa Griffin einen Ellenbogen in die Seite. „Hörst du auf?!“, zischte sie ihm so zu, dass nur er es hören konnte.

„Was? Aber es stimmt doch. Im April hast du schon …“

„Ich weiß, ich weiß. Aber hast du keine Gewissenbisse, dir alles zeigen zu lassen, wenn es mehr als unsicher ist, dass wir hier heiraten?“

„Es macht doch Spaß.“ Griffin deutete mit dem Kopf in Richtung auf die Managerin. „Es ist so, als hätte man eine Führung von Schneewittchen höchstpersönlich …“

„Benimm dich!“, warnte sie ihn, obwohl sie wusste, dass das wenig brachte. Außerdem hatte er ja recht. Die junge Frau hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit der Märchen-Prinzessin, und darüber hinaus …

Alexa runzelte die Stirn. Die Frau erinnerte sie vage an jemanden, ohne dass sie ihren Gedanken zu fassen bekam.

„So sehr ich auch die Geschichte des Hauses liebe“, sagte Rory gerade, „es ist doch eigentlich die romantische Atmosphäre, die mich wieder hierher geholt hat.“ Sie beugte sich etwas näher und raunte ihnen zu: „Meine Cousine Evie würde es sicher nicht gern hören, wenn ich das so sage, aber Hillcrest ist schon etwas Besonderes. Hier findet jeder sein ganz besonderes Happy End.“

Griffin gab einen unterdrückten Laut von sich. Alexa konnte nur hoffen, dass Rory ihn als zustimmendes Lachen deutete. Ihr stand weder der Sinn nach Romantik noch nach einem ganz besonderen Happy End. Solange sie denken konnte, war sie auf Nummer Sicher gegangen. Ihre unternehmungslustigen Eltern hatten Action und Abenteuer geliebt – Skifahren in St. Moritz an einem Tag und Sonnenbaden auf den Bahamas am nächsten. Sie hatten sich treiben lassen und waren nur hin und wieder wie ein Wirbelwind in ihr Leben geplatzt.

Nach dem Tod der Eltern hatte die Großmutter Alexa die Stabilität geboten, nach der sie sich sehnte. Keine Fragen mehr. Keine Sorge. Kein Wirbelwind.

Bis zu jenem Abend vor ungefähr vier Monaten, als sie die Gastgeberin einer Wohltätigkeitsgala ihrer Großmutter gespielt hatte. Dabei hatte sie den Blick eines Mannes aufgefangen. Des attraktivsten Mannes, den sie je gesehen hatte. Ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen, und sie wurde in eine Woge von Gefühlen gesogen, über die sie keine Kontrolle hatte.

Schon in diesem ersten Moment ahnte sie, dass das nicht ohne Folgen bleiben würde. Sie konnte nicht einfach Jahre eines sorgfältig geplanten Lebens beiseite wischen und dann annehmen, es gehe anschließend alles genauso weiter. Nicht, wenn Chance McClaren beteiligt war.

In den ersten Wochen nach der Veranstaltung war er ihr immer wieder durch den Kopf gegangen. Er drängte sich lachend in ihre Gedanken, als sei er direkt neben ihr und flüstere ihr etwas ins Ohr. Schließlich hatte er versprochen, sich zu melden. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte oder eine SMS kam, hatte ihr Herz einen kleinen Satz gemacht – und wurde jedes Mal wieder enttäuscht.

Als er dann fünf Wochen später tatsächlich anrief, war ihre Entscheidung schon gefallen. Das zwischen ihnen war nicht mehr als ein One-Night-Stand gewesen. Es war vorbei. Sie spürte seine Überraschung, als sie es ihm so sagte. Wahrscheinlich gab es Dutzende von Frauen, die sich freuten, wenn er sich meldete, ganz gleich, wie viel Zeit seit der letzten Begegnung vergangen sein mochte. Letztlich hatte er dann aber zugestimmt und sich ihrem Wunsch gebeugt.

Sie hatte nichts mehr von ihm gehört und bemühte sich, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen. Irgendwann würde es ihr gelingen, ihn ganz zu vergessen. Davon war sie überzeugt gewesen – bis ihr auffiel, dass ihre Periode ausgeblieben war. Sie war schwanger. Vater ihres Kindes war ein Mann, den sie kaum kannte. Ein Mann, der wie ein Wirbelwind in ihr Leben gefahren war und ihr Kopf und Herz verdreht hatte.

Wie sollte sie einem Mann, der aus dem Rucksack lebte, sagen, dass er Vater wurde? Alexa probte Dutzende von Malen, was sie sagen wollte, während sie vergebens versuchte, ihn telefonisch zu erreichen.

Dann schien ihr das Schicksal die Entscheidung abgenommen zu haben. Sie sah die Meldung durch alle Nachrichten laufen: Fotojournalist Chance McClaren bei Bombenattentat in Kabul umgekommen.

„Wie lange arbeiten Sie schon hier, Rory?“, fragte Griffin die junge Frau, nachdem sie ihnen den eleganten Ballsaal gezeigt hatte und sie wieder in der Lobby waren. Familien kamen und gingen, Pagen schoben Wagen mit Gepäck, und die Damen an der Rezeption gaben Ratsuchenden Tipps, was sie wo in der nahegelegenen Altstadt von Clearville unternehmen konnten.

Rory blieb stehen, um ein Paar vorbeigehen zu lassen, das einen Kinderwagen vor sich herschob. Unwillkürlich sah Alexa hinein. Der Anblick des Babys ließ ihr den Atem stocken. Das Kleine hatte die Augen geschlossen. Die Wangen waren vom Schlaf gerötet, der Kopf auf die Seite gedreht. So süß, so klein …

Sie schlang die Arme um ihre Taille. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass sie schon mit ihrem ungeborenen Kind eine solch tiefe Verbindung fühlen konnte. Sie liebte die Vorstellung eines kleinen Jungen oder eines kleinen Mädchens mit dunklem Haar und blauen Augen wie …

Nein, sie wollte nicht an den Vater des Babys denken.

