Heiße Flammen der Versuchung

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Diesmal ist der Feuerwehrmann selbst entflammt. Tyler brennt geradezu für Emily, die er aus einem explodierenden Büro retten konnte. Doch die schöne Erbin hat ihr Gedächtnis verloren. Wird sie für ihn nur eine glühende, unerfüllte Versuchung bleiben, wenn sie sich erinnert?


  • Erscheinungstag 27.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543033
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Leseprobe

Barbara McCauley

Heiße Flammen der Versuchung

1. KAPITEL

Emily Barone stand in einem kleinen Kopierraum des Unternehmes Baronessa. Ein Blatt schob sich langsam aus dem Ausgabeschlitz und legte sich über die drei Kopien, die Emily bereits gemacht hatte.

Das ist alles nicht wahr, sagte sie sich zum hundertsten Mal. Das kann einfach nicht wahr sein.

Aber tief in ihrem Innersten wusste sie, dass die Beweise, die auf Derricks Schuld hindeuteten, unumstößlich waren. Es gab keine Entschuldigung für das, was ihr Bruder getan hatte. Und schon gar nicht für das, was er anscheinend noch plante.

Ihre Hand zitterte, als sie das Blatt Papier ergriff, das den unwiderlegbaren Beweis darstellte: Derrick wollte geheime Eisrezepte der Familie Barone an die Konkurrenz verkaufen.

Er war sehr darauf bedacht gewesen, keinen Verdacht zu erregen. Als Sekretärin ihres Bruders wusste Emily das genau. Selbst ihr wäre nicht das Geringste aufgefallen, hätte sie nicht heute Morgen zufällig einige Fetzen eines fast geflüsterten Telefonats mitbekommen, das Derrick über seine Privatleitung geführt hatte.

Was Emily gehört hatte, war ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Als Derrick wenig später sein Büro verlassen hatte, war sie kurz entschlossen hinübergegangen und hatte die Wiederwahltaste gedrückt. Am anderen Ende hatte sich jemand von der Firma Snowcream gemeldet, Baronessas Hauptkonkurrenten.

Danach hatte Emily warten müssen, bis niemand außer ihr mehr im Gebäude war. Sie hatte fast eine Stunde gebraucht, um das Schloss an Derricks Schreibtisch aufzubrechen. Dann hatte sie ausführliche Notizen über ein Gespräch zwischen ihrem Bruder und Grant Summers, dem Vorstandsvorsitzenden von Snowcream, gefunden. Im selben Ordner, auf anderen Papieren, waren Orte und Zeiten von Treffen zwischen Derrick und Summers aufgelistet. Aufgeführt waren auch die Geldsummen, die Derrick für die Informationen erhalten würde, sowie die Nummer des Schweizer Kontos, auf das die Beträge überwiesen werden sollten.

Emily schluckte und kämpfte mit den Tränen. Wie naiv sie doch war. Mit vierundzwanzig Jahren glaubte sie immer noch an das Gute im Menschen. Den ganzen Tag über hatte sie gehofft, sie hätte alles nur missverstanden, und Derrick wäre ein ehrlicher Mensch, der nie jemanden bestehlen würde. Schon gar nicht die eigene Familie.

Ein Glück nur, dass ihr Vater, Paul Barone, nicht in das Eisgeschäft eingestiegen war, das Großvater Marco vor über einem halben Jahrhundert gegründet hatte. Stattdessen war er Anwalt geworden. Allein der Gedanke, ihren Eltern die Beweise vorzulegen, war Emily unerträglich. Es würde ihre Mutter umbringen, wenn sie erfuhr, dass Derrick ein Dieb war.

Aber ihre Eltern mussten es ja nicht unbedingt erfahren. Emily schaltete den Kopierer aus. Baronessa wurde von Onkel Carlo, dem Bruder ihres Vaters, geleitet. Ihm musste Emily die Beweise vorlegen, da hatte sie keine Wahl. Doch vielleicht würde Onkel Carlo eine Möglichkeit finden, Derrick ohne viel Aufhebens aus seiner Position als Vizepräsident der Abteilung Qualitätssicherung zu entfernen und alle Spuren zu verwischen, damit es keinen Skandal gab.

