Julia Extra Band 590

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HEISSE AFFÄRE IN DER KARIBIK von CATHY WILLIAMS

„Selbstverständlich begleitest du mich in die Karibik.“ Die Ansage von Raffaele Rossi alarmiert Erin! Wie soll sie nur am türkisblauen Meer, unter Palmen und in heißen, tropischen Nächten verbergen, dass sie schon seit Jahren in ihren umwerfend attraktiven Boss verliebt ist?


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  • Erscheinungstag 18.08.2026
  • Bandnummer 590
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541503
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cathy Williams, Caitlin Crews, Suzanne Merchant, Michele Renae

JULIA EXTRA BAND 590

Cathy Williams

1. KAPITEL

Erins Handy vibrierte schon wieder. Sie ignorierte es, da sie genau wusste, von wem die Nachrichten stammten. Sie atmete tief durch, strich ihren Rock glatt und betrat die Villa ihres Chefs in Chelsea, in der gerade eine lebhafte Cocktailparty stattfand.

Raffaele Rossi feierte einen bedeutenden Geschäftsabschluss. Die Stimmung war ausgelassen und der Champagner floss in Strömen. Die Firma, die er übernommen hatte, war zwar klein, doch bestens aufgestellt und würde weitere Millionen auf seine ohnehin schon prall gefüllten Konten spülen.

Dabei ging es ihm nicht nur ums Geld, sondern um die Herausforderung, aus etwas scheinbar Unmöglichem etwas Großes zu machen.

Rund dreißig Gäste waren heute Abend anwesend. Die Führungskräfte der übernommenen Firma, Anwälte und Buchhalter, die meisten davon in Begleitung. Und Erin. Ohne Begleitung, dafür mit einem Handy voller Textnachrichten.

Sie begegnete Raffaeles Blick. Er zwinkerte ihr von der anderen Seite des Raumes aus zu, und als sie die Lippen zusammenpresste, sah sie, wie er sich das Lachen verkniff.

Sie nahm sich ein Kanapee vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners und wandte sich einem der Anwälte neben ihr zu, den sie bereits von früheren Geschäftsabschlüssen her kannte. Bisher waren ihre Gespräche nur kurz geblieben, da die Ungeduld ihres Chefs sie oft dazu zwang, diese Art von Veranstaltungen vorzeitig zu verlassen. Doch dieses Mal würde sie bis zum Schluss bleiben, denn sie musste ein ernstes Wort mit ihm reden.

„Dein Handy vibriert schon wieder.“

„Ich weiß.“ Erin schenkte Colin ein entschuldigendes Lächeln. Er war ein paar Jahre älter als sie, und hinter seinem gepflegten Äußeren verbarg sich ein scharfer juristischer Verstand. Sie kannte ihn zwar nur flüchtig, doch was sie bisher gesehen hatte, gefiel ihr.

„Willst du nicht nachsehen, wer es ist?“

„Nein, Colin, das will ich nicht“, entgegnete sie ruppig. Er sah sie überrascht an, daher fuhr sie in etwas sanfterem Ton fort: „Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich sein. Was hältst du von der Fusion? Bist du nach der ganzen Arbeit der letzten Wochen nicht vollkommen erschöpft?“

„Selbst wenn“, sagte er lachend. „Bei unserem Gehalt kann ich mich nicht beschweren, wenn ich hin und wieder mal ein paar Überstunden machen muss. Zumal das in der Regel nur dann vorkommt, wenn ein größerer Deal wie dieser ansteht. Apropos, hat Raffaele schon ein neues Projekt in Aussicht?“

„Du weißt doch, dass ich kein Wort über seine Pläne sagen darf.“ Erin zwinkerte ihm zu und legte sich verschwörerisch den Finger auf die Lippen.

„Wie ist es eigentlich, direkt mit dem Boss zusammenzuarbeiten, Erin? Ich sehe ihn immer nur, wenn ein Geschäftsabschluss ansteht. Ist er so hart, wie alle sagen?“

„Hart, aber fair.“

„Hart, fair und alle zwei Wochen eine neue Frau am Arm. Entschuldige.“ Colin blickte schuldbewusst auf sein Glas. „Zu viel Champagner.“

Erin lachte, ging aber nicht weiter auf seinen Kommentar ein.

Alle zwei Wochen eine neue Frau? Nicht ganz. Aber weit gefehlt war es auch nicht.

Unter halb gesenkten Lidern sah sie zu Raffaele hinüber, der auf der anderen Seite des Raumes stand. Sie wusste ganz genau, dass er die Braue heben und amüsiert grinsen würde, sollten sich ihre Blicke treffen.

Er hielt Erin für langweilig.

Für langweilig, aber auch für effizient und unglaublich fähig, sogar für unentbehrlich. Sie wandte den Kopf und betrachtete sich in einem ovalen Spiegel zwischen zwei abstrakten Gemälden. Schulterlanges kastanienbraunes Haar, haselnussbraune Augen, eine kurze, gerade Nase und volle Lippen. Nicht unattraktiv, aber eindeutig nicht in derselben Liga wie die Frauen, die mit ermüdender Regelmäßigkeit in Raffaeles Leben ein- und wieder ausgingen.

Doch gerade diese Unscheinbarkeit hatte ihr eine feste Position als persönliche Assistentin verschafft, die ihre sechs Vorgängerinnen offensichtlich nicht hatten ausfüllen können. Erin hatte von Anfang an klargestellt, dass sie Privates und Geschäftliches strikt trennte. Damit hatten sie ein harmonisches Arbeitsverhältnis geschaffen. Allerdings schien es Raffaele in letzter Zeit offenbar zunehmend schwerer zu fallen, sich daran zu halten.

„Was machst du nachher noch?“

„Hm?“ Erin blinzelte, als Colin sie mit seiner Frage aus ihren Gedanken riss. „Was meinst du?“

„Hättest du Lust, noch etwas trinken zu gehen? Oder wir könnten auch irgendwo etwas Richtiges essen. Diese Kanapees sind vorzüglich, aber ich könnte zehn davon verspeisen und wäre immer noch nicht satt.“

„Colin, das ist sehr nett von dir …“

„Aber …?“ Er schenkte ihr ein Lächeln und fuhr fort, als sie schwieg. „Falls du deine Meinung irgendwann änderst und Lust auf ein Date mit einem Anwalt aus dem zweiten Stock hast, versprich mir, dass du dich meldest, okay?“

„Versprochen.“ Erin lächelte zurück und spürte, wie sie rot wurde, als Colin ihr zum Abschied zuwinkte und sich dann seinen Kollegen anschloss, die bereits im Aufbruch waren.

Raffaeles Cocktailpartys waren bekannt für ihre Opulenz – und für ihre kurze Dauer.

Erin sah zu, wie sich der Raum nach und nach leerte. Sie verweilte mit einem leeren Glas in der Hand am Fenster und blickte hinaus auf die Gärten des weitläufigen Anwesens. Der Empfang hatte in einem der größeren Salons des Hauses stattgefunden. Der Marmorboden war mit kunstvollen Intarsien verziert, und an den Wänden reihten sich abstrakte Gemälde, vermutlich alle unbezahlbar.

Erin hatte bisher nur einen Teil des Erdgeschosses gesehen, doch sie vermutete, dass der Rest des Hauses ebenso kühl, elegant und luxuriös gestaltet war wie dieser Raum. Ganz anders als das kleine, gemütliche Heim ihrer Kindheit, an das sie sich so gern zurückerinnerte.

Sie verscheuchte die Gedanken, als sie sah, wie Raffaele gerade die letzten Gäste verabschiedete. Dann drehte er sich um, lehnte sich lässig an die Wand und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Der Mann war einfach verboten schön.