„Ich kümmere mich seit ungefähr sechs Monaten um die Hochzeiten im Hause“, sagte Rory gerade. „Das Haus gehört schon seit Jahrzehnten meiner Familie. Meine Tante Evelyn hat im Moment die Leitung, aber die McClarens haben …“

„Was …?“ Alexa blieb so abrupt stehen, dass Griffin sie fast umgelaufen hätte. „Was sagen Sie? Wie ist der Name Ihrer Familie?“

„McClaren.“ Rorys Blick – aus irgendwie vertrauten blauen Augen – wanderte zwischen Alexa und Griffin hin und her. „Habe ich das nicht vorhin schon gesagt?“

„Alexa?“ Griffin musterte sie besorgt, als sie leicht schwankte. „Was ist los?“

„Nichts.“

Alles …

Es war nicht leicht, die Ähnlichkeit zwischen markanten männlichen und zierlich weiblichen Zügen zu entdecken, aber unbewusst schien Alexa sie erahnt zu haben. Das volle, fast schwarze Haar. Die hohen, dominanten Wangenknochen. Diese blauen Augen …

Um sie herum schien sich alles zu drehen. „Ich fühle mich nicht so gut. Ich glaube, ich sollte mich hinlegen …“

„Natürlich. Ich bringe dich in die Suite.“

In die Suite! Alexa musste ein hysterisches Lachen unterdrücken. Die Suite war nicht weit genug weg, um den wirbelnden Gedanken zu entfliehen, die ihr durch den Kopf schossen.

Das Familienhotel der McClarens. Das Hotel der Familie von Chance?

Ehe ihr die Flucht gelang, ging die Eingangstür des Hotels auf. Herein kam der Vater ihres Kindes.

2. KAPITEL

Zuerst dachte er, er hätte Halluzinationen.

Das war ihm schon früher passiert, nach der Explosion. Die Druckwelle, durch die sein Bein verletzt worden war, hatte auch zu einer schweren Gehirnerschütterung geführt. Tagelang war er hin und her gedriftet, mal bei Bewusstsein, mal ohne. In diesem Zustand hatte er Alexa an seiner Seite gesehen. Hatte ihre Stimme gehört. Hatte den Duft ihrer Haut gespürt. Eine Mischung aus Honig und Flieder.

Er hatte nicht darüber nachgedacht, dass das alles nicht sein konnte. Die wohlhabende Enkelin einer der größten Philanthropinnen des Landes sammelte vielleicht Spendengelder für Kriegsopfer, aber mit Sicherheit reiste sie nicht selbst in Kriegsgebiete.

Ganz sicher war sie nicht in einem Feldlazarett zu finden, wo wenige Ärzte und Schwestern ihr Bestes taten, um die Opfer zu versorgen.

Aber er war sich so sicher gewesen, sie gesehen zu haben, dass er fast einen Streit mit einem der Ärzte deswegen angefangen hätte, als er halbwegs wieder bei Bewusstsein war. Er konnte einfach nicht verstehen, wieso der Mann sich weigerte, ihn Alexa sehen zu lassen. Wieso hielt er sie von ihm fern, wenn sie doch da gewesen war?

Später, als die Nebel vor seinem Hirn verflogen, begriff er, dass er sich das Ganze nur eingebildet hatte. Es war ihm peinlich, dass er sich von seinem eigenen Verstand etwas hatte vorgaukeln lassen. Und es irritierte ihn, dass er sich in diesem Zustand an eine Frau klammerte, die er kaum kannte – mit der er ein Wochenende verbracht hatte und die nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.

Zurück in den Staaten hatte er erwogen, sie anzurufen, hatte es dann aber nicht getan. Als er jetzt sah, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich, bedauerte er es.

Sie war so hübsch und verführerisch wie an jenem Abend, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Damals hatte sie ein goldfarbenes Kleid getragen, das Haar hochgesteckt und einige Strähnen durch eine mit Juwelen besetzte Haarspange gehalten. Heute trug sie etwas Silberfarbenes und hatte das schulterlange Haar im Nacken zusammengebunden. Als er zu ihr herübersah, schlang sie die Arme um ihre Taille und sah ihn mit ihren blaugrauen Augen groß an.

„Chance …“ Die Miene seiner Schwester erhellte sich, als sie ihn sah. „Ich möchte dir zwei Gäste vorstellen. Alexa Mayhew, Griffin James – das ist mein Bruder, Chance McClaren.“

Er erinnerte sich nicht daran, sich bewegt zu haben, aber plötzlich stand er vor Alexa. War Zentimeter entfernt von der Frau, die ihm seit Monaten nicht mehr aus dem Kopf ging. „Alexa …“

„Chance.“

Sie streckte ihm die Hand hin. Ließ sie für einen Moment in der Luft schweben, als sei sie sich nicht sicher, ob er wirklich da war. Sein Herz zog sich zusammen. Die Unsicherheit in ihrem Ausdruck traf ihn schwer, als er ihre Hand in seine nahm. Die weiche Haut, der süße Duft – endlich wieder real.

„Alexa“, flüsterte er noch einmal.

„Chance, ich … Es …“ Sie schluckte. „Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

Sie? Sie kennenzulernen? Vor vier Monaten in dem Hotel in Santa Barbara waren sie weit über das förmliche Sie hinausgegangen. Und kennengelernt hatten sie sich auch. Sehr gut sogar.

Der Schock war so stark, dass er regungslos verharrte, Alexas Hand weiter in seiner. Der Mann an ihrer Seite durchbrach die Spannung. „Bitte, entschuldigen Sie uns. Alexa fühlt sich nicht wohl.“

Der Mann – Chance konnte sich nicht an den Namen erinnern, den seine Schwester genannt hatte – legte Alexa beschützend einen Arm um die Schultern. Chance hatte vorher kaum einen Blick für ihn gehabt, aber nun musterte er ihn flüchtig. Reich, weltgewandt, attraktiv. Eindeutig aus Alexas Welt.

