Diving into Forever – Kopfüber ins Glück
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Laurel Greer
Diving into Forever – Kopfüber ins Glück
IMPRESSUM
LOVE erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: kundenservice@cora.de |
| Geschäftsführung: | Katja Berger, Jürgen Welte |
| Verlagsleitung: | Julia Fischer (v. i. S. d. P.) |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion) |
© Deutsche Erstausgabe 2026 in der Reihe LOVE, Band 1
© 2023 by Lindsay Macgowan
Originaltitel: „Diving into Forever“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: SPECIAL EDITION
Übersetzung: Petra Pfänder
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Abbildungen: Cover Design by Birgit Tonn, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 07/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751543101
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt.
LOVE-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL
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Der verdammte Weißkopfseeadler lachte ihn aus.
Der riesige Vogel hockte auf der steinernen Mole, die die bunte Ansammlung von Booten in dem kleinen Hafen Hideaway Wharf schützte. Sein Gelächter klang deutlich herüber, obwohl er jenseits der Liegeplätze und Bootsstege saß.
Hi, ha hi, ha hi ha ha.
Kellan Murphy stand auf der hölzernen Strandpromenade und war sich sicher, dass die Rufe des Vogels in Adlersprache bedeuteten: Viel Glück dabei, dich zum Narren zu machen.
Dieser hohe Ton passte nicht so recht zu einem Greifvogel mit einer Flügelspannweite von über eins achtzig. Er erinnerte Kellan an das Lachen seiner Schwester, wenn sie ihn abends betrunken von der Uni aus angerufen hatte, um ihn damit aufzuziehen, dass er an den Wochenenden immer arbeiten musste.
Wenn das majestätische Geschöpf ihm beibringen könnte, in die jadeschwarzen Tiefen der kabbeligen Salischen See zu tauchen, würde ihm das vielleicht eine Blamage ersparen.
Kellan atmete flach, als er die Reihe malerischer Lädchen erreichte, die sich an die raue Uferlinie des Geschäftszentrums von Oyster Island schmiegten, damit ihm der Geruch von Meeresluft, Seetang und den mit Teeröl getränkten Pfählen nicht in die Nase stieg.
Aus der Ferne liebte er alles, was mit dem Meer zu tun hatte – Austern und Miesmuscheln, perfekt, um köstliche Gerichte daraus zu zaubern. Mit einer Mignonette oder einem Krustentierfond ließen sie seine Gäste schwelgerisch seufzen.
Das Einzige, was ihn gerade zum Seufzen brachte, war sein verletzter Stolz.
Gestern Abend war er mit der Fähre vom Festland des US-Bundesstaats Washington angekommen. Diesen Morgen hatte er genutzt, um sich erst einmal zu orientieren, bevor er sich dem eigentlichen Grund stellte, der ihn auf diese winzige Insel geführt hatte.
Natürlich gehörte es zum Orientieren dazu, fast jeden Laden in den sechs pastellfarbenen Häusern an der Uferpromenade zu erkunden.
Die Häuserzeile verströmte maritimen Charme und erinnerte ihn sehr an die berühmte Reihe bunter Häuser im irischen Cobh. Soweit er es beurteilen konnte, befanden sich in den Erdgeschossen Läden, während die oberen Etagen Wohnungen waren. Dazu gehörte auch jene Wohnung, die der Testamentsvollstrecker seiner Schwester schon vor Monaten für ihn angemietet hatte.
Schon jetzt hatte Kellan seine Kreditkarte ziemlich strapaziert. Angefangen hatte er mit einem Kaffee in der Bäckerei unterhalb der Wohnung, die er den ganzen März sein Zuhause nennen würde. Danach hatte er nicht widerstehen können, noch rasch in einen Geschenkeladen zu gehen und auf der Insel hergestellte Rosmarinseife zu kaufen, die einfach göttlich duftete. Und dann hatte er sich in dem gemütlichen Bistro am Ende der Ladenzeile köstliche Eggs Benedict mit Krebsfleisch gegönnt.
Den Tauchshop Otter Marine Tours am anderen Ende hatte er bis jetzt gemieden, doch das ließ sich nicht länger hinauszögern.
Er holte tief Luft. Er war bereits im Pool getaucht. Für den Tauchschein müsste er als Nächstes die Freiwassertauchgänge absolvieren.
Er zog seine neue Regenjacke zu, um die kräftige Frühlingsbrise abzuwehren, und ging um das Gebäude herum. Das Haus, das sich über zwei Stockwerke erstreckte, wurde von grellbunten Wandgemälden mit Meeresmotiven geschmückt. Otter tanzten im Kelpwald und sahen aus, als würden sie sich königlich amüsieren.
Wenn er sich doch auch nur dazu durchringen könnte, sich unter Wasser wohlzufühlen!
Er konnte das schaffen. Immerhin hatte er vor zwei Jahren mit seiner Schwester den Kilimandscharo bestiegen und war die Tour du Mont Blanc gewandert. Ende letzten Jahres hatte er ohne sie den Aconcagua bestiegen.
Aber Höhe und Tiefe waren zwei verschiedene Dinge.
Er hatte Aoife versprochen, beides in ihrem Namen zu bezwingen. Drei Kontinente standen noch aus. Drei Tauchplätze.
Wenn sie sich dem Krebs hatte stellen können, dann musste er in der Lage sein, sich einer irrationalen Angst zu stellen.
Er ging die Stufen zum Eingang der Tauchschule hinauf. Diese nahm das gesamte Erdgeschoss des Hauses ganz links ein, direkt neben der gut besuchten Bäckerei und unterhalb von Räumlichkeiten mit einem „Zu vermieten“-Schild im Fenster. Ein Ständer mit T-Shirts und eine Reihe von SUP-Boards flankierten die Eingangstür der Tauchschule.
