Was sich rächt, das liebt sich

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Nie hat Charm dem berühmten Musiker Dylan verziehen, dass er ihre Liebe verriet. Als sie ihn in einem Luxusresort in Cancún wiedersieht, schmiedet sie einen Plan: Diesmal wird sie ihn verführen und dann abweisen! Nur wie, wenn ihr Verlangen nach jedem Kuss heißer brennt?



  • Erscheinungstag 16.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542807
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Leseprobe

Brenda Jackson

Was sich rächt, das liebt sich

1. KAPITEL

„Charm Outlaw ist da! Jetzt kann die Party richtig losgehen.“ Charm drehte eine Runde durch den Raum und begrüßte alle Anwesenden auf der Junggesellinnenparty. Frauen, die sie seit dem College kannte, oder andere weibliche Bekannte, die sie durch die Braut, Lacey Kilgore, kennengelernt hatte. Sie alle waren gekommen, um Laceys Hochzeit im luxuriösen Fünf-Sterne-Resort Crystalline in Cancún zu feiern.

Charm brauchte nicht lange für ihren Rundgang. Sie umarmte jede, die sie kannte, und lernte die kennen, die sie noch nicht kannte. Es störte sie nicht im Geringsten, dass einige sie für ein Partygirl hielten, obwohl deren Wahrnehmung weit von der Wahrheit entfernt war. Sicher, sie amüsierte sich gern, aber sie wusste, wann, wo und wie sie die Grenze ziehen musste. Sie nahm keine Drogen, besuchte keine Nachtclubs und hatte auch keinen Sex mit x-beliebigen Männern. Die meisten würde es überraschen, wenn sie wüssten, dass sie mit ihren achtundzwanzig Jahren nur mit einem einzigen Mann geschlafen hatte.

Sie schnappte sich einen Drink vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners, während sie den weiblichen Verwandten von Laceys Verlobtem Vernon Lamont vorgestellt wurde. Dann ging sie ans Buffet.

„Ich kann die Hochzeit morgen kaum erwarten“, sagte Ola Cunningham, die sich zu Charm gesellte.

Ola, Lacey, Charm und Piper Akron hatten während des Studiums an der University of Alaska in Anchorage zusammengewohnt. Charm lächelte Ola an. Als sie zusammenzogen, war sich Charm nicht sicher gewesen, wie sie mit der immer gut gelaunten, freundlichen und liebenswerten Ola umgehen sollte. Später stellte sie fest, dass Olas positive Einstellung zum Leben ansteckend war.

„Ich auch nicht. Ich habe gerade eine SMS von Garth bekommen. Er und Regan werden morgen früh ankommen.“ Charm hatte fünf ältere Brüder. Garth war der Älteste, Regan seine Frau.

„Kommen auch deine anderen Brüder?“, fragte Piper, die sich zu ihnen gesellte.

Charm konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Als sie noch zusammengewohnt hatten, hatten sich Lacey, Piper und Ola immer auf die Besuche von Charms Brüdern gefreut. Damals waren alle fünf noch ledig gewesen. Jetzt waren sie glücklich verheiratet.

Maverick, der an derselben Universität in Anchorage studiert hatte, hätte ebenfalls ein Mitbewohner sein sollen. Das zumindest war der Plan ihres Vaters Bart Outlaw gewesen, als er anlässlich der beschleunigten Zulassung seiner Tochter zum Studium das dreigeschossige Haus mit fünf Schlafzimmern gekauft hatte. Er hatte nicht gewollt, dass seine Sechzehnjährige auf dem Campus wohnte. Wie könnte man Charm besser beschützen, als wenn einer ihrer Brüder mit ihr unter einem Dach wohnte? Bart wusste jedoch nicht, dass Maverick nach dem ersten Monat Betten fand, in denen er lieber schlief.

