Wahre Helden, flammend heiße Gefühle – 6 mitreißende Liebesromane

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HEIßE FLAMMEN DER VERSUCHUNG von BARBARA MCCAULEY
Diesmal ist der Feuerwehrmann selbst entflammt. Tyler brennt geradezu für Emily, die er aus einem explodierenden Büro retten konnte. Doch die schöne Erbin hat ihr Gedächtnis verloren. Wird sie für ihn nur eine glühende, unerfüllte Versuchung bleiben, wenn sie sich erinnert?

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LIEBE IST MEHR ALS EIN WORT von SHERRYL WOODS
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KATES SPIEL MIT DEM FEUER von EMILY MCKAY
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VORSICHT: LIEBE von WENDY ETHERINGTON
Kann das gut gehen? Vor sieben Jahren waren der charmante Feuerwehrmann Steve, der durch seinen Job oft in Gefahr schwebt, und die vorsichtige Laine schon mal ein Paar. Jetzt sprühen zwischen ihnen wieder die Funken - aber mehr als eine lose Affäre darf es nicht werden …

KALT WIE EIS – HEISS WIE FEUER von KRISTIN HARDY
Ihre Leidenschaft für den mutigen Nick raubt Susan den Schlaf, und ihr Verlangen, ihn ein einziges Mal zu lieben, wird übermächtig. Aber sie muss sich kühl geben und ihn vergessen! Nicht noch einmal könnte sie einen geliebten Menschen in einem Feuer verlieren …


  • Erscheinungstag 27.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542913
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Barbara McCauley

Heiße Flammen der Versuchung

1. KAPITEL

Emily Barone stand in einem kleinen Kopierraum des Unternehmes Baronessa. Ein Blatt schob sich langsam aus dem Ausgabeschlitz und legte sich über die drei Kopien, die Emily bereits gemacht hatte.

Das ist alles nicht wahr, sagte sie sich zum hundertsten Mal. Das kann einfach nicht wahr sein.

Aber tief in ihrem Innersten wusste sie, dass die Beweise, die auf Derricks Schuld hindeuteten, unumstößlich waren. Es gab keine Entschuldigung für das, was ihr Bruder getan hatte. Und schon gar nicht für das, was er anscheinend noch plante.

Ihre Hand zitterte, als sie das Blatt Papier ergriff, das den unwiderlegbaren Beweis darstellte: Derrick wollte geheime Eisrezepte der Familie Barone an die Konkurrenz verkaufen.

Er war sehr darauf bedacht gewesen, keinen Verdacht zu erregen. Als Sekretärin ihres Bruders wusste Emily das genau. Selbst ihr wäre nicht das Geringste aufgefallen, hätte sie nicht heute Morgen zufällig einige Fetzen eines fast geflüsterten Telefonats mitbekommen, das Derrick über seine Privatleitung geführt hatte.

Was Emily gehört hatte, war ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Als Derrick wenig später sein Büro verlassen hatte, war sie kurz entschlossen hinübergegangen und hatte die Wiederwahltaste gedrückt. Am anderen Ende hatte sich jemand von der Firma Snowcream gemeldet, Baronessas Hauptkonkurrenten.

Danach hatte Emily warten müssen, bis niemand außer ihr mehr im Gebäude war. Sie hatte fast eine Stunde gebraucht, um das Schloss an Derricks Schreibtisch aufzubrechen. Dann hatte sie ausführliche Notizen über ein Gespräch zwischen ihrem Bruder und Grant Summers, dem Vorstandsvorsitzenden von Snowcream, gefunden. Im selben Ordner, auf anderen Papieren, waren Orte und Zeiten von Treffen zwischen Derrick und Summers aufgelistet. Aufgeführt waren auch die Geldsummen, die Derrick für die Informationen erhalten würde, sowie die Nummer des Schweizer Kontos, auf das die Beträge überwiesen werden sollten.

Emily schluckte und kämpfte mit den Tränen. Wie naiv sie doch war. Mit vierundzwanzig Jahren glaubte sie immer noch an das Gute im Menschen. Den ganzen Tag über hatte sie gehofft, sie hätte alles nur missverstanden, und Derrick wäre ein ehrlicher Mensch, der nie jemanden bestehlen würde. Schon gar nicht die eigene Familie.

Ein Glück nur, dass ihr Vater, Paul Barone, nicht in das Eisgeschäft eingestiegen war, das Großvater Marco vor über einem halben Jahrhundert gegründet hatte. Stattdessen war er Anwalt geworden. Allein der Gedanke, ihren Eltern die Beweise vorzulegen, war Emily unerträglich. Es würde ihre Mutter umbringen, wenn sie erfuhr, dass Derrick ein Dieb war.

Aber ihre Eltern mussten es ja nicht unbedingt erfahren. Emily schaltete den Kopierer aus. Baronessa wurde von Onkel Carlo, dem Bruder ihres Vaters, geleitet. Ihm musste Emily die Beweise vorlegen, da hatte sie keine Wahl. Doch vielleicht würde Onkel Carlo eine Möglichkeit finden, Derrick ohne viel Aufhebens aus seiner Position als Vizepräsident der Abteilung Qualitätssicherung zu entfernen und alle Spuren zu verwischen, damit es keinen Skandal gab.

Onkel Carlo würde wissen, was zu tun war, da war Emily sicher. Mit seiner dröhnenden, tiefen Stimme war er manchmal ein wenig einschüchternd, aber er hatte ein gutes Herz, liebte seine Frau und seine Kinder und kümmerte sich um die ganze weitverzweigte Familie.

Irgendwo im Gebäude fiel eine Tür ins Schloss. Emily fuhr zusammen, griff mit zitternder Hand zum Lichtschalter und löschte das Licht. Sie stand im Dunkeln und horchte. Ein leises Schlurfen war zu hören, dann nichts mehr.

Verstohlen schlich sie zu der Jalousie, die den Blick aus dem kleinen Kopierraum ins Büro nebenan versperrte, und hob vorsichtig eine Lamelle an. Auch im Dunkeln erkannte sie die Silhouette eines großen, schlanken Mannes an einem der Schreibtische. Großer Gott, es war Derrick!

Emily ließ die Lamelle los und trat zurück. Sie war noch nie eine gute Lügnerin gewesen. Wenn Derrick sie hier erwischte, würde ihr garantiert keine plausible Ausrede einfallen. Er würde sie sofort durchschauen und furchtbar wütend werden. Sie konnte ihm einfach nicht gegenübertreten. Nicht, bevor sie mit ihrem Onkel gesprochen hatte.

Sie lehnte sich an die Wand und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Schließlich hörte sie, wie die Bürotür geschlossen wurde.

Erleichtert seufzte sie auf. Jetzt musste sie noch eine Weile warten, um sicher zu sein, dass Derrick nicht mehr im Gebäude war. Auf keinen Fall durfte sie riskieren, von ihm erwischt zu werden, wie sie den Ordner zurückbrachte. Blieb zu hoffen, dass sie ihm auch nicht begegnete, wenn sie mit den Kopien in der Hand das Haus verließ.

Nach etlichen Minuten herrschte immer noch Totenstille, bis auf das leise Ticken der Wanduhr und Emilys leises Atmen. Gott sei Dank! Sie würde noch etwa zwei Minuten warten, und dann …

Sie schnupperte.

Rauch?

Erschrocken tastete sie nach dem Lichtschalter. Als sie ihn endlich gefunden hatte, sah sie, wie Rauchschwaden unter der Tür hindurch in den kleinen Raum quollen.

Um Himmels willen!

Sie stieß die Jalousie beiseite. Im Büro schossen Flammen vom Schreibtisch bis zur Decke hoch und breiteten sich schnell im ganzen Raum aus.

Warum gab es keinen Feueralarm? Warum setzte die Sprinkleranlage nicht ein? Hatte Derrick etwa …

Nein! Sie konnte einfach nicht glauben, dass er zu so etwas fähig war! Rezepte stehlen, das war eine Sache. Aber Brandstiftung?

Emily schnappte sich ihre Handtasche, Derricks Ordner und den, der ihre Kopien enthielt. Die Originale konnte sie jetzt nicht mehr zurückbringen. Sie musste sofort hier raus!