Ein Meter achtundachtzig pure, sinnliche Männlichkeit. Sein italienisches Erbe zeigte sich unübersehbar in den markanten, klassisch schönen Zügen, dem dunklen, etwas zu langen Haar und dem warmen Teint seiner Haut. Nur seine tiefblauen Augen deuteten darauf hin, dass er noch andere Wurzeln hatte.

Langsam kam er auf sie zu.

„Warum bist du noch hier?“, war das Erste, was er sagte, als er vor ihr stehen blieb. „Hättest du nicht längst zur Tür raus sein sollen, wie sonst auch? Du bist doch immer die Erste, die geht.“ Sein Blick fiel auf das leere Glas in ihrer Hand. „Nein, warte. Bevor du antwortest, lass uns in den Blauen Salon gehen und noch einen Champagner zusammen trinken. Ich will etwas mit dir besprechen.“

Wie üblich ließ er ihr gar nicht erst die Möglichkeit zu widersprechen und drehte sich auf dem Absatz um. Im Vorbeigehen griff er nach einer Champagnerflasche und warf ihr über die Schulter hinweg einen Blick zu. „Ich nehme an, du hast es heute Abend nicht eilig?“

„Ich kann noch auf ein Glas bleiben.“

Raffaele grinste zufrieden, und Erin ärgerte sich darüber, dass ihr die Hitze ins Gesicht stieg.

Sie hasste es, dass er eine so starke Wirkung auf sie hatte, konnte aber nichts dagegen tun. Zugeben würde sie es bestimmt niemals, denn das wäre das Todesurteil für ihren erfüllenden, gut bezahlten Job.

Der Blaue Salon gehörte zu den kleineren Räumen. Eine Glastür führte auf eine Terrasse und den gepflegten Rasen dahinter hinaus. Für Londoner Verhältnisse ein Paradies.

„Also“, fragte Raffaele, kaum dass sie den Raum betreten hatten, „was läuft da zwischen dir und dem Anwalt?“ Er schenkte ihnen ein und nickte in Richtung Sofa, während er sich lässig in den Rahmen der offenen Balkontür lehnte.

„Wie bitte?“, fragte Erin überrascht und nahm gehorsam Platz.

„Du und der Anwalt. Mir ist aufgefallen, dass ihr euch unterhalten habt. Sei ruhig ehrlich. Wobei ich dich warnen muss: Ich halte nicht viel von Beziehungen im Büro.“

„Wovon redest du überhaupt, Raffaele?“

„Colin. Grauer Anzug, ordentliche Frisur. Ein kluger Kopf, aber ich hatte gedacht, dass sich sein Sozialleben auf einsame Spaziergänge im Regen beschränkt.“

„Zwischen uns läuft nichts! Und das ist keine sehr freundliche Beschreibung von dir. Er ist wirklich nett. Abgesehen davon“, fügte sie empört hinzu, „geht es dich nichts an, ob etwas zwischen uns ist oder nicht.“

„Ihr seid beide bei mir angestellt.“

„Das ändert überhaupt nichts. Es wäre kein Verstoß gegen die Firmenpolitik. Warum reden wir überhaupt darüber?“ Erin schüttelte verständnislos den Kopf und nahm einen Schluck Champagner.

„Schon gut“, wehrte Raffaele ab. „War nur eine Beobachtung. Ich würde einfach ungern meine Assistentin verlieren, nur weil diese plötzlich die Hochzeitsglocken läuten hört und über Babys nachdenkt.“

„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Und nur fürs Protokoll: Ich bin nicht die Sorte Frau, die nach einem einzigen Date sofort an Hochzeit, Kinder und Kündigung denkt.“

„Das dachte ich mir“, sagte Raffaele zufrieden, trank einen Schluck und setzte sich zu ihr.

Sie wirkte etwas aus der Fassung geraten, aber wahrscheinlich sagte sie die Wahrheit. Nicht, dass es ihn etwas anging. Kollegen durften schließlich miteinander ausgehen. Trotzdem war er erleichtert. War er etwa besitzergreifend gegenüber seiner überaus korrekten Assistentin? Vielleicht ein wenig. Immerhin war sie unersetzbar.

Er musterte sie unter halb gesenkten Lidern. Er verstand Colins Interesse durchaus. Hinter der makellosen Fassade war Erin Fisher weitaus sinnlicher, als man ahnte. Vielleicht lag es an den lebhaften Augen, dem glänzenden Haar oder ihrer unerwartet rauen Stimme. Oder daran, dass sie sich keine Mühe gab, aufzufallen. Denn genau das machte sie paradoxerweise verführerischer als jede Frau, die sich offen zur Schau stellte.

Raffaele räusperte sich. „Kommen wir zum Punkt. Ich habe mit meinem Freund Archer gesprochen. Möglicherweise bietet sich mir eine Gelegenheit für eine weitere Übernahme. Allerdings in einer Branche, mit der ich bisher keine Erfahrung habe. Ich hätte deshalb gern deine Einschätzung.“

„Sollten wir das nicht lieber Montag im Büro besprechen?“

„Dort haben die Wände Ohren. Außerdem ist es noch nicht offiziell. Ich spiele nur mit dem Gedanken.“

„Also gut. Aber bevor wir über die Arbeit sprechen, muss ich dir etwas sagen.“

Erin bemerkte, wie Raffaele sich neben ihr versteifte. „Ich bin mir nicht sicher, ob mir dein Tonfall gefällt. Sag mir bitte nicht, dass du kündigen willst.“

„Warum sollte ich kündigen?“

„Ich weiß es nicht, aber es ist nicht deine Art, so direkt zu sein.“

Erin atmete tief durch. War sie wirklich so vorhersehbar? „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Job“, sagte sie betont ruhig.

„Wenn du eine Gehaltserhöhung willst …“

„Ich will keine Gehaltserhöhung. Kannst du mich vielleicht einfach mal ausreden lassen?“

Sie holte ihr Handy hervor, entsperrte es und hielt ihm das Display entgegen. Darauf war eine Flut von Nachrichten zu sehen, die alle von einer einzigen Person stammten: Raffaeles Ex-Freundin.

„Ah.“

„Ah?“, wiederholte sie fassungslos. „Das ist alles, was dir dazu einfällt? Bitte sag Raffa, dass ich ihn liebe … arrangiere ein Treffen … ich kann ihn zurückgewinnen … Es ist unverschämt, mich in eure Beziehungsangelegenheiten mit reinzuziehen!“

„Wir haben keine Beziehung.“

„Glaub mir, das weiß ich“, erwiderte Erin sarkastisch. „Schließlich sammle ich jedes Mal die Scherben auf, wenn du Schluss machst.“

„Wie bitte? Was meinst du damit?“, fragte er, sein Tonfall zunehmend gereizt.

„Nach jeder Affäre beauftragst du mich damit, irgendein übertrieben teures Abschiedsgeschenk für deine Verflossenen zu besorgen.“

„Na ja“, sagte er nachdenklich, „ich dachte, du als Frau weißt wahrscheinlich besser, was die Damen nach einer Trennung brauchen.“

„Das ist wahrscheinlich das Sexistischste, was ich je von dir gehört habe“, fauchte Erin empört. Sie sah, wie er ein Grinsen unterdrückte, was sie nur noch wütender machte. „Abschiedsgeschenke für all die armen Mädchen zu kaufen, die durch eine endlose Drehtür in dein Leben hinein- und wieder hinausrotieren, stand ganz bestimmt nicht in meiner Stellenbeschreibung!“

„Endlose Drehtür? Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so starke Ansichten zu diesem Thema hast, Erin.“

„Nun, jetzt weißt du es.“ Sie atmete kurz durch. Dass sie nach dem Vorbild ihrer Eltern aufgewachsen war und deshalb an die große Liebe glaubte, brauchte er nicht zu wissen. „Aber das ist gar nicht der Punkt. All diese Nachrichten von Alexa sind ein Eingriff in meine Privatsphäre.“

„Wie kommt sie überhaupt auf die Idee, dir zu schreiben? Ist es schon früher vorgekommen, dass meine Ex-Freundinnen dir Nachrichten schicken? Du hast nie ein Wort darüber verloren. Ich hoffe, du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, wenn dich etwas stört, Erin. Ich bin doch nicht unnahbar, oder?“

Erin sah zu, wie er ihr Glas auffüllte. Sein Gesichtsausdruck war jetzt ernst, fast besorgt.