Manche fanden es erstaunlich, dass die sechs Outlaw-Geschwister so eng miteinander verbunden waren, wenn man bedenkt, dass jedes von ihnen eine andere Mutter hatte. Charms Mutter, Claudia Dermotte, war die einzige Frau, die Bart jemals geliebt hatte, und die Einzige, die er nicht geheiratet hatte … aber nicht, weil er es nicht versucht hatte. Charm musste bei dem Gedanken lächeln, dass ihr Vater es jetzt, neunundzwanzig Jahre später, immer noch versuchte.

Als Teenager hatte Charm angefangen, die Schule zu schwänzen und alle möglichen Dummheiten zu begehen. Damals wandte sich Claudia, die mit ihrem Latein am Ende gewesen war, an Charms Vater, der nichts von der Existenz seiner Tochter wusste. Im Alter von vierzehn Jahren stand sie neben ihrer Mutter an der Tür eines monströsen Hauses in Fairbanks und sah sich ihrem Vater, Bart Outlaw, gegenüber. Ihre Mutter hatte zu ihm gesagt: „Das ist deine Tochter Charm. Ich kann ihr freches Mundwerk nicht mehr ertragen. Jetzt kümmerst du dich um sie.“

Charm lächelte, als sie daran dachte, wie Bart sie behandelt hatte. Er verwöhnte sie nach Strich und Faden, was alles nur noch schlimmer machte. Ihre fünf Brüder hatten es schließlich geschafft, dass sie ihr Verhalten änderte.

„Charm?“

Sie merkte, dass sie so in Gedanken versunken gewesen war, dass sie Pipers Frage noch nicht beantwortet hatte. „Garth kommt als Einziger zu der Hochzeit. Die anderen schaffen es nicht. Sie sind jetzt alle verheiratet und werden von ihren Frauen auf Trab gehalten. Oder sollte ich besser sagen, sie halten ihre Ehefrauen auf Trab? Cashs Frau Brianna ist wieder schwanger, und Sloan ist Anfang des Monates Vater geworden. Er und Leslie haben Dad das erste Enkelkind geschenkt, und ich bin ganz verrückt nach meiner süßen Nichte.“

„Wie heißt sie?“

„Cassidy.“

„Oh, was für ein schöner Name. Was ist mit Maverick? Seine Frau ist doch auch schwanger, oder?“

„Ja. Maverick und Phire bekommen nächsten Monat einen Jungen.“

Kurz darauf kam Brittany, eine von Vernons jüngeren Schwestern, ganz aufgeregt zu Charm. „Stimmt es, dass du Dylan Emanuel kennst?“

Charm hatte nicht damit gerechnet, nach dem Mann gefragt zu werden, der ihr mit achtzehn das Herz gebrochen hatte. Sie atmete tief durch, trank einen Schluck Wein und setzte dann ein Lächeln auf. „Ja, ich kenne Dylan. Wir haben uns vor langer Zeit kennengelernt, als er die Summer Music Academy der University of Alaska in Fairbanks besuchte.“

„Wow! Das ist so cool“, sagte Brittany voller Bewunderung. Es war nicht zu übersehen, dass die junge Frau zu den Dylan-Fans gehörte.

Bevor Brittany noch weitere Fragen stellen konnte, griff Piper nach Brittanys Hand und sagte: „Ich brauche Hilfe beim ersten Spiel heute Abend.“

„Klar.“

Als Charm und Ola wieder allein waren, beugte Ola sich zu ihr. „Ich hätte dich warnen sollen, dass so etwas passieren kann. Als gestern Abend in der Bar einer von Dylans Songs gespielt wurde, hat Lacey verraten, dass ihr euch kennt.“

Charm trank noch einen Schluck. „Kein Problem. Wie ich Brittany schon sagte, ist es lange her. Ich hatte die Sache fast vergessen.“

„Lügnerin.“

Ja, sie hatte gelogen. Aber sie gab nur ungern zu, dass sie sich jedes Mal, wenn sie einen von Dylans Songs hörte, an den Sommer erinnerte, in dem sie sich kennengelernt hatten, und an die zweijährige Fernbeziehung. Für sie war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Damals, mit sechzehn, war sie davon überzeugt gewesen, dass der langhaarige, supersüße Dylan Emanuel ihr Seelenverwandter war.