Hätte die Liste seiner Schwester doch nur etwas vom ihm verlangt, was sich auf der Meeresoberfläche abspielte! Damit hätte er kein Problem gehabt.
Wahrscheinlich.
Ein handbeschriebenes Holzschild hing an der Tür:
Keiner da?
(1) Im Wasser
(2) Am Hafen
(3) Spät dran (Sehr wahrscheinlich, wenn Franci arbeitet – sie bittet um Verzeihung!)
Darunter stand in Druckbuchstaben „Sam“ neben einer zehnstelligen Telefonnummer. Zweifellos derselbe Sam, mit dem Kellan einige E-Mails gewechselt hatte, weil dieser einen Brief für ihn empfangen hatte und ihn aufbewahren sollte.
Er drückte die Klinke herunter. Nicht abgeschlossen.
Mist.
Er betrat den kleinen Laden. Schon auf der Fußmatte schlug ihm der Geruch von Neopren entgegen. Hm. Er hätte eher Meergeruch erwartet. Der Raum, der aussah, als wäre er einmal ein Wohnzimmer gewesen, war menschenleer und voll mit Tauchzubehör. Er würde einen der Anzüge ausleihen müssen, die an einer Stange an der hinteren Wand hingen, dazu eine Sauerstoffflasche und einen Atemregler. Er hatte nur seine Maske mitgebracht. Sie hatte ihm auf den Cayman Islands gute Dienste geleistet. Das Schnorcheln in anderthalb Meter tiefem Wasser hinter einem Wellenbrecher hatte gereicht, um den Punkt „Papageifische am Cheeseburger Reef sehen“ von der Liste seiner Schwester streichen zu können. Anderthalb Meter tiefes, kristallklares Wasser, wohlgemerkt. Nichts im Vergleich zu dem dunklen Abgrund, den er bei der Überfahrt mit der Oyster-Island-Fähre ausgiebig hatte betrachten können.
Nach dieser Weltreise, auf die ihn Aoife nicht mehr begleiten konnte, würde er seine Tauchermaske verschenken und sich wieder seinem Beruf widmen. Und ein Erbe in Empfang nehmen, bei dem er wohl nie das Gefühl haben würde, es verdient zu haben. Allerdings würde er nie nach Okinawa oder auf die Whitsunday Islands kommen, wenn die Person, die für Otter Marine Tours zuständig war, nicht auftauchte. Vielleicht war es die chronisch verspätete Franci, wobei Kellan nicht verstand, warum der Laden in Abwesenheit von Angestellten nicht abgeschlossen war. Angesichts der teuren Ausrüstung, die sich hier stapelte, kam ihm das unklug vor.
„Hallo?“, rief er und läutete die Glocke auf dem kleinen Tresen.
„Sorry!“, ertönte eine männliche Stimme aus einer offenen Tür jenseits des Ladentischs, in dessen oberem Fach eine Auswahl von Tauchermessern unter Glas lag. „Einen Moment.“
„Keine Eile“, erwiderte Kellan. In seinen vierunddreißig Jahren hatte er selten etwas so ernst gemeint.
„Danke.“
Vielleicht gehörte die sonore Stimme diesem „Sam“, dessen zehnstellige Telefonnummer auf dem Holzschild stand.
Um sich von den gerahmten Unterwasserbildern an der Wand hinter dem Ladentisch abzulenken, tat er so, als fände er die Tauchermesser interessanter als eine Auswahl von seltenen Käsesorten.
Die Wellenschliffklingen der Messer waren an der Spitze abgeflacht, ganz anders als die geschärften Messer, die er in der Küche benutzte. Sie waren nicht dafür gemacht, hauchdünne Scheiben Rindfleisch abzuschneiden oder Unmengen von Gemüse für Mirepoix zu hacken. Eher dafür, jemanden fünfzehn Meter unter der Meeresoberfläche aus einem Gewirr von Seetang oder einem Fischernetz zu befreien.
Ihn schauderte.
Denk nicht daran. Schnell drehte er sich um und suchte nach einer Ablenkung. Eine große Karte von Oyster Island fiel ihm ins Auge, und er ging hin, um sie genauer anzuschauen. Schließlich würde er einen Monat hier leben. Da war es sinnvoll, sich mit dem Ort vertraut zu machen. Nicht dass es viel zu wissen gäbe – eine Straße zog sich rund um die längliche Insel, dazu gab es ein paar schmale Wege, die sich durch die Wälder und landwirtschaftlich genutzten Flächen in der Inselmitte schlängelten. Wenigstens ließ das auf lokale Zutaten hoffen, mit denen er in der Küche etwas anfangen konnte …
„Hi. Danke fürs Warten“, hörte er eine Stimme hinter sich, diesmal näher.
Kellan drehte sich um. Und staunte.
Mit Adonis hatte er nicht gerechnet. Oder mit Neptun. Sind das beides Griechen? Seltsam, obwohl er so ein Bücherwurm war, hatte er null Interesse an antiker Mythologie und konnte sich das nie merken. Gran hätte diese fesselnden meergrünen Augen und das leicht rötliche Haar gesehen und sofort angefangen, von Selkies zu erzählen. Aber auch die Sagen aus seiner Kindheit interessierten Kellan nicht besonders.
