Der Marquess und die Schatten der Vergangenheit

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Harte Schale, weicher Kern … Der Marquess of Beningbrough, genannt Ben, versteckt sich hinter einem überheblichen, schroffen Auftreten. Er darf nicht zulassen, dass eine Frau die Mauern durchdringt, die er so sorgsam um sein Herz errichtet hat. Auch nicht Lady Barbara Jeffords, sosehr ihr attraktives Äußeres ihn auch anzieht. Ihre spitze Zunge würde ohnehin nur für Ärger sorgen! Als sie gemeinsam in einen Mord verwickelt werden, kommen sie einander wider Erwarten näher, und es knistert heftig zwischen ihnen. Schließlich müssen sie sogar zusammenarbeiten, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dann aber schlägt der Mörder erneut zu …


  • Erscheinungstag 10.10.2026
  • Bandnummer 432
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540322
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Alyssa Everett

Der Marquess und die Schatten der Vergangenheit

Alyssa Everett

mochte schon immer Bücher am liebsten, in denen ein Duke die Hauptrolle spielt. In Florida aufgewachsen, hat sie in ihren Teenagerjahren in einem Vergnügungspark alle möglichen Aushilfsjobs übernommen und am Ende sogar eine Bootstour geleitet. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie in Pennsylvania. Auf alyssaeverett.com können Sie mehr über die Autorin erfahren.

WIDMUNG

Für Margaret, meine geliebte und von mir schmerzlich vermisste Großmutter väterlicherseits, die Überfürsorglichkeit zu einer Kunstform erhoben hat.

DANKSAGUNG

Ich möchte Karen Dobbins, Susanna Fraser, Vonnie Hughes und Rose Lerner sowie meiner Lektorin Deb Nemeth für ihre unermüdliche Unterstützung und ihren Rat danken. Die Inspiration für diese Geschichte stammt aus „Viel Lärm um nichts“, daher bin ich auch Shakespeare zu Dank verpflichtet. Und zu guter Letzt möchte ich Rod, Rowan, Roxana und Roarke dafür danken, dass sie mich so glücklich machen und mein Leben bereichern. Ich liebe euch für immer.

1. KAPITEL

BEN

London, April 1820

„Was macht er hier?“ Lady Leonard musterte mich, als wäre ich eine tote Maus, die eine Katze auf ihrem Sofa abgelegt hatte. Wenn es jemanden gab, der in einem Salon noch unwillkommener war als ein zukünftiger Schwiegersohn, der eine Verlobung löste, dann war es der ungebetene und völlig überflüssige Cousin des zukünftigen Schwiegersohns.

Teddy zappelte nervös herum. „Lord Beningbrough ist hier, um mich moralisch zu unterstützen“, sagte er und klang nicht nur so, als stünde er noch unter Vormundschaft, sondern stellte mich auch als einen Trottel dar, der kein eigenes Leben hatte.

Letzteres ärgerte mich ziemlich, da ich der Einzige in dieser Angelegenheit war, der überhaupt Vernunft an den Tag gelegt hatte. Hatte ich Teddy nicht gesagt, dass er einen Fehler machte, als er die Leonard-Tochter um ihre Hand bat? Warum sich an ein dummes Mädchen binden, hatte ich zu ihm gesagt, wenn man noch Jahre Zeit hat, bevor man sich Gedanken über Nachwuchs machen muss, und sie einen wahrscheinlich sowieso betrügen wird? Die Ehe war eine dieser unangenehmen Pflichten, die man am besten bis zum letzten Moment aufschob.

Aber natürlich hatte sich Teddy geweigert, auf mich zu hören. Er war viel zu liebenswürdig und vertrauensselig. Die meisten Mitglieder der Familie meiner Mutter waren so, wenn man es genau nahm. Sie hatten bedauerlicherweise verträumte, unrealistische Vorstellungen vom Leben. In Teddys Fall hatte es nicht lange gedauert, bis sich meine Warnung als vollkommen berechtigt herausgestellt hatte.

Er sah Lord und Lady Leonard ernst an. „Ich möchte Helen nicht verletzen. Ich liebe sie wirklich. Aber ich bin darauf angewiesen, dass mein Vater mir mein Taschengeld zahlt, und er würde unsere Heirat niemals akzeptieren, wenn sie … wenn sie …“

„Sie könnte das Kind eines anderen Mannes erwarten“, fügte ich hinzu, da ich keinen Sinn darin sah, um das Wesentliche herumzureden. „Sie können kaum verlangen, dass mein Cousin Ihre Tochter heiratet, wenn das bedeutet, seine zukünftige Stellung mit Füßen zu treten. Cliburne hier wird eines Tages der Earl of Daventry sein. Es wäre eine schwere Ungerechtigkeit gegenüber seiner Familie, wenn der Titel und das Vermögen in die Hände eines unehelichen Kindes eines Niemands gelangen würden.“

Lord Leonard keuchte, und seine Frau schnappte nach Luft.

Teddy rutschte auf seinem Stuhl hin und her. „Ich meine, Ben, du musst es nicht ganz so unverblümt ausdrücken …“

Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. Ich wusste wirklich nicht, warum ich mich in diese persönlichen Probleme hineinziehen ließ. Ich hatte in meinem Leben noch nie jemanden um Hilfe gebeten, doch ich war immer der Erste, an den sich andere wandten, wenn sie in Schwierigkeiten steckten. Es war einer der kleinen Witze des Lebens, wie das Schicksal einen Mann dafür bestrafte, dass er seinen Verstand behielt. Aber ich war drei Jahre älter als Teddy und hatte viel mehr Lebenserfahrung, also wie hätte ich ihm meine Unterstützung verweigern können, als er mich darum bat? Wenn man sich nicht auf seine Familie verlassen konnte, konnte man sich auf niemanden verlassen.

Lord Leonards Gesicht hatte eine alarmierende scharlachrote Farbe angenommen. „Was ich nicht verstehe, Cliburne, ist, wie Sie sich die Unverschämtheit anmaßen können, anzudeuten, meine kleine Helen wäre alles andere als rein und unschuldig.“

Teddy errötete. „Glauben Sie mir, ich erhebe diese Anschuldigung nicht leichtfertig. Als ich zum ersten Mal hörte, dass sie mit einem anderen Mann gesehen worden war, wollte ich es nur als boshaften Klatsch abtun.“

Lord Leonard wurde noch röter, wenn es überhaupt einen Farbton gab, der noch röter war als scharlachrot. Zinnoberrot vielleicht? „Wer ist dieser andere Mann, und wer hat Ihnen erzählt, dass sie mit ihm gesehen wurde?“

Teddy senkte den Blick. „Das darf ich nicht sagen.“

„Es war der Diener Ihres Nachbarn, und Cliburne hat es von seinem eigenen Bruder gehört“, antwortete ich. „Er ist vielleicht zu diplomatisch, um es auszusprechen, aber ich bin es nicht.“

„In der Tat, Lord Beningbrough“, sagte Lady Leonard leise. „Ich bezweifle, dass Ihnen jemals jemand vorgeworfen hat, zu diplomatisch zu sein.“

Lord Leonard warf Teddy einen empörten Blick zu. „Was sagt meine Tochter zu diesen Vorwürfen? Sicherlich hat sie Ihnen erklären können, dass es sich um eine widerwärtige Verleumdung handelt.“

„Ich habe mit Helen nicht darüber gesprochen.“ Teddy wippte mit seinem Spazierstock zwischen den Knien. „Ich glaube, ein solches Gespräch wäre zu schmerzhaft für sie.“

Ich nickte zustimmend, obwohl das Mädchen natürlich ziemlich gekränkt sein würde, wenn sie herausfand, dass Teddy sie verlassen hatte. Aber womit hatte sie auch gerechnet? Wenn sie darauf bestand, eine Affäre mit dem Diener ihres Nachbarn zu haben, hätte sie mehr Verstand haben müssen, als dies hinter den Regalen der Minerva Press in Hookhams Leihbibliothek zu tun. Selbst die dreisteste Frau, mit der ich je geschlafen hatte, wusste, wie man sich diskret verhielt.