Übertrieb sie vielleicht?

Nein, es war höchste Zeit, eine Grenze zu ziehen.

Sie hatte Alexa ein paar Mal im Büro getroffen. Eine liebenswürdige junge Frau mit der Figur eines Supermodels und der Garderobe eines Hollywoodstars. Erin hatte es jedes Mal den Magen umgedreht, wenn sie sah, wie Alexa Raffaele schmachtende Blicke zuwarf, denn sie hatte ganz genau gewusst, dass er sie früher oder später fallen lassen würde.

Du hast die Zuneigung all dieser Frauen wirklich nicht verdient, hatte sie mehr als einmal gedacht, doch gesagt hatte sie nie etwas … bis jetzt.

„Nein, du bist nicht unnahbar“, erwiderte sie ruhiger. „Genau deshalb spreche ich es ja an. Raffaele, du musst jemand anderen für die Geschenke finden. Ich besorge gern weiter Theaterkarten oder organisiere Opernbesuche für deine Dates. Aber Abschiedsgeschenke kaufen, damit du dein Gewissen beruhigen kannst … das mache ich nicht mehr.“

Sie bemerkte sofort, wie sich seine Haltung ihr gegenüber wandelte. Er versteifte sich, und der Blick aus seinen tiefblauen Augen wurde eisig.

Sie hatte offenbar eine Grenze überschritten und bereute es augenblicklich. Diesen kalten, distanzierten Blick reservierte Raffaele sonst nur für Menschen, die seinen Ansprüchen nicht genügten. Niemals für sie.

„Entschuldige, falls ich zu weit gegangen bin, Raffaele. Ich glaube, all diese Nachrichten von Alexa haben das Fass einfach zum Überlaufen gebracht. Dazu kommt noch …“ Sie bremste sich gerade noch rechtzeitig, bevor sie ihre Eltern erwähnen konnte. Ihr Privatleben hatte in der Beziehung zu ihrem Chef nichts verloren.

„Ja?“

„Nichts“, sagte Erin hastig.

„Gut.“ Er lehnte sich zurück, doch sein Blick blieb kalt. „Halten wir Folgendes fest: Keine Gefälligkeiten mehr. Keine Aufträge für Blumen, Schmuck oder sonstige Geschenke. Des Weiteren keine privaten Anrufe in meinem Büro. Sollte doch jemand zu dir durchkommen, steht es dir frei, einfach aufzulegen. Und natürlich kein Small Talk mit Frauen, die sich in mein Büro verirren.“

„Raffaele, ich wollte nicht …“

„Lass mich ausreden“, unterbrach er sie kühl. „Wenn wir schon dabei sind, Grenzen zu ziehen: Bitte behalte deine persönliche Meinung über meinen Lebensstil künftig für dich. Diese Frauen sind ganz bestimmt keine armen Mädchen, wie du sie genannt hast.“

„So habe ich das nicht gemeint …“

„Oh doch, das hast du, Erin. Mir sind die verächtlichen Blicke nicht entgangen, die du mir und meiner aktuellen Begleitung manchmal zuwirfst, wenn du denkst, ich sehe nicht hin. Dabei sind diese Frauen alles andere als arm. Und mein Leben ist keine Drehtür, wie du es so schön formuliert hast. Wenn ich mit einer Frau zusammen bin, bekommt sie meine volle Aufmerksamkeit. Ich bin von Anfang an ehrlich zu ihr. Alexa wusste, dass ich keine feste Beziehung will. Mache mir also kein schlechtes Gewissen. Blockier sie einfach. Ich werde sie anrufen und sie an die Abmachung erinnern, die wir getroffen haben, als wir vor vier Monaten zusammenkamen.“

„Zweieinhalb Monate.“

„Wie bitte?“

„Schon gut“, sagte Erin hastig. „Du wirst von mir nichts mehr über dein Liebesleben hören“, lenkte sie ein. Doch seine Miene blieb hart. Also holte sie tief Luft und wagte den Sprung ins Ungewisse. „Ich hätte die Sache wahrscheinlich gar nicht erwähnt, aber …“ Sie zögerte. Es wäre das erste Mal, dass sie ihm etwas wirklich Persönliches anvertraute.

„Aber …?“

„Ich bin in letzter Zeit etwas gestresst.“ Sie senkte den Blick und spürte, wie ihr das Herz bis zum Hals schlug. „Es geht um meinen Vater.“

„Was ist mit deinem Vater?“ Es war das erste Mal, dass Erin etwas Persönliches von sich preisgab. Erstaunlich, wenn man bedachte, wie lange sie schon für ihn arbeitete.

Raffaele wusste, dass er hohe Ansprüche stellte, aber er hatte nie den Eindruck gehabt, zu viel zu fordern. Natürlich hatte sie eine Grenze überschritten, als sie seine Beziehungen infrage stellte, denn sein Privatleben ging niemanden etwas an.

Unwillkürlich musste er an seine Eltern denken. Ihre Ehe war eine reine Fassade gewesen, in der kein Platz für Liebe gewesen war. Weder füreinander noch für ihn. Also hatte er gelernt, ohne Liebe und ohne Versprechungen auszukommen. Er setzte stattdessen auf klare Abmachungen und Transparenz. Ein Modell, das ihn bisher nicht enttäuscht hatte.

Trotzdem hatte ihn ihre Kritik getroffen. Schlimmer noch, sie hatte zu einem Streit geführt. Und jetzt ging ihm ihre Offenheit näher, als ihm lieb war. Vielleicht war es an der Zeit, die Mauern ein wenig zu senken. Abgesehen von ihren Fähigkeiten als Assistentin wusste er so gut wie nichts über Erin. Er musste zugeben, dass er immer neugieriger wurde, je länger sie zögerte.

„Geht es ihm gut? Deinem Vater?“

Raffaele klang aufrichtig besorgt. Das bestärkte Erin in ihrem Vorhaben. Es war ohnehin albern, so ein Geheimnis aus ihrem Privatleben zu machen. Sie war schließlich keine Spionin auf der Flucht.

„Er ist gestürzt und hat sich den Knöchel gebrochen. Er wird eine Weile ausfallen.“

„Na, das ist doch halb so schlimm, oder? Ich hatte schon befürchtet, er sei ernsthaft erkrankt. Du hast nie von deinen Eltern erzählt. Ich nehme an, sie leben beide noch?“

„Ja“, sagte Erin knapp. Sie runzelte die Stirn. „Du hast deine Familie auch nie erwähnt.“

Er lachte. „Das stimmt. Nimm dir ruhig ein paar Tage frei, wenn du sie besuchen möchtest. Wo wohnen sie denn?“

„An der Küste.“

„An der Küste?“ Raffaele sah sie amüsiert an. „Gehts etwas genauer? Keine Sorge, ich komme schon nicht spontan zum Tee vorbei.“

Erin lächelte widerwillig. „In Sussex. Ich war die letzten Wochenenden dort, um zu helfen. Dieses Wochenende ist das erste, an dem ich nicht hinfahren konnte.“

„Das wusste ich nicht. Du hättest etwas sagen sollen. Ich hätte dir ohne Weiteres ein paar verlängerte Wochenenden gegeben, ohne dass du dafür Urlaubstage opfern musst.“

„Danke, aber im Moment kann ich ohnehin nicht viel tun.“

„Arbeitet dein Vater noch? Sein Arbeitgeber kümmert sich doch bestimmt um alles, oder? Krankschreibung, Lohnfortzahlung, Physiotherapie? Falls nicht, sag Bescheid, ich kann das gern klären.“

„Nein, nein!“ Panik ergriff sie. Sie dachte an das unkonventionelle Leben ihrer Eltern. Erst die Kommune, dann die Jahre auf Reisen, getrieben vom Fernweh. Irgendwann waren sie in einem Camper in Sussex gelandet, bis Erin ihnen ein Cottage gekauft hatte, weil Zukunftsplanung nie deren Stärke gewesen war. Jetzt bauten sie Gemüse an und verkauften den Überschuss an den Dorfladen.

