Julia präsentiert Träume aus 1001 Nacht Band 23

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SO SINNLICH KÜSST NUR EIN WÜSTENPRINZ von ANDIE BROCK

Prinzessin Anna will keine arrangierte Ehe! Nur deshalb verführt sie einen attraktiven Fremden zu einem heißen Kuss vor den Paparazzi-Kameras – mit diesem Beweis ihrer Untreue wird ihr Verlobter sie sicher nicht mehr wollen. Doch der Fremde ist niemand anders als Prinz Zahir – ausgerechnet der Bruder ihres Verlobten!

IM BANN DES STOLZEN SULTANS von HEIDI RICE

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  • Erscheinungstag 29.08.2026
  • Bandnummer 23
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539463
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Andie Brock, Heidi Rice, Penny Jordan

JULIA präsentiert Träume aus 1001 Nacht BAND 23

Andie Brock

1. KAPITEL

Annalina umklammerte das kalte Metallgeländer und starrte auf das dunkle Wasser der Seine, das unter ihr dahinwirbelte. Sie zitterte heftig, ihr Herz raste unter der engen Korsage ihres Abendkleids, und die Designerschuhe rieben ihr die Füße wund. Sie waren nicht gemacht für einen rasanten Lauf über die betriebsamen Boulevards und die Kopfsteinpflaster der Gassen von Paris.

Oh Gott! Anna sog zitternd die kalte Nachtluft ein. Was hatte sie getan?

Irgendwo dahinten, in einem der größten Hotels von Paris, fand in diesem Augenblick ein Ball statt, ein gesellschaftliches Ereignis allerersten Ranges, zu dem sich die Reichen, Schönen und Mächtigen dieser Welt eingefunden hatten. Und dieser Ball wurde ihr zu Ehren veranstaltet. Was aber noch weit schlimmer war, ein Mann, den sie gerade zum ersten Mal gesehen hatte, wollte sie dem Publikum dort als seine Braut vorstellen.

Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand, wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Nur eines stand fest: Sie würde nicht zu diesem Ball zurückkehren, ganz gleich, welche Konsequenzen es für sie hatte. Tatsache war, dass sie in diese Heirat nicht einwilligen würde. Bis heute Abend hatte sie ehrlich geglaubt, sie könnte es tun. Sie könnte, ihrem Vater zuliebe und um ihr Land vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, diesen fremden Mann heiraten.

Selbst gestern, als sie ihren Zukünftigen zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie es noch geglaubt. Benommen hatte sie zugesehen, wie er ihr den Ring an den Finger steckte. Er tat es hastig, gerade so, als wollte er die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Und der stahlharte Blick ihres Vaters hatte jeden Zweifel im Keim erstickt. Als König des kleinen Lands Dorrada war er fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass diese Verbindung zustande kam. Dass seine Tochter Raschid Zahani heiratete, den Herrscher des Königreichs Nabatea.

Was im Moment allerdings, offen gesagt, in weite Ferne gerückt zu sein schien. Anna betrachtete den Ring an ihrem Finger. Der riesige Diamant schien sie mit seinem Funkeln zu verspotten. Weiß der Himmel, was der gekostet hatte. Wahrscheinlich ein kleines Vermögen. Sie zog ihn ab und hielt ihn in der Hand, spürte sein Gewicht, als läge er ihr wie ein Stein auf dem Herzen.

Zum Teufel damit! Anna schloss die Hand um den Ring und beugte sich so weit wie möglich über das Geländer. Sie würde diesen verhassten Ring jetzt in den Fluss werfen. Und von heute an würde sie selbst über ihr Schicksal entscheiden.

Er tauchte plötzlich aus dem Nichts auf, warf sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie und presste ihr die Luft aus den Lungen. Sie fühlte seine starken Arme, die sie wie Eisenbänder umschlossen, und der Schreck ließ sie fast zusammenbrechen. Nur ihr wild schlagendes Herz versuchte, sie am Leben zu halten, und hämmerte immer schneller.

„Oh nein, das werden Sie nicht tun!“

Er knurrte die Worte irgendwo über ihrem Kopf, in der Welt da draußen, die sie vor einem Moment noch als selbstverständlich betrachtet hatte. Jetzt fürchtete sie, sie nie wiederzusehen.

Was nicht tun?

Anna gab sich alle Mühe zu verstehen, was er damit meinte. Sie bekam kaum noch Luft und versuchte, sich zu bewegen, aber die stählerne Umklammerung wurde nur noch enger und fesselte ihre Arme an den Körper. Plötzlich bemerkte sie, dass ihr Mund auf Haut gepresst wurde. Sie konnte ihn mit der Zungenspitze berühren, schmeckte eine sehr männliche Mischung aus Eau de Cologne und Schweiß. Etwas piekste in ihre Lippen. Brusthaare wahrscheinlich. Mühsam öffnete sie den Mund und biss zu, so fest sie konnte. Ja! Anna spürte, wie der Mann zusammenzuckte und laut in einer fremden Sprache fluchte.

„Sie kleines …“ Er lockerte seinen Griff gerade so weit, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte, und funkelte sie aus dunklen Augen wütend an. „Was zum Teufel sind Sie? Eine Art Raubtier?“

„Ich?“ Anna starrte ihn ungläubig an und versuchte herauszufinden, wer um Himmels willen dieser Mann war und was er von ihr wollte. Irgendwie kam er ihr bekannt vor. „Sie nennen mich ein Raubtier, wo doch Sie mich gerade wie eine wahnsinnige Bestie aus dem Nichts angefallen haben!“

Die nachtschwarzen Augen wurden schmal. Etwas Drohendes lag in ihnen, gefährlich wie ein gezücktes Schwert. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, diesen Mann zu reizen. „Schauen Sie.“ Sie bemühte sich um einen versöhnlichen Ton. „Falls Sie Geld wollen – ich fürchte, ich habe keines.“

Das stimmte sogar. Bei ihrer Flucht hatte sie noch nicht einmal daran gedacht, ihre Handtasche mitzunehmen.

„Ich will kein Geld.“

Plötzlich war die Angst wieder da. Oh Gott, was wollte er dann? Fieberhaft suchte sie nach etwas, womit sie ihn ablenken konnte. Plötzlich erinnerte sie sich an den Ring in ihrer Hand. Es war einen Versuch wert. „Ich habe einen Ring, hier in meiner Hand.“ Sie bemühte sich vergebens, ihren Arm freizubekommen. „Wenn Sie mich laufen lassen, können Sie ihn haben.“

Die Antwort war nur ein spöttisches Lachen.

„Wirklich, der ist Tausende wert – Millionen, soviel ich weiß.“

„Ich weiß genau, was er wert ist.“

Er wusste es? Anna atmete erleichtert auf. Darauf war dieser Kerl also aus – auf diesen verdammten Ring! Ihr sollte es recht sein. Sie wünschte sich nur, sie könnte ihre Verlobung genauso leicht loswerden. Anna versuchte erneut, sich zu befreien, um ihm den Ring vor die Füße zu werfen, als der Mann weitersprach.

„Das sollte ich auch. Schließlich habe ich den Scheck dafür unterschrieben.“

Anna erstarrte. Was? Das ergab absolut keinen Sinn. Wer um Himmels willen war dieser Kerl? Sie wehrte sich heftiger und merkte, wie er die Umklammerung lockerte. Jedenfalls genug, sodass sie sich aufrichten und ihm ins Gesicht schauen konnte. Was sie sah, ließ ihr Herz rasen.

Der Mann, der sie finster betrachtete, sah zum Fürchten gut aus! Scharf geschnittene Gesichtszüge, eine kühne Nase und ein energisches Kinn, das wirkte, wie aus Granit gehauen. Er strahlte Kraft und Macht aus. Seine feurige Aura traf Anna bis ins Innerste und ließ sie nicht mehr los.