Mit einem empörten Grunzen stand Lord Leonard auf und stapfte zur Klingel, um nach einem Diener zu rufen. Ein sehr jung aussehender Diener folgte seinem Ruf, und das blasse Gesicht des jungen Mannes machte deutlich, warum Teddys Verlobte sich in der Nachbarschaft einen Liebhaber gesucht hatte. „Holen Sie Lady Helen!“, befahl Lord Leonard ihm.

„Und bringen Sie auch ihre Schwester mit“, fügte Lady Leonard hinzu. Als ihr Mann sie missbilligend ansah, sagte sie: „Wenn es Helen die Sprache verschlägt, können wir zumindest darauf vertrauen, dass Barbara uns sagt, was los ist.“

Wir vier saßen mehrere Minuten lang in angespannter Stille da und warteten auf die Ankunft der Mädchen, während ich mein Bestes tat, um höflich angewidert von der ganzen Angelegenheit zu wirken. Das war eigentlich gar nicht so schwer, denn wenn es etwas gab, das noch widerlicher war als Lady Leonards Geschmack in Sachen Einrichtung, dann wollte ich es nicht sehen. Hocker mit Krokodilfüßen standen im Widerspruch zu maurischen Chaiselongues, und der Raum war mit so viel purpurrotem Polsterstoff ausgestattet, dass man sich wie in einem Schlachthaus fühlte. Nicht nur das, auch der Teppich passte überhaupt nicht dazu.

Die Tür öffnete sich, und Teddy und ich standen auf. Herein kam die Ursache aller Probleme von Teddy, eine engelsgleiche Blondine, die aussah, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Ihr folgte ihre Schwester, und ich gebe zu, dass das zweite Mädchen auffällig war. Sehr auffällig. Sie hatte tizianrotes Haar, eine Haut so weiß und glatt wie Muttermilch und üppige Kurven, die selbst der schielendsten Kurtisane einen komfortablen Ruhestand garantiert hätten. Allein ihr Anblick ließ mein Blut in Wallung geraten. Nur der Himmel wusste, warum Teddy sich für die jüngere Schwester entschieden hatte. Das war, als würde man Orgeat wählen, wenn man Brandy haben könnte.

„Kommt herein und setzt euch, Mädchen“, sagte Lord Leonard. „Ihr kennt natürlich Lord Cliburne, und dieser Gentleman ist sein Cousin, Lord Beningbrough. Lord Beningbrough, das sind meine Töchter – Lady Barbara Jeffords und Lady Helen Jeffords.“

„Es ist mir eine große Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen, Myladys“, sagte ich, während mein Blick weiterhin auf der Rothaarigen ruhte.

Die Schwestern machten einen Knicks – im Falle der älteren Schwester war es eher ein majestätisches Nicken – und setzten sich dann auf die hässlichen Stühle mit hoher Lehne, die neben dem Kamin standen. Als Teddy und ich wieder Platz nahmen, schenkte ihm seine Zukünftige ein seliges Lächeln. Leider hatte Teddy nicht den gesunden Menschenverstand wegzuschauen, sondern starrte das Mädchen mit dem Augenausdruck eines verletzten Kälbchens an.

Die Rothaarige, Lady Barbara, hatte mich mit gerunzelter Stirn verwirrt gemustert, doch plötzlich hellte sich ihr Gesichtsausdruck auf. „Jetzt weiß ich, warum Sie mir so bekannt vorkommen!“, rief sie mit überraschend rauchiger Stimme aus. „Sie sind das Ebenbild des Duke of Ormesby.“

Ich erstarrte und dachte, dass Teddy vielleicht doch recht gehabt hatte, als er die jüngere Schwester bevorzugt hatte. „Ich finde die Ähnlichkeit nicht so prägnant, aber Seine Gnaden ist mein Vater, wenn Sie das meinen.“

„Oh, nehmen Sie es mir nicht übel, Lord Beningbrough“, antwortete das Mädchen. „Als ich sagte, Sie seien sein Ebenbild, meinte ich nur, dass es eine physische Ähnlichkeit gibt. Ich habe nicht andeuten wollen …“

Ihre Mutter unterbrach sie. „Das reicht, Barbara.“

Wenn ich noch Hoffnung gehegt hatte, dass die Leonards nichts von dem schändlichen Ruf meines Vaters wussten, so starb diese Hoffnung nun einen schnellen und schmählichen Tod.

BARBARA

Ich wusste, dass es sich um schlechte Nachrichten handeln musste, als Helen und ich in den Salon gerufen wurden. Papa verlangte nie meine Anwesenheit, weil ich etwas richtig gemacht hatte.

„Stecken wir in großen Schwierigkeiten, Frye?“, fragte ich den Diener, der uns holen gekommen war.

„Das kann ich nicht sagen, Mylady, aber ich glaube, Sie werden nur deshalb in den Salon gebeten, weil Lord Cliburne zu Besuch ist.“

„Teddy ist hier?“, fragte Helen, und ihr Gesicht hellte sich zu diesem atemberaubend entrückten Ausdruck auf, der mich immer dazu brachte, mir ein Kissen schnappen und ihr damit kräftig auf den Kopf schlagen zu wollen. Cliburne würde wahrscheinlich auch zum Abendessen bleiben, was einen weiteren langen Abend bedeutete, an dem ich zusehen musste, wie sie sich gegenseitig schöne Augen machten.

Nicht, dass es mich gestört hätte, denn ich hatte ihn ja nicht selbst umworben, auch wenn die boshafte Karikatur in der Times etwas anderes suggerierte. All die alten Schachteln, die mich mitleidig ansahen, weil meine jüngere Schwester ihn mir angeblich vor der Nase weggeschnappt hätte, konnten sich ihr Mitleid für jemanden aufheben, der es wirklich nötig hatte.

Während Helen vor mir in den Salon hüpfte, blickte ich resigniert auf mein Kleid hinunter. Helen sah aus, als wäre sie gerade aus einem Modemagazin entsprungen, ihr geblümtes Musselinkleid war ein Versprechen auf Frühling, ihre goldenen Locken glänzten. Ich hingegen war von der Aufforderung meiner Eltern erwischt worden, als ich gerade einen Bleistift unter meinem Bett hervorgeholt hatte, sodass mein Kleid staubig und mein Haar in Unordnung geraten war. Irgendwie schaffte ich es immer, mich von meiner schlechtesten Seite zu zeigen, wenn einer von Helens Verehrern zu Besuch kam. Ich wünschte mir, sie würde sich einfach beeilen, Cliburne heiraten und mich aus meiner Misere befreien.

Als wir den Salon betraten, sahen wir Mama mit besorgtem Gesichtsausdruck und Papa mit einem noch rötlicheren Gesicht als sonst. Ich warf einen Blick auf Cliburne, der auf Helen wartete …

… und wäre fast über Mamas Terre-d’Egypte-Teppich gestolpert. Ich hatte Cliburne schon immer für gut aussehend gehalten, aber neben ihm stand der umwerfendste junge Mann, den ich je gesehen hatte. Er war groß und breitschultrig, hatte graue Augen in einem markanten Gesicht, und sein dunkles Haar war zu einem Tituskopf gestutzt, der irgendwie gleichzeitig kurz und zerzaust wirkte. Etwas an seinem Aussehen kam mir vage bekannt vor – das glatte Kinn, die hohen Wangenknochen, die gerade Nase, der sinnliche Mund. Die Makellosigkeit seiner Gesichtszüge stand jedoch in krassem Gegensatz zu seinem Kleidungsstil, denn er war so robust und schlicht gekleidet, dass er sich eher auf dem Weg zu einer Jagd im Novemberregen zu befinden schien als zu einem Nachmittagsbesuch in einem vornehmen Londoner Stadthaus.