Der Gedanke daran, ihrem kultivierten Chef vom Hippie-Leben ihrer Eltern erzählen zu müssen, trieb ihr die Hitze ins Gesicht. Sie zupfte nervös am Kragen ihrer Bluse.

„Du musst nicht darüber reden, wenn du deshalb eine Panikattacke bekommst.“ Raffaele griff nach dem Champagner, um ihnen nachzuschenken.

„Ich habe keine Panikattacke. Die Sache hat mich nur gestresst. Er arbeitet, aber … er hat keinen richtigen Job.“

„Wie meinst du das?“

„Meine Eltern führen ein sehr … einfaches Leben.“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Sie haben ein Stück Land und bauen ihr eigenes Gemüse an. Sie sind Selbstversorger oder versuchen es zumindest zu sein. Meine Mutter stellt Schmuck her, restauriert alte Möbel und verkauft sie. Mein Vater bearbeitet den Garten, aber mit seinem gebrochenen Knöchel kann er sich nicht um die aktuelle Ernte kümmern, und allein schafft meine Mutter das nicht.“

Raffaele fehlten die Worte. Selbstversorger? Schmuckverkauf? Möbel restaurieren? Das passte so gar nicht zu dem Bild seiner stets korrekten, zuverlässigen Assistentin.

Allerdings entging ihm nicht, dass sie es bereits halb bereute, ihm diesen flüchtigen Einblick in ihr Privatleben gewährt zu haben.

Unwillkürlich musste er an ihren Flirt mit Colin denken und stellte fest, dass ihm der Gedanke, zwischen den beiden könnte etwas sein, überhaupt nicht gefiel. Vielleicht war er deshalb so erleichtert gewesen, als sie seine Vermutungen sofort abgeschmettert hatte.

Oder hatte sie vielleicht etwas zu vehement protestiert?

Lief vielleicht doch etwas zwischen ihnen? Eine heimliche Romanze, die sie unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit hielten, weil sie beide für ihn arbeiteten?

Der Gedanke, dass dieser andere Mann mehr über seine rätselhafte Assistentin wissen könnte als er selbst, störte ihn gewaltig.

„Klingt nach einem spannenden Leben“, sagte er beiläufig, obwohl er fest entschlossen war, jetzt erst recht tiefer zu graben. Er erhob sich und senkte den Blick, damit sie ihm nicht ansah, wie neugierig er auf die Frau war, die durch diese paar Bemerkungen plötzlich viel greifbarer wirkte als jemals zuvor.

„Könnte man so sagen.“

„Halte mich auf dem Laufenden. Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid. Ich helfe, wo ich kann.“ Er lächelte lässig, während sie umständlich ihre Tasche schulterte und sich eine seidige Strähne ihres kastanienbraunen Haars aus dem Gesicht strich. „Darf ich noch etwas sagen, jetzt, wo wir offener miteinander umgehen?“

„Was denn?“

Sie sah ihn misstrauisch an, die vertraute Fassade war wieder hochgefahren.

Doch da sie nun neues Terrain betreten hatten, spürte er den Reiz der Herausforderung. Denselben Kick wie vor einem großen Abschluss. Nur dass die Herausforderung dieses Mal darin bestand, seine Assistentin aus der Reserve zu locken. Warum auch nicht? Es konnte ihrer Zusammenarbeit nur guttun.

„Du glaubst, ich flirte mich durchs Leben und hinterlasse nur gebrochene Herzen“, murmelte er und trat einen Schritt näher. Er fragte sich, wie es sich wohl anfühlen würde, seine Finger durch ihr seidiges Haar gleiten zu lassen.

„Das habe ich nie gesagt …“

„Aber du denkst es. Weißt du, was ich glaube?“, fragte er mit samtweicher Stimme. „Du solltest ein bisschen mehr Spaß haben. Deine Eltern führen anscheinend ein aufregendes Leben. Warum tust du es ihnen nicht gleich? Oder vielleicht tust du das ja auch schon, und ich kenne diese Seite an dir nur noch nicht.“

Er legte den Kopf schief und war nicht überrascht, dass keine Antwort kam.

Seltsamerweise war er ebenso wenig überrascht, dass es ihn reizte, genau diese verborgene Seite an ihr zu entdecken.

2. KAPITEL

Erin wusste nicht, was sie erwartete, als sie am Montagmorgen Punkt acht die Tür zu ihrem großen, lichtdurchfluteten Büro öffnete. Wie immer war sie eine halbe Stunde vor den Kollegen da, doch ihr Chef saß um diese Uhrzeit gewöhnlich schon zwei Stunden am Schreibtisch.

Ihr Arbeitsbereich im Vorzimmer war nur durch elegante Schiebetüren von seinem getrennt. Wenn er ungestört sein wollte, waren sie geschlossen, doch meist standen sie offen, damit sie sofort zur Stelle sein konnte.

Ihr Raum war geräumig, aber seiner war fünfmal so groß, mit Platz für eine Sitzecke und einen kleinen Konferenztisch, an dem sie schon unzählige Abende mit der Vorbereitung von Abschlüssen verbracht hatten.

Erleichtert sah sie, dass die Türen heute geschlossen waren. Warum hatte sie sich ihm auch anvertrauen müssen? Bisher hatte sie ihr Privatleben strikt für sich behalten.

Doch die Antwort wollte sie sich nicht eingestehen: Sie hatte Gefühle für ihn. Gefühle, die sie bisher erfolgreich verdrängt hatte, denn sie wusste, dass daraus nie etwas werden könnte. Sie verabscheute es, wie er Frauen aufgabelte und wieder fallen ließ. Erin würde sich nie auf einen Mann mit Bindungsangst einlassen.

Sie wollte eine Liebe wie die ihrer Eltern. Trotz ihres unkonventionellen Lebensstils waren die beiden ihr großes Vorbild, was Beziehungen anging. Sie hatten ihren Seelenpartner im jeweils anderen gefunden und ihre Liebe zueinander sowie zu ihr war bis heute unerschütterlich.

Einmal hatte Erin den Fehler gemacht, dem Falschen zu vertrauen, und sie hatte bitter dafür bezahlt. Das hatte sie gelehrt, vorsichtig zu sein. Raffaele mit seiner Gleichgültigkeit gegenüber allem Dauerhaften war also genau das, was sie nicht wollte.

Dass ihr Blick bei der Arbeit dennoch ab und zu an ihm hängen blieb und sie sich nachts in geheime Fantasien flüchtete, war absolut harmlos. Diese Träume gehörten ihr ganz allein. Ihr Chef würde niemals davon erfahren.

Warum also die Aufregung? Was kümmerte sie sein Privatleben? Es war kaum eine Zumutung, Geschenke für seine Verflossenen zu besorgen. Im Gegenteil, es bescherte ihr gelegentlich einen freien Nachmittag in Boutiquen, die sie sonst nie betreten hätte.

Und warum war es ihr unangenehm, dass er von ihrer Familie wusste? Sie schämte sich nicht für ihre Eltern. Trotzdem fühlte sie sich auf einmal seltsam entblößt. Plötzlich war sie nicht mehr nur die effiziente Assistentin, sondern eine Frau mit einem Leben außerhalb des Büros.