Der Kopierraum hatte kein Fenster nach draußen, also blieb ihr nichts anderes übrig, als durch das brennende Büro zu rennen. Wenn sie es bis zum Fenster schaffte, konnte sie um Hilfe rufen. Sie befand sich im zweiten Stock. Sollte es zum Schlimmsten kommen – und sie betete darum, dass das nicht geschehen würde –, dann musste sie springen.

Sie atmete tief ein, öffnete die Tür und rannte los. Der Hitzeschwall hätte sie beinahe umgeworfen, doch sie fing sich und hastete weiter. Irgendwo draußen heulte eine Sirene. Sie kommen, dachte sie voller Hoffnung, sie sind schon bald hier.

Fliegende Funken versengten ihr Gesicht und Beine. Der Rauch drang ihr quälend in den Hals und in die Augen, doch sie schaffte es bis zu einem der Fenster und packte den Griff. Ein lautes Krachen hinter ihr ließ sie herumfahren. Entsetzt sah sie, wie die Zwischendecke einstürzte. Sie riss mittendurch, und ein Regen von Gips, Metallteilen und Fliesen krachte in die Flammen.

Emily rüttelte hektisch am Griff des Fensters, während der Riss in der Decke sich krachend in ihre Richtung verlängerte. Langsam ließ sie sich zu Boden sinken. Es gab nichts, was sie noch tun konnte.

„Hier ist Hemming Taylor für KLRT.“ Die hübsche blonde Reporterin hielt sich das Mikrofon dicht an den Mund und blickte in die laufende Kamera. „Wir sind als Erste vor Ort und berichten live aus Brookline, Massachusetts. Hinter mir verwüstet ein Feuer das Bürogebäude der Firma Baronessa. Der dritte Stock ist bereits völlig zerstört, und, wie Sie sehen können“ – sie wies hinter sich, die Kamera folgte ihrer Geste und fing eine Totale des brennenden Gebäudes ein –, „brennt auch schon der zweite Stock. Die Feuerwehr bemüht sich, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Laut einer unbestätigten Meldung befindet sich noch eine Frau im Gebäude. Nach unseren Informationen erfolgte etwa vor zehn Minuten …“

Eine Explosion veranlasste die Reporterin und das Kamerateam, schleunigst das Feld zu räumen. Autoalarmanlagen heulten los, Feuerwehrleute sprangen in Deckung.

Im Inneren des Gebäudes, im Treppenhaus zwischen dem ersten und dem zweiten Stock, schleuderte die Wucht der Explosion Shane Cummings gegen die Wand. Er fand sein Gleichgewicht schnell wieder und sah sich nach seinem Partner Matt um.

„Alles klar bei dir?“, brüllte Shane, während eine zweite, kleinere Explosion krachte.

Matt hob die Hand und deutete dann auf die Tür, die zum Bürotrakt des zweiten Stocks führte.

Gemeinsam rannten die beiden die Treppe hinauf. Shane wusste, dass es ein Wettlauf mit der Zeit war. Sie sollten eigentlich machen, dass sie hier herauskamen. Aber ein Wachmann, der im Gebäude gegenüber arbeitete, hatte geschworen, er habe eine Frau an einem Fenster gesehen. Zwei Minuten noch, sagte Shane sich und trat die Tür ein. Zwei Minuten und dann nichts wie raus.

„Sind übers Treppenhaus in den zweiten Stock vorgedrungen!“, brüllte Shane in sein Headset, um das Knattern der Flammen und das Poltern stürzender Trümmer zu übertönen. „Raumgröße fünfzehn mal zwanzig Meter, dichter Rauch, Decke eingestürzt. Versuchen, Fenster zu erreichen.“

„Negativ, Cummings.“ Chief Griffins raue Stimme knatterte im Kopfhörer. „Der dritte Stock ist total zerstört. Kommt sofort raus da.“

„Fünf Minuten!“ Shane sah zu Matt hinüber, der nickte. „Fünf Minuten, dann sind wir draußen.“

„Spiel nicht den Helden, Cummings, das ist ein Befehl! Ihr kommt beide raus, sofort !“

„Zwei Minuten“, erwiderte Shane. „Bringt eine Leiter ans Fenster, wir steigen dann dort raus!“

Chief Griffins Flüche und Drohungen in den Ohren, arbeiteten sich Shane und Matt geduckt zu den Fenstern vor. Sie mussten in hellen Flammen stehende Schreibtische umgehen. Wegen der vielen Trümmer war es zuerst unmöglich, zu sehen, ob bei den Fenstern jemand lag. Doch dann erspähte Shane zwei nackte Beine, die unter einem Haufen heruntergefallenen Schutts hervorragten.

„Hab sie!“, brüllte er. „Hier Cummings! Die Frau liegt etwa zwei Meter vom östlichen Fenster entfernt. Wahrscheinlich bewusstlos. Verstanden?“

Chief Griffin bestätigte. „Holt sie und kommt da raus, sofort!“

„Genau mein Plan. Over.“

Shane beeilte sich, die Trümmer beiseitezuwerfen. Mit Matts Hilfe legte er den reglosen Körper der Frau frei, dann hob er sie auf seine Arme und stand auf.

Sie war noch jung, wahrscheinlich Anfang zwanzig, und wog sicher weniger als fünfzig Kilo. Zwar war sie mit Staub und Ruß bedeckt, doch Shane sah keine Brandwunden in ihrem Gesicht oder an Armen und Beinen.

Sie öffnete die Augen, das Haar fiel ihr aus dem Gesicht. Er konnte Angst und Verwirrung darin lesen.

„Ich hab Sie!“, brüllte er. „Ist sonst noch jemand im Gebäude?“ Shane hoffte, sie würde Nein sagen.

Sie antwortete, aber er verstand kein Wort, denn das Gebäude erbebte unter einer weiteren Explosion. Er stolperte, biss die Zähne zusammen, fing sich und presste die junge Frau eng an sich, während Trümmer auf ihn herniederregneten. Sie drückte ihr Gesicht an seine Brust.

„Wir müssen zum Fenster raus!“, brüllte Shane. „Können Sie sich an mir festhalten?“

Sie nickte und schlang ihm die Arme um den Nacken.

Shane ging mit ihr hinüber zum Fenster und riss es auf. Von draußen drang der Lärm der arbeitenden Feuerwehrleute herein. Einzelne Stimmen brüllten, dann tauchte die Leiter auf.

„Los geht’s!“ Shane verlagerte das Gewicht der Frau, sodass sie jetzt über seiner Schulter lag. Dann kletterte er rücklings aus dem Fenster. Matt half ihm.

Shane hatte gerade eben den Erdboden erreicht, als eine weitere Explosion das zweite Stockwerk verwüstete. Alle Fenster barsten. Er ließ sich fallen und schützte den Körper der Frau mit seinem eigenen vor fliegenden Trümmern und Glasscherben. Sie zitterte und klammerte sich an ihm fest.

Erleichtert sah Shane, dass Matt ebenfalls in Sicherheit war. Eben rappelte er sich auf und zeigte ihm den hochgereckten Daumen. Shane umklammerte die Frau fester und trug sie eilig zum bereitstehenden Krankenwagen. Die Sanitäter legten sie sofort auf eine Trage und setzten ihr eine Sauerstoffmaske auf.

Sie öffnete die Augen und blickte Shane an. So klein und verletzlich sah sie aus. Ein dünnes Blutrinnsal lief ihr über die Stirn.

Chief Griffins Stimme riss Shane aus seinen Betrachtungen. „Cummings!“

Griffin, von stattlicher Größe und gebaut wie ein Stier, stürmte auf Shane zu. „Ich hatte dir gesagt, du sollst sofort da rauskommen, verdammt noch mal!“, röhrte er. „Dafür gehörst du suspendiert, ist dir das klar?“

Shane nahm den Helm ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Ich hatte gar keine …“

„Spar dir das! Du blutest! Geh rüber zum Krankenwagen, fahr mit und lass deine Wunden versorgen – und nachher will ich dich auf der Wache sehen!“

„Ja, Sir.“

Die Kamerateams schwirrten bereits um den Krankenwagen wie Heuschrecken. Shane fegte Mikrofone, die ihm ins Gesicht gehalten wurden, beiseite und setzte sich in den Wagen. Die Frau schien sich zu entspannen, als sie ihn sah. Er legte seine Hand auf ihre Finger. Sie lächelte schwach, schloss die Augen und verlor dann das Bewusstsein.