Der Mann hinter dem Tresen hingegen sah so gut aus, dass man kaum hinsehen konnte. Breite Schultern, eine schmale Taille, muskulöse Oberschenkel … Mit solchen Oberarmen brauchte er sich wohl keine Sorgen wegen Seetang oder Fischernetzen zu machen – er könnte sie mit bloßen Händen entzweireißen.
Konzentriere dich, Murphy.
Aber nicht auf das Otter-Marine-Tours-Logo auf dem T-Shirt, unter dem sich ein vom Schleppen schwerer Tauchausrüstung durchtrainierter Oberkörper abzeichnete.
Mr. T-Shirt kniff die Augen zusammen. „Alles in Ordnung?“
„Sicher, und ich …“ Um Himmels willen, er krächzte wie ein Frosch. Er räusperte sich. „Ich nehme an, du bist Sam, nicht Franci?“ Man konnte nie vorsichtig genug sein.
„Ja, ich bin Sam. Wenn du Franci suchst, sie ist wie üblich zu spät.“ Er grinste. Frei und unbeschwert.
Selbst nach Argentinien und Grand Cayman war Kellan keins von beidem.
„Komisches Geschäftsmodell, an chronisch verspätetem Personal festzuhalten.“ Er verzog das Gesicht. Seine Aversion gegen zu spät kommendes Servicepersonal ging manchmal mit ihm durch. „Ach, was rede ich da, ich …“
„Sie ist die Schwester des Chefs. Meine Schwester.“ Das sexy Lächeln wich einer ernsten Miene. „Meistens kommt sie damit durch.“
Kellans Herz zog sich zusammen. Meine Schwester. Unberechenbar und immer zu spät. Das kannte er sehr gut. Er hätte Aoife öfter damit durchkommen lassen sollen, als er es getan hatte. „Tut mir leid. Geht mich nichts an.“
„Kein Ding. Wir leben hier auf einer Insel – da ticken die Uhren anders.“ Er lächelte wieder. „Was kann ich für dich tun?“
„Ich bin wegen meines Tauchkurses hier. Und um Ausrüstung zu mieten.“ Hoffentlich merkte man ihm die Panik, die in ihm rumorte, nicht an.
„Ah! Ich hätte es an deinem Akzent erkennen können, aber nach deinen Anmeldedaten habe ich einen Engländer erwartet, keinen Iren. Kellan, stimmt’s? Wie war die Anreise von London?“
„Eigentlich bin ich aus der Karibik gekommen.“
Sam stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Wie schön.“
„Ja, das war es.“ Er konnte wohl kaum zugeben, dass es nur ein abgehakter Punkt auf Aoifes Liste gewesen war, ein tropischer Zwischenstopp auf halber Strecke zwischen drei Bergbesteigungen und drei Tauchgängen.
„Bevor wir uns um deine Tauchgänge kümmern, habe ich etwas für dich“, teilte Sam mit. „Den Brief, dessentwegen ich dir gemailt habe.“
„Ah ja. Sorry wegen der Umstände.“
„Ach, das war doch nichts Besonderes. Das erste Mal, dass ich Post für einen Kunden bekommen habe, aber kein Problem.“
Nichts Besonderes. Wenn es nur ‚nichts Besonderes’ gewesen wäre und keiner der auf Krankenhauspapier gekritzelten Briefe, die rund um den Globus auf ihn warteten.
Sam zog den Brief aus einer Schublade hinter dem Tresen und reichte ihn ihm.
Kellan würde warten müssen, bis er ihn las. Er war nicht in der Stimmung, mitten in einem Tauchshop in Tränen auszubrechen – in Gesellschaft von jemandem, dem er gerade zum ersten Mal begegnet war. Er stopfte den Brief in die Hosentasche. „Tausend Dank.“
„Gern.“ Sam deutete auf ein Gestell mit Trockentauchanzügen. „Du kannst dir einen Anzug aussuchen. Ich habe dich für den Gruppenkurs ab Mittwoch eingetragen.“
Kellan verzog das Gesicht. „Also … wenn du auch Einzelunterricht anbietest, würde ich lieber den buchen.“
„Die Preise für private Tauchstunden hängen dort.“ Den Anflug von Neugier, der über Sams Gesicht huschte, bildete sich Kellan sicher nur ein, denn die Stimme des Mannes klang professionell neutral. Sam zeigte mit einem Finger, dem man die körperliche Arbeit ansah, auf eine Preistafel an der Wand, direkt neben den Unheil verkündenden Bildern der Unterwasserwelt. „Für den Tauchlehrer und den Bootsbegleiter.“
„Wer ist der Tauchlehrer?“, fragte Kellan.
„Meine Schwester, ich oder Archer Frost.“
„Wer hat am meisten Erfahrung?“
„Meinst du Stunden im Wasser?“ Der sexy Mann fuhr sich mit einer Hand durch sein dichtes Haar. „Arch. Letzten Sommer hat er in Australien massenhaft Stunden gesammelt.“
„Da bin ich nächsten Monat auch“, platzte Kellan heraus.
„Was? Machst du eine Weltreise?“
„So was in der Art.“
Etwas wie Neid flackerte in den meergrünen Augen auf. Meergrün wie die angenehmen Teile des Ozeans, nicht die todbringenden Tiefen rings um Oyster Island.
Als Sam die vollen Lippen beim Lächeln leicht öffnete, musste Kellan sich sehr zusammenreißen, um nicht zu genau hinzusehen. Ob sie wohl nach den einzeln verpackten weißen Pfefferminzbonbons schmeckten, die in der riesigen Muschelschale neben dem Kassen-iPad lagen? Abgesehen davon, dass er auf jedem Kontinent einen Gipfel besteigen oder in die Tiefe tauchen musste, hatte Aoife ihm das Versprechen abgenommen, auf seiner Reise auch für eine Affäre offen zu sein. Wenn sie den Mann hinter dem Tresen gesehen hätte, wäre er sofort ganz oben auf ihrer Liste gelandet.
Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Aoife.
Die Affäre würde ein Australier sein müssen. Die für den Schein notwendigen Tauchgänge in der launischen Salischen See würden Kellan einiges abverlangen. Da hätte er keine Energie mehr für ein Techtelmechtel, nicht einmal wenn der Mann so zum Anbeißen war wie der, der jetzt vor ihm stand und ihn leicht verwirrt ansah.
„Willst du auch eine Einzelprüfung?“, fragte Sam. „Oder eine Gruppenprüfung und Einzeltauchgänge? Wenn ja, wie viele?“
„Zu viele“, murmelte Kellan.
Sam hob eine Augenbraue.
Kellan räusperte sich. „Gern alles einzeln.“ Das war den Preis wert. Ohne den Tauchschein konnte er Aoifes restliche Wünsche nicht erfüllen. Wenn er sich ihr und Gran zu Ehren seinen eigenen Michelin-Stern erarbeiten wollte, brauchte er das Erbe – und das hing von dieser Reise ab. „Die Zertifizierungstauchgänge und dann zwei Tauchgänge pro Woche bis Ende März.“
„Und hast du eine Vorliebe für einen bestimmten Tauchlehrer?“
Es wäre wohl das Vernünftigste, Archer Frost zu wählen. Wenn er stundenlang mit Sam zusammen wäre, war der Ärger vorprogrammiert …
„Ich will dich.“ Ups. „Ich meine, ich will die Stunden bei dir nehmen.“
„Lass mich den Terminkalender checken und sehen, ob ich dich umplanen kann. Um diese Jahreszeit sind wir ausgebucht.“ Er runzelte die Stirn und tippte auf dem iPad herum. „Ich könnte dich Dienstag und nächsten Freitag einschieben, dann machen wir die für den Schein notwendigen Tauchgänge. Danach würde montags und donnerstags für den Rest des Monats passen.“
Kellan war dankbar für die Galgenfrist. Dienstag war in drei Tagen. Es hätte auch morgen noch ein Platz frei sein können …
Er war sich ziemlich sicher, gelesen zu haben, dass Otter Marine Tours dienstags geschlossen hatte, aber vielleicht galt das nur für Leute, die zum Stöbern in den Laden kamen. „Wenn Dienstag für dich passt …“
„Es klang, als wäre es dir wichtig.“
Kellan nickte. Die auf Krankenhauspapier gekritzelte Liste, die zusammengefaltet in seinem Portemonnaie steckte, lastete zentnerschwer auf ihm.
Als er seine Kreditkarte aus dem Portemonnaie zog, fiel die Liste heraus und landete auf dem Ladentisch. Er schnappte sie sich, bevor Sam sie genauer ansehen konnte. Die mit Sternchen markierten Zeilen acht und neun würden garantiert seine Aufmerksamkeit erregen. „Ich kann im Voraus zahlen, wenn du willst. Schreib einfach alles auf, was ich außer Maske und Schnorchel brauche.“
„Alles zusammen, für acht Tauchgänge?“ Sam nannte einen horrenden Preis.
Autsch. Dafür hätte man eine neue Fritteuse für das Bistro kaufen können, das Kellan und sein Geschäftspartner Rory eröffnen wollten. Aber ohne den Tauchkurs würde es gar keine Fritteuse geben.
Also reichte er Sam seine Kreditkarte und war damit dem nächsten abgehakten Punkt auf Aoifes Liste einen Schritt näher.
Die Glocke an der Tür klingelte, als diese hinter dem faszinierenden Fremden zufiel. Sam Walker ließ sich den Namen des Mannes durch den Kopf gehen.
Kellan Murphy.
Sein neuester Kunde hatte eine Londoner Adresse, einen hinreißenden irischen Akzent und ein umwerfendes Lächeln. Er war ein Mann, den man am liebsten an jeden der Orte begleiten würde, die auf der zerknitterten Liste standen, die aus seinem Portemonnaie gefallen war.
Er hatte Alpen – durchgestrichen – und Japan gelesen, bevor Kellan sie hastig wieder verstaut hatte.
Sam machte sich an seine monatliche Kontrolle der Ausrüstung, musste aber jedes Mal wieder alle Nähte der Trockentauchanzüge von Neuem prüfen, sobald seine Gedanken zu dem neuen Kunden mit dem melodischen Akzent abschweiften.
Kurz darauf kam Archer nach seiner morgendlichen Tauchtour herein. Sein kurzes dunkles Haar war noch feucht. Er war einen Meter neunzig groß und so breit gebaut wie Sam, aber noch eine Spur durchtrainierter – das Ergebnis eines knallharten Trainingsplans. Er besaß die dauerhafte Bräune eines Mannes, der normalerweise entweder auf einem Boot war oder seine Grenzen beim Laufen austestete. Er begann, sich aus dem Trockentauchanzug zu schälen. Dabei musterte er Sam misstrauisch. „Was ist los?“
„Ich brauche dich am Dienstag.“
Ich will dich. Sam musste immer wieder daran denken, wie es sich angefühlt hatte, diesen Satz aus Kellan Murphys Mund zu hören. Und an das Verlangen, das in Kellans grauen Augen aufgeflackert war, in diesem kurzen Hitzeflimmern, als er Sam gemustert hatte.