Sie atmete tief durch, fixierte die geschlossenen Schiebetüren und ging entschlossen darauf zu. Nach einem kurzen Klopfen schob sie einen der Flügel auf.

Raffaele saß bequem in seinem Ledersessel hinter dem riesigen Schreibtisch, die langen Beine ausgestreckt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Augen geschlossen.

In dem Moment, als Erin den Raum betrat, öffnete er die Augen und richtete sich auf.

„Du hast meinen Kaffee vergessen“, sagte er vorwurfsvoll. „Ich verdurste bereits.“

„Die Türen waren zu. Ich dachte, du hättest eine Besprechung.“

„Nur mit meinen Gedanken.“

„Mir war nicht bewusst“, erwiderte Erin höflich, „dass man für eine Besprechung mit seinen eigenen Gedanken die Türen schließen muss.“

„Alles, was den Denkprozess fördert.“ Er legte den Kopf schief und grinste. „Wie war dein Wochenende, Erin? Wie geht es deinem Vater?“

So viel zu der Hoffnung, er hätte ihre Beichte vergessen.

„Gut, danke.“

„Was davon? Das Wochenende oder dein Vater?“

„Beides. Soll ich dir jetzt den Kaffee holen? Ich habe ein paar Fragen zum saudi-arabischen Investmentfonds. Ich habe mir die Details angesehen, und …“

„Zuerst den Kaffee, Erin. Hedgefonds interessieren mich gerade nicht.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Jetzt, da wir diese neue Phase unserer Zusammenarbeit eingeleitet haben, sollten wir die Verbindung vertiefen. Ich war schon immer der Meinung, dass Kollegen mehr als nur eine oberflächliche Beziehung haben sollten. Ein tieferes Verständnis fördert die Produktivität ungemein.“

„Ach ja? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du das in all den Jahren jemals erwähnt hast.“

„Nicht?“ Er runzelte die Stirn. „Vielleicht liegt das daran, dass du mich immer auf Abstand gehalten hast. Selbstverständlich wäre es mir nicht im Traum eingefallen, deine Grenzen zu überschreiten“, fuhr er fort.

„Ich breite mein Privatleben eben nicht gern am Arbeitsplatz aus“, sagte Erin ungeduldig.

„Daran können wir arbeiten.“

„Ich glaube eher nicht“, entgegnete sie betont höflich.

Raffaele grinste, stand auf und streckte sich genüsslich. „Ich bin seit sechs Uhr hier und schon ganz steif vom vielen Sitzen.“

Erin schwieg. Seine Gelenke wären sicher weniger steif, wenn er sich seinen Kaffee selbst geholt hätte. Doch wenn sie ehrlich war, kam ihr diese Möglichkeit zur Flucht ganz gelegen. Sie hatte nicht erwartet, dass er sie so direkt auf ihr Geständnis vom Freitag ansprechen würde.

Andererseits war Raffaele schon immer sehr direkt gewesen, nur war sie dabei bisher nicht selbst ins Kreuzfeuer geraten.

Ihr schwirrte der Kopf, als sie die Tür hinter sich zuzog und in die Küche ging. Die sichere Distanz zu Raffaele hatte ihr bisher gute Dienste geleistet. Ihre Fantasien waren genau das geblieben – Fantasien. Und wenn sie tief in sich manchmal doch einen Funken Hoffnung verspürte, so ließ sie es sich nicht anmerken.

Die vielen Umzüge in ihrer Kindheit hatten sie verschlossen gemacht. Mal Schule, mal Hausunterricht. Oft waren Bücher ihre einzigen Freunde gewesen. Echte Bindungen brauchten Zeit, und die hatte sie nie gehabt. Deshalb fiel es ihr auch in Beziehungen schwer, sich zu öffnen.

Genau das hatte ihr Ex-Freund ihr vorgeworfen, als die Beziehung nach einem Jahr in die Brüche gegangen war. „Du bist hoffnungslos“, hatte er beim Abschied gesagt. „Welcher Mann interessiert sich schon für eine Frau, die sich nicht öffnen kann? Die nie die Kontrolle abgibt? Reine Zeitverschwendung.“

Seine Worte hatten sie tief getroffen. Die Angst, sich noch einmal so zu täuschen, hielt sie davon ab, Risiken einzugehen. Sie hatte sich geschworen, sich Zeit zu lassen. Sie würde ihr Herz nur dann verschenken, wenn ihre Gefühle ganz sicher erwidert wurden.

Die heimliche Schwärmerei für ihren Chef war das perfekte Schutzschild gewesen und hatte es ihr erlaubt, ihr Liebesleben vorerst auf Eis zu legen.

Doch jetzt, als sie plötzlich im Fokus seiner Neugier stand, bröckelte dieser Schutzwall, und sie konnte niemandem außer sich selbst die Schuld geben.

Während die Kaffeemaschine lief, fragte sie sich, wie es so weit hatte kommen können. Jahrelang keine Dates, immer in dem Glauben, der Richtige würde schon irgendwann auftauchen. Doch jetzt war sie fast neunundzwanzig.

Vielleicht war sie ihren Eltern ähnlicher, als ihr lieb war. Sie hatten nie ihren Lebensabend geplant, genau wie Erin die Themen Partnersuche und Familie vor sich hergeschoben hatte. Der Mann, den sie einst für ihren Seelenverwandten gehalten hatte, war ein Reinfall gewesen. Seitdem versteckte sie sich hinter einer albernen Schwärmerei.

Dabei wartete da draußen ein ganzes Leben auf sie. Erin dachte an Colin und fragte sich, ob sie seine Einladung zu einem Date vielleicht doch hätte annehmen sollen.

„Genau das, was ich gebraucht habe“, sagte Raffaele, als sie mit den Tassen in sein Büro zurückkehrte.

Erin schwieg, doch in ihr brodelte es. Diese ganze schmerzhafte Selbstreflexion hatte sie nur seiner plötzlichen Neugier auf ihr Privatleben zu verdanken.

„Du bist nicht hilflos, Raffaele“, sagte sie schärfer als beabsichtigt. „Du weißt, wie man die Maschine bedient. Du musst nicht warten, bis ich im Büro bin, um einen Kaffee zu bekommen.“

„Bravo. Das gefällt mir.“ Er trat auf sie zu, nahm ihr eine Tasse ab, wich aber keinen Schritt zurück. Er überragte sie so deutlich, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um zu ihm aufzusehen.

„Was gefällt dir?“, fragte sie. Der herbe Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase, und ihr Herzschlag beschleunigte sich.

„Dass du endlich für dich einstehst.“

„Das ist nichts Neues. Ich habe dir schon immer meine Meinung gesagt, wenn wir uns uneinig waren.“

„Ja“, erwiderte er, „aber nur, wenn es um die Arbeit ging. Ich habe deine Meinung immer geschätzt. Aber dass du mir jetzt auch persönlich Paroli bietest, gefällt mir noch besser.“ Er deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, und Erin setzte sich gehorsam.

„Du hast doch gesagt, ich solle meine Meinung zu deinem Privatleben für mich behalten. Schon vergessen?“

„Nur, was mein Liebesleben betrifft“, entgegnete er gelassen. „Ich mag es, wenn du authentisch bist und mir sagst, wenn dir etwas nicht passt. Vom Kaffeekochen befreit dich das allerdings nicht. Das kannst du nämlich deutlich besser als ich.“

Er umrundete den massiven Schreibtisch und ließ sich in seinen Sessel fallen. Erin atmete auf. Mit dem Tisch als Barriere zwischen ihnen konnte sich ihr Puls endlich wieder beruhigen.

Er mochte es also, wenn sie ihm widersprach.