Der stechende Schmerz ging tief, aber Chance hatte schon stärkeren Schmerz ertragen. Das war eine Lektion, die Lisette ihm erteilt hatte. Seine Verlobte im Bett mit einem anderen zu finden hatte ihn von allen Illusionen über Liebe und Ehe geheilt.

Geheilt oder nicht – es hielt ihn nicht davon ab, selbst ein paar Stiche zu versetzen. „Sie kommen mir so … bekannt vor. Sind Sie sicher, dass wir uns noch nie begegnet sind?“

„Ich … äh … glaube nicht.“

„Vielleicht beim Parasailing? Oder beim Bungeespringen?“ Chance hätte es nicht für möglich gehalten, aber Alexa wurde noch blasser. Jetzt hatte er wirklich Gewissensbisse. Er hielt sich gerade noch davon ab, auch ihren letzten geflüsterten Wunsch zu erwähnen.

Liebe unter den Sternen.

„Alexa ist bestimmt nicht der Typ zum Bungeespringen“, bemerkte der Blonde an ihrer Seite trocken.

„Vielleicht hat sie eines Tages die Chance, es auszuprobieren.“

Er fing einen stürmischen Blick aus ihren blaugrauen Augen auf. Ihre Blicke blieben aneinander hängen – wie an jenem Abend in Santa Barbara.

Komm schon, Lexi, hatte er geflüstert. Nutze die Chance!

Und sie hatte es getan. Für ein ganzes Wochenende. Sie waren nicht dazu gekommen, die Punkte Fallschirmsegeln und Bungeespringen von ihrer Liste noch zu erfüllender Wünsche abzuhaken, aber er war hoch geflogen und hart gefallen. Für einen Moment dachte er tatsächlich, es sei schön, in ihren Armen zu sterben.

Aber das war nur ein Moment. Nur ein Wochenende. Chance hatte noch nie eine Frau kennengelernt, die er nicht mehr aus dem Kopf bekommen konnte, sobald er wieder in seinem Job war. Vielleicht war gerade das das Problem. Seit der Explosion war er nicht mehr in seinem Job aktiv. Er hatte keinen neuen Auftrag vor sich, kein neues Land kennenzulernen. Er saß fest. Er hatte von einer Art von Haien gehört, die nicht atmen konnten, wenn sie nicht in Bewegung blieben. So kam er sich jetzt vor.

Das war der einzige Grund, wieso es ihn so schmerzte, Alexa anzusehen.

Der Mann an ihrer Seite ließ den Blick zwischen ihnen hin und her wandern, bevor er murmelte: „Ich habe das Gefühl, dazu wird es so schnell nicht kommen.“

Chance wollte schon einen vollkommen überflüssigen Streit darüber anfangen, als seine Cousine Evie McClaren erschien. „Da bist du ja, Chance. Ich habe dich schon gesucht.“

„Wenn Sie uns bitte entschuldigen würden“, sagte Alexa zu Rory.

„Natürlich. Wir können die Besichtigung später fortführen.“

„Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.“

Immer so höflich. So formvollendet. Es entlockte Chance ein Lächeln.

Alexa bemerkte es und hielt den Kopf noch höher. „Mr. McClaren.“

„Ms. Mayhew … Es war mir ein Vergnügen.“

Er genoss es, zu beobachten, wie sie rot wurde, bevor sie sich abrupt abwandte. Der Blonde führte sie zu dem Korridor hinüber, der wohin führte? Zu ihrem Zimmer? Zu seinem? Zu ihrem gemeinsamen?

Chance vergrub die Hände in den Hosentaschen. Er hatte sie zu Fäusten geballt, sodass sich die Haarspange schmerzhaft in sein Fleisch bohrte. Keine Frau war ihm so wichtig, als dass er Eifersucht empfunden hätte. Nicht mehr.

„Chance? Erde an Chance?“

Seine Cousine wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht hin und her, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. „Die Praxis deines Arztes hat angerufen. Dein Therapie-Termin muss verlegt werden.“ Sie bedachte ihn mit einem strengen Blick. „Die Frau sagte, sie hätte es auf deinem Handy versucht, aber du hast nicht abgenommen.“

„Oh, Chance!“ Auch Rory sah ihn jetzt vorwurfsvoll an. „Du solltest das Handy wirklich bei dir haben, vor allem, wenn du allein unterwegs bist.“

Chance seufzte. „Ja, Mom.“

Der Blick seiner Cousine war nicht halb so besorgt wie der seiner Schwester. „Ich bin weder deine Mom noch deine Sekretärin. Kümmere dich selbst um deine Anrufe!“

„Ja, Evie.“

Im Moment erschöpfte ihn schon allein der Gedanke an die Therapie. Verdammt! Früher hatte er meilenweit laufen können, und jetzt war er schon nach einem Zwanzig-Minuten-Spaziergang am Strand am Ende seiner Kräfte. Von den Schmerzen ganz zu schweigen!

„Wo wir gerade von Mom sprechen“, hakte Rory ein. „Sie sagt, sie hat lange nichts von dir gehört. Sie überlegt herzukommen, um nach dir zu sehen.“

„Du kannst ihr sagen, dass es mir gut geht, Rory“, sagte er schnell.

„Das kannst du ihr auch selbst sagen. Und bist du dir wirklich sicher? Du siehst …“ Sie zögerte, weil es ihr offenbar widerstrebte, seine Gefühle zu verletzen.

„Du siehst grauenvoll aus“, warf Evie ein.