Dann stellte Papa den Adonis vor, und mir wurde klar, warum mir sein Gesicht bekannt vorkam. „Jetzt weiß ich, warum Sie mir so bekannt vorkommen. Sie sind das Ebenbild des Duke of Ormesby.“

Jeder wusste, wer der Duke of Ormesby war … und was er war. Natürlich war es nie bewiesen worden, und es war nicht die Art von Skandal, über die man offen sprach, aber die Gerüchte wurden dennoch überall geflüstert. Ich hatte den Duke einmal selbst getroffen, bei einem Empfang meiner verstorbenen Großmutter, und um ehrlich zu sein, war er mir nicht besonders monströs erschienen. Tatsächlich hatte er mich als redegewandt und bemerkenswert gut aussehend beeindruckt. Trotzdem hatte mich das Gespräch mit ihm nervös gemacht. Ich wusste so gut wie nichts über Sodomiten, aber mein Bruder Will hatte mir feierlich versichert, dass sie sich dem schlimmsten und unnatürlichsten Laster hingaben, für das sie, wenn sie dafür verurteilt würden, gehängt werden könnten.

Nun saß der einzige Sohn und Erbe des Dukes, der Marquess of Beningbrough, mir gegenüber im Salon meiner Familie, und anscheinend hatte ich ihn beleidigt, denn er wurde steif wie ein Stock. Seltsamerweise machte seine Reaktion ihn mir ein wenig sympathisch, denn ich konnte ihn gut verstehen. Ich hätte auch nicht gewollt, dass mich jemand mit meinem Vater verglich, und mein Papa neigte nicht zu kriminellen Perversionen. Nein, normalerweise begnügte er sich damit, alle zu schikanieren – außer Helen natürlich. Papa fand, dass Helen nichts falsch machen konnte.

Neben mir runzelte Helen entzückend die Stirn, offenbar als Reaktion auf Cliburnes ungewohntes Schweigen. „Stimmt etwas nicht, Teddy?“

Er errötete. „Nun, es ist … es ist nicht leicht, darüber zu sprechen.“ Er spielte ein wenig mit seinem Spazierstock und wandte sich dann mit stummem Appell an seinen Cousin.

„Lord Cliburne“, antwortete Beningbrough an dessen Stelle, „möchte sein Heiratsangebot zurückziehen und die Verlobung lösen.“

Helen schnappte nach Luft.

Ich schnappte ebenfalls nach Luft. Das konnte doch nicht wahr sein. In Helens perfektem Leben lief nie etwas schief.

Papa beeilte sich, die Situation zu retten. „Natürlich handelt es sich hier nur um ein Missverständnis, aber ich habe euch Mädchen hierhergebeten, um der Sache auf den Grund zu gehen.“

„Dein Angebot zurückziehen? Die Verlobung lösen?“, wiederholte Helen flüsternd und blickte Cliburne an. Tränen traten ihr in die Augen und begannen ihr mitleiderregend über die Wangen zu laufen. „Aber warum, Teddy? Was habe ich getan?“

Es folgte eine lange Stille, die Lord Beningbrough offensichtlich gern gefüllt hätte. Stattdessen sah er seinen Cousin vielsagend an.

„Es ist … nun ja …“ Cliburne wand sich regelrecht auf seinem Stuhl. „Ich bringe das nur ungern zur Sprache, aber … verdammt, Helen, kennst du den zweiten Diener der Woodfords?“

Helen hatte sich die Augen getrocknet und dabei eine überzeugende Imitation eines weinenden Engels abgeliefert, aber nun blickte sie mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck auf. „Den Diener der Woodfords?“

Cliburne starrte auf seine Stiefel und sagte mit herzzerreißend heiserer Stimme: „Mir wurde gesagt, man habe dich mit diesem Kerl in einer innigen Umarmung gesehen.“

Armer Cliburne. Ich war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, seine Hand zu nehmen und zu sagen: „Na, na“, und dem Drang, aufzuspringen und triumphierend zu rufen: „Das wäre nie passiert, wenn du mich gewählt hättest!“

„Nun, Helen?“, drängte Papa. „Was hast du zu Lord Cliburnes Anschuldigungen zu sagen? Mach schon, sag ihm, dass du den Diener der Woodfords gar nicht kennst.“

Cliburne nickte. „Ja, wenn du es nur erklärst, bin ich durchaus bereit zu glauben, dass das alles ein Irrtum ist. Nichts würde mich glücklicher machen, als …“

Lord Beningbrough unterbrach ihn mit einem vernichtenden Blick. Wenn man andere von oben herab betrachten musste, um sich für den Duke-Titel zu qualifizieren, würde Beningbrough eines Tages einen erstklassigen Duke abgeben.

Für einen flüchtigen Moment sah Helen seltsam schuldbewusst aus, aber sie fasste sich schnell wieder. Sie presste sich die Hände aufs Herz und blickte Cliburne mit tief empfundener Enttäuschung an. „Vertraust du mir nicht, Teddy? Du glaubst doch sicher nicht, dass Sam und ich …“

Papa richtete sich auf. „Sam? Ist das der Name des Dieners der Woodfords? Woher kennst du diesen Schurken, Helen?“

Wenn Helen klar war, dass sie sich verplappert hatte, ließ sie sich nichts anmerken. Ihre Hände waren immer noch wie zum Gebet gefaltet, und sie wandte ihre blauen Augen gen Himmel. „Ich habe feierlich geschworen, nicht darüber zu sprechen.“

„Was?“, donnerte Papa.

Mama und ich zuckten zusammen. Um ehrlich zu sein, war ich eher erschrocken als verängstigt. Ich war es gewohnt, dass Papa uns einschüchterte, aber niemals vor Gästen. Lord Beningbrough erhob sich sogar halb von seinem Stuhl, als wollte er protestieren.

Bevor er jedoch Einwände erheben konnte, wandte sich Mama an mich und fragte: „Was weißt du darüber, Barbara?“

Abwehrend hob ich die Hände, während Lord Beningbrough sich langsam wieder hinsetzte. „Absolut nichts, Mama. Helen erzählt mir nie etwas.“

Mama runzelte die Stirn und richtete das Wort wieder an Helen. „Dann musst du dieses freche Schweigen auf der Stelle aufgeben und uns die Wahrheit sagen, Helen.“

„Ja, es gibt sicher eine einfache Erklärung.“ Cliburnes braune Augen hatten einen flehenden Ausdruck angenommen.

Wie konnte Helen einen so lieben Jungen so schlecht behandeln?

Cliburne erinnerte mich an einen Welpen, der, nachdem er getreten worden war, auf dem Bauch kriechend zurückkam, um seinem Herrn die Stiefel zu lecken. Sein Cousin hingegen erinnerte mich an einen Panther auf einer Klippe – majestätisch, bedrohlich und daran gewöhnt, auf alle herabzuschauen, meist mit der Absicht, sie in Stücke zu reißen.

„Ich möchte es dir sagen, Teddy, aber ich kann nicht.“ Helens Unterlippe zitterte. „Wenn du mir nicht vertraust, musst du wohl die Hochzeit absagen.“ Mit einem überzeugenden Schluchzen sprang sie auf und stürmte aus dem Zimmer.

Der arme Cliburne sprang ebenfalls auf und eilte ihr hinterher, dicht gefolgt von meinen Eltern.

Eine unangenehme Stille breitete sich im Raum aus, als Lord Beningbrough und ich allein zusammensaßen und auf die Rückkehr der anderen warteten. Da es für Helen so schlecht lief, hatte ich damit gerechnet, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis sie einen spektakulären Abgang hinlegen würde. In ihrem ganzen Leben hatte Helen es immer geschafft, einer Bestrafung zu entgehen. Normalerweise verließ sie sich auf ihre unheimliche Fähigkeit, nach Belieben zu weinen, ein Talent, um das ich sie jedes Mal beneidet hatte, wenn unsere Gouvernante mich mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke gestellt hatte. Ich war immer zu stolz gewesen, um vor jemandem zu weinen.

Mir gegenüber ließ Lord Beningbrough den Blick durch den Raum schweifen.

„Er ist schrecklich, nicht wahr?“, wagte ich nach einer Weile zu sagen. „Ich meine Mamas Geschmack in Sachen Einrichtung.“

„Das kann ich nicht beurteilen.“ Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Ich achte nie auf solche Nebensächlichkeiten.“

Ah. Mit anderen Worten, typisch Mann – langweilig und unaufmerksam.