Vielleicht konnte sie das nutzen. Wenn sie sich traute, ihm öfter Paroli zu bieten, würde das vielleicht den Bann brechen, den er auf sie ausübte. War ein lockereres Verhältnis am Ende tatsächlich besser für ihre Zusammenarbeit?

„Also“, begann er und musterte sie über den Rand seiner Tasse hinweg. „Nein, nein, nein, mach den Laptop wieder zu. Ich habe doch gesagt, dass mir gerade nicht nach Hedgefonds zumute ist. Und schau nicht so erschrocken, ich bin nicht verrückt geworden.“

Sein Charme wirkte stärker als sonst, jetzt, da die starre Hierarchie zwischen ihnen bröckelte.

Obwohl sie den direkten Blickkontakt mied, nahm sie jedes Detail an ihm wahr: die hochgekrempelten Ärmel, die gebräunten Unterarme, die dunklen Härchen am matten Silberarmband seiner Uhr.

Unwillkürlich dachte sie an ihr eigenes Spiegelbild. Unauffällig und dezent. Neben ihm kam sie sich vor wie eine graue Maus.

„Ich wusste nicht, dass du auch an etwas anderes denken kannst als an Investitionen oder Fusionen.“ Sie genoss den neuen, offeneren Ton. So konnte sie ihn ein wenig necken und auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

„Ich hoffe, du bist nicht zu enttäuscht.“

„Eher überrascht“, gab sie zu. „Du bist schließlich so ein Workaholic.“

„Bin ich das? Immerhin hast du dich erst kürzlich darüber beschwert, ständig Abschiedsgeschenke besorgen zu müssen.“

Erin spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

„Ich bin froh, dass du den Mut hattest, mir zu sagen, wie sehr dich das gestört hat“, murmelte er versöhnlich. „Predigten über mein Liebesleben bleiben tabu, aber in dem Punkt hattest du recht. Es ist nicht deine Aufgabe, Kleinigkeiten für meine Ex-Freundinnen zu besorgen.“

„Es sind nicht gerade Kleinigkeiten, Raffaele.“

„Für mich schon“, widersprach er ihr mit einem Schulterzucken. „Doch jetzt zu anderen Dingen …“

„Ja!“

Endlich wieder Geschäftliches, dachte Erin erleichtert. Dieses persönliche Geplänkel lag nämlich weit außerhalb ihrer Komfortzone.

„Soll ich die E-Mails vom Wochenende schon mal vorbereiten? Dann kannst du sie später einfach abzeichnen.“

Raffaele musterte seine Assistentin einen Moment lang unter halb gesenkten Lidern.

Sie sah aus wie immer. Ordentlicher grauer Rock, kurzärmelige Bluse in zartem Rosa, schlichte schwarze Ballerinas. Ihr glänzendes kastanienbraunes Haar war hinter die Ohren gekämmt und mit zwei Spangen fixiert. Und doch, je länger er hinsah, desto hübscher fand er sie. Die feinen Gesichtszüge, die großen haselnussbraunen Augen, mit denen sie ihre Gedanken so meisterhaft verbarg. Zumindest bis vor zwei Tagen. Eine interessante Entwicklung.

Draußen herrschte ein milder Sommertag. Während andere Frauen ihres Alters längst bunte Kleider trugen, blieb Erin so unauffällig wie immer. Wobei …

In Wirklichkeit war sie ganz und gar nicht unauffällig.

Erneut regte sich seine Neugier, dieses Mal stärker. Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf warnte ihn, doch er überhörte sie geflissentlich. Er war ein Meister der Selbstbeherrschung. Dieses ungewöhnliche Interesse an seiner Assistentin mochte irritierend sein, aber eine Frau würde ihn ganz sicher nicht aus dem Gleichgewicht bringen.

„Natürlich. Ich zeichne sie später ab, bevor ich nach Hause gehe“, sagte er.

„Gibt es sonst noch etwas, das ich erledigen soll?“

„Jetzt, da du fragst …“

„Ja?“

„Erinnerst du dich an meine Cocktailparty am Samstag?“ Er wusste, dass die Frage sie provozieren würde, und genoss es, mitanzusehen, wie sie sich versteifte.

Oh ja, sie erinnerte sich. Und er wusste auch genau, warum. Es war das erste Mal gewesen, dass sie sich ihm gegenüber geöffnet hatte. Erst da war ihm aufgefallen, wie geschickt sie es bisher vermieden hatte, irgendetwas Persönliches von sich preiszugeben.

Er bewunderte ihre Zurückhaltung. Es war eine erfrischende Abwechslung zu all den Frauen, die ihm ungefragt ihre Lebensgeschichte erzählten.

Ein verschlossenes Buch hatte seinen Reiz. Er beobachtete, wie sie mit geröteten Wangen den Blick senkte und nervös mit ihren Fingern spielte.

„Vielleicht erinnerst du dich, dass ich ein Gespräch mit Archer erwähnt habe?“ Er sah deutlich, wie sie bei diesen erlösenden Worten erleichtert aufatmete.

„Ich erinnere mich.“

Erin lächelte, und Raffaele stellte fest, wie sehr er dieses Lächeln mochte.

„Archer will einen Teil seines Freizeitimperiums verkaufen. Er möchte sich auf Casinos spezialisieren und braucht Kapital, um es in den Ausbau seiner Glücksspielsparte zu investieren. Ich überlege, mich ein wenig von den Finanzmärkten zu lösen und in eine etwas unberechenbarere Branche einzusteigen. Ich bin es leid, mich ständig nur mit Tech-Märkten und Hedgefonds auseinanderzusetzen.“

„Wirklich?“

Raffaele zuckte mit den Schultern.

Er dachte daran zurück, wie er mit einundzwanzig genug geerbt hatte, um sich einen erstklassigen Mathematikabschluss und ein anschließendes Masterstudium der Betriebswirtschaft leisten zu können, ohne sich je um Studiengebühren sorgen zu müssen.

Seitdem hatte er das Treuhandvermögen seiner Eltern verhundertfacht.

Seine Karriere war eine einzige Erfolgsgeschichte. Dank seines Gespürs für Zahlen hatte er an den Finanzmärkten regelrecht Stroh zu Gold gesponnen.

Er hätte es nicht nötig gehabt, zum Workaholic zu werden, und doch hatte er sich in die Arbeit gestürzt.

Aus einem einfachen Grund: Arbeit war berechenbar. Arbeit enttäuschte ihn nicht, so wie Menschen es unweigerlich taten.

Wenn er ehrlich war, dachte er bitter, war er das Paradebeispiel eines Mannes mit einem privilegierten Leben. Die Kassen voll, aber die Seele leer. Kein noch so großes Vermögen konnte die Leere in seinem Herzen füllen.

Als Kind hatte er nie elterliche Liebe erfahren, auch wenn er alles besessen hatte, was man mit Geld kaufen konnte. Er erinnerte sich nicht daran, dass seine Eltern ihn je in den Arm genommen hätten.

Später hatte er erfahren, dass ihre Ehe nichts als eine Farce gewesen war. Die Affären seines Vaters wurden unter den Teppich gekehrt, um den Schein und den Status quo zu wahren.

Trotzdem hatte das seine jugendlichen Illusionen über die Liebe nicht völlig zerstört. Dumm, wie er gewesen war, hatte er geglaubt, für ihn gäbe es noch Hoffnung.

Also hatte er sich törichterweise auf eine Beziehung eingelassen, die die letzten Reste seines rosaroten Weltbildes endgültig zertrümmert hatte.

Verblüfft über diesen plötzlichen Anflug von Selbstreflexion runzelte Raffaele die Stirn und schob die Gedanken routiniert beiseite.

„Ich kann es mir leisten, etwas Neues auszuprobieren“, sagte er gelassen.