„Evie!“

„Was ist?“ Seine scharfzüngige Cousine machte eine Handbewegung in seine Richtung. „Er verschreckt die Gäste. Ich dachte schon, die arme Frau fällt in Ohnmacht, als sie ihn sah.“

„Oh, ich glaube nicht, dass das etwas mit Chance zu tun hatte“, widersprach Rory. „Es ist wirklich eine große Entscheidung. Ich meine, wo die Hochzeit stattfinden soll.“

Als er nach der Bombenexplosion zu sich gekommen war, hatte er ein dumpfes Dröhnen im Kopf gehabt, und der Schmerz machte jedes Nachdenken unmöglich. Die Bombe, die seine Schwester soeben unwissentlich hatte fallen lassen, hatte eine nicht weniger verheerende Wirkung.

Alexa. Hochzeit. Im Hillcrest.

„Chance … bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“

Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die mehrere Tage alten Bartstoppeln kratzten. „Wann?“ Seine Stimme klang ebenso rau.

„Was meinst du?“

„Wann ist die Hochzeit?“

„Oh … Sie haben noch keinen Termin festgelegt. Wieso?“

„Ich habe mich nur gefragt, ob ich noch hier bin, wenn es über die Bühne geht.“

„Sind sie nicht ein schönes Paar?“ Rory seufzte.

„Hinreißend.“ Dabei zu sein, wenn sie ihr Ehegelöbnis abgaben. Zu erleben, wie sie dieses Gelöbnis mit einem Kuss besiegelten – das sollte ihn heilen. Chance biss die Zähne zusammen.

„Im Ernst, Chance“, meldete sich Evie wieder zu Wort, während sie sich eine Strähne ihres glatten Haars hinter das Ohr schob. „Wir wissen beide, dass ich nicht so romantisch angehaucht bin wie Rory …“

„Hey!“, protestierte Rory.

„… aber wenn du dich hier als Hochzeitsfotograf betätigen willst, dann solltest du dich schon mit diesem ganzen Happy-End-Gesülze anfreunden.“

„Na, super!“, hörte er seine Schwester murmeln. „Das wäre doch genau das richtige Stichwort für unsere Werbung!“

„Ich bin dabei, Evie.“

Sie ließ den Blick betont langsam von seinem zu langen Haar über das verblichene T-Shirt hinunter zur zerknitterten Khakihose gleiten. „Ich sage es noch einmal: Du verschreckst die Gäste.“

„Ich lasse mir die Haare schneiden. Und rasiere mich“, setzte er hinzu, als ihr Blick kritisch blieb. Fast stöhnend setzte er hinzu. „Und ich kaufe mir ein paar neue Sachen.“

„Noch vor dem Wochenende?“, fragte Rory sofort.

„Vor diesem …?“ Er unterdrückte einen Fluch. An diesem Wochenende war sein erster offizieller Einsatz im Hillcrest.

Chance McClaren – Hochzeitsfotograf.

„Also gut, vor diesem Wochenende.“

Er sah den beiden Frauen erleichtert nach.

Am klügsten wäre es jetzt sicher gewesen, einfach zu gehen. Es gab keinerlei Grund, sich unter Schmerzen den Weg zur Rezeption zu bahnen – abgesehen von einem einzigen, nicht zu unterdrückenden Wunsch: Er wollte Alexa Mayhew daran erinnern, dass sie sich schon einmal begegnet waren.

„Sicher, dass alles in Ordnung ist?“

Griffin hatte die Frage wohl schon ein Dutzendmal gestellt, seit sie die Lobby verlassen und sich in ihre Suite begeben hatten. Dort machte er Alexa sofort einen Kräutertee.

Sie trank erst, als sie halbwegs sicher war, dass ihre Hände nicht mehr zitterten. Kamillentee! Sie musste ein hysterisches Lachen unterdrücken. Glaubte Griffin tatsächlich, dass ihr das jetzt half?

Chance. Hier. Im Hillcrest!

Die letzte Viertelstunde war vollkommen surreal gewesen. In dem Moment, als sie ihn sah, hatte ihr Verstand die Segel gestrichen. Sie hatte nur noch irgendwelche Plattitüden von sich gegeben.

Es freut mich, Sie kennenzulernen.

Was hatte sie sich dabei gedacht? Sie war unter Schock gewesen, ja, aber ihm in die Augen zu sehen und so zu tun, als seien sie einander nie begegnet? Alexa kannte Chance McClaren nicht sehr gut, aber ihr war klar: Für einen Mann wie ihn musste eine solche Behauptung eine Herausforderung sein. Sie erinnerte sich nicht an ihn? Dann musste er ihrer Erinnerung wohl nachhelfen, oder?

„Alexa?“

Sie sah auf. Griffin musterte sie besorgt. „Es geht mir gut. Wirklich. Es hat mich vorhin alles etwas überwältigt, glaube ich.“

Er schien ihre Antwort auf die Besichtigung zu beziehen und auf die Ideen der Eventmanagerin für ihre perfekte Hochzeitsfeier. Er hatte keinen Grund, etwas anderes zu denken, da Alexa ihm nie den Namen des Mannes genannt hatte, der der Vater ihres Kindes war.

„Weißt du, es war mir Ernst mit dem, was ich gesagt habe. Vielleicht war es kein sonderlich romantischer Antrag …“

„Griff …“

„Aber wir zwei – wir drei – wir passen doch zusammen, Allie.“ Seine Worte und die Aufrichtigkeit, die sie dahinter spürte, umgaben sie wie eine seiner überschwänglichen Umarmungen. Sie hatten sich getroffen, als sie acht Jahre alt war – am Tag der Beerdigung ihrer Eltern. Das Haus ihrer Großmutter war voller Menschen gewesen. Im Haus die Trauernden, vor dem Haus die Paparazzi mit ihren Kameras. Sie hatte sich in ihrer Kindheit oft verloren und allein gefühlt, aber nie war sie so unsichtbar gewesen wie in dieser Menge. Weder die Freunde ihrer Eltern aus dem Jetset-Leben noch die alte Garde ihrer Großmutter schienen zu wissen, was sie zu einer jungen Waise sagen sollten. Dabei schnappte sie vieles auf, was über sie gesagt wurde …

Armes Ding. Was um alles in der Welt wird Virginia mit ihr machen?