Fünf Sekunden später waren sie mit heulender Sirene auf dem Weg ins Krankenhaus von Brookline.

„Emily … Emily …“

Die Stimme eines Mannes riss Emily aus dem grauen Nebel, in dem sie gefangen gewesen war. Sofort wurden die Schmerzen schlimmer. Ihr Kopf tat weh, und ihre Lungen brannten.

„Emily, hörst du mich?“

Geh weg , wollte sie sagen. Aber sie konnte nicht sprechen. Sie konnte sich überhaupt nicht bewegen. Irgendwo im Hintergrund klingelte ein Telefon. Ein Mann rief nach einer Krankenschwester. Gummisohlen quietschten auf dem Fußboden.

Wo bin ich? fragte sie sich. Warum roch sie Rauch, Desinfektionsmittel und das Rasierwasser eines Mannes?

„Emily, wach auf! Hier ist Derrick!“

Derrick? Sie kannte niemanden, der Derrick hieß. Die Stimme war jetzt lauter als vorhin. Emily versuchte, die Augen zu öffnen, aber ihre Lider waren so schwer, und sie war so müde. Sie wollte einfach nur schlafen.

„Ich habe Mom und Dad angerufen“, erzählte der Mann. „Aber sie sind in der Oper. Emily, mach bitte die Augen auf und sage etwas!“

Ich will nicht reden , dachte Emily und wandte ihr Gesicht von der Stimme ab. Das Laken unter ihr war schön glatt, die Decke weich. Sie wollte einfach nur schlafen.

„Was hast du denn überhaupt um diese Zeit noch im Büro gewollt?“ Die Stimme war jetzt ein zischendes Flüstern. „Du hattest doch längst Feierabend!“

Emily hatte keine Ahnung, wer da auf sie einredete und was er wollte. Sie stöhnte leise. Der Kopfschmerz wurde sofort schlimmer, und ihre Kehle tat ihr weh.

Langsam öffnete sie die Augen und sah den Umriss eines Mannes, der über sie gebeugt stand. Er war groß und schlank. Ihre Sicht wurde schärfer, und sie bemerkte, dass er dunkle Haare und braune Augen hatte. Das Licht schmerzte in ihren Augen, sie blinzelte. Die Gesichtszüge des Mannes waren scharf geschnitten, sein Mund zu einem Strich zusammengepresst. Er trug einen dunklen Maßanzug und eine silberglänzende Krawatte über einem blendend weißen Hemd. Vom durchdringenden Geruch seines Rasierwassers musste sie husten.

Er beugte sich noch tiefer über sie und nahm ihre Hand. Emily wollte sie wegziehen, war aber viel zu schwach dazu.

„Rede mit mir!“, flüsterte er. „Sag mir, warum du noch im Büro gewesen bist!“

Ich bin im Krankenhaus, dämmerte ihr, als sie den Tropf über sich hängen sah. Ein dünner Schlauch führte zu ihrem Arm. „Ich … ich weiß nicht“, brachte sie mühsam hervor.

Der Griff um ihre Hand wurde zur schmerzhaften Umklammerung. „Was soll das heißen, du weißt es nicht? Du musst es doch wissen!“

Ich habe nicht die geringste Ahnung , wollte sie sagen, aber ihre Kehle tat so weh, und ihr Kopf fühlte sich an, als ob sich Glasscherben in ihr Gehirn bohrten. Sie kämpfte darum, die Augen offen zu halten. Derrick. Er hatte gesagt, sein Name sei Derrick.

„Verdammt, Emily! Was …“

Es klopfte an die angelehnte Tür. Der Mann namens Derrick verstummte sofort und richtete sich auf. „Was wollen Sie?“

„Ich möchte nach Emily sehen.“

Diese Stimme. Tief und ein wenig rau. So vertraut, so tröstend. Langsam drehte Emily ihr Gesicht zur Tür.

„Wer sind Sie?“, fragte Derrick barsch.

„Ein Freund.“ Der Mann trug eine ausgeblichene Jeans, eine Jeansjacke und schwarze Stiefel. Er musterte Derrick, während er sich Emilys Bett näherte. „Und wer sind Sie?“

„Derrick Barone.“ Derrick richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Emilys Bruder.“

Emily spürte, wie sich ihr Pulsschlag beschleunigte, als sich der Neuankömmling ihr näherte. Sie kannte ihn, da war sie ganz sicher. Aber woher? Wer war er?

Er war groß, hatte eine breite Brust und muskulöse Arme. Sein sandfarbenes Haar war an den Seiten sehr kurz geschnitten, aber oben am Kopf lang genug, dass ihm einige Strähnen mitten in die Stirn fielen. Seine Augen waren grün – nein, blau. Beides, entschied sie, als sie ihm in die Augen sah. Sie konnte den Blick nicht mehr losreißen.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er sie.

Bevor Emily versuchen konnte zu antworten, schaltete Derrick sich ein. „Entschuldigen Sie“, sagte er mit kalter Höflichkeit. „ich glaube, ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden.“

„Shane“, antwortete er, ohne den Blick von Emily zu lassen. „Shane Cummings.“

„Die meisten Freunde meiner Schwester kenne ich“, bemerkte Derrick misstrauisch. „Wir sind uns noch nicht begegnet, glaube ich.“

„Stimmt.“ Shane Cummings ging an Derrick vorbei und beugte sich über Emily. „Na, wie geht’s, Aschenputtel?“

Aschenputtel? Wieso nur? Sie hatte doch gar keine Glaspantoffeln …

Ein brennender Schmerz schoss ihr durch den Kopf. Sie schloss die Augen. Feuer … überall Flammen … Rauch … Die Geräusche waren wieder da. Das Knattern der Flammen, die Explosionen, berstendes Glas.

Emily streckte die Hand aus, und sofort schloss sich Shanes große Hand beschützend um ihre.

Sie erinnerte sich an Shanes Stimme – „Ich hab Sie!“ – , als er sie aus dem Trümmerhaufen gehoben hatte. Sie hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen, und er hatte sie weggetragen. Durchs Fenster nach draußen. Mit seinem Körper hatte er sie vor fliegenden Trümmern geschützt. Er war bei ihr geblieben.

Danach erinnerte sie sich an nichts mehr.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass sein Gesichtsausdruck besorgt war. „Soll ich die Ärztin rufen?“, fragte er.

„Hören Sie!“ Derrick glättete seine Krawatte. „Ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Meine Schwester hat Schlimmes durchgemacht. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie …“

„Mr Barone?“ Eine rothaarige Krankenschwester steckte den Kopf zur Tür herein. „Ihre Eltern sind am Telefon. Sie möchten Sie gern sprechen.“

Derrick sah zuerst Shane, dann Emily an. „Ich bin gleich zurück. Wenn du etwas brauchst …“

„Ich bin ja da“, erwiderte Shane trocken.

Derrick sah ihn verärgert an, dann hastete er hinaus.

„Sie … haben mich gerettet“, murmelte Emily.

„Meinen Sie jetzt oder vorhin?“

„Beides.“

Shane lächelte sie an. „Sie erinnern sich also an mich?“

„Das Feuer … Sie haben mich da rausgeholt …“

Als sie zu husten begann, drückte er sanft ihre Hand. „Die Ärztin sagt, Sie kommen wieder in Ordnung. Aber Sie haben Rauch eingeatmet, deshalb wird Ihre Lunge noch ein oder zwei Tage brennen. Und außerdem ist Ihnen die Decke auf den Kopf gefallen, deshalb tut der auch weh, schätze ich.“

Emily nickte. Sie hob eine Hand und spürte einen Verband um ihre Schläfen. „Was ist eigentlich passiert?“

„Wir hatten gehofft, dass Sie uns das sagen könnten. Außer Ihnen war ja niemand mehr im Gebäude.“

„Welches Gebäude?“

„Baronessa.“ Als sie nicht reagierte, sah Shane sie verwundert an. „Sie arbeiten doch dort.“

Emily schloss die Augen. Der Kopfschmerz wurde wieder schlimmer. Warum konnte sie sich nur nicht erinnern?

