Reich & schön – Best of Julia 2025

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Mit diesem eBundle präsentieren wir Ihnen die schönsten und erfolgreichsten Julia Extra-Romane aus 2025 – leidenschaftlich, aufregend und romantisch. Die kleine Auszeit vom Alltag für die selbstbewusste Frau … Happy End garantiert!

TAUSENDUNDEINE NACHT MIT DEM BOSS von CATHY WILLIAMS

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  • Erscheinungstag 02.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541992
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

CATHY WILLIAMS

Tausendundeine Nacht mit dem Boss

1. KAPITEL

„Sie sind nass. Warum? Außerdem sind Sie zu spät!“

Die Tür zu Maliks Büro war mit dem üblichen Elan aufgestoßen worden. Und da stand sie, tropfte seinen hellgrauen Teppich voll und versuchte vergeblich, ihre Haare auszuwringen, die in nassen Strähnen herunterhingen. Malik setzte sich in seinem Ledersessel zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und betrachtete seine Sekretärin mit schräg gelegtem Kopf.

Lucy Walker, die seit etwas mehr als drei Jahren für ihn arbeitete, war eine Naturgewalt. Sie war klein und kurvig, mit lockigen hellblonden Haaren, die ihren eigenen Willen hatten, und einem Grübchenlächeln, das die beunruhigende Tendenz aufwies, Malik aus dem Konzept zu bringen, sobald er sie zur Rede stellen wollte.

So wie jetzt.

Malik hatte schon lange aufgehört, sich zu fragen, wie es sein konnte, dass sie in jeder Hinsicht ein Erfolg war, obwohl sie von ihrem Typ her eigentlich nicht annähernd in die engere Auswahl für die hochkarätige Stelle seiner persönlichen Assistentin gekommen wäre.

Aber beim Vorstellungsgespräch hatte sie ihn nicht nur mit ihrem fundierten Wissen über den Aktienmarkt beeindruckt, sondern auch mit ihrem Selbstvertrauen. Sie hatte ihm ihr Grübchenlächeln geschenkt und ihn aufgefordert, ihr irgendeine Aufgabe zu stellen, damit sie ihm ihr Können beweisen konnte.

Malik hatte ihr zehn Minuten gegeben, um Entwürfe über Anlagen von mehreren Millionen in verschiedene Unternehmen auszuarbeiten. Sie hatte ihm in der Hälfte der Zeit bewiesen, dass sie ihr Geld wert sein würde. Lucy Walker hatte eine herrlich offene Art! Außerdem war sie beeindruckend immun gegen seine Furcht einflößende Seite, die die meisten Menschen dazu brachte, es sich zweimal zu überlegen, bevor sie etwas sagten, was ihm missfallen könnte. In jeder Gesellschaftsschicht war er gleichermaßen respektiert und gefürchtet. Aber diese Frau hatte keine Angst vor ihm.

Lucy entledigte sich ihres Regenmantels und ließ ihn auf den Stuhl fallen, auf dem sie üblicherweise saß, wenn sie in seinem Büro war. Vom Mantel tropfte es weiter auf seinen teuren Teppich.

„Nicht zu fassen, dieses Wetter, Malik. Eine Schande. Warum kriegen diese überbezahlten Leute die Wettervorhersage nicht richtig hin? Kein Wort von einem Sturm heute Morgen, als ich den Fernseher angemacht habe – stattdessen Sonne und Schauer.“

„Vielleicht hätten Sie bei dem Wetterbericht mehr auf den Teil mit den Schauern achten sollen. Es ist übrigens schon nach halb zehn.“

„Ich hätte Ihnen ja eine SMS geschickt, doch mein Handy hatte nur noch wenig Saft. Aber jetzt bin ich da und bereit, sofort loszulegen. Hab mir übrigens viele Gedanken über das IT-Unternehmen gemacht, das Sie sich unter den Nagel reißen wollen.“

„Sie sollten sich erst einmal etwas Trockenes anziehen.“

Lucy verzog das Gesicht. „Dafür müsste ich aber in ein Geschäft gehen. Die Ersatzkleidung, die ich hier hatte, habe ich vor ein paar Wochen wieder mit nach Hause genommen und völlig vergessen, neue mitzubringen. Ich hatte genug von Blau und Grau und dachte, dass fröhlichere Farben angesagt sind, weil doch bald Weihnachten ist.“

„Wir haben September.“ Malik seufzte vernehmlich und sah sie in nachdenklichem Schweigen an, bevor er eine andere Assistentin herbeizitierte, die in Rekordgeschwindigkeit herantrippelte und mit schlecht verhüllter Belustigung seine tropfende Sekretärin anstarrte.

„Sir?“

„Sie müssen Lucy trockene Kleidung kaufen“, sagte er zu Julia, die die Sekretärin einer der Männer war, die für ihn arbeiteten. „Nehmen Sie Roberts Firmenausweis und machen Sie schnell.“

„Malik …“

Malik sah Lucy mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln an. „Ich brauche Sie hier und kann Sie nicht für eine Stunde entbehren, während Sie sich neue Kleidung kaufen.“

„Habe verstanden.“

„Holen Sie sich ein Handtuch aus dem Waschraum und wickeln Sie sich darin ein. Ich kann es mir nicht leisten, dass Sie morgen mit einer Erkältung zu Hause bleiben.“

„Glauben Sie mir, eine Erkältung ist das Letzte, was ich will.“

Julia hatte sofort versprochen, in weniger als einer halben Stunde wieder da zu sein. Wieder einmal fragte sich Malik, warum ausgerechnet seine eigene Sekretärin so stur wie ein Esel sein konnte, wenn alle anderen Menschen auf dieser Welt sofort parat standen, wenn er nur mit den Fingern schnippte.

„Ab mit Ihnen, Lucy. Es gibt wichtige Dinge, die ich mit Ihnen besprechen muss, und es wird immer später.“

Lucy beachtete seine Anweisung nicht. Stattdessen nahm sie den nassen Regenmantel vom Stuhl, ließ ihn auf den Boden fallen und setzte sich.

„Zuerst verdienen Sie eine Erklärung, sonst sind Sie den ganzen Tag schlecht gelaunt.“ Ihre Grübchen zeigten sich. „Ich hatte mich entschlossen, heute Morgen zu Fuß zu gehen. Es war so schön und sonnig. Nichts zu sehen von dem Schauer, von dem Carol morgens im Fernsehen erzählt hat, bevor ich um sieben losgegangen bin. Außerdem brauche ich Bewegung, wenn ich ehrlich bin. In letzter Zeit bin ich viel zu selten an der frischen Luft und …“

„Kommen Sie auf den Punkt, Lucy.“

„Also bin ich losgegangen. Normalerweise hätte ich eine Dreiviertelstunde gebraucht, aber dann sind Wolken aufgezogen. Schauer, dass ich nicht lache, das war die reinste Überschwemmung. Obendrein streiken die U-Bahnfahrer, und die Busse waren total voll. Fast eine halbe Stunde habe ich an der Bushaltestelle vergeudet. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als so schnell wie möglich zu Fuß herzukommen, aber bei dieser schon erwähnten Überschwemmung … Sie müssten mal die Straßen draußen sehen, Malik. Sie haben sich in Kanäle verwandelt. Man könnte glauben, man sei in Venedig.“

„Haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, sich einen Schirm zu kaufen?“ Es fiel Malik zunehmend schwer, ein Lächeln zu unterdrücken.

„Eigentlich nicht, nein. Ich dachte die ganze Zeit, der Regen würde sich verziehen. Wie auch immer, es war ein bisschen chaotisch.“

„Ich bezahle Sie nicht so großzügig dafür, dass Sie ein Chaos anrichten.“

„Kapiert.“ Sie stand auf, verzog das Gesicht, als sie auf ihre nassen Sachen sah, erklärte ihm, dass ein Handtuch eine gute Idee sei und sie vielleicht aufwärmen würde. In einer Minute sei sie wieder da.

„Soll ich Ihnen auf dem Rückweg einen Kaffee mitbringen?“, fragte sie strahlend.