Sie erkannte ihn jetzt und erinnerte sich, ihn im Vorbeigehen unter den zahlreichen Gästen der Party entdeckt zu haben. Eine dunkle, nicht zu übersehende Gestalt, der nichts entging, die sich jedoch immer im Hintergrund hielt. Auch sie hatte sein Blick getroffen, bevor sie sich hochmütig von ihm abwandte. Wahrscheinlich war er einer der Bodyguards. Sie erinnerte sich jetzt, dass er sich bevorzugt in der Nähe von Raschid Zahani, ihrem Verlobten, aufgehalten hatte. Immer war er einen Schritt hinter ihm gewesen. Trotzdem war es ihr so vorgekommen, als hätte er das Sagen.

Aber ein Bodyguard, der Verlobungsringe klaut?

Irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, wie dieser Baum von einem Mann sich über eine Schatulle mit Juwelen beugte. Eigentlich war das auch gar nicht wichtig. Wichtig war, dass er endlich seine Finger von ihr nahm und sie allein ließ, damit sie fortfahren konnte, ihr Leben in ein wildes Chaos zu verwandeln.

„Wenn das hier kein Raubüberfall ist, dann sind Sie vielleicht so freundlich und sagen mir, warum Sie plötzlich aus dem Dunkeln auftauchen und mich zu Tode erschrecken. Und warum Sie mich nicht gehen lassen. Jetzt! Sofort! Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?“

„Selbstverständlich, Prinzessin.“

Er zischte das Wort Prinzessin durch zusammengebissene Zähne. Der Klang weckte ein eigenartiges Kribbeln in ihrem Bauch. Und als er ihr jetzt die Hände auf die Schultern legte, kam es Anna vor, als würde ihre Wärme sie verbrennen.

„Außerdem, als Antwort auf Ihre Frage, halte ich Sie davon ab, etwas absolut Dummes zu tun.“

„Sie meinen, den hier in den Fluss zu befördern?“ Anna warf verächtlich den Kopf in den Nacken und öffnete die Hand, die den verhassten Ring hielt.

„Den und auch sich selbst.“

„Mich selbst? Sie glauben doch nicht wirklich …“

„Dass Sie dabei waren, in den Tod zu springen? Doch.“

„Und warum sollte ich das tun?“

„Sie flohen in völliger Panik von Ihrer eigenen Verlobungsparty, stellten sich auf eine Brücke, zehn Meter über einem reißenden Fluss, und beugten sich dann auf äußerst gefährliche Art und Weise über das Geländer. Was sollte ich wohl davon halten?“

„Gar nichts. Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten und lassen Sie mich in Ruhe.“

„Aber genau das tue ich doch. Sie sind meine Angelegenheit.“

„Na gut. Dann gehen Sie jetzt zurück zu Ihrem Boss und erzählen ihm, Sie hätten einen Selbstmordversuch verhindert, der allerdings nur in Ihrer Fantasie existiert. Und dass Sie dabei eine unschuldige Frau zu Tode erschreckt haben. Bestimmt wird er höchst zufrieden sein mit Ihnen.“

Der stechende Blick seiner dunklen Augen hielt sie fest. Sie war wie hypnotisiert, ahnte das Versprechen einer tödlichen Glut. Und in seinem Blick lag noch etwas, eine amüsierte Arroganz, wenn sie sich nicht täuschte. Falls man mit amüsiert einen so verbotenen Gesichtsausdruck beschreiben konnte.

„Ich habe Lust, Anzeige zu erstatten“, fuhr sie wütend fort. „Wenn Sie nicht sofort Ihre Hände von meinen Schultern nehmen, werde ich dafür sorgen, dass Ihr unmögliches Benehmen bekannt wird.“

„Ich lasse Sie los, wenn ich es für richtig halte.“ Seine Stimme war so dunkel und drohend wie der Fluss unter ihnen. „Und auch nur, um Sie zur Party zurückzubegleiten. Dort warten nämlich ein paar sehr wichtige Leute auf eine wichtige Bekanntgabe, falls Sie das vergessen haben sollten.“

„Bestimmt nicht.“ Anna schluckte. „Ich habe nur zufällig meine Meinung geändert. Ich habe beschlossen, König Raschid nicht zu heiraten. Vielleicht sind Sie so nett und teilen ihm meine Entscheidung mit.“

Er lachte spöttisch. „Das werden Sie schön sein lassen. Sie begleiten mich jetzt in den Ballsaal und tun so, als wäre nichts geschehen. Die Verlobung wird wie geplant bekannt gegeben.“

„Ich glaube, Sie vergessen sich“, fuhr Anna ihn an. „Sie haben keinerlei Recht, so mit mir zu sprechen.“

„Ich spreche mit Ihnen, wie es mir gefällt, Prinzessin. Und Sie werden tun, was ich sage. Beginnen Sie damit, den Ring wieder an Ihren Finger zu stecken.“ Er nahm den Ring aus Annas Hand, und einen verrückten Moment lang glaubte sie, er selbst würde ihn ihr über den Finger streifen. Stattdessen gab er ihr den Ring und wartete, dass sie tat, was er ihr befohlen hatte. Anna blieb keine andere Wahl, als zu gehorchen.

Danach packte er sie am Arm und schien die feste Absicht zu haben, sie wie eine Gefangene zur Party zurückzuführen. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Wie konnte er es nur wagen? Doch allem Anschein nach handelte er auf Befehl des Königs.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Verzweifelt suchte sie einen Ausweg aus dieser unangenehmen Lage. Selbst wenn es ihr gelang, sich aus seinem eisernen Griff zu befreien, was höchst unwahrscheinlich war, konnte sie auf keinen Fall schnell genug rennen, um ihm zu entkommen. Seltsamerweise hatte die Vorstellung, wie er sie jagen und am Ende wieder einfangen würde, einen höchst erregenden Touch für sie.

Sie würde wohl zur letzten Möglichkeit greifen müssen, die ihr noch blieb: dem Einsatz der Waffen einer Frau. Anna richtete sich auf, straffte die Schultern und betonte dadurch wie gewünscht ihren vollen Busen, der sich verführerisch über der engen Korsage ihres Kleides wölbte. Na also, jetzt hatte sie seine Aufmerksamkeit. Sie spürte eher, als dass sie es sah, wie er ihr verstohlen aufs Dekolleté blickte. Gleichzeitig merkte sie, wie sich unter seinem Blick unwillkürlich ihre Brustspitzen aufrichteten. Ihr stockte der Atem, ein warmes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus, und sie fragte sich verwundert, wer hier wohl wen verführte.

„Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam eine Lösung finden werden.“ Ihre Stimme war ein heiseres Gurren. Allerdings nur, weil sie plötzlich einen trockenen Mund hatte, und nicht, weil sie sexy klingen wollte. Trotzdem schien es zu wirken. Der Bodyguardtyp starrte sie unverwandt an. Auch wenn sich sein undurchdringlicher Gesichtsausdruck nicht verändert hatte, schien sie zweifellos etwas richtig zu machen.

Anna war im Begriff, ihm die Arme um den Hals zu legen. Sie hatte noch keine klare Vorstellung davon, was genau sie tun wollte, außer dass sie ihn nach einem Kuss durch Schmeicheleien, vielleicht auch durch Erpressung dazu bringen musste, sie gehen zu lassen. Zwar handelte sie gegen ihre weiblichen Prinzipien, aber verzweifelte Situationen erforderten eben verzweifelte Maßnahmen.

Doch bevor sie noch Gelegenheit hatte, irgendetwas zu tun, umfasste dieser ungehobelte Kerl mit einer Hand ihre Handgelenke und drückte sie gegen ihre Brust, während er sie gleichzeitig eng an sich zog. Der Kontakt mit seinem Körper, besonders mit diesem Teil seines Körpers, ließ Anna nach Luft schnappen. Nicht nur sein Blick war hart wie Granit …

Seiner Miene nach zu schließen, hatte sie ihn überrumpelt. Er starrte sie in einer Mischung aus Entsetzen und Hunger an. Die Hand, die Annas Handgelenke umfasste, zitterte leicht. Ohne mit der Wimper zu zucken, erwiderte Anna seinen Blick. Sie war fest entschlossen, diesen kleinen Sieg auszunutzen. Den Kopf in den Nacken gelegt, sah sie ihn an, zwang ihn, ihren Blick zu erwidern und die Versuchung zu erkennen, die in diesem Blick lag. Sie konnte spüren, wie sein Herz unter dem weißen Hemd schneller schlug, hörte, wie er keuchend die Luft ausstieß. Jetzt hatte sie ihn an der Angel.