„Trotzdem muss Ihnen zumindest die Farbe aufgefallen sein. Es ist so ein grelles …“

Der Blick aus seinen grauen Augen trafen meinen, und mir fiel das Wort nicht mehr ein.

„Rot“, ergänzte er nach einem Moment.

Ich errötete. „Äh, ja, aber es gibt einen Namen für diesen bestimmten Farbton. Es ist … ähm …“

„Rot.“

„Es ist Rotbraun“, sagte ich gereizt. „Und nicht nur das, der Teppich passt auch nicht dazu.“

Er grunzte nur gleichgültig und betrachtete seine Fingernägel. Nach einer Weile sagte er, offensichtlich eher, um die Stille zu füllen, als aus echter Höflichkeit: „Ich frage mich, was sie aufhält.“

„Es ist ziemlich kompliziert.“

Er grunzte erneut, diesmal jedoch schien es Zustimmung zu bedeuten. „Wenigstens können Sie jetzt Ihrer Schwester am Altar zuvorkommen.“

Ich setzte mich aufrechter hin, und mir schoss das Blut in die Wangen. Natürlich war das genau das, was alle dachten, genau das, was alle sagten. Als ob die Ehe das Einzige wäre, was mich interessierte, und meine einzige Hoffnung, Eindruck auf jemanden zu machen, davon abhinge, dass Helen das Feld räumte. „Zu Ihrer Information: Ich habe weder den Wunsch zu heiraten noch die Absicht, dies zu tun. Niemals.“

„Tatsächlich.“

„Was meinen Sie damit, wenn Sie ‚Tatsächlich‘ auf diese skeptische Weise sagen?“

Er seufzte, als würde ihn das ganze Thema ermüden. „Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine junge Lady eine solche Aussage tätigen höre, das ist alles. Junge Ladys geben oft vor, kein Interesse an der Ehe zu haben, nur um einen ahnungslosen Junggesellen dazu zu verleiten, seine Wachsamkeit zu verlieren. Das funktioniert natürlich selten, da nur ein Grünschnabel auf einen solchen Trick hereinfallen würde.“

Er war wirklich ein unerträglicher Flegel, trotz seines guten Aussehens. „Zufällig hat mir meine Großmutter Merton fast fünftausend Pfund pro Jahr hinterlassen. Warum sollte ich mich an einen gefühllosen Trottel binden wollen, nur damit er mein Geld einkassiert und mich für den Rest meines Lebens herumkommandiert?“

Als ich meine fünftausend Pfund pro Jahr erwähnte, verschwand ein wenig von Beningbroughs Hochmut. Er musterte mich mit zusammengekniffenen Augen von der Seite, als wäre ihm bis zu diesem Moment nie in den Sinn gekommen, dass ich es wirklich ernst meinen könnte. „Nun, zumindest haben Sie die Freiheit, Ihren Neigungen zu folgen“, räumte er nach einer Pause ein. „Sie können sich glücklich schätzen. Ich hingegen habe die Pflicht, einen Erben zu zeugen. Wenn ich jemals heiraten sollte, dann wäre das der einzige Grund.“

Ich schnaubte. „Wenn das der einzige Grund ist, warum Sie heiraten wollen, dann tut mir Ihre zukünftige Frau leid.“

„Das braucht es nicht. Ich habe vor, so wenig Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen.“

„Dann hoffe ich, dass sie sich ihres Glücks voll bewusst sein wird.“

Wieder verengte er seine grauen Augen. „Sind Sie zu jedem Mann, den Sie treffen, so unverschämt?“

„Sind Sie zu jeder Frau, die Sie besuchen, so unhöflich?“

„Ich bin nicht hierhergekommen, um Sie zu besuchen.“

„In diesem Fall darf auch ich mich wohl glücklich schätzen.“

Wir starrten einander an.

Schließlich schnappte er sich seinen gewellten Biberhut, stand auf und verbeugte sich steif. „Guten Tag, Lady Barbara. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich mich auf die Suche nach meinem Cousin begeben.“

„Das macht mir überhaupt nichts aus, Lord Beningbrough.“

Aus allen Poren männliche Wut ausstrahlend durchquerte er mit großen Schritten den Raum, riss die Tür auf und stürmte hinaus.

Hätte ich ihn nicht so unglaublich irritierend gefunden, hätte ich vielleicht applaudiert, denn er war ebenso begabt wie Helen darin, theatralische Abgänge zu inszenieren.

BEN

Als ich nach Hause kam, hoffte ich, mich an meiner Mutter vorbeischleichen zu können, aber sie musste die Haustür beobachtet haben wie eine Katze ein Mauseloch. Kaum war ich über die Schwelle getreten, kam sie die Treppe heruntergeeilt, eine kleine Frau mit eleganter graumelierter Frisur, funkelnden blauen Augen und einer unerbittlich herzlichen Ausstrahlung.

„Ah, da bist du ja, Liebling!“, rief sie aus und stürzte sich auf mich, als ich innehielt, um die Post auf dem Konsoltisch zu studieren. „Sag mir, dass du nicht ohne Mantel in der Stadt unterwegs warst.“

Aus langjähriger Gewohnheit beugte ich mich tiefer, damit sie mir einen Kuss auf die Wange geben konnte. „Ich brauchte keinen. Es ist fast Mai, und die Sonne scheint.“

„Aber du hättest dir den Tod holen können!“

„Ich werde mich nicht erkälten, keine Sorge. Ich bin ein erwachsener Mann, Mama. Ich weiß selbst, wann ich einen Mantel tragen muss.“

„Aber Benny …“

Ich biss die Zähne zusammen, um meine plötzliche Verärgerung zu unterdrücken. „Zum tausendsten Mal, bitte nenn mich nicht so. Nenn mich Ben oder Beningbrough oder sogar James, aber ich weigere mich, auf Benny zu hören.“

„Aber was ist denn falsch an Benny? Ich habe dich so genannt, als du Papa noch bis zu den Knien gereicht hast und mit deinen langen schwarzen Locken durchs Haus gerannt bist.“

„Genau das ist falsch daran.“

Mit gerunzelter Stirn begann sie, an dem Belcher-Tuch herumzufummeln, das ich anstelle eines Halstuchs trug. „O Ben, mein Lieber, du bist zu empfindlich.“

„Ich bin nicht empfindlich. Ich möchte nur nicht wie ein Zweijähriger behandelt werden.“ Ich wich vor ihren flatternden Händen zurück. „Und bitte hör damit auf.“

„Ich glätte nur deine Kleidung. Warum du die ganze Zeit wie ein ungemachtes Bett aussehen musst, ist mir ein Rätsel. Bevor du zur Schule gegangen bist, hast du dich immer so schön angezogen.“

Das war einer der vielen Gründe, warum ich in Eton täglich zusammengeschlagen worden war. Die Schule war für mich immer noch ein heikles Thema. In den ersten elf Jahren meines Lebens war ich das privilegierte Einzelkind eines herzoglichen Haushalts gewesen, betreut von aufmerksamen Lehrern und umsorgt von nachsichtigen Eltern. Dann überzeugte mein Fechtmeister meinen Vater davon, dass die belebende Atmosphäre einer öffentlichen Schule mich formen würde. Ich wurde in Mrs. Burtons Internat geschickt, ohne zu ahnen, dass ich mit meinen zerzausten Locken, meinen Samtjacken und meiner überschwänglichen Begeisterung wie ein hoffnungsloser Trottel aussah.

Von dem Moment an, als die Familienkutsche davonratterte, überkam mich das Heimweh wie eine Lawine. Als ich zum ersten Mal mit den anderen Jungen des Hauses zu Abend aß, dachte ich an alles, was ich in Greybridge zurückgelassen hatte – meine Mutter, meinen Vater, die Freunde und Bediensteten, mit denen ich aufgewachsen war, alles, was mir vertraut und lieb war –, und ich musste einen Kloß im Hals hinunterschlucken. Sobald die Dame, die das Haus führte, den Raum verlassen hatte, um mit dem Koch zu sprechen, stieß einer der Jungen, die mir gegenübersaßen, seinen Nachbarn in die Rippen und deutete mit einer Kopfbewegung auf mich.