„Trocknen Sie sich einfach nur ab und warten Sie darauf, dass Julia mit den Sachen zurückkommt.“ Er entließ sie mit einer Handbewegung, starrte ihr jedoch hinterher, als sie aus seinem Büro eilte und leise die Tür hinter sich schloss.

Malik hatte nicht damit gerechnet, dass der Morgen so beginnen würde. Tatsächlich hatte der Tag mit einem unvorhergesehenen Albtraum begonnen, nachdem seine Mutter um kurz nach vier morgens angerufen und ihn darüber informiert hatte, dass sein Vater wegen eines Herzinfarkts ins Krankenhaus gebracht worden war.

Wie üblich hatte sie die Neuigkeit kühl, gefasst und emotionslos übermittelt. Der einzige Hinweis darauf, was unter der Oberfläche vor sich ging, war das leichte Zittern in ihrer Stimme, als sie ihm nach einem kurzen Zögern erklärt hatte, dass die Ärzte ihr nicht bestätigen konnten, ob er durchkommen würde.

„Ich komme sofort“, hatte Malik gesagt und dachte bereits an die Konsequenzen, die sich aus dieser Situation ergeben würden.

Und die waren nicht unerheblich. Malik, inzwischen zweiunddreißig, kehrte einigermaßen selten in sein Heimatland zurück. Hier in London leitete er das Familienunternehmen, dessen riesiges Vermögen mit militärischer Präzision von einem Team erstklassiger Hedgefonds-Manager und Investmentbanker gewinnbringend angelegt wurde. Das meiste stand unter seiner Aufsicht, während er sich noch um seine eigenen Lieblingsprojekte kümmerte: Investitionen in grüne Energie und Immobilien, durch die er es auch längst aus eigenem Antrieb zum Milliardär geschafft hätte, ungeachtet des großen Vermögens der Familie.

Und es gefiel ihm so. Nach Sarastan zurückzukehren, wo seine Eltern in prunkvollem Glanz in ihrem Palast lebten, wie ihr königlicher Status es erforderte, hatte immer den Nachteil, dass er ihre stillschweigende Missbilligung über sich ergehen lassen musste, weil er noch nicht verheiratet war. In ihren Augen lief die Zeit für ihn ab, den Namen der Familie weitergeben zu können.

Hier in London konnte er die unangenehme Wahrheit verdrängen. Aber jetzt …

Mit finsterem Blick wartete er darauf, dass Lucy zurückkehrte.

Sein Vater war eilig ins Krankenhaus gebracht worden, und Malik wusste, was das bedeutete. Die Zeit der Entspannung war vorbei. Ja, er könnte immer noch in London leben, müsste aber vielleicht regelmäßiger nach Hause fahren, um all die Geschäfte, die unter dem Namen der Familie Al-Rashid liefen, zu beaufsichtigen. Allerdings war nun die Zeit gekommen, sich eine Frau zu nehmen.

Er fragte sich, ob seine Mutter dieses Problem unter den gegebenen Umständen direkt ansprechen würde. Sie war eine kühle, majestätische Frau, die nicht dazu tendierte, über Persönliches zu sprechen.

Sein Vater war kaum gesprächiger. Pflicht und Schuldigkeit beherrschten ihr streng geregeltes Leben. Nachdem sein Vater nun im Krankenhaus war und einem ungewissen Ausgang entgegensah, musste Malik mehr Verantwortung übernehmen. Er wusste, dass er an einem Scheideweg stand, ob es ihm gefiel oder nicht.

Verloren in seinen unerfreulichen Überlegungen hob er den Blick und sah seine Sekretärin in seiner Bürotür stehen, nun trocken und in einem ganz anderen Outfit. Sie trug einen dicken grauen Rock, eine weiße Bluse und einen grauen Pulli mit V-Ausschnitt.

Julia, so vermutete er, hatte in boshafter Absicht genau die Kleidung gekauft, um die ihre Kollegin einen großen Bogen gemacht hätte.

„Setzen!“

„Sie sind doch nicht immer noch verärgert, weil ich so spät gekommen bin, oder?“

Malik sah, wie sie an ihrem Rock zupfte und die Ärmel des Pullis hochschob.

„Betrachten Sie es als vergessen, solange es keine Wiederholung gibt. Vielleicht erkundigen Sie sich beim nächsten Mal, wenn Sie zu Fuß zur Arbeit gehen wollen, ob die U-Bahn fährt. Und wenn Sie schon dabei sind, könnten Sie auch einen Blick auf die Wettervorhersage werfen.“

„Wie ich schon sagte, niemand hat einen Sturm erwähnt, und mit einem leichten Schauer wäre ich bestens klargekommen. Aber in einem Punkt haben Sie recht. Ich könnte mir einen Schirm zulegen.“

Lucy setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl, legte ihren Laptop auf den Schreibtisch, öffnete ihn und musterte Malik über den aufgeklappten Deckel.

Sie hatte wirklich erstaunliche Augen, kornblumenblau und mit dichten, dunklen Wimpern, die in starkem Kontrast zu ihren hellblonden Haaren standen. Dass sie ausgesprochen hübsch war, wurde noch verstärkt durch die reizenden Grübchen, die immer entstanden, wenn sie lächelte. Sie war von Kopf bis Fuß eine Augenweide!

„Sie werden beeindruckt sein, wenn Sie hören“, sagte sie jetzt, „dass ich nicht nur alle Unterlagen durchgearbeitet habe, die Sie mir gegeben haben, sondern es auch geschafft habe, den Erzeuger von Biokraftstoff davon zu überzeugen, seine Bilanz zu schicken. Zusätzlich habe ich mich noch um das IT-Unternehmen gekümmert, das Sie erwerben wollen.“

„Sie haben das Wochenende mit Arbeit verbracht?“

„Nur ein paar Stunden. Kein Grund, sich bei mir zu bedanken.“

Doch ihr sonst so wortgewandter Chef zögerte mit einer Antwort.

Maliks Zögern war für Lucy der erste Hinweis darauf, dass der Tag im Büro nicht nach Plan verlaufen würde.

Sie starrte die scharfen Linien seines unglaublich schönen Gesichts an und war einen Moment verwirrt, weil Zögern eigentlich nicht in seiner DNA vorkam.

Seit mehr als drei Jahren arbeitete sie inzwischen für ihn und konnte daher mit Fug und Recht sagen, dass sie niemanden kannte, der so fokussiert, zielgerichtet, schlau und selbstsicher war wie der Mann, der ihr gegenübersaß. Er konnte rücksichtslos und Furcht einflößend sein, aber für Lucy wurden diese Wesenszüge von anderen, fesselnderen überlagert!

Sie wusste, dass er viele Menschen verschreckte, doch seltsamerweise schüchterte er sie nicht ein. Und das war noch nie der Fall gewesen, selbst als sie vor Jahren in sein Büro marschiert war und das zermürbende Vorstellungsgespräch hinter sich gebracht hatte, um die letzte Hürde für den Job zu nehmen, den sie sich zu sichern gehofft hatte.

Er hatte ihr eine herausfordernde Aufgabe gestellt, die mit dem Aktienmarkt zu tun hatte. Lucy hatte sie in der Hälfte der vorgegebenen Zeit bewältigt und war versucht gewesen, ihn zu fragen, ob er nicht etwas Schwereres auf Lager hätte. Als sie gerade hatte gehen wollen, hatte er sie gefragt, warum sie glaubte, diesen Job zu verdienen, nachdem qualifiziertere Kandidaten ihn unbedingt haben wollten. Sie hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Vielmehr hatte sie ihm lächelnd erklärt, dass dies eine Frage sei, die ihm in einem Jahr nicht einmal mehr in den Sinn käme, weil sie sich dann schon lange bewährt haben würde.

Lucy wusste, dass ihre Art, ihm barsche Antworten zu geben und ihre Meinung zu sagen, viel dazu beigetragen hatte, sich seinen Respekt zu verdienen – unabhängig davon, ob sie einen Universitätsabschluss hatte oder nicht.

Für sie war es selbstverständlich, ihre Meinung zu sagen. Als mittleres von vier Geschwistern war das der einzige Weg gewesen, um gehört zu werden.