„Prinzessin Anna!“

Plötzlich war da ein blendendes Blitzlicht, in dem ihre Körper sich scharf gegen den dunklen Hintergrund abhoben.

„Was zum Teufel …?“ Annas Geiselnehmer fuhr wütend zu dem Fotografen herum, der aus dem Gebüsch aufgetaucht war und wie wild Bilder schoss.

Anna merkte, dass der Mann ihre Handgelenke losließ und sich voller Mordlust auf den Paparazzo stürzen wollte. Doch kaum machte sie eine Bewegung, um zu fliehen, war er auch schon wieder bei ihr und hielt sie entschlossen fest.

„Oh nein, Sie gehen nirgendwohin.“

„Na los, Anna, zeig uns einen Kuss!“ Mutiger geworden, kam der Fotograf näher, wobei er ein wahres Blitzlichtgewitter abschoss.

Anna blieb nur der Bruchteil einer Sekunde, sich zu entscheiden. Um zu verhindern, dass man sie zurückschleppte und zwang, ihre Verlobung mit einem Mann zu verkünden, den sie auf keinen Fall heiraten wollte, gab es nur eine Möglichkeit. Entschlossen stellte sie sich auf die Zehenspitzen, legte die Arme um den Hals ihres Kidnappers, fuhr mit den Fingern durch sein dichtes Haar und zog seinen Kopf energisch zu sich herunter. Wenn es das war, was der Fotograf wollte, dann sollte er es auch bekommen.

Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, holte tief Luft und presste entschlossen den Mund auf die Lippen ihres Peinigers. Was zum Teufel?

Der Schreck raubte Zahir den Atem. Hungrig presste sie die vollen Lippen auf seinen Mund, Lippen, die sich zuerst kalt, dann immer wärmer anfühlten, während ihre Hände in seinen Haaren wühlten und ihn enger an sich zogen. Ihr Atem ging keuchend, er konnte ihren zarten Duft riechen, der sein Hirn umnebelte und seinen Körper in Glut versetzte.

Zahir erstarrte. Seine Arme, die diese Frau doch bändigen sollten, fühlten sich nur noch wie nutzlose Gewichte an, während Anna fortfuhr, ihn zu küssen. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Sein Körper schrie danach, ihr zu zeigen, wohin dieses gefährliche Spiel führen konnte, und ohne es zu wollen, öffnete er die Lippen.

„Prima! Toll gemacht, Anna!“

Das Blitzlichtgewitter hörte auf, und Anna ließ ihn endlich los. Inzwischen saß der Paparazzo schon wieder auf seinem Motorroller.

„Ich bin dir was schuldig!“

Fröhlich winkend verschwand er mit lautem Geknatter in den Pariser Straßen. Zahir starrte ihm hinterher, dann begann sein Verstand endlich wieder zu arbeiten. Er zog sein Handy aus seiner Tasche. Hätte er sich nicht um diese kleine Hexe kümmern müssen, hätte er mühelos diesen Abschaum erledigt. Aber seine Sicherheitsleute würden den Kerl schon noch erwischen.

„Nein.“ Anna legte die Hand auf sein Handy. „Dazu ist es zu spät. Es ist passiert.“

„Von wegen!“ Er schüttelte ihre Hand ab und tippte eine Nummer ein. „Den werde ich mir kaufen!“

„Das hat keinen Sinn.“

Die kalte Entschlossenheit in ihrer Stimme ließ ihn innehalten. „Was meinen Sie damit?“ Jetzt war er auf der Hut.

„Tut mir leid.“ Aus ihren dunkelblauen Augen sah sie ihn an. „Aber ich musste das tun.“

Verdammt! Plötzlich wurde ihm einiges klar. Das Ganze war ein abgekartetes Spiel gewesen. Diese hinterlistige kleine Prinzessin hatte ihm eine Falle gestellt, und er war prompt hineingetappt. Wut stieg in ihm auf. Er hatte keine Ahnung, weshalb sie das gemacht hatte, aber sie würde es ein Leben lang bereuen. Niemand hielt Zahir Zahani zum Narren!

„Das wird Ihnen noch leidtun, glauben Sie mir!“ Er sagte es bewusst leise, konzentrierte sich darauf, seine mörderische Wut unter Kontrolle zu halten. „Das wird Ihnen noch mehr als leidtun!“

„Ich hatte keine andere Wahl!“ Jetzt klang ihre Stimme angsterfüllt. Sie legte ihm sogar die zitternde Hand auf den Arm und senkte sittsam den Blick.

Netter Versuch. Aber noch einmal hältst du mich nicht zum Narren.

Er packte sie unsanft am Kinn und bog ihr den Kopf in den Nacken, sodass sie seinem zornigen Blick nicht ausweichen konnte. Sie sollte wissen, mit wem sie es zu tun hatte.

„Oh doch, Sie hatten eine Wahl. Sie beschlossen, Schande über unsere beiden Länder zu bringen. Und dafür werden Sie bezahlen, glauben Sie mir. Aber zuerst sagen Sie mir jetzt, warum Sie das getan haben.“

Er sah, wie ihr schlanker Körper zu zittern anfing, wie sie die nackten Schultern hochzog. Seltsamerweise reizte es ihn, ihre kalte Haut mit seinen warmen Händen zu wärmen. Aber das würde er nicht tun!

„Weil ich verzweifelt bin.“

„Verzweifelt?“

„Ja. Ich kann nicht zu dieser Party zurück.“

„Und deshalb haben Sie die kleine Charade inszeniert?“

„Nein, habe ich nicht. Jedenfalls nicht so, wie Sie denken. Ich habe nur die Situation ausgenutzt.“

„Sie haben mich dazu gebracht, Ihnen zu folgen. Und alles nur für den Fotografen.“

„Aber ich hatte ja überhaupt keine Ahnung, dass Sie mir folgten!“

„Sie lügen! Der Kerl kannte Sie doch.“

„Nein, er wusste nur, wer ich bin. Die Presse verfolgt mich schon mein ganzes Leben lang.“

„Sie wollen mir also weismachen, dass das alles nicht geplant war?“

Annalina schüttelte den Kopf.

„Überlegen Sie sich gut, was Sie sagen, Prinzessin. Ich warne Sie, es wäre sehr dumm, mich anzulügen.“

„Es war ein spontaner Entschluss. Und das ist die Wahrheit.“

Trotz allem war Zahir versucht, ihr zu glauben.

„Und warum dann diese kleine Darbietung?“ Unwillkürlich presste er die Lippen zusammen. Nein, er wollte sich nicht daran erinnern, wie sie sich an ihn geschmiegt, wie sie seine Haare zerwühlt hatte … „Was genau wollten Sie damit erreichen? Was lässt Sie so verzweifeln, dass Sie einen handfesten Skandal provozieren und Ihre Familie blamieren?“

„Mit einer Blamage kann ich leben. Daran bin ich gewöhnt.“ Plötzlich klang ihre Stimme ganz kleinlaut. „Und der Skandal wird vorübergehen. Aber gezwungen zu werden, Raschid Zahani zu heiraten – das ist mehr, als ich ertragen kann.“

„Wie können Sie es wagen, derart respektlos über den König zu reden“, fuhr Zahir sie wütend an. „Die Hochzeit wird auf jeden Fall stattfinden.“

„Nein. Sie können mich zwingen, zur Party zurückzukehren. Und mithilfe meines Vaters können Sie mich sogar dazu zwingen, die Verlobung zu verkünden. Doch sobald diese Fotos im Internet stehen, wird man mich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel.“

Zahir betrachtete das schöne Gesicht dieser eigensinnigen Prinzessin. In dem geisterhaften Licht war sie so blass, dass ihre Haut fast durchscheinend wirkte. Aber ihre Lippen waren glutrot, und ihre Augen so dunkel wie der Nachthimmel.