Wahrscheinlich schickt sie sie auf ein Internat. Es wundert mich, dass Stefan und Bree das nicht längst getan haben.

Zu sagen, sie sei unbemerkt entwischt, wäre eine große Untertreibung gewesen. Niemand hatte auf sie geachtet, während sie dort war – wieso hätte es also jemandem auffallen sollen, dass sie nicht mehr da war?

Alexa nahm einfach den Hinterausgang und rannte. Durch den parkähnlichen Garten des Hauses hinüber auf das weitläufige Nachbargrundstück.

Der Garten war hier ebenso gepflegt wie bei ihrer Großmutter mit hohen Hecken, Blumenbeeten und Fontänen, aber hier gab es eine Schaukel. Dort fand Griffin sie.

Er behandelte sie, als habe er ein verlorenes Kätzchen gefunden – nahm sie mit ins Haus und gab ihr zuerst einmal ein Glas Milch und stellte eine Schale Cornflakes daneben. Als seine Mutter sie kurze Zeit später in der Küche fand, erklärte Griffin einfach: „Das ist Alexa. Ihre Mom und ihr Dad sind gestorben, sie wird jetzt bei uns wohnen.“

Es war ihr damals gegangen wie jetzt. Griffin erschien ihr als der einzige Mensch, auf den sie sich verlassen konnte. Sie liebte ihn. Sie liebte ihn wirklich. Sie wünschte nur …

Alexa schüttelte den Kopf. Vielleicht war das ihr Problem. Sie wollte immer mehr als sie hatte. Das typische arme reiche Mädchen.

„Du bist mein bester Freund, Griffin.“ Alexa nahm seine Hände. „Das bist du schon, seit wir Kinder waren. Ich weiß nicht, was ich täte, würde ich diese Freundschaft je verlieren …“

„Keine Angst, dazu wird es nie kommen. Pfadfinderehrenwort!“

„Du bist nie ein Pfadfinder gewesen.“ Nachdem sie seine Hände fest gedrückt hatte, schob sie ihn Richtung Tür. „Geh! Du weißt selbst, dass du nicht hier mit mir herumsitzen willst.“

Vor Kurzem hatte Griffins Vater Interesse an Hillcrest House bekundet. Offenbar hatte er gehört, dass eine konkurrierende Hotelkette ein Angebot auf das Viktorianische Hotel abgegeben hatte, und er hatte Griffin gebeten, herauszufinden, ob es sich lohnen könnte, ein Gegenangebot zu machen.

Es überraschte Alexa, dass Griffin zugestimmt hatte. Er hatte seine eigenen Träume, die nichts damit zu tun hatten, ein Hotelmagnat zu werden. Träume, die wahr werden konnten, falls es ihm gelang, seinem Vater zu beweisen, dass er verantwortungsbewusst war.

„Nur damit du es weißt: Ich würde sogar das Herumsitzen mit dir genießen.“

„Geh, bevor du eine sowieso schon hormonell gestörte Frau vor Rührung zum Weinen bringst!“

Er verschwand mit einem Winken. Fassungslos ließ Alexa sich in einen Sessel sinken.

Chance McClaren …

Ihn zu sehen war wie … wie einen Geist zu sehen.

Einen lebenden, atmenden Geist.

Die ursprüngliche Meldung in den Nachrichten war falsch gewesen. Chance McClaren war bei dem Bombenattentat nicht umgekommen.

Zwei Tage später hatten alle Nachrichtenkanäle ihre Schlagzeilen korrigiert. Chance war verletzt. Er lag in einem Krankenhaus in irgendeiner Stadt, von der Alexa vorher noch nie gehört hatte.

Während dieser zwei Tage hatte der Schock sie wie betäubt. Das war fast ein Segen gewesen nach dem Auf und Ab der Emotionen, das sie nach dem Wochenende mit Chance durchlebt hatte.

Sie hatte ihre Kindheit großenteils mit Warten und Hoffen verbracht. Warten auf ihre Eltern. Hoffen darauf, dass sie plötzlich auftauchten. Nur um diese Hoffnung dann von dem gerade aktuellen Kindermädchen zerstört zu sehen, das ihr versicherte, ihre Eltern würden nicht kommen.

Irgendwann war dann ihre Großmutter aufgetaucht und hatte dem allen ein Ende gemacht. Ihre Eltern würden nicht wiederkommen. Nie mehr.

Sie hatte die ganze Qual dieses Wartens und Hoffens erneut durchlebt, nachdem Chance gegangen war. Ihre erste Reaktion nach der Nachricht seines Todes war … Erleichterung gewesen.

Dieses Kind – ein Kind, das sie schon jetzt liebte – würde ganz ihr gehören. Sie musste es mit niemandem teilen. Sie musste Chance nicht mehr sagen, dass er Vater wurde. Musste keine Angst mehr haben, dass er aus heiterem Himmel in ihrem Leben auftauchte und genauso schnell wieder verschwand. Sie musste nicht mit der schrecklichen Vorstellung leben, dass sie ihrem Kind eine ebensolche Kindheit zumutete, wie sie selbst sie durchlebt hatte.

Kein Warten, kein Hoffen.

Chance war tot.

Und dann doch nicht.

Fast wäre es einfacher gewesen, wäre es bei der ersten Meldung geblieben.

Alexa hatte den Schock immer noch nicht verwunden, als es an der Tür klopfte. Sie erhob sich mit einem kleinen Lachen. Typisch Griffin! „Schlüssel vergessen?“, fragte sie, während sie die Tür aufzog.