Als einzige ohne Hochschulabschluss in der gesamten Familie, einschließlich ihrer Eltern, hatte sie sich schon früh Gehör verschaffen müssen, um von ihren gelehrteren Schwestern, die lautstark ihre Meinung äußerten und die sich gegenseitig immer einen Schritt voraus sein wollten, nicht untergebuttert zu werden.

„Sie sehen aus, als wollten Sie mir etwas sagen, aber wüssten nicht, wie“, meinte sie nun, direkt wie immer, auch wenn ihr nicht ganz wohl dabei war, diesen Gedanken auszusprechen. „Sie wollen mich doch nicht feuern, oder?“

„Ich habe nicht vor, Sie zu entlassen.“

„Gott sei Dank! Ich könnte es nicht ertragen, mich wieder auf dem freien Arbeitsmarkt zu tummeln. Das ist das reinste Haifischbecken.“

„Ich … habe heute Morgen sehr früh einen Anruf bekommen, Lucy. Von meiner Mutter, die mir erzählt hat, dass mein Vater in aller Eile ins Krankenhaus gebracht worden ist. Sein Herz. Er hat einen Dreifach-Bypass bekommen, und sie warten die Nacht ab, ob die Operation erfolgreich gewesen ist.“

„Ach, du meine Güte!“ Sie stand halb auf, zögerte und setzte sich dann wieder hin. Lucy wusste, dass sie im Gegensatz zu ihrem Chef gefühlsbetont war, und eine Umarmung war das Letzte, was ihm gefallen würde.

Außerdem verspürte sie einen seltsamen Schauer, wenn sie daran dachte, ihn zu umarmen.

„Das tut mir sehr leid, Malik“, sagte sie mit aufrichtigem Mitgefühl. „Sie müssen am Boden zerstört sein. Wie nimmt Ihre Mutter es auf?“

„So gefasst, wie man erwarten kann.“

„Ich nehme an, dass Sie daran denken, zu ihnen zu fliegen. Soll ich einen Flug für Sie buchen?“ Sie klang ungewohnt bedrückt.

„Ja, ich muss hin und möglicherweise für einige Wochen dortbleiben, um die Lage zu peilen. Natürlich werde ich nach London zurückkommen. Aber in der Zwischenzeit muss einiges arrangiert werden, während mein Vater sich erholt, falls es nicht zum Schlimmsten kommt.“

„Zum Schlimmsten?“

„Falls er nicht durchkommt“, erklärte Malik unverblümt und war nicht überrascht, als sie blass wurde.

Sie war sehr leicht zu durchschauen und machte keinen Hehl aus ihren Gefühlen. Nachdem er monatelang versucht hatte, sie von dieser Schwäche abzubringen, weil Gefühlsbetontheit ihm auf die Nerven ging, hatte er inzwischen aufgegeben. Vielleicht hatte er sich auch einfach daran gewöhnt, denn bei ihr nervte es ihn nicht mehr.

„Sie sollten nicht einmal daran denken, Malik. Das Wichtigste für Sie ist, jetzt positiv zu bleiben. Man nennt es das Gesetz der Anziehung, die Beziehung der inneren Welt zu den äußeren Umständen. Es geht darum, dass man durch positives Denken zu einem guten Ergebnis kommt. Was kann ich tun? Es tut mir so leid.“

„So etwas passiert nun mal, Lucy“, meinte er ausdruckslos. „Und nur damit das klar ist, ich werde auch ohne diesen Hokuspokus klarkommen. Ich bin Realist und weiß, dass man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein muss. Wie auch immer, wir sollten das jetzt nicht vertiefen, sondern darüber reden, dass ich für eine gewisse Zeit nicht im Land sein werde.“

„Ja, okay.“ Lucy überlegte, wie der Laden ohne ihn weiterlaufen sollte. Zum Glück war Malik ein Meister darin, Arbeit zu delegieren, und sein erstklassiges Team, das ihm größte Loyalität entgegenbrachte, konnte auch ohne Aufsicht weitermachen.

Was die Frage aufwarf, wo sie in das Ganze hineinpasste.

Und das ließ sie sofort wieder an sein kurzes Zögern zu Anfang denken. Er mochte sie vielleicht nicht feuern, aber würde er ihr eine Weile Urlaub mit Gehaltskürzung anbieten? Lucy hoffte von Herzen, dass er es nicht tun würde.

Auch wenn sie umgeben war von Schwestern mit perfekten Hochschulabschlüssen und vorbildlicher Arbeitsmoral, war sie ihnen zumindest in Bezug auf das Gehalt ebenbürtig.

Lucy wusste, dass sie etwas beweisen wollte, weil sie keinen Abschluss hatte. Sie wollte beweisen, dass sie in dem, was sie tat, erfolgreich war, denn alle hatten ihren Senf dazu abgegeben, als sie ohne Vorwarnung ihr Studium nicht angetreten hatte. Sie hatte schon ihre Koffer für Durham gepackt, um sie dann wieder auszupacken, und sich nicht länger um das gekümmert, was die Familie von ihr erwartete. Lebwohl Mathematik und Wirtschaftslehre, willkommen Berufsfachschule in Exeter.

Niemand konnte begreifen, warum, und sie hatte es auch keinem anvertraut, denn sie hatte sich noch nie so allein in ihrer lautstarken Familie gefühlt wie damals.

Wie konnte sie auch jemandem erzählen, wie dumm sie gewesen war? Wie konnte sie zugeben, dass sie sich Hals über Kopf in einen Charmeur verliebt hatte, der ihr den Kopf verdreht, sie hingehalten und sie in dem Moment fallen gelassen hatte, als sie ihm erklärte, dass sie einen verhängnisvollen Fehler gemacht hatten?

Wie hätte sie die Demütigung ertragen sollen, wenn sie ihrer Familie gestand, dass sie aus Versehen schwanger geworden war? Zwei ihrer Schwestern waren verheiratet und hatten Kinder. Deren Schwangerschaften waren selbstverständlich sorgfältig geplant gewesen.

Wie, in aller Welt, war das passiert?

Konnte es denn so schwer sein, die Pille zu nehmen?

Dann, eine Woche, nachdem sie wegen ihrer Schwangerschaft abserviert worden war, hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Sie hatte all die Erwartungen abgeschüttelt, die auf ihren Schultern gelegen hatten, und einen anderen Weg eingeschlagen. Und sie hatte es nicht bedauert. Denn dieser Weg hatte sie später zu dem interessantesten Job geführt, den sie sich vorstellen konnte– und zu dem interessantesten Mann. Sie erhielt außerdem einen enormen Gehaltsscheck, aber ohne den ständigen Stress, dem ihre Schwestern sich in den von ihnen gewählten Bereichen Medizin und Jura ausgesetzt sahen.

Wenn Malik jetzt für unbestimmte Zeit zu neuen Ufern aufbrach, dann sah die Zukunft für sie lange nicht mehr so rosig aus. Alle Manager des Unternehmens hatten ihre eigenen Sekretärinnen. Würde man sie zum Kaffeeholen verdonnern, während Malik nach Sarastan verschwand, ohne Rückflugticket?

Während sie ihn nun anstarrte, stellte sie bestürzt fest, dass sich dieses Zögern wieder auf seiner Miene zeigte. Statt das zu tun, was sie sonst machte, nämlich ihn zu fragen, was los sei, schwieg sie lieber. Denn manchmal bekam man eine Antwort, die man nicht hören wollte.

„Ich fürchte, es geht kein Weg daran vorbei, auch wenn es mir nicht passt.“

„Das kann ich mir vorstellen. Aber Ihre Eltern werden sich bestimmt freuen, Sie wieder bei sich zu haben. Ich bin sicher, dass Ihr Dad bald aus dem Krankenhaus entlassen wird und schnell wieder fit ist.“ Sie überlegte, wie es sein würde, morgens nicht mit dem Gedanken aufzuwachen, zur Arbeit zu gehen, wo Malik mit einer ellenlangen Aufgabenliste auf sie warten würde. Ein plötzliches Gefühl des Verlustes ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen.