„Mr Cummings?“ Eine blonde Frau in weißem Kittel und schwarzem Rock kam herein. „Ich hatte Sie doch nach Hause geschickt!“

„Ich war ja auch schon auf dem Weg.“ Mit unschuldigem Gesichtsausdruck steckte Shane die Hände in die Hosentaschen. „Dann sah ich aber ganz zufällig, dass Miss Barone bei Bewusstsein ist, und da dachte ich mir, sie könnte mir vielleicht etwas über die Brandursache sagen.“

Die Ärztin warf Shane einen misstrauischen Blick zu und schob ihre Brille an der Nase hoch. Dann sah sie Emily an. „Ich bin Dr. Tuscano. Wie fühlt sich Ihr Kopf an?“

„Es klopft, als ob etwas ausschlüpfen will“, entgegnete Emily schwach.

Die Ärztin lächelte. „Ich musste nähen, am Haaransatz, aber die Wunde wird vermutlich verheilen, ohne dass eine Narbe zurückbleibt. Wir verabreichen Ihnen intravenös Schmerzmittel. So bald wie möglich setzen wir die ab. Außer der Wunde am Kopf, ein paar Prellungen und dem eingeatmeten Rauch ist Ihnen nichts passiert. Es ist fast ein Wunder.“

„Shane hat mir das Leben gerettet“, flüsterte Emily.

„Das glaube ich gern“, sagte die Ärztin. Sie machte eine Notiz auf Emilys Krankenblatt. „Ihre Familie wird sehr erleichtert sein, wenn sie erfährt, dass Sie bald wieder gesund sind.“

„Meine Familie?“

Die Ärztin sah auf. Sie legte das Klemmbrett mit dem Krankenblatt beiseite und zog eine kleine Lampe aus einer Kitteltasche. „Erinnern Sie sich an den Unfall?“

„Nein.“ Emily zuckte zurück, als die Ärztin ihr in die Augen leuchtete.

„Wissen Sie, wer Sie sind und wo Sie wohnen?“

Wer war sie? Ihr war schwindlig, und der Kopfschmerz marterte sie. Aus den Gesprächen vorhin schloss sie, dass sie Emily Barone hieß. Mehr wusste sie nicht. „Nein.“

„Hm. Leichte Gehirnerschütterung, aber nichts Ernstes.“ Dr. Tuscano steckte die Lampe wieder ein. „Außer Ihren Eltern, die auf dem Weg hierher sind, sollten Sie keinen Besuch empfangen.“

„Dr. Tuscano.“ Die rothaarige Krankenschwester erschien erneut. „Ein dringender Anruf, Dr. Heaton auf Leitung drei.“

„Bin gleich da.“ Dr. Tuscano lächelte Emily an und tätschelte ihr die Hand. „Morgen früh komme ich wieder. Dann sehen wir, wie Sie sich fühlen, nachdem Sie die Nacht durchgeschlafen haben.“

Emily beobachtete, wie die Ärztin davonging, dann sah sie Shane an. Er hatte die Hände immer noch in den Taschen und blickte besorgt drein. Sie wollte ihn berühren, ihn trösten, so wie er sie tröstete.

„Jetzt sollte ich besser gehen“, sagte er nach längerem Schweigen. „Ich wollte mich nur vergewissern, dass es Ihnen gut geht.“

Aber es ging ihr nicht gut! Sie wusste nicht, wer sie war und was ihr zugestoßen war, sie hatte eine genähte Wunde am Kopf und einen Schlauch im Arm. Sie fühlte sich wie ein Kind. Allein und verängstigt. Der einzige Mensch, den sie kannte, war Shane. Sie wollte nicht, dass er ging. Wenn er hier war, konnte sie beruhigt einschlafen, das wusste sie, dann war sie in Sicherheit.

„Danke, dass Sie gekommen sind.“ Sie spürte Tränen in ihren Augen.

„Was ist denn?“ Er kam näher. „Haben Sie Schmerzen? Soll ich die Ärztin rufen?“

„Nein.“ Sie wandte das Gesicht ab. „Entschuldigen Sie. Es ist albern.“

„Was ist albern?“

„Ich dachte, vielleicht … Wenn Sie vielleicht …“ Emily sah wieder zu ihm hoch. „Könnten Sie vielleicht bei mir bleiben, bis ich eingeschlafen bin?“

Er sah sie einen Moment schweigend an. „Ja“, sagte er dann, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. „Kein Problem.“

„Danke.“

Emily wusste, dass er sie beobachtete. Doch das machte ihr nichts aus. Im Gegenteil, so fühlte sie sich geborgen.

Sie überließ sich dem Schlaf. Wenn sie wieder erwachte, würde die Welt für sie einen Sinn ergeben. Ihre Augenlider wurden schwer. Mit einem leisen Seufzer schlief sie ein.

2. KAPITEL

Im Frühjahr kamen die Touristen scharenweise zum Bostoner Jachthafen. Große Trauben von Menschen mit Hüten, Schirmmützen und Digitalkameras bevölkerten die Docks. Während Väter kaum die Kamera vom Auge nahmen, hielten Mütter kleine Hände energisch fest, denn das Wasser stellte eine große Versuchung dar.

Die Leute aßen gigantische Hotdogs von Arnie’s Dog Cart am Ende des Piers und Softeis, das ihnen ein Mann verkaufte, der sich Marty der Segler nannte. Marty unterhielt seine Kunden mit Geschichten über Meerjungfrauen und Geisterschiffe. Die meisten Touristen nahmen auch an der zweistündigen Hafenrundfahrt teil.

Vom Deck seines Segelboots aus beobachtete Shane, wie der erste Touristenbus dieses Tages auf dem Parkplatz am anderen Ende des Jachthafens eintraf. Shane trank einen Schluck Kaffee aus dem dampfenden Becher in seiner Hand.

Es machte sicher Spaß, diesen Ort zu besuchen, dachte er. Aber es war noch viel besser, hier zu leben.

Den Winter über wohnte er in einer kleinen Wohnung über der Gaststätte seines Onkels, die andere Hälfte des Jahres lebte er hier im Jachthafen. Er hatte die Lebensversicherung seiner Mutter in die Free Spirit investiert, eine zwölf Meter lange einmastige Schaluppe. Marjorie Cummings hatte den Ozean geliebt und ihren Sohn gern zum Segeln begleitet, sogar als sie schon schwer krank gewesen war. Bestimmt wäre sie davon angetan, wie er das Geld verwendet hatte.

Er vermisste seine Mutter sehr.

Shane winkte, als die Sea Breeze an ihm vorbeisegelte. Eine wunderschöne kleine Jacht, auf Geschwindigkeit gebaut, aber auch, um Eindruck zu machen. Shane bewunderte den blitzenden Chrom und die aufwendige Bemalung, aber sein Stil wäre es nicht.

Was sollte er auch mit all dem Platz anfangen, den der übergroße Kajütenaufbau der Sea Breeze bot? Immerhin war er solo. Er grinste. Und das, obwohl nicht wenige Frauen, die er kennengelernt hatte, sofort Ja sagen würden. Aber er hatte keine von ihnen gefragt.

Sein Leben gefiel ihm so, wie es war. Er kam und ging, wie es ihm gerade passte. Manchmal fuhr er einfach für ein paar Tage weg. Sehr im Gegensatz zu seinem Onkel musste er niemandem Rechenschaft ablegen. Niemand schnüffelte ihm nach, wollte ständig wissen, wo er gewesen war, mit wem, und was er dort getan hatte. Und genau so wollte Shane es haben.

Er blickte auf und betrachtete die zeternd ausgetragene Auseinandersetzung zweier Möwen um ein Stück Brot, das sie zweifellos aus einem Abfalleimer ergattert hatten.

Die salzige Morgenluft war frisch und kühl, der Nebel hob sich bereits, und der Tag versprach sonnig und klar zu werden. Ein guter Tag zum Segeln, dachte Shane. Aber er entschied sich dagegen. Er hatte seinem Onkel versprochen, vorbeizukommen und ihm zu helfen, mit dem mittäglichen Touristenansturm fertig zu werden. Außerdem musste er noch einen Teil des Decks firnissen, den er in den letzten Tagen abgeschmirgelt hatte. Er hatte genug zu tun, um Kopf und Hände vollauf beschäftigt zu halten.