Plötzlich war er sich sicher, dass sie meinte, was sie sagte. Nie und nimmer würde sie in diese Heirat einwilligen. Er konnte immer noch den Fotografen ausfindig machen und dessen Fotos zerstören, aber was würde das nützen?

Verdammt noch mal! Die ganze Planung, das sorgfältige Taktieren, dieses elende Fest … Es hatte seine ganze Überredungskunst gebraucht, Raschid dazu zu bringen, die europäische Prinzessin zu heiraten. Monatelange Verhandlungen waren nötig gewesen, um bis zu diesem Punkt zu kommen. Und wozu? Damit alles zusammenbrach und Raschid bis auf die Knochen blamiert dastand? Nein, das durfte er nicht zulassen. Und er würde es auch nicht zulassen. Er war ein Narr gewesen, dieser hergelaufenen Prinzessin und den leeren Versprechungen ihres verzweifelten Vaters zu vertrauen. Jetzt konnte er nur noch versuchen zu retten, was zu retten war.

Entschlossen packte er Annalina am Arm.

„Sie werden mich jetzt zurück zu dem Fest begleiten. Dort erzählen wir dem König, was passiert ist. Und dann verkünden wir Ihre Verlobung.“

„Haben Sie nicht verstanden, was ich gesagt habe?“ Da war er wieder, dieser kämpferische Blick. „Der König wird mich nicht heiraten. Deswegen habe ich das alles doch getan!“

„Wir werden Ihre Verlobung verkünden, aber nicht mit dem König, sondern mit seinem Bruder, dem Prinzen.“

„Wow, tolle Idee! Sie hat man wohl eher wegen Ihrer Muskeln eingestellt und nicht wegen Ihres Intellekts.“

Zahir erstarrte. Er hatte nicht übel Lust, sie ihren Spott büßen zu lassen.

„Der Prinz wird mich jetzt auch kaum heiraten wollen, oder?“

„Seit ein paar Minuten hat der Prinz keine andere Wahl.“

Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete Zahir, wie sich bei Anna Abwehr in Verwirrung wandelte. Schließlich begann sie langsam zu verstehen.

Sie schlug die zitternde Hand vor den Mund, ballte sie dann zur Faust und biss hinein, um den aufkeimenden Schrei zu ersticken.

„Wie ich sehe, Prinzessin, dämmert Ihnen langsam die Wahrheit.“ Zufrieden straffte Zahir die Schultern. „Ich bin Zahir Zahani, Prinz von Nabatea, Bruder von König Raschid und aufgrund dessen, was vor fünf Minuten passiert ist, Ihr zukünftiger Ehemann.“

2. KAPITEL

Anna suchte Halt am Geländer hinter sich, sonst wäre sie vor Schreck umgefallen. „Sie … Sie sind Prinz Zahir?“

Ein arrogantes Heben seiner Augenbrauen war die einzige Antwort.

Das war doch nicht möglich? Langsam wurde ihr der ganze Horror dessen, was sie getan hatte, bewusst. Sich mit einem Bodyguard in zärtlicher Umarmung erwischen zu lassen, um aus dieser Verlobung rauszukommen, war eine Sache. Dass der „Bodyguard“ der Bruder ihres Verlobten war, eine ganz andere. Das ging weit über einen Skandal hinaus.

„Ich … ich hatte keine Ahnung.“

Er zuckte die Achseln. „Offensichtlich.“

„Wir müssen etwas tun. Schnell!“ Panik stieg in ihr auf. „Wir müssen diesen Fotografen aufhalten.“

Zahani rührte sich nicht. Was hatte er denn? Warum unternahm er nichts? Anna kam sich vor wie in einem schrecklichen Traum, in dem sie vor einem Monster davonrannte, ohne wirklich von der Stelle zu kommen.

Endlich machte er den Mund auf. „Um mit Ihren Worten zu sprechen, Prinzessin, es ist zu spät. Es ist passiert.“

„Aber das war, bevor ich wusste … Man kann ihn immer noch finden, ihm etwas zahlen. Ihn aufhalten.“

„Möglich. Aber ich habe nicht die Absicht, das zu tun.“

„Was meinen Sie damit?“ Sie war nahe daran, hysterisch zu werden.

„Weil ich genau wie Sie die Situation nutzen will. Wir gehen jetzt zur Party zurück und geben unsere Verlobung bekannt. So, wie ich es gesagt habe.“

Das meinte er doch wohl nicht im Ernst? Anna starrte ihm in das kalte, abweisende Gesicht. Himmel, er meinte es sogar todernst! Sie stieß sich vom Geländer ab. „Nein, das können wir nicht tun. Was für eine absurde Idee!“

Er schaute finster auf sie herab. „Ach ja? Wie werden Sie sich morgen wohl fühlen, wenn die Fotos veröffentlicht werden? Wenn Sie Ihrem Vater, Ihrem Volk und dem Rest der Welt gegenübertreten müssen?“

Anna machte ein klägliches Gesicht.

„Wie ich es mir dachte. Also doch keine so absurde Idee, nicht wahr? Sie haben keine andere Wahl, als zu tun, was ich sage.“

„Nein. Es muss einen anderen Weg geben.“ Denk nach, Anna! Wieso hatte ihr Hirn sich plötzlich in Brei verwandelt? „Ich werde einfach erklären, alles sei nur ein Missverständnis. Dass ich nicht wusste, wer Sie sind.“

„Und was wollen Sie damit erreichen? Außer dass Sie damit beweisen, dass Sie ein Flittchen sind, das am Abend seiner Verlobung fremde Männer verführt, und dass Ihnen ausgerechnet der Bruder Ihres Verlobten in die Falle ging. Ich werde nicht zulassen, dass man Raschid so eine Demütigung zufügt.“

Einen Moment lang herrschte Stille.

„Aber wir können doch nicht so einfach den Verlobten austauschen!“

„Wir können, und wir werden es tun. Es gibt eine Vereinbarung zwischen Ihrem Vater und dem Königreich von Nabatea.“

„Aber die bezog sich doch auf Ihren Bruder, nicht Sie.“

„Daran hätten Sie vielleicht denken sollen, bevor Sie fortliefen und dieses ganze Desaster inszenierten. Bevor Sie das Vertrauen verrieten, das mein Bruder in Sie setzte.“ Anna senkte den Blick bei seinen zornigen Worten. „Zum Glück für Sie spielt es keine Rolle, welcher der Brüder die Vereinbarung einhält.“

„Und das ist alles? Die Vereinbarung einzuhalten, ist das Einzige, was Sie interessiert?“ Verzweifelt suchte sie nach einem Ausweg. „Wie können Sie nur so kalt sein? Wir reden hier von einer Ehe, einem Bund fürs Leben!“

„Glauben Sie, ich weiß das nicht?“ Es durchfuhr sie wie ein elektrischer Schlag, als er sich jetzt zu ihr hinunterbeugte und in ihr Ohr zischte: „Glauben Sie, ich bin mir nicht bewusst, was für ein Opfer ich bringe? Falls Sie Gefühle erwarten, muss ich Sie warnen. Seien Sie vorsichtig. Ihnen zu zeigen, was ich von Ihnen halte, hieße, sich auf gefährliches Terrain zu begeben.“

Anna biss sich fest auf die Lippen. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, dass sie bei seinen drohenden Worten ein Schauder überlief. Was er mit dieser düsteren Bemerkung meinte, verstand sie nicht wirklich. Und sie war sich nicht sicher, ob sie es überhaupt wissen wollte.

„Und wenn ich mich weigere?“

„Ich kann nur sagen, dass das äußerst dumm wäre.“ Er wog seine Worte vorsichtig ab, bevor er weitersprach. „Ich muss Sie wohl nicht daran erinnern, dass Sie bereits eine missglückte Verlobung hinter sich haben. Noch eine, und die Presse wird Sie in der Luft zerfetzen.“

Anna verspürte einen jähen Schmerz. Er wusste also von ihrer Verlobung mit Prinz Henrik, und dass sie sie gelöst hatte. Natürlich wusste er es. Jeder wusste es.