Aber nicht Griffin stand vor ihr, sondern Chance McClaren. „Ich kann mich nicht erinnern, dass du mir einen Schlüssel gegeben hättest. Noch nicht.“

3. KAPITEL

Alexa spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Für einen Moment war sie ernsthaft versucht, Chance die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Die Erziehung von Virginia Mayhew sprach dagegen. Aber welches Etikette-Handbuch hatte schon Tipps für eine solche Situation parat?

Wie begrüße ich den One-Night-Stand und Vater meines ungeborenen Kindes? Oder noch besser: Was sage ich zu einem Mann, der von den Toten auferstanden ist?

„Komm schon, Lexi, willst du mich nicht hereinbitten?“

„Bitte, nenn mich nicht so“, murmelte sie, während sie beiseite trat.

„So hast du dich mir vorgestellt …“

Alexa unterdrückte ein Stöhnen, als er sie daran erinnerte. Was hatte sie sich dabei nur gedacht? Aber wenn sie von dem Sturm der Gefühle ausging, den die jetzige Begegnung mit ihm in ihr auslöste, dann gab es nur einen Schluss: Sie hatte gar nichts mehr gedacht.

Eine Wochenende lang hatte sie sich nur ihren Gefühlen hingegeben. Dabei hatte sie gewusst, dass es seinen Preis haben würde, wenn sie die strikte Kontrolle, die ihr Leben in den vergangenen Jahren geprägt hatte, fahren ließ. Erst als sie herausfand, dass sie schwanger war, begriff sie, dass nicht sie selbst, sondern ihr Kind diesen Preis zahlen würde. Allerdings nur, wenn sie Chance die Wahrheit sagte …

„Was willst du, Chance?“

„Ach, ich weiß nicht.“ Sein Blick schien sie förmlich zu durchbohren. „Ich habe gehört, man darf gratulieren.“

Sie wich zurück, kam aber nicht weit, weil hinter ihr der Tisch stand. „Chance …“

„Für jemanden, der von sich behauptet risikoscheu zu sein, kannst du ja sehr schnell sein.“

Alexa fürchtete, sich in Flammen aufzulösen, wenn ihr vor Verlegenheit noch heißer wurde. Wer, wenn nicht er, wusste schon, wie schnell sie mit ihm ins Bett gefallen war? Wenn sie auf das Wochenende zurückblickte, erschien ihr alles wie ein Traum. Ein magischer Moment, der vollkommen aus der Zeit gefallen war. Ein Moment, den sie nicht bedauerte – trotz der Schwangerschaft. Bisher. „Ich …“

„Vier Monate ist das her, und jetzt bist du plötzlich verlobt?“

„Verlobt? Du meinst Griffin?“

Er hob eine Braue. „Gibt es noch einen weiteren Verlobten, von dem ich nichts weiß?“

„Nein, natürlich nicht.“ Es gab ja nicht einmal diesen. Nicht wirklich.

„Es sei denn …“ Er kniff die Augen zusammen. „Warst du schon verlobt, als wir zusammen waren?“

„Was? Nein! Dann hätte ich bestimmt nicht mit dir geschlafen!“, zischte sie, so als fürchte sie, das ganze Hotel könne mithören.

Er musterte sie durchdringend und entspannte sich dann etwas.

Alexa fing einen Hauch des Ozeans auf, vermischt mit seinem ganz eigenen Duft. Ihr Blick fiel auf seine Lippen. Würde sie das Salz des Meeres auf ihnen schmecken?

Sie riss sich energisch aus ihren Gedanken, die eine gefährliche Richtung eingeschlagen hatten. Chance hatte vielleicht gerade einen Spaziergang am Strand gemacht, aber sie war hier diejenige, die die Abkühlung durch das kalte Wasser gebraucht hätte!

Was hatte er gesagt? Ach, ja. Er hatte ihr gerade unterstellt, ihren Verlobten betrogen zu haben. „Griffin James und ich, wir kennen uns aus Kinderzeiten. Den Antrag hat er mir erst vor Kurzem gemacht.“

„Einfach so?“

„Wie meinst du das?“

„Ihr kennt euch schon seit Jahren, und dann macht er dir eines Tages plötzlich einen Antrag?“

„Wir passen gut zueinander.“ Alexa wand sich stumm, als sie die Worte ihrer Großmutter von ihren eigenen Lippen hörte. Virginia Mayhew wäre begeistert, wenn sie den Antrag annähme. Sie hatte seit der Highschool versucht, sie zusammenzubringen.

„Richtig. Während wir beide nur im Bett zusammen passen.“

Alexa starrte ihn an. „Was machst du hier, Chance?“

Er fuhr sich mit der Hand durch das zerzauste Haar und wirkte irgendwie verloren. So ganz anders als der Mann, den sie vor vier Monaten kennengelernt hatte. „Wenn ich das wüsste“, seufzte er schließlich.

Alexa wehrte sich wirklich, aber sie wurde schwach, als sie die unerwartete Verletzlichkeit in seinem Ausdruck erkannte. Er sah einfach … schrecklich aus. Bei der Wohltätigkeitsveranstaltung hatte er sich mit einem Smoking der eleganten Gästeschar angepasst. Er hatte darin so atemberaubend ausgesehen, dass allen anwesenden Frauen fast die Augen aus dem Kopf gefallen wären. Er hatte sich das dunkle Haar aus der Stirn nach hinten gelegt, sodass seine klassischen Züge und die herrlichen blauen Augen voll zur Geltung kamen. Nicht zu vergessen ein Paar hinreißender Grübchen.

Heute fiel ihm das Haar zerzaust in die Stirn. Sein Gesicht wirkte blass und hager, und die Grübchen verschwanden unter Bartstoppeln.