Onkel Carlo würde wissen, was zu tun war, da war Emily sicher. Mit seiner dröhnenden, tiefen Stimme war er manchmal ein wenig einschüchternd, aber er hatte ein gutes Herz, liebte seine Frau und seine Kinder und kümmerte sich um die ganze weitverzweigte Familie.

Irgendwo im Gebäude fiel eine Tür ins Schloss. Emily fuhr zusammen, griff mit zitternder Hand zum Lichtschalter und löschte das Licht. Sie stand im Dunkeln und horchte. Ein leises Schlurfen war zu hören, dann nichts mehr.

Verstohlen schlich sie zu der Jalousie, die den Blick aus dem kleinen Kopierraum ins Büro nebenan versperrte, und hob vorsichtig eine Lamelle an. Auch im Dunkeln erkannte sie die Silhouette eines großen, schlanken Mannes an einem der Schreibtische. Großer Gott, es war Derrick!

Emily ließ die Lamelle los und trat zurück. Sie war noch nie eine gute Lügnerin gewesen. Wenn Derrick sie hier erwischte, würde ihr garantiert keine plausible Ausrede einfallen. Er würde sie sofort durchschauen und furchtbar wütend werden. Sie konnte ihm einfach nicht gegenübertreten. Nicht, bevor sie mit ihrem Onkel gesprochen hatte.

Sie lehnte sich an die Wand und versuchte, so leise wie möglich zu atmen. Schließlich hörte sie, wie die Bürotür geschlossen wurde.

Erleichtert seufzte sie auf. Jetzt musste sie noch eine Weile warten, um sicher zu sein, dass Derrick nicht mehr im Gebäude war. Auf keinen Fall durfte sie riskieren, von ihm erwischt zu werden, wie sie den Ordner zurückbrachte. Blieb zu hoffen, dass sie ihm auch nicht begegnete, wenn sie mit den Kopien in der Hand das Haus verließ.

Nach etlichen Minuten herrschte immer noch Totenstille, bis auf das leise Ticken der Wanduhr und Emilys leises Atmen. Gott sei Dank! Sie würde noch etwa zwei Minuten warten, und dann …

Sie schnupperte.

Rauch?

Erschrocken tastete sie nach dem Lichtschalter. Als sie ihn endlich gefunden hatte, sah sie, wie Rauchschwaden unter der Tür hindurch in den kleinen Raum quollen.

Um Himmels willen!

Sie stieß die Jalousie beiseite. Im Büro schossen Flammen vom Schreibtisch bis zur Decke hoch und breiteten sich schnell im ganzen Raum aus.

Warum gab es keinen Feueralarm? Warum setzte die Sprinkleranlage nicht ein? Hatte Derrick etwa …

Nein! Sie konnte einfach nicht glauben, dass er zu so etwas fähig war! Rezepte stehlen, das war eine Sache. Aber Brandstiftung?

Emily schnappte sich ihre Handtasche, Derricks Ordner und den, der ihre Kopien enthielt. Die Originale konnte sie jetzt nicht mehr zurückbringen. Sie musste sofort hier raus!

Der Kopierraum hatte kein Fenster nach draußen, also blieb ihr nichts anderes übrig, als durch das brennende Büro zu rennen. Wenn sie es bis zum Fenster schaffte, konnte sie um Hilfe rufen. Sie befand sich im zweiten Stock. Sollte es zum Schlimmsten kommen – und sie betete darum, dass das nicht geschehen würde –, dann musste sie springen.

Sie atmete tief ein, öffnete die Tür und rannte los. Der Hitzeschwall hätte sie beinahe umgeworfen, doch sie fing sich und hastete weiter. Irgendwo draußen heulte eine Sirene. Sie kommen, dachte sie voller Hoffnung, sie sind schon bald hier.