„Alles in Ordnung, Charm?“

Charm rang sich ein Lächeln ab, als sie Olas besorgten Blick sah. „Ja, Ola, alles okay. Die Erinnerungen sind manchmal nur schwer zu verdrängen. Das Einzige, was ich an der Zeit mit Dylan schätze, ist, dass wir Bart in jenem Sommer ein Schnippchen geschlagen haben.“

Ihr Vater war ein Tyrann. Von ihren Brüdern hatte sie früh gelernt, Bart nie die Oberhand gewinnen zu lassen. Aber ihn in dem Glauben zu lassen, er hätte sie. Es hatte nicht lange gedauert, bis Bart ihr Interesse an Dylan bemerkte. Als er sie nach Dylan fragte, hatte sie keinen Grund gesehen zu lügen, und ihm gesagt, dass sie in Dylan verliebt sei.

Bart überraschte sie mit dem Vorschlag, Dylan zum Essen einzuladen, damit er ihre Familie kennenlernen konnte. Sie hätte wissen müssen, dass ihr Vater nichts Gutes im Schilde führte, aber sie hatte gehofft, dass er sich wenigstens einmal wie ein anständiger Mensch benehmen würde. Beim Abendessen erklärte Bart Dylan jedoch unmissverständlich, dass Charm zu jung für einen Freund sei. Als ihr Vater setzte er der aufkeimenden Romanze ein offizielles Ende. Er nannte es Teenager-Unsinn und erklärte, dass seine Zukunftspläne für Charm eine gute Ehe vorsahen und keine Beziehung mit einem zweitklassigen Gitarristen, aus dem nie etwas werden würde.

Um sicherzugehen, dass sie sich nicht mehr mit Dylan traf, beendete Bart die Klavierstunden, die sie zusammengebracht hatten. Sie und Dylan trafen sich trotzdem. Sie waren sich einig, dass sie sich von Bart nicht in ihre „aufkeimende Romanze“ reinreden lassen wollten. Sie waren verliebt und entschlossen, auf jeden Fall zusammenzubleiben. Es würde nicht einfach werden, da Dylan in New York zur Schule ging und sie in Anchorage, mehr als viertausend Meilen entfernt. Aber sie fanden einen Weg, ihre Romanze geheim zu halten. Zwei Jahre lang.

„Charm?“

Sie blickte zu Ola hinüber. „Ja?“

„Bleibst du wirklich noch eine Woche nach der Hochzeit hier?“

„Das ist der Plan.“

Ola lachte. „Es muss schön sein, einen Job im Familienunternehmen zu haben, bei dem du dir freinehmen kannst, wann immer du willst.“

„Wie man’s nimmt.“

„Komm. Ich glaube, die Spiele beginnen.“

Charm hakte sich bei Ola ein. „Ja, es ist Zeit, dass der Spaß beginnt.“

Dylan Emanuel lächelte, als er den Worten des Schlagzeugers seiner Band lauschte. Er und Graham Ives waren beste Freunde, seit die Familie Ives in seine Nachbarschaft in Memphis gezogen war, als sie noch Teenager waren. Nachdem sie ihre gemeinsame Leidenschaft für Musik entdeckt hatten, schlossen sie sich zusammen.

Graham und die anderen Bandmitglieder genossen die Tourneepause in Dublin, Irland, während Dylan die Zeit in Cancún nutzte, um einige Songs für ihr nächstes Album zu schreiben. Gestern Abend war er damit fertig geworden.

„Wir haben eine tolle Zeit, Dyl. Groupies, die man einfach lieben muss. Jetzt, wo du mit der Arbeit fertig bist, könntest du doch in einen Flieger steigen und zu uns kommen.“

„Eigentlich gern, aber du weißt, was ich meinen Großeltern versprochen habe. Von hier fliege ich nach Idaho. Ren hat schon angerufen, um sicherzugehen, dass ich komme.“

Renshaw Burgess war der Vorarbeiter auf der Rinderfarm seiner Familie in Davenport. Dylan hatte die sechzig Hektar große Ranch von seinen Großeltern geerbt. Und er hatte ihnen versprochen, die Red Flame Ranch zu seinem Hauptwohnsitz zu machen und nach dem Rechten zu sehen, wenn er nicht auf Tour war.