Malik hob die Augenbrauen. „Positiv denken, ja. Das habe ich schon beim ersten Mal verstanden, also müssen Sie es nicht wiederholen. Zweifellos fragen Sie sich, wie Sie in dieses Bild passen.“

Lucy errötete. „Es ist eine schwere Zeit für Sie“, meinte sie. „Und wie ich da hineinpasse, ist nicht wichtig. Jetzt zählt nur, dass Sie bei Ihrer Familie sind. Die braucht Sie.“

„Sehr edelmütig. Also, ich werde dort viel zu tun haben. Natürlich werde ich sicherstellen, dass während meiner Abwesenheit hier alles geregelt ist, aber trotzdem wird es mich noch einiges an Zeit kosten, dafür zu sorgen, dass alles reibungslos verläuft. Nicht nur hier im Büro, sondern auch bei den vielen fortlaufenden Geschäften.“

„Ich könnte mir Mühe geben, die Dinge am Laufen zu halten, wenn Sie vorübergehend jemand anderem Ihren Platz übertragen. Sie wissen, wie gut ich darin bin, mich selbst zu motivieren, und die meisten dieser Geschäfte kenne ich wie meine Westentasche. Stellen Sie mir irgendeine Frage über eines dieser Geschäfte, und ich kann sie Ihnen beantworten. Ich meine damit nicht, dass es als langfristige Lösung funktionieren wird – das wäre ja verrückt. Aber auf befristete Zeit könnte ich mein Bestes geben.“

„Ich sage es nur ungern, Lucy, aber, so gut Sie auch sein mögen, bin ich doch unersetzlich.“

Lucys Augenbrauen schossen nach oben. „Sie haben eine sehr hohe Meinung von sich.“ Ihre Grübchen zeigten sich, und Malik erwiderte ihr Lächeln.

Seit dem Anruf seiner Mutter war er wie aufgedreht. Ja, er machte sich Sorgen um die Gesundheit seines Vaters, aber die Folgen, die sich daraus ergaben, hatten zu einer Reihe von Entschlüssen geführt, die nicht besonders erfreulich waren, mit denen er sich aber befassen musste.

Doch hier bei Lucy spürte er, dass er sich langsam wieder entspannte. Diese Frau war erfrischend in ihrer lebhaften Respektlosigkeit, das musste er widerwillig einräumen.

„Wie gut Sie mich doch kennen“, sagte er amüsiert, doch sein verhaltenes Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war. Er stand auf und ging zum Fenster.

Lucys Blick folgte ihm.

Seine Schönheit beeindruckte sie immer wieder. Alles an ihm war atemberaubend, angefangen von seinem wohlgeformten Gesicht mit den strengen, arroganten Zügen bis zu der Anmut seines großen, muskulösen Körpers.

Er war sehr zurückhaltend, und obwohl Lucy schon seit mehr als drei Jahren für ihn arbeitete, hatte sie nur eine seiner Freundinnen kennengelernt, eine Anwältin, und wie sie später erfahren hatte, war sie die Jüngste, die je Kronanwältin geworden war.

Seit dieser einen Begegnung hatte sich in Lucys Kopf ein Bild der Frauen geformt, die ihr Chef bevorzugte. Große, elegante, karrieregetriebene Schönheiten, die hohe Ämter innehatten und elegante Designerkleidung trugen und nie zu so weltlichen Dingen wie zerknitterter Kleidung oder hin und wieder einem Kaffeefleck neigten. Frauen, die im September sicher keine weihnachtlichen Farben trugen.

Malik war ein Mann, der Kultiviertheit und Schönheit mochte und beides leicht bekommen konnte. Warum hatte er nie geheiratet? Sie hatte keine Ahnung! Aber reiche Typen hatten doch eine Beziehung nach der anderen, oder nicht?

Er mochte Lichtjahre entfernt sein von dem Albtraum, mit dem sie sich früher einmal verabredet hatte. Doch auch wenn er ausgesprochen sexy war und ihre ungehorsamen Augen oft in seine Richtung wanderten, wusste Lucy, dass sie nie mehr in ihm sehen durfte als einen tollen Chef, weil er ein Mann war, der keine Bindung eingehen konnte.

Ein gebrochenes Herz hatte sie gelehrt, dass sie nur einen Mann wollte, der sich ihr verpflichten würde. Ein Mann, der bereit war, sich zu binden, war auch bereit, sein Herz zu verschenken. Ansonsten mutierte er womöglich zu einem Trottel, der eine Frau so lange benutzte, wie es ihm passte, bevor er sie mit einer SMS abservierte.

Aber das würde nie Maliks Stil sein. Sie kannte ihn gut genug, um das zu wissen. Doch eine langfristige Bindung wollte er trotzdem nicht. Hin und wieder erlaubte sie ihren Augen und ihrer Fantasie einen Streifzug, aber mehr auch nicht.

Was natürlich unbedeutend war, denn er würde ihr nie einen zweiten Blick gönnen. Sie dachte an ihre Freundin Helen, die inzwischen mit ihrem Chef, auch ein Milliardär, glücklich verheiratet war und ihr erstes Kind erwartete. Widerwillig musste sie einräumen, dass die Ausnahme hin und wieder die Regel bestätigte.

Helen war verschlossen und geheimnisvoll. Sie waren oft zusammen aus gewesen, und Lucy hatte immer bemerkt, dass die Männer ihrer Freundin heimliche Blicke zuwarfen. Natürlich schien Helen das nie bemerkt zu haben. Zuerst, weil sie mit Erinnerungen an George beschäftigt gewesen war und ihrer Enttäuschung über diese Beziehung, danach hatte sie nur noch an ihren Chef gedacht, in den sie sich verliebt hatte.

„Hören Sie mir überhaupt zu, Lucy?“

Sie zuckte zusammen und sah, dass ihr Chef die Stirn runzelte. Helle Sonnenstrahlen warfen ihr Licht durch das Fenster, vor dem er sich wie eine dunkle, hoch aufragende Silhouette abzeichnete, die ihr einen Moment den Atem nahm.

„Tut mir leid, ich war ganz woanders.“

„Sie müssen sich konzentrieren. Ich habe gerade von Ihrer unmittelbaren Zukunft gesprochen und welche Auswirkungen sich aus dem, was passiert ist, ergeben.“

Plötzlich angespannt, straffte Lucy sich. Sie steckte ein paar widerspenstige blonde Strähnen hinter die Ohren und starrte auf ihre hoffnungslos langweilige Kleidung, die ihre Kollegin für sie ausgesucht hatte. Sie mochte leuchtende Farben. Für eine Gelegenheit wie diese schien Kleidung, die so farblos war wie Spülwasser, jedoch passender zu sein, nachdem ihr angenehmes Leben nun eine andere Richtung nehmen sollte.

„Ich bin konzentriert“, sagte sie ruhig. „Sie wissen, dass ich gut darin bin, auch wenn es nicht immer den Anschein haben mag.“

„Ich werde sofort aufbrechen – wahrscheinlich schon morgen Abend. Deshalb habe ich ein Vorstandstreffen mit den zehn wichtigsten Mitarbeitern anberaumt, um sie ins Bild zu setzen.“

„Und ich?“

„In diesem Punkt könnte es vielleicht ein bisschen knifflig werden.“ Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, und wieder zögerte er auf für sie beunruhigende Weise.

„Ich wünschte, Sie würden einfach mit dem herausrücken, was Sie zu sagen haben“, meinte Lucy schließlich in ihrer üblichen Offenheit. „Seit wann sind Sie so zurückhaltend? Ich bin erwachsen und kann damit umgehen. Feuern wollen Sie mich nicht, wie Sie gesagt haben. Aber was dann? Werde ich zur Bürogehilfin degradiert? Muss ich die Böden wischen und dafür sorgen, dass abends abgeschlossen ist, wenn alle gegangen sind?“

Malik ignorierte ihre blühende Fantasie, die er schon gewohnt war. „Am liebsten wäre mir, wenn Sie mich begleiten, Lucy. Denn ich werde niemanden auftreiben können, der so effizient mit mir zusammenarbeitet wie Sie. Sie sind vertraut mit vielen Geschäftsübernahmen, und Sie wissen, wie man mit Klienten umgeht.“

„Sie wollen, dass ich mitkomme?“

Malik ging zurück zu seinem Schreibtisch. „Ich verstehe“, sagte er ernst, „dass Ihnen das sehr ungelegen kommt, und ich werde natürlich dafür sorgen, dass Sie entsprechend entschädigt werden.“

Schweigend sah Lucy ihn an, während die Rädchen in ihrem Hirn einen Gang zulegten und sie in eine ganz andere Richtung führten.