„Ich glaube, der heult gleich.“

Der zweite Junge kicherte.

Ich setzte mich aufrechter hin und straffte die Schultern. „Ich werde nicht heulen.“

„Bist du sicher?“, fragte der erste Junge. Er hatte ein langes Gesicht und buschiges braunes Haar, und obwohl ich ihn ein paar Jahre später überholte, war er damals deutlich größer als ich. „Denn du siehst aus wie ein Muttersöhnchen.“

Ich errötete vor Wut. „Ich werde nicht heulen.“

„Hast du das gehört, Rigsby?“, sagte der zweite Junge. „Er hat gesagt, dass er kein Muttersöhnchen ist.“

Ich verdrängte mein Heimweh und blickte ihnen triumphierend ins Gesicht. „Wisst ihr, wer ich bin?“

„‚Wisst ihr, wer ich bin?‘“, spottete der Junge namens Rigsby mit einer mädchenhaften Stimme und ahmte meinen Akzent nach.

„Und wer bist du, Prinzessin?“

Ich ignorierte die Stichelei. „Ich bin Beningbrough, und mein Vater ist der Duke of Ormesby.“

Bis zu diesem Moment waren beide Namen für mich Worte gewesen, mit denen man zaubern konnte, aber Rigsby brach einfach in Gelächter aus. „In diesem Fall“, sagte er mit der Miene eines Menschen, der eine Auseinandersetzung ein für alle Mal beilegt, „ist dein Vater ein warmer Bruder.“

Ich war noch so unerfahren und unwissend, dass ich nicht nur den Begriff nicht verstand, sondern auch nicht den gesunden Menschenverstand hatte, meinen Mund zu halten. „Ein was?“

„Ein Arschficker. Ein Hintertür-Gentleman.“ Rigsby beugte sich über den Tisch, um mir den Gnadenstoß zu versetzen. „Ein Sodomit.“

„Was ist ein Sodomit?“

Jetzt lachte auch Rigsbys Freund. „Ach, hör auf, Beningbrough. Du weißt es doch. Dein Vater macht es mit Männern.“

„Was macht er mit Männern?“

„Er vögelt sie, du Trottel!“, krähte Rigsby, während die anderen Jungen am Tisch in Gelächter ausbrachen. „Oder sie vögeln ihn. Du weißt schon, so wie ein Mann und eine Frau im Bett, nur dass er die Rolle der Frau spielt. Dein Vater ist eine Miss Molly!“

Ich konnte ihn nur anstarren, so schockiert, dass es mir vorkam, als hätte mir jemand gewaltsam die Luft aus der Lunge gesaugt. Zumindest waren das Worte, die ich verstand. Ich hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, was „vögeln“ bedeutete, und „Miss Molly“ war eine der stärksten Beleidigungen, die ich kannte, ein Ausdruck, der für Feiglinge, Schwächlinge und Memmen reserviert war.

„Sei nicht lächerlich“, wollte ich Rigsby widersprechen, „mein Vater ist gut aussehend, klug und charmant. Er weiß alles, was es über wichtige Dinge wie Astronomie und Naturgeschichte zu wissen gibt, und warum Prinz Rupert die Schlacht von Naseby verloren hat.“ Mein ganzes Leben lang hatte ich zu meinem Vater aufgeschaut. Aber ich schwieg, denn in einem einzigen schrecklichen Augenblick fügten sich die verstreuten Puzzleteile zusammen – die kryptischen Gespräche, die ich zwischen meiner Mutter und meinen Tanten mitgehört hatte; die seltsamen, wissenden Blicke, die ich manchmal auf den Gesichtern der Bediensteten gesehen hatte; die Tatsache, dass meinem ehemaligen Hauslehrer das Zimmer neben dem meines Vaters zugewiesen worden war. Ich verstand sogar, warum mein Vater so viel Wert auf den Rat meines Fechtmeisters legte.

Nachdem es mir wie Schuppen von den Augen gefallen war, verbrachte ich den Rest des Tages mit dem Gefühl, mich übergeben zu müssen. Und dieser widerwärtige, augenöffnende Tag war nur die erste in einer langen Reihe von Prüfungen. Ob nun dank des Rufs meines Vaters oder einfach weil irgendein Witzbold Anstoß an meinem Gesicht nahm, die anderen Jungen wählten mich bald für eine besondere Form der Quälerei aus. Immer wenn ich vorbeiging, grinsten sie mich an, machten Kussgeräusche und riefen mir anzügliche Bemerkungen zu.

„Du siehst heute bezaubernd aus, Schatz.“

„Aber Beningbrough, meine Liebe, du wirst ja immer hübscher.“

„Komm schon, Prinzessin, wirf uns einen Kuss zu!“

Meistens ignorierte ich das, aber hin und wieder verlor ich die Beherrschung und stürzte mich auf meinen Peiniger. In diesem ersten Jahr musste ich einen Schulrekord aufgestellt haben, was die Anzahl der blutigen Nasen anging, die ich davongetragen hatte. Im zweiten Jahr geriet ich in ebenso viele Schlägereien – aber Erfahrung ist ein guter Lehrmeister, und ich begann, mich etwas besser zu behaupten. Im dritten Jahr gewann ich mehr Kämpfe, als ich verlor. Im vierten Jahr hatte ich mir einen solchen Ruf als Schläger unter meinen Klassenkameraden erarbeitet, dass das Ärgern fast ganz aufgehört hatte.

Dennoch konnte ich diesen ersten Tag und Rigsbys fröhliche Verkündigung, mein Vater sei ein Sodomit, nie vergessen. Jedes Mal, wenn ich einen Klassenkameraden dabei erwischte, wie er mich anstarrte, jedes Mal, wenn es im Raum still wurde, wenn ich hereinkam, jedes Mal, wenn hinter mir Gelächter ausbrach, wusste ich, was die anderen Jungen dachten.

„Und, wie geht es deinem Cousin?“, fragte meine Mutter jetzt und riss mich aus meinen Gedanken.

„Nicht so gut. Er hat Probleme mit der jungen Frau, um deren Hand er gebeten hat. Anscheinend hat sie ein großes Herz, in das sie auch den Diener der Nachbarn hineingelassen hat.“

„Armer Teddy.“

„Spar dir dein Mitleid, Mama. Ich bin extra mit ihm hingegangen, damit er die Verlobung lösen kann, aber das Mädchen musste nur ein paar Krokodilstränen vergießen, und schon hat er sich bei ihr entschuldigt.“ Ich schüttelte angewidert den Kopf. „Er wird das noch bereuen.“

Der Gesichtsausdruck meiner Mutter wurde weicher. „Sei nicht zu streng mit ihm, Ben, mein Lieber. Er ist verliebt, und verliebte Menschen denken mit ihrem Herzen, nicht mit ihrem Kopf.“

Ich wusste, dass es nichts bringen würde, ihr zu erklären, wie unsinnig diese Philosophie war, also gab ich nur ein zynisches Grunzen von mir.

„Ich nehme an, ihr habt in eurem Klub zu Abend gegessen?“

„Nein, Teddy hat beschlossen, bei den Leonards zu bleiben und mit ihnen zu essen, also bin ich direkt nach Hause gekommen.“

Meine Mutter wurde blass. „O Ben, mein Lieber, nein! Lady Clearys einziger Sohn hat öfter das Abendessen ausgelassen, und du weißt, was aus ihm geworden ist. Er ist an Schwindsucht gestorben.“

„Ich vermute, du verwechselst Ursache und Wirkung.“

„Nun, ich möchte nicht, dass du dieses Risiko eingehst. Stell dir nur vor, wie traurig ich wäre, wenn du anfangen würdest, Blut zu husten.“

„Ich bezweifle, dass ich Freude daran hätte.“

Sie strich mir die Revers glatt und tätschelte mich. „Nun, dann musst du dir von Lawson ein Sandwich bringen lassen. Warum machst du dich nicht bettfertig, und ich lasse es dir auf dein Zimmer bringen?“

„Mich bettfertig machen? Es ist kaum halb acht.“

„Ich dachte, du könntest ein wenig Ruhe gebrauchen. Du warst den ganzen Tag unterwegs.“

Mit Mühe hielt ich meine Verärgerung zurück. „Ich bin kein Invalide, Mama. Ich bin achtundzwanzig und war noch nie in meinem Leben krank. Du findest mich in der Bibliothek.“

Eine Viertelstunde später kaute ich auf einem Schinkensandwich herum und nahm ein Exemplar des Peerage aus dem Regal der Bibliothek. Ich blätterte gedankenverloren bis zu dem Eintrag über die Leonards.