Das war interessant genug für Sam, um seinen einzigen freien Tag in der Woche zu opfern. Und das bedeutete, dass er seinen kompletten Zeitplan umschmeißen musste. Er musste Franci dazu bringen, für Dad einzukaufen, und er hoffte inständig, dass die Mathelehrerin ihrer jüngsten Schwester nicht anrief, um schon wieder ein Gespräch nach dem Unterricht zu verlangen.
Arch verzog das Gesicht und setzte sich, um die Beinprothese, die er zum Tauchen trug, gegen seine Alltagsprothese zu tauschen. „Und wenn ich Dienstag schon etwas vorhabe?“
Von wegen! Der Veteran der Küstenwache verbrachte seine gesamte freie Zeit mit Tauchen. Meistens mit Sam. Archer war ein paar Jahre jünger als Sam, aber als Kinder hatten sie nur ein paar Häuser voneinander entfernt gewohnt. Sie waren Freunde, seit sie alt genug gewesen waren, um am Strand Festungen aus Treibholz zu bauen.
„Ich zahle das Doppelte“, sagte Sam.
„Ich weiß“, brummte Archer. „Und du lädst mich zum Essen ein.“
„Okay.“ Auch wenn Sam noch lieber mit jemand anderem zu Abend gegessen hätte.
Nach Feierabend traf er sich normalerweise nicht mit Kunden, aber er hatte Lust, bei dem Iren eine Ausnahme zu machen. Es interessierte ihn brennend, was in dem Brief stand, den er unter der Kasse aufbewahrt hatte, und er wollte zu gern wissen, welche Orte noch auf der Liste aus Kellans Portemonnaie standen. Das sprach den Abenteurer in ihm an, der mit großer Sorgfalt Karten gerahmt und in seinem Büro an die Wand gehängt hatte, auf denen all die Orte markiert waren, an denen er einmal tauchen wollte.
Hatte tauchen wollen.
In letzter Zeit erkundete er lieber die Unterwasserwelt in der Nähe seines Zuhauses. Nach seiner Scheidung und dem Autounfall, durch den das Leben seiner Familie aus den Fugen geraten war, fühlte es sich sicherer an, vor Ort zu bleiben.
Für seine Familie, für seine Firma, für sein gebrochenes Herz.
Aber einem attraktiven Touristen Oyster Islands Unterwasserparadies zu zeigen, würde vielleicht ein wenig Farbe in einen Monat bringen, von dem er gedacht hatte, er würde eintönig werden.
Seine Schwester schlug ihm ihre Zimmertür vor der Nase zu. Es folgten ein Quietschen und ein markerschütterndes Krachen. Eindeutig das Kopfteil, das gegen die Wand geprallt war, als seine jüngste Schwester sich aufs Bett geworfen hatte.
Es war jeden Abend dasselbe. „Halt’s Maul, Sam!“, gefolgt von Türenknallen und dem Quietschen und Krachen von Charlottes Bett. Sam lehnte die Stirn an die Tür und stöhnte. Er hätte gern seinen Nachtisch gegessen oder ausnahmsweise einen Abend unten am Hafen verbracht, statt wegen Gleichungen und Variablen zu streiten.
Wieder ein dumpfer Schlag, diesmal gegen die Tür. Vielleicht ihr Mathebuch?
Er klopfte mit der Handfläche sachte aufs Holz und seufzte. „Du weißt, wo du mich findest, wenn du es noch mal versuchen willst.“
Manchmal fiel es ihm schwer, Charlotte nicht zuzustimmen, wenn sie konstatierte, dass sie diese spezielle Mathematik, die sie in der zwölften Klasse lernte, später nie wieder brauchen würde. Er konnte sich nicht erinnern, wie oft er selbst sein Lehrbuch gegen die Wand gepfeffert hatte. Er wies Charlotte immer wieder auf die Berechnungen hin, die er für die Finanzen von Otter Marine Tours und die Tauchpläne machte, aber seine Argumente kamen gegen ihren Hass auf quadratische Gleichungen nicht an.
Die Teller hatte sie in ihrem Wutanfall auch stehen lassen und den Plan für die Hausarbeit ignoriert, den Sam an den Kühlschrank gehängt hatte. Aber das war keinen weiteren Streit wert, und sein Dad hatte einen schlechten Abend und zu starke Schmerzen, um bei Haushalt oder Hausaufgaben einzuspringen.
Es sind ja nur ein paar Teller.
Und er musste dafür sorgen, dass Charlotte sich wieder beruhigte. Und dass sein Vater ein paar Stunden Schlaf bekam. Und sich den Kopf darüber zerbrechen, was zum Teufel Franci wieder trieb.
Und irgendwann wieder in deiner eigenen Wohnung leben?
Irgendwann, aber wohl nicht so bald.
Er besaß eine Wohnung mit Blick aufs Wasser im Obergeschoss eines der Häuser am Hafen. Zurzeit vermietete er sie für Kurzzeitaufenthalte. Eine Freundin seines Vaters war für die Fremdenzimmervermittlung im Ort zuständig. Sie verwaltete Sams Buchungen, und dafür durfte sie ein paarmal im Monat an Gruppentauchgängen teilnehmen. Und sie sah ihn nicht schief an, weil er mit achtunddreißig wieder zu Hause wohnte.
Jeder auf der Insel hatte Verständnis dafür, dass er wieder zu seinem Vater gezogen war. Die Hälfte der Insulaner hatte die Überreste von dessen Wagen nach dem Unfall gesehen. Sie wussten, wie viel Hilfe er jetzt brauchte.
Nachdem Sam eine Stunde lang aufgeräumt hatte und gerade zum gemütlichen Teil des Abend mit Instagram-Reels übergehen wollte, vibrierte das Handy in der Gesäßtasche seiner Jeans.