„Sie haben gesagt, Sie hätten keine Ahnung, wie lange Sie wegbleiben werden“, rief sie ihm in Erinnerung.

„Das ist schwer einzuschätzen. Mein Vater, vorausgesetzt, er kommt durch, erholt sich vielleicht sehr schnell, vielleicht aber auch viel langsamer als erwartet. Deshalb kann ich leider keine genaue Zeitangabe machen, was für Sie natürlich noch unangenehmer ist. Ich habe darüber nachgedacht und werde einen Vertrag unterzeichnen, der Ihnen erlaubt auszusteigen, sollten Ihnen die Bedingungen zu beschwerlich sein.“

„Beschwerlich?“

„Sie haben ein aktives Leben hier“, sagte Malik unverblümt. „Das werden Sie sofort verlieren, sollten Sie mein Angebot akzeptieren.“ Er hielt inne. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es in diesem Leben auch einen Freund gibt“, überlegte er und sah sie aus schmalen Augen an. „Ist das so? Und wenn ja, wären Sie bereit, eine vorübergehende Beziehungspause hinzunehmen? Wie ich schon sagte, weiß ich nicht, wie lange meine Anwesenheit in Sarastan erforderlich sein wird. Es geht nicht nur darum, dort zu sein, während mein Vater sich erholt, sondern auch darum, dass ich mich um Angelegenheiten meiner Familie kümmern muss. Ich hoffe, dass es eher Wochen als Monate sein werden, und natürlich werde ich wohl hin und wieder in London sein, aber einen genauen Zeitplan kann ich Ihnen nicht nennen. Im Moment ist alles noch offen.“

„Ich … ich …“

„Ich würde Ihnen gerne Zeit geben, um meinen Vorschlag zu überdenken, Lucy. Ich weiß, dass das für Sie aus heiterem Himmel kommt. Aber in diesem Fall ist die Zeit ein wesentlicher Faktor. Ich würde vorschlagen, Sie treffen Vorkehrungen, damit Sie schon innerhalb dieser Woche bei mir sein können.“

„Innerhalb dieser Woche?“

„Falls Sie zur Miete wohnen, wird die bezahlt, bis Sie zurückkommen, damit Sie die Wohnung nicht verlieren. Sollten Sie etwas Eigenes haben, wird man sich um alle laufenden Kosten kümmern. Alle Rechnungen werden beglichen. Zusätzlich werde ich als Ausgleich Ihr Gehalt verdreifachen für die Dauer Ihres Aufenthalts in meinem Land.“

„Verdreifachen?“

„Sie plappern mir nach.“

„Können Sie mir das verdenken? Ich bin völlig durcheinander.“

„Sie werden auch feststellen, dass Ihr Konto aufgestockt ist, um für Nebenausgaben wie passende Kleidung oder Besuche im Schönheitssalon aufzukommen. Oder für was auch immer Sie Ihr Geld üblicherweise ausgeben.“

„Sehe ich so aus, als würde ich viel Geld in Schönheitssalons ausgeben?“, meinte Lucy, während sich die Gedanken in ihrem Kopf weiter überschlugen. „Wenn ja, würden meine Haare das tun, was ihnen gesagt wird.“

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Lucy. Gibt es einen Mann in Ihrem Leben? Jemanden, der Sie vielleicht davon abhält, Ihr gewohntes Leben hier für eine gewisse Zeit aufzugeben?“

„Möglich“, meinte sie leichthin. „Wie auch immer, wenn es solch einen Mann gibt, würde ich ihm niemals erlauben, mir vorzuschreiben, wie ich mein Leben führe.“ Sie sah, dass er amüsiert lächelte. „Und was ist, wenn ich mich entscheide, nicht mitzukommen?“

„Natürlich würden Sie Ihren Job behalten“, sagte Malik schnell. „Aber ehrlich gesagt wäre hier nicht viel für Sie zu tun, weil die anderen alle engagierte Assistentinnen haben. Natürlich könnten Sie die Zeit hier totschlagen, indem Sie Böden aufwischen, wie Sie gesagt haben, aber tatsächlich würden Sie vorübergehend freigestellt, bis ich wieder nach London zurückkehre. Volle Bezahlung wird dann nach einer gewissen Zeit natürlich nicht mehr angemessen sein, worüber wir aber noch reden können. Aber Sie würden trotzdem entsprechend entschädigt werden. Und der Job bliebe für Sie freigehalten, außer ich entscheide, meine Zeit in London zu beschränken und ganz nach Sarastan zu ziehen.“

„Wie wahrscheinlich ist das denn?“ Sie wurde blass, während sich ein Abgrund vor ihren Füßen auftat.

„Wer weiß?“ Malik zuckte die Schultern. „Ich kann nur spekulieren, aber eine verlässliche Kristallkugel habe ich nicht zur Hand.“

In seiner Stimme klang etwas Unheilvolles mit, sodass ein Schauer über Lucys Rücken lief. Sie wusste, dass sie bei ihrem brillanten, charismatischen Chef mit vielem davonkam, aber tatsächlich verbarg sich in seinem Samthandschuh eine eisenharte Faust, und sie hatte den unangenehmen Eindruck, dass seine Nachsicht ihr gegenüber begrenzt war.

Es gab einen guten Kompromiss zwischen ihnen. Er gestattete ihr die unverblümte Respektlosigkeit, und im Gegenzug profitierte er von ihrer hervorragenden Arbeit.

Kompromisse waren allerdings nicht in Stein gemeißelt. Und welches Opfer müsste sie schon bringen, wenn sie ihn für ein paar Wochen in sein Land begleitete? Im Grunde ging es um ein paar verpasste Treffen mit ihrer Familie. Oder Kino und Essen mit ihren Freunden hin und wieder.

„Aber wo würde ich denn wohnen?“, fragte sie neugierig. „Wird es dort irgendeinen geregelten Ablauf geben? Wie soll das alles funktionieren? Was würde ich in meiner Freizeit machen?“

„Wenn wir dort sind, werden wir einen geregelten Ablauf festlegen. In Bezug auf die Arbeit wird es so ablaufen wie hier. Die Umgebung mag eine andere sein, aber der Job bleibt gleich, Lucy.“ Er lächelte. „Sarastan ist ein sehr reiches Land, und ich bin dort ein sehr reicher Mann. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass meine Familie von … sehr gehobenem Stand ist. Daher wird es Ihnen an keiner Annehmlichkeit fehlen.“

„Sehr gehobenem Stand? Was soll das heißen?“

„Sie ist von königlichem Geblüt“, führte Malik aus. „Und vielleicht werden Sie merken, dass meine Familie … meine Eltern … sehr reserviert sind. Mag sein, dass es eine Weile dauert, bis sie sich an Ihre Überschwänglichkeit gewöhnt haben.“

Lucy hatte die Botschaft laut und deutlich gehört und brach in Lachen aus. „Ich werde mich bemühen, mich in meiner Begeisterung zu zügeln.“ Sie grinste.

„Bei mir können Sie ruhig weiterhin ausgelassen sein“, räumte Malik trocken ein. „Tatsächlich wäre es seltsam, mit einer ruhigen Lucy zu tun zu haben. Also, wie sieht es aus?“

„Okay, ich werde mitkommen. Ist das alles, was ich wissen muss?“

Nachdem sie sich jetzt entschieden hatte, dachte sie bereits darüber nach, was für ein wundervolles Abenteuer es sein würde, ein paar Wochen ihrem erfreulich vorhersehbaren Leben zu entkommen.

„Ich maile Ihnen die Details. Was Sie einpacken sollten und was Sie erwartet.“ Er runzelte die Stirn. „Eines sollten Sie vielleicht noch wissen …“

„Was denn?“

„Für mich ist die Zeit gekommen zu heiraten. Eine Frau auszusuchen wird wahrscheinlich auch auf der Agenda stehen, während ich in Sarastan bin.“

2. KAPITEL

Wie bitte? Eine Frau? Er will eine Frau aussuchen? Moment mal . Was?