William Richard Jeffords, 5. Earl Leonard,
folgte seinem Bruder John Littleton Jeffords, 4. Earl, am 8. März 1804 nach:
geboren am 7. Oktober 1767, verheiratet am 12. Juni 1791 mit Eleanor, Tochter von John Merton, 3. Baron Merton, von Badgely Abbey, Wilts, und hat Nachkommen:
1. John Merton Jeffords, Viscount Rowland, geb. am 10. Mai 1792;
2. Hon. William Robert Jeffords, geb. am 2. März 1794;
3. Lady Barbara Elizabeth Jeffords, geb. am 2. Februar 1796;
4. Lady Helen Catherine Jeffords, geb. am 24. Juli 1799;
5. Hon. Edmund James Jeffords, geb. 10. November 1803.

Ich fuhr mit dem Finger über Lady Barbaras Namen. Sie war also vierundzwanzig Jahre alt. Schade, dass sie so eine scharfe Zunge hatte. Wenn ich die Augen schloss, konnte ich sie fast vor mir sehen – diese porzellanartige Haut, diese herausfordernden grünen Augen, dieses leuchtende rote Haar, die festen, perfekten Brüste …

Ich runzelte die Stirn und schlug das Buch zu. Was brachte es, an sie zu denken? Sie hatte tatsächlich diese scharfe Zunge. Außerdem war sie zu hochgeboren für eine Liebschaft, und ich war nicht an einer dauerhaften Beziehung interessiert. Man musste sich nur ansehen, wie die Ehe meiner Eltern ausgegangen war. Meine Mutter und mein Vater betrogen sich seit Jahren unbekümmert gegenseitig. Mein Vater hatte sogar dem gesamten Geschlecht meiner Mutter abgeschworen. Wer konnte schon sagen, dass ich nicht genauso enden würde?

Zugegeben, ich fühlte mich zu Frauen hingezogen – ich hatte mit so vielen Schauspielerinnen geschlafen, dass ich eine rein weibliche Inszenierung von Titus Andronicus auf die Bühne bringen könnte –, aber mein Vater hatte meine Mutter offenbar begehrenswert genug gefunden, um sie zu heiraten und mich zu zeugen, also was bewies das schon? Und ich wollte nicht wie meine Eltern sein, weil … nun, weil ich es einfach nicht wollte. Ich könnte niemals tatenlos zusehen, wie meine Frau sich einen Liebhaber nahm. Und was, wenn ich eines Tages einen Sohn hätte und er in einem Raum voller Schuljungen sitzen und sich ihre spöttischen Bemerkungen anhören müsste: „Dein Vater ist eine Miss Molly!“

Das Traurige daran war, dass ich, bis ich nach Eton gegangen war, stolz darauf gewesen war, der Sohn meines Vaters zu sein. Tatsächlich hatte ich praktisch alles an ihm bewundert – seine Intelligenz, seinen Humor, sein Savoir-faire, seine Höflichkeit und sein Verantwortungsbewusstsein. Er war ein gütiger und liebevoller Vater, und abgesehen von ihren beidseitigen Seitensprüngen schienen er und meine Mutter sich wirklich zu mögen. Mein Vater und ich sahen uns so ähnlich, dass Besucher in Greybridge oft das Porträt von ihm aus seiner Kindheit für ein Bild von mir hielten.

Wenn mein Vater also schändliche Dinge mit Männern tat, was machte das dann aus mir? Jedes Mal, wenn mir aus heiterem Himmel ein lasziver Gedanke kam, fragte ich mich, ob das das erste Anzeichen einer sich ausbreitenden Verderbtheit war. Jedes Mal, wenn ich mich daran erinnerte, wie die anderen Jungen in der Schule mich „Prinzessin“ oder „Liebling“ nannten, machte ich mir Sorgen, dass sie etwas in mir erkannt hatten, was ich selbst nicht sah. Was machte einen Mann zu einem Sodomiten? Genauer gesagt, wie konnte ich sicher sein, dass ich keiner war?

Es klopfte an der Tür. „Herein“, rief ich und schob das Peerage unter einen Stapel Papiere, als wäre es die anzügliche französische Zeichnung, die ich in der Schule unter meinem Kopfkissen versteckt hatte.

Der Butler kam mit einer Notiz auf einem Tablett herein. „Eine Nachricht für Sie, Mylord.“

Ich erkannte Teddys schräge Handschrift, nahm die Nachricht und faltete sie auf.

Ben,

um Gottes willen, komm sofort zum Haus der Leonards. Der Diener der Woodfords ist tot, und ich habe allen erzählt, ich hätte ihn umgebracht.

Teddy

2. KAPITEL

BEN

„Natürlich habe ich es nicht getan.“ Teddy sprach leise, als wir uns am Fuß der Treppe im Haus der Leonards berieten. „Ich bin kein Mörder. Aber wie könnte ich Helen die Schuld auf sich nehmen lassen?“

„Um Himmels willen, Teddy. Bist du verrückt geworden?“

Ein Blick auf die kleine Menschenmenge, die sich in der Eingangshalle der Leonards versammelt hatte, genügte, um zu erkennen, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handelte. Neben Lord Leonards erschütterter Familie, Lord Woodford und dem Butler der Woodfords gehörten auch der Untersuchungsrichter, der Assistent des Richters, ein Arzt und ein Bow Street Runner zu der Gruppe. Und natürlich war da noch die Leiche – ein stämmiger Diener in purpurroter Livree, der mit dem Gesicht nach oben auf den weißen Marmorfliesen lag, mit eingeschlagenem Schädel und einer großen Bronzestatuette neben sich auf dem Boden.

„Was hätte ich sonst tun sollen?“, flüsterte Teddy zurück. „Es war nicht ihre Schuld. Sie liebt mich, aber dieser Diener ließ sie einfach nicht in Ruhe. Kannst du glauben, dass er heute Nacht hier eingebrochen ist, um sie zu zwingen, mit ihm zu fliehen?“

„Bist du sicher, dass sie es nicht war? Hast du wirklich gesehen, was passiert ist?“

„Nein, er lag schon auf dem Boden, als ich dazukam. Aber sie hat mir alles erzählt. Er wollte sie packen, also ist sie ausgewichen und hat ihn in Notwehr weggestoßen. Er ist rückwärtsgefallen und mit dem Kopf auf der Treppe aufgekommen.“

„Warum um alles in der Welt hast du dann gesagt, dass du es getan hast? Sag allen, dass du nichts damit zu tun hattest …“

„Das kann ich nicht. Denk nur an den Skandal. Sie wurde in Begleitung des Dieners eines Nachbarn gesehen, und jetzt liegt genau dieser Mann tot unter dem Dach ihrer Familie. Wenn ich die Schuld auf mich nehme, kann ich zumindest ihren Namen aus der Sache heraushalten.“

„Aber es wird sicher eine Untersuchung zu dem Tod des Mannes geben. Was willst du tun, unter Eid lügen?“

„Wenn es sein muss.“

Ich fuhr mir mit einer Hand übers Gesicht und bemühte mich um Geduld. „Teddy, dafür könntest du gehängt werden.“

Er wurde blass, aber zu seiner Ehre flüsterte er zurück: „Dann könnte Helen auch gehängt werden. Das werde ich nicht zulassen. Ich bleibe bei meiner Geschichte und sage, es war ein Unfall. Sie wollte den Kerl nicht umbringen. Da bin ich mir sicher.“

„Aber wenn er gefallen ist, was ist dann mit dieser Statuette …?“ Ich hielt inne, als ich Lady Barbara erblickte. Sie sah noch umwerfender aus als zuvor, ihr tief ausgeschnittenes Abendkleid in Schieferblau schmiegte sich an ihre Kurven und ließ ihre weiße Haut und ihr rotes Haar noch leuchtender erscheinen. Sie war in ein Gespräch mit dem Bow Street Runner vertieft, der sich fleißig Notizen machte und sie mit scharfem Blick beobachtete. Dann deutete Lady Barbara in unsere Richtung, und mir wurde mit einem Schreck klar, dass sie genauso entschlossen war, ihre Schwester zu schützen, wie ich, meinen Cousin zu entlasten.