Tränen brannten in ihren Augen und schnürten ihr die Kehle zu. Tränen der Wut und des Selbstmitleids. Tränen darüber, dass es in ihrem Leben so weit gekommen war. Dass sie gezwungen sein sollte, einen Mann zu heiraten, der sie offen verachtete. Einen arroganten, ungehobelten Kerl von einem Mann, wie er ihr zuvor noch nie über den Weg gelaufen war.

Dass er auf ihren Kuss schockierend sinnlich reagiert hatte, wollte sie jetzt lieber verdrängen. Darüber konnte sie später noch nachdenken. Aber eines war gewiss, dieser Mann würde sie bestimmt nie glücklich machen. Er würde es noch nicht einmal versuchen.

„Das alles haben Sie sich selbst zuzuschreiben, Prinzessin Annalina. Sie zwingen mich dazu, doch ich bin darauf vorbereitet, meine Pflicht zu tun. Letztendlich müssen Sie das auch.“

Ein vernichtender Satz. Er war der Nagel zu ihrem Sarg.

Und so kam es, dass Anna umgehend ins Hotel zurückkehrte, um sich ihrem Schicksal zu stellen. Mit Zahirs Arm um ihre Taille, der sie unerbittlich vorwärts zog, blieb ihr gar nichts anderes übrig, als auf hohen Absätzen neben ihm herzustolpern. Ihr Herz klopfte wild, und ihr Atem ging keuchend, während sie versuchte, mit dem klarzukommen, was da gerade passierte. Dass sie dabei war, sich für immer an diesen Mann zu binden.

Durch den dünnen Kleiderstoff spürte sie die Wärme seines Arms und merkte, dass die Ausstrahlung dieses Mannes, seine Nähe, sein männlicher Duft es ihrem Hirn unmöglich machten, sich mit etwas anderem zu beschäftigen.

Vor dem Hotel angekommen, blieb Zahir stehen und drehte sie zu sich um. Im Licht, das vom Inneren nach draußen drang, konnten sie einander besser erkennen. Anna wagte nicht, Zahir in die Augen zu blicken. Sie hatte Angst vor dem, was sie darin entdecken würde. Ihr Blick glitt über seinen Hals zu dem offenen Kragen und der schief sitzenden Krawatte. Dort, gut sichtbar auf der olivfarbenen Haut, sah sie das rote Mal. Die Stelle, wo sie ihn gebissen hatte.

Zahir bemerkte ihren erschrockenen Blick, schloss hastig den Hemdknopf und rückte seine Krawatte zurecht. Sein wissender Blick verriet ihr genau, was er von ihrem hemmungslosen Verhalten hielt.

„Wir gehen zusammen hinein“, sagte er kalt. „Sie werden sich mir unseren Gästen unterhalten und sich anständig benehmen. Aber erwähnen Sie nicht die Verlobung. Ich suche meinen Bruder und berichte ihm von dem geänderten Arrangement.“

Anna nickte und schluckte ihre Furcht hinunter. „Sollte ich nicht besser dabei sein, wenn Sie mit Ihrem Bruder sprechen? Bin ich ihm das nicht schuldig?“

„Für Schuldgefühle ist es jetzt wohl ein wenig zu spät. Ich werde mich um Raschid kümmern und danach Ihrem Vater die Situation erklären. Erst dann können wir unsere Verlobung bekannt geben.“

Ihr Vater. In ihrer Hektik hätte Anna fast den Mann vergessen, der im Grunde schuld an dieser ganzen Katastrophe war. König Gustav war es gewesen, der darauf bestanden hatte, sein einziges Kind mit König Raschid von Nabatea zu verheiraten. Ihr Vater war ein Mann, der keinen Widerspruch duldete. Nicht, nachdem er – und auch ihr Land – schon einmal von ihr enttäuscht worden waren, da die Hochzeit zwischen ihr und Prinz Henrik von Ebsberg geplatzt war. Anna hatte das damals als Schmach empfunden, gleichzeitig aber eine ungeheuere Erleichterung verspürt.

König Gustav, ein kalter, verbitterter Mensch, hatte nie den Tod seiner Frau, Annalinas Mutter, verwunden. Sie war an einem Aneurysma gestorben, als Anna gerade mal sieben Jahre alt gewesen war. Anna kam es vor, als wäre ihr Vater mit ihrer Mutter gestorben, auf jeden Fall der zärtliche, fürsorgliche Teil von ihm. Als sie ihn am meisten brauchte, hatte er sich von ihr abgewandt. Für immer.

Er würde äußerst wütend sein zu hören, dass sie die Chance vergeudet hatte, ihrem Land zu finanzieller Stabilität zu verhelfen. Zumindest, wenn sie ihm keinen Plan B anbot. Zum ersten Mal verspürte Anna ein wenig Erleichterung bei dem, was sie tat. Zahir mochte nur der Bruder sein, aber er strahlte Macht und Autorität aus, eigentlich sogar mehr als der ältere Raschid. Vermutlich würde ihr Vater kein Problem damit haben, die neue Verbindung zu akzeptieren.

Während sie ihr Kleid richtete, war sie sich nur allzu sehr der glühenden Blicke Zahirs bewusst, denen nichts zu entgehen schien.

„Sind Sie so weit?“

Sie brachte kein Wort hervor, sondern nickte nur.

„Gut, dann los.“

Wieder legte er den Arm um ihre Taille, und zusammen gingen sie die mit einem roten Teppich ausgelegte Hoteltreppe hinauf. Oben öffnete ihnen der Portier mit einer höflichen Verbeugung die Tür.

Die Situation im Festsaal erschien Anna jetzt noch bedrohlicher als im Augenblick ihrer Flucht. Noch mehr Menschen waren gekommen und drängten sich in dem prunkvollen Raum, der von riesigen Lüstern beleuchtet wurde, und in dem Marmorstatuen von oben auf die Menge hinunterschauten. Die Luft vibrierte vor Erwartung. Alles, was Rang und Namen hatte, die Schönen und Reichen aus vielen europäischen Ländern und Ländern des Mittleren Ostens waren der Einladung König Gustavs von Dorrada gefolgt, um ein Ereignis zu feiern, das erst noch verkündet werden musste.

Allerdings war es kein großes Geheimnis, worum es dabei ging. Wahrscheinlich wusste jeder im Saal, zu welchem Zweck diese Feier stattfand, oder glaubte wenigstens, es zu wissen. Es war allgemein bekannt, dass König Gustav schon vor einiger Zeit versucht hatte, seine einzige Tochter gut zu verheiraten, es ihm aber nicht gelungen war. Und dass das junge Königreich von Nabatea dringend Zugang zum europäischen Markt brauchte.

Anna blickte sich um. Die Hitze und der Lärm verursachten ihr Kopfschmerzen und zerrten an ihren Nerven. Sie war einer Panik nahe. Zahir hatte sich auf die Suche nach seinem Bruder gemacht, und eigentlich hätte sie sich in seiner Abwesenheit erleichtert fühlen müssen. Seltsamerweise kam sie sich aber noch verletzlicher und schutzloser vor. In einiger Entfernung entdeckte sie ihren Vater. Bei dem Gedanken an das, was er gleich erfahren würde, begann ihr Herz schneller zu schlagen.

Sie griff nach einem Glas Champagner, das ein vorbeieilender Kellner ihr anbot, nahm einen tiefen Schluck und mischte sich unter die Gäste.

Nicht lange, und Zahir stand wieder neben ihr. Er nahm ihren Arm und führte sie von der kleinen Gruppe fort, mit der sie sich unterhalten hatte. Ein paar Minuten zuvor hatte sie bemerkt, wie Raschid eilig um eine Ecke bog. Für den Bruchteil einer Sekunde hatten sich ihre Blicke getroffen. Dann senkte er den Kopf und verließ rasch den Saal.