„Du bist so selbstgefällig“, entgegnete Erin trocken. „Ich hoffe, du sagst so etwas nie öffentlich, Raffaele. Das ist der sicherste Weg, Freunde zu verlieren und garantiert niemanden zu beeindrucken.“

„Seit wann kümmert es mich, was andere von mir denken?“

„Dich kümmert, was die Frauen denken, mit denen du ausgehst. Sonst würdest du kein kleines Vermögen für sie ausgeben, wenn du ihnen Abschiedsgeschenke kaufst.“

„Meintest du nicht eher, wenn ich dich damit beauftrage, ihre Abschiedsgeschenke zu kaufen?“ Er grinste. „Schon gut, lassen wir das. Ich brauche keine weitere Predigt.“ Sein Grinsen wurde breiter, als sie ihn böse anfunkelte. „Vielleicht kaufe ich ihnen teure Geschenke, um mich dafür zu bedanken, dass sie es mit mir ausgehalten haben“, fügte er halbe rnst hinzu.

Erin hob die Augenbrauen. Einen Moment lang fragte sie sich, ob hinter dieser nonchalanten Bemerkung vielleicht ein Körnchen Wahrheit steckte.

Raffaele war so unverbindlich, wenn es um Beziehungen ging. So fest davon überzeugt, dass keine von ihnen eine Zukunft hatte.

Aber warum? In jeder anderen Hinsicht führte er ein vorbildliches Leben. Hätte er nicht längst den nächsten Schritt machen sollen? Eine Ehefrau, Kinder, ein Zuhause?

Eine Frage, die sie allerdings niemals stellen würde. Allein bei der Vorstellung, diese Grenze zu überschreiten, bekam sie eine Gänsehaut.

„Du hast recht. Reden wir lieber darüber, wie du eine Hotelkette kaufen willst, weil du dich langweilst.“ Sie lächelte, froh, wieder zu ihrem vertrauten Umgangston zurückzukehren.

„Interessante Formulierung. Ich schicke dir die Liste. Es sind nicht viele. Fünf, um genau zu sein. Eines in der Karibik, der Rest in Europa. Das in der Karibik reißt ein Loch ins Budget, weil es dringend renoviert werden muss. Es hat Potenzial, sich mehr als selbst zu tragen, aber Archer will kein Geld mehr hineinstecken, weil er sich auf seine Casinos konzentrieren möchte.“

„Aber lohnen sich fünf Hotels überhaupt?“, fragte Erin skeptisch.

„Ich bekomme sie wahrscheinlich zu einem Spottpreis. Er möchte unbedingt verkaufen, aber nicht an jemanden, der die Gebäude in Eigentumswohnungen verwandeln will. Ich habe zugesagt, ihren Charakter zu bewahren. Die Hotels waren seine erste große Investition, ich denke, er hängt deshalb an ihnen. Der Vertrag würde eine Klausel beinhalten, die ihm und seiner Frau lebenslanges Wohnrecht in jedem dieser Häuser zusichert. Archer sagt, kaum ein Käufer würde das akzeptieren.“

„Aber du schon.“

„Ich kann es mir leisten, großzügig zu sein.“ Raffaele zuckte mit den Schultern.

„Verstehe …“

„Warum klingst du so wenig überzeugt?“, fragte er leicht gereizt.

Erin hielt inne. Stand sie der Sache vielleicht wirklich etwas skeptisch gegenüber? „Ich weiß nicht“, gestand sie. „Ich habe dich immer als großen Geschäftsmann gesehen. Fünf Hotels, von denen eines renoviert werden muss, klingen nicht gerade nach einem großen Deal. Außerdem dreht sich bei dir sonst alles ausschließlich um Wirtschaft, Finanzen oder Technik.“ Sie lächelte unsicher. „Ich weiß, du magst Herausforderungen. Und du hast gesagt, du suchst Abwechslung, aber trotzdem …“

„Geld ist nicht immer das Entscheidende“, sagte Raffaele kurz angebunden. „Denkst du wirklich, mir geht es nur um Gewinnmaximierung?“

„Darüber habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht.“ Das Gespräch hatte plötzlich eine Richtung angenommen, die sie verunsicherte.

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Ein Knistern lag in der Luft, als würde jeden Moment ein Funke überspringen. Die Mischung aus Nervosität und Spannung ließ Erin frösteln.

„Aber …“ Ihr Mund war trocken, ihre Gedanken ein Durcheinander. „Was ich denke, spielt keine Rolle.“ Sie lachte kurz auf und verschluckte sich fast, weil er sie immer noch aus diesen dunkelblauen, unergründlichen Augen ansah. „Es geht mich schließlich nichts an, was dich motiviert. Hotels sind sicher eine großartige Investition. Die Welt wird kleiner, die Menschen abenteuerlustiger, Reisen erschwinglicher. Hast du schon eine Idee für das Konzept?“

„Eins nach dem anderen.“ Raffaele winkte ab, doch sein Blick blieb auf ihr haften. „Wir stehen noch ganz am Anfang.“

„Ich könnte die nötigen Termine vereinbaren“, schlug Erin vor.

„Ich hatte gestern schon ein längeres Gespräch mit Archer. Er ist definitiv dabei. Natürlich geht es hier nicht um eine exorbitante Summe, aber ich gehe so ein Projekt dennoch nicht ohne gründliche Prüfung an.“

„Nein, natürlich nicht.“

„Womit wir zum interessanten Teil kommen.“

„Ja?“

„Der erste Schritt wird sein, mir selbst ein Bild zu machen, und wo fängt man besser an als bei dem Hotel mit dem größten Renovierungsbedarf?“

Er wandte sich seinem Computer zu, tippte kurz etwas ein und drehte den Bildschirm zu Erin. Sie beugte sich vor und betrachtete die Online-Broschüre.

Das Hotel sah tatsächlich etwas heruntergekommen aus, lag aber atemberaubend inmitten dichten Regenwalds.

„Also“, begann Raffaele, „das ist der Moment, in dem ich dir sage, dass du die Gültigkeit deines Reisepasses überprüfen solltest.“

Erin starrte ihn verständnislos an, während sie versuchte, seine Worte zu verarbeiten.

„Wie bitte?“

Er lehnte sich entspannt zurück. „Je eher wir uns das Hotel anschauen, desto schneller kann ich entscheiden. Ich war noch nie in der Tourismusbranche tätig. Das wird sicher interessant.“

„Was meinst du mit wir?“, fragte sie verwirrt.

„Du kommst natürlich mit“, sagte er.

Erins Augen weiteten sich vor Schreck. „Das wird nicht möglich sein.“

Sie war schon oft mit ihm gereist. Aber das waren kurze Trips nach Paris, Lissabon oder Mailand gewesen, Seite an Seite mit Anwälten und Wirtschaftsprüfern. Damals hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht. Aber das war vorher gewesen.

Bevor sich vor zwei Tagen alles verändert hatte.

Sie konnte sich nicht erklären, wie ein kurzes persönliches Gespräch die Dynamik so sehr verändern konnte, aber ihre Beziehung war definitiv nicht mehr dieselbe.

„Warum nicht?“, fragte Raffaele direkt. „Ist es wegen deines Vaters? Ich weiß, du warst die letzten Wochenenden bei deinen Eltern. Wenn sie dringend Hilfe brauchen, kann ich jemanden engagieren, der …“

„Nein!“ Die Vorstellung, dass er sich weiter in ihr Privatleben einmischte, versetzte sie in Panik. „Ich meine …“

„Wenn es nicht dein Vater ist, was dann? Haustiere? Warum weiß ich das nicht? Hast du einen Hund oder eine Katze?“

„Raffaele, ich habe keine Haustiere. Keine Hunde, keine Katzen.“

„Wo liegt dann das Problem?“ Er ließ eine kurze Stille entstehen. „Wir sind nur eine Woche weg, und du wirst selbstverständlich großzügig dafür entschädigt. Du musst nur die Flüge buchen und zwei Zimmer reservieren. Ehrlich, Erin, ich verstehe nicht, warum dich das so aus der Fassung bringt.“ Er legte den Kopf schief und musterte sie mit einem Funkeln in den Augen. „Es ist wie jede andere Geschäftsreise auch. Nur dass es dieses Mal heiß wird.“

3. KAPITEL

Acht Tage später betrachtete Erin ihren Koffer mit einem mulmigen Gefühl.