„Ich komme gleich wieder“, stieß ich hervor und stürmte los, um sie aufzuhalten, bevor sie Teddy den letzten Nagel in den Sarg schlug.

BARBARA

Ich hatte noch nie einen Toten gesehen, schon gar nicht aus der Nähe. Als ich den Diener der Woodfords das letzte Mal getroffen hatte, war er ein grinsender Schlingel gewesen, der mir vertraulich zugezwinkert hatte. Jetzt lag er leblos auf unserem glatten Marmorboden, neben ihm Mamas ägyptische Statuette mit dem Schakalkopf und sein Gehirn eine blutige Masse.

In der Stunde, seit ich Helen zum ersten Mal schreien gehört hatte, hatte sich das Haus mit grimmig dreinblickenden Fremden und entsetzten Bekannten des Opfers gefüllt. Sogar der arrogante Lord Beningbrough war hier, der offenbar von Cliburnes Schwierigkeiten erfahren hatte und ihm jetzt zur Seite springen wollte. Die Cousins saßen zusammen auf der vorletzten Treppenstufe, unterhielten sich mit leisen Stimmen und streckten ihre langen Beine vor sich aus. Zu jeder anderen Zeit hätte ich die Gelegenheit genossen, zwei so gut aussehende Gentlemen unbemerkt zu beobachten, aber Cliburnes Gesicht war so blass, und Beningbrough blickte so … so grimmig drein, dass mich ihr Anblick nur an die Leiche auf dem Boden erinnerte.

„Entschuldigen Sie, Lady Barbara, aber ich bin Dawson von der Bow Street“, sagte eine mir unbekannte Stimme, und ich drehte mich um und sah einen Mann mit einem Notizbuch in der Hand. „Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“ Er war mittleren Alters, klein und stämmig, mit schütterem rotblondem Haar und einem fröhlichen Gesichtsausdruck, der seltsam im Widerspruch zu der düsteren Natur seiner Arbeit stand.

„Ja, aber eigentlich sollten Sie mit meiner Schwester sprechen.“

Mr. Dawson warf einen Blick zu Helen, die nahe der Eingangstür stand und schluchzend an Papas Schulter lehnte. „Ich habe es versucht, Mylady, aber sie ist zu verzweifelt.“

Natürlich war sie das. Wann war Helen jemals einer schwierigen Situation nicht mit Tränen begegnet? Trocken sagte ich: „Meine Schwester ist sehr empfindlich.“

Er schüttelte mitfühlend den Kopf. „Die Arme. Sie ist ein sehr hübsches Mädchen.“

Ich nickte ohne Begeisterung. Wenn noch ein Mann Helen als „hübsch“ bezeichnete, würde ich ihn mit dem kältesten, verächtlichsten Blick bedenken, den ich aufbringen konnte. In unserer Familie hatte jeder seine Besonderheit. Mein Bruder Jack war der Ehrgeizige, Will war der Lebenslustige, ich war die Eigensinnige und Edmund war der Ruhige. Helen war natürlich die Hübsche.

Mein ganzes Leben lang wollte ich die Hübsche sein. Die Hübsche zog alle Aufmerksamkeit auf sich und wurde allein dafür geliebt, dass sie da war. Niemand bemitleidete die Hübsche, weil ein Verehrer mit ihren Gefühlen gespielt hatte, oder machte sich Sorgen, dass die Hübsche als alte Jungfer enden würde. Leider hatte ich das Aussehen meiner Großmutter Merton geerbt, und alles an mir war einfach ein bisschen zu irgendetwas – ich war einen Hauch zu groß, mein Haar war einen Hauch zu rot, mein Busen war zu üppig für echte Raffinesse. Schlimmer noch, ich hatte nicht Helens Talent für diese bezaubernde Hilflosigkeit, die Männer in die Knie zwang. Ich würde niemals die Hübsche sein.

Die meisten der daraus resultierenden Sorgen und Kränkungen konnte ich abschütteln, aber Cliburnes jüngster Verrat hatte mir wehgetan. Es war nicht so sehr, dass er mir das Herz gebrochen hätte, sondern vielmehr das, wofür Cliburne stand – ein gut aussehender, begehrter junger Gentleman, von dem ich geglaubt hatte, er würde mich für genauso besonders halten wie Helen. Jemand, auf den ich gemeint hatte, zählen zu können. Jemand, der mich um meinetwillen hätte lieben können.

Ich hatte ihn einen guten Monat vor Helen kennengelernt, als er meinen Bruder Will zu einem Spaziergang durch die Bond Street abholte. Er war so freundlich, und in den nächsten sechs Wochen trafen wir uns immer wieder, da wir uns auf denselben gesellschaftlichen Veranstaltungen wiederfanden. Ich versuchte, trotz seines süßen Lächelns und seiner warmen braunen Augen einen kühlen Kopf zu bewahren. Schließlich war ich es gewohnt, dass die Gentlemen an mir vorbeieilten, um zu meiner Schwester zu gelangen. Aber Helen war zu Besuch bei unserer Tante Archer in Brighton, und nach und nach erlaubte ich mir, zu hoffen, dass Cliburne Gefühle für mich entwickeln könnte. Selbst nachdem Helen zurückgekehrt war und ihm ihr berühmtes engelhaftes Lächeln geschenkt hatte, neckte er mich weiterhin wegen meiner roten Haare und tanzte sogar mit mir bei Almack’s.

Vor drei Wochen kam es dann zum Höhepunkt, als Helen wegen Unwohlseins zu Hause blieb und nicht zum Picknick der Stewarts mitkam. Cliburne blieb fast den ganzen Ausflug über an meiner Seite. Als ich mich von der Hauptgruppe entfernte, um mich auf die Baumschaukel neben dem See zu setzen, folgte er mir. Er stand im Schatten der Weide und blinzelte über das Wasser. „Lady Barbara, ich weiß, das kommt sehr plötzlich, aber ich habe noch nie so für ein Mädchen empfunden, und ich habe mich gefragt …“, sagte er und sah mich mit seinen großen Spanielaugen an, während er lächelte, „… wie würden Sie sich fühlen, wenn ich unsere Beziehung auf eine andere Ebene heben würde? Etwas Engeres und Dauerhafteres, meine ich. Wäre das für Sie unwillkommen?“

Mir hatte das Herz zu pochen begonnen. Obwohl wir viel Zeit miteinander verbracht hatten, hatte er zuvor noch nie eine Andeutung gemacht, um meine Hand anhalten zu wollen. Er war so attraktiv und so liebenswürdig, und er war der Erbe des Earl of Daventry. Ich wollte von der Schaukel springen und vor Freude tanzen.