Dennoch hatte er den Großteil der vergangenen Nacht damit zugebracht, an ein hübsches Mädchen mit braunen Haaren, samtbraunen Augen und einem Kussmund zu denken, der selbst einen Mönch in heftige Versuchung geführt hätte.

Nachdem ihn das Klinikpersonal am vergangenen Abend aus Emilys Zimmer gescheucht hatte, war Shane nach Hause gegangen. Er hatte sich ein kaltes Bier genehmigt und war im Dunkeln auf dem Deck auf und ab gewandert. Dabei hatte er darüber nachgedacht, was er alles über Emily erfahren hatte.

Die Krankenschwestern hatten ihm erzählt, dass die Familie Barone und ihr Eiscremeimperium Baronessa in letzter Zeit häufig Gegenstand von Presseartikeln gewesen waren.

Zum Beispiel hatten sich die Skandalblätter auf einige pikante Fotos gestürzt, auf denen wohl eine von Emilys Cousinen mit einem PR-Menschen von Baronessa zu sehen war. Dann war da noch eine Geschichte über Eis gewesen, in das jemand Habanero-Pfeffer gemischt hatte. Außerdem hatte Shane erfahren, dass Emily eine ältere Schwester und zwei ältere Zwillingsbrüder hatte.

Einen der beiden hatte er bereits kennengelernt und sofort festgestellt, dass er ihn nicht mochte. Als er in das Krankenzimmer gekommen war und gesehen hatte, wie dieser Derrick Emily behandelte, hatte Shane seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten müssen, um ihn nicht am Kragen zu packen und hinauszuwerfen. Zum Glück hatte die Krankenschwester den Lackaffen zum Telefon gerufen, und nachher hatte die Ärztin verboten, dass noch jemand das Zimmer betrat.

Die ganze Nacht über hatte Shane kein Auge zugetan. Er hatte sich Gedanken darüber gemacht, Emily könnte aufwachen, ohne dass er bei ihr wäre und ohne zu wissen, wer sie war und was ihr zugestoßen war. Natürlich, ihre Eltern würden sich um sie kümmern. Aber das minderte Shanes Besorgnis nicht.

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und stürzte den Rest des Kaffees hinunter. All das ging ihn überhaupt nichts an. Er hatte nur seinen Job erledigt, als er Emily aus dem brennenden Gebäude geholt hatte. Ihre Verletzungen waren nicht lebensgefährlich. Sie hatte eine Familie, die für sie da war.

Für Emily würde alles wieder gut werden. Er zuckte die Achseln. Es ging ihn nichts weiter an.

„Kann ich dir noch etwas holen, Liebes? Ein Glas Wasser? Oder vielleicht ein Kissen?“

Emily sah die Frau an, die neben ihrem Bett saß. Sie war blond und trug eine modische Kurzhaarfrisur. Ihre Augen waren blassblau und von kleinen Fältchen umrahmt. Zwar trug sie noch immer das Kostüm, das sie am vorigen Abend in der Oper angehabt hatte, dennoch sah sie aus, als wäre sie gerade eben einer Luxuslimousine entstiegen. Die schlichte Perlenkette stand ihr hervorragend, fand Emily. Die Frau war groß, elegant und sehr schön.

Es war ihre Mutter. Emily wusste das, aber es kam ihr so vor, als sähe sie diese Frau zum ersten Mal in ihrem Leben.

„Es geht mir gut, wirklich“, sagte Emily. „Danke.“

„Das hat sie dir schon vor fünf Minuten gesagt, als du sie genau dasselbe gefragt hast“, bemerkte ein Mann, der sich gerade vom Fenster abwandte. „Lass sie ausruhen, Sandra.“

Das war ihr Vater, Paul Barone. Er war nicht groß, aber schwer und sehr kräftig gebaut. Wenn ihre Mutter ihr nicht gesagt hätte, dass er Anwalt war, hätte Emily gedacht, er sei ein ungewöhnlich gut gekleideter Rausschmeißer. Sein dunkles Haar wurde dünn, seine Augenbrauen waren buschig. Bisher hatte er kaum drei Sätze gesagt, sich jedoch sehr aufmerksam umgesehen.

Am frühen Morgen hatte Emily eine ganze Reihe von Untersuchungen über sich ergehen lassen, darunter Gehirnscan und Blutabnahme. Dutzende von Fragen waren ihr über ihre Vergangenheit gestellt worden. Sie hatte keine einzige beantworten können. Dr. Tuscano war sehr gründlich gewesen und hatte schließlich erklärt, ihre Patientin sei bei bester Gesundheit – bis auf eine Einschränkung: Amnesie.

Emily hatte zuerst Schwierigkeiten damit gehabt, mit dem Begriff etwas anzufangen. Es war eine Sache, ungefähr zu wissen, was das war, und eine ganz andere, es zu erleben.

Dr. Tuscano hatte ihr und ihren Eltern versichert, dass eine vorübergehende Amnesie nach einem schweren Trauma nichts Besorgniserregendes sei. Das emotionale Trauma sei dafür mindestens ebenso verantwortlich wie das körperliche. Zwar wusste niemand, was wirklich geschehen war, aber wahrscheinlich war Emily vor dem Feuer geflohen, als die Decke über ihr eingestürzt war.

Wann ihr Erinnerungsvermögen zurückkehren würde, blieb abzuwarten.

Ein junger Mann brachte einen großen Blumenstrauß herein. Es war schon der zweite heute. Emilys Mutter nahm die Blumen in Empfang und sah auf die daran befestigte Grußkarte.

„Von Claudia“, sagte sie. „Sie war gerade auf einer Konferenz in Washington, D.C., aber sie hat den ersten Flug hierher genommen, als wir angerufen haben. Claudia macht sich große Sorgen um dich, und Daniel natürlich auch. Er kommt mit dem Auto aus Manchester. Ich habe ewig gebraucht, ihn zu erreichen, aber du weißt ja, wie er ist.“

Nein, das wusste Emily nicht. Sie kannte Daniel überhaupt nicht. Inzwischen hatte man ihr gesagt, dass sie eine Schwester namens Claudia und einen Bruder namens Daniel hatte, der Derricks Zwilling war. Bei dem Gedanken, all diese fremden Menschen würden hier hereinstürzen und sie mit Fragen überhäufen, bekam Emily wieder Kopfschmerzen.

Sie schloss die Augen und dachte an Shane. Er war der einzige vertraute Mensch auf der ganzen Welt. Gestern Abend war er bei ihr geblieben, bis sie eingeschlafen war. Emily wusste, dass es albern war, aber sie wünschte, er wäre auch bei ihr gewesen, als sie aufwachte.

Bei dem Gedanken, ihn wahrscheinlich nie mehr wiederzusehen, fühlte sie einen stechenden Schmerz.

„Oh, ich habe etwas Falsches gesagt!“ Ihre Mutter klang besorgt. „Es tut mir so leid! Ich … ich bin ein bisschen müde, und wenn ich dich hier so liegen sehe und daran denke, dass du beinahe …“ Sie brach ab. „Ich liebe dich so sehr!“

Emily konnte das Gefühl nicht erwidern, aber sie nahm die Hand ihrer Mutter. „Es ist gut zu wissen, dass ich eine Familie habe. Menschen, die sich um mich kümmern. Warum fahren du und … Dad nicht nach Hause und ruht euch aus? Ihr könnt ja heute Nachmittag wiederkommen.“

„Aber ich kann dich doch hier nicht allein lassen! Ich …“

„Sandra.“ Ihr Vater legte ihrer Mutter die Hand auf die Schulter. „Emily muss sich auch ausruhen. Das kann sie nicht, wenn wir sie nicht in Ruhe lassen. Wir kommen später wieder.“

„Wahrscheinlich hast du recht.“ Emilys Mutter standen Tränen in den Augen. „Wir müssen auch duschen und uns umziehen. Diese Absätze bringen mich noch um.“

„Mir geht es gut.“ Emily zwang sich zu lächeln. „Wirklich.“

Sandra seufzte, beugte sich vor und küsste ihre Tochter auf die Stirn. „Wenn du irgendetwas brauchst, ruf an. Wir können in zwanzig Minuten hier sein. Ich sage Annie, dass sie mich wecken soll, falls ich schlafe. Mach dir keine Sorgen um …“

„Sandra, es reicht.“ Paul nahm den Arm seiner Frau, dann gab er seiner Tochter ebenfalls einen Kuss auf die Stirn. „Wir kommen in ein paar Stunden wieder. Versuch zu schlafen. Du wirst deine Kraft brauchen, wenn der Rest der Bande hier einfällt.“

Als sie endlich allein war, atmete Emily tief durch. Ihre Kopfschmerzen waren schlimmer geworden. Eigentlich war sie nicht müde, aber bei dem Gedanken an all die Menschen, die sie besuchen wollten, wurde der Schmerz noch stärker.