„Alles Nötige ist geregelt.“ In Zahirs Stimme lag eiserne Entschlossenheit. „Zeit für die Bekanntgabe.“

Jetzt war es also so weit. Anna wünschte sich verzweifelt, gleich aufzuwachen und festzustellen, dass sie nur schlecht geträumt hatte. Als sie sich aber bei Zahir unterhakte und spürte, wie er sie an sich zog, schien mit einem Mal ihr ganzer Körper in Flammen zu stehen. Ihr Herz raste, und sie wusste: Das hier ist die Wirklichkeit.

Auf ihrem Weg durch den Ballsaal wichen die Gäste zurück und öffneten ihnen eine Gasse. Etwas an Zahirs energischem Schritt oder an Annas maskenhaftem Gesichtsausdruck ließ sie das Geplauder ringsum verstummen. Neugierig wandten sich alle den beiden zu.

Zahir hob die Hand und wartete ein paar Sekunden, bis absolute Stille herrschte.

„Ich möchte Ihnen danken, dass Sie heute Abend gekommen sind. Wir feiern die Verbindung zweier großer Nationen: von Dorrada und dem Königreich von Nabatea. Unsere Länder werden durch die alte, ehrwürdige Tradition der Heirat zusammenfinden.“ Er schwieg und ließ den Blick durch den Raum schweifen, in dem es jetzt totenstill war. „Hiermit möchte ich öffentlich bekannt geben, dass Prinzessin Annalina und ich heiraten werden.“

Man konnte hören, wie alle erstaunt nach Luft schnappten. Dann hob ein verstohlenes Flüstern an. Offensichtlich heiratete Prinzessin Annalina also doch nicht den Bruder, wie die Gäste vermutet hatten. Man begann zu applaudieren, und hier und da waren Hochrufe und Glückwünsche zu hören.

Annas Vater trat neben sie. Sie tastete nach seiner Hand, denn plötzlich suchte das kleine Mädchen in ihr bei ihm Schutz. Sie wäre schon zufrieden gewesen, wenn er kurz ihre Hand gedrückt hätte, wenn er ihr irgendwie gezeigt hätte, dass er sie liebte. Als er sich zu ihr beugte, hoffte Anna einen Moment lang, dass er genau das tun würde.

Doch er zerstörte all ihre Hoffnung, als er ihr zuflüsterte: „Wage es ja nicht, mich wieder im Stich zu lassen.“ Sofort entzog er ihr seine Hand, griff nach einem Glas Champagner und wartete, dass Anna und Zahir sich ebenfalls Gläser nahmen. Dann räusperte er sich, und ohne seine Tochter auch nur eines Blickes zu würdigen, forderte er die Gäste auf, einen Toast auf das glückliche Paar und den Wohlstand ihrer beider, nun miteinander verbundenen Länder auszusprechen.

Anna umklammerte ihr Glas. Während Zahir neben ihr strenge Autorität und absolute Selbstkontrolle ausstrahlte, fiel ihr fast das falsche Lächeln aus dem Gesicht. Beide bemühten sie sich, das glückliche Paar zu spielen, allerdings bezweifelte Anna, dass sie irgendjemanden täuschen konnten. Doch darum ging es auch nicht, oder? Diese Verlobung war ohnehin nur ein Geschäft.

Während des Rests des Abends machten sie die Runde unter den Gästen und verbrachten die Zeit mit quälendem Smalltalk. Zahir wich nicht von ihrer Seite, schleppte sie von den Ministern seines Landes zu den hochgestellten Offiziellen von Dorrada. Offensichtlich ging es ihm nur darum, Kontakt mit Leuten herzustellen, die wichtig waren. Nach höflichen Glückwünschen ging man rasch zu politischen Gesprächen über. Anna stand daneben und musste immer wieder den anwesenden Ehefrauen dieser wichtigen Männer ihren fantastischen Verlobungsring zeigen.

Schließlich fanden sie sich am Eingang des Ballsaals wieder, und Zahir meinte leise, sie hätten jetzt ihre Pflicht getan und könnten gehen.

Anna stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Als sie aufblickte, stellte sie fest, dass Zahir sie aus halb geschlossenen Augen betrachtete. Plötzlich fühlte sie sich wie ein Teenager beim ersten Date. „Dann wünsche ich hiermit eine gute Nacht.“ Sie wollte nur noch in ihr Hotelzimmer zurück und wenigstens für ein paar Stunden ihren Gefängniswärter los sein. Mehr als alles andere wollte sie jetzt allein sein.

„Nicht so schnell.“ Zahir hielt sie zurück. „Der Tag ist noch nicht vorbei.“

Anna erschrak. Was meinte er damit? Er erwartete doch wohl nicht …? Glühende Röte überzog ihr Gesicht, breitete sich über ihren Hals aus und über ihr Dekolleté. Sie atmete schwer, und irgendwo in ihrem tiefsten Innern erwachte ein Funken Lust.

„Das ist er ganz bestimmt, Zahir. Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, aber ich gehe jetzt zu Bett … allein.“

„Nur zur Information, ich habe nicht die Absicht, irgendwelche Ansprüche auf Ihren Körper zu stellen“, meinte er zornig. „Zumindest nicht heute Nacht. Aber ich lasse Sie auch nicht aus den Augen. Nicht, bevor ich weiß, ob ich Ihnen trauen kann.“

„Was meinen Sie damit?“ Um Haltung bemüht, verschränkte Anna die Arme vor der Brust. „Sie können mich wohl kaum bis zu unserer Hochzeit wie eine Gefangene halten.“ Noch während sie es sagte, kam ihr der schreckliche Gedanke, dass er es vielleicht doch konnte. Er strahlte eine solche Macht und Autorität aus, ja, es schien, als ob sein ganzes Sein Gehorsam verlangte. Die funkelnden Lichter im Ballsaal hatten seine Stärke nur noch hervorgehoben, die langen Beine und die breiten Schultern, die fast das Dinnerjacket sprengten. Anna hatte sehr wohl bemerkt, wie einige Frauen in Gegenwart dieses auf eine wilde Art gut aussehenden Mannes ihre gute Erziehung vergaßen und ihn unverhohlen anstarrten.

„Nicht wie eine Gefangene, Prinzessin. Sagen wir, ich möchte Sie an einem Ort haben, wo ich Sie im Auge behalten kann.“

„Das ist doch lächerlich! Wir haben vor der ganzen Welt unsere Verlobung verkündet. Was muss ich denn noch tun, um Sie zu überzeugen?“

„Sie müssen sich mein Vertrauen verdienen, Annalina.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Und das – Sie werden sicher nicht überrascht sein – braucht seine Zeit.“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Anna reagierte gereizt auf seinen strengen Blick. „Dass Sie mich nicht aus den Augen lassen, bis ich mir dieses sogenannte Vertrauen verdient habe? Das erscheint mir kaum machbar. Nicht zuletzt, weil wir auf verschiedenen Kontinenten leben.“

Zahir zuckte die Schultern. „Das hat wenig zu bedeuten. Die Lösung ist einfach. Sie werden mit mir nach Nabatea kommen.“

Anna starrte ihn an. Sein wissender Blick übte eine seltsame Wirkung auf sie aus. Jeder klare Gedanke löste sich wie in einem Nebel auf. Wie es schien, hatte sie zu viel Champagner getrunken.

In kaltem, herrischem Ton bestätigte Zahir, was sie insgeheim befürchtete. „Wir fliegen noch heute Abend.“

3. KAPITEL

Anna sah aus dem Fenster, während das Flugzeug zum Landeanflug ansetzte. Unter ihr lag Medira, die Hauptstadt von Nabatea, eingetaucht in das rosa–goldene Licht eines neu heraufdämmernden Tages. Der erste Blick auf ihre neue Heimat war atemberaubend. Trotzdem änderte er nichts an ihrer bedrückten Stimmung.