Da Cliburne jedoch gelegentlich von meiner Freimütigkeit überrascht zu sein schien, schaute ich einfach schüchtern auf meinen Schoß und murmelte: „Ich glaube, das würde mir sehr gefallen, Lord Cliburne.“

Sein Lächeln wurde breiter, sodass sich Grübchen in seinen Wangen bildeten. „Ich hatte gehofft, dass Sie genau das sagen würden … Barbara.“ Als er mich so unverblümt beim Vornamen nannte, errötete ich. Er gab der Schaukel einen spielerischen Schubs. „In diesem Fall werde ich morgen Nachmittag mit Ihrem Vater sprechen.“

Und dann sprach er mit Papa – aber über einen Heiratsantrag an Helen, nicht an mich. Cliburne blieb an diesem Abend zum Abendessen, und als Papa aufstand und einen Toast auf das glückliche Paar, Lord Cliburne und unsere kleine Helen, ausbrachte, fühlte sich das wie ein Schlag in die Magengrube an. Die neue Ebene, die Cliburne angedeutet hatte – die engere, dauerhaftere Beziehung –, bedeutete also Schwägerin und Schwager? Nachdem ich den ganzen Tag auf glühenden Kohlen gesessen hatte, musste ich meinen ganzen Stolz aufbringen, um zu lächeln und ihm zu gratulieren. Innerlich wollte ich vor Scham im Boden versinken. Warum hatte ich jemals geglaubt, er könnte sich für mich interessieren? Dumm, dumm, dumm!

Aber schlimmer als meine Dummheit war die brennende Scham, dass alle wussten, dass ich dumm gewesen war. Anscheinend war unser Tête-à-Tête beim Picknick beobachtet worden, denn die Times veröffentlichte später in jener Woche eine Karikatur, auf der eine große, vollbusige „Lady B…“ ihre Haube nach „Lord C…“ warf, als er mit seiner neuen Braut im Arm die Kirche verließ. Lady B warf eine Narrenkappe.

Jedes Mal, wenn mir diese Zeichnung in den Sinn kam, wollte ich im Erdboden versinken. Wenn ich mich in die Öffentlichkeit wagte, war ich mir sicher, überall um mich herum Geflüster und Kichern zu hören. Und die Zeichnung hatte mich auch Cliburnes Freundschaft gekostet, da ich mich nicht mehr dazu durchringen konnte, mit ihm zu sprechen, aus Angst, etwas Unpassendes und allzu Vertrauliches zu sagen, das uns beide in Verlegenheit bringen könnte.

Nun, diesen Fehler würde ich nie wieder machen. Von nun an würde ich mir keine Hoffnungen mehr machen und keinem Mann mehr auch nur mit dem geringsten Anflug von Ermutigung begegnen.

Tatsächlich hatte ich mit Männern abgeschlossen, Punkt. Zumindest war an einem verbitterten Jungfernleben nichts Lächerliches. „Kannten Sie den Verstorbenen?“, fragte Mr. Dawson.

Ich warf einen Blick über seine Schulter auf die Leiche und schauderte.

„Ich kannte ihn vom Sehen als Diener unserer Nachbarn, aber ich habe nie mit ihm gesprochen.“ Er schäkerte gern, das wusste ich, aber ich war nie die Art von Beute gewesen, die ihn interessierte.

Mr. Dawson nickte. „Und wo waren Sie, als die Leiche entdeckt wurde?“

„Ich war im Speisezimmer und habe mit meiner Mutter und meinem Vater zu Abend gegessen.“

„Aber nicht mit Ihrer Schwester und ihrem Verlobten?“

„Sie waren zunächst bei uns. Aber nach ein paar Minuten sagte meine Schwester, sie habe Kopfschmerzen, und entschuldigte sich, um sich zu erfrischen. Als sie nach fast einer Viertelstunde noch nicht zurück war, machte sich Lord Cliburne auf die Suche nach ihr.“

„Trug sie Handschuhe, als sie den Raum verließ?“

Was für eine seltsame Frage. Doch als ich zu Helen hinüberblickte, stellte ich fest, dass sie tatsächlich Abendhandschuhe trug. „Nein. Normalerweise tragen wir keine Handschuhe, wenn wir en famille zu Abend essen.“

Mr. Dawson tippte gedankenverloren mit seinem Bleistift auf sein Notizbuch. „Haben Sie eine Ahnung, worüber sich Ihre Schwester und Lord Cliburne gestritten haben?“

Mr. Dawson hatte zuvor mit Papa und Cliburne gesprochen, und irgendetwas sagte mir, dass er die Antwort auf seine Frage bereits kannte. „Sie war in einem privaten Gespräch mit einem anderen Mann gesehen worden.“ Mein Blick glitt zu Sams Leiche. „Mit dem Opfer, um genau zu sein.“

Das ergab für mich wenig Sinn. Warum sollte Helen sich mit dem Diener der Nachbarn einlassen, wenn sie einen so attraktiven, gutmütigen und liebevollen Mann wie Cliburne hatte, der sie heiraten wollte? Und warum um alles in der Welt sollte Helen ihre Handschuhe anziehen, wenn sie nicht ausgehen wollte?

„Wie genau haben Sie erfahren, dass ein Mord geschehen ist?“, fragte Mr. Dawson.

„Ein Mord?“ Ich hob eine Augenbraue. „Ist es nicht Sache der Geschworenen zu entscheiden, worum es sich handelt – Mord oder Unfall?“

Mr. Dawson lächelte widerwillig. „Genauso ist es, Mylady. Also, wie haben Sie erfahren, dass es einen Todesfall gegeben hat?“

„Kaum eine Minute nachdem Cliburne das Esszimmer verlassen hatte, schrie meine Schwester, und meine Mutter, mein Vater und ich kamen herbeigeeilt.“

„Ihre Schwester hat also die Leiche gefunden?“

„Nun, sie war diejenige, die geschrien hat. Wenn jemand anderes die Leiche zuvor gesehen hat, hat er es nicht erwähnt.“ Mr. Dawson warf mir einen Blick zu, in dem ich einen Hauch von Respekt zu erkennen glaubte. Zumindest hoffte ich, dass es Respekt war, denn es hätte genauso gut Misstrauen sein können. „Sie glauben also, dass noch jemand anderes im Haus gewesen sein könnte. Ein Fremder vielleicht?“

„Ich kann das nicht wissen, aber Sie haben sicher bemerkt, dass dieses Haus größer ist als die meisten anderen und mehrere Aus- und Eingänge hat. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Mitglieder des Haushalts kommen und gehen, ohne dass jemand es bemerkt.“

Mr. Dawson nickte. „Ich werde das im Hinterkopf behalten, Mylady. Zurück zur Entdeckung der Leiche – Lord Cliburne war hier in diesem Raum, als Sie hereinkamen?“

„Ja, er war bei meiner Schwester.“

„Und was geschah dann?“

Es widerstrebte mir, mich an diesen Teil zu erinnern. Ich sah noch immer Papa vor der Leiche des toten Mannes stehen und hörte ihn zu Helen sagen: „Mein Gott. Was hast du getan?“ Ausnahmsweise klang er eher verängstigt als wütend. Da trat Cliburne vor Helen und sagte mit fester Stimme und erhobenem Kinn: „Ich war es.“

Jetzt wurde mir klar, dass Mr. Dawson auf meine Antwort wartete. „Lord Cliburne sagte uns, es habe einen Unfall gegeben. Er sagte, der Diener der Woodfords sei in das Haus eingebrochen, und er habe ihn gestellt.“ Ich schluckte, erschüttert von der beunruhigenden Vorstellung, wie der arme Cliburne am Henkerstrick baumelte. „Sie gerieten in einen Streit, und der Diener stolperte und schlug mit dem Kopf auf die Treppe.“

Natürlich konnte jeder Dummkopf erkennen, dass diese Geschichte reiner Blödsinn war. Alles – von Cliburnes stockendem Bericht über die Ereignisse bis hin zu der Statuette, die eindeutig aus dem etwas weiter entfernten Frühstückszimmer stammte – deutete darauf hin, dass es sich hier nicht um einen bedauerlichen Unfall handelte.

Mr. Dawson runzelte die Stirn. „Und was haben Sie …“

„Lady Barbara, wie blass Sie aussehen! Sie müssen sich setzen, bevor Sie ohnmächtig werden“, ließ sich eine schneidende Stimme vernehmen, und bevor ich wusste, wie mir geschah, hatte der widerwärtige Lord Beningbrou...

Autor

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Dieses E-Book enthält ein Inhaltsverzeichnis mit Hyperlinks, um die Navigation zu allen Abschnitten und Kapiteln innerhalb dieses E-Books zu erleichtern.