Lucy starrte ihren Chef mit offenem Mund an.

Sie hatte so viele Fragen an ihn, doch bevor sie die erste herausbringen konnte, hielt er die Hand hoch, wandte sich wieder seinem Computer zu und erklärte ihr, dass es vor seiner Abreise noch sehr viel zu tun gebe, und dass wegen ihrer Verspätung schon sehr viel wertvolle Arbeitszeit vergeudet worden sei.

„Ja, aber …“

„Aber?“

„Sie wollen sich eine Frau aussuchen, Malik? So als würde man im Kaufhaus das Warenangebot prüfen? Wer macht denn so etwas?“

Seine Augenbrauen schossen nach oben. „Dieser Aspekt meiner Reise nach Sarastan wird Sie eigentlich am wenigsten berühren, Lucy. Ich habe es nur erwähnt, weil Sie jetzt offensichtlich auch da sein werden.“

„Werden Sie Vorstellungsgespräche für den Posten führen?“

„Ich habe noch nicht genau darüber nachgedacht, wie das Ganze abläuft. Und jetzt zurück zu den Berichten über Thomson und das Biotreibstoff-Unternehmen, auf das ich ein Auge geworfen habe …“

Den restlichen Tag verbrachte Lucy damit, nicht vor Neugier zu platzen.

Warum suchte Malik plötzlich nach einer Frau? Er konnte jede haben, die er wollte. Musste nur mit den Fingern schnippen, und schon würden sie Schlange stehen. Warum so umständlich? Und wo blieb die Liebe?

Ihr wurde bewusst, dass sie herzlich wenig über Maliks Familie und sein Privatleben wusste. Während sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, genau das zu sagen, was ihr durch den Kopf ging, war er sehr zurückhaltend mit dem, was er offenbarte.

Am Ende eines langen Tages, an dem sie kaum Zeit für eine Mittagspause gehabt hatte, war Lucy ganz schön erschöpft. Von Neugier zerfressen zu werden, war eine anstrengende Angelegenheit und hatte sie viel Energie gekostet.

„Ich denke, wir haben für heute genug erledigt.“ Das kam von Malik, der vor ihrem Schreibtisch auftauchte, wo sie in halsbrecherischer Geschwindigkeit an ihrem Computer einen Berg an Arbeit erledigt hatte.

Lucy lehnte sich zurück und sah zu ihm hoch.

„Sehr gut, Lucy.“

„Wie bitte?“ Sie hob die Augenbrauen und sah in seine amüsiert funkelnden Augen.

„Sie haben das heute sehr gut gemacht. Hundertprozentig konzentriert, obwohl ich weiß, dass Sie viele Fragen haben müssen.“

„Ich weiß kaum, wo ich damit anfangen soll, jetzt, da Sie es sagen.“

„Das kann ich mir denken, und sie werden alle beantwortet werden. Es ist …“, er sah auf seine Uhr, „kurz nach sechs. Wie wär’s, wenn ich Sie zu einem frühen Abendessen einlade, dann können Sie Ihre Fragen stellen. Es ist zwar nur eine vorübergehende Änderung Ihres Lebensstils, aber eine bedeutende. Sie müssen einen klaren Kopf haben, wenn Sie nach Sarastan kommen.“

„Jetzt sofort?“

Malik runzelte die Stirn. „Jetzt sofort – was?“

„Essen.“

Lucy stand auf und betrachtete ihren unordentlichen Schreibtisch. Das Aufräumen konnte bis morgen warten. Aber …

„Ich kann nicht.“

„Warum?“

„Ich hasse die Klamotten, die ich trage, und will nirgendwo damit gesehen werden, es sei denn in einem Bus nach Hause. Am besten versteckt hinter einer dunklen Brille und mit einer Perücke auf dem Kopf. Was mich daran erinnert, dass ich mir etwas Schlaues einfallen lassen muss, um es Julia heimzuzahlen.“

Malik schüttelte den Kopf. „Lucy, jetzt oder nie. Ich habe noch einiges zu tun und nicht die Zeit dafür, dass Sie erst nach Hause fahren, wo auch immer das ist, und sich etwas anderes anziehen, in dem Sie sich wohler fühlen. Außerdem, diese Farben … Ob Sie es glauben oder nicht, der größte Teil der arbeitenden Bevölkerung in der Stadt trägt diese Farben.“

„Alles sehr düstere, langweilige Leute.“ Sie grinste. „Mit Ausnahme all derer, die in diesen Büros arbeiten. Okay, aber könnten Sie mir wenigstens zehn Minuten geben, damit ich mich frisch machen kann? Und es ist übrigens Swiss Cottage.“

„Was?“

„Wo ich zur Miete wohne.“

„Zehn Minuten. Ich warte unten im Foyer auf Sie.“

Malik sah zu, wie sie ihre Habseligkeiten einpackte. Sie hatte recht. Zu ihrer lebhaften Art passte kein Grau, Schwarz und Marineblau. Allerdings bildeten diese Farben einen guten Kontrast zu ihren hellblonden Haaren, die nun trocken waren und in Korkenzieherlocken über ihre Schultern bis fast zu ihrer Taille fielen.

Die Frauen, mit denen er sich verabredete, waren eher groß, knochig und mit sorgfältig frisierten brünetten Haaren. Und ja, oft hatten sie eine Vorliebe für die gedeckten Farben, die seine Sekretärin so verachtete. Für einen flüchtigen Moment sah er Lucy genauer an und war gefangen von ihrer weichen Haut, den ungezähmten Locken und den vollen Brüsten, die sich unter dem Top abzeichneten, das Julia für ihre Kollegin gekauft hatte, zweifellos mit einem Augenzwinkern.

Rasch wandte er sich ab und ging davon.

Lucy entdeckte ihn, kaum hatte der Aufzug sie und die anderen acht Angestellten in dem großen Foyer aus Marmor ausgespuckt. Seine Mitarbeiter besetzten zwei Stockwerke in dem hohen Glasgebäude in der City. Zwei Stockwerke, in denen die Elite der Elite mit mehr Milliarden jonglierte, als irgendjemand je vermuten würde.

Malik saß in einem der grauen Sessel, die um einen runden Glastisch standen, und sah mit gerunzelter Stirn auf das, was er in seinem Handy las. Die langen Beine hatte er ausgestreckt und die obersten drei Knöpfe seines maßgeschneiderten weißen Hemdes aufgeknöpft.

Abrupt blieb sie stehen und starrte ihn für ein paar Sekunden an. Ihr Herz schlug schneller. Sie hatte zugestimmt, wochenlang mit diesem Mann unterwegs zu sein, ohne wirklich eine Ahnung zu haben, was das alles mit sich bringen würde, abgesehen davon, dass es wahrscheinlich wie üblich Arbeit sein würde.

Mit dem kleinen, unnötigen Detail, dass er Vorstellungsgespräche für eine passende Frau führen würde. Sie stellte sich vor, wie sie mit Tee oder Kaffee für die Frauen herumlief, die draußen vor seinem Arbeitszimmer warteten, ihren Lebenslauf aufpolierten und besorgt ihre Antworten auf mögliche Fragen durchgingen.

Als er plötzlich aufsah, wurde sie rot, strich über ihren Rock und ging zu ihm, während er sich gleichzeitig zu seiner ganzen Größe erhob.

„Also, sind Sie bereit, dass ich all Ihre Fragen beantworte?“

„Ich hätte eine Liste machen sollen.“

„Ich habe einen Tisch reservieren lassen in dem französischen Bistro ein paar Straßen weiter und um einen ruhigen Tisch gebeten.“

„Muss man da nicht Monate im Voraus reservieren?“ Lucy verließ mit ihm den Glasbau. Auf der Straße wimmelte es von Menschen, die nach der Arbeit noch das Beste aus dem schönen Spätsommerwetter machen wollten.

Wo würde sie wohnen? Würde es ihr dort überhaupt gefallen? Was, wenn sie einsam und unglücklich wäre und sich in ihrem Schlafzimmer verstecken würde?