Sie musste etwas tun. Vielleicht sollte sie aufstehen. Wenn sie nur etwas unternahm – irgendetwas. Dann würde sie mit allem besser fertig werden.

Vorsichtig und langsam schwang sie ihre Beine zur Seite und stellte die Füße auf den Boden. Das Blut hämmerte schmerzhaft gegen ihre Schläfen, aber dann wurde es besser. Zufrieden mit ihrem Fortschritt, stützte Emily sich mit den Händen ab und stand auf.

Nicht schlecht, dachte sie, obwohl ihre Beine ein wenig zitterten. Schwindlig war ihr auch. Emily beschloss, vorsichtig ein paar Schritte zu gehen und sich dann wieder hinzulegen.

Sie kam bis zum Fußende des Bettes. Vielleicht machte ihr Erfolg sie unvorsichtig, als sie sich umdrehte – oder zumindest dachte sie, dass sie sich umdrehte.

In Wirklichkeit gaben ihre Beine unter ihr nach.

Ihr Kopf war nur noch wenige Zentimeter vom Boden entfernt, als ein Paar starke Arme sie auffingen.

„Hoppla!“ Shane hob sie hoch und hielt sie dicht an seinen Körper. „Warum sind Sie nicht im Bett?“

„Ich wollte mir die Beine vertreten.“

Absolut großartige Beine, dachte Shane, der sie eingehend betrachtete. Das weiße Krankenhausnachthemd reichte bis zur Mitte ihrer Oberschenkel und war alles andere als Reizwäsche, aber das störte ihn keineswegs. Stattdessen spürte er, wie sein Puls zu hämmern begann.

Er hielt sie jetzt zum zweiten Mal in den Armen. Das erste Mal war es rein beruflich gewesen, und er hatte an andere Dinge zu denken gehabt. Dieses Mal war es anders, und alles, woran er denken konnte, war Emily.

„Ist das eine Angewohnheit von Ihnen, Mr Cummings?“, fragte sie. „Junge Damen in Not zu retten?“

„Ich war nur zufällig in der Nähe.“ Sie ist leicht wie eine Feder, dachte er. Aber sie hatte ja auch fast nichts an. Ihre Haut war weich und seidig. Warm. Er sollte sie auf das Bett legen. Das sollte er wirklich.

„Zufällig in der Nähe meines Zimmers?“, fragte sie.

„Zufällig im Krankenhaus. Die Ärzte wollten noch einmal meine Lunge untersuchen.“

Das stimmte sogar. Dr. Tuscano hatte ihm dazu geraten. Aber er hätte sich eine der anderen Kliniken aussuchen können, die allesamt näher beim Jachthafen lagen. Das galt sogar fürs Carney Hospital. Stattdessen war er wieder hierher nach Brookline gefahren.

„Und, wie geht es ihr?“

Wie hübsch sie ist, dachte er. Nicht so makellos wie ein Supermodel, aber gottverdammt hübsch. „Wie geht es wem?“

„Ihrer Lunge.“

„Ach ja. Richtig. Gut.“

„Shane.“ Sie sah ihm in die Augen und errötete leicht. „Sie können mich jetzt absetzen.“

Vorsichtig ließ er sie aufs Bett hinunter, dann trat er einen Schritt zurück. „Und wie geht es Ihnen?“

„Gar nicht so schlecht.“ Sie zog sich die Decke über die Beine. „Obwohl, als ich das erste Mal aufgewacht bin, habe ich mich gefragt, ob Sie mich vielleicht aus dem Fenster geworfen haben, statt mich herunterzutragen. Ist die für mich?“

Shane blickte auf die einzelne Rose, die am Fußende des Bettes lag. Als er hereingekommen war, hatte er sie dort hingeworfen. Jetzt, da er die zwei riesigen Blumensträuße sah, die sie bekommen hatte, kam er sich albern damit vor.

„Unten gibt es einen Verkaufsstand, da bekommt man so was“, sagte er achselzuckend. „Der Erlös geht in die Kinderabteilung. Für Spielzeug und Spiele.“

„Sie ist schön.“ Emily nahm die Rose, hielt sie an die Nase und schnupperte. „Vielen Dank.“

Der Kontrast, den das Rot der Rose gegen ihre helle Haut bildete, ließ Shane heftig schlucken. Himmel noch mal, was machte er überhaupt hier? Als ob das irgendwo hinführen könnte! Er wusste, wer die Barones waren. Jedem, der im Umkreis von Boston lebte, war der Name ein Begriff. Was Shane in sechs Monaten verdiente, war für die Barones nur Kleingeld.

„Ich habe mich noch nicht einmal richtig dafür bedankt, dass Sie mir das Leben gerettet haben.“ Emily streckte die Hand aus. „Vielen Dank!“

„Gern geschehen.“ Emilys Hände waren zierlich und zart wie ihre ganze Erscheinung. Ihre Finger waren lang und schmal, die Nägel kurz. Ihre Hand fühlte sich kühl an.

Verlangen durchschoss ihn, und er ließ ihre Hand schnell los. „Ich sollte gehen, damit Sie sich ausruhen können.“

„Nein, bitte bleiben Sie!“ Plötzlich verlegen, sah Emily weg. „Entschuldigen Sie. Es ist nur so, dass … Sie sind der einzige Mensch, der mir vertraut ist. Es ist ein bisschen überwältigend.“

„Können Sie sich denn an gar nichts erinnern?“

Emily schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur, was meine Eltern mir mitgeteilt haben. Die Ärztin dachte, es würde mir helfen, wenn sie mir von mir erzählen würden – wie komisch das klingt! So habe ich erfahren, dass ich bei Baronessa als Sekretärin meines Bruders Derrick arbeite. Dass ich erst vor ein paar Tagen zusammen mit meiner Mutter ein Geschenk für meinen Vater gekauft habe, der bald Geburtstag hat. Dass ich in einer Wohnung nahe bei meinem Arbeitsplatz wohne. Dass ich gern Pasta und Schoko-Éclairs esse. Dass man mich Em nennt.“ Sie schloss die Augen und lehnte ihren Kopf ans Kopfkissen. „Aber ich habe nur Kopfschmerzen davon bekommen.“

„Dann hören Sie auf, daran zu denken.“ Er setzte sich rittlings auf den Stuhl neben ihrem Bett. „Lassen Sie ihren Geist dahin wandern, wo Sie lieber wären.“

„Wohin denn, zum Beispiel?“

„Eine ruhige Bucht, irgendwo. Nein, nicht die Augen öffnen! Oder eine Insel in der Karibik.“

„Eine Insel wäre nett.“ Gehorsam ließ sie die Lider geschlossen. „Wie sieht es da aus?“

„Viele Palmen. Sie können hören, wie die Palmwedel im Wind rascheln und wie die Wellen an den Strand schlagen. Das Wasser ist so klar, dass sie einen Schwarm kleiner gelber Fische sehen können, die nahe beim Ufer hin und her flitzen. Der Himmel ist tiefblau.“

„Da ist eine einzige Wolke am Himmel“, fiel Emily ein. Shane sah, wie sich ihre Schultern entspannten. „Sie hat die Form eines Schmetterlings.“

Shane beugte sich vor und fuhr mit leiserer Stimme fort: „Der Sand ist weich und warm unter Ihrem Rücken. Weit und breit ist kein Mensch außer Ihnen.“

„Aber Sie sind da“, flüsterte sie. „Sie schwimmen gerade.“

Der Gedanke, mit Emily allein auf einer karibischen Insel zu sein, beschleunigte seinen Pulsschlag. „Das Wasser ist traumhaft“, fuhr er fort. „Sie könnten auch schwimmen gehen.“

„Ich weiß gar nicht, ob ich schwimmen kann. Ich kann mich nicht erinnern.“

„Dann bringe ich es Ihnen bei. Ich könnte …“

„Emily?“

Unsanft aus ihrer Inselfantasie gerissen, schlug Emily die Augen auf. Sie sah eine junge Frau hereinstürmen. Shane stand auf und trat beiseite.