Anna wusste wenig über dieses Land. Nur, dass Nabatea sich durch einen blutigen Bürgerkrieg befreit und nach fünfzigjähriger Unterdrückung durch Uristan wieder seine Unabhängigkeit erkämpft hatte.

Sie wusste auch, dass Raschids und Zahirs Eltern, das frühere Königspaar, nach Kriegsende zurückgekehrt waren. Allerdings hatten Aufständige sie am Vorabend der Unabhängigkeitserklärung ermordet. Es waren kaum Details dieser schrecklichen Tragödie bekannt, und Anna war eigentlich ganz froh darüber. Alles in allem wusste sie wirklich kaum etwas über dieses Land, das sie jetzt wohl irgendwie als ihre neue Heimat akzeptieren musste.

Genauso wenig wusste sie über den Mann, der sie hierherbrachte und zu seiner Frau machen wollte. Dieser Mann, der den ganzen Tag im Büro des luxuriösen Privatjets verbracht und ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Aber was erwartete sie denn? Nachdem sie an Bord gegangen waren, hatte er ihr vorgeschlagen, sich zurückzuziehen. Und er hatte keinen Zweifel aufkommen lassen, dass ihr Schlafzimmer ihr auch wirklich allein gehören würde. Doch ihr Trotz, vielleicht auch die Hoffnung auf ein klärendes Gespräch, ließen sie seinen Vorschlag ablehnen.

Jetzt wusste sie, wie sinnlos diese Hoffnung gewesen war. Anna starrte aus dem Fenster und fragte sich, wieso immer andere Menschen ihr Leben bestimmten. Zuerst ihr Vater, jetzt dieser düstere Mann, der ihr Ehemann werden sollte. Nie hatte sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Und wie es aussah, würde sich daran auch nichts ändern.

„Wir landen in zehn Minuten.“ Erschrocken drehte Anna sich um. Zahir stand hinter ihr, die Hand auf ihre Rückenlehne gestützt. Für einen so großen Mann bewegte er sich erstaunlich lautlos. Selbst seine Stimme klang anders – rau und ungezähmt, als wäre er zu allem fähig, zu verbotenen Freuden wie zu brutaler Zerstörung. „Ich hoffe, der Flug war nicht zu anstrengend für dich?“

„Nein, mir geht es gut.“ Das war gelogen. Sie war vollkommen erschöpft, aber das wollte sie nicht zugeben.

„Ich denke, der Palast wird dir gefallen. Du kannst sicher sein, dass für die Erfüllung all deiner Wünsche gesorgt wird.“

„Danke.“ Für wen hielt er sie? Für eine Prinzessin aus dem Märchen, die nicht schlafen kann, falls eine Erbse unter ihrer Matratze lag? Oder für eine verwöhnte Primadonna?

Falls ja, konnte er sich kaum mehr irren. Sie war zwar in einem Palast aufgewachsen, aber es war ein alter, zugiger Palast gewesen, dessen Mauern langsam zerfielen, dessen Putz bröckelte und dessen Leitungen nur funktionierten, wenn sie Lust darauf hatten.

Was die Erfüllung ihrer Wünsche betraf, so war Anna dazu erzogen worden, keine Wünsche zu haben. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte eine ganze Reihe von Gouvernanten – eine kaltherziger als die andere – sich große Mühe gegeben, ihr das klarzumachen. Ob es daran lag, dass ihr Vater sie gezielt wegen ihrer Kaltherzigkeit ausgesucht hatte – König Gustav glaubte, seine Tochter benötigte eine feste Hand –, oder daran, dass der eisige Palast irgendwie auf sie abfärbte … Anna wusste es nicht.

Sie wusste nur, dass nie jemand da gewesen war, der wieder das warme Gefühl in ihr hatte aufleben lassen, das sie empfunden hatte, wenn ihre Mutter sie in den Arm nahm oder ihr sanft die wirren Haare aus dem Gesicht strich. Deshalb hatte sie mit aller Macht an diesem Gefühl festgehalten, hatte es am Leben gehalten, in dem sie sich an alles, was ihre geliebte Mutter betraf, erinnerte, und sich weigerte, die Erinnerungen loszulassen.

Eine Wagenflotte stand schon bereit, um Anna, Zahir, Raschid und alle Bediensteten, die mit an Bord gewesen waren, zum Palast zu bringen.

Im Palast wurden sie von der Dienerschaft begrüßt, und man zeigte Anna ihre Suite. Das Schlafzimmer wurde von einem riesigen, vergoldeten Bett mit üppigen roten Seidenvorhängen beherrscht, über dem eine Krone schwebte.

Es sah unglaublich einladend aus. Endlich gab Anna ihrer Müdigkeit nach, nahm rasch eine Dusche, registrierte noch, dass das Bad eine tiefe, marmorne Wanne mit goldenen Wasserhähnen besaß, und kletterte dann ins Bett. Sie schloss die Augen und fiel sofort in tiefen Schlaf.

Irgendwann wurde sie von einem Klopfen an der Tür geweckt. Zwei dunkelhaarige Frauen erschienen. Jede trug ein Tablett, beladen mit Früchten, Käse, Eiern, Hummus, Pittabrot und Oliven. Anna setzte sich auf. Die beiden schüttelten schweigend die Kissen auf. Dann schenkte eine ihr Kaffee ein, während die andere mit einem Teller und einer Vorlegezange in der Hand dastand und offensichtlich darauf wartete, dass Anna ihre Wahl traf.

„Oh, danke.“ Anna strich sich die Haare aus dem Gesicht und lächelte die Frauen an. Wie sollte sie nur all diesen Köstlichkeiten gerecht werden? Und wie spät war es überhaupt? Eine vergoldete Uhr an der Wand zeigte, dass es kurz nach eins war. Also ein Uhr mittags? Sie betrachtete wieder das Essen. Sie musste etwas auswählen. Dem ernsten Gesichtsausdruck der jungen Mädchen nach zu urteilen, hätte es sie nicht erstaunt, wenn die beiden ihr auch noch angeboten hätten, sie zu füttern. „Ich denke, ich probiere mal das Rührei. Es sieht sehr verlockend aus.“

Sofort wurde ihr das Omelett serviert, und zwei Augenpaare beobachteten aufmerksam, wie sie die Gabel nahm und das Ei probierte.

„Sprechen Sie Englisch?“ Sie trank einen Schluck Kaffee. Er war stark und schmeckte hervorragend.

„Ja, Eure Hoheit.“

„Spricht jeder in Nabatea Englisch?“

„Ja, Eure Hoheit, es ist unsere Zweitsprache.“

„Wie schön, es ist auch in meinem Land Zweitsprache.“ Anna lächelte die zwei hübschen jungen Frauen an. „Und bitte, nennt mich Annalina. ‚Eure Hoheit‘ klingt viel zu steif.“

Die Frauen nickten, aber Anna ahnte, dass sie mit dieser Formlosigkeit ihre Mühe haben würden. „Darf ich euch nach euren Namen fragen?“

„Ich bin Lana, und das ist Layla.“

„Vermutlich seid ihr Schwestern?“

„Ja, Layla ist meine zwei Jahre jüngere Schwester.“

„Und arbeitet ihr schon lange im Palast?“

„Ja, seit fast zwei Jahren. Nach dem Tod unserer Eltern hat man uns hier ein neues Zuhause geschenkt. Als Gegenleistung arbeiten wir für den König und Prinz Zahir.“

Ihre Eltern waren also tot. Wahrscheinlich gab es in diesem Land, das so sehr unter dem Krieg gelitten hatte, viele Geschichten von Tod und Zerstörung.

Layla war näher ans Bett herangetreten und betrachtete Anna, als käme sie von einem anderen Stern.

„Mir gefallen Ihre Haare.“

„Layla!“, wies ihre Schwester sie scharf zurecht.

„Schon gut.“ Anna lachte und warf einen Blick auf ihre blonden Locken, die ihr zerzaust über die Schultern fielen. „Danke für das Kompliment. Morgens muss ich sie immer ziemlich lange bürsten, um sie zu entwirren.“

„Das kann ich doch machen“, erwiderte Layla ernsthaft.