„Ich kann Sie denken hören, Lucy“, murmelte Malik amüsiert in ihr Ohr, sodass sie seinen warmen Atem spüren konnte.

„Können Sie mir das verübeln?“

„Ich wäre überrascht und enttäuscht, hätten Sie keine Fragen.“

Lucy runzelte die Stirn, während sich in ihrem Kopf ein ganzes Hornissennest an bedrohlichen Szenarien auftat. Als sie sein Angebot vor ein paar Stunden so leichthin akzeptiert hatte, waren die Hornissen bemerkenswert stumm geblieben.

Zu dem Abenteueraspekt gesellte sich nun der Angstfaktor, doch sie rief sich in Erinnerung, dass diese Veränderung ihres Lebens wohl kaum in Stein gemeißelt war und Jahre andauern würde. Und wenn sie wirklich unglücklich und einsam sein würde – was sehr unwahrscheinlich war, denn warum sollte sie? –, dann könnte sie jederzeit gehen. Schließlich würde man sie nicht an den Schreibtisch ketten.

Das Bistro war bereits voll, als sie ankamen, aber sie wurden zu einem ruhigen Tisch hinten im Raum geführt.

„Ich war noch nie hier.“ Begeistert sah sie sich um. Der Raum wirkte sehr modern mit den klaren Linien, dem Boden aus weißen und schwarzen Fliesen und den interessanten Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden von Orten und Menschen, die sie nicht kannte, aber wahrscheinlich kennen sollte.

„Wein?“

Erst jetzt merkte Lucy, dass inzwischen eine Flasche Chablis auf dem Tisch stand, dazu ein paar Knabbereien in einer Zinnschale.

„Sicher.“

„Sollen wir bestellen, bevor das Verhör beginnt?“

„Es wird kein Verhör sein.“

„Ich behalte mir ein Urteil vor. Der Fisch ist übrigens sehr gut hier. Wie kann es sein, dass Sie noch nie hier waren? Das Bistro liegt nur zehn Minuten vom Büro entfernt.“

„Vielleicht haben Sie sich die Preise noch nicht angesehen“, meinte Lucy. „Ist nicht ganz meine Preisklasse für einen schnellen Happen nach der Arbeit.“

„Sie werden außerordentlich gut bezahlt, Lucy. Um Ihre Gehaltserhöhungen und die Boni kümmere ich mich persönlich.“

„Ja, nun …“

„Und falls ich Ihnen das noch nie gesagt haben sollte, Sie sind jeden Penny der Gehaltserhöhungen und Boni wert.“

„Danke, Malik. Ich weiß das zu schätzen.“

Er lehnte sich zurück, breitete die Arme aus und sah sie weiterhin an. „Schießen Sie los.“

„Okay. Wie ist es in Sarastan? Wo Sie herkommen?“

„Relativ klein und sehr wohlhabend. Das Land besteht hauptsächlich aus Wüste, aber es gibt ein paar wirklich wunderschöne Orte, und das Meer ist sehr schön. Wir haben atemberaubende Wolkenkratzer, Weltklasserestaurants, luxuriöse Einkaufszentren und beeindruckende Häuser.“

„Warum Sind Sie von dort weggegangen?“

„Wie bitte?“

„Wenn es dort so fantastisch ist, warum leben Sie dann im trostlosen London mit seinem grauen Himmel und der Luftverschmutzung?“

Maliks Miene wirkte nun kühler. „Das ist nicht relevant, Lucy. Halten Sie sich bei Ihren Fragen bitte an das, was für Ihren Auftrag wichtig ist.“

Lucy errötete. Ihr lag schon eine Antwort auf den Lippen, doch dann wurde ihr bewusst, dass er völlig recht hatte.

Dies war eine ungewöhnliche Situation, was aber nicht hieß, dass sie nicht mehr seine Angestellte war und von ihm bezahlt wurde, um ihren Job zu machen. Sie war hier, um praktische Fragen zu stellen, die relevant waren für ihr Leben dort. Grenzlinien existierten aus einem sehr guten Grund zwischen ihnen, und sie würde sicherstellen müssen, dass sie nicht überschritten wurden. Wie Maliks Privatleben aussah, ging sie genauso wenig an wie umgekehrt.

„Wo werde ich wohnen?“ Sie wechselte das Thema und betrachtete dann die Speisekarte. Schnell entschied sie sich, obwohl sie nicht einmal genauer hingesehen hatte, was angeboten wurde.

„Ich werde dafür sorgen, dass man Ihnen etwas sehr Gemütliches aussucht.“ Versonnen sah er sie an. „Normalerweise wohne ich bei meinen Eltern, wenn ich dort bin“, überlegte er laut. „Aber unter den gegebenen Umständen werde ich diese Routine wohl ändern. Und zwar …“

„Ja?“ Lucy lehnte sich zurück, als man ihnen einen Korb Brot und eine interessant aussehende Butter brachte. Sie zögerte, und als sie ihn ansah, bedeutete er ihr, von dem Brot zu nehmen.

„Nein danke“, entgegnete Lucy höflich. „Ich bin kein Brot-Typ.“ Ihr wurde bewusst, dass dies das erste richtige Dinner mit Malik war. Sicher, sie hatten sich schon mal etwas ins Büro bringen lassen, wenn sie noch spät an einem Geschäftsabschluss gearbeitet hatten, der fertig werden musste, aber ein Essen an einem schicken Ort wie diesem? Noch nie.

Plötzlich gehemmt, legte sie die Hände im Schoss zusammen.

„Ach wirklich? Das steht aber in völligem Widerspruch zu all den Baguettes, die sie sich mittags im Feinkostladen um die Ecke geholt haben, oder?“

Seine Bemerkung traf sie. Was mochte er wirklich über sie denken, abgesehen davon, dass sie in ihrer Arbeit eine Alleskönnerin war? Fand er sie zu geschwätzig? Zu großmäulig? Ein offenes Buch, ohne Ecken und Kanten? Ein romantisches Rätsel war sie wohl kaum, oder?

Plötzlich musste sie an das Trauma der frühen Fehlgeburt denken und dass sie wie alter Krempel ausrangiert worden war. All das hatte sich verheerend auf ihr Selbstvertrauen ausgewirkt.

„Sie sind sauer“, meinte Malik. „Tut mir leid, sollte ich Sie mit meiner Bemerkung beleidigt haben.“

„Beleidigt? Mich?“ Lucy stieß ein Lachen aus, während sie verzweifelt gegen das Bedürfnis ankämpfte zu weinen. „Von wegen. Also … Wo bringen Sie mich unter, wenn ich dort bin? Die Frage haben Sie immer noch nicht beantwortet.“

Für ein paar Sekunden sah Malik sie schweigend an, sodass ihr unbehaglich wurde. Doch sie behielt den Blickkontakt bei, das Kinn trotzig erhoben.

Gerettet wurde sie von ihrem Fischgericht, das gebracht wurde, sodass sie sich nun auf den Steinbutt auf ihrem Teller konzentrieren konnte. Ihr Herz hämmerte. Er hatte sich entschuldigt. Denn er hatte gemerkt, wie empfindlich sie auf seinen harmlosen Scherz mit den Baguettes reagiert hatte. Aber das fühlte sich irgendwie schlimmer an, als hätte er nichts gesagt.

Ob er Mitleid mit ihr hatte? Sie atmete tief ein und begann zu essen.

Welche Rolle spielte es, was Malik von ihr dachte? Das Wichtigste war doch, dass sie ihn mit ihrer Fähigkeit beeindruckte, den Job zu machen, für den sie bezahlt wurde.

War es da wichtig, ob er sie als Frau sah oder nicht? Nein.

Verstohlen warf sie ihm einen Blick zu. Jemand, der so schön war wie er, würde in ihr nie etwas anderes sehen können als eine Frau, die für ihn arbeitete.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und ließ ein paar Bemerkungen über das exzellente Essen fallen.

„Also? Was wollten Sie sagen?“

Malik nahm endlich wieder den Gesprächsfaden auf, während er sich seinem Essen widmete. „Ich denke, ich werde uns beide in einem der Anwesen der Familie unterbringen.“

„Wie bitte?“ Lucy erstarrte.