„Emily, Gott sei Dank, dass du noch lebst!“ Die junge Frau ergriff ihre Hand. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht, seit Mom angerufen hat! Daniel ist auch hier, aber ich habe ihm gesagt, er soll mich vor dem Eingang absetzen, bevor er einen Parkplatz sucht. Oh Liebes, du bist so blass!“

Die Augen der Frau waren so tiefblau wie ihr Kostüm. Groß und schlank, etwa Ende zwanzig. Sie hatte ihre blonde Mähne hochgesteckt, doch einige Strähnen hatten sich aus der Haarklammer befreit und umrahmten ihr schönes Gesicht.

Ein Mann betrat das Zimmer. Er war groß und schlank, seine Augen glichen denen der jungen Frau. Das musste Daniel sein, dachte Emily. Derricks Zwillingsbruder. Die beiden waren sich aber zu unähnlich, um eineiige Zwillinge zu sein. Obwohl er Freizeitkleidung trug – eine schwarze Bundfaltenhose und ein weißes Polohemd – umgab ihn die Aura von Reichtum.

„Hallo, Em.“ Er sprach gelassen, doch Emily sah die Besorgnis in seinen Augen. „Was macht der Kopf?“

Er begann wieder zu schmerzen. „Es geht mir schon wieder besser.“

„Weißt du, wer ich bin?“, fragte er vorsichtig.

„Du bist mein Bruder Daniel.“ Emily sah ihn an und entdeckte die Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Vater. Dann sah sie die junge Frau an, die das Haar und die Augen ihrer Mutter hatte. „Und du bist meine Schwester Claudia.“

Claudia lächelte und umarmte Emily. Dann warf sie ihrem Bruder einen triumphierenden Blick zu. „Siehst du, ich habe dir ja gesagt, sie weiß, wer wir sind.“

„Natürlich weiß sie, wer wir sind. Mom hat ihr schließlich gesagt, dass wir kommen. Die Frage ist …“ Daniel hob eine Augenbraue. „ Erinnert sie sich?“

„Natürlich erinnert sie sich, Dummkopf. Wie könnte sie sich denn nicht an ihren Bruder und …“ Claudia hielt inne. „Oh mein Gott. Du erinnerst dich nicht an uns, oder?“

Emily wünschte sich inständig, mit Shane auf dieser Insel zu sein. Sie konnte die Blicke und Fragen kaum noch ertragen. „Das ist nur vorübergehend. Es … es tut mir leid.“

„Natürlich, das geht vorbei!“ Claudia drückte Emilys Hand. „Wir sind ja so erleichtert, dass es dir gut geht! Und darüber, dass die Feuerwehrleute dich rechtzeitig herausgeholt haben!“

„Shane hat mich gefunden.“ Emily blickte in seine Richtung.

Er war nicht mehr da.

„Wer?“ Claudia sah über ihre Schulter.

„Shane. Der Feuerwehrmann, der mich aus dem Gebäude getragen hat.“

„Wo ist er denn hin?“, fragte Daniel. „Ich will mich bei dem Mann bedanken, der meine kleine Schwester gerettet hat.“

Emily hielt die einzelne Rose in beiden Händen und starrte auf die offene Zimmertür. „Er ist weg.“

3. KAPITEL

Emily lag auf einer Gartenliege am Swimmingpool ihrer Eltern. Sie hielt ein Glas kalten Pfefferminztee in der Hand, auf ihrem Schoß lag ein aufgeschlagenes Taschenbuch.

Es war ein warmer Tag im Mai. Der Duft von Rosen und Jasmin lag in der Luft. Große Topfpflanzen umrahmten die Ziegelsteinterrasse, Wasser sprudelte aus dem Maul eines Bronzedelfins und plätscherte dann sanft über die drei Ebenen eines Springbrunnens.

Man hatte Emily gesagt, dass sie selbst ihrer Mutter den Springbrunnen geschenkt hatte. Dass sie mitgeholfen hatte, die Blumen zu pflanzen, die sie von der Liege aus sehen konnte. Dass sie erst einige Tage zuvor bei ihren Eltern vorbeigekommen war, um ihnen Fotos zu zeigen, die sie an Ostern geschossen hatte.

Man hatte ihr Fotoalbum nach Fotoalbum gezeigt, Videofilme von Familienfesten, Bilder ihrer Wohnung. Man hatte ihr ihre Lieblingsgerichte aufgetischt und ihr Musik aus der Oper Carmen vorgespielt, die sie erst vor Kurzem zusammen mit ihren Eltern besucht hatte.

Emily erinnerte sich an nichts von alledem.

Vor fünf Tagen war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden. Dr. Tuscano hatte sich eingehend davon überzeugt, dass ihrer Patientin physisch absolut nichts fehlte. Emilys Kopfwunde verheilte schnell, die Kopfschmerzen waren verschwunden, und von den Prellungen blieben nur noch ein paar blaue Flecke, die schnell verschwinden würden.

Wie seltsam es gewesen war, in den Spiegel zu schauen und eine Fremde zu erblicken! Emily war zwar darauf gefasst gewesen, aber sie hatte sich trotzdem erschreckt und auch ein wenig gefürchtet. Vorsichtig hatte sie ihr kinnlanges braunes Haar, ihre Lippen und ihre Wangen berührt. Sie musste sich immer wieder überzeugen, dass all das die Wirklichkeit war. Kein Traum.

Oder ein Albtraum.

Aber Shane war Wirklichkeit. Das wusste sie ganz sicher. Nach seinem letzten Besuch hatte sie ihn zwar nicht wiedergesehen, er hatte auch nicht angerufen, aber es gab ihn wirklich. Emily sehnte sich danach, ihn zu sehen. Nur noch ein einziges Mal. Ihre Familie hatte es natürlich nur gut gemeint, als sie Emily mit Zuwendung überhäuft hatte, aber sie war immer noch verwirrt, unsicher und verängstigt. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Wenn Shane nur hier wäre!

Lassen Sie Ihren Geist dahin wandern, wo Sie lieber wären.

Das hatte er gesagt, und genau das tat Emily jetzt. Sie wanderte auf ihre Insel in der Karibik. Der Gesang der Vögel im Garten ihrer Mutter und das Plätschern des Springbrunnens halfen ihr dabei. Emily fühlte den warmen Sand unter ihrem Rücken. Sie hörte, wie die Wellen an den Strand schlugen, und sah die großen Hibiskusblüten im Wind schwanken. Die Sonne berührte schon den Horizont und verwandelte den Ozean in ein Meer aus Glut. Shane kam aus dem Wasser. Emily betrachtete das Spiel seiner Muskeln an Schultern und Armen, als er sich mit den Händen durchs Haar fuhr. Er hatte den Körper eines Athleten.

Eines Leistungsschwimmers, dachte Emily, als er auf sie zukam. Seine Shorts klebten an seiner Haut. Das ließ nicht sehr viel Spielraum für Fantasie. Sie lächelte. Oh doch, sehr viel Spielraum für Fantasie …

Jetzt stand er über ihr. Sie nahm seine ausgestreckte Hand, er zog sie hoch und beugte sich zu ihr hinunter, während sie das Gesicht zu ihm emporhob. Sein Mund war sanft und schmeckte nach frischer Luft und Meer. Als seine Zunge in ihren Mund eindrang, schlang sie ihm die Arme um den Hals und verlor sich in dem langen, heißen Kuss. Seine Arme, nass und stark, hielten sie umfangen, zogen sie …

„Emily!“ Die fröhliche Stimme von Sandra Barone. „Ich bringe dir eine Suppe und ein paar Sandwiches!“

Abrupt aus ihrer Fantasie gerissen, verschüttete Emily ihren Pfefferminztee. Ihr Herz schlug rasend schnell.