Vier Monate waren keine lange Zeit, aber es war so viel passiert. In ihr wuchs ein neues Leben, und Chance … Chance wäre fast gestorben. „Ich habe die Nachrichten in den Medien gehört.“

„Welche?“

„Die, in denen es hieß, du seist durch einen Bombenanschlag ums Leben gekommen.“

„Schlechte Pressearbeit.“

„Scheint nicht so weit entfernt von der Wahrheit gewesen zu sein.“ Es war ihr zuvor nicht aufgefallen, aber jetzt bemerkte sie, dass er sein rechtes Bein so wenig wie möglich belastete. Wie nah war er dem Tod gewesen?

„Es geht mir gut. Ich bin bald wieder unterwegs.“

Natürlich! Alexa unterdrückte ein bitteres Lächeln. Wer würde sich auch schon von einem Bombenanschlag dazu bringen lassen, seine Lebensentscheidungen noch einmal zu überdenken?

Ein paar Jahre bevor ihre Eltern beim Skifahren in den Alpen durch eine Lawine umgekommen waren, hatten sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Die kleine Maschine hatte plötzlich einen Motorschaden gehabt, und es war nur dem Können des Piloten zu verdanken, dass sie auf einer Straße irgendwo im Nirgendwo landeten. Statt dass ihre Eltern ihren Lebensstil noch einmal überdacht hätten, gab dieser fast tödliche Unfall ihnen nur umso mehr das Gefühl, unbesiegbar zu sein.

Alexa hatte den Eindruck, dass Chance ebenso reagieren würde – er würde noch mehr Risiken eingehen, noch mehr Herausforderungen annehmen, bis seine Glückssträhne dann irgendwann zu Ende war.

Im Moment konnte sie ihn sich allerdings nicht Tausende Meilen weit fort vorstellen. Im Moment war er bei ihr. So nah, dass sie ihn berühren konnte. Alexa musste an sich halten, nicht die Arme um ihn zu werfen, um zu sehen, zu riechen und zu fühlen, dass er wirklich lebte …

Hormone! dachte sie mit einem Anflug von Verzweiflung. Sie hatte gelesen, dass die Hormone während der Schwangerschaft gern Amok liefen. Das Verlangen, das sie verspürte, war nichts weiter als ein kleiner Aussetzer!

Leider häuften sich ihre Aussetzer, wenn es um Chance McClaren ging. Aber nur, weil sie einmal einen Fehler gemacht hatte, hieß das nicht, dass sie ihn wiederholen musste. Von jetzt an wollte sie mit dem Kopf denken, nicht mit dem Herzen.

Und ganz sicher nicht mit ihren Hormonen.

Um auf Nummer Sicher zu gehen, flüsterte sie: „Du solltest gehen, bevor …“

Er verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, als er seine eigenen Schlüsse zog. „Natürlich. Wir wollen ja nicht, dass dein Verlobter dich allein mit einem Mann antrifft, mit dem du geschlafen hast.“

Alexa wollte widersprechen, entschied sich dann aber dagegen. Wozu? Vielleicht war es besser, Chance in dem Glauben zu lassen, Griffin und sie seien verlobt.

„Keine Sorge. Wir werden noch Gelegenheit genug haben, uns hier zu sehen.“

Sie schauderte leicht vor dem Versprechen – oder war es eine Warnung? – in seinem Ausdruck. „Wieso?“

„Hat meine Schwester es dir nicht gesagt? Ich bin euer Hochzeitsfotograf.“

Alexa sah Griffin fragend an. „Was ist?“

„Du isst ja gar nichts.“

Nach der Konfrontation mit Chance hatte Alexa nur noch den Wunsch gehabt, das Hotel so schnell wie möglich zu verlassen. Als Griffin in die Suite zurückkam und einen Bummel durch die Stadt vorschlug, stimmte sie sofort zu. Sie verbrachten den Nachmittag damit, die kleinen Läden an der Main Street zu erkunden. Normalerweise hätte Alexa ihre Freude an der alten Architektur gehabt, aber heute war sie mit den Gedanken woanders.

Lustlos stocherte sie in ihrem Salat herum.

„Wenn du möchtest, können wir woanders hingehen“, schlug Griffin vor.

„Nein, nein, es ist gut hier.“ Alexa piekte ein Stück Hühnerfleisch auf die Gabel.

„Das war er, oder?“, fragte Griffin fast beiläufig, während er ein Pommes frites in den Ketchup tunkte.

Alexa erstarrte. Es konnte nicht sein, dass er das meinte, was sie gerade dachte …„Was meinst du genau?“, fragte sie vorsichtig.

„Der Kindsvater.“

Alexa setzte ihr Wasserglas, aus dem sie gerade getrunken hatte, etwas heftiger ab als nötig. „Habe ich dir schon gesagt, wie schrecklich ich diesen Ausdruck finde?“

„Fällt dir etwas Besseres ein?“

Wochenendaffäre …

Samenspender …

Papa des Kindes …

Kein Begriff schien viel besser zu sein.

„Es ist ja auch einerlei, wie ich ihn nenne“, meinte Griffin schließlich. „Ich habe dennoch recht, oder? Er ist derjenige welcher.“

Derjenige welcher. Das klang ja noch schlimmer als alles andere. Ja, Chance McClaren war der Mann, der sie ein Wochenende lang alles andere vergessen lassen hatte. Der Mann, bei dem sie sich frei gefühlt hatte.

Ein Hauch von Bewegung in ihrem Bauch schien sich über sie lustig zu machen. Ganz so weit war es mit ihrer Freiheit ja jetzt nicht mehr her!

Chance war kein Mann, den sie sich in einer festen Beziehung vorstellen konnte. Wieso beruhigte sich ihr alberner Körper nicht endlich? Wieso spürte sie immer noch dieses Verlangen, nachdem sie ihn wiedergesehen hatte?

„Wie bist du darauf gekommen?“ Alexa hatte Griffin erzählt, dass sie schwanger war, hatte aber alles andere einschließlich des Namens für sich behalten.