„Du fliegst heute nach Idaho?“, fragte Graham.

„Nein. Da ich für eine weitere Woche in diesem Resort gebucht bin, will ich auch bleiben, die Zeit genießen und entspannen.“

Bisher hatte er die Nobelhütte, die zur Hotelanlage gehörte, nur morgens und abends verlassen, um am Strand zu joggen. Die Mahlzeiten hatte ihm der Zimmerservice gebracht. Jetzt hatte er keinen Grund mehr, sich einzuschließen, und er war bereit, rauszugehen und sich zu amüsieren, wobei er seine Identität so weit wie möglich geheim halten wollte. Er liebte seine Fans, aber sie konnten sehr aufdringlich sein, wenn es um seine Privatsphäre ging.

Dylan hörte Musik und wollte wissen, woher sie kam. Deshalb sagte er Graham, dass er sich später noch einmal melden würde. Er öffnete die Glastür zu dem Balkon in der oberen Etage und trat hinaus. Am Strand fand offensichtlich eine Hochzeit statt.

Dylan musste zugeben, dass der Sonnenuntergang und das Meer eine schöne Kulisse für eine Hochzeit abgaben … wenn man denn heiraten wollte. Er wollte es nicht. Seine erste Verliebtheitserfahrung war auch seine letzte gewesen. Musik war seine einzige große Liebe und würde es auch bleiben. Sie würde ihn nicht verlassen. Nicht so, wie es eine gewisse Frau getan hatte.

Dylan wollte sich gerade umdrehen und wieder hineingehen, als sein Blick auf eine der Brautjungfern fiel. Obwohl es zehn Jahre her war, dass er sie gesehen hatte, erkannte er sie sofort.

Charm Outlaw.

Er war sich sicher, dass sie es war. Natürlich war sie älter geworden, aber sie war noch so schön wie damals. War es Zufall? Noch vor wenigen Sekunden hatte er an das eine Mal gedacht, als er sich verliebt hatte, und an die Frau, die ihn verlassen hatte. Und jetzt war sie ausgerechnet hier und nahm an einer Hochzeit teil.

Sein Blick blieb an der Frau hängen, die ihm so viel Leid zugefügt hatte, als er noch zu jung gewesen war, um es besser zu wissen. Sein Vater und sein Großvater hatten ihn gewarnt, dass ein Emanuel die Frau, die dazu bestimmt war, sein Leben mit ihm zu teilen, sofort erkennen würde, wenn er sie sah. Seine Eltern, Großeltern und auch Urgroßeltern hatten sich an der Highschool kennen- und lieben gelernt. Trotz aller Herausforderungen – seine Eltern waren sogar an unterschiedlichen Colleges gewesen – hatte ihre Liebe zueinander überlebt, weil sie entschlossen waren, es zu schaffen. Langjährige Ehen gehörten zur Familiengeschichte.

Dylan hatte keinen Grund gesehen, warum eine Fernbeziehung nicht auch für ihn und Charm funktionieren sollte. Vom ersten Moment an hatte sie sein Herz erobert, und er war überzeugt gewesen, dass sie die Richtige war. Die, die er heiraten würde. Die seine Kinder bekommen würde. Die sein Leben teilen und mit ihm alt werden würde. Die ihn bis an sein Lebensende lieben würde.

Die Erinnerung an jenen Sommer in Alaska kehrte mit lebhafter Klarheit zurück. Es war wenige Wochen vor seinem achtzehnten Geburtstag gewesen, und Musik war seine einzige Liebe. Bis er Charm gesehen hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Einige der anderen Musikstudenten hatten ihn gewarnt, sie sei die verwöhnte Tochter eines der skrupellosesten Geschäftsleute Alaskas und es sei klüger, sich nicht mit ihr einzulassen. Er hatte die Warnung in den Wind geschlagen. Jetzt wünschte er, er hätte es nicht getan. Er bezweifelte, dass er eine andere Frau so lieben könnte, wie er sie geliebt hatte.