„Ach du meine Güte!“ Sandra setzte das Tablett auf einem zierlichen Glastisch neben der Liege ab und reichte ihrer Tochter eine Serviette. „Es tut mir so leid, dass ich dich erschreckt habe! Ich dachte, du hättest mich kommen gehört.“

„Das macht nichts.“ Emily stellte das Glas ab und wischte dann den verschütteten Tee auf. „Ich muss wohl eingeschlafen sein.“

„Na, das hoffe ich!“ Ihre Mutter schob den Glastisch näher zur Liege hin. „Ich höre, wie du nachts durchs Haus wanderst. Und du hast weniger gegessen als ein Spatz. Ich habe dir Eiersalat gemacht und Minestrone. Du hast meine Minestrone immer sehr gemocht.“

Obwohl sie überhaupt keinen Hunger hatte, nahm Emily einen Löffel von der dampfenden Suppe und lächelte. „Sie ist köstlich!“

„Emily.“ Sandra setzte sich auf den Rand der Liege. „Du konntest deine Gefühle noch nie sehr gut verbergen. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht an mich, aber ich bin trotzdem deine Mutter. Du musst mir nichts vormachen.“

„Es ist jetzt eine Woche her.“ Emily starrte den Löffel an und sah dann ihrer Mutter in die Augen. „Ich erinnere mich immer noch an überhaupt nichts. Nicht an dich, nicht an Dad. Nicht an dieses Haus. An gar nichts.“

„Es wird sicher bald besser, Liebes“, versicherte Sandra. „Einige Dinge brauchen eben ihre Zeit.“

„Und was, wenn es nicht besser wird?“ Emily sprach sehr leise. „Wenn ich mich nie mehr erinnere?“

Sandra schob Emily eine ihrer Haarsträhnen hinters Ohr. Die Geste einer Mutter. Sanft und liebevoll, dachte Emily. Und trotzdem – außer Dankbarkeit empfand sie überhaupt nichts für diese Frau.

„Warum lassen wir es nicht einfach langsamer angehen?“, fragte Sandra. „Wir haben dich in den letzten Tagen ständig bestürmt. Vielleicht sollten wir dir einfach mehr Raum zum Atmen lassen. Vielleicht kannst du dir selbst am besten helfen. Wenn dein Kopf nicht zu dir spricht, warum hörst du nicht einfach auf dein Herz?“

„Danke.“ Emily lächelte ihre Mutter an. Diesmal machte sie ihr nichts vor. „Das wäre sicher gut.“

Sandra küsste Emily auf die Wange und stand dann auf. „Das heißt aber nicht, dass ich mir keine Sorgen mehr um dich mache oder aufhöre, dich ein bisschen zu bemuttern. Genauso gut könntest du erwarten, dass die Sonne morgen nicht mehr aufgeht oder dass Mrs Carmichael ihren Pekinesen aus meinem Vorgarten fernhält. Jetzt gehe ich, damit du in Ruhe deine Suppe essen kannst. Ach, und sei doch bitte so höflich, und beiß wenigstens einmal vom Sandwich ab, ja? Wenn ich vielleicht auch sonst nichts im Leben geleistet habe – ich habe meinen Kindern Manieren beigebracht.“

Hoch aufgerichtet, ging Sandra davon.

Um ihr einen Gefallen zu tun, knabberte Emily an einem Sandwich und beobachtete dabei einen kleinen Vogel, der im Springbrunnen badete. Er schüttelte schließlich seine Federn aus und flog weg.

Warum hörst du nicht einfach auf dein Herz?

Und was hatte ihr Herz ihr zu sagen?

Unternimm etwas. Sitz nicht hier herum. Du musst etwas tun.

Aber was?

Die Antwort kam sofort und unmissverständlich.

Kekse.

Emily lächelte, stand auf und machte sich auf den Weg in die Küche.

„Verdammt noch mal, Shane, wann wirst du endlich kochen lernen?“

Shane grinste, stellte den großen Herd der Feuerwache auf Höchsttemperatur und warf Matt ein Paket tiefgefrorener Pepperoni-Pizza zu.

„Ich koche doch“, entgegnete er und griff nach einer anderen Packung. „Und wenigstens weiß jeder sofort, was es ist. Es sind immer noch Wetten offen darüber, ob das Fleisch, das du letzte Woche gebraten hast, Rindfleisch oder Huhn war.“

„Sehr witzig.“ Matt riss die Packung auf. „Du weißt verdammt genau, dass es Fisch war.“

„Fisch? Mist, dann habe ich gerade fünf Dollar verloren!“

„Das Rezept stammt von meiner Urgroßmutter“, erklärte Matt beleidigt. „Sie hat dieses Gericht jedes Frühjahr zubereitet, damit wir eine gute Ernte bekommen.“

„Aha, jetzt weiß ich, was du falsch verstanden hast!“, erwiderte Shane. „Man soll das Zeug gar nicht essen, man soll es eingraben!“

„Pass bloß auf, Cummings!“ Matt sammelte die leeren Kartons ein. „Mach dich nicht über Familientraditionen lustig!“

Shane zuckte die Achseln. Wie konnte er sich über etwas lustig machen, wovon er keine Ahnung hatte? Seine Eltern waren beide tot, und die einzige Tradition, die er kannte, war die Veranstaltung, die sein Onkel jedes Jahr am St. Patrick’s Day abhielt. Niemand durfte das Lokal betreten, wenn er nicht Grün trug. Das Essen war grün, das Bier war grün. Es war jedes Mal sehr laut, kam zu kleineren Ausschreitungen, und jeder fühlte sich als Ire, egal, woher er stammte. Das war alles, was Shane an Familie hatte und an Traditionen kannte.

„Außerdem: Lass dir was Besseres einfallen als den Pudding in Plastikbechern, den du gestern aufgetischt hast“, brummte Matt auf dem Weg zur Küchentür. „Oder wir graben dich ein.“

„Gestern war es Schokoladenpudding“, rief Shane ihm nach. „Heute gibt es Vanillepudding!“

„Ich gehe schon mal meine Schaufel holen!“, gab Matt zurück.

Na gut, dann kann ich eben nicht kochen, dachte Shane. Wozu sollte das auch gut sein? Er kam mit Tiefkühlgerichten und Fast Food bestens zurecht.

Aber die Kollegen hatte sich in letzter Zeit wirklich oft über das beschwert, was er ihnen vorsetzte. Vielleicht sollte er sich doch ein bisschen mehr Mühe geben, damit sie endlich den Mund hielten. Wenigstens mit dem Nachtisch.

Er ging in die Speisekammer. Vielleicht fand er ja etwas, womit er den Pudding aus dem Supermarkt so herrichten konnte, dass sie ihn nicht als das erkannten, was er war.

Er ließ seinen Blick über die Regale schweifen. Pasta. Erbsen. Thunfisch. Maisöl. Oliven. Alles nicht geeignet für irgendwelche Dessertkreationen.

Ich bin ein toter Mann, dachte er.

Dann erspähte er die Großpackung Cracker. Bingo. Man könnte einfach die Cracker in eine Pfanne legen, die Puddingbecher darüber ausleeren, und dann … was dann? Baisers! Dazu brauchte man Eier, richtig? Also einfach ein paar Eier darüber, vielleicht nur das Eiweiß … musste man Baisers nicht kochen? Oder braten?

„Shane?“

Eine sanfte weibliche Stimme ließ ihn herumfahren. ...

Autor

Barbara Mc Cauley

Barbara McCauley hat bis jetzt 17 Romances geschrieben, von denen viele auf den amerikanischen Bestsellerlisten erschienen. Für ihre besonders lebendigen, mitreißenden Liebesromane hat sie den Livetime Achievement Award und einige andere begehrte Auszeichnungen erhalten. Barbara lebt im sonnigen Kalifornien. Sie ist eine leidenschaftliche Gärtnerin und verbringt ihre Freizeit am liebsten...

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