Fliegende Funken versengten ihr Gesicht und Beine. Der Rauch drang ihr quälend in den Hals und in die Augen, doch sie schaffte es bis zu einem der Fenster und packte den Griff. Ein lautes Krachen hinter ihr ließ sie herumfahren. Entsetzt sah sie, wie die Zwischendecke einstürzte. Sie riss mittendurch, und ein Regen von Gips, Metallteilen und Fliesen krachte in die Flammen.

Emily rüttelte hektisch am Griff des Fensters, während der Riss in der Decke sich krachend in ihre Richtung verlängerte. Langsam ließ sie sich zu Boden sinken. Es gab nichts, was sie noch tun konnte.

„Hier ist Hemming Taylor für KLRT.“ Die hübsche blonde Reporterin hielt sich das Mikrofon dicht an den Mund und blickte in die laufende Kamera. „Wir sind als Erste vor Ort und berichten live aus Brookline, Massachusetts. Hinter mir verwüstet ein Feuer das Bürogebäude der Firma Baronessa. Der dritte Stock ist bereits völlig zerstört, und, wie Sie sehen können“ – sie wies hinter sich, die Kamera folgte ihrer Geste und fing eine Totale des brennenden Gebäudes ein –, „brennt auch schon der zweite Stock. Die Feuerwehr bemüht sich, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Laut einer unbestätigten Meldung befindet sich noch eine Frau im Gebäude. Nach unseren Informationen erfolgte etwa vor zehn Minuten …“

Eine Explosion veranlasste die Reporterin und das Kamerateam, schleunigst das Feld zu räumen. Autoalarmanlagen heulten los, Feuerwehrleute sprangen in Deckung.

Im Inneren des Gebäudes, im Treppenhaus zwischen dem ersten und dem zweiten Stock, schleuderte die Wucht der Explosion Shane Cummings gegen die Wand. Er fand sein Gleichgewicht schnell wieder und sah sich nach seinem Partner Matt um.

„Alles klar bei dir?“, brüllte Shane, während eine zweite, kleinere Explosion krachte.

Matt hob die Hand und deutete dann auf die Tür, die zum Bürotrakt des zweiten Stocks führte.

Gemeinsam rannten die beiden die Treppe hinauf. Shane wusste, dass es ein Wettlauf mit der Zeit war. Sie sollten eigentlich machen, dass sie hier herauskamen. Aber ein Wachmann, der im Gebäude gegenüber arbeitete, hatte geschworen, er habe eine Frau an einem Fenster gesehen. Zwei Minuten noch, sagte Shane sich und trat die Tür ein. Zwei Minuten und dann nichts wie raus.

„Sind übers Treppenhaus in den zweiten Stock vorgedrungen!“, brüllte Shane in sein Headset, um das Knattern der Flammen und das Poltern stürzender Trümmer zu übertönen. „Raumgröße fünfzehn mal zwanzig Meter, dichter Rauch, Decke eingestürzt. Versuchen, Fenster zu erreichen.“

„Negativ, Cummings.“ Chief Griffins raue Stimme knatterte im Kopfhörer. „Der dritte Stock ist total zerstört. Kommt sofort raus da.“

„Fünf Minuten!“ Shane sah zu Matt hinüber, der nickte. „Fünf Minuten, dann sind wir draußen.“

„Spiel nicht den Helden, Cummings, das ist ein Befehl! Ihr kommt beide raus, sofort!“

„Zwei Minuten“, erwiderte Shane. „Bringt eine Leiter ans Fenster, wir steigen dann dort raus!“

Chief Griffins Flüche und Drohungen in den Ohren, arbeiteten sich Shane und Matt geduckt zu den Fenstern vor. Sie mussten in hellen Flammen stehende Schreibtische umgehen. Wegen der vielen Trümmer war es zuerst unmöglich, zu sehen, ob bei den Fenstern jemand lag. Doch dann erspähte Shane zwei nackte Beine, die unter einem Haufen heruntergefallenen Schutts hervorragten.