Nach zwei Jahren beendete sie die Beziehung mit der Begründung, sie wolle keine Fernbeziehung mehr. Er hatte es nicht kommen sehen.

Dylan seufzte. Es verspürte Wut, als er die Erinnerungen wieder durchlebte, die auch nach zehn Jahren noch schmerzten. Plötzlich, als wüsste Charm, dass er da war, sah sie auf und begegnete seinem Blick.

Dylan!

Charm Outlaw atmete scharf ein und umklammerte ihren Strauß. Sie brach den Blickkontakt mit ihm ab und schaute nach vorne, wo Ola und Piper bereits standen. Obwohl sie immer noch lächelte, konnte sie an den Gesichtern ihrer beiden Freundinnen erkennen, dass diese ahnten, dass etwas nicht stimmte. Was hatte sie verraten?

Als sie die beiden erreichte, warf sie ihnen als Antwort auf die fragenden Blicke einen „Ihr werdet es nicht glauben“-Blick zu. Sie hatte sich auf keinen Fall geirrt. Der Mann, den sie gesehen hatte, war Dylan. Dessen war sie sicher. Seine Augen hatten ihn verraten. Sie waren dunkel, verführerisch und schon immer die schönsten gewesen, die sie je gesehen hatte.

Er sah älter aus, reifer, und er war unglaublich attraktiv. Im Laufe der Jahre hatte sie ihn im Fernsehen gesehen, Fotos von ihm zierten die Titelseiten von Magazinen, und gerade diese Woche, als sie in Cancún angekommen waren, hatte sie ein sexy Bild von ihm als Model für Herrenunterwäsche auf einer riesigen Plakatwand gesehen. Er hatte sich wirklich einen Namen gemacht und war definitiv nicht der zweitklassige Gitarrist, der es nie zu etwas bringen würde, wie ihr Vater gemeint hatte. Dylan war ein sehr erfolgreicher und renommierter Jazzgitarrist und – sänger mit zahlreichen Auszeichnungen in der Tasche und einer riesigen Fangemeinde.

Sie versuchte, Dylan aus ihren Gedanken zu verbannen, während sie die Trauung verfolgte. Aber sie konnte nicht anders, als sich an den Sommer zu erinnern, in dem sie und Dylan sich kennengelernt hatten.

2. KAPITEL

Fairbanks, Alaska, vor zwölf Jahren

„Regan, warum hast du es so eilig, zum Unterricht zu kommen? Es wird wieder die gleiche langweilige Klavierstunde“, sagte Charm, als sie aus der Limousine ausstiegen, die ihr Vater Bart gemietet hatte, um sie jeden Mittwoch und Freitag zum Unterricht bringen zu lassen.

Sosehr sie sich auch beschwerte, dass sie zweimal in der Woche Klavierunterricht nehmen musste, ihr Gejammer stieß auf taube Ohren. In manchen Dingen konnte sie sich bei Bart durchsetzen, aber aus irgendeinem Grund war er fest entschlossen, sie zu diesem Unterricht zu zwingen. Sie vermutete, dass ihre Brüder dahintersteckten. Wahrscheinlich sahen sie darin eine Möglichkeit, ihre sechzehnjährige Nervensäge von Schwester für zumindest vier Stunden in der Woche loszuwerden.

„Ich liebe meine Klavierstunden, Charm. Das würdest du auch, wenn du dir etwas Mühe geben würdest.“

„Du hast gut reden, du bist talentiert.“ Sie meinte es ernst. Regan war ein musikalisches Naturtalent. Außerdem hatte sie schon viel länger Unterricht als Charm. Regan war in der Fortgeschrittenenklasse, Charm noch in der Anfängerklasse.