Er zog es heraus.
MK: Deine Schwester braucht dich.
‚Schwester’ konnte nur Franci bedeuten. Auch wenn Charlotte durch und durch ein siebzehnjähriger Teenager war – sie würde niemals durchs Schlafzimmerfenster verschwinden. Selbst wenn, würde sie sich nur mit Freunden im Wald treffen – wie jeder Teenager auf Oyster Island, der etwas auf sich hielt. Und Matias Kahale, ein guter Freund von Sam und Barkeeper im Ort, würde ihm deswegen nicht so eine dramatische Nachricht schicken.
Er biss die Zähne zusammen, um nicht darüber zu verzweifeln, dass seine Familie ihn ununterbrochen in Atem hielt, und sagte Charlotte, dass er kurz wegmusste. Dann zog er seinen Hoodie über, hinterließ seinem Vater eine Nachricht und machte sich auf den Weg zu Franci.
Sie hatte den Unfall körperlich unversehrt überstanden, aber ihre Seele hatte dabei Schaden genommen, auch wenn sie so tat, als wäre alles wie vorher.
Sam wusste, dass er nicht alles reparieren konnte. Er hatte seine Familie nicht vor dem Schmerz schützen können. Und es war ihm auch nicht gelungen, Alyssa glücklich zu machen. Aber auch wenn er die Hoffnung auf eine neue Liebe aufgegeben und offenbar kein Talent dafür hatte, es dem Menschen an seiner Seite recht zu machen, konnte er für seine Schwestern und seinen Dad da sein. Und für seine Mom, auch wenn sie wieder geheiratet hatte und ihre Frau Winnie ihr eine große Stütze war.
Zehn Minuten später stieß er die abgenutzte Aluminiumtür des Pubs auf. Warme, nach Pommes und Bier riechende Luft schlug ihm entgegen. Taue, Netze und Styroporbojen schmückten den Pub The Cannery. Der Name stammte aus der Zeit, als in dem Gebäude Fischkonserven hergestellt worden waren.
Der hintere Teil des Gebäudes stand leer, doch die ehemalige Kantine im vorderen Teil war ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Matias hatte gründlich recherchiert und die ehemalige Fabrik in ein Lokal verwandelt, in dem eine anheimelnde Mischung aus Nostalgie und Inselatmosphäre herrschte.
Früher hatte Sam die Abende hier geliebt, doch neuerdings kam er hauptsächlich her, um Chauffeur für seine Schwester zu spielen, wenn sie sich wieder einmal hatte volllaufen lassen, um ihre Schuldgefühle zu vergessen.
Auf der Suche nach Francis roten Locken ließ er den Blick durch den halb vollen Raum schweifen, aber er sah sie nicht.
Matias, der hinter der Bar stand, bemerkte seinen Blick und deutete mit dem Daumen zum hinteren Teil der Räumlichkeiten.
Sam ging zu den Unisex-Toiletten. Eine der beiden Toilettentüren war geschlossen, davor stand Matias’ Freundin Mina. Wenn sie nicht gerade bis zu den Ellbogen in Ton oder Keramikglasur steckte, kellnerte sie in der Cannery.
„Übernimmst du?“ Sie warf ihren langen schwarzen Zopf über die Schulter und lächelte mitfühlend. „Sie ist seit über dreißig Minuten da drinnen.“
„Ja. Ich kümmere mich um sie.“ Er klopfte sacht an die Tür und nickte Mina zu, als sie ging. „Franci?“
Ein genervter Fluch drang durch die Tür. „Geh wieder ins Bett, Sam. Es ist alles in Ordnung.“
„Ich war nicht im Bett.“ Und wenn du dich seit einer halben Stunde auf dem Klo einer Kneipe verbarrikadierst, ist ganz sicher nicht alles in Ordnung.
„Ich komme gleich raus“, rief sie mit schriller Stimme. „Geh weg.“
„Ich warte an der Bar.“
„Nur, dass du es weißt: Ich bin nicht betrunken, ich habe nur was Falsches gegessen.“ Es folgte ein ersticktes Geräusch.
Weinte sie? Sam hatte Franci seit der Nacht des Unfalls nicht ein einziges Mal weinen sehen.
Er trat einen Schritt zurück. „Dann lass mich dich nach Hause bringen. Alle machen sich Sorgen um dich.“
„Mati soll seine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken.“
„Ich warte auf dich.“
Zurück im Gastraum, empfing ihn lebendiges Stimmengewirr. Matias winkte ihm zu; Sam nickte. Der Mann hatte ein verdammt gutes Händchen für Bier und gehörte zu den wenigen Menschen, denen Sam hundertprozentig vertraute. Gemeinsam mit Archer hatten sie in Kinder- und Teenagertagen die Insel unsicher gemacht.
„Alles okay mit ihr?“, fragte Matias besorgt. „Sie hat nur Limo getrunken, weil sie eine neue Marke für mich testet. Plötzlich ist sie ganz blass um die Nase geworden und verschwunden.“
„Es hat sich fast angehört, als ob sie weint, aber das kann eigentlich nicht sein. Sie sagt, sie hat eine Lebensmittelvergiftung.“ Sam stützte die Hände auf den Tresen und sah seinen Freund entschuldigend an. „Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast. Ich warte hier auf sie.“
Matias nickte. „Willst du was trinken, solange du wartest?“
„Das Übliche“, antwortete Sam und sah am anderen Ende der Bar ein Stück petrolfarbenes Goretex aufblitzen. Die Jacke musste nagelneu sein. Das Erkennungszeichen von jemandem, der die San Juans besuchte und gerade genug recherchiert hatte, um zu wissen, dass zum Frühlingsregen auch Frühlingsböen gehörten und ein Schirm damit wertlos war.