„Hab sie!“, brüllte er. „Hier Cummings! Die Frau liegt etwa zwei Meter vom östlichen Fenster entfernt. Wahrscheinlich bewusstlos. Verstanden?“

Chief Griffin bestätigte. „Holt sie und kommt da raus, sofort!“

„Genau mein Plan. Over.“

Shane beeilte sich, die Trümmer beiseitezuwerfen. Mit Matts Hilfe legte er den reglosen Körper der Frau frei, dann hob er sie auf seine Arme und stand auf.

Sie war noch jung, wahrscheinlich Anfang zwanzig, und wog sicher weniger als fünfzig Kilo. Zwar war sie mit Staub und Ruß bedeckt, doch Shane sah keine Brandwunden in ihrem Gesicht oder an Armen und Beinen.

Sie öffnete die Augen, das Haar fiel ihr aus dem Gesicht. Er konnte Angst und Verwirrung darin lesen.

„Ich hab Sie!“, brüllte er. „Ist sonst noch jemand im Gebäude?“ Shane hoffte, sie würde Nein sagen.

Sie antwortete, aber er verstand kein Wort, denn das Gebäude erbebte unter einer weiteren Explosion. Er stolperte, biss die Zähne zusammen, fing sich und presste die junge Frau eng an sich, während Trümmer auf ihn herniederregneten. Sie drückte ihr Gesicht an seine Brust.

„Wir müssen zum Fenster raus!“, brüllte Shane. „Können Sie sich an mir festhalten?“

Sie nickte und schlang ihm die Arme um den Nacken.

Shane ging mit ihr hinüber zum Fenster und riss es auf. Von draußen drang der Lärm der arbeitenden Feuerwehrleute herein. Einzelne Stimmen brüllten, dann tauchte die Leiter auf.

„Los geht’s!“ Shane verlagerte das Gewicht der Frau, sodass sie jetzt über seiner Schulter lag. Dann kletterte er rücklings aus dem Fenster. Matt half ihm.

Shane hatte gerade eben den Erdboden erreicht, als eine weitere Explosion das zweite Stockwerk verwüstete. Alle Fenster barsten. Er ließ sich fallen und schützte den Körper der Frau mit seinem eigenen vor fliegenden Trümmern und Glasscherben. Sie zitterte und klammerte sich an ihm fest.

Erleichtert sah Shane, dass Matt ebenfalls in Sicherheit war. Eben rappelte er sich auf und zeigte ihm den hochgereckten Daumen. Shane umklammerte die Frau fester und trug sie eilig zum bereitstehenden Krankenwagen. Die Sanitäter legten sie sofort auf eine Trage und setzten ihr eine Sauerstoffmaske auf.

Sie öffnete die Augen und blickte Shane an. So klein und verletzlich sah sie aus. Ein dünnes Blutrinnsal lief ihr über die Stirn.

Chief Griffins Stimme riss Shane aus seinen Betrachtungen. „Cummings!“

Griffin, von stattlicher Größe und gebaut wie ein Stier, stürmte auf Shane zu. „Ich hatte dir gesagt, du sollst sofort da rauskommen, verdammt noch mal!“, röhrte er. „Dafür gehörst du suspendiert, ist dir das klar?“

Shane nahm den Helm ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Ich hatte gar keine …“

„Spar dir das! Du blutest! Geh rüber zum Krankenwagen, fahr mit und lass deine Wunden versorgen – und nachher will ich dich auf der Wache sehen!“

„Ja, Sir.“

Die Kamerateams schwirrten bereits um den Krankenwagen wie Heuschrecken. Shane fegte Mikrofone, die ihm ins Gesicht gehalten wurden, beiseite und setzte sich in den Wagen. Die Frau schien sich zu entspannen, als sie ihn sah. Er legte seine Hand auf ihre Finger. Sie lächelte schwach, schloss die Augen und verlor dann das Bewusstsein.