Sie betraten das Musikgebäude der University of Alaska Fairbanks. Ihre Wege würden sich jetzt für zwei Stunden trennen. Sie mochte Regan, und trotz des Altersunterschieds von drei Jahren war sie so etwas wie die beste Freundin. Regans Vater war der Firmenpilot der Outlaws, und das schon seit Jahren.

„Wir sehen uns in ein paar Stunden“, sagte Regan und eilte den Gang hinunter. In diesem Moment bemerkte Charm, dass im Gebäude mehr Betrieb herrschte als sonst. Was war los? Es war der Beginn des Sommers.

Da fiel ihr ein, dass die Universität jedes Jahr eine Sommer-Musikakademie veranstaltete. Sie vergab mehr als fünfzig Stipendien an musikalisch begabte Studenten aus dem ganzen Land, die für den Sommer nach Fairbanks kamen, um bei renommierten Musikdozenten zu studieren. Ihr Klavierlehrer, Professor Jovanovich, war einer davon.

Eine halbe Stunde zu früh erreichte Charm ihren Musikraum. Leise ging sie hinein und sah, dass der Student vor ihr bereits fertig war und gerade seine Gitarre zurück in den Koffer legte. Offensichtlich war sie doch nicht so lautlos gewesen, wie sie gedacht hatte, denn der Student und Professor Jovanovich drehten sich in ihre Richtung.

Ihr Blick wanderte vom Professor zu dem Studenten. Sofort begann ihr Herz zu klopfen. Wer um alles in der Welt war dieser große, gut aussehende Typ mit der mandelbraunen Haut, den markanten Gesichtszügen und einer Masse glatter, schulterlanger schwarzer Haare? Er war so groß wie ihre Brüder und trug Jeans und ein Hemd, was ihm gut stand. Sie vermutete, dass er hier an der Universität studierte.

„Miss Outlaw?“

Sie blinzelte, als sie realisierte, dass Professor Jovanovich ihren Namen mit Nachdruck ausgesprochen hatte. Hieß das, er nannte ihn schon zum zweiten Mal, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen? Wie auch immer, geschafft hatte er es nicht. Zumindest nicht ganz, denn ihr Blick war noch auf diesen Kerl gerichtet.

„Ja, Professor Jovanovich?“, fragte sie, ohne den Blickkontakt mit dem Studenten zu unterbrechen. Sie verstand nicht, warum sie die Augen nicht von ihm abwenden konnte. Aber es schien, als könnte er auch nicht wegschauen.

„Wenn Sie näher treten, Miss Outlaw, mache ich Sie gern miteinander bekannt“, sagte der Professor, der von ihr zu dem Mann und dann wieder zu ihr sah.

Charm spürte, wie sich ihre Füße bewegten. Es war wirklich seltsam, auf diese Weise gefesselt zu sein. Sie sah ständig gut aussehende Männer. Ihre fünf Brüder waren attraktiv und so auch die Typen, mit denen sie herumhingen. Typen, die den meisten Mädchen den Kopf verdrehen würden. Ihr nicht. Auch jetzt war das nicht der Fall. Etwas viel Subtileres fand gerade statt. Es war etwas, was sie nicht erklären oder definieren konnte, denn sie hatte keine Ahnung, was es war.

Als sie vor den beiden stehen blieb, sagte Professor Jovanovich: „Miss Outlaw, darf ich Ihnen Dylan Emanuel vorstellen. Dylan ist einer unserer Sommerstipendiaten. Er ist Gitarrist und Sänger.“ Dann: „Dylan, das ist Charm Outlaw, eine meiner Klavierschülerinnen.“

Dylan lächelte und reichte ihr die Hand. „Hallo, Charm. Freut mich, dich kennenzulernen.“

Sie nahm seine Hand. Sie fühlte sich warm, sanft und doch fest an. Und die Grübchen in seinen Wangen, wenn er lachte, waren unwiderstehlich. „Hallo, Dylan. Freut mich auch.“

Erst als Professor Jovanovich sich laut räusperte, ließ Dylan ihre Hand los. Und Charm unterbrach endlich den Blickkontakt mit Dylan und holte tief Luft. Sie musste sich zusammenreißen.