Und der Besitzer der Jacke war offenbar allein hier. Denn der Platz neben dem Mann, der ihm den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen war, war nicht besetzt.
Kellan Murphy musterte seine Poutine mit dem kritischen Blick eines Wissenschaftlers, bevor er zu essen begann. Er kaute sorgfältig. Vor ihm stand ein halb geleertes Bier auf einem Bierdeckel. Die unendliche Einsamkeit der Szene ging Sam ans Herz. Niemand verstand besser als er, wie man von Menschen umgeben und trotzdem allein sein konnte.
Matias hob eine Augenbraue und deutete mit dem Kopf in Richtung Kellan.
Sam schnaubte. „Von dem sollte ich die Finger lassen. Er hat heute so viele Tauchgänge bei mir gebucht, dass es locker die Monatsmiete für den Laden deckt.“
„Ein perfekter Vorwand, um rüberzugehen und mal zu schauen, wie die Lage ist – falls du einen Vorwand brauchst.“
Da hat er wohl recht. „Ich denke, wir könnten die Tauchspots festlegen.“
„Soso.“ Matias goss Apfelwein in das halb volle Bier, das er gerade gezapft hatte. „Die Tauchspots also.“
Sam zeigte ihm den Mittelfinger und ging an drei anderen freien Plätzen vorbei direkt zu dem neben seinem neuesten Kunden. Er legte eine Hand auf die Rückenlehne des hohen Hockers. „Darf ich mich dazusetzen?“
Kellan sah auf. „Klar.“ Er streckte ihm die Hand entgegen. „Hallo noch mal.“
Ha-llo. Großer Gott. Dieser Akzent machte Sam schwach.
Er drückte Kellan die Hand. Ein paar Schwielen. Kein Schmuck. Die verblassten Narben auf der hellen Haut ließen Sam an einen Austernöffner mit einer miserablen Technik denken.
Diese Hände passten so gar nicht zu einem eleganten Städter.
Das machte Sam neugierig. Nachdem er sich gesetzt hatte, brachte Matias ihm einen Becher mit dampfenden Pfefferminztee, wie immer um diese Uhrzeit, wenn Sam am nächsten Morgen tauchen musste.
Sicher hält er mich für einen totalen Langweiler.
„Samstags und sonntags sind meine vollsten Tauchtage“, erklärte er, als er den Becher nahm.
Seine Getränkewahl schien Kellan nicht zu irritieren. Er stieß mit seinem Bierglas an Sams Teebecher. Sie saßen so nah beieinander, dass ihre Schultern sich beinahe berührten.
Die bloße Vorstellung war verlockender als alles, wovon Sam in letzter Zeit auch nur geträumt hatte.
„Du hast also die örtliche Stammkneipe entdeckt“, sagte er.
Kellan hob eine Gabel mit von Soße glänzenden Pommes frites an den Mund, und seine Lippen verzogen sich zu einem viel zu hinreißenden Lächeln.
Sam wäre fast vom Stuhl gefallen. Mit so einem Lächeln sollte dieser Mann besser vorsichtig sein. Sein Mund wurde trocken; er schluckte. „Und dich für das Wochengericht entschieden.“
„Meine Regel für jeden neuen Ort: Geh in das beliebteste Lokal und bestell das Tagesgericht.“ Kellans Blick glitt zur Kreidetafel an der Wand, dorthin, wo früher ein Spiegel hinter der Bar gehangen hatte. „Gute Speisekarte bei der Größe der Küche. Schön präsentiert, und das meiste kommt aus der Fritteuse.“
„Ja, Kahale ist nicht auf den Kopf gefallen.“ Er hob eine Augenbraue. „Klingt, als würdest du dich auskennen.“
„Das tue ich.“
Keine weitere Erklärung.
Es sah aus, als würde es nicht leicht werden, etwas aus ihm herauszubekommen. Über seine Arbeit. Seine Hobbys. Darüber, ob er an Männern im Allgemeinen interessiert war und an Sam im Besonderen.
Sam warf einen Blick Richtung Toiletten, drehte seinen Becher zwischen den Händen und nahm dann einen Schluck. „Ich gebe es nur ungern zu, aber normalerweise würde ich jetzt schon im Bett liegen.“
„So gut es mir gefallen würde, wenn du so spät hergekommen wärest, um mit mir zu flirten, glaube ich nicht, dass das der Grund ist“, sagte Kellan.
Aha! Damit wäre eine seiner Fragen beantwortet. „Stimmt. Ich bin wegen meiner Schwester hier. Aber ich freue mich über deine Gesellschaft.“
Kellan wirkte zufrieden, aber vorsichtig. „Gesellschaft und Flirt ist nicht unbedingt dasselbe, Sam.“
„Für mich schon.“ Sam entschied sich, das klarzustellen, weil es eine Weile gedauert hatte, bis er sich als pansexuell eingeordnet hatte. Darum war ihm die Unterscheidung wichtig. „Für mich spielt das Geschlecht keine Rolle. Wie ist es bei dir?“
„Ich stehe nur auf Männer.“ Kellans Lächeln war sanft und einladend.
Leider hatte Sam den Kopf zu voll mit Francis Launen und dem Streit mit Charlotte, um sich noch irgendetwas Kreatives einfallen zu lassen, womit er einen unfassbar attraktiven Fremden beeindrucken konnte.