„Du meinst, abgesehen von der prickelnden Spannung zwischen euch?“ Griffin gönnte sich einen großen Bissen von seinem Cheeseburger. „Nachdem ich deine Reaktion gesehen habe, habe ich im Internet ein paar Recherchen zu dem Mann angestellt. Dabei habe ich herausgefunden, dass er auf der Wohltätigkeitsgala der Mayhew-Stiftung in Santa Barbara gewesen ist. Auf eben der Gala, auf der du den geheimnisvollen Unbekannten getroffen hast.“

Alexa seufzte. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass er hier ist. Ich dachte, ich sehe ihn nie wieder.“

„Weil du dachtest, er wäre umgekommen?“

„Hast du die Artikel in der Presse gelesen?“

„Das ließ sich kaum vermeiden. Wenn man den Namen in der Suchmaschine eingibt, tauchen sofort alle Schlagzeilen auf, in denen es darum geht, dass der Mann dem Tod gerade noch einmal von der Schippe gesprungen ist.“

„Ich weiß. Ich hätte es dir auch erzählt, aber du warst zu der Zeit gerade mit deinem Vater beschäftigt.“ Es ging um Griffins Trustfond und die Bedingungen, die bisher verhindert hatten, dass er Zugriff auf das Geld erhielt. „Als du dann wieder zu Hause warst …“

„Da lebte Chance“, ergänzte er.

„Stimmt.“

„Eure Beziehung scheint noch nicht so beendet zu sein, wie du es dargestellt hast.“

Alexa schüttelte den Kopf. „Du irrst dich. Es ist vorbei.“ Sie lachte trocken. „Es hat ja nie wirklich angefangen. Es war eine Wochenendaffäre, mehr nicht.“

„Du hast keine Wochenendaffären, Alexa.“

„Ich weiß!“

„Meinst du nicht, dass das etwas zu bedeuten haben könnte?“

„Vielleicht, dass ich eine verzweifelte, einsame Frau geworden bin?“

„Erstens ist das nicht wahr, und zweitens muss Chance McClaren irgendetwas an sich gehabt haben, das dich dazu bewogen hat, sofort mit ihm zu schlafen.“ Trocken setzte er hinzu: „Du brauchst ja sonst schon länger, um dich für ein Paar Schuhe zu entscheiden.“

„Schuhe sind wichtig.“ Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen.

„Allie! Komm schon!“

Sie schluckte. „Es würde mit ihm und mir nicht funktionieren. Wir sind zu verschieden. Das habe ich ihm gesagt, als er angerufen hat. Das war, bevor ich wusste, dass ich schwanger bin.“

„Moment mal – das hast du mir ja gar nicht erzählt.“

„Was meinst du?“

„Dass er angerufen hat … oder dass du diejenige warst, die die Sache beendet hat.“

„So war es eigentlich auch nicht. Ich hatte fünf Wochen nichts von ihm gehört, Griffin. Fünf Wochen!“

„Was hat er in der Zeit gemacht?“

„Er …“ Alexa unterbrach sich, weil ihr klar wurde, dass sie Chance gar nicht danach gefragt hatte. „Wahrscheinlich war er irgendwo in der Wüste oder im Dschungel oder wer weiß wo.“

„Was es ihm wahrscheinlich erschwert hat, dich anzurufen.“ Griffin konnte manchmal schrecklich sein mit seiner Logik.

„Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“

„Auf deiner. Immer.“ Er lehnte sich zurück. „Ich habe noch etwas anderes entdeckt, im Internet. Etwas, an das ich hätte denken sollen. Es war der zwanzigste Todestag deiner Eltern, oder?“

Das war genau der Tag gewesen, an dem er angerufen hatte. „Ich weiß nicht, was das damit zu tun hat.“

„Komm schon, Allie. Du kannst mir nicht erzählen, dass du die Ähnlichkeiten nicht siehst. Aber was auch immer deine Eltern für Fehler gehabt haben – es waren ihre Fehler. Du kannst Chance nicht die Verantwortung dafür geben.“

„Was willst du damit sagen, Griffin?“

„Er hat ein Recht zu erfahren, dass er Vater wird.“

Das Letzte, wonach Chance an diesem Abend der Sinn stand, war, zum Essen in die Stadt zu fahren. Clearville war bei Besuchern beliebt – und bei den Einheimischen, die von den Besuchern lebten –, aber Chance war das Ganze zu puppenstubenhaft. Als er jetzt die grinsenden Kürbisse sah, denen in den Schaufenstern bereits Weihnachtsmänner und Rentiere den Platz streitig machten, erschien es ihm schlimmer denn je.

Rory liebte das Ganze natürlich.

„Ich kann es gar nicht erwarten, Hillcrest weihnachtlich zu schmücken!“, seufzte sie. „Ich wollte schon den einen oder anderen Kranz aufhängen, aber Evie bestand darauf, dass wir damit bis nach Thanksgiving warten.“

„Da bin ich ausnahmsweise einmal ihrer Meinung.“

„Ich freue mich so darauf, dass du über Weihnachten bei uns bist. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann wir das letzte Mal zusammen gefeiert haben.“

Weihnachten mit der Familie? Himmel, nein! Er wollte schon etwas in dieser Richtung sagen, als er mit dem linken Fuß auf eine unebene Stelle im Pflaster kam und sein Gewicht mit dem rechten Bein auffangen musste. Der Schmerz war höllisch.

„Bist du sicher, dass es gut ist, schon auf die Krücken zu verzichten?“

Autor

Brenda Harlen

Brenda ist eine ehemalige Rechtsanwältin, die einst das Privileg hatte vor dem obersten Gerichtshof von Kanada vorzusprechen. Vor fünf Jahren gab sie ihre Anwaltskanzlei auf um sich um ihre Kinder zu kümmern und insgeheim ihren Traum von einem selbst geschriebenen Buch zu verwirklichen. Sie schrieb sich in einem Liebesroman Schreibkurs...

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Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

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