Dafür, dass sie gleich mit Raffaele in die Karibik fliegen würde, war sie erstaunlich ruhig. Das Unbehagen seit der Party war verflogen, verdrängt durch die gewohnte Routine aus Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit.

Keine neugierigen Fragen mehr, keine Bemerkungen, die sie erröten ließen.

Raffaele war wieder voll in den Alltag eingetaucht. Tatsächlich hatte sie ihn in den letzten vier Tagen gar nicht gesehen, da er geschäftlich in New York gewesen war.

Gestern hatte er ihr gemailt, dass sein Fahrer sie zum Flughafen bringen würde. Normalerweise kümmerte sich Erin um die Reiseplanung, aber er kannte sie einfach zu gut. Er hatte sie vor vollendete Tatsachen gestellt, damit sie nicht separat anreiste, so wie sie es auf vergangenen Geschäftsreisen getan hatte. Allerdings waren das auch nur kurze Tagesausflüge gewesen, kein Langstreckenflug über den Atlantik zu dieser gottlosen Uhrzeit am Morgen.

„Ich warte in der First-Class-Lounge auf dich“, hatte er geschrieben. „Dort können wir in Ruhe die Bilanzen durchgehen. Und, Erin, vergiss nicht, in der Karibik ist es heiß. Lass die Wollstrumpfhosen und steifen Röcke zu Hause.“ Sie hatte sein amüsiertes Grinsen förmlich vor sich gesehen.

Jetzt, kurz nach sechs, trug sie Cargohosen und ein T-Shirt. Darüber ihre graue Strickjacke, als Erinnerung daran, dass dies keine Urlaubsreise war.

In Rock und Bluse hätte sie sich wohler gefühlt, doch bei der tropischen Hitze war das kaum praktikabel. Sie wollte schließlich keinen Hitzschlag riskieren.

Sie saß im Wohnzimmer und warf einen Blick auf die Uhr, als es, eine halbe Stunde zu früh, an der Tür klingelte. Nervös sprang sie auf, um zu öffnen, eine Hand am Koffer und in der anderen ihre Handtasche.

Dann …

„Raffaele!“

Ihr Chef lehnte lässig im Türrahmen, die Hand bereits gehoben, um erneut zu klingeln. Er trug eine schwarze Jeans, ein schwarzes Polohemd und handgefertigte cognacfarbene Loafer. Schlicht, elegant und, wie das Fehlen jeglicher Logos verriet, teuer.

„Was machst du hier?“, fragte Erin fassungslos.

„Ich dachte, das wäre offensichtlich. Ich bringe dich zum Flughafen.“

„Ich habe mit George gerechnet.“

„George musste absagen. Seine Frau liegt mit einem Blinddarmdurchbruch im Krankenhaus. Ich fand es unpassend, ihn jetzt zu bitten, uns nach Gatwick zu fahren. Also, lass mich rein. Ich habe noch Zeit für einen Kaffee, bevor wir losmüssen.“

„Das ist ja schrecklich!“

„Was genau? Georges Notfall? Oder mein unerwartetes Auftauchen vor deiner Tür?“ Raffaele grinste.

„Georges Notfall natürlich.“

„Ich richte ihm dein Mitgefühl aus.“

„Ich hätte auch den Zug nehmen können“, erwiderte Erin trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust, ohne den Weg freizugeben.

„Ich lasse dich doch nicht mit der Bahn zum Flughafen fahren, Erin. Wie willst du überhaupt nach Gatwick kommen? Ich habe hier weit und breit keine U-Bahn-Station gesehen.“

Er schob die Tür demonstrativ ein Stück weiter auf, und Erin trat widerwillig beiseite.

Raffaele hatte sie noch nie besucht. Es hatte nie einen Grund dafür gegeben. Es war ihr unangenehm, ihn hierzuhaben.

Zugegeben, es gab wirklich keine U-Bahn-Station in der Nähe. Aber es gab einen Bahnhof, von dem aus sie nach Waterloo fahren konnte. Und von dort war alles gut angebunden. Der Bahnhof in ihrem Ort lag zwar einen ordentlichen Fußmarsch entfernt, aber Bewegung hatte noch niemandem geschadet.

Sie lebte in einer guten Gegend, das Haus war in Ordnung, die Vermieterin ein Traum. Doch als sie sah, wie er den engen Flur musterte, fühlte sie sich sofort unwohl. Das war bestimmt nicht die Art von Unterkunft, die er bei ihrem Gehalt erwartete.

„Ich kann dir einen Kaffee machen“, sagte sie rasch, um das Schweigen zu brechen. „Aber vielleicht sollten wir lieber früher losfahren. Dann haben wir am Flughafen noch genug Zeit für das Geschäftliche.“ Sie blieb weiterhin mit verschränkten Armen an der Tür stehen.

Raffaele musterte sie schweigend. Ehrlich gesagt war er entsetzt.

Warum wohnte sie hier in diesem verschlafenen Vorort, meilenweit entfernt von jeglicher Infrastruktur, die zu einer jungen Frau passte? Sie verdiente ein kleines Vermögen! Wo blieb das ganze Geld? Wie konnte es sein, dass er in vier Jahren weniger über sie erfahren hatte als über seinen Postboten?

Seine Neugier war geweckt. „Gute Idee. Informier mich schon mal grob über den Konzern. Die Zahlen machen wir später am Laptop. Wo ist deine Tasche?“

„Hier.“ Erin griff nach ihrem Koffer und ließ den Blick noch einmal durch den Raum schweifen, als prüfe sie mental, ob auch alles ausgeschaltet war. Licht, Herd, alles Dinge, über die er sich dank seines Personals nie Gedanken machen musste.

„Kommst du mit dem kleinen Koffer aus?“, fragte er, als sie hinter ihnen abschloss.

„Es ist kein Urlaub, Raffaele. Ich habe eine angemessene Arbeitsgarderobe dabei.“

„Hoffentlich keine Wollstrumpfhosen oder steife Röcke“, neckte er sie.

Erin schnaubte, stieg in den glänzenden schwarzen Ferrari und ging gar nicht erst darauf ein.

„Also?“ Er startete den Motor, fuhr aber noch nicht los.

„Keine steifen Röcke, Raffaele. Deine Anweisung war deutlich genug. Außerdem bin ich keine Idiotin. Wir fliegen in die Karibik, natürlich habe ich die Wintersachen zu Hause gelassen.“

Raffaele stieß ein herzliches Lachen aus und fuhr vom Bordstein ab. „Und Badeanzüge? Hast du welche in deinem winzigen Koffer versteckt?“

„Ich wusste nicht, dass ich die für die Arbeit brauche“, entgegnete sie scharf. „Oder hast du etwa vor, unsere Meetings im Meer abzuhalten?“

Raffaele lachte immer noch, als sie bereits ihr Notizbuch zückte und begann, ihn über entscheidende Details der Hotelkette zu informieren. Darin war sie wirklich gut.

Sie hatte hart ...

Autor

Caitlin Crews

Caitlin Crews wuchs in der Nähe von New York auf. Seit sie mit 12 Jahren ihren ersten Liebesroman las, ist sie dem Genre mit Haut und Haaren verfallen und von den Helden absolut hingerissen. Ihren Lieblingsfilm „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightly hat sie sich mindestens achtmal im Kino angeschaut....

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