Matias schnaubte, während er ein Bier zapfte, als könnte er wie immer Sams Gedanken lesen. Das kurze Heben einer Braue sagte alles. Du hast es echt nicht drauf. So gar nicht.
Da hatte Matias wohl wieder einmal recht. Sam wandte sich wieder Kellan zu. „Also, warum bist du zum Tauchen ausgerechnet nach Oyster Island gekommen?“
„Ich zahle eine Art Schulden ab. Die Hälfte habe ich geschafft – das waren die Caymans.“
Sam entschied, nicht weiter nachzuhaken. „Bist du heute angekommen?“
„Gestern. Ich habe vorher eine Nacht in Seattle verbracht.“
„Willst du mich nicht deinem Freund vorstellen, Sammy?“, ruinierte Francine Sams erste Gelegenheit seit Wochen, ein wenig Spaß zu haben. Er war so auf Kellan fixiert gewesen, dass er sie nicht hatte kommen sehen. Ihre Augen waren röter als ihre Haare, und sie schwankte leicht.
„Sammy?“, wiederholte Kellan.
„Nur Sam.“ Er nahm sie am Ellbogen und stützte sie. „Meine Schwester Franci.“
Halbschwester, technisch gesehen, auch wenn sie es nie so nannten. Dass sie unterschiedliche Mütter hatten, bedeutete allerdings, dass Sam deutlich älter war als Franci und Charlotte und sich oft eher wie ihr Vater als wie ihr Bruder fühlte.
Franci nickte, nahm eine Serviette vom Tresen und wischte sich über die Augen. „Das wandelnde Familiendrama, falls Sam dir das nicht schon erzählt hat. Ich habe etwas Falsches gegessen, und jetzt ruft die halbe Stadt meinen Bruder an. Du kennst das bestimmt.“
Matias verzog entschuldigend das Gesicht. „Du musst besser auf dich aufpassen, Erdbeere.“
„Ich geb dir gleich Erdbeere, Kahale.“ Sie funkelte den Barkeeper an. „Mir geht’s wieder gut, wirklich.“
Sam legte einen Arm um seine Schwester und sah Kellan an, in dessen Blick er Missbilligung erwartete.
Doch da war etwas anderes – einen kurzen Moment lang lag etwas in Kellans Blick, das nur Schmerz sein konnte. Abgrundtiefer Schmerz.
„Tut mir leid, dass du so einen blöden Tag hast“, murmelte Kellan.
„Oh, der ist süß, Sammy. Den solltest du behalten.“
„Er ist ein Kunde, Franci. Ein bisschen Professionalität, bitte!“ Sam hielt sie fester. „Bist du sicher, dass in der Limo nichts drin war?“
„Sehr sicher.“ Sie zwinkerte Kellan zu, der rot geworden war. „Klassisches Ablenkungsmanöver. Die eigene Verlegenheit loswerden, indem man sie dem großen Bruder zuschiebt.“
„Das gehört wohl zu den Rechten von kleinen Schwestern.“ Kellan sah seine halb aufgegessenen Pommes an. Dieser schmerzvolle Blick war wieder da. „Ich sollte auch los.“
Sam verzog das Gesicht. „Wir haben dir den Abend ruiniert. Und das ausgerechnet an deinem ersten Tag hier. Das tut mir leid. Hoffentlich hast du nun keinen schlechten Eindruck von Oyster Island.“
Und von meinem Laden.
„Nein“, antwortete Kellan ernst. „Ihr habt mir den Abend nicht ruiniert.“
„Bei deinen Tauchgängen gibt es keine Dramen, versprochen“, versicherte Sam.
Kellan schnaubte.
Franci stieß Sam mit dem Ellbogen an. „Er findet dich witzig. Mach weiter, bevor er merkt, dass er sich irrt.“
„Okay, das reicht jetzt.“ Sam stand auf und griff nach seinem Portemonnaie.
Sein unfassbar attraktiver Kunde lachte nur leise und trank den Rest seines Biers.
Franci ließ den Kopf an Sams Schulter sinken. „Du bist mein Fels in der Brandung, Sammy. Bringst du mich nach Hause?“
„Ja, bevor du mir noch meinen neuen Schüler vergraulst.“ Er warf ein paar Scheine auf den Tresen und wandte sich Kellan zu. „Das Essen geht auf mich – ich schulde dir was für die unangenehme Störung.“
Die Miene seiner Schwester wurde schuldbewusst. „Tut mir leid. Es ist mit mir durchgegangen.“
„Schon gut“, erwiderte Kellan. „Und das ist wirklich nicht nötig, Sam.“
„Ich bestehe darauf.“ Was auch immer dieser Mann erlebt hatte, er blieb erstaunlich gelassen bei schwesterlichen Eskapaden, und dafür war Sam dankbar.
„Dann bin ich dir was schuldig.“
„Betrachte es als Willkommensgeschenk“, sagte er zu Kellan. „Wir sehen uns spätestens am Dienstag.“ Dann führte er Franci aus der Cannery hinaus in den kühlen Märzabend.
„Wird dir wieder schlecht?“, fragte er.
„Nein. Mir geht’s jetzt gut, ehrlich.“
„Und mit dem Weinen bist du auch fertig?“
„Ich habe nicht geweint.“ Franci stöhnte, als er sie zu seinem Wagen führte. „Ich habe dir die Chancen bei diesem sexy Touristen versaut.“
Was vielleicht eine Rolle gespielt hätte, wenn Sam in seinem Leben Zeit für Sex gehabt hätte. Oder auch nur für ein oder zwei Dates. „Schon in Ordnung. Immerhin hast du eine Lebensmittelvergiftung.“