„Es wäre doch sinnvoll.“

„Auf welchem Planeten wäre das sinnvoll?“ Die Worte waren heraus, bevor sie sich die Zeit genommen hatte, darüber nachzudenken. „Malik, ich teile kein Haus mit Ihnen.“

„Warum nicht?“

„Weil … weil ich es nicht mache.“

„Sie schockieren mich“, meinte Malik. „Was gefällt Ihnen an der Idee nicht? Wir werden zusammen arbeiten, und auf diese Weise ersparen wir uns die Mühe, jeden Tag in die Hauptstadt zu fahren.“

„Das wird nicht funktionieren, Malik. Auf keinen Fall.“

„Ich bin sehr gut ausgebildet in allen häuslichen Belangen“, erklärte er. „Trotz meiner privilegierten Herkunft bin ich durchaus in der Lage, hinter mir aufzuräumen, wenn niemand da ist, der es für mich tut. Und im Notfall kann ich mir sogar ein oder zwei essbare Gerichte zubereiten.“

„Vergessen Sie es!“

Ihre Wangen brannten, und ihr Puls raste. Verstörende Bilder wirbelten durch ihren Kopf. Sie beide in engen Räumen, wie sie sich spät in der Nacht zufällig in der Küche begegneten, auf der Suche nach einem Glas Wasser. Gemeinsames Frühstück, Mittag- und Abendessen, gemütliches Zusammensitzen im Wohnzimmer vor dem Fernseher …

Ihr Herz stand kurz davor, ganz aufzugeben, als sie endlich merkte, dass es ihm schwerfiel, nicht in Lachen auszubrechen.

„Was ist?“, schnauzte Lucy.

„Immer mit der Ruhe“, meinte er sanft. „Ich weiß, was Ihnen durch den Kopf geht. Keine Aufregung. Die Familienresidenz ist ein Palast mit beachtlichen Ausmaßen. Und es ist praktisch, weil er nahe genug beim Zuhause meiner Eltern liegt, sodass ich meinen Vater regelmäßig besuchen und sehen kann, ob er Fortschritte macht oder nicht. Er ist auch groß genug, sodass Sie eine eigene Unterkunft haben, die in einem ganz anderen Flügel liegt als meine. Sie würden sogar einen eigenen Garten haben, in dem Sie sich entspannen können, wenn Sie wollen. Ich habe bereits verschiedene Räume zum Büro umfunktionieren lassen, und natürlich werden Angestellte dort sein, die sich um alle täglich anfallenden Belange kümmern. Sie werden keinen Handgriff machen müssen.“ Er hielt inne. „Falls Sie das beruhigt – ich habe diesen Palast schon hunderte Male für Konferenzen genutzt und Leute aus verschiedenen Ländern dort untergebracht, die gleichzeitig eine Bleibe für ein paar Tage brauchten.“

Lucy versuchte, all diese verwirrenden Informationen aufzunehmen. „Ein Palast? Wir werden in einem Palast wohnen? Was meinen Sie damit …?“

„Sie werden bald genug verstehen, was ich meine.“

„Und was meinen Sie mit Angestellten?“

„Sie werden nicht kochen, sauber machen oder etwas anderes tun müssen, außer mit mir arbeiten und entspannen.“

„Ich kann mich nicht an einem Ort entspannen, an dem ich niemanden kenne.“

„Sie kennen mich.“

„Sie sind mein Chef, Malik. Das ist etwas ganz anderes.“

„Wollen Sie mir damit sagen, dass Sie sich nicht mehr sicher sind?“

„Nein. Ich habe gesagt, dass ich mitkomme, und das werde ich. Ich habe nur ein paar berechtigte Bedenken geäußert. Eine Frau muss vorbereitet sein …“

„Ich könnte Sie ein paar meiner Verwandten vorstellen, die in Ihrem Alter sind.“

„Sie haben Brüder? Schwestern?“

„Cousins und Cousinen.“

„Aber keine Geschwister.“

„Wir scheinen ein bisschen vom Weg abzukommen“, murmelte Malik.

„Kein Wunder, dass Sie sich vor Sorge verzehren“, sagte Lucy mitfühlend. „Es muss schrecklich sein, die ganze Last allein tragen zu müssen.“

„Ich finde, dass ich es recht gut hinbekomme.“

„Wenn Ihr Dad nach Hause kommt – und das wird er“, betonte sie, „wird es vermutlich ein bisschen hektisch und chaotisch zugehen.“

Malik sagte nichts dazu. „Hektisch und chaotisch?“ Diese Worte würde er nie mit seinen bestens organisierten und sehr kontrollierten Eltern in Verbindung bringen. Und trotz der Gegebenheiten im Moment würde innerhalb der Palastmauern nie Hektik oder Chaos herrschen. Er bezweifelte nicht, dass alles schon für eine eventuelle Rückkehr seines Vaters geregelt war, damit er sich zu Hause erholen konnte. Ein ruhiger, sehr effizienter Haushalt würde auf den Kranken warten, so wie es schon seit Maliks Geburt gewesen war.

Seine Eltern waren eine arrangierte Ehe eingegangen, und er hatte bei ihnen nie etwas bemerkt, was man auch nur im Geringsten als Leidenschaft bezeichnen könnte. Was eigentlich nicht schlecht war, wie er jetzt überlegte. Bittere Erfahrung hatte ihn schon vor langer Zeit gelehrt, dass eine Ehe ohne Leidenschaft weit besser war als das Gegenteil.

„Ich werde natürlich dafür sorgen, dass man Ihnen Fotos von der Unterkunft mailt, und Sie bekommen genügend Zeit, um allem zuzustimmen. Sie können mir glauben, Lucy, wir werden uns dort nicht auf die Füße treten. Ich werde mich in meine Räume zurückziehen, wenn die Arbeit erledigt ist, und Sie können in Ihrer Freizeit tun und lassen, was Sie wollen. Ich hätte mir eine Assistentin für dort organisieren können, um Ihnen die Tortur zu ersparen, aber keine wäre in der Lage, auf die Schnelle mit all den komplexen Geschäften, die gerade laufen und um die Sie sich derzeit kümmern, klarzukommen.“

„Okay. Aber noch einmal zurück zu der Situation am Ende des Arbeitstages … Wie soll ich mir dort ein Privatleben aufbauen?“

„Es gibt dort umfangreiches Material für Touristen. Und ich lasse Ihnen Informationen schicken über Dinge, die Sie interessieren könnten. Es mag das ein oder andere geben, das anders ist als das, was Sie gewohnt sind. Das müssten Sie einfach akzeptieren.“

„Nennen Sie mir ein paar davon.“ Sie entspannte sich, beruhigt von seiner Bemerkung über ihre Wohnsituation.

„Pubs. Es gibt nicht wirklich viele dort, allerdings ein paar ausgezeichnete Hotels mit aufregendem Nachtleben. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es nur wenige.“ Er lächelte. „Sie würden wahrscheinlich graue Haare bekommen, wenn Sie sich auf die Suche nach der nächsten U-Bahn machen würden. Es gibt jedoch viele Taxis, die auch nicht teuer sind. Die meisten haben sogar eine Klimaanlage, was noch wichtiger ist. Es gibt eine Küste, viele Museen und Galerien. Außerdem können Sie von dort aus zu den umliegenden Städten oder Ländern fliegen, sollten Sie diese besuchen wollen. Der Familienjet wird bereitstehen und auch Chauffeure. Ein Fuhrpark steht immer zur Nutzung zur Verfügung.“

„Ein Fuhrpark … was für ein Luxus.“

Malik schwieg. Es würde inter...

Autor

Cathy Williams

Cathy Willams glaubt fest daran, dass man praktisch alles erreichen kann, wenn man nur lang und hart genug dafür arbeitet. Sie selbst ist das beste Beispiel: Bevor sie vor elf Jahren ihre erste Romance schrieb, wusste sie nur wenig über deren Inhalte und fast nichts über die verschiedenen Schreibtechniken. Aber...

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Heidi Rice

Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt – mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie...

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