Sie schluckte und fragte: „Wollen wir anfangen, Professor Jovanovich?“

„Nein. Tatsächlich muss ich an einer dringenden Vorstandssitzung teilnehmen, die aber nicht länger als dreißig Minuten dauern sollte. Ich muss also kurz weg. Ich gehe davon aus, Sie haben Ihr Stück für heute geübt.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Sie würde ihm auf keinen Fall sagen, dass er sich irrte. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob sie, nachdem Dylan ihre Hand berührt hatte, überhaupt noch einmal Klaviertasten berühren wollte. Oder ob ihre Hand überhaupt noch einmal mit irgendetwas in Berührung kommen sollte.

„Bedeutet Ihr Schweigen, dass ich falschliege?“

Sie musste nicht lügen, denn er würde die Wahrheit kennen, sobald sie sich ans Klavier setzte. „Ja, Sie liegen falsch.“

Professor Jovanovich schüttelte den Kopf, so wie er es immer tat, wenn er sich über sie ärgerte, und fragte sich vermutlich, warum ihr Vater so viel für Privatstunden zahlte, die sie ganz offensichtlich nicht nehmen wollte.

Er sah Dylan an. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mit Charm das Stück zu üben, während ich an dem Meeting teilnehme?“

Dylan lächelte. „Das mache ich gern, Professor Jovanovich.“

„Ich dachte, du spielst Gitarre“, sagte sie.

„Ich spiele mehrere Instrumente, darunter Klavier, Keyboard, Geige, Schlagzeug, Harfe und Saxofon.“

„Wow.“ Sie war beeindruckt.

„Nun, wenn Sie mich dann entschuldigen würden. Ich bin in einer halben Stunde zurück. Das gibt Ihnen genug Zeit, das Stück zu üben, Miss Outlaw.“

Ohne ein weiteres Wort nahm der Professor seine Unterlagen und ging.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, sah Charm Dylan an. „Tut mir leid, dass du mir bei etwas helfen sollst, was ich eigentlich zu Hause hätte tun sollen.“

„Und warum hast du es nicht?“

Sie wollte gerade etwas nicht so Nettes sagen, als sich sein Mund zu einem Lächeln verzog, das ihr den Atem raubte. Charm konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern.

„Ich sollte das nicht zu jemandem sagen, der so viele Instrumente spielt, aber ich habe einfach keine Lust dazu.“

Er legte den Kopf zurück und lachte. Er lachte tatsächlich. Der Klang war so voll, herzlich und warm. Es war die Wärme, die sie mehr als alles andere hörte und spürte. „Dann werde ich dafür sorgen, dass sich das ändert. Bis ich Alaska verlasse, wirst du Lust dazu haben, Charm Outlaw.“

Sie war sich dessen nicht so sicher und weigerte sich, irgendwelche Versprechungen abzugeben. Stattdessen holte sie ihre Noten aus dem Rucksack und setzte sich an eins der Klaviere. „Ich habe wirklich keine Entschuldigung dafür, dass ich nicht übe. Mein Vater hat mir ein schönes Klavier vor ein paar Jahren zu Weihnachten geschenkt.“

„Aber der Wunsch zu spielen muss hier drin sein“, sagte Dylan und klopfte sich auf die Brust, dort, wo das Herz war. „Ich vermute, dass es nicht deine Idee war, Klavierspielen zu lernen.“

„Aber nein. Es war die meiner fünf Brüder.“

„Du hast fünf Brüder?“

„Ja, und sie sind alle älter als ich. Ich glaube, ich gehe ihnen manchmal auf die Nerven, und sie haben deshalb meinen Vater auf die Idee gebracht, dass ich Klavierunterricht nehmen sollte. Er stimmte zu, weil Regan Unterricht nimmt und er sie ein paarmal hat spielen hören.“

„Wer ist Regan?“

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