Fünf Sekunden später waren sie mit heulender Sirene auf dem Weg ins Krankenhaus von Brookline.

„Emily … Emily …“

Die Stimme eines Mannes riss Emily aus dem grauen Nebel, in dem sie gefangen gewesen war. Sofort wurden die Schmerzen schlimmer. Ihr Kopf tat weh, und ihre Lungen brannten.

„Emily, hörst du mich?“

Geh weg, wollte sie sagen. Aber sie konnte nicht sprechen. Sie konnte sich überhaupt nicht bewegen. Irgendwo im Hintergrund klingelte ein Telefon. Ein Mann rief nach einer Krankenschwester. Gummisohlen quietschten auf dem Fußboden.

Wo bin ich? fragte sie sich. Warum roch sie Rauch, Desinfektionsmittel und das Rasierwasser eines Mannes?

„Emily, wach auf! Hier ist Derrick!“

Derrick? Sie kannte niemanden, der Derrick hieß. Die Stimme war jetzt lauter als vorhin. Emily versuchte, die Augen zu öffnen, aber ihre Lider waren so schwer, und sie war so müde. Sie wollte einfach nur schlafen.

„Ich habe Mom und Dad angerufen“, erzählte der Mann. „Aber sie sind in der Oper. Emily, mach bitte die Augen auf und sage etwas!“

Ich will nicht reden, dachte Emily und wandte ihr Gesicht von der Stimme ab. Das Laken unter ihr war schön glatt, die Decke weich. Sie wollte einfach nur schlafen.

„Was hast du denn überhaupt um diese Zeit noch im Büro gewollt?“ Die Stimme war jetzt ein zischendes Flüstern. „Du hattest doch längst Feierabend!“

Emily hatte keine Ahnung, wer da auf sie einredete und was er wollte. Sie stöhnte leise. Der Kopfschmerz wurde sofort schlimmer, und ihre Kehle tat ihr weh.

Langsam öffnete sie die Augen und sah den Umriss eines Mannes, der über sie gebeugt stand. Er war groß und schlank. Ihre Sicht wurde schärfer, und sie bemerkte, dass er dunkle Haare und braune Augen hatte. Das Licht schmerzte in ihren Augen, sie blinzelte. Die Gesichtszüge des Mannes waren scharf geschnitten, sein Mund zu einem Strich zusammengepresst. Er trug einen dunklen Maßanzug und eine silberglänzende Krawatte über einem blendend weißen Hemd. Vom durchdringenden Geruch seines Rasierwassers musste sie husten.

Er beugte sich noch tiefer über sie und nahm ihre Hand. Emily wollte sie wegziehen, war aber viel zu schwach dazu.

„Rede mit mir!“, flüsterte er. „Sag mir, warum du noch im Büro gewesen bist!“

Ich bin im Krankenhaus, dämmerte ihr, als sie den Tropf über sich hängen sah. Ein dünner Schlauch führte zu ihrem Arm. „Ich … ich weiß nicht“, brachte sie mühsam hervor.

Der Griff um ihre Hand wurde zur schmerzhaften Umklammerung. „Was soll das heißen, du weißt es nicht? Du musst es doch wissen!“

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wollte sie sagen, aber ihre Kehle tat so weh, und ihr Kopf fühlte sich an, als ob sich Glasscherben in ihr Gehirn bohrten. Sie kämpfte darum, die Augen offen zu halten. Derrick. Er hatte gesagt, sein Name sei Derrick.

„Verdammt, Emily! Was …“

Es klopfte an die angelehnte Tür. Der Mann namens Derrick verstummte sofort und richtete sich auf. „Was wollen Sie?“

„Ich möchte nach Emily sehen.“

Diese Stimme. Tief und ein wenig rau. So vertraut, so tröstend. Langsam drehte Emily ihr Gesicht zur Tür.

„Wer sind Sie?“, fragte Derrick barsch.