„Na ja, das ist sehr nett von dir, aber …“

„Es ist uns eine Ehre, Ihnen dienen zu dürfen, Königliche Hoheit“, sagte Lana. „Prinz Zahir hat uns aufgetragen, Ihnen jeden Wunsch zu erfüllen.“

Das hatte er? Anna mochte kaum glauben, dass er sich über so etwas Nebensächliches wie ihre Wünsche Gedanken machte. „Nun, wenn das so ist, nehme ich euer freundliches Angebot an. Prinz Zahir …“ Anna zögerte. Sie hätte die beiden gerne gefragt, was für ein Mensch er war. Vermutlich würden sie ihr aber nicht offen und frei antworten können. Es wäre also unfair, sie zu fragen. „Seht ihr ihn oft?“

„Nein. Er ist viel weg. Und wenn er hier ist, stellt er keine großen Ansprüche.“

„Kommen viele Besucher in den Palast?“

„Nicht so viele. Meistens nur Geschäftsleute und Politiker.“

„So einen hübschen Besuch wie Sie hatten wir noch nie. Sehen alle Frauen in Ihrem Land aus wie Sie?“, fragte Layla.

„Na ja, die Frauen in Dorrada sind meistens hellhäutig und haben blaue Augen. Die Männer übrigens auch. Dunkle Schönheiten wie ihr wären in meiner Heimat sehr begehrt. Hier sicher auch.“

„Und Prinz Zahir …“, fuhr Layla fort. „Finden Sie, er sieht gut aus?“

„Layla!“

„Ich frage ja nur.“ Layla verzog das Gesicht.

„Natürlich gefällt er ihr. Sonst würde sie ihn ja wohl nicht heiraten.“

Anna verkniff sich ein Lächeln. „Die Antwort heißt Ja. Ich finde, er sieht gut aus.“

Die Schwestern warfen sich aufgeregte Blicke zu. „Und es ist wahr, dass Sie ihn heiraten und hier im Palast leben werden?“ Dieses Mal war es Lana, die fragte. Ihre Neugierde war jetzt stärker als ihr Sinn für Etikette.

„Ja, es ist wahr.“ Dass sie es laut aussprach, machte es nicht weniger erstaunlich.

Lana und Laylas hübsche Gesichter strahlten.

„Das ist eine sehr gute Nachricht, Königliche Hoheit. Wirklich eine sehr gute Nachricht.“

Zahir starrte leise fluchend auf den Bildschirm. Er hatte mit einem einzelnen Schnappschuss von ihnen beiden auf der Brücke gerechnet, aber das hier war eine ganze Fotoserie, stark vergrößert, damit man ja auch noch das kleinste Detail sehen konnte. Sein Blutdruck stieg, während er weiterscrollte und immer mehr Bilder ihn in leidenschaftlicher Umarmung mit Anna zeigten. Endlich tauchten die auf, die er die Welt sehen lassen wollte: Er und Anna Seite an Seite bei der feierlichen Verkündung ihrer Verlobung.

Die Fotos waren nicht nur in einer Zeitung abgelichtet. Ganz Europa schien geradezu besessen zu sein von der schönen Prinzessin Annalina.

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren. Hinter ihm stand die Person, für die die Presse sich so sehr interessierte, Annalina. Endlich! Es war immerhin schon eine Stunde her, dass er Angestellte in ihre Suite geschickt hatte, um ihr auszurichten, dass er sie zu sehen wünschte. Sie trug ein schlichtes marineblaues Kleid und sah darin sehr jung, aber auch sehr elegant und sexy aus. Ihr aschblondes Haar fiel ihr in weichen Locken über Schultern und Brust.

Ihr Anblick ließ ihn nicht kalt, im Gegenteil. Bis jetzt hatte er Anna nur mit strenger Hochfrisur gesehen. Auf diese Haarflut war er nicht vorbereitet. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass ihre Haare so lang waren, so faszinierend. Und dass er einmal würde dagegen ankämpfen müssen, sich vorzustellen, wie diese Haare sich auf seiner nackten Haut anfühlten.

„Hast du das hier schon gesehen?“ Weil er sich über seine Reaktion auf ihre sexy Ausstrahlung ärgerte, klang seine Stimme ziemlich scharf.

Sie sah zum Laptop hin. „Ist es schlimm?“

„Schau es dir selbst an.“

Ein zarter Blumenduft streifte ihn, als sie sich neben ihn setzte. Sie strich sich die Haare hinters Ohr. Zahir zuckte beinahe zusammen, als sie an ihm vorbei nach der Maus griff. Schnell scrollte sie sich durch die Bilder und überflog den jeweiligen Text.

„Na ja.“ Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn mit ihren strahlend blauen Augen an. „Eigentlich hatten wir ja so etwas erwartet.“

„Du vielleicht. Ich bestimmt nicht.“

„Jedenfalls können wir jetzt nichts dagegen tun. Sind die Fotos auch in den Zeitungen von Nabatea erschienen?“

„Zum Glück nicht. Das offizielle Verlobungsfoto wird alles sein, was die Leute zu sehen bekommen. Mein Volk wäre an diesem schmutzigen Schauspiel auch gar nicht interessiert.“

Er bemerkte, wie sie das Gesicht verzog. Ihre Haut war so hell und rein wie das feinste Porzellan.

„Was ist?“

„Ich frage mich nur, woher du das wissen willst. Ich meine, wenn sie doch gar keine Gelegenheit haben, die Bilder zu sehen. Für mich klingt das nach Zensur.“

Zahir spürte, wie Zorn in ihm aufstieg. Aus zusammengekniffenen Augen starrte er die Frau an, die ihn so in Rage brachte. „Lass mich eines von Anfang an klarstellen, Prinzessin Annalina. Was die europäische Kultur und Tradition betrifft, mag ich dich vielleicht um deine Meinung fragen, denn damit bin ich nicht sehr vertraut. Aber versuche ja nicht, dich in die Angelegenheiten meines Landes einzumischen. Deine Meinung ist nicht erwünscht.“

„Wenn du das sagst.“

„Das sage ich.“

„Ich meine nur …“, sie zog die fein geschwungenen Augenbrauen hoch, „… du kannst nicht beides haben.“ Wie es schien, wollte sie nicht so einfach klein beigeben. „Wenn du mich lediglich geheiratet hast, um durch mich und meine Familie Zugang zum europäischen Markt zu bekommen, dann wirst du diese Art medialer Aufmerksamkeit akzeptieren müssen.“

Zahir runzelte die Stirn. War das wirklich so? Wenn ja, dann würde er dem ein Ende machen. Er hatte kein Interesse daran, Teil von irgendeinem Society-Zirkus zu werden.

„Ich muss sagen, du überraschst mich. Es scheint dir zu gefallen, dass ein mieses kleines Paparazzo-Foto das Erste sein soll, was mein Volk von seiner neuen Prinzessin zu sehen bekommt. Ein Foto, auf dem du dich lasziv an mich presst.“ Hätte er damit doch nur nicht die Erinnerung an jene Situation wachgerufen! Nicht, wo sie jetzt so dicht neben ihm stand. Nicht, wo er sich so sehr wünschte, sie würde sich wieder eng an ihn schmiegen.

„Mir macht das nichts aus.“ Sie warf hochmütig die Haare zurück.

Für Zahir war es fast so, als antwortete sie mit dieser wegwerfenden Geste auf die Schwäche, die er für sie empfand. Und die er nur mühsam verbergen konnte.

„Es sollte dir aber etwas ausmachen. So etwas ...

Autor

Heidi Rice

Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt – mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie...

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Penny Jordan

Penny Jordan wurde 1946 im englischen Preston geboren und galt als eine der größten Romance-Autorinnen weltweit. Insgesamt verkaufte sie über 100 Millionen Bücher in über 25 Sprachen, die auf den Bestsellerlisten der Länder regelmäßig vertreten waren. 2011 wurde sie vom britischen Autorenverband Romantic Novelists‘ Association für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Sie...

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