„Ein Freund.“ Der Mann trug eine ausgeblichene Jeans, eine Jeansjacke und schwarze Stiefel. Er musterte Derrick, während er sich Emilys Bett näherte. „Und wer sind Sie?“

„Derrick Barone.“ Derrick richtete sich zu seiner vollen Größe auf. „Emilys Bruder.“

Emily spürte, wie sich ihr Pulsschlag beschleunigte, als sich der Neuankömmling ihr näherte. Sie kannte ihn, da war sie ganz sicher. Aber woher? Wer war er?

Er war groß, hatte eine breite Brust und muskulöse Arme. Sein sandfarbenes Haar war an den Seiten sehr kurz geschnitten, aber oben am Kopf lang genug, dass ihm einige Strähnen mitten in die Stirn fielen. Seine Augen waren grün – nein, blau. Beides, entschied sie, als sie ihm in die Augen sah. Sie konnte den Blick nicht mehr losreißen.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er sie.

Bevor Emily versuchen konnte zu antworten, schaltete Derrick sich ein. „Entschuldigen Sie“, sagte er mit kalter Höflichkeit. „ich glaube, ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden.“

„Shane“, antwortete er, ohne den Blick von Emily zu lassen. „Shane Cummings.“

„Die meisten Freunde meiner Schwester kenne ich“, bemerkte Derrick misstrauisch. „Wir sind uns noch nicht begegnet, glaube ich.“

„Stimmt.“ Shane Cummings ging an Derrick vorbei und beugte sich über Emily. „Na, wie geht’s, Aschenputtel?“

Aschenputtel? Wieso nur? Sie hatte doch gar keine Glaspantoffeln …

Ein brennender Schmerz schoss ihr durch den Kopf. Sie schloss die Augen. Feuer … überall Flammen … Rauch … Die Geräusche waren wieder da. Das Knattern der Flammen, die Explosionen, berstendes Glas.

Emily streckte die Hand aus, und sofort schloss sich Shanes große Hand beschützend um ihre.

Sie erinnerte sich an Shanes Stimme – „Ich hab Sie!“ –, als er sie aus dem Trümmerhaufen gehoben hatte. Sie hatte ihre Arme um seinen Hals geschlungen, und er hatte sie weggetragen. Durchs Fenster nach draußen. Mit seinem Körper hatte er sie vor fliegenden Trümmern geschützt. Er war bei ihr geblieben.

Danach erinnerte sie sich an nichts mehr.

Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie, dass sein Gesichtsausdruck besorgt war. „Soll ich die Ärztin rufen?“, fragte er.

„Hören Sie!“ Derrick glättete seine Krawatte. „Ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie hier wollen. Meine Schwester hat Schlimmes durchgemacht. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie …“

„Mr Barone?“ Eine rothaarige Krankenschwester steckte den Kopf zur Tür herein. „Ihre Eltern sind am Telefon. Sie möchten Sie gern sprechen.“

Derrick sah zuerst Shane, dann Emily an. „Ich bin gleich zurück. Wenn du etwas brauchst …“

„Ich bin ja da“, erwiderte Shane trocken.

Derrick sah ihn verärgert an, dann hastete er hinaus.

„Sie … haben mich gerettet“, murmelte Emily.

„Meinen Sie jetzt oder vorhin?“

„Beides.“

Shane lächelte sie an. „Sie erinnern sich also an mich?“

„Das Feuer … Sie haben mich da rausgeholt …“

Als sie zu husten begann, drückte er sanft ihre Hand. „Die Ärztin sagt, Sie kommen wieder in Ordnung. Aber Sie haben Rauch eingeatmet, deshalb wird Ihre Lunge noch ein oder zwei Tage brennen. Und außerdem ist Ihnen die Decke auf den Kopf gefallen, deshalb tut der auch weh, schätze ich.“

Emily nickte. Sie hob eine Hand und spürte einen Verband um ihre Schläfen. „Was ist eigentlich passiert?“

„Wir hatten gehofft, dass Sie uns das sagen könnten. Außer Ihnen war ja niemand mehr im Gebäude.“

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